OFFENER BRIEF AN GREENPEACE

IN SACHEN ATOMKERNENERGIE

 
Rafael Capurro
  
 
 
    


Karlsruhe, den 17. März 2011


Sehr geehrte Greenpeace-Kollegen,

ich unterstütze voll und ganz die Verfassungsklage gegen die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken. Allerdings finde ich, dass angesichts des Desasters in Japan diese Klage nicht weit genug geht. Es dürfte spätestens jetzt klar geworden sein, dass diese Technologie an sich gegen die Menschenwürde (GG Art. 1) sowie  gegen den Vertrag von Lissabon verstößt.

Wir, Informationsethiker, geben uns viel Mühe mit der Erörterung der ethischen Implikationen der neuen (Informations-)Technologien. Siehe zum Beispiel die Ergebnisse des EU Projekts ETICA oder die "Opinions" des European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE) der Europäischen Kommission, deren Mitglied ich von 2000 bis 2010 gewesen bin.

Wir berufen uns dabei oft auf das precautionary principle, ein Prinzip das jetzt im Vertrag von Lissabon (Art. 191, Paragraph 2) verankert ist:

"Union policy on the environment shall aim at a high level of protection taking into account the diversity of situations in the various regions of the Union. It shall be based on the precautionary principle and on the principles that preventive action should be taken, that environmental damage should as a priority be rectified at source and that the polluter should pay"

Es ist kaum verständlich, dass im Falle eines solchen (erneuten) Desasters für Millionen von Menschen und für die Umwelt wie jetzt in Japan, uns nicht äußern, vor allem diejenigen unter uns, die sich sonst bei der möglichen unumkehrbaren Gefahr einer neuen Technologie auf die Menschenwürde berufen, wenn es zum Beispiel darum geht, das Recht des ungeborenen Lebens zu schützen und dabei, wie in diesem Fall, die Würde des bereits geborenen Lebens vergessen. Das trifft auch ganz besonders auf diejenigen Intellektuellen zu, die sich sonst gerne auf universale Prinzipien und Werte berufen und jetzt schweigen.


Seltsam mutet auch eine philosophische und wissenschaftliche Attitüde, die sich auf Rationalität beruft, diese aber sorgfältig von der erkenntniseröffnenden Funktion menschlicher Affekte trennt, obwohl inzwischen, spätestens seit Antonio Damasio, für Rationalisten aller Couleur klar(er) sein müsste, dass wir beim Menschen und wohl auch bei anderen Lebewesen ratio und Gefühl nicht nur nicht trennen können, sondern auch nicht trennen sollten, wenn wir uns nicht mit einem Computer verwechseln oder die Dimension der Moralität halbieren und demontieren wollen. Das ist auch bei Politikern und Experten der Fall, die meistens an Macht und/oder Geld orientiert argumentieren und den Denk-Schritt außerhalb einer Technik nicht wagen, die sie als Brückentechnologie verkaufen, wobei diese Brücke auf absehbare Zeit keine Ufer kennt, sondern immer wieder selbstbezüglich auf die gewinnbringende Sicherheit bedacht ist.

Das Argument, dass wenn wir diese Technik nicht betreiben, es andere tun, klingt so, als ob wir uns nicht nach der eigenen Vernunft, sondern nach dem Tun anderer richten sollten. Wenn Deutschland hier ein deutliches Zeichen und hoffentlich mehr als das, nämlich eine klare rechtliche Aussage, setzen würde, wäre das ein starkes Signal nicht nur in und für Europa. Wenn es auch bei uns zu spät sein wird, werden wir kaum den nachfolgenden Generationen erklären können, dass wir davon nichts gewusst haben.

Man sagt zwar 'Angst sei kein guter Ratgeber', gemeint ist aber Panik, denn Angst erschliesst uns eine entscheidende Dimension unseres In-der-Welt-seins. Ohne Angst sind Lebewesen möglichen Gefahren ausgeliefert. Wenn die friedliche Nutzung der Kernenergie
der Ausdruck 'friedliche Nutzung' ist blanker Zynismus uns heute, insbesondere nach Japan, Angst macht, dann zeigt dies eine bestimmte Ausformung unseres grundlosen Weltbezugs. Wir können dem nur eine entsprechende Antwort geben, das heisst, wir können diese Situation 'ver-antworten', wenn wir bereit sind, den tödlichen Schein dieser Technik zu entlarven, sie nicht verharmlosen, indem wir auf Geld, Arbeitsplätze, Erkenntnisgewinn, Hoffnung, dass wir sie irgendwann durch 'trial and error' beherrschen werden usw. hinweisen und so aktive Blindheit für uns und für andere betreiben. Der scheinbar kühle wissenschaftlich-technische Verstand ist hier ein unter Umständen gefährlicherer Ratgeber als die Panikmache vor allem dann, wenn er sich als gefühlsfrei gibt.


mit freundlichen Grüssen,


Rafael Capurro

 

    

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