WAHRHEITSSPIELE

Ein E-Mail-Dialog mit Daniel Schmidt 
über Ehrlichkeit in den Medien
 
 
Rafael Capurro
  

 

 
 
Dieses Gespräch mit Daniel Schmidt (www.orthografik.de) wurde im Januar 2000 per E-Mail durchgeführt. Erschienen in: Wechselwirkung, Februar/März 2000, Nr. 101, S. 59-61.
 
 
 

DS
: Herr Professor Capurro, in manchen privaten TV-Sendern ist werktags Talk von morgens bis nachmittags angesagt. In diesen »Bekenntnisshows« werden Dinge geäußert, die im privaten Umfeld - von Angesicht zu Angesicht - wahrscheinlich nicht gesagt würden. Auch Radiosender verstehen sich mehr und mehr als Kuppler der Kommunikation, Flirts und Entschuldigungen zum Beispiel geschehen heutzutage »on air«. Sind die Medien Geburtshelfer der Ehrlichkeit?
 

RC: Das Wort Geburtshelfer deutet auf Sokrates (470 - 399 v. Chr.) hin, der seine dialogische Kunst als Hebammenkunst bezeichnete. Es ging ihm  darum, in einem strengen Prozess von Frage und Antwort, eine als richtig geltende und so auch vorgetragene Meinung in Frage zu stellen, um dadurch ein Problembewusstsein zu schaffen. Dadurch hat Sokrates öfter die festgefahrene öffentliche Moral, die political correctness wie wir heute sagen, in Frage gestellt. Er hat seine Gesprächspartner dazu aufgefordert, sich nicht die Antworten von außen geben zu lassen, sondern selbst nachzudenken und nichts als endgültig Wahres hinzunehmen.  

Das betraf nicht nur die Antworten der Mythen, sondern auch die der öffentlichen Moral. Ehrlich oder tugendhaft, wie man damals sagte, sind also nicht diejenigen, die dem öffentlichen Moralanspruch blind folgen, sondern diejenigen, die sich Rechenschaft schuldig werden, warum sie dieser oder jener Norm folgen.

Sie fragen: "Sind die Medien Geburtshelfer der Ehrlichkeit?" oder, anders gesagt, übernehmen die Medien die Rolle des Sokrates im Medienmarkt? Das scheint der Fall zu sein. In den Bekenntnisshows stehen Menschen von Angesicht zu Angesicht und es werden nach den Gründen für diese oder jene 'unmoralische' Handlung gefragt. Was diese Art von Gespräch vom sokratischen Gespräch unterscheidet ist aber, dass bei den Shows die Wahrheit oder die moralische Norm schon feststeht und letztlich in drastischer Form zu einer öffentlichen moralischen Verurteilung des 'Angeklagten' führt.

Wenn also unter Ehrlichkeit so etwas wie blinde Moralbefolgung (auch die der eigenen Überzeugungen) gemeint ist, dann sind diese Bekenntnis- shows in der Tat ihre Geburtshelfer. Das Kind sollte aber dann besser einen anderen Namen erhalten, wie zum Beispiel Moralismus, Zynismus, Pharisäismus. Die Struktur oder das Format dieser Shows (nomen ist omen! der Name sagt also schon alles), ist darauf angelegt, eine öffentliche Inquisition vorzuführen. Bekenntnisshows sind nichts anderes als massenmediale digitale Scheiterhaufen.  

DS: Die Teilnehmer/innen an einer Talkshow sind also wenig mehr als die Typen einer Moral, personifizierte Moral-Etiketten, über die sich das Fernsehvolk entrüsten oder begeistern kann. In der Tat findet ja kaum ein argumentatives Gespräch untereinander statt. Es ist eher so, dass der Reihe nach Interviews geführt werden.

RC: Wenn kein argumentatives Gespräch stattfindet befinden wir uns in der Tat in einer verlogenen und selbstgerechten Scheinwelt. Wie Sie aber  wissen, sind argumentative Gespräche nur eine (ausgezeichnete) Möglichkeit des Miteinanderredens. Das Öffnen des Herzens ist eine andere und das Öffnen der Seele, zum Beispiel in einem psychoanalytischen Gespräch, ist eine weitere. Für jede Gesprächsform gibt es den ihr geeigneter(en) Raum.
  
DS: Was ist wohl die Motivation der Teilnehmer/innen, sich vorführen zu lassen? Wird Intimes deshalb geäußert, weil außer dem Gesagten ein gewisses Image von sich bzw. von der Gruppe, der man angehört, transportiert werden kann, das man als Mehrwert empfindet? Sucht man den Medienauftritt also deshalb, weil man als »toller Typ« in Erscheinung treten will? 

RC: Sie fragen nach der Motivation. Das ist bestimmt von Fall zu Fall unterschiedlich, aber das, was Sie andeuten scheint mir allgemein zutreffend. Massenmedien funktionieren auf der Grundlage der Struktur Eins-zu-Vielen. Sie sind das ideale Medium, um über Nacht 'weltbekannt' zu werden. Wenn Sie also eine Botschaft haben, die Sie unbedingt allen mitteilen wollen, dann ist der Auftritt in einer solchen Show unwider- stehlich. Das gilt sowohl für die 'Beschuldigten' bzw. 'Sünder' oder 'Täter' als auch für die 'Richter'. Und diejenigen in den (privaten) Medien, die so etwas machen oder diesen Raum zur Verfügung stellen, sind nicht weniger zynisch, wie die, die an der Sache teilnehmen, besonders, wenn das im Namen der Moral und der freien Meinungsäußerung (GG Art. 5) stattfindet.
  
 DS: Statt Aufklärung über ein bestimmtes Thema, wie sie im sokratischen Gespräch gesucht wird, findet also ein Tribunal statt. Das Publikum ist vermutlich mehr an den Emotionen interessiert als an den Anklage- und Verteidigungsargumenten.  

RC: Wenn diese Form von öffentlicher Inquisition wesentlichen Raum in den Massenmedien einnimmt, dann ist aber auch die Gesellschaft selbst teilweise voyeuristisch! Mit anderen Worten, die Shows zeigen der Gesellschaft ein Spiegelbild ihrer selbst. Das hört sich an wie Medienschelte und Kulturkritik. Ich meine aber, dass jedes Medium bestimmte Formen von Öffentlichkeit mit bestimmten Verfallsformen möglich macht und andere ausschliesst. So waren antike Gesellschaften wesentlich durch die Mündlichkeit geprägt und dementsprechend war Sokrates' Auftreten in der agora (Marktplatz) oder in den Badeanstalten ein öffentliches Ereignis und ein Ärgernis!  Auch die durch das gedruckte Wort geprägten Gesellschaften brachten solche Verfallsformen wie staatliche und religiöse Zensur und das Zur-Schau-Tragen von bestimmten Schriften hervor, die unterschiedliche Formen von Indoktrination dien(t)en. In diesem Sinne ist ein dezentrales und interaktives Medium wie das Internet im gewissen Sinne eine Korrektur der Ein-zu-Vielen-Struktur der Massenmedien. Aber Sie sehen auch, wie zum Beispiel durch Hackerattacken globale Effekte erzielt werden können, wodurch dann die positiven Möglichkeiten dieses Medium sich in ihr Gegenteil kehren. 
  
DS: Wenden wir uns noch einem konkreten Fall zu: Ist eine Entschuldigung übers Radio bei der Liebsten nicht weniger wert als von Angesicht zu Angesicht. Sie mag ehrlich gemeint sein,  hinterlässt aber vor allem den Eindruck: »Schau her, was für ein toller Typ ich bin!« Statt der »Selbsterniedrigung«, die eine ehrliche Entschuldigung fordert und für  die man den Mut nicht aufbringt, stellt man sich groß heraus. Bringt die Geburtshilfe der Medien in diesem Sinne nicht sehr viele Fehlgeburten zur Welt, indem sie das Eigentliche verbirgt und Nebensächliches als bedeutend hervorkehrt? Noch weiter gefragt: Macht diese Art der Mediennutzung uns allmählich unfähig für unmittelbare menschliche Beziehungen? 

RC: Sie fragen, ob diese Art der Mediennutzung uns allmählich unfähig für unmittelbare menschliche Beziehungen macht, so dass nur das Image zählt und nicht die Ehrlichkeit. Ich meine, dass dies nicht nur eine Frage der Mediennutzung, sondern der Möglichkeiten der Medien selbst ist. Natürlich spielt die Erziehung für einen angemessenen Medienumgang eine wichtige Rolle. Aber das lässt die Möglichkeiten, die jedes Medium hat, offen. Es wäre meines Erachtens falsch, das face-to-face dem interface - dem der Massenmedien (Radio, TV) oder dem des Internet - gegenüberzustellen. Denn auch face-to-face gibt es bekanntlich viele Möglichkeiten der Verstellung, Täuschung, Lüge usw. Schein und Sein, Image und Ehrlichkeit sind also Begriffspaare mit denen wir vorsichtig umgehen sollten. Wir haben keine letzte Instanz (mehr) für die Unterscheidung von wahr und falsch, Image und Ehrlichkeit.

Das hört sich vernichtend an, zumindest aus der Sicht von festgefahrener Moral! Aber der Wegfall von scheinbar unverrückbaren Vorgaben öffnet uns die Möglichkeit einer offenen Moral, ein Ausdruck, der sich fast wie ein Oxymoron (= ein sich widersprechender Ausdruck) anhört! Wenn aber diese Offenheit im Namen von Wahrheit oder Ehrlichkeit in den Shows verdeckt wird, dann ist die Lage besonders schwierig. Eine Gesellschaft beruht immer auf einem ethos, auf einer gelebten Moral also, die in Form einer Verfassung und positiven Gesetzen teilweise festgelegt wird. Das bringt aber zugleich mit sich die Arbeit ihrer Auslegung und die Umsetzung in die Praxis. Die Shows stellen ein Zerrbild dieser Vorgänge auf dem Gebiet der öffentlichen Moral dar. So gesehen haben sie für uns einen aufklärerischen Wert, denn dank des Perspektivenwechsels zeigen sie ehrlich und ungeschminkt etwas über uns selbst, was wir nicht gerne von Angesicht zu Angesicht anschauen.


Letzte Änderung: 6. Januar  2014

 
 
     

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