BUENA PIEZA!

asozial, subversiv, gefährlich!
 
 
Rafael Capurro
   

 

 
 

Leicht veränderte Fassung eines Beitrags für die Zeitschrift 
kursiv. eine Kunstzeitschrift aus Österreich, 3 - 1/96.
Thema des Heftes: Früchtchen (1) ... asozial, subversiv, gefährlich!
 
 

 


 

INHALT
 
1. Deutsche Sprache, schwere Sprache  
2. Duden, Grimm, Monlau und co.    
3. Gracián und die Novela Picaresca    
4. Grimmelshausen, Thomas Mann, Grass und Schopenhauer    
5. Alle taten etwas und einige taten nichts

   
 
 
   
  

1. Deutsche Sprache, schwere Sprache 

  
Fehler! Im Spanischen benutzt man zwei Ausrufezeichen, nämlich zu Beginn und am Schluß des entsprechenden Ausdrucks, so wie auch bei Fragen (¡...! bzw. ¿ ... ?). Früchtchen - ob ich etwas darüber schreiben könnte, fragt mich Peter. Die Telephonverbindung Stuttgart-Linz ist schlecht. Mein hermeneutisches Problem, das Problem des Nicht- oder Schlechtverstehens, ist in diesem Fall vielfältig. Ich kann das entscheidende Wort akustisch kaum wahrnehmen. Peter ist geduldig: F-r-ü-ch-t-chen - wie Frucht, eine kleine Frucht. Jetzt ist zwar die technische Barriere überwunden aber meine Deutschkenntnisse versagen. Wie lautet es auf Hochdeutsch? Eigentlich auch Früchtchen. Was ist damit gemeint? Ja..., das hat etwas mit einem Jugendstreich und auch mit der Pubertät zu tun. Ob der Ausdruck so etwas wie spitzbübisch meint? frage ich hilflos...    

Am nächsten Tag mache ich einen weiteren Versuch und frage bei StudentInnen nach, was Ihnen einfällt: Früchtchen? Eigentlich würde ich dieses Wort heute nicht mehr gebrauchen, aber gemeint sei so etwas wie frech, keck, einer, dem man nicht richtig böse sein kann. Ältere sagen über Jüngere: der ist vielleicht ein Früchtchen, Schlitzohr...    

Bei diesem Verstehensversuch anhand von Wortfamilien denke ich an Gadamer und Wittgenstein und... und werde doch nicht ganz schlau. Aber ich finde eine Bestätigung der Einsicht, daß man Worte nur dann eigentlich versteht, wenn man sie richtig zu gebrauchen weiß. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in Uruguay. Dort spricht man Spanisch. In Deutschland hatte ich das Wort bisher weder gehört noch gelesen, geschweige denn gebraucht. Die Sprache ist wohl eine un-endliche Sache.

2. Duden, Grimm, Monlau und co.

 
Es fällt mir dabei ein: Ich könnte im Wörterbuch nachschauen. Dort ist zu lesen:   "Früchtchen: kleine Frucht; iron.: umg. Tunichtgut, Taugenichts: du bist mir ein nettes, sauberes Früchtchen!" (Wahrig, Deutsches Wörterbuch). Der DUDEN klärt weiter auf:   "Früchtchen, das zu mhd. vruht - Sprößling, Kind: 1. Vkl. zu Frucht, 2. ugs. abwertend: Kind, junger Mensch, den man für ungeraten hält; Taugenichts: ein sauberes Früchtchen!" Ich schlage auch in Grimms Wörterbuch nach:     "FRÜCHTCHEN, 1) eine kleine Frucht. bisher hat sie geglaubt blosz ein bäumchen zu sein, das zur zierde der schöpfung ihre früchtchen trägt: itzt will man diese abnehmen, was wunder, wenn der schöne hauch der jungfräulichen schamhaftigkeit, von dem sie bekleidet wird, bei dem ungriffe leidet? C. F. Weisze lustsp. 3, 67; seht ruft die eine partei, hin nach Paris, da seht ihr die früchtchen der gleichheit! Lichtenberg (1801) 2, 228. 2) leichtfertiges ungeratenes kind, leichtfertige, schlimmer streiche volle ungerathene junge person, nach frucht 4) am schlusse. nun hab ich unrecht gehabt, dasz ich sie herbei geholt? da sehen sie das liebe früchtchen, meine schwester, wie sie befehlen gehorcht! Weisze kinderfr. 6, 203; er ist ein schönes früchtchen geworden! Lessing I, 471;     
Über diese schlemerein (Fränzschens)     
Lacht mama, drum wirds auch immer     
Mit dem schönen früchtchen schlimmer.     
Musäus kinderkl. 84.     
Schon in der schule sah man, welch früchtchen das geben würde! Das schwänzelte um den lehrmeister herum und horchte und schmeichelte und wuste sich fremdes verdienst zuzueignen und seine eier in fremde nester zu legen. Schiller 627; unser junger Konrad hat einmal wieder schlimme streiche gemacht. Ihr werdet das saubre früchtchen heut noch sehen. Arnim kronenw. 1, 406. S. früchtel, früchtlein."
Damit bin ich schon mit meinem Verstehensprozeß etwas weiter aber noch lange nicht am Ende. Irgendwie weiß ich immer noch nicht, was damit gemeint ist. Es fehlt mir der eigene Lebenszusammenhang. Aber - warum schaue ich nicht in einem Deutsch-Spanischen Wörterbuch nach? Ich weiß, ich komme vom Regen in die Traufe... Denn, lassen sich Worte eigentlich übersetzen? Und wird der damalige Übersetzer das gemeint haben, was das Wort in der anderen Sprache (damals und heute) meint? Außerdem bestehen Unterschiede zwischen dem Spanischen aus Spanien und dem in Uruguay gebrauchten... angereichert durch italienische und französische (heute auch durch englische oder amerikanische) -ismen. Aber probieren geht über studieren. Ich schlage nach:     "Früchtchen - buena pieza!" Plöztlich glaube ich zu verstehen, was damit gemeint sein könnte. Wie oft hatte ich dieses Wort als Kind gehört. Täuscht mich aber das Wörterbuch? Ganz sicher... Ich denke an Willard van Orman Quines These von der Übersetzungsunbestimmtheit. Aber ich kann mir kaum vorstellen, mein Problem mit Hilfe der Physik oder der Biologie lösen zu können! Leben wir alle in geschlossenen sprachlichen Welten? Aber ich kann doch Spanisch und Deutsch und... Und dennoch, kann ich erst mit buena pieza! wirklich etwas anfangen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ich Früchtchen auch passend gebrauchen würde.    

Weiß ich aber wo der Ausdruck buena pieza herkommt? Ich merke, neue hermeneutische Abgründe stehen mir bevor. Ich schaue im Diccionario etimológico von Dr. Pedro Felipe Monlau (Buenos Aires 1944) nach, das ich von meinem Patenonkel geerbt habe und das mir gute Dienste geleistet hat. Pieza kommt vom Spätlatein petium (Plural: petia) durch Umtausch (Gr. metatesis) und ist durch die Umwandlung von t in z entstanden. Gemeint war zunächst ein Stück Land, dann aber auch etwas Kleines, Wertvolles, ein Juwell, und von daher kam die Metapher mit dem ironischen Hinterton: buena pieza!.

3. Gracián und die Novela Picaresca 

  
Bei meinen semantischen Forschungen in spanischen Wörterbüchern stoße ich auf pícaro. Allmählich erweitert sich jetzt das Netz der Analogien und Sprachfamilien. Pícaro ist ein sehr gängiger und liebevoller Ausdruck, um... ja, vielleicht um etwas auszudrücken, was mit Früchtchen gemeint sein kann. Bei pícaro denke ich sofort an die novela picaresca, an den Schelmenroman also. Dr. Molnau erläutert, daß das Wort picardía, das, was der pícaro tut, kaum mit der Picardie zu tun haben kann. Stattdessen könnte pícaro von pico d.h. Spitze, stammen. Von hier aus: scharfsinnig, perspicaz (scharfsehend). Wobei das Wort in einem negativen oder ironischen Kontext gebraucht wird. Ich denke an Baltasar Gracián (1601-1658) Agudeza y Arte de Ingenio, an seinen Criticón und an das Handorakel und Kunst der Weltklugheit, das von Schopenhauer so geschätzt wurde, daß er es ins Deutsche übersetzt hat. Das ist sozusagen Früchtchens Früchtchen auf hohem philosophich-literarischen Niveau! Die Alten (Griechen und Römer) haben, so Gracián, den Syllogismus zur Methode und den tropo (Blumenbergs Metaphorologie) zu einer Kunst erhoben, den Scharfsinn aber, um ihn nicht zu beleidigen, haben sie dem Mut des Witzes überlassen.    

"Es la agudeza pasto del alma": Der Scharfsinn ist der Seele Nahrung, so Gracián zu Beginn des ersten discurso. Und am Schluß:    

"Verstand ohne Scharfsinn, ohne Begriffe, ist Sonne ohne Licht, ohne Strahlen." Im Discurso II über das Wesen des aufgeklärten Scharfsinns heißt es:     "Den Scharfsinn wahrzunehmen ist Sache des Adlers, um ihn hervorzubringen, braucht man die Arbeit des Engels, der Cherubime, und Erhöhung des Menschen, die uns zu solcher sonderbaren Hierarchie führt." Früchtchen - Engelchen - buena pieza!    

Ein Kontrapunkt zur Graciáns barock-humanistischen Agudeza ist wohl die novela picaresca (Schelmenroman). Schulerinnerungen werden wach. Zunächst La Celestina (1499), eine tragikomische Liebesgeschichte und der Lazarillo de Tormes (16. Jh.), die Schelmengeschichten des jungen Lázaro, Diener verschiedener Herren (eines Blinden, eines armen hidalgo, eines Priesters...). Sodann Miguel de Cervantes (1547-1616) Don Quijote und seine zwölf Novelas Ejemplares, darunter z.B. Rinconete y Cortadillo, das zusammen mit Mateo Alemáns (1547-1614) Guzmán und Francisco de Quevedos (1580-1645) El Buscón die Spitzenleistungen der spanischen Literatur dieses Genres darstellen.    

Für den Spitzbub ist der Mensch schlecht und das Leben ein Kampf. Rinconete und Cortadillo, zwei Teenager, äußerst lumpig und schmutzig, wollen in einer jungendlichen Räuberbande aufgenommen werden. Was ist beim Rauben schon dabei:    

"Ist es nicht viel schlimmer ein Häretiker oder ein Renegat zu sein, oder seinen Vater oder seine Mutter zu töten?" Und Pablo, aus Quevedos Buscón, erzählt:     "Mein Vater sagte mir: ‚Mein Sohn, Diebsein ist keine mechanische, sondern eine freie Kunst.‘ Und etwas später, nach einem Seufzen, sagte er demutsvoll: ‚Wer in dieser Welt nicht stiehlt, kann nicht leben.‘" Der Grund warum die Richter ihn und seinen Sohn hassen, ist nämlich der, daß sie nicht wollen, daß es andere Diebe gibt - außer ihnen selbst! Der Maler Bartolomé Esteban Murillo (1618-1682) hat das Genrebild El piojoso (der Lausbub) gemalt, gewissermaßen das Gegenstück zu El buen pastor, das Früchtchen und - die Frucht Deines Leibes...    
  
  

4. Grimmelshausen, Thomas Mann, Günter Grass und Schopenhauer 

   
Die deutsche Literatur hat auch einiges (weniges) zu bieten: Grimmelshausen Simplicissimus (1668), Thomas Mann Bekenntnisse des Hochstapplers Helmut Kroll (1954) und Günter Grass Die Blechtrommel (1959), so die Nachweise in einer einschlägigen Enzyklopädie. Letzteres scheint mir dem Spanischen pícaro am nächsten, zugleich aber sehr fern, denn die jugendliche Gestalt ist, den Umständen entsprechend, bitter ernst, ein liebevoller pícaro, ein Früchtchen also, ist der Junge nicht. Ich würde also auch nicht buena pieza! im ironischen Ton zu ihm sagen, sondern ganz im Gegenteil. Und auf den Hochstappler Helmut Kroll läßt sich das Diminutiv nicht anwenden. Es bleibt also Grimmelshausen. Im Kapitel Über Erziehung (§ 376) von Schopenhauers Paralipomena rät der Meister ab, der Jugend Romane zum Lesen zu geben  - ganz im Gegensatz zu manchem Erzieher, der klagt, die heutige Jugend würde keine Romane mehr lesen!  Der Grund?:    
"Für den praktischen Menschen ist das nötigste Studium die Erlangung einer genauen und gründlichen Kenntnis davon, wie es eigentlich in der Welt hergeht: aber es ist auch das langwierigste, in dem es bis ins späte Alter fortdauert, ohne daß man ausgelernt hätte; während man in den Wissenschaften doch schon in der Jugend das Wichtigste bemeistert. Der Knabe und Jüngling hat in jener Erkenntnis als Neuling die ersten und schwersten Lektionen zu lernen; aber oft hat selbst der reife Mann noch viel darin nachzuholen. Diese schon an sich bedeutende Schwierigkeit der Sache wird nun noch verdoppelt durch die Romane, als welche einen Hergang der Dinge und des Verhaltens der Menschen darstellen, wie er in der Wirklichkeit eigentlich nicht stattfindet.

Dieser nun aber wird mit der Leichtgläubigkeit der Jugend aufgenommen und dem Geiste einverleibt; wodurch jetzt an die Stelle bloß negativer Unkunde ein ganzes Gewebe falscher Voraussetzungen, als positiver Irrtum, tritt, welcher nachher sogar die Schule der Erfahrung selbst verwirrt und ihre Lehren in falschem Lichte erscheinen läßt. Ging der Jüngling vorher im Dunkeln, so wird er jetzt noch von Irrlichtern irregeführt, das Mädchen oft mehr. Ihnen ist durch die Romane eine ganz falsche Lebensansicht untergeschoben und sind Erwartungen erregt worden, die nie erfüllt werden können. Dies hat meistens den nachteiligsten Einfluß auf das ganze Leben. Entschieden im Vorteil stehn hier die Menschen, welche in ihrer Jugend zum Romanelesen keine Zeit oder Gelegenheit gehabt haben, wie Handwerker u. dgl."
Allerdings macht Schopenhauer einige Ausnahmen:     "Wenige Romane sind vom obigen Vorwurf auszunehmen, ja wirken eher im entgegengesetzten Sinne: z.B. und vor allen ‚Gil Blas‘ und sonstige Werke des Lesage (oder vielmehr ihre spanischen Originale), ferner auch der ‚Vikar of Wakefield‘ und zum Teil die Romane Walter Scotts. Der ‚Don Quijote‘ kann als eine satirische Darstellung jenes Irrweges selbst angesehen werden." (gemeint ist: A.R. Lesages Histoire de Gil Blas de Santillane 4 Bde.1715-1735). 
 

5. Alle taten etwas und einige taten nichts

José María Firpo, ein uruguayischer Schullehrer, hat sich die dankenswerte Arbeit gemacht, viele im Laufe seines Berufslebens gehörten und gelesenen Sprüche seiner Früchtchen aufzubewahren und zu veröffentlichen. Hier einige Kostproben zum Schluß, in deutscher Übersetzung. Ob ich am Ende dieses hermeneutischen Gangs schlauer, ich meine spitzbübischer geworden bin?

Im Schulhof:     
     
‚Alle taten etwas und einige taten nichts‘.     

‚J... sagte, er würde ein paraíso (=großer schattenspender Baum) abholzen, da er ihm beim drible während des Fußballspiels störe.‘     

Liebeszetteln von Kindern:

‚Du, María del Carmen, bist du verrückt oder blöd? Vergiß nicht, was ich Dir vor ein paar Tagen gesagt habe. Dasselbe sage ich Dir. Und olé, olé, olé, olé und olé. Alberto.‘     

‚Liebling: Ich will nicht, daß Du meine Beine anfaßt, der Lehrer kann mich sehen. Anna M... ‚     

‚- Luis: Du bist verrückt, merkst du nicht, daß ich älter bin als Du, kapierst Du das nicht? Du kannst irgendeine andere nehmen. Ich habe schon einen. Ich grüße Dich liebevoll. María. -
María: Glaub es nicht, aber ich bin 13 Jahre alt, so wie Du mich siehst, aber egal, komm mit mir. Du wirst mindestens 10 jahre alt sein. Du interessierst mich und ich kann Dich nicht lassen. Komm mit mir, verliebe Dich in mich. Luis. -
Luis: bist verrückt. Chao. María.‘    
 

Verschiedenes:     

‚Manchmal glaube ich verrückt zu sein, da mir seltsame Sachen passieren.‘     

‚Manchmal habe ich den Nabel sauber.‘     

‚Der Mund ist derjenige Teil des Körpers, der am meisten kaut.‘     

‚Gestern habe ich eine ganze Stunde nachgedacht.‘     

‚Während es nicht regnet, gibt es Hoffnung, daß es nicht regnet.‘     

‚Über mir ist mein Haar.‘     

‚Die Elektrizität ist die Grundlage der Erziehung.‘     

‚Ohne Elektrizität könnten wir kein Eis essen.‘     

‚Die Elektrizität kann man für vieles gebrauchen, zum Beispiel, etc.‘     

(J. M. Firpo: Qué porquería es el glóbulo! Montevideo 1976, S. 14-26, meine Übers.)

Simplex antwortet dem Einsiedel:    "Wie hieße dich dann dein Meuder? - Simplex: Sie hat mich Bub geheißen, auch Schelm, langöhriger Esel, ungehobelter Rülp, ungeschickter Tölpel und Galgenvogel." Also - wie würde ich diesen Satz ins Spanische übersetzen? Und wann würde ich diese Worte richtig gebrauchen? Ich schlage nach...    
   
  
Letzte Änderung: 28. Januar 2010

 

  
   

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