"WAS IST DAS DIE PHILOSOPHIE?"

 
Rafael Capurro

  

 
  
Leserbrief zum Beitrag von Sang Bong Kim (Professor für Philosophie an der Chonnam National University in Gwangju, Korea; Gastprofessor an der Vietnam Academy of Social Sciences): Von der Selbstverlorenheit im Anderen zur Schwangerschaft des Geistes. Die koreanische Philosophie aus der Perspektive der interkulturellen Philosophie. In: polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren, Nr. 33, 2015, 55-68.


 


Sehr geehrter Herr Kollege Kim,



ich las mit viel Interesse Ihren Beitrag "Von der Selbstverlorenheit im Anderen zur Schwangerschaft des Geistes" polylog 33, 2015, S. 55-68. Mit dieser Mail möchte ich Ihre Aussage in Frage stellen, "wenn jemand im Stile Heideggers behaupten würde, die Philosophie im echten Sinne sei nur im griechisch-europäischen geistigen Raum möglich." (Kim, S. 58) Das ist ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat, das immer wieder dazu missbraucht wird, um Heidegger als einen Philosophen darzustellen, der gegen "die Idee einer universalen Philosophie" (ebda.) war und um ihn als eurozentrischen (oder griechisch-zentrischen) Philosoph darzustellen.

Wenn Sie den ganzen Text "Qu'est-ce que la philosophie? Was ist das
die Philosophie?" (Pfullingen: Neske 1976, 6. Aufl. Vortrag gehalten in Cerisy-la-Salle, Normandie im August 1955 zur Einleitung eines Gesprächs) lesen, kommen Sie vielleicht auf andere Gedanken. Bereits auf der ersten Seite (S. 3) steht: "Das Gespräch wird dadurch auf einen Weg gebracht. Ich sage: auf einen Weg" und er betont gleich: "Damit geben wir zu, daß dieser Weg  gewiß nicht der einzige Weg ist." Und weiter: "Es muß sogar offen bleiben, ob der Weg, auf den ich im Folgenden hinweisen möchte, in Wahrheit ein Weg ist, der uns erlaubt, die Frage zu stellen und zu beantworten." (ebda.) Bereits diese Sätze widerlegen die These, Heidegger sei gegen eine universale Philosophie, wenn dies bedeuten soll, er sei eurozentrisch und nicht offen für einen Dialog mit anderen Kulturen.


Lesen wir weiter. Heidegger schreibt, dass mit der Frage: "Was ist das
die Philosophie?", wir "über" die Philosophie sprechen und dabei "offenbar auf einem Standort oberhalb und d.h. außerhalb der Philosophie" bleiben (S. 3). Heidegger hat ein Sprechen "von" von einem Sprechen "über" unterschieden. Siehe: M. Heidegger: Aus einem Gespräch von der Sprache. In: ders. Unterwegs zur Sprache. Pfullingen: Neske 1975, 5. Aufl. S. 147 ff. Vgl. R. Capurro und Makoto Nakada: A Dialogue on Intercultural Angeletics. In: Rafael Capurro und John Holgate (Hrsg.): Messages and Messengers Angeletics as an Approach to the Phenomenology of Communication. München: Fink 2011, S. 67-84. Online hier. Die Philosophen suchen gerne einen solchen Standort "oberhalb" bzw. "außerhalb" der Philosophie, indem sie "die Idee einer universalen Philosophie nicht aufgeben wollen" (Kim a.a.O.). Das Ziel von Heideggers Frage ist aber "in die Philosophie hineinzukommen" (S. 3-4) und das ist dann eine Sache die "uns berührt" ("nous touche"), wie Heidegger ganz interkulturell auf französisch schreibt, "und zwar in unserem Wesen." (S. 4)


Nach diesen und weiteren Erörterungen kommt Heidegger auf den Ursprung des Wortes "Philosophie" zu sprechen. Dieser Ursprung ist in der Tat griechisch aber er bestimmt "das Abendland und Europa" und gibt "der Geschichte des Menschen auf der ganzen Erde die spezifische Prägung" (S. 7), also jene Universalität auf die Sie hinweisen und die Heidegger angeblich der Philosophie abspricht. Für Heidegger wäre die Philosophie "nur im griechisch-europäischen geistigen Raum möglich"  (Kim 2015, a.a.O). Wenn das der Fall wäre, hätte sie sich nicht über den ganzen Erdball verbreiten können.


Sind wir jetzt diesem universalen Begriff oder dieser "spezifischen Prägung" von Philosophie ausgeliefert? Ganz und gar nicht. "Die Überlieferung liefert uns nicht einem Zwang des Vergangenen und Unwiderruflichen aus. Überliefern, délivrer, ist ein Befreien, nämlich in die Freiheit des Gesprächs mit dem Gewesenen" (a.a.O. S. 8). Dieser Satz zeigt auch, wie Heidegger ein interkulturelles Gespräch denkt, nämlich in einem geschichtlich sich wandelnden Horizont, der sich in einem anderen Sinne als den von Ihnen angesprochenen, von der Universalität abgrenzt, nämlich im Sinne eines Außerhalb der Geschichte sich befindenden Standortes, auch als "Idee" oder als "regulative Idee" im Sinne Kants.

Von hier aus beginnt Heidegger ein mögliches Gespräch mit der griechischen Philosophie, mit ihrer Frage "was ist das...?" (S. 9) und mit ihren jeweiligen Formen, wodurch wir aber noch keine Gewähr" haben "an welcher Stelle des  Weges wir heute stehen" (S. 11). Wir bewegen uns, so Heidegger, in einem "Kreis" (ebda.), der zunächst jene Worte bedenkt, die zu Beginn der griechischen philosophia stehen. Das ist eine durchaus streitbare Geschichte um Deutungshoheit. Heidegger schreibt: "die Philosophie ist eine Art von Zuständigkeit, die dazu befähigt, das Seiende in den Blick zu nehmen, nämlich im Hinblick darauf, was es ist, insofern es Seiendes ist." (S. 17) Und was entsteht aus dieser kreisenden Bewegung des Philosophierens? "(E)ine freie Folge des frühen Denkens und dessen Abschluß" (S. 18). Wir dürfen nicht nach einer "leeren Formel", "die auf jede Art von Philosophie paßt" (S. 19) suchen. Oft habe ich den Eindruck, dass interkulturelle Philosophen das Mantra dieser angeblichen Formel, die universale Philosophie nämlich suchen, und anhand des Wunders eines polylogs sogar gefunden zu haben glauben. Das bezeugt auch die Abgrenzung gegenüber einer vergleichenden Philosophie. Wenn die interkulturelle Philosophie also von einem archimedischen Punkt außerhalb der Geschichte träumt, bewegt sich die vergleichende Philosophie in einem historischen Raum, der ebenfalls glaubt, der Herausforderung des Geschichtlichen entgehen zu können.

Das schreibt auch Heidegger, wenn er von einem "nur historischen" Verfahren spricht oder von einer "philosophierenden Antwort", die "als Ant-wort in sich philosophiert" (S. 19). Das tun wir "wenn wir mit den Philosophen ins Gespräch kommen" (S. 20) und zwar ohne das vorgefertigte Ideal einer universalen Philosophie. Was passiert in diesem Gespräch? "Dieser Weg zur Antwort auf unsere Frage ist kein Bruch mit der Geschichte, keine Verleugnung der Geschichte, sondern eine Aneignung und Verwandlung des Überlieferten." (S. 21-22). Keine Festlegung der These also, Philosophie sei, wie Sie und andere über Heidegger behaupten, ein für alle Mal eine griechisch-abendländische Angelegenheit und nicht das, worüber hinaus jetzt zu gehen ist.


Und so kommt es, dass wenn unter Philosophie ein geschichtlich sich wandelndes Entsprechen zum "Zuspruch des Seins" verstanden wird (S. 23), unterschiedliche Antworten gegeben wurden: "verschiedenartige Stimmungen des Denkens" (S. 28). Heidegger betont auch, dass "die heutige Vorstellung von der Sprache" "so weit als nur möglich von der griechischen Erfahrung der Sprache" entfernt ist (S. 29). Sollen wir also zu den Griechen zurück? Ganz und gar nicht. "Indes können wir weder zu diesem Wesen der Sprache jemals wieder zurückkehren, noch können wir es einfach übernehmen." (ebda.) Das ist genau das, was Sie und andere Heidegger gern unterstellen und zwar mit einem aus dem Kontext dieser Schrift gerissenen Zitat. "Wohl dagegen", schreibt Heidegger, "müssen wir mit der griechischen Erfahrung der Sprache als logos in ein Gespräch kommen. Warum? Weil wir ohne eine zureichende Besinnung auf die Sprache niemals wahrhaft wissen, was die Philosophie als das gekennezeichnete Ent-sprechen, was die Philosophie als eine ausgezeichnete Weise des Sagens ist." (S. 29-30)


Bedeutet dies, dass alle Philosophen sich um eine "Ant-wort" auf die griechische Erfahrung der Sprache bemühen müssen? Oder ist es vielmehr so, dass  Philosophen z.B. in Korea dem Zuspruch ihrer Sprache oder etwa der  buddhistischen Texte 'ent-sprechen' sollten? Und gilt das auch nicht für ein Gespräch, das nicht bloß ein Polylog, geleitet von der ideellen und wohl auch frommen Vorstellung einer universalen Philosophie, sondern ein "Über-setzen" (Heidegger) ist. Dies "Über-setzen" kann auch zwischen anderen Sprachen als die des eigenen Ursprungs stattfinden. Würde dann nicht Philosophie in einer anderen Weise als was sich seit dem griechischen Ursprung ereignet hat und heute als universell gilt, stattfinden?

 

Zum "Über-setzen" Vgl. M. Heidegger: Zu Hölderlins Übersetzungen der Pindarfragmente. In: Zu Hölderlin – Griechenlandreisen. Frankfurt a.M.: Klostermann, GA 75, 2000, S. 341 und Martin Heidegger: Parmenides. Frankfurt a.M.: Klostermann, GA 54, 1982, S. 17-18. Vgl. v.Vf: Die Botschaft des Buddha. Weisen und Wege des Loslassens. Online hier.

Heidegger schreibt: "Nun könnte man mit gutem Recht verlangen, daß sich unser Gespräch auf die Frage nach der Philosophie beschränke. Diese Beschränkung wäre nur dann möglich und sogar notwendig, wenn sich ein Gespräch ergeben sollte, daß die Philosophie nicht das ist, als was sie jetzt gedeutet wird: ein Entsprechen, das den Zuspruch des Seins des Seienden zur Sprache bringt." (S. 30)

Damit stellt Heidegger auch das in Frage, was er angeblich befürworten müsste, nämlich die Einschränkung der Philosophie auf den 'Ruf' des griechischen Ursprungs in der Weise wie wir bisher auf diesen Ruf geantwortet haben, nämlich als "Ant-wort" in Form einer sich gebärdenden Universalphilosophie, die sich in einem Polylog irgendwann ereignen würde. Wenn Heidegger diesen Anspruch, der aus dem griechischen Ursprung kommt, in Frage stellt, plädiert er dann für ein anderes Programm? Nein. Er schreibt: "Mit anderen Worten: unser Gespräch stellt sich nicht die Aufgabe, ein festes Programm abzuwickeln. Aber es möchte sich bemühen, alle, die daran teilnehmen, für eine Sammlung bereit zu machen, in der wir von dem angesprochen werden, was wir das Sein des Seienden nennen. Indem wir dies nennen, denken wir daran, was schon Aristoteles sagt: "Das seiend-Sein kommt vielfältig zum Scheinen." (Vgl. Sein und Zeit. § 7 B) To on legetai pollachos" (S. 30-31)

"Vielfältig" bedeutet nicht in der einen Weise, in dem es sich seit dem griechischen Ursprung ereignet hat und mit der Idealvorstellung eines Polylogs weitergeträumt wird und somit auch nicht auf diesen Ursprung als die wahre Philosophie beschränkt wie Sie, lieber Herr Kim, mit ihrem knappen Hinweis auf Heidegger andeuten. Stattdessen tun Sie aber das, was Heidegger genau anspricht, nämlich über die "Geschichte der koreanischen Philosophie als Geschichte der Begegnung mit den anderen" (Kim, S. 59) nachzudenken und dabei versuchen "schwanger" mit anderen Formen der Philosophie zu werden (Kim, S. 64 ff), auch wenn diese "Schwangerschaft" sehr viel mit jener eurozentrischen und griechischen Philosophie zu tun hat (Sie zitieren Platons Eros und Anselms Monologion!), die Sie zu Beginn Ihres Beitrags Heidegger unterstellt haben.

Hier finden Sie weitere Denkwege:
http://www.capurro.de/jap-phil.html
http://www.capurro.de/iran.html
http://www.capurro.de/zen.htm

Ich grüße Sie herzlich,


Rafael Capurro


 
    

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