EINE LATEINAMERIKANISCHE ANTWORT

AUF DIE DIGITALE SPALTUNG

 
Rafael Capurro
 




Beitrag zum Band 3 der ICIE-Schriftenreihe: "Vernetzt gespalten. Der digital divide aus ethischer Sicht" Hrsg. von Rupert Scheule, Rafael Capurro und Thomas Hausmanninger. Proceedings des 2. ICIE-Symposiums, Augsburg 2002, München: Fink 2003 (i.Dr.).

Deutsche Übersetzung des Dokuments der virtuellen Gemeinschaft MISTICA: "Arbeit am Internet mit einer sozialen Vision" (2002).



 

INHALT


Einleitung: Eine lateinamerikanische Antwort auf die digitale Spaltung (Rafael Capurro)

"Arbeit am Internet mit einer sozialen Vision" (VG MISTICA)
  • Hintergrund
  • Vorläufer 
  • Entstehungsprozeß
Einleitung

1. Das Internet ist nicht bloß eine technische oder kommerzielle, sondern eine soziale Angelegenheit
2. Wir befürworten die Gleichheit bezüglich der Möglichkeit des Zugangs zum Internet sowie bezüglich seiner sinnvolen Nutzung und sozialen Aneignung
3. Unser letztes Ziel ist die Veränderung unserer Gesellschaften
4. Wir glauben, dass das Internet eine Chance darstellt, aber wir überbewerten nicht dieses technische Werkzeug
5. Der Begriff "digitale Spaltung" muß aus einer kollektiven und nicht aus einer individuellen Sicht angegangen werden
6. Im Internet spiegeln sich die sozialen Spaltungen unserer Gesellschaften wider. Es hängt von uns ab, von den offenen Räumen zu profitieren und sich auch zu verteidigen
7. Das Internet kann die bereits vorhandenen menschlichen Entwicklungsprozesse potenzieren
8. Das Internet stellt Information nicht Wissen zur Verfügung
9. Die Schaffung neuen Wissens ist ein Motor von Veränderung, dass das Internet verstärken kann. Man muß aber entdecken, wie man ihn anspringen läßt.
10. Die Wirkung des Internet besteht in der Veränderung, die es generiert.
11. Wir machen uns darüber Sorgen, ob die Einführung der Informations- und Kommunikationstechnologien positive soziale Veränderungen für unsere Region mit sich bringt.



 
  

EINLEITUNG


Rafael Capurro


Das beiliegende vom Verfasser aus dem Spanischen übersetzte Dokument der virtuellen Gemeinschaft MISTICA ("Metodología e Impacto Social de las Tecnologías de Información y Comunicación en América" = Methodologie und soziale Auswirkung der Informations- und Kommunikationstechnologien in Amerika), an der etwa zweihundert Wissenschaftler aus dreißig Ländern teilnehmen, ist auch in Englisch, Französisch und Portugiesisch zugänglich (MISTICA 2002). Es stellt einen originären, aus dem Kontext dieser Region – nämlich aus Lateinamerika und der Karibik – stammenden und auf die Probleme der dortigen Gesellschaften hin orientierten Beitrag zur Beantwortung der Fragen dar, was genau unter ‚digitale Spaltung‘ aus sozialkritischer Sicht verstanden werden sollte und was getan werden müßte, um auf eine Lösung hin zu arbeiten. Was ist dabei spezifisch ‚lateinamerikanisch‘ (ich schließe darunter die Karibik ein)? Die digitale Spaltung ist ein globales Problem, dass zwar die vorhandene Spaltung zwischen der ‚ersten‘ und der ‚dritten‘ Welt womöglich vertieft, mit dieser aber nicht identisch ist, da die Ungleichheit der Chancen zum Internet-Zugang auch innerhalb der reicheren Gesellschaften anzutreffen ist. Außerdem suggeriert der Begriff ‚Spaltung‘ eine Zweiteilung, die der Komplexität der technischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Ungleichheiten in und zwischen allen Gesellschaften kaum gerecht wird (Warschauer 2002).

Von rund sechs Milliarden Menschen sind etwa 6% online. Warum nehmen die Menschen nicht am Internet teil? Kein Bedarf? Kein Computer? Kein Interesse? Kein Wissen, wie man es sinnvoll nutzt?  Kein Geld? Keine Infrastruktur? (Ipsos-Reid 2001) Die Frage nach der digitalen Spaltung wirft in neuer Form die Frage nach dem Wesen (verbal gedacht) der Gerechtigkeit auf. Damit meine ich keine metaphysische oder zeitlose Bestimmung von Gerechtigkeit, sondern eine durch und durch empirische Sicht, die sich aus den jeweiligen geschichtlichen und sozialen Konstellationen ergibt und Anlaß zu Fragen gibt, wie zum Beispiel: Welche Formen der Aneignung und/oder Ausbeutung ermöglicht die globale Vernetzung? Wie findet der Übergang von einer autonom-individuellen zu einer sozial-vernetzten Verantwortung statt? Wie ist informationelle Gerechtigkeit aus sozialkritischer Sicht zu konzipieren? Diese Fragen müssen situationsgerecht, das heißt mit Bezug auf die jeweiligen konkreten technischen, sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen gestellt und beantwortet werden.


Wir leben in einer message society, in der jeder das Recht haben sollte, nicht bloß, wie in der von den Massenmedien dominierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts, Empfänger oder passiver Zuschauer, sondern ebenso sehr Sender oder Aktivist zu sein (Capurro 2003). Wie ist aber unter den Bedingungen von weltanschaulicher Pluralität und Multikulturalität eine informationelle Synergie zu denken und zu verwirklichen, die die Welt weder in ein globales Kasino noch in ein digitales Tollhaus verwandelt? Die Diskussion um die minima sowie um die maxima moralia in bezug auf das Internet ist im vollen Gange. Mit maxima moralia meine ich keine Supermoral, sondern eine Perspektive, die sich nicht darauf beschränkt, die Rechte des Einzelnen, allem voran seine Autonomie, vor Eingriffen zu schützen und somit den Freiheitsbegriff im Sinne von ‚Freiheit von‘, im Gegensatz zu ‚Freiheit zu‘, deutet.

Die neueren Ansätze der politischen Philosophie stellen, grob gesprochen, drei Alternativen bei Gestaltung moderner Gesellschaften zur Diskussion dar, nämlich libertäre, liberale und eine kommunitarische Modelle (Weber 2003). Es handelt sich wohlgemerkt um moderne, das heißt auf Nationalstaatlichkeit basierten Ansätze, die den Fragen von ‚glokalen‘ Gesellschaften (Robertson 1995, Beck 1997) kaum gerecht werden können, zumindest solange man sie nicht ausdrücklich in diesem neuen Kontext reflektiert. Während libertäre Positionen darauf zielen, die Aufgaben des Staates auf ein Mininum zu beschränken (Nozick 1974), betonen kommunitarische Positionen seine schützende oft unterdrückende Rolle (Etzioni 1998, Taylor 1992), während liberale Ansätze (Rawls 1997, 1998, Dworkin 1997) für ein aktives Engagement des Staates bei der Wahrung von Grundrechten eintreten. Eine kommunitäre Perspektive muß aber nicht gleich paternalistisch sein. Es gibt nämlich die Möglichkeit eines Kommunitarismus von unten, das als eine emanzipatorische Variante sonst eher konservativer nationalstaaticher Modelle angesehen werden kann. Genau diese Variante scheint mir spezifisch, wenngleich nicht ausschließlich, lateinamerikanisch am vorliegenden Dokument zu sein. Das zeigt sich zunächst darin, das der ‚Autor‘ dieses Dokuments die virtuelle Gemeinschaft MISTICA ist. Das Dokument ist ein Ergebnis der sowohl face-to-face als auch virtuell mit Vernunft und sozialkritischer Leidenschaft verlaufenden Diskussion. Der erreichte Konsens ist aber keine monolithische oder nicht weiter kritisierbare Stellungnahme, bei der jede(r) am Diskurs Teilnehmende(r) ‚Mistic@‘ freiwillig und/oder stillschweigend eine abweichende Meinung aufgeben oder unterdrücken mußte, wie die regen Diskussionen auch nach der Verabschiedung des Dokuments zeigen (MISTICA 2003).


Das MISTICA-Dokument ist nicht nur eine Kampfansage an die populistische und paternalistische Praxis lateinamerikanischer Staaten und deren Politiken/Politiker, sondern auch eine theoretische Herausforderung an den libertär, liberalistisch oder eben auch kommunitaristisch denkenden ‚Norden‘, der den solidarischen Kontakt zur Basis, das heißt, zu den am wenigstens privilegierten Gruppen der eigenen Bevölkerung – und diese sind in Lateinamerika der überwiegende Teil der Einwohner dieses Kontinents – sowie zu den am wenigsten privilegierten Regionen überhaupt, verloren zu haben scheinen. Was den Liberalismus betrifft, schreibt er meistens, im ‚glokalen‘ Kontext gesehen, die digitale und mit ihr auch die anderen sozialen und ökonomischen Spaltungen fest, indem er primär die Rechte der Individuen, vor allem der Individuen in den reichen Ländern, gegen Eingriffe schützt. Was es aber in Wahrheit sowohl in den reichen als auch in den armen Gesellschaften zu verteidigen gilt, ist die Auffassung des Internet als öffentlicher Raum gegen seine ausschließende Ökonomisierung und Privatisierung.

Es gibt aber gewiß vergleichbare Stellungnahmen vor allem im Vorfeld des World Summit on the Information Society (WSIS). Hervorzuheben möchte ich in diesem Zusammenhang „A Manifesto for Daily Life Online“ der „Global Community Networking Partnership“ (GCNP), in der
1. die Rolle der Gemeinschaft (community) als wesentlicher Teil öffentlicher Politik,
2. die Bedeutung von Selbstorganisation bei dynamischen Systemen als eine ganz andere Art von governance,
3. und die absolute Notwendigkeit, das Internet als nicht-verhandelbare „commons“
als Richtlinien bei der Schaffung von sozialen Netzwerken in der Informationsgesellschaft zugrunde gelegt werden (Graham 2002).

Was ist also spezifisch ‚lateinamerikanisch‘ an diesem Dokument? Antwort: Das worauf es hinaus will. Das Dokument ist eine formale Anzeige, das heißt, es regt an, die digitale Herausforderung von den konkreten lokalen Bedürfnissen lateinamerikanischer Gesellschaften her zu denken und danach zu handeln. Wie eine lateinamerikanische Lösung der digitalen Spaltung aussehen kann, zeigen zum Beispiel die Erfahrungen mit den ‚telecentros‘, worauf es in diesem Dokument hingewiesen wird. Weitere in diese Richtung zielende kritische Ansäte stellen zum Beispiel Michel Menous „IsICTometrics“ (Menou 2001) oder die Kritik von María Edith Arce und Cornelio Hopmann (2002) an das "Harvard Networked World Readiness Guide" (Harvard University 2002) dar.

Schließlich möchte ich auf die in diesem Dokument hervorgehobene Thematik der IuK-Technologien im allgemeinen und des Internet insbesondere als ein „soziales Werkzeug“ hinweisen. Die Metapher des Werkzeugs ist meines Erachtens kaum geeignet, die Komplexität moderner Technik zu erfassen, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie nicht einfach angeeignet und beherrscht werden kann, wie im Falle eines Werkzeugs. Moderne Technik ist keine bloße Werkzeugtechnik, obwohl die Beherrschung ihrer Werkzeuge eine conditio sine qua non für ihre soziale Aneignung und das heißt für ihre spezifische Inkulturierung ist (ICIE 2004). Keine Technik ist neutral, insofern sie neue Möglichkeiten menschlichen Handelns eröffnet und die Frage ‚wozu?‘ aufkommen läßt. Man kann das Internet als eine Botschaft auffassen, wozu es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sie zu beantworten oder sie sich anzueignen. Das ist (m)eine angeletische (gr. ‚angelia‘ = Botschaft) Perspektive (Capurro 2003, 90ff, 2003a). Worauf es dann letztlich ankommt, ist die Frage, wie die  konkreten Bedürfnisse der Menschen, allem voran der am wenigsten Privilegierten, ihr Leiden und ihre Leidenschaften, von den Betroffenen selbst so artikuliert werden können, dass sie selbst eine originäre in diesem Fall also eine lateinamerikanische Antwort auf die Nutzungsmöglichkeiten des Internet geben (Capurro 2003b). Das ist die Botschaft dieses Dokuments.


LITERATUR

Arce, María Edith; Hopmann, Cornelio (2002): The concept of eReadiness and its application in developing countries. Methodological problems and results for the eReadiness of Nicaragua.

Beck, Ulrich (1997): Was ist Globalisierung? Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Capurro, Rafael (2003): Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner Verlag. Schriftenreihe zur Medienethik der Hochschule der Medien, Band 2.

Capurro, Rafael (2003a): Angeletics – A Message Theory. In: Hans H. Diebner, Lehan Ramsay Hrsg.: Hierarchies of Communication. Karlsruhe: ZKM, Center for Art and Media, S. 58-71.


Capurro, Rafael (2003b): Passions of the Internet

Dworkin, Ronald (1997): Liberalism. In: Julian Nida-Rümelin, Wilhelm Vossenkuhl, Hrsg.: Ethische und politische Freiheit. Berlin, New York: de Gruyter, S. 180-204.

Etzioni, Amitai (1998): Die Entdeckung des Gemeinwesens. Frankfurt a.M.: Fischer.

Graham, Garth (2002): A Manifesto for Daily Life Online.

Harvard University (2002): Readiness for the Networked World: A Guide for Developing Countries.

ICIE (2004): Localizing the Internet. Ethical Issues in Intercultural Perspective.
In: http://icie.zkm.de/congress2004

Ipsos-Reid (2001): Why Aren’t More People Online?

Menou,  Michel (2001): IsICTometrics: Toward an alternative vision and process.

MISTICA (2002): Trabajando la Internet con una visión social. Documento colectivo de la Comunidad Virtual Mistica para el proyecto Olística, Agosto 2002, Documento Final.

 - (2003): E-Mail Austausch zu dem Dokument "Arbeit am Internet mit einer sozialen Vision".

Nozick; Robert (1974): Anarchy, State, and Utopia. New York: Basic Books.

Robertson, Rolan (1995): Globalization. In: Mike Featherstone, Scott Lash, Roland Robertson Hrsg.: Global Modernities. London: Sage.

Rawls, John (1998): Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Taylor, Charles (1992): Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus. Frankfurt a.M.: Surhkamp.

Warschauer, Mark (2002): Reconceptualizing the Digital Divide.

Weber, Karsten (2003): Informationelle Grundversorgung und Eingriffsfreiheit. Der Zugang zu Informationen aus der Perspektive politischer Philosophie (i.Dr.).


 Letzte Änderung: 29. Januar 2010


 
  

Arbeit am Internet mit einer sozialen Vision

Kollektives Dokument der Virtuellen Gemeinschaft Mistica für das  Olistica-Projekt

August 2002


Hintergrund

Dieses Dokument ist das Ergebnis kollektiver Arbeit (Siehe Kapitel "Prozeß"). Es sollte als Orientierung für verschiedene Aktivitäten dienen, die in Zusammenhang mit den Projekten MISTICA und OLISTICA von der Fundación Redes y Desarrollo FUNREDES (Stiftung Netze und Entwicklung)  koordiniert werden.

Das Dokument sollte insbesondere als Grundlage für eine alternative Beobachtung der sozialen Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK-Technologien) in Lateinamerika und der Karibik dienen. Diese Beobachtung schöpft ihre Einsichten aus den Prinzipien der "Isticometria", die besagen, dass die Indikatoren innerhalb von partizipativen Prozessen entwickelt werden sollen. Nur so ist es möglich, die von den Gemeinschaften festgelegten Prioritäten mit einzubeziehen, um die Indikatoren in Abstimmung mit der sozialen Relevanz der Phänomene, worauf sie hinweisen, zu entwickeln. Diese Relevanzkriterien können nicht den Vorurteilen der Eliten oder der herrschenden Akteure überlassen werden. Die Perspektive besteht also darin, dass die Gesellschaften, die Akteure und insbesondere jene Personen, die davon profitieren sollen, am Prozeß der Formulierung von öffentlicher Politik beteiligt werden.

Dieses Dokument versucht dementsprechend eine Vision vom Internet als einem Werkzeug für die soziale Entwicklung in einer allgemeinverständlichen Sprache zu entwickeln. Sie wurde von einem Personenkollektiv, bestehend sowohl AkademikerInnen als auch aus BasisaktivistInnen, im Rahmen von virtuellen Diskussionen seit 1999 konzipiert. Die Reichweite dieses Dokuments sollte dementsprechend jenseits der erwähnten Projekte liegen. Es könnte einen Beitrag unserer Region zur internationalen Debatte um die Informationsgesellschaft darstellen.


Vorläufer

Das Mistica-Projekt hat zwei solche kollektive Dokumente über dieselbe Thematik aber aus unterschiedlichen Perspektiven hervorgebracht:

  • Doc-SAM: "Carta a Emilio o el relate onírico de la reunión de Semaná" (Brief an Emilio oder der traumhafte Bericht über das Treffen in Samana), 5/99, befaßt sich zugleich allgemeinverständlich und multimedial mit der Beschreibung der Prozesse partizipativer Demokratie und deren Geist innerhalb der MISTICA-Gemeinschaft. Dieses Dokument ist lang und leicht zu lesen. Es ist nützlich für diejenigen, die der VG (= virtuellen Gemeinschaft) MISTICA beitreten oder deren Projektdynamik verstehen wollen.
  • DOC-CV: "Las TIC en América Latina y el Caraibe en el contexto de la globalización" (Die IuK-Technologien in Lateinamerika und der Karibik im Kontext der Globalisierung), 4/99, befaßt sich mit dem Verhältnis zwischen den IuK-Technologien und der Gesellschaft aus der Sicht der VG MISTICA. Es ist ziemlich umfangreich und wurde von und für Fachleute auf diesem Gebiet geschrieben. Das vorliegende Dokument ist in gewisser Weise eine Aktualisierung von DOC-CV sowie auch ein Versuch, es einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Ein weiteres Dokument läßt sich zu dieser Liste hinzufügen, das aber kein Ergebnis kollektiver Arbeit und auch kein Teil der Ergebnisse des MISTICA-Projekts ist. Es ist aber aus umfangreichen Beratungen hervorgegangen und gibt größtenteils die Überlegungen der VG MISTICA wider:

  • "Internet ¿para qué? Pensando en las TIC para el desarrollo de ALC" (Internet - wofür? Nachdenken über die IuK-Technologien für die Entwicklung von LAK)  (=Lateinamerika und die Karibik), 3/01, von Ricardo Gómez und Juliana Martínez. Dieses Dokument ist umfangreich und allgemeinverständlich.
Es gibt auch andere regionale Dokumente mit einer vergleichbaren Orientierung, welche unmittelbar oder mittelbar aus der kollektiven Reflexion in anderen Rahmen entstanden sind:
  • "Carta a la Tía Ofelia: Siete propuestas para un desarrolo equitativo con el uso de NTIC" (Brief an Tante Ofelia: Sieben Vorschläge für eine gerechte Entwicklung bei der Nutzung der neuen IuK-Technologien), 4/02, von Ricardo Gómez und Benjamín Casadiego. Das Dokument entstand aus einer kollektiven und kreativen Arbeit während der "Werkstatt zum Erfahrungsaustausch über die soziale Aneignung der neuen Iuk-Technologien für die Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik", organisiert von ITDG, Cajamarca, Perú, 3/02.
  • "¿Telecentros para que? Lecciones sobre telecentros comunitarios en América Latina y el Caribe" (Telecenters - wofür? Lehren über Gemeinschafts-Telecenters in Lateinamerika und der Karibik), 9/02 von Ricardo Gómez, Karin Delgadillo und Klaus Stroll, entstanden aus der Erfahrung des Projekts Somos@Telecentros.
Alle diese Dokumente, einschließlich des vorliegenden, stellen eine originäre und eigene Produktion aus Lateinamerika und der Karibik zu verschiedenen Themen der Informationsgesellschaft dar.

Entstehungsprozeß

Kemly Camacho, von der Fundación Acceso, hat den kollektiven Prozeß, woraus das vorliegende Dokument entstanden ist, folgendermaßen zusammengefaßt:
- Sie verfaßte einen ersten Vorschlag, in dem der einvernehmliche Inhalt der Diskussionen aus den letzten Monaten in der VG MISTICA zum Ausdruck kam.
- Diese Vorschlag wurde in der Koordinationsgruppe des OLISTICA-Projekts besprochen.
- Es entstand eine zweite Version, in der die Anmerkungen der Koordinationsgruppe integriert wurden.
- Anschließend diskutierte man das Dokument mehrere Wochen lang innerhalb der VG MISTICA.
- Schließlich wurden alle Anmerkungen in dieses Dokument integriert und es entstand eine vorletzte Version.
- Diese wurde durch die Koordinationsgruppe durchgesehen und durch den Projektleiter, Daniel Pimienta, vollendet, bevor man sie der VG vorstellte, die dann überprüfte, ob ihre Anmerkungen sachgemäß integriert wurden und den Schlußpunkt setzte.

Aus diesem Prozess erreicht man ein Produkt, das in einer meistens einvernehmlichen Weise und in groben Zügen die Fragestellungen des MISTICA-Kollektiv widerspiegelt. Dennoch muß klargestellt werden, dass es sich um ein Dokument handelt, das nicht von jedem einzelnen Mitglied der VG MISTICA formell gebilligt wurde.

Die Schlußanmerkungen, welche die Perspektive dieses Dokuments noch mehr erweitern, wurden in der Mail-Liste, die hier anfängt, zusammengestellt.

Einleitung

Die VG MISTICA, wozu LateinamerikanerInnen und KaribikerInnen gehören, hat seit einiger Zeit [Seit Februar 1999, als die Diskussionen in der VG MISTICA anfingen] einen Reflexionsprozeß über das Thema der digitalen Spaltung, der Informations- und Wissensgesellschaft und der gesellschaftlichen Auswirkung des Internet in Gang gesetzt. Unter der Überschrift "Eine soziale Vision des Internet" haben wir Überlegungen angestellt sowie Aktionen initiiert und unterstützt, um das Verstehen der Folgen und Auswirkungen dieser Technologie, wenn sie in unsere Gesellschaften eindringt, zu vertiefen, sowie um eine gesellschaftliche Aneignung des Internet zu fördern. Im Folgenden werden die wichtigsten Prinzipien vorgestellt, welche diejenigen gemeinsam teilen, die diese Vorschläge machen.

1. Das Internet ist nicht bloß eine technische oder kommerzielle, sondern eine soziale Angelegenheit 

["Internet" ist ein Kommunikationsprotokoll (TCP-IP), das erlaubt, dass Computer miteinander kommunizieren. "Das Internet ist ein Netzwerk, wodurch Personen, durch die Nutzung von Maschinen und Protokolle kommunizieren und sich informieren können. Daher ziehen wir vor, die Bezeichnung "das Internet" in bezug auf das menschliche Netz, das sich über die technologische Schicht erstreckt, zu benuzen.]

Wir sehen das Netz der Netze nicht nur als eine technologische Plattform. Wir ziehen  vor, es als einen neuen Interaktionsraum zwischen Menschen zu betrachten, das wir selbst zu unserem Vorteil geschaffen haben.

Dieser Raum verändert sich aufgrund der Interaktion selbst, die wir entwickeln. Dementsprechend glauben wir, dass diese Technologie aus einer sozialen Perspektive betrachtet, analysiert, gehandhabt, untersucht und genutzt werden muß, indem man dabei versucht, die neuen Formen von Beziehungen, die sich innerhalb dieses Raumes einstellen, die neuen sozialen Prozesse, die dieser Raum generiert und die kulturellen Veränderungen, die er verursacht, die neuen Weltanschauungen, die sich dadurch aufbauen und die neuen ökonomischen Beziehungen, die sich etablieren, zu verstehen.

Das Internet sollte nicht nur aus einer technischen Perspektive, als Netz der Netze, d.h. als miteinander vernetzten Maschinen verstanden werden. Das Internet muß als das Netz der menschlichen Netze, die sich miteinander verbinden und in der die Computer nur eine technologische Plattform darstellen, wodurch diese Beziehungen mediatisiert  werden.

Es ist klar, dass, weil es sich um eine technologische Plattform von miteinander vernetzten Computer handelt, dieses Netz menschlicher Netze mit neuen und eigenen Eigenschaften funktioniert. Dadurch dass diese Beziehungen durch die technologische Plattform mediatisiert werden, verändern sich die Kommunikationsmöglichkeiten in Form und Inhalt.

Andererseits glauben wir, dass es wichtig ist, das Internet nicht nur als ein Werkzeug für die Implementierung von neuen ökonomischen Austauschmöglichkeiten betrachtet wird - das ist, was gegenwärtig der private Sektor als erste Priorität ansetzt, fördert und unterstützt -, sondern um eine Beschleunigung der Veränderung traditioneller ökonomischer, politischer und sozialer Strukturen und Verhältnisse. Bloß unter dem Druck des Marktes wird das Internet nur die vorhandenen sozialen Unterschiede reproduzieren und vertiefen.


Die Zivilgesellschaft muß eine grundlegende Rolle dabei spielen, wenn es darum geht, die neuen Formen von Beziehungen und sozialen Strukturen zu definieren, die sich auf der Basis der Integration der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien entwickeln sollten. Das ist nicht bloß Sache der Regierungen oder der Unternehmen.

2. Wir befürworten die Gleichheit bezüglich der Möglichkeit des Zugangs zum Internet sowie bezüglich seiner sinnvolen Nutzung und sozialen Aneignung

Wir verwenden die Kategorie der Gleichheit bezüglich des Zugangs, der Nutzung und der sozialen Aneignung des Internet im Hinblick auf die Analyse, die Durchführung von Projekten und die Erarbeitung von Vorschlägen bezogen auf diese Technologie. Wir glauben, dass die Einheit dieser drei Aspekte im Hinblick auf eine positive soziale Wirkung bei der Integration des Internet in unseren Ländern wichtig ist.

Wir begreifen die Chancengleichheit bezüglich des Zugangs als Möglichkeit für alle, von den Vorteilen des Internet profitieren zu können. Diese Sichtweise schließt sowohl den Zugang zu dieser Technologie als auch die Entwicklung der technischen und methodischen Voraussetzungen, um all ihre Möglichkeiten effektiv nutzen zu können, ein. Die Barrieren für einen gerechten Zugang sind nicht nur technischer und ökonomischer, sondern auch pädagogischer, linguistischer und kultureller Natur.

In diesem Sinne bemühen wir uns um Alternativen bezüglich einer kostenlosen oder zumindest preiswerten Online-Verbindung und Ausbildung sowie auch bezüglich der politischen Optionen, der Entscheidungen und der Internet-govenance. Wir sind daran interessiert, uns in den politischen Entscheidungen bezüglich der domains, der Kosten der Räume im Internet und der juristischen Fragen rund um diese Technologie zu beteiligen, so dass unsere Visionen und Interessen berücksichtigt werden.

Wir finden, dass zwischen der Nutzung und der sinnvollen Nutzung dieses technischen Werkzeugs einen Unterschied besteht. Wir fördern Aktivitäten, die versuchen, eine Nutzung anzustreben, in der die Bedürfnisse der verschiedenen sozialen Gruppen mit der Suche nach Internet-basierten Alternativen, um sie zu befriedigen, in Verbindung gebracht werden.

Wir betonen die soziale Aneignung des Internet und meinen damit, dass dieses Werkzeug einen Sinn im Alltag der sozialen Gruppen gewinnen und zu einem Mittel für die Schaffung neuer Erkenntnisse dienen sollte, um dadurch die Realitäten, in denen sie eingebettet sind, verändern zu können.


3. Unser letztes Ziel ist die Veränderung unserer Gesellschaften

Wir, die mit dem Studium, der Forschung, der Evaluierung und der Förderung von Aktivitäten bezogen auf diese Technik befassen, bekunden ausdrücklich, dass wir uns vornehmen, sie als Werkzeug für die Veränderung unserer Gesellschaften zu nutzen. Deshalb versuchen wir neue Wege zu finden und zu fördern, wodurch sie zur Schaffung neuer Gesellschaften auf der Basis gemeinsamer Werte, mit gerechteren Verhältnissen, weniger diskriminierend und mit mehr Chancengleichheit beitragen kann.

Darüber hinaus, betonen wir unser Engagement, im Rahmen der jeweiligen Spezialisierungen, um Aktivitäten zu fördern, die die Chancen des Internet für die weniger privilegierten Gruppen unserer Gesellschaften näher bringen.



4. Wir glauben, dass das Internet eine Chance darstellt, aber wir überbewerten nicht dieses technische Werkzeug

Wir glauben nicht, dass das Internet für sich selbst Veränderungen hervorbringen kann, die zur Veränderung der ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen der weniger privilegierten Gruppen unserer Gesellschaft sowie in der Welt führen. Wir denken nicht an einen linearen Prozeß. Wir glauben nicht, so es so etwas wie ein Automatismus oder ein Ursache-Wirkung-Verhältnis zwischen dem Internet und der sozialen Entwicklung gibt.

Damit diese Technik als Werkzeug für die soziale Entwicklung dienen kann, müssen es vorher Prozesse geben, die den Gemeinschaften, Organisationen und Ländern erlauben, sich diese Technik anzueignen, so dass das Internet zu einem sinnvollen Teil ihres Alltags wird, das heisst, dass es zur Verbesserung der Lebensbedingungen beiträgt und zu etwas unmittelbar relevant für die Veränderung der gegebenen sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse wird.

Wir betonen, dass die Richtung der Aktivitäten rund ums Internet geändert werden muß. Diese setzen die Priorität bei der Einrichtung von technischen Vernetzungen und Installationen und fragen erst danach, wozu sie dienen können. Wir setzen uns für eine ursprüngliche und gemeinsame Reflexion über die wichtigsten Probleme und die vorhandenen Bedürfnisse sowie über die Art und Weise wie das Internet zu ihrer Lösung beitragen kann, um anschließend zu entscheiden, ob, wie und wo die entsprechenden Vernetzungen und Installationen aufgestellt werden.

Das Internet ist ein offenes Fenster, dass unserer Organisationen, Gemeinschaften, Personen und Ländern nutzen können, um die Lebensbedingungen der wenigen Privilegierten zu verbessern.

Wir sind uns aber auch bewußt, dass dieses von den Aktivitäten abhängt, die wir demnächst in Gang setzen, wodurch die Räume des Internet für die Veränderung unserer Gesellschaften sich dementsprechend verkleinern oder vergrößern.

In diesem Sinne, muß das Internet die Antwort zu einer Kommunikations- und Informationsstrategie sein, die sich all diejenigen zu eigen machen, die, wie unserem Fall, zur Verbesserung der Gesellschaften in denen wir leben, beitragen wollen.


5. Der Begriff 'digitale Spaltung' muß aus einer kollektiven und nicht aus einer individuellen Sicht angegangen werden

Die digitale Spaltung ist ein Produkt der sozialen Spaltung. Wir meinen, dass die digitale Spaltung nicht für sich selbst besteht, sondern ein Produkt sozialer Spaltungen ist. Das bedeutet, dass sie durch vorgegebene soziale, politische und ökonomische Differenzen sowie durch die Macht- und Ressourcenverteilung verursacht wird.

Der digitalen Spaltung läßt sich nicht allein mit miteinander vernetzten Maschinen begegnen. Der digitalen Spaltung zu begegnen, bedeutet nicht nur über Computer zu verfügen, sondern auch die entsprechenden notwendigen Fähigkeiten in der Bevölkerung zu fördern, damit sie von diesem technischen Werkzeug zur Verbesserung der politischen, sozialen und ökonomischen Entwicklung Nutzen ziehen kann. Das bedeutet zusätzlich zum Zugang zu vernetzten Computer, die persönliche Selbstachtung, die Organisation der eigenen Gemeinschaft, das Niveau der Ausbildung, die eigenen Fähigkeiten der Interaktion mit anderen Personen und Gruppen, die entsprechenden Machtebenen, um Vorschläge machen zu können und vieles mehr. Die digitale Spaltung zu überwinden, bedeutet, dass die Gruppen mit denen wir arbeiten, genügend Kapazität haben, um von dieser Technik für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und die ihrer Umgebung profitieren zu können.

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die digitale Spaltung nicht nur aufgrund der Infrastruktur (zum Beispiel durch die Anzahl der miteinander vernetzten Maschinen), sondern aufgrund der Fähigkeit bemessen werden sollte, die wir entwickelt haben, um die vorhandene Information und die im Internet vorhandenen Verbindungen in nützliche Erkenntnisse für die Verbesserung unserer Lebensbedingungen und unserer gegenseitigen Solidarität umzuwandeln.

Die Überwindung der digitalen Spaltung ist eine kollektive und keine individuelle Angelegenheit. Deshalb sind wir mit der Idee eines individuellen Maßstabs der digitalen Spaltung nicht einverstanden. Der übliche Maßstab besteht darin, die Anzahl der Einwohner mit der der vernetzten Computer in Beziehung zu setzen. Wir befürworten die Idee, die kollektive Option höher zu bewerten. In diesem Sinne glauben wir, dass die Vorteile des Internet nicht aus der Online-Vernetzung selbst her stammen, sondern aus den Auswirkungen, die diese verursacht. Das heißt, dass wir über die Verringerung der digitalen Spaltung sprechen können, wenn die Vorteile dieses Werkzeugs die gesamte Gemeinschaft erreichen, auch wenn diese wenige oder keine miteinander vernetzten Computer besitzt. Wenn wir von der Überwindung der digitalen Spaltung sprechen, sprechen wir von Gemeinschaften, Organisationen oder Familien, die vom Internet profitieren, auch wenn sie nicht damit direkt vernetzt sind. Wir sprechen nicht von einer ein-zu-eins Beziehung oder von der Beziehung Individuum-Maschine.


Das läßt sich folgendermaßen veranschaulichen: Eine Gruppe von Jugendlichen in einer Gemeinschaft hat Zugang zum Internet in ihrer Schule (nicht in ihrer Gemeinschaft). Sie entdecken aufgrund dieses Werkzeugs, wie man Flußwasser in Trinkwasser umwandelt und sie besprechen diese Information mit den Erwachsenen Sie, passen diese Information an ihre Lebensbedingungen an indem sie ein ähnliches Projekt verwirklichen, angepaßt an deren Bedürfnissen und Weltanschauungen. Sie schaffen zusammen die Umwandlung von Flußwasser in Trinkwasser. Wenn dieses Beispiel nachgeahmt wird und ähnliche Aktivitäten folgen, werden die Vorteile des Internet dieser Gemeinde näher gebracht. Wir sprechen von Aktivitäten, die eine Verkleinerung der digitalen Spaltung für diese Gemeinschaft bewirken, obwohl nur eine Gruppe von Jugendlichen den Internet-Zugang hatte und es keinen Computer-Zugang für diese Gemeinschaft gibt.

Wir glauben, dass die digitale Spaltung bewertet auf der Basis der Vorteile des Internet, die der Bevölkerung erreichen oder nicht, bewertet werden muß. Wir glauben auch, dass dies nicht allein mit der bloßen Vernetzung stattfindet. Es ist klar, dass diese Prozesse einfacher sind, wenn es eine Vernetzung in der Gemeinschaft gibt, aber die bloße Vernetzung macht keinen Unterschied.

Dementsprechend fördern wir Aktivitäten, die die digitale Spaltung verkleinern, indem sie die Vorteile des Internet der Bevölkerung als Ganzes erreichen und nicht bloß  Aktivitäten, die dazu tendieren, jedem einzelnen mit dem Internet zu verbinden. Wir glauben, dass die Anstrengungen und Ressourcen, um die digitale Spaltung zu verkleinern, nicht Maschinen-zentriert sein sollten, sondern sich auf gemeinschaftliche, organisatorische und nationale Prozesse beziehen müssen, wodurch die Vorteile dieser Technologie die Mehrheit der Bevölkerung erreicht.


6. Im Internet spiegeln sich die sozialen Spaltungen unserer Gesellschaften wider. Es hängt von uns ab, von den offenen Räumen zu profitieren und sie auch zu verteidigen

Natürlich gibt es Unterschiede im Internet. Wir haben alle weder die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu dem, was im Netz vorhanden ist, noch dieselben Gelegenheiten, um das zu veranschaulichen, was wir produzieren, noch dieselben technischen Ressourcen und Anlagen, um von diesem Werkzeug zu profitieren. Diese Unterschiede beziehen sich auf die Kosten und auf die Kenntnis der Technologie.

Wir sind darüber besorgt, obwohl wir glauben, dass es noch viele offene Räume gibt. Wir arbeiten daran, Aktivitäten zu fördern, die die Gefahr verringern, wodurch das Internet zu einem Werkzeug wird, das hauptsächlich von denjenigen gebraucht wird, die die ökonomischen Ressourcen besitzen und mit ihnen daran beteiligt sind.

Wir versuchen, dass diejenigen in unseren Gesellschaften, die kaum Möglichkeiten haben, gehört zu werden, in diesem Werkzeug einen Raum finden, um ihren Stimmen Gehör zu verschaffen, sowie um mit anderen Menschen zu interagieren und sich zu organisieren in einem Ort, wo sie Information finden können, die ihnen helfen kann, Lösungen zu finden, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.


7. Das Internet kann die bereits vorhandenen menschlichen Entwicklungsprozesse potenzieren

Das Internet ist vor allem ein Werkzeug tauglich um zwischenmenschliche Netze zu ermöglichen und zu verstärken. Seine Einführung erlaubt die Schaffung eines neuen sozialen Netzes, das wir verstehen und uns aneignen müssen.

Das Internet ist ein Werkzeug, das dazu dienen kann, die Prozesse zu vereinfachen, zu verbessern und zu beschleunigen, die sich zur Zeit in den Ländern, Gemeinschaften, Organisationen und Regionen vollziehen, mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern.

Dementsprechend unterstützen wir Aktivitäten, die dazu dienen, das Internet innerhalb der sozialen Praktiken und der bereits vorhandenen organisationalen Initiativen zu integrieren, mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensbedingungen der am wenigsten Privilegierten, sowie zur Förderung der Entwicklung von breiteren partizipativen Prozessen.



8. Das Internet stell Information nicht Wissen zur Verfügung

Wir glauben, dass das Internet eine unendliche Informationsquelle ist, aber dass es uns nicht mit Wissen versorgt. Wir sind diejenigen, die Wissen in individueller oder kollektiver Form produzieren, indem wir uns Informationen aneignen, darüber reflektieren, sie an unsere Erfahrungen, Bedürfnisse und Weltanschauungen anpassen, wenn wir face-to-face oder virtuell mit anderen darüber diskutieren.

Die Schaffung von Wissen impliziert die Entwicklung eines "Denkprozesses" und das ist eine ganz und gar menschliche Handlung. Das Internet hilft uns und vereinfacht diesen Prozeß, indem wir dabei auf ähnliche Erfahrungen, lessons learned oder neue Ideen stoßen, wodurch wir Anregungen bekommen, unsere Visionen erweitern und mit Personen und Gruppen aus verschiedenen Erdteilen ausführlich diskutieren. Aber der Prozeß der Wissensgenerierung findet außerhalb von Internet statt.

Wir glauben, dass es notwendig ist, den Mythos zu überwinden, dass Information Wissen ist und dass deshalb, aufgrund der einfachen Tatsache mit dem Internet verbunden zu sein, dies zu mehr Wissen führt.




9. Die Schaffung neuen Wissens ist ein Motor von Veränderung, dass das Internet verstärken kann. Man muß aber entdecken, sie man ihn anspringen läßt.

Die Schaffung neuen Wissens aufgrund der Integration von Internet als Informations- und Kommunikationswerkzeug ist kein einfacher Prozeß. Es ist unumgänglich die neuen Geschicklichkeiten und Fähigkeiten, die Veränderung in den Arbeitsprozessen und die neuen pädagogischen Profile, die uns erlauben, von diesem Werkzeug für die Wissensgenerierung zu profitieren, zu entdecken. Wenn wir nicht darüber reflektieren, laufen wir Gefahr, uns bei den vielen Informationen hängen zu bleiben, ohne die gesuchten Veränderungen zu bewirken. Wir erstarren gegenüber der schieren unbeherrschbaren Anzahl von Daten.

Die Schaffung von Wissen, woraus neue Lösungen für die Bedürfnisse und Verbesserungen bei der Art und Weise, wie die Dinge gemacht werden, entstehen sowie Alternativen zu den Problemen ergeben, wird ein Motor für die Umwandlung der Gesellschaften werden. Dies zu lernen ist kein spontaner Prozeß. Deshalb fördern wir Analysen und Forschungen, die den Schwerpunkt bei der Entdeckung neuer Methoden, wie die Dinge gemacht werden können, setzen, indem wir diese Ideen bei internationalen Agenturen sowie bei den nationalen und lokalen Regierungen und bei Organisationen und Gemeinschaften befürworten.

Die Entdeckung dieser neuen Methoden, um die Dinge anders zu machen, muß in Zusammenarbeit mit den sozialen Akteuren stattfinden, so dass der Aufbauprozeß unterschiedliche Weltanschauungen berücksichtigt und die Aneignung des technischen Werkzeugs stimuliert wird.

Wichtig ist, dass das Internet zu einem nützlichen Werkzeug für die am wenigsten privilegierten sozialen Gruppen wird, das ihnen erlaubt, neues Wissen zu generieren, wodurch sie ihre Lebensbedingungen verbessern und die Gesellschaften in denen sie leben, verändern.


10. Die Wirkung des Internet besteht in der Veränderung, die es generiert

Wenn wir diesen Denkansatz in bezug auf die Wirkung des Internet fortsetzen, versuchen wir zu verstehen, wie das Internet die Alltäglichkeit der Menschen, ihr persönliches Leben, ihre Arbeit, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen, ihre Organisationsformen und ihr bürgerliches Leben verändert hat.

Wenn wir davon sprechen, die Wirkung des Internet zu bewerten, versuchen wir zu entdecken, in welchem Maße das Internet die sozialen und persönlichen Beziehungen derjenigen verändert, die diese Gemeinschaften bilden. Wir betonen nicht die Anzahl der Computer, die Geschwindigkeit der Online-Verbindung, die Anzahl der Botschaften usw. Dies sind unserer Meinung nach Elemente, die uns erlauben, den Kontext zu verstehen, in dem wir uns entwickeln. Wir versuchen, über diese Erscheinungen hinaus zu gehen, um das Wesentliche, das dieser Umwandlung überdauern wird, zu verstehen.


11.  Wir machen uns darüber sorgen, ob die Einführung der Informations- und Kommunikationstechnologien positive soziale Veränderungen für unsere Region mit sich bringt

Wir begreifen uns dadurch als BürgerInnen, indem wir bekräftigen, dass eine neue Informations- und Wissensgesellschaft im Entstehen ist. Wir bemühen uns, kein Schlagwort zu wiederholen. Wir glauben, dass alle Gesellschaften ihre eigenen Formen der Wissenserzeugung hatten und dass dieser Prozeß mit dem kulturellen Kontext zusammenhängt.

Wir betrachten sorgfältig, welche Veränderungen in den sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen stattfinden, um sicher zu gehen, dass diese nicht eher die bereits vorhandenen Strukturen verstärken, sondern dass sie wesentlich sind.

Darüber hinaus glauben wird, dass das Internet nicht der einzige Faktor für die Veränderung der Gesellschaften heute ist. Wir haben eine ganzheitliche und kritische Sicht, wenn es darum geht, die verschiedenen Faktoren und Prozesse zu analysieren, die sie ständig verändern.


12. Man kann auch ohne Internet leben

Wir glauben, dass das Internet auch negative Auswirkungen auf das persönliche, organisatorische und soziale Leben haben kann. Oft ist es so, dass das, was in diesem Medium transportiert wird, mehr Quantität als Qualität ist. Das Internet kann zusätzliche Arbeit, Sättigung, Einschränkung persönlicher Kontakte, Gefühle der Unmittelbarkeit, Verringerung der Lese- sowie der Reflexions- und Entspannungszeiten verursachen.

Es ist auch möglich, ohne das Internet zu leben, trotz des kontextuellen Drucks, der alle Personen, Organisationen und Institutionen dazu veranlaßt, sich zu vernetzen. Dennoch muss diese Entscheidung mit voller Kenntnis der Sachverhalte getroffen werden, das heißt, nachdem man die Gelegenheit hatte, zu erfahren, welche Dynamik mit dem Internet verbunden ist.


13. Überlegungen um die soziale Aneignung des Internet in unseren Aktivitäten und Projekten zu bestimmen

Ausgehend vom bisher Gesagten und als zusammenfassender Leitfaden, stellen wir im Folgenden eine Reihe von Fragen, die uns erlauben, die unterschiedlichen Vorschläge und Aktivitäten zu analysieren, die sich in bezug auf die Einführung des Internet in unseren Gesellschaften ergeben.

1. Bezüglich der Chancengleichheit beim Zugang
a. Gibt man die Priorität den wenigen privilegierten Gruppen?
b. Wird die technische und methodische Ausbildung integriert in ein umfassendes Konnektivitätskonzept?
c. Gibt man Zugang zu allen Ressourcen des Internet, so dass die Gemeinschaften entsprechend ihren Bedürfnissen wählen können oder schränkt man den Zugang zu einigen Diensten ein?
d. Fördern die Zugangsprozesse zum Internet, die man jetzt entwickelt oder plant, Formen kollektiven  Zugangs zu diesem technischen Werkzeug? Inwiefern fördern sie die Verringerung der digitalen Spaltung in bezug auf die jeweiligen vernetzten Gemeinschaften, Organisationen und Familien?

2. Bezüglich der sinnvollen Nutzung
a. Inwiefern fördern die Formen von Internet-Nutzung, die man zur Zeit entwickelt oder vorhat zu entwickeln, die Bildung weniger diskriminierende Verhältnisse sowie die Chancengleichheit?
b. Inwiefern fördern die Formen von Internet-Nutzung, die man zur Zeit entwickelt oder vorhat zu entwickeln, eine Umwandlung der gegebenen ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse?
c. Inwiefern sind Formen von Internet-Nutzung in die gegenwärtigen sozialen Bewegungen integrierbar oder stehen sie eher für erzwungene und nicht wünschenswerte Veränderungen?
d. Inwiefern fördern die Formen von Internet-Nutzung die Stärkung von partizipativen Prozessen mit den Bevölkerungsgruppen mit denen man zusammenarbeit?

3. Bezüglich der sozialen Aneignung
a. Inwiefern erlauben die Aktivitäten, die man vorantreibt oder vorantreiben will, den Bevölkerungsgruppen, die davon profitieren sollen, dem Internet einen eigenen, authochtonen  und authentischen Sinn, der ihrem alltäglichen Leben entspricht?
b. Inwiefern ermutigen die Aktivitäten, die man entwickelt oder vorhat zu entwickeln, die betreffenden Bevölkerungsgruppen, sich an der Definition und am Management dessen, zu beteiligen, was man aufgrund der Internet-Nutzung realisieren will?
c. Inwiefern fördern die Internet-Aktivitäten gemeinschaftliche, organisationale und nationale Prozesse, die zu gerechteren, fairen und nachhaltigeren Gesellschaften beitragen?
d. Inwiefern fördern die Aktivitäten Prozesse, die erlauben, dass die Vorteile des Internet, die am wenigsten Privilegierten Bevölkerungsgruppen der Gesellschaften erreichen, besonders diejenigen, die keinen Zugang zu diesem Werkzeug haben?

4. Bezüglich der Generierung neuen Wissens
a. In welcher Art und Weise tragen die Nutzungsformen des Internet zur Lösung von konkreten Bedürfnissen der Bevölkerungsgruppen, mit denen man zusammenarbeitet, bei?
b. In welcher Art und Weise tragen die Nutzungsformen des Internet, die man anstrebt, dazu bei, bei der Suche von Alternativen zu den von den Bevölkerungsruppen vorgestellten Problemen mit denen man zusammenarbeitet?
c. Inwiefern tragen die Nutzung der Aktionen, die man fördert, zur Verbesserung der Lebensbedingungen der am wenigsten privilegierten Bevölkerungsgruppen, bei?
d. Inwiefern erlauben die Nutzungsformen des Internet, die man fördert, zur Erweiterung der bei den Bevölkerungsgruppen zugänglichen Information, so dass sie anhand angemesseneren Kriterien ihre Entscheidungen treffen können?
e. Inwiefern tragen die Aktivitäten zur Verbesserung der Möglichkeiten von Selektion, Organisation und Interpretation der für das alltägliche Leben der Bevölkerungsgruppen, mit denen man zusammenarbeitet, nützlichen Information, bei?
f. In welchem Sinne, fördern die Aktivitäten, die man vorantreibt, strukturelle Veränderungen bei den Bevölkerungsgruppen und Organisationen, so dass sie innovative Prozesse in Gang setzen können, um die Vorteile des Internet im Alltag integrieren zu können?

5. Bezüglich der Verteidigung der eigenen Räume im Internet und der Visualisierung
a. Inwiefern tragen die Aktivitäten, die man fördert, zur Produktion von lokalen Inhalten bei?
b. Welches Niveau von Partizipation haben die Bevölkerungsgruppen mit denen wir arbeiten, bei der Internetplazierung lokaler Inhalte entwickelt?
c. Inwiefern tragen die Aktivitäten zur Verbreitung und Förderung der Internetplazierung lokaler Inhalte bei?
d. In welchem Sinne fördert das Internet einen Raum, in dem die am wenigsten privilegierten Gruppen der Gesellschaft und die einheimischen Kulturen sich ausdrücken können?

6. Bezüglich des vom Internet verursachten sozialen Wandel
a. In welchem Sinne trägt die Entwicklung des Internet dazu bei, dass Dimensionen gefördert werden wie die Entwicklung des persönlichen und kollektiven Selbstwertgefühls, die gemeinschaftliche Organisation, die Verbesserung des Ausbildungsniveaus, die Fähigkeit der Interaktion mit anderen Personen, die Gewinnung von Einfluss und die Entwicklung der Fähigkeit, Vorschläge zu machen, der Bevölkerungsgruppen, mit denen man zusammenarbeit?
b. In welchem Sinne verändern die Aktivitäten zur Entwicklung des Internet die Alltäglichkeit der Leute auf einer persönlichen, beruflichen, zwischenmenschlichen und bürgerlichen Ebene?
c. Welche Wahrscheinlichkeit besteht, dass die verursachten Veränderungen aufgrund der durchgeführten Aktivitäten, nachhaltig wirken?




 
    

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