THESEN ZUM STRUKTURWANDEL DER MEDIALEN

ÖFFENTLICHKEIT UND ZUR MEDIENETHIK

Rafael Capurro
  
 
 
 
Beitrag zur Podiumsdiskussion der Tagung des Netzwerkes Medienethik am 17.-18. Februar 2005.





Thesen zum Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit

Bekanntlich hat Jürgen Habermas in seinem Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962/1990) die Entstehung einer kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit beschrieben. Beinah ein halbes Jahrhundert später sind die Koordinaten eines neuen Strukturwandels unübersehbar (Capurro 2003, 170ff). Angesichts der Massenmedien des 20. Jahrhunderts befürchtete Habermas dass „der Strukturwandel dieser bürgerlichen Öffentlichkeit zu einer von elektronischen Massenmedien beherrschten, semantisch degenierten (sic), von Bildern und virtuellen Realitäten besetzten Öffentlichkeit“ verkommen könnte (Habermas 1995, 11).

Inzwischen wissen wir, dass die von den Massenmedien des 20. Jahrhunderts hergestellte Öffentlichkeit ein, im Luhmannschen Sinne, System der Gesellschaft ist (Luhmann 1996). Das gilt nicht weniger für die vor etwa fünfzehn Jahren entstandene digitale Weltvernetzung, die unter dem Titel Internet bekannt ist. Man könnte diese Entwicklung, die keineswegs in einer glatten linearen Form stattgefunden hat und die unterschiedliche Auswirkungen auf die anderen Systeme der Gesellschaft ausübt, so interpretieren, dass die von den Massenmedien, und allen voran die vom Fernsehen hergestellte Öffentlichkeit, zumal in Form öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten, zunächst den Schein einer kritischen bürgerlichen Öffentlichkeit gab, obwohl es sich um eine eindeutig hierarchische Sendestruktur handelt, die das Gegenteil vom demokratischen Ideal einer horizontalen und „herrschaftsfreien“ Kommunikation bedeutet. Mitten in diesem Fernseh-medialen öffentlichen Raum nahmen bald private Sender einen Platz ein.

Mit dem Aufkommen des Internet mit seiner interaktiven und dezentralen Struktur wonach im Prinzip jeder Empfänger zum Sender mutieren kann, mussten sich die Massenmedien von ihrem Sendemonopol sowie von ihrem Anspruch einer vierten Gewalt zu sein, im Prinzip verabschieden. Das haben sie bis heute nicht verwunden.

Auch wenn das Fernsehen weiterhin das Leitmedium dieser Gesellschaft ist, befinden wir uns bereits in einem Zustand höherer Medienkomplexität, jenseits eines Nebeneinander von Internet – dem Medium für die Massen – und den Massenmedien. Das zeigt sich darin, dass die Massenmedien nicht nur im Internet präsent sind, sondern dieses Medium mit seinen interaktiven Möglichkeiten für ihre Zwecke nutzen. Mit anderen Worten, es finden unterschiedliche Formen von Wechselwirkungen zwischen den Sphären des Staates, der „bürgerlichen Öffentlichkeit“, des privaten Bereichs, der Massenmedien und des Internet statt.
 

Thesen zur Medienethik

Meine Hauptthese in Bezug auf das Selbstverständnis der Medienethik besagt nun, dass diese der Komplexität dieser Wechselwirkungen gerecht werden muss, anstatt sich, wie bisher, als ethische Reflexion über die Massenmedien oder, noch enger, als Berufsethik für Journalisten falsch zu verstehen und dabei ihre Chancen, besser gesagt, ihre moralische Verantwortung nicht wahrzunehmen.

Natürlich steht dem zunächst der Begriff Medienethik selbst im Wege. Sie steht sich sozusagen selbst im Wege, sofern diese Bezeichnung als ethische Reflexion über die Massenmedien verstanden wird. Andere Bezeichnungen, wie zum Beispiel Informationsethik, Cyberethik oder Netzethik, sind in Zusammenhang mit ethischen Fragen des Internet entstanden (Hausmanninger/Capurro 2002). Wichtig ist aber, dass Medien- und Informationsethik sich als Beobachter der Wechselwirkungen zwischen der Sphäre der Moral bzw. der Moralen und den sonstigen Systemen der Gesellschaft begreifen und den rasanten Veränderungen der medialen Herstellung von Öffentlichkeit(en) lokal und global Rechnung tragen. Außerdem ist zu bedenken, dass nicht nur die Massenmedien, sondern das Internet selbst einer rapiden Wandlung unterworfen ist, so dass die romantische Vorstellung vom Cyberspace als einer Sphäre jenseits aller Bedingtheiten der realen Welt inzwischen völlig überholt ist.

Mehr noch, das künftige Internet, wenn man diese Sammelbezeichnung weiterhin gebrauchen will, wird immer stärker von ökonomischen Interessen und Akteuren dominiert, was unter anderem zur international geführten Debatte um die digitale Spaltung (digital divide) führt (Scheule et al. 2004), wie die zweite Phase des World Summit on the Information Society (WSIS) in diesem Jahr zeigt. Der Ruf nach einem Menschenrecht auf Kommunikation verstanden als Recht zu Schreiben und zu Lesen in elektronischen Räumen sowie nach einer Wissensökologie wird immer lauter (Kuhlen 2004). Im Ausgang zu den veränderten internationalen Spannungen nach den Ereignissen vom 11. September 2001 hat sich auch die Debatte um den Schutz der Privatheit (privacy) besonders in Zusammenhang mit digitalisierten Daten aller Art verschärft.

Dazu kommt die Ausweitung der Weltvernetzung auf Gegenstände des Alltags (ubiquitous computing) bis hin zur Frage nach ICT (Information and Communication Technology) Implantaten und/oder tags im/am menschlichen Körper, wovon die zu Internetgeräten mutierten Handys inzwischen längst gehören. In vielen öffentlichen Räumen wird die Kontrolle durch Kameras sowie durch verschiedene Arten von digitalen Wiedererkennungsgeräten nicht als Bedrohung bürgerlicher Freiheit, sondern als Bedingung öffentlicher Sicherheit verstanden.

Die bisherigen Grenzziehungen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten werden immer fragwürdiger und verschwommener. Was bisher als ein privates Gespräch galt, wird öfter beinah in exhibitionistischer Weise durch lautes Telefonieren ausgebreitet, so dass paradoxerweise eine Zerstörung des Öffentlichen durch ein Eindringen des Privaten stattfindet. Diese und andere Fragen, wie etwa die des freien Zugangs zu Wissen und Information, vor allem im wissenschaftlichen Bereich, oder des Erhaltes und der Förderung unterschiedlicher Medienkulturen (Capurro et al. 2007) sowie nicht zuletzt der kritischen Beurteilung über den Nutzen und/oder Schaden neuer Informationstechnologien für die Weiterentwicklung demokratischer Lebensverhältnisse, für die Linderung von Krankheit und Leid sowie für die Selbstgestaltung des eigenen Lebens (Capurro 1995), gehören zum Selbstverständnis einer Informationsethik oder Medienethik im weiteren Sinne, wenn sie  das leisten soll, was sie zur Zeit als Medienethik im engeren Sinne, d.h. als Reflexion über die Massenmedien des 20. Jahrhunderts, nur unzureichend tut.


Literatur

Capurro, Rafael (2003). Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Capurro, Rafael (1995). Leben im Informationszeitalter. Berlin: Akademie Verlag.

Capurro, Rafael / Frühbauer, Johannes / Hausmanninger, Thomas (Hrsg.) (2007): Localizing the Internet. Ethical Issues in Intercultural Perspective. München: Fink

Habermas, Jürgen (1990). Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Habermas, Jürgen (1995). Kants Idee des Ewigen Friedens. Aus dem historischen Abstand vom 200 Jahren. In: Information Philosophie 5, 5-19.

Hausmanninger, Thomas / Capurro, Rafael Hrsg. (2002): Netzethik. Grundlegungsfragen der Internetethik. München: Fink.

Kuhlen, Rainer (2004). Informationsethik. Konstanz: UVK.

Luhmann, Niklas (1996). Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdt. Verl.

Scheule, Rupert M. / Capurro, Rafael / Hausmanninger, Thomas Hrsg. (2004): Vernetzt gespalten. Der Digital Divide in ethischer Perspektive. München: Fink.


Letzte Änderung 6. Januar  2012



 
 

Copyright © 2005 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.

 

 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio