WOLFGANG COY - FREUND UND MITSTREITER 

Rafael Capurro
  
 
 
 
Beitrag für die Festschrift zu Ehren von Wolfgang Coy "Per Anhalter durch die Turing-Galaxis", herausgegeben von Andrea Knaut, Christian Kühne, Constanze Kurz, Jörg Pohle, Rainer Rehak und Stefan Ulrich. Münster: Monsenstein und Vannerdat 2012, S. 189-193.

 


    
 

Mit Wolfgang verbindet mich eine mehr als zwanzig Jahre währende Freundschaft, die durch wechselseitige Wertschätzung und viel Humor geprägt ist. Sie begann, glaube ich, während  der von Christiane Floyd, Reinhard Keil-Slawik, Reinhard Budde und Heinz Züllighoven veranstalteten Konferenz Software Development and Reality Construction, die am 25.-30. September 1988 in Schloss Eringerfeld stattfand. Es war die beste und kreativste Konferenz, die ich jemals erlebt habe, auch da  neben den Organisatoren Personen wie Donald Knuth, Joseph Goguen, Kristen Nygaard, Heinz von Forster, Bo Dahlbom, Dirk Siefkes, Walter Volpert, Arne Raeithel, Fanny-Michaela Reisin, Klaus Fuchs-Kittowski und eben Wolfgang Coy daran teilnahmen. Wolfgang sprach über „Soft Engines – Mass-Produced Software for Working People?“ Mir sind die vielen Gespräche um das kurz zuvor, im Jahre 1986, erschienene Buch von Terry Winograd und Fernando Flores “Understanding Computers and Cognition – A New Foundation for Design“ in Erinnerung geblieben. Dieses Buch setzte die mir vertraute philosophische Tradition der Hermeneutik mit dem mir nur halbwegs vertrauten Gebiet der Informatik in Verbindung. Eine damals und heute außergewöhnliche connection. Wolfgang schrieb ein Nachwort zur 1989 erschienenen deutschen Übersetzung mit dem Titel „Ein post-rationalistischer Entwurf“.

„Menschen sind“, schreibt er „nicht bloß rationale Wesen, nach deren Ebenbild andere rationale Wesen – eben Computer – als Freunde Partner, Diener, Kollegen oder Feinde konstruiert werden können. Menschen werden statt dessen als verantwortliche Wesen gesehen, die in der Arbeit wechselseitige Verpflichtungen (commitments) eingehen.“

Winograd und Flores wäre es gelungen, so Wolfgang, eine kalifornische Konkurrenz zur skandinavischen Schule von Kirsten Nygaard und seiner Gruppe in Oslo herzustellen.

Ich glaube, dass es Wolfgang und seinen Mitstreiter/Innen im Laufe der folgenden zwei Jahrzehnte gelungen ist, eine sozial-orientierte Auffassung von Informatik zu entwickeln, die heute, angesichts der Bedeutung der Informationstechnik in allen Lebensbereichen, als eine Selbstverständlichkeit erscheint. Es gab damals kein Internet, kein Google, kein Twitter und kein Facebook und auch kein cyberwar und keine digitalen Spaltung geschweige denn die Aussicht auf eine Transformation politischer Strukturen und Prozesse oder sogar auf eine neue Auffassung von Demokratie auf der Basis interaktiver Kommunikationsprozesse. Wolfgang erkannte früh, dass der Computer kein bloßes Werkzeug, sondern ein Medium sozialer Interaktion ist und das hieß damals vor allem über dessen Einsatz in die Arbeitswelt nachzudenken. In seinem Geleitwort zum Buch von Michael Friedewald: „Der Computer als Werkzeug und Medium. Die geistigen und technischen Wurzeln des Personal Computers“ (1999) mit dem Titel „Computer umgeben uns überall“ brachte Wolfgang das zur Sprache, was viel später pervasive computing oder ambient intelligence genannt wurde. Damit setzte er jene Auseinandersetzung um die sozialen Folgen der Computerisierung fort, auf die Pioniere wie Norbert Wiener und Joseph Weizenbaum seit den fünfziger Jahres des 20. Jahrhunderts aufmerksam gemacht hatten und die heute unter dem Schlagwort der Informations- und Wissensgesellschaft in aller Munde ist, was Wolfgang aber viel prägnanter mit dem Ausdruck „Turing-Galaxis“ kennzeichnete.

Es war folgerichtig, dass die Gesellschaft für Informatik zu Beginn der neunziger Jahre einen Arbeitskreis „Informatik und Verantwortung“ ins Leben rief, deren Sprecher Karl-Heinz Rödiger war, und an dem Wolfgang und ich zusammen mit Herbert Damker, Bernd Lutterbeck, Hartmut Przybylski, Herrmann Rampacher, Horst Röpke, Gabriele Schade, Jürgen Seetzen, Reinhard Stransfeld, Roland Vollmar und Rudolf Wilhelm mitwirkten. Das Ergebnis war eine Vertiefung unserer Freundschaft sowie die 1994 von der GI verabschiedeten „Ethischen Leitlinien“ deren Präambel in der 2004 überarbeiteten Version mit den folgenden Sätzen beginnt:

„Das Handeln von Informatikerinnen und Informatikern steht in Wechselwirkung mit unterschiedlichen Lebensweisen, deren besondere Art und Vielfalt sie berücksichtigen sollen. Mehr noch sehen sie sich dazu verpflichtet, allgemeine moralische Prinzipien, wie sie in der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte formuliert sind, zu wahren. Diese Leitlinien sind Ausdruck des gemeinsamen Willens, diese Wechselwirkungen als wesentlichen Teil des eigenen individuellen und institutionellen beruflichen Handelns zu betrachten. Der offene Charakter der nachfolgenden Artikel wird mit dem Begriff Leitlinien unterstrichen.“

Wolfgang sah die Informatik als „eine Disziplin in Umbruch“ und suchte eine Theorie der Informatik, zu deren Kern soziale, politische, rechtliche und ethische Aspekten gehörten. Das war der Ansatz der interdisziplinären Tagung „Theorie der Informatik“, die von Wolfgang zusammen mit Frieder Nake, Jörg-Martin Pflüger, Arno Rolf, Jürgen Setzen und Reinhard Stransfeld organisiert wurde und an der ich teilnehmen durfte.

Das Verhältnis zwischen Ethik und Informatik beschäftigte mich in den folgenden Jahren und führte zur Gründung des International Center for Information Ethics (ICIE), ein, wie man es heute nennt, soziales Netzwerk. Das ICIE veranstaltete im Jahre 2002 in Augsburg ein Symposium zum Thema „Digital Divide aus ethischer Sicht“ an dem Wolfgang mitwirkte. Im selben Jahr beteiligte sich das ICIE an einer Vortragsreihe zur Ausstellung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) mit dem Titel „CTRL [SPACE] Rhetorik der Überwachung von Bentham bis Big Brother“. Wolfgang, Petra Grimm, Thomas Hausmanninger, Christoph Pingel und ich nahmen im Rahmen dieser Vortragsreihe am 18. Januar 2002 an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Internet – Ende der Aufklärung?“ teil. Wolfgang hatte einige Jahre zuvor einen Beitrag mit dem Titel „Wer kontrolliert das Internet?“ veröffentlicht. Das Thema Internet und Aufklärung ist in vielfacher Weise virulent geblieben von den Diskussionen über Buchkultur im digitalen Zeitalter, über das Verhältnis von Internet und Journalismus, die Bedeutung von sozialen Netzwerken bei politischen Umwälzungen wie im Falle des ‚arabischen Frühlings’ bis hin zu den heutigen Fragen um Datenschutz und Privatheit.

Im Jahre 2004 veranstaltete das ICIE die erste internationale Konferenz über Informationsethik aus interkultureller Sicht. In dieser Konferenz, die am ZKM stattfand und von der Volkswagenstiftung gesponsert wurde, trug Wolfgang zum Thema „On Sharing Ideas and Expressions in Global Communities“ vor. Der Vortrag erschien in dem von mir mitherausgegeben Buch „Localizing the Internet. Ethical aspects in intercultural perspective“ (2007). Der erste Satz von Wolfgangs Beitrag lautet:

"There is now a vivid discussion of commercial aspects and the protection of intellectual artifacts, ideas and forms and how they are expressed.“

Dieses Problem hat sich seitdem weiter zugespitzt, wenn man zum Beispiel an die Debatten um das ACTA-Abkommen (Anti-Counterfeiting Trade Agreement = Handelsabkommen gegen Fälschung) in den USA oder an die Novellierung von Copyrightgesetzen in Europa denkt. Wolfgangs Schlusssatz wirkt heute so frisch und aktuell wie damals:

„While we can find no strong moral evidence for the present state of intellectual property laws, there is still the open question of how to achieve the optimal use of ideas and art for a maximum number of people worldwide. For the time being we may keep as a not too comfortable insight: In the long term all ideas and expressions belong to the public.”

Ich schließe diese akademischen und persönlichen Erinnerungen mit zwei Hinweisen. Zum einen auf die von Wolfgang an der Humboldt Universität im Jahre 2007 veranstalte Tagung mit dem Titel Shapes of the Things to Come. Die Zukunft der Informationsgesellschaft an der ich über Ausformungen der Informationsgesellschaft im „Fernen Osten“ und im „Fernen Westen“ sprach, zwei Ausdrücke, die ich dem französischen Philosophen und Sinologen François Jullien verdanke. Die anschließende Diskussion über interkulturelle Fragen der Informationsethik in einer durch die Informationstechnologie globalisierten Welt zeigt mir, dass Wolfgang hier erneut diese erst entstehende Debatte mit großem Interesse und Zustimmung verfolgte. Als im Jahre 2009 mein Kollege Michael Nagenborg eine Tagung im ZKM aus Anlass meiner Pensionierung zum Thema „Von Boten und Botschaften“ veranstaltete, freute ich mich sehr über Wolfgangs Teilnahme.

Ich wünsche Dir, lieber Wolfgang, weiterhin eine unruhige und gelassene Zeit nach Deinem fünfundsechzigsten Geburtstag und, dass ich Dir auch in zwanzig Jahren eine Freundes- und Freudebotschaft wie diese senden darf.


Letztes Update: 21.12.2012


 
    

Copyright © 2012 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.


 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio