AUFKLÄRUNG: 

BILDUNG ODER VERBILDUNG DER MENSCHEIT?

Darstellung und Kritik von M. Horkheimers und Th.W. Adornos "Begriff der Aufklärung"


Rafael Capurro
   
 
 

Seminararbeit zum Hauptseminar von Prof. Dr. F. Nicolin (1932-2014) "Pädagogik und Dialektik". Institut für Erziehungswissenschaftwissenschaft, Universität Düsseldorf, Wintersemester 1976/77.

 
   

Einleitung

Das gemeinsame Werk M. Horkheimers und Th. W. Adornos "Dialektik der Aufklärung" [1] kann als Fortsetzung der revolutionären Denktradition verstanden werden. Der kritische Ansatz dieser Denktradition wurzelt in der modernen Philosophie der Subjektivität (Descartes), bahnt sich aber, besonders seit Karl Marx, einen eigenen dialektischen Weg in der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Das Charakteristische dieses neuen dialektisch-kritischen  Denkweges ist die Beibehaltung des kritischen Ansatzes unter gleichzeitiger Ablehnung metaphysischer Vorstellungen bzw. unter Aneignung des empirischen Gehaltes des Gegebenen. Die dialektische Einheit von Metaphysikkritik und empirischem Gehalt macht das Wesen dieser revolutionären Denktradition aus. [2]

In der "Dialektik der Aufklärung" geht es aber nicht um die ökonomischen Verhältnisse (Marx), sondern um das kultur-soziologische Phänomen der Aufklärung. [3] Was ist Aufklärung? Auf diese Frage geben die Autoren eine doppelte Antwort: "schon der Mythos ist Aufklärung" und "Aufklärung schlägt in Mythologie zurück." (S. 5) Damit ist einerseits der empirische Gehalt des Begriffs Aufklärung ausgesprochen: nämlich die gesamte kulturelle Entwicklung der Menschheit vom Beginn der Mythen bis zur modernen Wissenschaft, andererseits wird eine Kritik an dem Begriff Aufklärung als Rückfall in die Mythologie geübt. Dieser in der "Vorrede" dargestellte Begriff bzw. Vorbegriff der Aufklärung ist somit zweideutig.

Ziel unserer Untersuchung ist die Darstellung und Kritik der Kerngedanken, die die Autoren unter dem Titel "Begriff der Aufklärung" erörtern und die sie als "theoretische Grundlage" (S. 5) der gesamten Abhandlung "Dialektik der Aufklärung" zugrunde legen.


I. Darstellung der Kerngedanken

Die folgende Darstellung der Kerngedanken der Abhandlung "Begriff der Aufklärung" besteht aus einem Einführungsteil und drei Gedankengängen, die die wesentlichen Momente des Begriffs der Aufklärung ausmachen. [4] Über den zum Teil überholten historischen Gehalt mancher Aussagen sind sich die Autoren im Vorwort der Neuausgabe (1969) bewußt. Sie sind aber weiterhin fest überzeugt, daß die in dem Buch erkannte Entwicklung "unterbrochen, nicht abgebrochen" ist (S. IX). Die Verwurzelung der philosophischen Kritik in der Empirie bedeutet also nicht eine Ablehnung, sondern eine Aufhebung, im Hegelschen Sinne, der Philosophie: "Als Kritik von Philosophie will sie [sc. unsere Konzeption der Geschichte, RC] Philosophie nicht preisgeben." (S. X)


1. Ziel und Programm der Aufklärung

Gleich zu Beginn der Abhandlung nennen die Autoren Ziel und Programm der Aufklärung:

"Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie wollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen." (S. 7)

Ziel der Aufklärung ist "seit je" gewesen, den Fortschritt im Denken am Maßstab der Verminderung von Furcht zu messen und diese Verminderung der Furcht wiederum als Herrschaft zu begreifen. "Die vollends aufgeklärte Erde" ist also die totale Vernichtung der Furcht bzw. die totale Herrschaft.


2. Die Entzauberung der Welt

Obwohl die Entzauberung der Natur mit der Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft und Technik ausgesprochen wurde, heißt das nicht, daß die vorhergehende kulturelle Entwicklung auf einem anderen Prinzip als dem der Entzauberung der Welt, Fuß gefaßt hätte. Der Gegensatz zwischen Mythos und Wissenschaft ist nur ein äußerer. Für Horkheimer und Adorno haben beide Formen der Aufklärung dieselbe Wurzel:

"Die Verdoppelung der Natur in Schein und Wesen, Wirkung und Kraft, die den Mythos sowohl wie die Wissenschaft erst möglich macht, stammt aus der Angst des Menschen, deren Ausdruck zur Erklärung wird." (S. 17)

Die Wurzel, aus der Mythos und Wissenschaft stammen, ist also die Angst des Menschen vor der Natur. Die Überwindung dieser Angst führt zu einer metaphysischen Verdoppelung der Natur: hinter dem Schein will man ein Wesen entdecken, hinter der Wirkung die Kraft. Das heißt aber nicht, daß die Autoren Mythos und Wissenschaft einfach identifizieren. Sie sind das Selbe aber nicht das Gleiche, d.h. sie sind Gestalten eines und desselben Prinzips, aber als Gestalten sind sie unter sich verschieden. So entsteht ein Entzauberungsprozeß, der mit der "Ausrottung des Animismus" (S. 8) in den vorsokratischen Kosmogonien anfängt, sich in den ontologischen Wesenheiten Platons und Aristoteles verfestigt und schließlich mit der Beherrschung der Materie endet. Die Autoren stellen die These daar, daß die Mythen nicht zuerst eine Projektion des Menschen auf die Natur sind, wie die Aufklärung es will. Durch diese Interpretation des Mythos nahm die Aufklärung an, daß das Subjekt der Ursprung der Mythen war. Das Subjekt bzw. der Mensch mußte also, laut Aufklärung, von diesen Projektionen befreit werden, um somit alles auf sich beziehen zu können.

"Aber die Mythen, die der Aufklärung zum Opfer fallen, waren selbst schon deren eigenes Produkt." (S. 11)

Der Gegensatz Mythos vs. Aufklärung ist also ein aus der Sicht der Aufklärung aufgestellter Gegensatz. In Wirklichkeit aber sind die Mythen schon ein Produkt der Aufklärung.

Die Parallelität zwischen Mythos und wissenschaftlicher Aufklärung wird zum Beispiel anhand des Gedankens der Rechenschaftsablegung, die die Wissenschaft in der Form der Kalkulation, der Mythos im Bericht über den Ursprung aufstellen, erörtert. Schon die Mythen stehen auch im Zeichen von Disziplin und Macht, von denen Bacon gesprochen hat. Der Übergang von Mythos in die Aufklärung ist also nicht eine Überwindung einer kulturellen Etappe der Menschheit durch die Aufstellung eines neuen Prinzips, sondern eine Vertiefung beziehungsweise eine Vollendung des Prinzips der Entzauberung der Welt: der Zauberer macht sich Dämonen ähnlich, das heißt, er hat die Identität des Selbst, die der Zivilisierte hat, noch nicht erlangt.

In der weiteren Ausarbeitung der Unterschiede zwischen Mythos und Wissenschaft betonen Horkheimer und Adorno den Moment des "noch nicht". [5] Mythos und Wissenschaft sind Aufklärung, aber der aufklärerische Mythos ist nicht dasselbe wie die aufklärerische Wissenschaft. Die Mythologie hat den Prozeß der Aufklärung "ins Spiel gesetzt" (S. 14), der in der philosophischen und wissenschaftlichen Aufklärung fortgesetzt wurde:

"Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem Schritte tiefer sich in Mythologie." (S. 14)

In der Spannung zwischen dem "schon" und dem "noch nicht" sehen die Autoren keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Mythos und wissenschaftlicher Aufklärung. Im Gegenteil, das Prinzip der Immanenz, das die wissenschaftliche Aufklärung bei ihrer Entzauberung der Natur für sich beanspruchen möchte, ist auch das Prinzip des Mythos selber. Das Prinzip der Immanenz besagt die Erklärung jeden Geschehens als Wiederholung. Es gibt nichts Neues, daß von Außen kommt, weil alles schon drinnen ist. Die äußerste Wirkung des Immanenzprinzips, wodurch der Mensch jeden äußeren Zwang, insbesondere den der Natur, brechen will, ist nichts anderes als eine tiefere Abhängigkeit von diesem Zwang:

"Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen." (S. 15) [6]

Die Mythen sind also keine Projektion der Seele, sondern sie sind der Ausdruck der Erfahrung der Übermacht der Natur als etwas dem Subjekt Entgegengesetztes. Die Benennung der Naturkräfte mit göttlichen Namen drückt den Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt aus. Die Sprache der Mythen ist schon Sprache der wissenschaftlichen Aufklärung:

"Das war die Urform objektivierender Bestimmung, in der Begriff und Sache auseinandertraten, derselben, die im homerischen Epos schon weit gediehen ist und in der modernen positiven Wissenschaft sich überschlägt." (S. 17)

Die Entzauberung der Welt, die mit dem Mythos anfängt, indem das Objektive dort genannt wird und somit in dialektische Beziehung zum Subjekt tritt, ist also nichts anderes als die Verwirklichung des Immanenzprinzips, das heißt, alles, was jenseits des Subjekts erscheint, wird auf dieses bezogen und in das Wissen des Subjekts integriert. Dieser Prozeß der Entmythologisierung ist also ein Prozeß der Enttabuisierung, der in der "reinen Immanenz des Positivismus" (S. 18) endet. Diese äußerste Form von Entzauberung ist aber gleichzeitig ein "universales Tabu", das heißt, es ist das Tabu gegenüber jeder Art von Äußerlichkeit:

"Es darf überhaupt nichts mehr draußen sein, weil die bloße Vorstellung des Draußen die eigentliche Quelle der Angst ist." (S. 18) [7]

Wir halten aus dieser Erörterung fest: Die Entzauberung der Welt ist eine allgemeine Eigenschaft des zivilisatorischen Prozesses der Aufklärung. Die wissenschaftliche Aufklärung glaubte durch ihr Wissen dem Mythos entgegengesetzt zu sein. Stattdessen ist sie nur die Fortsetzung der mythischen und philosophischen Aufklärung. Dasselbe Prinzip der Entmythologisierung liegt dem Mythos, der Philosophie und der Wissenschaft zugrunde, ohne daß sie aber dadurch die Unterschiede ihre Erscheinungsformen verlieren würden. Mythos ist schon Aufklärung aber noch nicht Wissenschaft.


3. Das Wissen der Aufklärung


Die Entzauberung der Welt drückt sich in der Sprache aus. Diese ist zunächst symbolischer Natur, das heißt, Sinn und Bild gehören in ihr zusammen. Der "Kern des Symbolischen" (S. 19) ist die ewige Vorstellung eines mythischen Vorgangs, der stets wiederholt werden kann. Die wissenschaftliche Aufklärung unterscheidet dabei zwischen Wissenschaft und Dichtung beziehungsweise Zeichen und Bild. In der Philosophie drückt sich dieser Gegensatz im Verhältnis zwischen Anschauung und Begriff aus: Platon stellt sich auf die Seite des Begriffs, Schelling auf die der Anschauung. Auch die Gegenüberstellung von Wissen und Glauben zeigt die Abhängigkeit des Glaubens von der Sprache des Wissens. Die Sprache der Mythen ist also schon die Sprache des Wissens und der Macht, die sich zur totalen Rationalität beziehungsweise Irrationalität, zur restlosen Aufklärung entwickelt [8]:

"Schon wenn die Sprache in die Geschichte eintritt, sind ihre Meister Priester und Zauberer [...] Die Symbole nehmen den Ausdruck des Fetischs an [...] Der zum festen Bild vergegenständlichte Schauder wird zum Zeichen der verfestigten Herrschaft von Privilegierten. Das aber bleiben die allgemeinen Begriffe, auch wenn sie alles Bildlichen sich entäußert haben. Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang." (S. 22-23)

Mit diesen Sätzen belegen die Autoren die Identität der Entwicklung des menschlichen Wissens, wenngleich sie aber auch auf die Unterschiede der verschiedenen Formen von Wissen aufmerksam machen. Durch ihre Allgemeinheit und logische Verkettung spiegelten die Begriffe die Organisation des Einzelnen und die Herrschaft des Allgemeinen in der Gesellschaft wider. Die Metaphysik hat sie hypostasiert und die wissenschaftliche Aufklärung hat nur ihre abstrakte Macht erhalten. Der kritische Gehalt, den die Begriffe gegenüber der Wirklichkeit in der Metaphysik hatten, ist in der Neutralität der Wissenschaft ohnmächtig geworden: Es bleibt nur die Macht des Bestehenden übrig:

"In der Unparteilichkeit der wissenschaftlichen Sprache hat das Ohnmächtige vollends die Kraft verloren, sich Ausdruck zu verschaffen, und bloß das Bestehende findet ihr neutrales Zeichen. Solche Neutralität ist metaphysischer als die Metaphysik." (S. 24)

Die abstrakte Negation jedes Positiven, die sich zum Beispiel im Buddhismus oder in seinem Gegenteil dem Pantheismus äußert, bestätigt nur die Macht dessen, was sie leugnen will. Die Autoren sehen erst in der "bestimmten Negation" (Hegel) den ersten Schritt zur Überwindung des abstrakten Gegensatzes zwischen Sprache und Bild. Aber auch die hegelsche Dialektik hat schließlich die Negation in der Positivität aufgehoben:

"Mit dem Begriff der bestimmten Negation hat Hegel ein Element hervorgehoben, das Aufklärung von dem positivistischen Zerfall unterscheidet, dem er sie zurechnet. Indem er freilich das gewußte Resultat des gesamten Prozesses der Negation: die Totalität in System und Geschichte, schließlich doch zum Absoluten machte, verstieß sie gegen das Verbot und verfiel selbst der Mythologie." (S. 25) [9]

An diesem Punkt, das heißt, dort wo die Aufklärung ihre Negativität vergißt und sich in Positivität umwandelt, wird sie totalitär. Hier zeigt sich die Ambivalenz des Begriffs Aufklärung. Am Scheideweg von Negativität und Positivität, hat sie sich für die Positivität entschieden:

"Denn Aufklärung ist totalitär wie nur irgendein System. Nicht was ihre romantische Feinde ihr seit je vorgeworfen haben, analytische Methode, Rückgang auf Elemente, Zersetzung durch Reflexion ist ihre Unwarheit, sondern daß für sie der Prozeß von vornherein entscheiden ist." (S. 25)

Die Entscheidung für die Positivität ist, für Horkheimer und Adorno, nicht nur Hegel und der Metaphysik, sondern auch der modernen  Naturwissenschaft eigen, die Mathematik und Denken gleichsetzt, und in der mathematischen Gleichung das Unbekannte integriert. Die praktische Begründung des Denkens, die zum Beispiel die Philosophie Fichtes darstellt, vollzieht sich in der totalen Unterwerfung des Denkens. Das Denken ist ein Werkzeug geworden. Damit verliert das Wissen der Aufklärung den Anspruch auf die Negation des Unmittelbaren. Das Ergebnis der endgültigen Einschränkung der Vernunft in ihren Grenzen (Kant) ist die Gleichung zwischen dem denkenden Subjekt und der Natur:

"Die Gleichung von Geist und Welt geht am Ende auf, aber nur so, daß ihre beiden Seiten gegeneinander gekürzt werden. In der Reduktion des Denkens auf mathematische Apparatur ist die Sanktion der Welt als ihres eigenen Maßes beschlossen." (S. 27)

Die Kraft und Notwendigkeit des wissenschaftlichen Urteils ist ursprünglich mit der Wiederholbarkeit der kosmologischen Mythen verwandt: "damit schlägt Aufklärung in die Mythologie zurück, der sie nie zu entrinnen wußte" (S. 27). Der Unterschied liegt in der Profanität der wissenschaftlichen Aufklärung. Der Industrialismus ist somit nur die Umkehrung des Animismus: Anstatt einer Beseelung der Welt findet eine Vergegenständlichung der Seele statt. Anstatt der Angst vor der Natur, wächst die Angst vor dem Menschen.

Wir fassen die Ausführungen  über den zweiten Kerngedanken zusammen. Die Entzauberung der Welt, die sich die mythische, philosophische und wissenschaftliche Aufklärung vorgenommen hat, drückt sich in der Sprache aus. Der Ausdruck der entzauberten Welt ist das Wissen, das Macht über die Natur und somit Beherrschung der Angst, bedeutet. Das mythische Wissen ist durch das Symbolische charakterisiert. Die philosophische und wissenschaftliche Aufklärung scheidet was das Symbol vereinigte: Sinn und Bild. Diese Scheidung bewirkt zunächst eine Hypostasierung der Begriffe. Die Metaphysik, die noch die negative Kraft der Begriffe gegenüber der Wirklichkeit erkannte, mündet schließlich in der absoluten Positivität der modernen Wissenschaft, die die Begriffe lediglich als Werkzeug für die Herrschaft über die Natur begreift. Das Denken paßt sich völlig der Natur an und wird somit von dieser beherrscht. Das vergegenständlichte Denken ist nur die Umkehrung des Mythos. Die Angst vor der Natur, die das Symbol zu beherrschen versuchte, kehrt sich in die Angst vor dem mit der Natur gleichgesetzten Denken um. Der Kampf um die Entzauberung der Natur durch das Wissen gründet auf einem Prinzip: dem Prinzip des Selbst als Herrschaftsprinzip.


4. Das Prinzip des Selbst als Herrschaftsprinzip

Das Selbst, das in den Mythen noch eine natürliche Gestalt hatte, wurde zum transzendentalen Subjekt (Kant) sublimiert. Der Versuch sich dieses Prinzips zu entziehen, zum Beispiel in der Religion, wurde von der fortschreitenden Aufklärung als Rückfall in die Vorgeschichte verurteilt. Das Prinzip des selbst bedeutet das Primat der Selbsterhaltung als Endzweck menschlichen Denkens und Handelns. Es ist die Grundlage der bürgerlichen Wirtschaft und ihrer Arbeitsteilung. Durch die Selbsterhaltung in der Arbeit werden die Menschen am Maßstab dessen was sie verarbeiten geformt: Das Subjekt wird zum Werkzeug der technischen Apparatur. Die reine Erhaltung des Selbst führt zu seiner Auflösung:

"Das von Zivilisation vollends erfaßte Selbst löst sich auf in ein Element jener Unmenschlichkeit, der Zivilisation von Anbeginn zu entrinnen trachtete. Die älteste Angst geht in Erfüllung, die vor dem Verlust des eigenen Namens. Mimetische, mythische, metaphysische Verhaltensweisen galten nacheinander als überwundene Weltalter, auf die hinabzusinken mit dem Schrecken behaftet war, daß das Selbst in jene bloße Natur zurückverwandelt werde, der er sich mit unsäglicher Anstrengung entfremdet hatte, und die ihm eben darum unsägliches Grauen einflößte." (S. 31)

Die Alternative, die der Aufklärung von Anfang an, das heißt also schon im Mythos, gestellt wurde, war die der Herrschaft oder Knechtschaft:

"Das Wesen der Aufklärung ist die Alternative, deren Unausweichlichkeit die der Herrschaft ist. Die Menschen hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter die Natur oder der Natur unter das Selbst." (S. 32)

Horkheimer und Adorno zeigen am Beispiel des zwölften Gesangs der Odyssee die Entzweiung und gegensätzliche Abhängigkeit von Herrschaft (Odysseus) und Arbeit (die Ruderer) [10]. An dieser Stelle erwähnen sie die von Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" beschriebene Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft. Der Prozeß, der hier beschrieben wird, ist aber nicht der der Selbstwerdung des Geistes, sondern der des Fortschrittes der Macht, der Denken und Erfahrung zu ihrer totalen Verarmung führt:

"Die Vereinheitlichung der intellektuellen Funktion, kraft welcher die Herrschaft über die Sinne sich vollzieht, die Resignation des Denkens zur Herstellung von Einstimmigkeit, bedeutet Verarmung des Denkens so gut wie der Erfahrung; die Trennung beider Bereiche läßt beide als beschädigte zurück." (S. 35)

Die Verarmung des Selbst äußert sich in der modernen Gesellschaft zum Beispiel in der zwanglosen Isolierung und in der Gleichmachung des Selbst im Kollektiv. Es ist gerade das "wogegen sich das Entwicklungsgesetz der Gesellschaft, das Prinzip des Selbst gekehrt hatte" (S. 36). In diesem Prozeß, der mit der Mythologie anfängt und in der modernen Logistik kulminiert, verliert das Denken, das, was sein Wesen ausmacht, nämlich die Reflexion. Somit steigert sich die Irrationalität der Beziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten: Auf der einen Seite gerät die Führung in totale Willkür, auf der anderen Seite wird diese Willkür als geschichtliche Notwendigkeit erkannt. Horkheimer und Adorno haben mit diesen Äußerungen besonders die geschichtliche Gestalt des Nazismus vor Augen.

Zum Schluß der Abhandlung fassen sie das Ergebnis dieser Preisgabe des Denkens folgendermaßen zusammen:

"Mit der Preisgabe des Denkens, das in seiner verdinglichten Gestalt als Mathematik, Maschine, Organisation an den seiner vergessenden Menschen sich rächt, hat Aufklärung ihrer eigenen Verwirklichung entsagt." (S. 40)

Das Ergebnis des alles Begreifen- und Beherrschenwollens ist die Herrschaft des unbegriffenen Ganzen über den Menschen. [11]

Mit der These, daß umwälzende wahre Praxis von der Unnachgiebigkeit der Theorie gegenüber der Bewußtlosigkeit abhängt, deuten Horkheimer und Adorno auf ein neues Verständnis des in den bisherigen Formen der Aufklärung verwirklichten Denkens hin. Dieses neue Denken soll durch "revolutionäre Phantasie" und "Utopismus" das Gegebene kritisieren, und "das falsche Absolute, das Prinzip der blinden Herrschaft" (S. 41) aufheben.

Wir halten fest: Das Prinzip auf dem die Entzauberung der Welt und das Wissen der Aufklärung gründen, ist das Prínzip des Selbst als Herrschaftsprinzip. Diese Auffassung des Prinzip des Selbst führt zu einer unausweichlichen Alternative der totalen Herrschaft des Selbst und somit zu einer (dialektischen) Abhängigkeit vom Beherrschten. Dabei verliert das Selbst das Moment der Reflexion: Das Ganze, in seiner Unbegreiflichkeit, herrscht über das Selbst. Nur die Kritik des Selbst als Herrschaftsprinzip, kann das falsche Absolute beziehungsweise die in totaler Herrschaft vollendeter Aufklärung aufheben.

II. Kritische Bemerkungen

Jürgen Habermas findet in Adornos letztem philosophischen Werk, der "Negativen Dialektik", einen Satz, der den Zentralgedanken der "Dialektik der Aufklärung" wiedergibt:

"Daß Vernunft ein anderes als Natur und doch ein Moment von dieser sei, ist ihre zu ihrer immanenten Bestimmung gewordene Vorgeschichte [...] Je hemmungsloser jedoch die Vernunft in jener Dialektik sich zum absoluten Gegensatz der Natur macht und an diese in sich selbst vergißt, desto mehr regrediert sie, verwilderte Selbsterhaltung, auf Natur; einzig als deren Reflexion wäre sie Übernatur." [12]

Mit diesem Gedanken ist die Ambivalenz der Dialektik der Aufklärung ausgesprochen. Die Herausarbeitung dieser Ambivalenz ist das besondere Verdienst von Horkheimer und Adorno. [13] Sie verlangen die Aufhebung der undialektischen Identität von Natur und Vernunft. Sie stellen das Prinzip des Selbst als Herrschaftsprinzip in Frage, um somit das Selbst von seiner Verdinglichung und Instrumentalität zu befreien. Die Frage ist aber, inwieweit das Prinzip des Selbst selbst als Grundlage der herrschaftsfreien Aufklärung unkritisiert bleibt und, ferner, inwieweit jede Kritik als Kritik von diesem Prinzip abhängig bleibt.

Damit ist nicht die Überwindung der Kritik durch einen Rückfall in die kritiklose Aufklärung gemeint, sondern das 'dia-logische' Verhältnis des Sich-selbst-in-Frage-stellen-lassens als Grundlage einer herrschaftsfreien Gesellschaft. 'Dia-logisch' bedeutet hier die Offenheit zur 'Differenz' ('dia'), die sich in der Sprache ('logos') ereignet. Die 'Differenz' bleibt für Horkheimer und Adorno als dialektischer Gegensatz zur 'Identität'. Die Überwindung der Identität mit den Mitteln der Dialektik bleibt somit selbst ambivalent. Erst eine Philosophie beziehungsweise ein Denken, das die Subjektivität als Grund der Dialektik in Frage stellt, kann m.E. diese von Grund auf befreien. [14]

Aufklärung: Bildung oder Verbildung der Menschheit? Die Ambivalenz des Begriffs Aufklärung, die Horkheimer und Adorno darstellen, ist die Ambivalenz der Subjektivität selbst. Die Utopie als Negation der Identität bleibt eine Utopie des Subjekts, solange das Wesen des Menschen mit den Kategorien Subjekt-Objekt gedeutet wird. Der Denkweg einer "Dialogik der Bildung" (Ballauff) muß allerdings gegenüber der Vermittlung der "dialektisch-reflexiven Bildungstheorie" (Derbolav) offen bleiben.[15]



Anmerkungen


[1] Wir zitieren die "Dialektik der Aufklärung" nach der Ausgabe vom Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1975. Wenn nichts anderes vermerkt, beziehen sich die im Text zitierten Stellen auf dieses Werk.

[2] Metaphysikkritik ist eine gemeinsame Charakteristik so verschiedener zeitgenössischer Denkansätze wie zum Beispiel des Kritischen Rationalismus (Popper), der analytischen Philosophie (Wittgenstein) und der Hermeneutik (Heidegger).

[3] Vgl. F. Grenz: Adornos Philosophie in Grundbegriffen (Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1975) S. 20: "Das Werk ist darin eine Ergänzung der Marxistischen Analyse der Geschichte der ökonomischen Basis der Gesellschaftsgeschichte, daß es den gleichen Vorgang unter dem Gesichtspunkt der Kultur behandelt."

[4] Unsere Aufteilung folgt der Darstellung der Abhandlung, die in drei Teile, allerdings ohne Untertitel, gegliedert ist.

[5] Sie kritisieren dabei zum Beispiel die Auffassung Freuds in "Totem und Tabu" als "anachronistisch" (S. 14) der Zauberei die Zuversicht in die Möglichkeit der Weltbeherrschung zuschreibt.

[6]  Vgl. F. Grenz, a.a.O S. 21: "Dieser Satz bietet eine Quintessenz des in der "Dialektik der Aufklärung" Gedachten. "Zivilisation" steht polemisch gegen das Wort "Kultur", das ausgespart ist, weil das, was an deren Stelle faktisch in Europa entstand, den Namen der Kultur nicht verdiene."

[7] Später (S. 25 ff) erwähnen Horkheimer und Adorno die Gegenposition, das heißt, die abstrakte Negation jeder Art von "Innerlichkeit, zum Beispiel im Buddhismus. Erst die "bestimmte Negation" (Hegel) rettet das Recht des Bildes "in der treuen Durchführung seines Verbots." (S. 25)

[8] Vgl. H.G. Gadamer: Wahrheit und Methode (Tübingen 1975), S. 258: "Alles mythische Bewußtsein ist immer schon Wissen, und indem es von göttlichen Mächten weiß, ist über ein bloßes Zittern vor der Macht (wenn man schon ein solches für ein Urstadium halten soll), aber auch über ein in magische Rituale gebanntes Kollektivleben (wie wir es etwa im frühen Orient antreffen) hinaus. Es weiß von sich, und in diesem Wissen ist es schon nicht mehr schlechthin außer sich [...]"

[9] Vgl. H. Schweppenhäuser: Spekulative und negative Dialektik. In: Aktualität und Folgen der Philosophie Hegels (Hrsg. O. Negt, Suhrkamp 1970) S. 81: "Paradox kritisiert Adorno an Hegel die Verfestigung der Dialektik durch die Spekulation. Paradox: weil diese darin, das Verfestigte verflüssigt zu haben, ihre Kraft wußte." Schweppenhäuser sieht in der Dialektik Adornos (bes. in seinem letzten philosophischen Werk "Negative Dialektik) ein Hinausgegen über Hegel, indem Adorno die Endlichkeit und somit die Negation "die noch das Absolute zu bewahren vermöchte" (S. 93) von der Negation des Endlichen im Absoluten rettet. An diesem Punkt entsteht eine interessante Parallele zwischen Adorno und Heidegger.

[10] Vgl. H.G. Gadamer, a.a.O.: "Horkheimer und Adorno scheinen mir mit ihrer Analyse der "Dialektik der Aufklärung" durchaus recht zu haben (wenn ich auch in der Anwendung soziologischer Begriffe wie "bürgerlich" auf Odysseus einen Mangel an historischer Reflexion, wenn nicht eine Verwechselung Homers mit Johann Heinrich Voss sehen muß. Wie sie schon Goethe kritisiert hat)."

[11] In diesem Sinne sollte m.E. der Satz "Das Ganze ist das Unwahre" (Th. W. Adorno: Minima Moralia, Frankfurt am Main 1970, S. 57) verstanden werden. Nicht also im Gegensatz, sondern im Anschluß an Hegels "Das Wahre ist das Ganze". Vgl. F. Grenz, a.a.O. S. 133: "Hegel hat richtig gesehen, daß das Ganze das nunmehr materialistisch als Bereich der gesellschaftlichen Praxis verstehbar geworden ist  die Wahrheit der Realität ist. In der Tat ist das Wahre das Ganze. Aber das Ganze selber ist das Unwahre. Adorno fügt seinen Satz dem Hegelschen hinzu, er setzt ihm nicht entgegen. Die Entgegensetzung findet auf einer anderen Stufe statt, dort, wo Hegel die Totalität als geschichtlich erreichte absolute Positivität ausgibt."

[12] Vgl. Jürgen Habermas: Urgeschichte der Subjektivität und verwilderte Selbstbehauptung. In: J. Habermas: Philosophisch-politische Profile (Frankfurt am Main 1971) S. 185-186: "Auf dieses Verhältnis von Autonomie und Naturbeherrschung pocht das triumphierende Selbstbewußtsein der Aufklärung. Deren undialektische Selbstgewißheit stellt Adorno in Frage."

[13] Vgl. F. Nicolin: Zwischen Berufsqualifikation und Humanität (Broschüre, Düsseldorf 1974): "Schon in den zurückliegenden Jahrzehnten haben kultur- und gesellschaftskritische Denker ganz unterschiedlicher Standorte die Ambivalenz unserer Situation aufgedeckt: [...] Max Horkheimer und Th. W. Adorno (sprachen) von der Dialektik der aufklärenden Vernunft, die als Instrument der Rationalisierung schließlich den Menschen selbst zum Gegenstand des Kalküls und der Berechnung macht. Diese Struktur unserer Daseinsordnung ist von höchstem Belang für unser Bildungskonzept."

[14] Das Denken M. Heideggers ist der Versuch einen Weg zu finden, um die Philosophie der Subjektivität aus einem geschichtlichen Verständnis des Menschen als "Da-sein", das heißt als Offenheit zum Sein, die jene Subjekt-Objekt Beziehung und somit jeder Kritik erst ermöglicht, zu "überwinden".

[15] Vgl. Stichwort "Bildung" im: Handbuch pädagogischer Grundbegriffe. Hrsg. J. Speck und G. Wehle (München 1970) S. 163-165.


Literaturverzeichnis

Gadamer, Hans-Georg: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Mohr 1975.

Grenz, Friedemann: Adornos Philosophie in Grundbegriffen. Auflösung einiger Deutungsprobleme. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1975.

Habermas, Jürgen: Urgeschichte der Subjektivität und verwilderte Selbstbehauptung. In: ders.: Philosophisch-politische Profile. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1971, S. 184-199.

Nicolin, Friedhel: Zwischen Berufsqualifikation und Humanität. Kritische Reflexionen zum Stichwort "Bildung". Broschüre. Düsseldorf: Klens Verlag 1974.

Schweppenhäuser, Hermann: Spekulative und negative Dialektik. In: Negt Hrsg.: Aktualität und Folgen der Philosophie Hegels. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970, S. 81-93.

Speck, Joseph und Wehle Josef (Hrsg.): Handbuch pädagogischer Grundbegriffe. München: Kösel 1970. Stichwort "Bildung" (C. Menze)


Letzte Änderung: 23. Juli  2017


  
 

Copyright © 2017 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.
  


 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Interviews