EMANZIPATION ODER GEWALT

Wolfgang Sützl interpretiert Gianni Vattimo

 
Rafael Capurro
  
 
 
 
Beim vorliegenden Text handelt es sich um ein Gutachten über die Doktorarbeit von Wolfgang Sützl: "Emancipación o violencia. Pacifismo estético en Gianni Vattimo" (Barcelona: Icaria 2007) ("Emanzipation oder Gewalt. Gianni Vattimos ästhetischer Pazifismus"), die unter der Leitung von Professor Dr. Vicent Martínez Guzmán, Universitat Jaume I de Castellón, Departamento de Filosofía y Sociología, Castellón (Valencia) España, 2001, erstellt wurde. Spanische Version

 
 
  

Inhalt 

Einführung 

I. Vattimo liest Nietzsche und Heidegger 
II. "Gestell", "Verwindung" und "Gelassenheit" 
III. Das "schwache Denken" in Dialog mit Habermas, Rorty und Feyerabend 
IV. Hermeneutik und Kommunikationstechnologien 

Schluß 
 

 

 
 

Einführung 

Die theoretischen und praktischen Anstrengungen, im 20. sowie zu Beginn des 21. Jahrhunderts Gewalt zu rechtfertigen, betreffen zum einen die großen ideologischen und geopolitischen Projekte mit ihren katastrophalen Auswirkungen und zum anderen die Friedensbemühungen angesichts der gegenwärtigen Vermehrung von lokalen kriegerischen Auseinandersetzungen. Letztere suchen oft ihre Rechtfertigung in der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" sowie in demokratischen Idealen, wobei beide Begründungsformen ihre Wurzeln in der europäischen Aufklärung haben. Aber die theoretischen Ursprünge von Gewalt und Pazifismus reichen weiter hinter den Horizont der Moderne zurück, nämlich bis zur Entstehung der abendländischen Metaphysik. Der Philosoph Gianni Vattimo ist eine der Schlüsselfiguren in der großen europäischen und transatlantischen Debatte der Gegenwart über die komplexen Beziehungen zwischen Metaphysik, Gewalt und Modernität. Sein "schwaches Denken" hat eine empirische Basis in der geschichtlichen Erfahrung der letzten Jahrhunderte, öffnet sich aber zugleich einer Reflexion und einem Dialog mit den Interpretationen, die Denker wir Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer über diese Erfahrung sowie über deren philosophische Wurzeln vorgeschlagen haben. 

I. Vattimo liest Nietzsche und Heidegger

Wolfgang Sützls Arbeit befaßt sich mit "Gianni Vattimos ästhetischem Pazifismus". Der Verfasser stellt zunächst Vattimos Nietzsche-Interpretation dar. Im Gegensatz zur üblichen Auffassung versteht Vattimo Nietzsches Nihilismus als ein Aufgeben des metaphysischen Fundaments. Dies schließt auch die Anstrengungen der Moderne gegenüber einem unsicher gewordenen Subjekt ein, was unweigerlich zu einer fast immer gewaltsamen Beherrschung der verschiedenen ihm gegenüber gestellten Objekte führt. Der Autor erläutert, wie Schlüsselbegriffe wie Freiheit und Verantwortung eine neue Bedeutung innerhalb eines nicht-totalisierenden Wirklichkeitsrahmens bekommen. Dieser nicht-gewaltsame Rahmen ist ereignishaft. "Gewaltfreiheit" wird dabei als "Abstand von Gewalt" verstanden, im Unterschied zu "Gewaltlosigkeit" oder "Abwesenheit von Gewalt". Im Horizont von "Gewaltfreiheit" lernt das "geschwächte" Subjekt innerhalb von unvorhergesehenen und komplexen Situationen, jenseits eines Verhältnisses von Herrschaft oder Unterwerfung, zu antworten. Der Verfasser erläutert dabei Vattimos Deutung der heutigen Kommunikationsgesellschaft, wo ein intensivierter Austausch von Botschaften stattfindet. Diese Situation ist einem Gewaltverhältnis mit Ausschluß eines dialogischen Austausches entgegengesetzt. Im Unterschied zur Auffassung der Kommunikationsgemeinschaft in der "Frankfurter Schule" betont Vattimo die Funktion "lokaler Rationalitäten", deren Emanzipations- oder Aneignungsbestrebungen im Sinne eines oszillierenden Verhältnisses mit Entfremdungserfahrungen angesehen werden. 

Sützl erörtert im Einzelnen die Wechselbeziehungen zwischen Nietzsche und Heidegger aus Vattimos Sicht und zeigt dabei die Originalität von Vattimos Nietzsche-Lektüre besonders im Hinblick auf die Auffassung des Irrens als Denk- und Lebensmöglichkeit. Damit setzt Nietzsche der Idee einer objektiven Wahrheit eine Grenze, ohne aber in den absoluten Nihilismus zu verfallen. Vattimos nietzscheanische Heidegger-Interpretation macht besonders auf die Gefahr in der Biographie dieses Denkers aufmerksam, die sich daraus ergibt, wenn ein authentisches Sein oder eine "starke Wahrheit" erwartet wird. Durch eine literarische Lektüre wird Nietzsche paradoxerweise zum Vorreiter einer nihilistischen hermeneutischen Ontologie, in der Heideggers Sein als Ereignis gedacht wird. 

II. "Gestell", "Verwindung" und "Gelassenheit"

Diese Umkehrung von Heideggers Nietzsche-Deutung führt wiederum zu einer nihilistischen Heidegger-Deutung, die ein Schlüssel zu Vattimos Denken ist. Dieser nietzscheanischen Deutung Heideggers widmet der Autor ein umfangreiches Kapitel, in dem Heideggers Begriffe "Gestell", "Verwindung" und "Gelassenheit" eine zentrale Rolle spielen. In diesem Spiel der Interpretationen eignet sich der Autor selbst Vattimos hermeneutische Methode an, die darin besteht, den Dialog mit vergangenen oder gegenwärtigen Denkern als eine Antwort zu einer "Überlieferung", d.h. zur Übermittlung einer Botschaft, zu verstehen. Das führt zu einem "schwachen" Denken, das keine globale Theorie anbieten will, sondern im Dialog seine eigene Geschichtlichkeit anerkennt. Sützl weist auf die Bedeutung von Heideggers "Verwindung" für Vattimo sowie auf das Verhältnis zu "Ereignis" und "Gestell" hin. Vattimo vollzieht eine "säkularisierende" und "linksgerichtete" oder emanzipatorische Lektüre Heideggers. Dies kann als einer der innovativsten Beiträge des italienischen Denkers aufgefaßt werden. In dieser Auslegung spielt auch die Sprache im Sinne eines "freien Kommunikationsflusses" eine entscheidende Rolle. Dem stellt Vattimo totalitäre Bewegungen mit ihren eschatologischen Ansprüchen entgegen, ohne aber selbst eine Abschaffung der Gewalt anzustreben. Letzteres wäre erneut ein gewaltsames Projekt, wie zum Beispiel die politisch-militärischen Sicherheitspläne auf der Basis von sich auf Waffen stützenden Lösungen zeigen. Das "schwache Denken" strebt lediglich eine kontinuierliche Reduktion von Gewalt auf der Basis einer "Verwindung" der Metaphysik, nicht aber ihre Eliminierung an. Krieg und Gewalt bedeuten somit, aus Vattimos Sicht, einen metaphysischen Versuch, sich des Seins als Anwesenheit zu bemächtigen oder, mit anderen Worten, das Vergessen der ursprünglichen Offenheit, die nicht vom Menschen stammt. 

Der Autor zeigt den Übergang von einer "Hermeneutik des Hörens" zu einer postmetaphysischen Ethik, in der die autonome Dimension des Rufes einer Botschaft in ihrer Alterität anerkannt wird, so dass jede Interpretation ursprünglich zu einem "schweigsamen Hören" verweist. Letzteres bedeutet aber wiederum, in Vattimos säkularisierter Interpretation, nichts Geheimnisvolles, sondern die Autonomie selbst des Rufes, seine Ereignishaftigkeit, sowie die Sterblichkeit menschlichen Existierens. Menschliche Freiheit befindet sich eingebettet in einer Überlieferungsgeschichte von Botschaften, in der sie aber zugleich, aufgrund des offenen Charakters des Sichgebens der Ereignisse selbst, freigegeben ist. Sützl interpretiert diese Struktur im Sinne einer "nicht-gewaltsamen Konfliktivität", wo die Antworten auf die Konflikte keine endgültige Lösung, dialektische Aufhebung oder Überwindung, sondern eine "Verwindung" anstreben. Der Verfasser erörtert das Verhältnis zwischen dem "Gestell" und den Informations- und Kommunikationstechnologien und zeigt, wie diese für Vattimo zugleich eine Radikalisierung der Metaphysik und der Ort ihrer Implosion oder Abschwächung sind. Letzteres ist nur möglich, weil die Technik am Ende des 20. Jahrhunderts eine Kommunikationstechnik geworden ist, deren Modell nicht der Motor als zentrale und stabile Struktur darstellt, sondern das Netz, d.h. etwas Dezentrales, Mobiles und Kurzlebiges, wo die Wirklichkeit nicht mehr eine Autorität über den Menschen ist, sondern in der Mensch und Sein sich in einem "schwingenden" (Heidegger) Verhältnis befinden. Heideggers "Gelassenheit", wodurch der Mensch die Technik weder vollständig bejaht noch ablehnt, wird von Vattimo im Sinne einer "ästhetischen", d.h. einer offenen oder oszillierenden Freiheit gedeutet, die die Bedingung eines nicht-gewaltsamen oder post-metaphysischen Denkens und Handelns darstellt. 

III. Das "schwache Denken" im Dialog mit Habermas, Rorty und Feyerabend

Der Verfasser setzt Vattimos "schwaches Denken" in Beziehung zu einigen Verteidigern der Modernität, darunter Habermas und Rorty, und zeigt, inwiefern die "Demut der Philosophie", die durch den Verlust der Unschuld nach Hiroshima und Auschwitz gekennzeichnet ist, gerade das Projekt der Aufklärung, im Sinne eines unvollständigen metaphysischen Herrschaftsprojekts, in Frage stellt. Das "schwache Denken" hat nicht das Ziel, überzeugende Gründe zu liefern, wie das beim "starken Denken" der Fall war, sondern versteht sich im Horizont von Güte, Geduld und Aufmerksamkeit. Vattimo faßt dies unter dem Begriff der pietas zusammen. Er denkt eine solche pietas als eine Ethik des Verhältnisses zu nahen Gütern, im Unterschied zu einer Ethik der letzten Normen. Der Verfasser widmet ein Kapitel seiner Arbeit der Genese des "schwachen Denkens" und geht dabei zunächst von der Erfahrung der Krise der auf Herrschaft hin sich verstehenden Vernunft aus. Vattimos pietas wird, demgegenüber, als eine Fähigkeit, die Botschaften der Vergangenheit in einer neuen Weise zu hören, verstanden. Es handelt sich um eine auditive Tugend, die weder das Neue mit dem Guten gleichsetzt, noch die Unbeweglichkeit eines bestimmten normativen Vorverständnisses — meistens das der Sieger und Unterdrücker — meint.  

Das "schwache Denken" stellt jeden Versuch einer dialektischen Integration innerhalb eines totalisierenden Projekts in Frage. Dabei fragt Sützl, ob die Auflösung der Dialektik im Denken der Differenz zu einem "konservativen" Denken führt, das unfähig ist, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu ändern. Dennoch, für Vattimo, schwächt die Kritik oder, besser gesagt, die Wiedererinnerung der Schickungen, ihren illusorischen Charakter einer totalisierenden Identität ab. Die pietas wird nicht als ein Verhältnis mit dem Göttlichen oder mit dem metaphysischen ontos on, sondern als nicht-gewaltsames Verhältnis mit dem Erlebten aufgefaßt, auf der Basis einer gegenwärtigen Sorge und Aufmerksamkeit für die Seienden in ihrer historischen Herkunft und in ihren Erscheinungsformen. Vattimo zeigt damit eine Alternative zu einer normativen Ethik der Imperative, indem er den Akzent nicht auf eine fundierende Rationalität, sondern auf eine Abschwächung des Seins setzt. Dies bedeutet zugleich eine Abschwächung jenes Denkens, das der Geschichte dieser Abschwächung selbst antwortet.  

Das führt dazu, wie Sützl zeigt, den Frieden schwach zu denken, d.h. nicht als ein Objekt oder einen Zustand, oder als etwas, was konstruiert oder angeeignet werden könnte, sondern als eine dauernde Möglichkeit ihres "Zustandekommens" oder als Ins-Werk-Setzen einer "Gewaltfreiheit ohne Frieden". Dies wird in einer weniger ironischen oder paradoxen Weise folgendermaßen ausgedrückt: Das "schwache Denken", übersetzt als soziales Projekt, bedeutet eine kontinuierliche Debatte auf der Basis einer permanenten Auflösung von als sicher gedachten Fundamenten, ohne das damit die Beliebigkeit des "anything goes" (P. Feyerabend) zustande kommt. Denn die Hermeneutik richtet sich auf die Wiedererinnerung von überlieferten Vorverständnissen und Regeln, in denen sich Denken und Handeln sich immer schon als bedingt vorfinden, auch wenn sie nicht von ihnen vollständig determiniert werden. Solches Erbe ist die Substanz der pietas, aber nicht als eine statische Wertehierarchie, sondern als Antrieb für die Interpretation. Vattimos Ethik ist eine Ethik der Güter, nicht eine der Imperative. 

Die "schwache" Betrachtung der Überlieferung bewirkt, dass Vattimos Denken sich nicht innerhalb von konservativen Entwürfen einordnen läßt, während sein hermeneutischer Antrieb die prophetischen Visionen abschwächt, indem er sie innerhalb "eines dichten Netzes von Interferenzen" stellt. Dem stellt Sützl die Legitimierung von Gewalt als Entfaltung einer Macht entgegen, die sich sogar wähnt, den common sense als objektive Wahrheit zu definieren. Vattimo gibt gute Gründe, um Emanzipation von Stärke oder Gewalt zu trennen, ohne sich aber zugleich in eine Position der Stärke zu setzen, sondern indem er Räume für Denken und Handeln öffnet. Das meint eine "Ontologie des Untergangs", in der der Prozeß der Aneignung des Seins nihilistisch, als Reduzierung von Gewalt, gedacht wird, im Unterschied zu einigen revolutionären Bewegungen, deren Seinsvergessenheit zu einer Wiederaneignung des Seienden führt, und die dabei den ereignishaften oder "sich schickenden" Charakter des Seins und somit auch die ontologische Differenz aus der Sicht verlieren, und in einer Auflösung der Freiheit in der Sicherheit enden.  

Die Hermeneutik ist für Sützl, der sich dabei auf Wolfgang Welsch bezieht, das "Rückgrat" von Vattimos Denken. Sie steht in Beziehung, gegenüber dem üblichen Verständnis, zu den aktuellen kulturellen und politischen Problemen. Es handelt sich nicht um eine Theorie über die Vielfalt von Interpretationen, sondern um eine Philosophie der nihilistischen Geschichte, die die "starken" oder gewaltsamen Strukturen in Frage stellt, auch die, die sich auf das Erbe der Aufklärung beziehen und sich in Dienst der Emanzipation stellen. Die Reduzierung von Gewalt als "roten Faden" der Geschichte ist der Punkt, an dem Vattimos Auffassung von Geschichte sich vom idealistischen Denken einer vollständigen Eliminierung jeder Form von Gewalt unterscheidet. Sützl weist darauf hin, wie diese Auffassung Vattimos eine kritische Betrachtung des grenzenlosen Konsumismus sowie jeder Art von Fundamentalismus ermöglicht. 

Dennoch kann sich die nihilistische Hermeneutik nicht als ein alternativer Diskurs vorstellen, das den herrschenden Diskursen gegenübergestellt wäre, sondern muß als "bremsender oder kontaminierender" Diskurs verstanden werden. Vattimos Denken ist ein Denken der Kontamination. Es hat einen anarchischen Charakter in dem Sinne, dass es versucht, neue Räume eines "freien Spiels" zu öffnen. Es strebt keine endgültige und dauernde Befreiung an, sondern bewegt sich innerhalb eines Spiels historischer Kontingenzen, auf der Suche, "starke Strukturen" zu vermeiden. Es zielt nicht darauf ab, sich einen "nicht-gewaltsamen" Zustand anzueignen, sondern begreift sich innerhalb einer ereignishaften Struktur in der Oszillation zwischen "dem Gleichen" — hier werden die Rechtsansprüche in bezug auf "Gleichheit" und "Gleichwertigkeit" eingeschlossen — und "dem Selben". Während die "Gleichheit" auf eine Eliminierung der Differenzen abzielt, ermöglicht die "Selbigkeit", heideggerianisch aufgefaßt, einen geschichtlichen Dialog, ohne dass man dabei von einem Recht auf die Differenz sprechen kann, da dies eine nihilistische Hermeneutik innerhalb eines auf Institutionen hin orientierten Denkens bedeutet, womit sein anarchistischer Charakter verloren ginge.  

Sützl zeigt die Unterschiede zwischen dieser Position mit Bezug auf die Kommunikationsethik von Habermas und Apel, mit ihren idealistischen Implikationen, sowie auch in bezug auf die "Neubeschreibungen" ("redescriptions") von Rorty, mit ihrem Imperativ, dass das "Gespräch weitergehen soll" und, schließlich, in bezug auf Gadamers Ethik der Kontinuität, die sich als universale Methode begreift. Für die nihilistische Hermeneutik, so Sützl zusammenfassend, ist das "Nächste" das Einzige, was wir haben und kein fernes telos, das wir mit Hilfe eines technischen Instrumentalismus erreichen könnten. Vattimos Ethik ist eine Ethik der Sorge und der Aufmerksamkeit. Das bedeutet keineswegs, dass sie die Rationalität ausschließt oder dass sie eine Apologie des "Irrationalismus" wäre, wie der Vefasser in einem dem Thema einer "nicht-gewaltsamen Rationalität" gewidmeten Kapitel bemerkt. Im Unterschied zu den reinen ästhetischen Auffassungen von Hermeneutik bei Rorty und Derrida, besteht Vattimo darauf, dass der Philosoph eine argumentative öffentliche Aufgabe gerade  angesichts der Abschwächung der Rationalität hat und dass diese Aufgabe sich von Gadamers Auffassung dadurch unterscheidet, dass diese sich ihres eigenen hermeneutischen Charakters nicht bewußt ist. Die Rationalität von Vattimos Hermeneutik ist eine partikuläre Rationalität, ihres Bezuges mit der Überlieferung bewußt und ohne universalistische Ansprüche. Es handelt sich um eine "schwache" oder dynamische, sich in Übergang befindende Rationalität, die nicht behaupten kann, in sich selbst einen letzten Grund zu finden, gerade weil sie einen nicht-gewaltsamen Weg öffnet. 

IV. Hermeneutik und Kommunikationstechnologien

Die hermeneutische Arbeit ähnelt der Arbeit des Bibliothekars, der neue Bücher auswählt, erwirbt und ordnet und damit seine Bibliothek verändert. Diese Metapher zeigt auch die Beziehung zwischen dem Denken Vattimos und den Kommunikationstechnologien. Sützl zeigt, wie das globale Projekt der Informations- und Kommunikationstechnologien die Kontrollmöglichkeiten abschwächt, so dass es zugleich die Gefahr einer "starken" Einheit und eine Chance für Freiheit und Pluralität in sich birgt. Diese doppelte Natur entspricht der Natur des Marktes mit seinen "harten" Aspekten und seiner wechselhaften Realität. Heideggers "Gestell" wird zum Bild und dieses wiederum zur Information in den Kommunikationstechnologien. Dadurch entsteht auch die Utopie der "Transparenz" (K.-O. Apel), die Vattimo — indem er die verschiedenen Oppositionsbewegungen berücksichtigt, die in der Globalisierung eine Gefahr für Freiheit, Privatheit und Autonomie sehen —, als ein normatives und nicht als ein emanzipatorisches Ideal ansieht. Die Kommunikationsnetze stellen nicht nur die Basis für eine gemeinsame menschliche Erfahrung dar, sondern sie ermöglichen zugleich die Fragmentierung und die Kontextualisierung. In diesem Sinne sind sie eine "Verwindung" der Moderne. Die Möglichkeiten der Emanzipation bestehen genau, wie Sützl zeigt, in einem "relativen 'Chaos'", in dem eine Kontrollsituation mit nicht kontrollierbaren Bereichen koexistiert. Vattimos Ästhetik der Kommunikationstechnologien wurde in den achtziger Jahren entwickelt und ist teilweise auf die Vor-Internet-Periode beschränkt. Der Autor zeigt aber die Relevanz dieses Denkens für die gegenwärtige Situation. 

Im Unterschied zu Habermas, der die "Befreiung der Interpretation" sucht, handelt es sich für Vattimo um eine "Befreiung von der einzigen Interpretation". Das ist der Grund, warum Vattimo den emanzipatorischen Charakter der Fiktionalisierung betont, wodurch er den Konflikt aufzeigen will, der sich paradoxerweise in den reality soaps in bezug auf die Realität offenbart. Sützl erörtert auch das Verhältnis von Ästhetik und Emanzipation, indem er Vattimos Kritik an der metaphysischen Ästhetik mit ihren Herrschaftsstrukturen im Lichte der hermeneutischen und nihilistischen Interpretation Nietzsches, Heideggers und Benjamins erscheinen läßt. Benjamin erlaubt ihm ein Verständnis des Kunstwerkes jenseits der klassischen Auffassung als "Ding". Seine technische und, mehr noch, seine informationelle Reproduzierbarkeit entmaterialisiert das Kunstwerk und bewirkt auch seine Dislokation. Dies erlaubt eine Erfahrung der Abschwächung des Seins sowie den Prozeß der Säkularisierung, worauf Vattimos "ontologische Ästhetik" hinweist, in der die Kunst ihre Authentizität negiert und sich einer Pluralität von Kontexten öffnet. Sie nützt dabei aktiv die Möglichkeiten der Techniken der Reproduzierbarkeit und Diffusion und nimmt an einem ironischen Spiel in der "Begegnung mit dem Anderen" teil. Auf diese Weise eröffnet das Kunstwerk einen vorläufigen und flüchtigen Konsens, den Vattimo mit Heideggers Analysen von Wahrheit und Kunst in Beziehung setzt. Für Vattimo läßt sich Frieden oder, in Sützls Worten, "das Friedliche" ("lo pacífico"), weder als Ursprung und Schicksal, noch als Kampf und Konstruktion, sondern als Ereignis (nihilistisch) denken, im Rahmen der ästhetischen Erfahrung der Oszillation, und ist verwandt mit Spiel und Fest.  

Schluß

Das vorletzte Kapitel ist der Religion bei Vattimo gewidmet. Im Mittelpunkt steht die Parallelität zwischen der "kenosis", d.h. der Entäußerung Gottes durch seine Inkarnation, und der Abschwächung des Seins. So gesehen ist die säkularisierte religiöse (christliche) Erfahrung eine eminent nicht-gewaltsame Erfahrung. Dies führt zu der Frage des letzten Kapitels, nämlich: "Eine Säkularisierung des Friedens?", die der Verfasser im Sinne eines Übergangs von einer metaphysischen zu einer ästhetischen und nicht-gewaltsamen Emanzipation auffaßt. Das bedeutet letztlich ein Frieden ohne Utopie. Der Frieden, so verstanden, ähnelt dem "gemeinen Frieden" ("la paz de la gente" I. Illich). Er ist nichts anderes als "das normale Leben von örtlichen Gemeinschaften, die ihre Kultur trotz des nivellierenden Entwicklungsprojekts bewahren, das immer in der Nähe einer offenen oder strukturellen Gewalt steht."   

Im Unterschied zu einem gewissen prä-technologischen Romantizismus bei Illich, sind für Sützl die Kommunikationstechnologien ein Bestandteil "des normalen Lebens von örtlichen Gemeinschaften", zumindest als Möglichkeit und Chance. Von diesem sozialen, zugleich ereignishaften und unvollendeten Frieden aus läßt sich die Gewalt, um es mit Vattimos Worten zu sprechen, in schwacher Weise in Frage stellen und es läßt sich auch, erneut in schwacher Weise, die Frage der Gewalt stellen.   

Sützls Kernthese ist im Begriff des "ästhetischen Pazifismus" ausgedrückt. Die "Emanzipation" bedeutet dabei eine Alternative zur "Gewalt", aber im Unterschied zur traditionellen ethischen oder positiven Auffassung handelt es sich bei Vattimo um eine Emanzipation, die als ästhetischer oder negativer Pazifismus aufgefaßt wird. Die klassische Alternative wäre, mit anderen Worten, keine wahre Alternative, da sie im Rahmen eines Versuchs der "positiven" Überwindung der Metaphysik, auf der Basis von Idealen, Fundamenten, Gründen oder Dogmen, bleiben würde, was wiederum eine "gewaltsame" Position bedeutet. 
   

Letzte Änderung: 12. Januar er 2014
 
 
 
    

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