MEDIENGESELLSCHAFT 2.0

Rafael Capurro
  

 

  
 
Dieses Gespräch mit Sandra Eschenbach wurde in:  tendenz. Magazin für Funk und Fernsehen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien Heft 3, 2007, S. 10-11, veröffenlticht.
 
  
 
DZ: Der Informationsethiker Rafael Capurro über gesellschaftliche, journalistische und politische Auswirkungen des Web 2.0

HZ: „Der Code ‚Öffentlich/Privat’ erfährt einen geschichtlichen Wandel globalen Ausmaßes“

Vorspann:

Im neuen Internetzeitalter verschiebt sich das Kräfteverhältnis zwischen Bürgern, Medien und Politik. Damit verändern sich die Verantwortlichkeiten. Es entstehen neue Anforderungen an ein moralisches Miteinander im World Wide Web. Dieser Ansicht ist Prof. Dr. Rafael Capurro von der Hochschule der Medien in Stuttgart. Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus aller Welt arbeitet er an einem Weltinformationsethos, einem internationalen Verhaltenskodex für den interkulturellen Umgang im Netz.


Chancen und Risiken für die Mediengesellschaft 2.0 – gewinnen Sie den aktuellen Entwicklungen im Internet mehr Positives oder Negatives ab?

Prof. Dr. Rafael Capurro: Ich bewerte diese basisdemokratischen Entwicklungen als sehr positiv. Aber eine Zunahme an Freiheit geht nicht automatisch mit einer Zunahme an sozialer Verantwortung einher. Wie immer wenn Macht neu verteilt wird, entstehen Konfliktpotenziale aller Art, die sich nur teilweise mit Hilfe der bisherigen Mechanismen regulieren lassen.

 

Sie prophezeien seit einigen Jahren einen radikalen Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit. Wie gravierend sind die Veränderungen zu bewerten, die durch nutzergenerierte Inhalte und virtuelle Netzwerke auf unsere Gesellschaft, die Politik und den Journalismus zukommen?

Die auf der Basis der digitalen Weltvernetzung sich entwickelnden Informationsgesellschaften entstehen aus einem globalen Kommunikationsbedürfnis, dem die bisherigen Technologien wie etwa der Buchdruck, die Telefonie oder die Massenmedien in zweifacher Weise nicht mehr genügen: Diese können zum einen das Individuum nicht in die Lage versetzen, selbst als Sender innerhalb der Masse aufzutreten. Den Begriff ‚Masse’ verstehe ich hier im Sinne des Philosophen Ortega y Gasset, der die Entstehung der Bundesrepublik geistig mitprägte. Und sie engen Kommunikation auf das Gegensatzpaar Individualkommunikation, eins zu eins, versus Massenkommunikation, eins zu ‚n’, ein. Zum anderen ermöglichen die neuen Technologien über die mediale Kommunikation von Inhalten auch Interaktion und Kollaboration wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Art. Die Veränderungen sind jetzt schon gravierend.

 

Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind konkret zu erwarten? Und welche Konsequenzen ergeben sich aus der freizügigen Preisgabe privater Daten im Web 2.0 für die gesellschaftliche Entwicklung?

In der Ökonomie war viel von der digitalen Spaltung oder vom ‚Digital Divide’ die Rede. Inzwischen zeigen sich die Chancen des ‚Digital Provide’ im Sinne des Einsatzes mobiler und erschwinglicher Informationstechnik für die Lebensbewältigung von Millionen von Menschen. Dabei verändert sich die Definition, was für uns öffentlich und privat ist. Der Code ‚Öffentlich/Privat’ erfährt einen geschichtlichen Wandel globalen Ausmaßes. Ich behaupte, dass diese Differenzierung zu jeder menschlichen Gesellschaft gehört, ohne dass ihr konkreter Verlauf ein für allemal festgeschrieben werden könnte. Eine Gesellschaft, die glaubt, diesen Unterschied gänzlich aufheben zu können, wird unmenschlich. Wir brauchen neue Kulturen des Öffentlichen und des Privaten.

Werden die User als aktive Medienmacher mündiger oder verantwortlicher im Umgang mit Politik und Kultur?

Auch der neuzeitliche Leser wurde nicht automatisch mündiger durch die schrittweise Aufhebung der Zensur. Um mit Kant zu sprechen: Wir leben im Zeitalter der Information, aber nicht in einem informierten Zeitalter. Wir haben die Entwicklung auf der Seite des Objekts sehr rasch vorangetrieben, aber die Bildung, die ‚In-formation’ des Subjekts, sträflich vernachlässigt.

 
Inwieweit wird sich das Kräfteverhältnis zwischen Bürger, Politik und Journalismus durch das Internet der zweiten Generation ändern?

Lawrence Lessig, Professor an der Stanford Law School, hat sich mit den Gesetzen des Cyberspace beschäftigt. Er sieht im informationstechnischen Code, das heißt in jeder technischen Bestimmung bei der Gestaltung des Netzes einen unmittelbaren Eingriff in die soziale Struktur der Menschen und zwar weltweit. Das heißt, indem wie beispielsweise eine Brücke gebaut ist, wird bestimmt, welche Art von Fahrzeugen darüber fahren können. Informatiker sind also gleichzeitig als Gesetzgeber tätig. Der Code bildet damit zusammen mit Recht, Ökonomie und Moral den Rahmen für die künftigen Gesellschaften. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich dank dieses Codes in Richtung Bürger.

 
Wie stufen Sie die Kritik am „Informations-Müll“ und „nutzergenerierten Trash“ im Web 2.0 ein?

Nicht viel anders als die Kritik am ‚produzentengenerierten Trash’, der seit Jahrzehnten Milliarden von Menschen erreicht. Wenn jetzt die Nutzer zu Produzenten mutieren, dann tun sie dies oft auf der Basis dessen, was sie von diesen Massenmedien gelernt haben. Allein die Möglichkeiten zu zentraler Regulierung entfallen. Es gibt keine Beschwerdestelle im Netz. Hier müssen neue Mechanismen gefunden werden, wie etwa das Tagging, das Bewerten von Inhalten durch die Vielzahl der Betrachter.

 
Das Internet bietet einerseits die Chance für größere Meinungsvielfalt. Andererseits besteht aufgrund einer Verstärkerfunktion des Netzes die Gefahr einer Polarisierung von Debatten. Wie wird die politische Kommunikation Ihrer Einschätzung nach beeinflusst?

Das Internet ist kein Massenmedium, sondern ein Medium für die Massen. Der Journalismus verliert einen Teil seines privilegierten Beobachterstatus, da die Massenmedien nun selbst beobachtet werden. Er verliert auch als Vermittler an Bedeutung, da das Volk die Möglichkeit nutzt, sich direkt and die Politiker zu wenden und umgekehrt. Die politische Kommunikation wird jetzt auf eine breitere interaktive Basis gestellt, was einer möglichen Polarisierung durch eine wachsende internationale Medienkonzentration entgegenwirken kann, solange die Massenmedien im Netz nicht, wie Sie andeuten, ihr Gewicht durch ihre Internetpräsenzen noch verstärken.

 
Wie wirken sich neue Formen der politischen Kommunikation und der so genannte Bürgerjournalismus auf die Funktionen des klassischen Journalismus aus?

Der Journalismus verliert zwar seinen privilegierten Beobachterstatus, jedoch sind mehrere verschiedene Beobachtungsperspektiven ganz im Sinne eines demokratischen Systems. Wenn die Massenmedien bisher als ‚vierte Gewalt’ aufgefasst wurden, dann stehen wir jetzt vor dem Phänomen einer unmittelbaren Vernetzung der Gewalten, das heißt der direkten Interaktion zum Beispiel zwischen Bürger, Exekutive und Legislative über das Netz. Vielleicht ist die Demokratie dadurch einen Schritt näher zu ihrem Ursprung gekommen.

 
Sie sagen, dass ein journalistischer Ethos, der bisher die Verantwortung von Sender-Oligopolen definierte, heute nicht mehr ausreicht. Sie fordern einen Weltinformationsethos. Warum?

Ein Weltinformationsethos sollte man sich nicht als eine Liste von abstrakten moralischen Soll-Sätzen vorstellen, sondern als eine stets zu überdenkende Basis des Handelns bezüglich dessen, was sich gehört oder nicht. Journalisten sind zwar weiterhin für die Selektion, Deutung, Bewertung und Verbreitung von Nachrichten an ein breites Publikum verantwortlich, aber sie teilen sich inzwischen die Rolle des ‚Nachrichtensenders’ mit einer potenziell beinah unbegrenzten Anzahl von nicht-professionell ausgebildeten Sendern.

 
Ihnen geht es also weniger um die Kodifizierung einer neuen Informationsmoral, sondern vielmehr um deren Ausbildung. Wie sehen erste Schritte dahin aus?

Ein Weltinformationsethos braucht eine globale Informationsethik als Katalysator. Aber akademische Diskussionen und politische Prinzipiendeklarationen bleiben wirkungslos, wenn man sie nicht in die Tat umsetzt beziehungsweise sie die konkrete Tat nicht reflektieren können. Deshalb müssen informationsethische Fragen im Fächerkanon unserer Bildungseinrichtungen behandelt werden. Weitere Grundlagenforschung ist unerlässlich. Wir benötigen gemeinsame Foren zwischen Informationsethikern, Politikern und Journalisten ‑ und weitere internationale Konferenzen, um diese Fragen auf interkultureller Basis voranzutreiben.


Letzte Änderung: 16. Jali 2017

 
 
     

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