Bill Viola

 
Einleitung meines Buches Leben im Informationszeitalter, Berlin: Akademie Verlag 1995 mit Links zu den Originaltexten des jeweiligen Kapitels oder zu deren unmittelbaren Quellen. Abbildung auf dem Einband: Bill Viola: Video-Installation 1989 "The City of Man". Mit freundlicher Genehmigung des ZKM Karlsruhe, Museum für Gegenwartskunst. Foto: Kira Perov. Zu diesem Bild siehe Kap. VII.

Kroatische Übersetzung

Bosnische Übersetzung
Mazedonische Übersetzung

Kapitel IV: "Homo Informaticus" wurde von Tadashi Takenouchi ins Japanische übersetzt und erschien in: Shiso (Thought), Tokyo: Iwanami shoten (2003), 7, No. 951.

 
 
 

INHALT

Einleitung 

I. Kapitel:
Von der Technokratie zur Lebenswelt

I. Kapitel: Praktiken der Selbstformung


III. Kapitel: Informationsgesellschaft und Technologien des Selbst im Widerstreit


IV. Kapitel: Homo informaticus


V. Kapitel: Information als Kapital


VI. Kapitel: Geistermythologie im technischen Gewand


VII. Kapitel: Genealogie der Information

 

 
 

EINLEITUNG


Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem informierten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Information. Diese Paraphrase von Kants Diktum läßt sich folgendermaßen fortsetzen: Eine wesentliche Voraussetzung auf dem Weg zu einem informierten Zeitalter ist bereits gegeben, nämlich eine zugleich offene, interaktive, verteilte, billige, leistungsfähige, kompatible, fehlertolerante, multimediale, benutzerfreundliche
und wie die Werbeslogans alle lauten Informationstechnik. Es sieht so aus, als ob wir im Informationszeitalter alles daran setzen, um uns unseres eigenen Verstandes, sprich unseres eigenen PCs, zu bedienen. Es fehlt aber noch eine Kleinigkeit (smikron), würde Sokrates sagen. Um sie geht es in diesem Buch.

Ein Titel wie Leben im Informationszeitalter weckt vielleicht hohe Erwartungen, zumal, wenn unter Leben nicht nur das, was wir hier und heute sind, gemeint ist, sondern auch das, was wir waren und sein können. Ein unendliches Thema also. Ein Thema für unendliche Dialoge, wovon die hier vorgetragenen Gedanken, denen der Leser, wie man früher sagte, mit Nachsicht begegnen möge, nur Fragmente darstellen. Sie sind aus verschiedenen Gesprächen und Diskussionen mit Freunden, Studenten, Kollegen und Bekannten entstanden und teilweise auch mündliche oder schriftlich mitgeteilt worden (Vgl. Literatur- und Quellenverzeichnis). Sie bilden keine geschlossene Einheit, sondern sind Versuche, essays, die allerdings mit jener Kleinigkeit zu tun haben. Daher auch meine Absicht, si in einem Band zusammenzustellen, einem Band, der als Knotenpunkt für aus unterschiedlichen Richtungen kommenden und in unterschiedliche Richtungen führende Denkpfade fungiert.

Diese Denkpfade sind zunächst die des Autors, will sagen, der Autor versteht sich als Kreuzung und nicht als fester Standpunkt. Dieses lehrt nicht nur die hermeneutik mit Bezug auf die Produkte der "Gutenberg-Galaxis" (McLuhan 1968), sondern auch die Erfahrung der elektronischen Vernetzung im Informationszeitalter.


In diesem Buch fließen unterschiedliche Strömungen zusammen, die um die Frage nach der Offenheit und Abgründigkeit menschlichen Existierens kreisen. Daß menschliches Existieren einer abgründigen Weite ausgesetzt ist, die wir deshalb nicht gänzlich aufklären können, weil wir weder von unserer Faktizität noch vom Faktum, daß alles ist und nicht vielmehr nicht ist, restlos Rechenschaft ablegen können dieser Gedanke gehört zum Kern vieler großer Denktraditionen. Dies zum Ausdruck bringen zu können, verdankt der Verfasser einer langjährigen Schulung im Denken Martin Heideggers durch Freunde und Lehrmeister. Zu diesen zähle ich in Dankbarkeit vor allem den argentinischen Philosophen und Theologen Juan Carlos Scannone SJ (Capurro 1991b) .

Diesem Dank möchte ich auch eine kleine confessio philosophi hinzufügen: Ich verdanke nicht zuletzt der eigenen Klostererfahrung die Möglichkeit des Nach-Vollzugs einer Einsicht, die, wie in anderen Bereichen auch, nicht durch Theoretisieren und Argumentieren ersetzt werden kann und die in der folgenden altchinesischen Geschichte zum Ausdruck kommt. Auf die Frage des Kaisers Wu-ti: "Was ist der erste Sinn der heiligen Wahrheit?" gab der Boddhi Dharma folgende Antwort: "Offene Weite. Nichts Heiliges!" (1)


Heideggers Denkwege führen ins Paradoxon, daß wir, um jene Kleinigkeit wahrzunehmen, vom Menschen weg in den Abgrund schauen und uns im Kreise drehen müssen, so daß uns dabei schwindlig wird:
"Aber wo die größte Gefahr des Schwindelns ist, da ist auch die höchste Möglichkeit der Echtheit des Denkens und Fragens. Das Bedürfnis für diese Echtheit zu wecken und wachzuhalten ist der Sinn des Philosophierens." (M. Heidegger, GA 25, S. 431). (2) Wo es bei Wittgenstein heißt: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen" (Wittgenstein 1984, 7) lernt man bei Heidegger und auch beim späten Wittgenstein, daß es abgründige Sachverhalte gibt, wie zum Beispiel die Sprache, von denen wir nicht darüber, wohl aber davon im dialogischen Übergang des einen zum anderen sprechen können (Heidegger 1975). Ich nenne die Heideggersche Einsicht in die offene Mitte menschlichen Existierens in Anklang an Leibniz' Satz vom Grund den Satz vom Ab-Grund (Heidegger 1971). Dieser Satz ist keine bloße theoretische Aussage über einen objektiv nachprüfbaren Sachverhalt, sondern er ist, wie alle philosophischen Grund-Sätze, Ausdruck eines existentiellen Sprungs.

Im Sinne dieses Sprungs ist meine Kritik am anthropozentrischen Humanismus zu verstehen, an der Versuchung, die offene Mitte durch ein Bild oder eine Lehre über uns selbst auszufüllen. Meine Kritik des Technozentrismus schließt sich insofern an, als die Technik zu einer anthropozentrischen Maske wird und für sich selbst die Mitte beansprucht. Gleiches gilt für den Naturalismus. Schöpft das Philosophieren nicht aus einem solchen existentiellen Sprung, dann erschöpft es sich meistens in der Gelehrsamkeit der analytischen oder historischen Buchführung des Begriffs. Ist es nur auf dem Sprung, neigt es zur Wahr-Sagerei. Philosophieren heißt, sich auf den Weg über den Grat zwischen Schwärmerei und Buchhaltung des Geistes zu machen.

Als Leitfaden möchte ich folgendes vorausschicken. Im ersten Kapitel versuche ich, das Verhältnis von Informationstechnik und Lebenswelt zu klären, indem ich die Maske des Technozentrismus durch den Begriff der Lebenswelt und den Heideggerschen Spreng-Satz vom "In-der-Welt-sein" in Frage stelle und den Begriff der schwachen Technik einführe. Dieser Begriff, der sich an Gianni Vattimos pensiero debole (schwaches Denken) anschließt, gilt mir als Pendant zur Auffassung, daß die Stärke einer wissenschaftlichen Theorie in der Möglichkeit ihrer "Falsifizierbarkeit" (Karl Popper) liegt. Der Blick in die offene Mitte läßt die Frage nach dem Verhältnis zu uns selbst, die ethische Frage also, aufkommen.

In Anschluß an Michel Foucault gebe ich im zweiten Kapitel einen Überblick über einige Praktiken der Selbstformung, über jene Übungen also, bei denen wir uns einzeln oder in Gemeinschaft mit dem Faktum einer nicht vorgegebenen oder programmierten, sondern einer uns aufgegebenen Existenz selbst konfrontieren. Die "Technologien des Selbst" (Foucault) dürfen aber nicht im Sinne einer individualistischen Ethik mißverstanden werden, sondern sie stehen in Wechselwirkung mit anderen technischen Dimensionen unseres "In-der-Welt-seins", wie zum Beispiel mit den Informationstechnologien. Ihre spezifische Leistung besteht darin, der offenen Mitte tatsächlich und nicht bloß in Gedanken den ihr gebührenden Ort in unserem individuellen und sozialen Leben einzuräumen. Diese Perspektive erlaubt dann, im dritten Kapitel, von jener informationstechnischen Bestimmung unserer Gesellschaft den nötigen Abstand zu nehmen, um im Taumel der medialen Vernetzung jene Kleinigkeit nicht zu vergessen.

Im vierten Kapitel widme ich mich dem Selbstverständnis eines Hauptakteurs des Informationszeitalters, nämlich des Informatikers. Ich fasse die Informatik als hermeneutische Disziplin auf, und versuche, sie in den Kontext einer zu gestaltenden Lebenswelt zurückzuführen, indem sie die notwendige Rekontextualisierung ihrer Algorithmen in den verschiedensten Bereichen menschlichen Handelns nicht aus den eigenen Augen verliert oder sie an die Anwender delegiert. Die auf das Programmieren gerichtete Sichtweise der Informatik steht wiederum im Widerstreit mit dem Blick in die offene Weite. Es ist auch dieser Blick, der die Einsicht auch in die Verhältnisse verdeckter Ausbeutung schärft. In Lateinamerika lernte ich Situationen von Unterdrückung aus unmittelbarer Nähe kennen, so daß das Wort Gerechtigkeit kaum zum Synonym für Fairneß werden konnte. Von dieser Gerechtigkeit sagt uns Emmanuel Lévinas (1987), daß sie ihren "unendlichen" Charakter im Angesicht des Anderen zeigt. Es sind aber freilich "nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind" (J. W. v. Goethe 1977: 550). (3)

Im fünften und sechsten Kapitel stelle ich zwei Dimensionen des Informationszeitalters dar, die unsere hermeneutisch-technischen Sinnentwürfe teilweise unterminieren oder überhöhen. Im ersten Fall handelt es sich um die Unterwanderung der Interpretationsgemeinschaft durch die chaotische Vielfalt der medialen Vermittlungssphäre. Ich spreche in Anschluß an Heidegger vom Informations-Gestell. Damit meine ich die Gesamtheit aller Weisen des Herstellens und Darstellens von Information, die gegenüber den rationalistischen und utilitaristischen Phantasien der Interpreten und Gestalter menschlichen "In-der-Welt-seins" eine weltumspannende labyrinthische Vernetzung bildet. Entsprechend dem hermeneutischen Grundsatz müssen wir beachten: "Das Entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus-, sondern in ihn hinein nach der rechten Weise hineinzukommen" (Heidegger 1976: 153). Die uns bedingende artifizielle Informationszirkulation ist kein circulus vitiosus, sondern birgt positive Möglichkeiten in sich, vorausgesetzt freilich, daß wir jene Kleinigkeit nicht vergessen.

Die Überhöhung des Informationszeitalters führt in die mythische Welt der uns übersteigenden künstlichen Intelligenz. Ich sehe in diesem technologischen Mythos die Besetzung eines theologischen Signifikanten, der ebenfalls eine entscheidende philosophisch-anthropologische Funktion erfüllt. Es ist erstaunlich, wie nahe die funktionalistische These über die Abtrennbarkeit der Intelligenz von ihrem materiellen Substrat der mittelalterlichen Vorstellung von getrennten Intelligenzen kommt.

Im siebten Kapitel schließlich widme ich mich der Frage der Genealogie der Information. Ich versuche zu zeigen, daß die heute herrschende Weise der Mitteilung sich von früheren unterscheidet, so daß wie vor diesem Hintergrund relativiert werden kann. Das, was uns auch heute Anlaß zur Mitteilung gibt, ist jene Kleinigkeit, um die diese Denkversuche fragmentarisch kreisen.

Das Staunen ist, wie eine alte Tradition bezeugt, der Anfang des Philosophierens. Offenbar handelt es sich dabei um eine bestimmte Form des Staunens. Die folgende Geschichte von Paul Valéry gibt darüber Auskunft:

Der erstaunte Engel

Der staunte, als er das Lachen der Menschen hörte.
Man versuchte, ihm zu erklären, so gut man konnte, was es bedeutet.
Er fragte dann, warum die Menschen nicht über alles lachen, und ständig; oder, andernfalls, warum sie nicht ganz auf das Lachen verzichten.
"Weil, sagte der Engel, wenn ich richtig verstanden habe, man über alles oder über nichts lachen muß."

(Übers. vom Verf.; Valéry 1957: 399) (4)

Was uns, Staunende, offenbar vom Engel unterscheidet, ist, daß wir fähig sind, zu reden und zu schweigen, und daß wir beides gegebenenfalls durch Lachen durchbrechen können.



ANMERKUNGEN

1) Vgl. Ohtsu (1981: 134). Das Gespräch ist überliefert im ersten Kapitel des Zen-Buches Bi-yän-lu und hat einen unmittelbaren Bezug zur achten Stufe der Geschichte von dem Ochsen un seinem Hirten, wovon im dritten Kapitel die Rede sein wird.

(2) Vgl. auch Capurro (1993b: 51-65)

(3) zu Lévinas vgl. Capurro (1991h: 129-148)

(4) Der Text lautet im Original: "L'ange étonné. L'ange s'étonnait d'entendre le rire des hommes. On lui expliqua, comme l'on put, de que c'était. Il demanda alors pourquoi les hommes ne riaient pas de tout, et à tout moment; ou bien, ne se passaient pas entièrement de rire. 'Car, dit-il, si j'ai bien compris, il faut rire de tout on ne rire de rien.'"



LITERATUR

Capurro, Rafael (1991b). Juan Carlos Scannone. In: J. Nida-Rümelin, Hrsg.: Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Stuttgart, S. 539-542.

Capurro, Rafael (1993b). "Sein und Zeit" und die Drehung ins synthetische Denken. In: M. Eldred, Hrsg.: Twisting Heidegger. Drehversuche parodistischen Denkens. Cuxhaven.

Capurro, Rafael (1991h). Spreng-Sätze. In: prima philosophia 4, 2, S. 129-148.

Goethe, Johann Wolfgang von (1977). Wilhelm Meisters Lehrjahre. Goethes Werke, München, Bd. 7.

Heidegger, Martin (1975). Aus einem Gespräch von der Sprache. In: ibid.: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen.

Heidegger, Martin (1975, 1971) Der Satz vom Grund. Pfullingen

Heidegger, Martin (1976). Die Technik und die Kehre. Pfullingen.

Heidegger, Martin (1977). Vier Seminare. Frankfurt

Heidegger, Martin (1977). Phänomenologische Interpretation von Kants Kritik der reinen Vernunft, GA 25, Frankfurt.

Lévinas, Emmanuel (1987). Totalität und Unendlichkeit. Freiburg/München.

McLuhan, Marshall (1968). Die Gutenberg-Galaxis. Düsseldorf.

Ohtsu, D.R. (1981). Der Ochs und sein Hirte. Eine altchinesische Zen-Geschichte, erläutert von Meister D.R. Ohtsu. Pfullingen (4. Aufl.)

Valéry, Paul (1957 Oeuvres, 2 Bde. Paris.

Wittgenstein, Ludwig (1984). Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1, Frankfurt.


Letzte Änderung: 1. Februar  2016
 
 
 
 
 
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