Was
liest die Zukunft?
Quelle:
FAZ, 17.4.2001, Nr. 89, S. 54
von
Stephan Vladimir Bugaj
Sephan
Vladimir Bugaj ist Technischer Vizedirektor der Firma IntelliGenesis, eines
führenden Unternehmens auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz.
In diesem Beitrag referiert er vor allem über die literarischen Quellen
der Cyber-Elite. Ganz oben auf der Liste stehen, so Bugaj, drei Bücher:
Die Bibel, "Ulysis" von James Joyce und die "Illuminatus"-Trilogie von
Robert Anton Wilson und Robert Shea. Im letzteren Werk wird der Kampf zwischen
Politikern und Hackern. Die moralischen Leitlinien für Weltveränderung
zieht die Cyber-Gesellschaft aus der Verfassung der Vereinigten Staaten
und vor allem aus dem Bill of Rights bzw. aus den Menschenrechten. Staatspolitisch
ist Adam Smith: "Der Wohlstand der Nationen" das grundlegende volkswirtschaftliche
Werk. Philosophisch steht an der Spitze der Liste Douglas Hofstadters
"Gödel, Escher, Bach", Marvin Minskys "Metopolis" und Ray Kurzweils
"Homo sapiens. Leben im 21. Jahrhundert", sowie die Arbeiten von Philosphen
wie Andrew Feenberg ("subversive Rationalisierung"), Albert Borgmann, Don
Ihde, Karl Popper sowie die KI-Kritiker: Dreyfus und Penrose.
Wichtig
ist vor allem die Science-Fiction Literatur, welche Modelle und Gleichnisse
liefert. Dabei teilen sich die Wissenschaftler und Technologen in Utopisten
und Dystopisten, wobei diese Einteilung meistens fragwürdig ist, wenn
man z.B. an Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, Arthur C. Clarke, Philip
K. Dick, J.G. Ballaard und William Gibson denkt. Die Technokraten befürworten
Greg Benford oder L. Sprague De Camp. Bei den New-Wave-Autoren, bei denen
Computer nicht im Vordergrund stehen, treten Philip K. Dick und William
S. Burroughs hervor. Die "transrealistischen Romane" von William Gibson,
Rudy Rucker ("Ware"-Reihe), Neal Stephenson ("Snow Crash"), sowie die Cyberpunk
Romane von Stanislaw Lem ("Kyberiade"), Vernor Vinge ("True Names") und
John Brunner ("Der Schockwellenreiter") sind besonders einflußreich.
Post New Wave Autoren thematisieren soziale und psychologische Fragen,
wie sie bereits von Dick und Borroughs dargestellt wurden.
Science-fiction
gilt inzwischen auch "als seriöse Plattform für Spekulationen
über den sozialen und technologischen Wandel". Das beliebteste Werk
bleibt Arthur Clarkes "2001" mit dem fiktiven Computer Hal-9000. Die Gesetze
der Robotik wurden durch Asimovs Kurzgeschichte "Runaround", seine "Foundation"-Trilogie
und die Roboter-Reihe erstmals formuliert. Sie weisen intelligenten Robotern
einen untergeordneten Status gegenüber ihren menschlichen Herren zu:
"Diese Gesetze sind in der Cyber-Community besonders leidenschaftlich diskutiert
worden. Sowohl die Vorstellung von Robotern als moralisch überlegenen
Wesen als auch der Gedanke, Robotern durch eingebaute Mechanismen jeden
freien Willen zu verwehren, werfen schwierige Fragen auf."
Mit
dieser Frage befassen sich auch SF-Filme wie "Blade Runner" (nach
Philip K. Dicks Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schaffen?"),
"Terminator", "Star Trek" sowie die einflußreiche Spielfilme "Matrix",
"Fight Club" (nach dem gleichnamigen Roman von Chuck Palahniuk) und "12
Monkeys". In diesen letzten drei Spielfilmen "spiegelt sich die Auffassung
der Hacker, wonach der Kapitalismus ein morsches System ist und die kapitalistische
Profitorientierung die Ursache für die gegenwärtigen Krisen in
Ethik und Moral. Alle drei Filme wenden sich gegen den Einfluß des
Fernsehens sowie der Fernsehwerbung. In ihnen spiegelt sich die Angst der
Digeraten, mit der Entwicklung der neuen Technologie unfreiwillig ein noch
wirkungsvolleres Instrument zur Manipulation der Menschen durch eine kleine
Minderheit zu schaffen. Zum Ethos der Hacker, das in vielen modernen SF-Stories
zum Ausdruck kommt gehört auch die Hoffnung, die Öffentlichkeit
erziehen und weniger anfällig für mentale Kontrolle machen zu
können, bevor die Instrumente dafür in die Hände der herrschenden
Machtelite gelangen."
Fazit:
Das zentrale Problem jeder Abhandlung über Schöpfertum ist das
des richtigen Verhältnises zwischen Freiheit und Kontrolle. Da dieser
Prozeß nicht vorhersehbar ist, müssen wir, so Bugaj, "alternative
Szenarien entwickeln, um auf jede nur denkbare Möglichkeit vorbereitet
zu sein. Die Unbestimmtheit des Universums macht es erforderlich, daß
wir uns auf Utopia genauso vorbereiten wie auf Dystopia. Daher die Vielfalt
der Meinungen und Prämissen in der Literatur, die das Bücherregal
des umsichtigen Cybernauten ziert."