DIGITAL-VERNETZTE WELTKONSTRUKTION

 
Rafael Capurro
  
 
 
 
Beitrag zu der Arbeitstagung: "Informatik: Aufregung zu einer Disziplin". Leitung: Frieder Nake (Universität Bremen), Arno Rolf (Universität Hamburg), Dirk Siefkes (TU Berlin). Organisation: Peter Bittner (TU Darmstadt, Zentrum für interdisziplinäre Technikforschung), Heppenheim an der Bergstraße, 6.-8. April 2001. Erschienen in: F. Nake, A. Rolf, D. Siefkes, Hrsg. Informatik. Aufregung zu einer Disziplin. Universität Hamburg, Fachbereich Informatik, Bericht 235 (2001) S. 34-35. 

 

  
 
 

Message 1

Alle — Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, die Gesellschaft insgesamt — sind inzwischen aufgeregt und, wie ich meine, mit guten Gründen, denn die digitale Welvernetzung greift in die Breite und Tiefe unseres Lebens ein. 

Dass wir von einem digital divide sprechen ist dafür symptomatisch. Der Zugang (access) zum Internet ist zum Maßstab unserer politischen und ökonomischen Existenz geworden.

Die Aufregung betrifft weniger eine Disziplin, die Informatik, als vielmehr die Auswirkungen einer, wie man früher sagte, Weltanschauung. Wie schaut die Welt heute aus? Antwort: digital-vernetzt, oder genauer, digital-vernetzt geteilt.
 

 

Message 2

Die vorherige Weltkonstruktion war die der Newtonschen Mechanik  — sein Werk "Philosophiae naturalis principia mathematica" erschien 1687  —, die im 20. Jahrhundert durch die Quantenmechanik und durch die Digitalisierung in ihrem Geltungs- und Wirkungsanspruch erschüttert wurde. Wie können wir existieren innerhalb einer Weltkonstruktion, die sich durch einen in sich geschlossenen (immanenten) Determinismus auszeichnet?

Die theoretischen und praktischen Herausforderungen waren gewaltig. Hume und Kant gaben jeweils eine skeptische und eine kritische Antwort auf die theoretische Herausforderung. Die praktische Antwort war die Industriegesellschaft und die neuzeitliche staatliche Maschinerie.

Claude Elwood Shannons Schrift "A Mathematical Theory of Communication" (1948) stellt so etwas wie die "Philosophiae artificialis principia informatica" dar. Sie bildet zusammen mit der Quantenmechanik, der "Philosophiae naturalis principia quantica", die Grundlage der heutigen Weltkonstruktion.

Die philosophische Antwort darauf läßt auf sich warten. Die praktischen Auswirkungen, zunächst unter dem unscheinbaren Titel "Informationsgesellschaft", sind unübersehbar auch wenn sie erst in ihren Anfängen sind.

Der Materialismus des 19. und auch der des 20. Jahrhunderts ist durch den Informatismus abgelöst worden.
 

 

Message 3

Die Erschütterung der bisherigen Weltkonstruktion und ihrer philosophischen Entsprechung zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Diskussion um die Würde des Menschen in Zusammenhang mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms auf der Basis der digitalen Technik. "Würde" war Kants Antwort auf die Naturalisierung und Quantifizierung des Menschen. Dem Menschen als Naturwesen ("homo phaenomenon") korrelierte der Mensch als Freiheitswesen ("homo noumenon").

Der neuzeitliche Mensch konnte als Naturwesen innerhalb der mechanischen Weltkonstruktion alles, einschließlich sich selbst, auf seinen quantifizierbaren Wert hin berechnen, allen voran seine Waren. Das Kapital und die Warenzirkulation der Industriegesellschaft konnten sich am Beispiel der so d.h. mechanisch und deterministisch konstruierten Natur verselbständigen. Marx nannte diesen Prozeß "Fetischismus".

Das Geheimnisvolle der digitalisiert-vernetzten Information besteht darin, dass sie den produzierenden und kommunizierenden Menschen widerspiegelt. Die Netze werden zu gesellschaftlichen Dingen, obwohl ihre physische Natur mit dem gesellschaftlichen Verhältnis der Menschen untereinander nichts zu schaffen hat (K. Marx, Das Kapital, I, Erster Abschnitt, 1. Kapitel, IV).

Die Grundlage gesellschaftlicher Prozesse ist der digital-vernetzte Geist, der zugleich die Natur umfaßt.
 

 

Message 4

Der Reichtum der Gesellschaften erscheint heute nicht mehr nur wie eine "ungeheure Warensammlung", sondern wie eine ungeheure Vernetzung digitaler Informationen. Unsere Untersuchung müsste daher mit der Analyse der Information beginnen. Die Produkte der menschlichen Hand sind in der Informationswelt zugleich Produkte des menschlichen Kopfes, die so nicht mehr in die "Nebelregion der religiösen Welt flüchten" (K. Marx, a.a.O.).

Anstelle der Gesellschaftstheorie tritt jetzt die Informationstheorie oder, genauer gesagt, die Informatik ein, d.h. jene Disziplin die zugleich für die Grundlagen der neuen Weltkonstruktion und für ihr praktisches Funktionieren sorgt.

Das neue Klassenbewußtsein äußert sich im Aufstellen einer Differenz, des digital divide. Sie richtet sich nicht mehr allein nach dem Warenbesitz und dem der Produktionsmittel, sondern nach der Herrschaft über die digitalen Informationsmittel. Die Geldzirkulation ist jetzt an die digitale Informationszirkulation gekoppelt. Das macht das Wesen der new economy aus.
 

 

Message 5

Was tun? Der Pragmatismus rät uns dazu, von Fall zu Fall zu entscheiden und uns nicht (mehr) ums "Grundsätzliche" zu kümmern. Das hat aber den Nachteil, dass wir die Herausforderung der neuen Weltkonstruktion nicht als solche annehmen, sondern uns mit dieser Konstruktion einfach identifizieren.

Somit fallen wir hinter unseren eigenen Möglichkeiten zurück. Eine andere Strategie besteht darin, uns mit den Antworten, die wir für die Herausforderungen der mechanistischen Weltkonstruktion entwickelten, zufrieden geben zu können glauben. Wenn wir aber ehrlich sind, merken wir, dass die Fragen, auf die wir eine Antwort suchen müssen, zumindest teilweise neu sind.

Wie können wir uns so individuell uns sozial entwerfen, dass wir der digital-vernetzten Weltkonstruktion und ihren zum Teil noch verborgenen Möglichkeiten gewachsen sind?

Denn ich glaube nicht, dass wir Herr unserer Weltkonstruktionen sind. Vielleicht also dadurch, dass wir in die Ab-Gründe informationeller Prozesse hineinschauen und uns darin den Spiegel vorhalten.
 

 
 
Letzte Änderung: 15. Febrar 2014

 

 
    

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