INFORMATION

Ein Begriff macht Geschichte 

Rafael Capurro

  
 
 
 
Vorwort zum Buch von Sascha Ott: Information. Zur Genese und Anwendung eines Begriffs. Konstanz: UVK 2004, 9-13.





Information ist die Signatur unseres Zeitalters. Dafür gibt es keine bessere Bestätigung als das World Summit on the Information Society (WSIS) (Genf 2003 - Tunis 2005), dessen vornehmes Ziel die Überwindung der digitalen Spaltung (digital divide) ist. Demnach scheint es so zu sein, als ob wir noch nicht in einem informierten Zeitalter, wohl aber im Zeitalter der Information lebten. Diese Anspielung an die Kantische Antwort auf die Frage, ob wir in einem aufgeklärten Zeitalter leben, lässt erahnen, welche Sprengkraft sich hinter diesem banalen Begriff verbirgt, wenn wir ihn im Kontext der digitalen Weltvernetzung verwenden. Kämpfte die Aufklärung gegen die Bevormundung durch das Militär, die Kirche und die Politik, dann sieht es heute so aus, als ob sie zwar gegen die kirchliche Bevormundung gesiegt hätte, während ihr Traum eines von Politik und Militär emanzipierten Mediums sich nur verzerrt im Internet verwirklicht hätte. Die Chancen dafür stehen auf den ersten Blick nicht schlecht, obwohl das 20. Jahrhundert uns mächtige Medienmonopole bescherte, deren Macht gegenüber der voraufklärerischen kirchlichen Bevormundung um ein vielfaches größer ist, und diese durch das seit der Aufklärung proklamierte Prinzip der Pressefreiheit als legitimiert erachtete. Man kann mit guten Gründen behaupten, dass gerade die Spannung zwischen dem Prinzip der Pressefreiheit und der hierarchischen Struktur der Massenmedien das informationsethische Dilemma dieses medialen Systems, dessen Vorherrschaft im 20. Jahrhundert einen Höhepunkt erreichte, darstellt.

Wenn diese These stimmt, dann wird es auch verständlich, warum das Internet mit seiner dezentralen und interaktiven Struktur so große Hoffnungen seit seiner Entstehung weckte und immer noch weckt, wenngleich einige von ihnen sich bald als utopisch zeigten und andere noch als gefährdet erscheinen, nicht zuletzt weil, wie man leicht vorhersehen kann, die alten Medienmonopole ihre Macht nicht kampflos aufgeben werden. Wäre die Mediengeschichte umgekehrt verlaufen, d.h. wäre zunächst das Internet – dieses Medium für die Massen – und danach die Massenmedien entstanden, würden wir diesen Wechsel als  Übergang von einer freien zu einer regulierten Struktur empfinden, während die Massenmedien ihn als Übergang von einem geordneten zu einem chaotischen, ihren Einfluss schmälernden Zustand auffassen. Das ethische Dilemma des Informationszeitalters lautet: Wie lässt sich das Prinzip der Kommunikationsfreiheit in der durch vielfältige politische und wirtschaftliche Interessen bestimmten digitalen Weltvernetzung verwirklichen? Wir leben in einer, wie ich sie zu nennen pflege, message society, das heißt, in einer Gesellschaft in der, die Frage wer, welche Botschaften an wen und mit welcher Wirkung senden oder empfangen kann deshalb virulent geworden ist, weil im Prinzip im Medium Internet, jeder in Sender sein kann und zwar nicht nur, wie im Falle der Individualmedien, in einer one-to-one Struktur, sondern auch in den anderen Möglichkeiten (one-to-many, many-to-one, many-to-many), die bisher weitgehend in den Händen von Sendermonopolisten waren.

Wenn wir also heute von Information sprechen, dann tun wir das vorwiegend in diesem technischen Kontext, obwohl wir uns zugleich bewusst sind, dass die digitale Informationstechnik, den Gebrauch dieses Begriffs ganz unabhängig von diesem anthropologischen Kontext ermöglicht, ja sie sogar diesen Kontext sozusagen von Anfang an ausgeklammert hat. Das war die schockierende Nachricht, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die epochemachende Schrift von Claude Elwood Shannon: „A Mathematical Theory of Communication“ (1948) wirkungsvoll verbreitet wurde. Indem Shannon die semantischen und pragmatischen Aspekte des alltagssprachlichen Informationsbegriffs beiseite legte und Information als ein statistisches Maß der Ungewissheit bei der Übertragung einer Nachricht („message“) auffasste, verstieß er sozusagen gegen den common sense, wie Warren Weaver ein Jahr später in der gemeinsamen Veröffentlichung bemerkte (Capurro/ Hjørland 2003). Die über ein halbes Jahrhundert andauernde wissenschaftliche Debatte um den Informationsbegriff nahm von hier aus ihren Gang.

Es ging zunächst und vordergründig um die mögliche Reichweite dieses nachrichtentechnisch fundierten Informationsbegriffs. Einige Kritiker, nicht zuletzt aus den eigenen Reihen, meinten, dass seine methodische Ausdehnung auf die Sozialwissenschaften eine Verkürzung menschlicher Phänomene und vielleicht sogar eine Enthumanisierung mit sich bringen würde. Andere versprachen sich eine Verwissenschaftlichung der soft sciences, darunter insbesondere der Ästhetik, Psychologie, Pädagogik und schließlich sogar der Philosophie selbst (Floridi 2004). Der Streit um den Informationsbegriff wurde allmählich ein wesentlicher Teil eines bis heute andauernden Humanismusstreits. Auch wenn ein Rückblick auf die Etymologie eines Wortes uns kaum zur Erhellung der Bedeutung eines Begriffs, geschweige zu seiner Präzisierung innerhalb einer wissenschaftlichen Theorie, verhilft, scheint es in diesem Falle nicht ganz nutzlos zu sein, zumal wenn wir gewahr werden, dass unser alltäglicher Informationsbegriff im Sinne von Wissensmitteilung seine Wurzeln im Lateinischen informatio und darüber hinaus in den bedeutungsschweren griechischen Begriffen eidos, idea, typos und morphé hat.

Diese philosophische Nobilitierung geht weit über eine bloße Etymologie hinaus. Sie zeigt zum Beispiel, dass der heutige Streit um den Informationsbegriff als eine Reformulierung des antiken Hylemorphismus aufgefasst werden kann – mit einem wesentlichen modernen Unterschied. Dieser Unterschied ist gerade die Einbettung dieses Begriffs im Kontext zwischenmenschlicher Kommunikation. Wir können den Zeitpunkt in dem informatio seine ontologische Bedeutung von ‚Formgebung’ zugunsten der auch in der Antike verwendeten erkenntnistheoretischen aufgab, mit dem Beginn der Neuzeit ansetzen. Ein wesentlicher Grund für diese Bedeutungsänderung war die Diskreditierung der Scholastik und ihrer spekulativen Begrifflichkeit gegenüber den aufstrebenden empirischen Wissenschaften. Es ist deshalb paradox, dass in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine erneute Drehung stattfindet, wodurch der Informationsbegriff aus dem anthropologischen Kontext herausgenommen und die Bedeutungsbreite des antiken auf die griechische Metaphysik zurückgehenden forma-Begriffs wieder erlangt. Allerdings nimmt diese Drehung die moderne kommunikative Dimension in den alten Bedeutungshorizont mit hinein. Die Kybernetik lehrt Kommunikationsprozesse „in the animal and the machine“ als Informationsprozesse zu verstehen und sie verkündet siegessicher eine triadische Metaphysik: „Information is information, not matter or energy. No materialism which does not admit this can survive at the present day.“ (Wiener 1961, 132) Vollzog die Moderne mit Hegel eine Wende von der Substanz- zur Subjektmetaphysik, so blickt der moderne kommunikative Geist auf die Naturprozesse zurück und entdeckt rekursive systemabhängige Selektionsmechanismen. Etwa zwanzig Jahre nach Norbert Wiener lehrt Niklas Luhmann, dass Kommunikation aus der Triade Mitteilung, Information und Verstehen besteht (Luhmann 1987). Luhmann entlässt den Informationsbegriff aus dem Paradigma der Bewußtseinsphilosophie, ohne aber Information zu einem dritten metaphysischen Prinzip zu erheben. Man kann schlicht Information und Selektion gleichsetzen und zwar im Sinne eines Prädikates zweiter Ordnung.

Vom einem humanistischen oder kulturalistischen Standpunkt bedeutet diese Bedeutungsverschiebung insofern eine Kränkung als ein menschliches Phänomen nicht mehr als primum analogatum dient, sondern gleichwertig zu anderen Kommunikationsprozessen auftritt. Das gilt natürlich ebenso sehr für den Kommunikationsbegriff. Das dies als eine Kränkung und sogar als eine Gefahr oft empfunden wird, zeigen verschiedene humanistische Verteidigungsstrategien. Sprachpolizeiliche Maßnahmen sind aber wenig hilfreich. Würden wir stattdessen einen relationalen sprachphilosophischen Standpunkt in Bezug auf den Informationsbegriff annehmen, dann könnte eine komplexe diachronische und synchronische Vernetzung von teils univoken, teils äquivoken und teils analogen Verwendungen sichtbar werden. Gleichwohl ist es unbestreitbar, dass der digitale Kontext innerhalb dessen der Informationsbegriff heute sowohl umgangssprachlich als auch in den verschiedenen Wissenschaften verwendet wird, so etwas wie die spezifische Aura unseres Zeitalters ausmacht. Wenn das, was ist, in seinem Sein als digitalisierbare Information fassbar sein soll, haben wir mit einer digitalen Ontologie im Sinne eines ontologischen Weltentwurfs zu tun.

Wie bei jedem Weltentwurf besteht die Gefahr darin, dass er sich metaphysisch oder ideologisch verfestigt. Eine humanistische Abwehrreaktion ist wenig hilfreich, zumal der Humanismus selbst zur Ideologie – die Endung ‚-ismus’ deutet schon darauf hin – verkommen kann. Hilfreich sind statt dessen solche Untersuchungen, wie die hier vorliegende, die die unterschiedlichen Verwendungskontexte erschließen und dabei epochale Trends feststellen, wodurch sie sogleich relativiert werden. Eine solche sprachphilosophische Relativität darf also nicht mit Sprachrelativismus oder gar mit sprachlicher Beliebigkeit verwechselt werden, sondern sie vollzieht sich als eine duldsame und kritische Vernetzungsstrategie mit unter Umständen handfesten praktischen Konsequenzen, vor allem, wenn sie nicht stattfindet.

In den „Gesprächen des Kong Zi“ (Konfuzius) heißt es:

„Zi Lu fragte: Der Fürst von Wie wartet auf den Meister (Kong Zi), um die Regierung zu übernehmen. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen? Der Meister sprach: Sicherlich Zheng Ming – die Richtigstellung der Bezeichnungen. Zi Lu sagte: So etwas? Da liegt der Meister aber ganz daneben. Warum denn deren Richtigstellung? Der Meister sprach: Wie dumm du bist Yu (Zi Luh). Der Edle lässt das, was er nicht versteht, sozusagen beiseite. Wenn die Bezeichnungen nicht richtig sind, so stimmen die Begriffe nicht mehr. Stimmen die Begriffe nicht, so gelingt auch kein Werk. Gelingt kein Werk, so gedeiht Sitte und Kunst nicht. Gedeiht Sitte und Kunst nicht, so greifen die Strafen nicht. Greifen die Streifen nicht, so weiß das Volk nicht, wo anzupacken und wohin der Fuß zu setzen ist. Darum sorgt der Edle dafür, daß er seine Begriffe unter allen Umständen in Worte fassen kann, und daß er seine Worte unter allen Umständen in Tagen umsetzen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgendwelche Unordnung bestehe. Das ist es, worauf alles ankommt.“ (Zitat nach Geldsetzer/Han-ding 1998, 94-95)

Die ‚Richtigstellung der Bezeichnungen’ (‚Zheng Ming’) führt zwischen der Scylla der starren Bedeutungen und der Charybdis der heillosen Sprachverwirrung. Sie ist die „Hauptsorge des Philosophen und der Anfang aller Versittlichung im Gemeinwesen“ (Geldsetzer/Han-ding, 1998, 99). Sie ist keine semantische Sprachpolizei, die dem Gegner mit einem Sinnlosigkeitsverdacht zu diffamieren versucht. Bei aller Definitionsfreiheit bemüht sie sich um einen schonenden Umgang mit der Überlieferung. Begriffe, die Geschichte machen, müssen sich erst geschichtlich bewähren. Ich wünsche der Arbeit von Sascha Ott eine reichhaltige und durchaus kontroverse begriffsgeschichtliche Rezeption.


Literatur

 
Capurro, Rafael / Hjørland, Birger (2003): The Concept of Information. In: Annual Review of Information Science and Technology (ARIST),  Ed. Blaise Cronin, Vol. 37 (2003) Chapter 8,  343-411. 

Floridi, Luciano Ed. (2004): The Blackwell Guide to the Philosophy of Computing and Information. Oxford: Blackwell.

Geldsetzer, Lutz / Han-ding Hon (1998): Grundlagen der chinesischen Philosophie. Stuttgart: Reclam

Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Wiener, Norbert (1961): Cybernetics or control and communication in the animal and the machine. New York/London.


Letzte Änderung: 1. Januarr  2012

    
 
    

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