Wie der Geist
zur Beute wird
Quelle: DIE ZEIT, 15.3.2001,
Nr. 12, S. 17-22
von Jörg Albrecht
Der Artikel befaßt
sich mit der Frage des Copyright im Internet. Die These des Autors kommt
im Untertitel deutlich zum Ausdruck: "Das Internet zerstört den Kulturmarkt.
Es verschenkt, was andere erschaffen: Musik, Literatur, Wissen. Die Urheber
zahlen für die große Freiheit." Es wird zunächst auf den
Fall Napster Bezug genommen. Das geistige Eigentum ist der wichtigste Produktionsfaktor
der postindustriellen Gesellschaft. Es herrscht deshalb, so der Autor,
kein Mangel an Regeln in diesem Gebiet. Dazu zählen das Patentgesetz
und das Urheberrechtsgesetz. Der Gegensatz stellt sich aber zwischen der
Forderung nach maximalem Schutz - Beispiel: Bio-Tech-Industrie, natürliche
Ressourcen verwandeln sich in Patentanträge - und der nach maximaler
Freiheit. Der Autor behauptet: "Piraterie ist im Internet nicht Ausnahme,
sondern Regel" und kritisiert dabei u.a.die Thesen von John Pery Barlow
in seinem Aufsatz Selling Wine Without Bottles. Urheberrecht könne
sich nur auf die Form, nie auf den Inhalt beziehen. Im globalen Netz gebe
es keine Flaschen mehr. Es gilt ein "Copyleft" im Umgang mit geistigem
Eigentum.
Es folgen Hinweise auf die
Geschichte des Copyright. 1774: das House of Lords verfügt, dass in
Zukunft nicht die Buchhändler, sondern die Schriftsteller die Verfügungsgewalt
über ihre Werke haben sollen. Der Autor tritt an die Stelle des Königs,
der bis dahin allein das Recht hatte, royalties zu verlangen. Die
französische Nationalversammlung führte 1794 das droit d'auteur
ein. Im Deutschen Reich wurden nacheinander: Urheberrecht (1871),
Schutz von Marken (1874), Geschmacksmuster (1876), Patente (1877), Gebrauchsmuster
(1891) eingeführt.
Die gegenwärtige Debatte
bringt Albrecht so auf den Punkt: "Die Anhänger des "Dot-Kommunismus"
und die großen Medienkonzerne sitzen in Wahrheit im selben Boot.
Ohne die Bastelei der Hacker gäbe es kein Internet. Ohne die Content-Provider
wäre es sterbenslangweilig. So finden sich beide zur unfreiwilligen
Allianz gezwungen, weil die wahren Analogien lauten: Wein ohne Flaschen
verdunstet, Flaschen ohne Wein will niemaden haben. Und das Ehrgeizigste
Projekt der Informationsgesellschaft gerät in Gefahr, zu enden wie
der Turmbau zu Babel: Auf dem Höhepunkt der technischen Entwicklung
würde sich das Wissen in alle Winde zerstreuen. Weil es in Tresoren
verschwindet. Oder weil es niemand honorieren will."
Vier Szenarien sind, so der
Autor, denkbar:
1. Die Forderung nach maximalem
Schutz setzt sich durch (Vorbild: Pay-TV)
2. Maximale Freiheit (Vorbild:
Linux)
3. Eine "Währungsreform"
(jeder Klick wird in "Hypercoins" abgerechnet)
4. Zurück zur Tauschgesellschaft
(Vorbild: McCoy "Mojo Nation")
"Ein Königsweg ist nicht
in Sicht. Solange keine neuen Regeln für den Umgang mit geistigem
Eigentum gefunden werden, herrscht das Gesetz des Wilden Westens." (Vorbild:
Andy Müller-Maguhn)