Thesen zum Strukturwandel der
medialen Öffentlichkeit
Bekanntlich hat Jürgen
Habermas in seinem Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“
(1962/1990) die Entstehung
einer kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit beschrieben.
Beinah ein halbes
Jahrhundert später sind die Koordinaten eines neuen
Strukturwandels
unübersehbar (Capurro 2003, 170ff). Angesichts der Massenmedien
des 20.
Jahrhunderts befürchtete Habermas dass „der Strukturwandel dieser
bürgerlichen
Öffentlichkeit zu einer von elektronischen Massenmedien
beherrschten,
semantisch degenierten (sic), von Bildern und virtuellen
Realitäten besetzten
Öffentlichkeit“ verkommen könnte (Habermas 1995, 11).
Inzwischen wissen wir,
dass die von den Massenmedien des 20. Jahrhunderts hergestellte
Öffentlichkeit
ein, im Luhmannschen Sinne, System der Gesellschaft ist (Luhmann 1996).
Das
gilt nicht weniger für die vor etwa fünfzehn Jahren
entstandene digitale
Weltvernetzung, die unter dem Titel Internet bekannt ist. Man
könnte diese
Entwicklung, die keineswegs in einer glatten linearen Form
stattgefunden hat
und die unterschiedliche Auswirkungen auf die anderen Systeme der
Gesellschaft ausübt,
so interpretieren, dass die von den Massenmedien, und allen voran die
vom
Fernsehen hergestellte Öffentlichkeit, zumal in Form
öffentlich-rechtlicher
Sendeanstalten, zunächst den Schein einer kritischen
bürgerlichen Öffentlichkeit
gab, obwohl es sich um eine eindeutig hierarchische Sendestruktur
handelt, die
das Gegenteil vom demokratischen Ideal einer horizontalen und
„herrschaftsfreien“ Kommunikation bedeutet. Mitten in diesem
Fernseh-medialen
öffentlichen Raum nahmen bald private Sender einen Platz ein.
Mit dem Aufkommen des Internet
mit seiner interaktiven und dezentralen Struktur wonach im Prinzip
jeder
Empfänger zum Sender mutieren kann, mussten sich die Massenmedien
von ihrem
Sendemonopol sowie von ihrem Anspruch
einer vierten Gewalt zu sein, im Prinzip verabschieden. Das haben sie
bis heute nicht
verwunden.
Auch wenn das Fernsehen weiterhin das
Leitmedium dieser Gesellschaft ist, befinden wir
uns bereits in einem Zustand höherer Medienkomplexität,
jenseits eines
Nebeneinander von Internet – dem Medium für die Massen – und den
Massenmedien.
Das zeigt sich darin, dass die Massenmedien nicht nur im Internet
präsent sind,
sondern dieses Medium mit seinen interaktiven Möglichkeiten für ihre Zwecke nutzen. Mit anderen
Worten, es finden unterschiedliche Formen von Wechselwirkungen zwischen
den
Sphären des Staates, der „bürgerlichen Öffentlichkeit“,
des privaten Bereichs,
der Massenmedien und des Internet statt.
Thesen zur Medienethik
Meine Hauptthese in Bezug auf
das Selbstverständnis der Medienethik besagt nun, dass diese der
Komplexität dieser
Wechselwirkungen gerecht werden muss, anstatt sich, wie
bisher, als ethische
Reflexion über die Massenmedien oder, noch enger, als Berufsethik
für
Journalisten falsch zu verstehen und dabei ihre Chancen, besser gesagt,
ihre
moralische
Verantwortung nicht wahrzunehmen.
Natürlich steht dem
zunächst
der Begriff
Medienethik selbst im Wege. Sie steht sich sozusagen selbst im Wege,
sofern
diese Bezeichnung als ethische Reflexion über die Massenmedien
verstanden wird.
Andere Bezeichnungen, wie zum Beispiel Informationsethik, Cyberethik
oder
Netzethik, sind in Zusammenhang mit ethischen Fragen des Internet
entstanden
(Hausmanninger/Capurro 2002). Wichtig ist aber, dass Medien- und
Informationsethik sich als Beobachter der Wechselwirkungen zwischen der
Sphäre
der Moral bzw. der Moralen und den sonstigen Systemen der Gesellschaft
begreifen und
den rasanten Veränderungen der medialen Herstellung von
Öffentlichkeit(en)
lokal und global Rechnung tragen. Außerdem ist zu bedenken, dass
nicht nur die
Massenmedien, sondern das Internet selbst einer rapiden Wandlung
unterworfen
ist, so dass die romantische Vorstellung vom Cyberspace als einer
Sphäre
jenseits aller Bedingtheiten der realen Welt inzwischen völlig
überholt ist.
Mehr noch, das künftige
Internet,
wenn man diese Sammelbezeichnung weiterhin
gebrauchen will, wird immer stärker von ökonomischen
Interessen und Akteuren
dominiert, was unter anderem zur international geführten Debatte
um die
digitale Spaltung (digital divide)
führt (Scheule et al. 2004), wie die zweite Phase des World Summit on the
Information Society (WSIS) in diesem Jahr zeigt. Der Ruf nach
einem Menschenrecht
auf Kommunikation verstanden als Recht zu Schreiben und zu Lesen
in
elektronischen Räumen sowie nach einer Wissensökologie wird
immer lauter
(Kuhlen 2004). Im Ausgang zu den veränderten internationalen
Spannungen nach
den Ereignissen vom 11. September 2001 hat sich auch die Debatte um den
Schutz
der Privatheit (privacy) besonders in
Zusammenhang mit digitalisierten Daten aller Art verschärft.
Dazu kommt die
Ausweitung der Weltvernetzung auf Gegenstände des Alltags (ubiquitous computing) bis hin zur Frage nach ICT (Information and Communication Technology)
Implantaten und/oder tags im/am
menschlichen Körper, wovon die zu Internetgeräten mutierten
Handys inzwischen
längst gehören. In vielen öffentlichen Räumen wird
die Kontrolle durch Kameras
sowie durch verschiedene Arten von digitalen
Wiedererkennungsgeräten nicht als
Bedrohung bürgerlicher Freiheit, sondern als Bedingung
öffentlicher Sicherheit
verstanden.
Die bisherigen Grenzziehungen
zwischen
dem Öffentlichen und dem
Privaten werden immer fragwürdiger und verschwommener. Was bisher
als ein
privates Gespräch galt, wird öfter beinah in
exhibitionistischer Weise durch
lautes Telefonieren ausgebreitet, so dass paradoxerweise eine
Zerstörung des
Öffentlichen durch ein Eindringen des Privaten stattfindet. Diese
und andere
Fragen, wie etwa die des freien Zugangs zu Wissen und Information, vor
allem im
wissenschaftlichen Bereich, oder des Erhaltes und der Förderung
unterschiedlicher
Medienkulturen (Capurro et al. 2007) sowie nicht zuletzt der
kritischen
Beurteilung über den Nutzen und/oder Schaden neuer
Informationstechnologien für
die Weiterentwicklung demokratischer Lebensverhältnisse, für
die Linderung von
Krankheit und Leid sowie für die Selbstgestaltung des eigenen
Lebens (Capurro
1995), gehören zum Selbstverständnis
einer Informationsethik oder Medienethik im weiteren Sinne, wenn sie das leisten soll, was sie zur Zeit als
Medienethik im engeren Sinne, d.h. als Reflexion über die
Massenmedien des 20.
Jahrhunderts, nur unzureichend tut.
Literatur
Capurro, Rafael (2003). Ethik
im Netz. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
Capurro, Rafael (1995). Leben
im Informationszeitalter. Berlin: Akademie Verlag.
Capurro, Rafael /
Frühbauer, Johannes / Hausmanninger, Thomas (Hrsg.) (2007):
Localizing the Internet. Ethical Issues
in Intercultural Perspective. München: Fink
Habermas, Jürgen (1990).
Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Habermas, Jürgen (1995).
Kants Idee des Ewigen Friedens. Aus dem historischen Abstand vom 200
Jahren.
In: Information Philosophie 5, 5-19.
Hausmanninger, Thomas /
Capurro, Rafael Hrsg. (2002): Netzethik.
Grundlegungsfragen der Internetethik. München:
Fink.
Kuhlen, Rainer (2004).
Informationsethik. Konstanz: UVK.
Luhmann, Niklas (1996). Die
Realität der Massenmedien. Opladen: Westdt. Verl.
Scheule, Rupert M. / Capurro,
Rafael / Hausmanninger, Thomas Hrsg. (2004): Vernetzt gespalten. Der
Digital
Divide in ethischer Perspektive. München: Fink.
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Änderung 6. Januar 2012