DER KONGRESS


Rafael Capurro
  

 

  
 
Bericht über den XVIII. Weltkongress für Philosophie in Brighton, GB (21.-27. August 1988). Erschienen in Information Philosophie, Mai 1989,  74-82.




Katastrophale Organisation

Als ich vor etwa zwei Jahren die ersten "circulars", sprich "Drohbriefe", mit den ständigen Hinweisen auf das Geld im Sinne einer transzendentalen Bedingung der Teilnahme an diesem Kongress bekam, ahnte ich Schlimmes. Dieser Eindruck wurde durch die Tatsachen und zwar auch aus der Perspektive anderer Betroffener bestätigt. Das fing mit den maßlosen Teilnehmergebühren an (da ich den Termin vom 28.2.87 um drei Wochen (!) überzog, wurde ich mit 25 Pfund bestraft. Gesamtbetrag: 150 Pfund) und ging weiter mit der miserablen Qualität der "Unterkunft" an der Universität Sussex (23 Pfund pro Nacht inkl. Frühstück; der Bustransport zum eine halbe Stunde entfernten Kongresszentrum war ebenfalls inbegriffen, setzte aber voraus, dass man die Stadt abends um halb acht verlassen musste), sowie mit den "Tagungsräumlichkeiten", d.h. mit den chaotischen Zuständen der Verteilung auf Kongresszentrum sowie auf drei "noble" sprich "muffige" Hotels, wobei fast am schlimmsten das Kongresszentrum selbst war: ständig (auch im großen Saal) waren "irgendwelche" lauten Hintergrundgeräusche zu hören, ein großer Saal wurde durch Gardinen (sic) dreigeteilt, sodass man Reden, Applaus usw. der anderen Gruppe "mithörte" usw. usf. Das Ganze gipfelte sozusagen im offiziellen "dinner", d.h. mit einem Stück Braten (ungenießbar zum Beispiel für die neben mir sitzenden Damen aus Indien und der Türkei) und einem Eis, zum Preis von, sage und schreibe, 25 Pfund, wobei man die Drinks an der Bar extra bezahlen musste! Die Organisatoren, so hörte man aus allen Ecken, werden sich mit einer Flut von Beschwerdebriefen befassen müssen.

Primum vivire und deinde?

Teilnehmer des Kongresses waren etwa 1000 Philosophen aus 64 Ländern (ca. 250 aus den USA, 90 aus GB, 70 aus der UdSSR, 55 aus Kanada, 30 jeweils aus Japan und der BRD, 29 aus Spanien, 26 aus Frankreich). Ein großes Informationsmanko des Kongresses war, dass lediglich ein "Sammelband der Kurzfassungen" zur Verfügung stand. Wenn man bedenkt, dass die Proceedings des letzten Kongresses noch nicht erschienen sind, dann träumt man von der Organisation des Düsseldorfer Kongresses vor zehn Jahren, wo es sogar eine Kongresszeitung gab!

Die Eröffnung

Das Generalthema, nämlich "Die philosophische Auffassung des Menschen" klang verheißungsvoll. Lord Elton, ein Konservativer (ehemaliger Minister of State), eröffnete den Kongress. Er verlustierte isch über Schleiermachers Hinweis auf die Sprachbedingtheit des Denkens. Die Tatsache, dass Herr Elton Schleiermacher auf Englisch las ("Schleiermacher almost certainly wrote his work in German") zeigt nicht nur (wieder einmal), wie wenig Interesse "die Angelsachsen" für das Verständnis anderer Sprachen (sprich: anderer Menschen und ihrer spezifischen "Denkformen") zeigen, sondern auch mit welcher Kurzschlüssigkeit über diese Frage "nachgedacht" wurde. Der Hinweis, dass der Nationalismus kein ausschließlich deutsches Phänomen ist, war somit zugleich peinlich, wahr und kurzsichtig.

Diesem Auftakt folgte ein innenpolitisches Lamento des Earl of Halsbury über den materialistischen Zustand des Königreiches und die Notwendigkeit philosophischer Bildung, d.h. des Überganges von der englischen "education" zur französischen "éducation", wie der Earl feinfühlig unterschied. Ich wage zu bezweifeln, ob Mrs. Thatcher diese Mahnung ernst nehmen wird. Venant Cauchy, Präsident der FISP, stellte die m.E. entscheidende Frage, die diesem Weltkongress seine wenn auch weiterhin problematische Berechtigung gibt, nämlich die Frage nach Pluralität und Komplexität der "Schulen" (oder "Sprachen"), die in einem solchen Forum Gelegenheit haben, sich gegenseitig zu öffnen und zu relativieren, ohne sich aufzuheben. Jonathan Cohen (Präsident der Int. Union of History and Methodology of Science) rief dazu auf, angesichts der durch Wissenschaft und Technik hervorgebrachten Gefahren für die Biosphäre und der Komplexität (und der häufigen Irrationalität) unserer Entscheidungen, den philosophischen Diskurs in den Dienst des "risk assessment" zu stellen.

Wittgensteins Spuren

Schließlich hörte man von Frau G.E.M. Anscombe (GB) etwas, was ich als einen sprachanalytischen "Beweis" des Daseins Gottes bezeichnen möchte. Das Argument lautete in Kürze: Es gibt (mathematische) Wesenheiten ("essences"), die in einer Grammatik ausgedrückt werden. Unsere Fähigkeit, Wesenheiten hervorzubringen, hängt von unserer Intelligenz ("intelligence"), d.h. von unserer Fähigkeit, eine Sprache zu lernen, ab. Um den "regressus ad infinitum" zu vermeiden, müssen wir davon ausgehen, dass es "intelligence or intelligences" gibt, welche die Sprache geschaffen haben, ohne sie ihrerseits von einem anderen empfangen zu haben "quod omnes dicunt esse Deum". Frau Anscombe bestritt zunächst in einem Privatgespräch diese Deutung, sagte mir aber schliesslich (d.h. nach einem einstündigen Monolog): Wieso "Gott"? "haven't you ever heard about angels?" Und das war wahrhaftig keine witzige Bemerkung, sondern sehr ernst gemeint.

Um es vorweg zu sagen, in diesem Kongress wurden von Tag zu Tag zwei Dinge immer deutlicher: die "Wende" der analytischen Philosophen zu metaphysischen Fragen sowie die "Abkehr" der marxistischen Staatsdenker von der Pflicht, aus ihrem Lehrbuch vorzulesen (mit einigen Ausnahmen: siehe unten).


Was wissen/denken wir vom Menschen?

Am Sonntagnachmittag nach ich am Rundtisch-Gespräch zum Thema "The contribution of science to the knowledge of man" teil. E. Agazzi (Italien bzw. Fribourg) stellte das Dilemma zwischen der philosophischen und der wissenschaftlichen Deutung des Menschen in seiner platonischen Fassung (Alkybiades) dar: Entweder ist der Arzt für den Leib zuständig, dann weiß er nichts über den Menschen, oder der Philosoph sagt etwas über den Menschen und schließt zugleich die Wissenschaften aus. Aut Reduktionismus aut Dualismus. A. Miró Quesada (Perú) stellte die Frage nach dem Ursprung und Ziel des Menschen als spezifisch philosophisch dar und sah in der modernen Physik und Bioilogie so etwas wie die Entdeckung von "causa-sui-Phänomenen". Für J. Ladrière (Belgien) war die Einheit der verschiedenen wissenschaftlichen "Hinsichten" ("approaches") nur auf dem Wege der verantwortungsvollen Handlung ("l'action") realisierbar. So weit meine Wahrnehmung des ersten Tages, an dem auch drei Sektionen (über Sozialwissenschaften, Freiheit und Verantwortung, das Maskuline und das Feminine in der Philosophie) sowie ein weiteres Rundtusch-Gespräch (über Christentum und Marxismus) stattfanden.


Montag: Mensch, Sprache, Gott


Die erste Plenarsitzung am Montagvormittag war dem Thema "Der Mensch als Gegenstand der Philosophie" gewidmet. In der Einleitung stellte E. Agazzi als eigentliche Aufgabe der philosophischen Reflexion über den Menschen, die nach dem, "was sein soll" ("human reality as the ought-to-be") fest. Da wir heute diese ethische Dimension stets zu vergessen scheinen, gilt es in diesem Sinne die Existenz des Menschen zu beweisen (so wie man in früheren Epochen darum bemüht war, die Existenz Gottes zu beweisen). P. Fedosseev (UdSSR) machte zu Beginn seiner Ausführungen eine wichtige Mitteilung: Der nächste Weltkongress für Philosophie findet in Moskau statt! Das Thema steht noch nicht fest, aber 'böse' Zungen behaupten, dass es sicherlich die Gottesfrage sein wird! Davon war schließlich Fedoseev selbst nicht allzuweit entfernt, als er in bezug auf die Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos und in der Gesellschaft sich nicht etwa auf Marx, sondern auf Kants Diktum: "Der gestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir" berief. P. Ricoeur (Frankreich) relativierte die sprachanalytische Perspektive, indem er auf das handelnde und leidende Subjekt hinwies. Von hier aus öffnete er sich einer Ethik der Selbstachtung bzw. der Achtung vor dem Anderen, die eine dialogische Struktur aufweist. Die Philosophie muss die sprachlichen, praktischen und ethischen Dimensionen, die das Fundament der Wissenschaft bilden, thematisieren. sie ist gewissermaßen eine "lange Fußnote", die zur Selbsterkenntnis führt: "Nous voici, nous les humains, nous les mortels".

Die Fülle der Sektionen und Rundtisch-Gesprächen (die hier, aus Platzgründen, nicht im einzelnen erwähnt werden können), machte die Auswahl zur sprichwörtlichen Wal. Ich nahm an der Sektion über Sprachphilosophie teil, die von J. Bouveresse (Frankreich) geleitet wurde. C. Albert (Spanien) stellte D. Davidsons Auffassung von "Ideen" und "Glaubenswahrheiten" vor, die mich sehr an José Ortega y Gasset erinnerte, wenngleich vermutlich beide Philosophen eine gegenteilige Auffassung vertreten. H. Hiz (USA) versuchte die (?) Struktur des Dialogs mit den darin vorkommenden "Ereignissen" zu formalisieren. C. McKnight ((GB) kritisierte den Zeitbegriff von D.K. Lewis und plädierte für eine Analogie von "modal" und "temporal properties" als Basis der Theorie der "möglichen Welten" (als ob die jetzige Welt nicht an sich schon komplex genug wäre!)

Anschließend ging ich zum Rundtisch-Gespräch über "Religionsphilosophie". A. Bord (Frankreich) gab eine sehr "orthodoxe" Deutung von Pascals mystischer Erfahrung, die er der Plotinischen entgegensetzte und mit der von Johannes von Kreuz verglich. L. Pena (Spanien) versuchte die "coincidentia oppositorum" von einem logischen Standpunkt zu klären, während J. C. Scannone (Argentinien) den spekulativen Weg der Analogie und des Symbols als Zugang zum "Heiligen" vorschlug. Besonders interessant fand ich die Ausführungen von M. Stepaniants (UdSSR) über den Begriff des "perfect man" im Sufismus: Dieser Begriff bilde gewissermaßen den Gegenpol zu einem sich von der Welt abwendenden "cosmic self".

Dienstag: Ich und Wir

Das Thema der zweiten Plenarsitzung lautete: "Der Mensch: Natur, Geist und Gemeinschaft". M. Dummet (GB) ging der Bedeutung von "Ich" auf die Spur, indem er, in Anschluß an Evans, die Theorie der Bedeutung in unmittelbare Nähe zur Epistemologie stellte. G. Granger (Frankreich) ging es vor allem um den Unterschied zwischen wissenschatlichem und technischem Wissen, den er vom "téchne"-Begriff (Aristoteles) bis hin zu den "Expertensystemen" erläuterte. Beide Wissensarten, die des Allgemeinen und die des Konkreten, gehören aber unauflöslich zusammen. Schließlich stellte D. Davidson (USA) einen möglichen Weg zur Überwindung des epistemologischen Solipsismus dar, indem er auf die Interaktion von Handelnden und Gegenständen einging, die wiederum gemeinsame Gedanken ("thoughts are social") voraussetzt. Der Spuk des Solipsismus zeigte sich mehrmals auf diesem Kongress.

Nachmittags nahm ich am Rundtisch-Gespräch üer "Philosophical problems of politics" teil. C. Gould (USA) stellte die Frage nach dem "common interest" als Alternative zwischen "aggregation of  choices" (A. Smith), "objetive social good" (Platonismus) und "construction" by consensual procedures" (Rawls, Habermas) und behauptete, dass Konsens eine kontrafaktische Norm sei. S. Avineri (Israel) ging es um die Vermittlung zwischen der "bürgerlichen Gesellschaft" und dem "Staat" (Hegel) im Sinne einer "community of communities". Mir schien hier der Unterschied von Gemeinschaft und Gesellschaft (F. Tönnies) etwas verwischt. Xing Fensi (VR China) sprach über die entscheidende Bedeutung der Kulturfrage bzw. des interkulturellen Gesprächs zwischen den traditionellen Konfuzianischen Werten und denen der westlichen Zivilisation. Marx wurde weder wörtlich noch sinngemäß erwähnt. Es ging stattdessen um die Frage, wie eine solche "interaction" vor sich gehen kann (etwa im Sinne einer "inner orientation towards self perfection"). V. Mschvierenadze (UdSSR) leitete souverän die Diskussion, was gewiß nicht einfach war, zumal als ein amerikanischer "Philosoph" öffentlich beichtete, das er bis vor kurzem geglaubt habe, dass die "Russen" keine Menschen wären!


Husserl und die Gerechtigkeit

Am Ende dieses erneut physisch und geistig kaum zu bewältigenden Tages, standen zwei Kolloquien auf dem Programm: "Husserl fünfzig Jahre später" und "Gerechtigkeit und Freiheit". Aus dem ersten hörte ich einen Vortrag von D. Follesdal (Norwegen). Follesdal "verteidigte" seine zwanzig Jahre alte (!) These, dass Husserls "noema" im Sinne von "verallgemeinerte Bedeutung" ("generalization of the notion of meaning") zu verstehen ist.
Ich hörte schließlich L. Zea (Mexico) über die Gleichheit der Menschen, die auf dem Recht ihrer Ungleichheit basiert. Die Ungerechtigkeit entsteht dann, wenn wir aus der eigenen Identität die der anderen machen wollen.


Mittwoch: Technik, Literatur, Wahrheit

Der Mittwoch war ein etwas "lockerer" Tag, da es keine Plenarsitzung, sondern ein Meeting der General Assembly der FISP gab. Ich nahm an der von W. Schirmacher (USA) geleiteten Vorstellung der Aktivitäten des "Philosophy and Technology Studies Centre" der Polytechnic University (New York) teil. Die Bedeutung dieses Zentrums mit seinen regelmäßig stattfindenden internationalen Konferenzen, seiner umfangreichen Bibliothek und seinen weltweiten Beziehungen ist inzwischen allgemein anerkannt. L. Westra (USA) sprach sich, vor allem angesichts der ökologischen Krise, für einen "responsible thinker" gegenüber der Vorstellung des Philosophen als eines "impartial provider of arguments" aus.

Etwas verspätet bekam ich noch die Vorträge und Diskussionen des "Centre for Research in Philosophy and Literature" zu hören: P. Ricoeur (Frankreich) ging auf die Rolle der Metapher in Wissenschaft, Handlung und Dichtung, im Sinne einer Pluralität von Diskursen, ein. Philosophie und Dichtung bilden eine "mutual provocation".

Am Nachmittag stand als "special lecture" K. Popper mit dem Thema "A World of Propensity: Two New Views of Causality" auf dem Programm. Der "Auftritt" hatte in der Tat etwas "Theatralisches" an sich, wie Lord Quinton beim Dinner meinte. Popper bekannte sich zu seinem "Glauben", d.h. er stellte zunächst seinen "Dogmenkatalog" vor und präsentierte sich, was den Wahrheitsbegriff angelangt, als Nachfolger von Tarski und Aristoteles. Danach kam die Darstellung der "propensity"-Theorie, die man einfach als Gewichtung von Wahrscheinlichkeit aufgrund der eintreffenden Ereignissse beschreiben könnte. Die Nähe des "propensity"-Begriffs zur Aristotelischen "dynamis" war kaum zu überhören. Allerdings gibt es bei Popper keine Einsicht in die "prima principia", sondern nur der Glaube an eine (wenn auch nicht nicht erreichte) "absolute Wahrheit". Seine naiv-pathetischen Aufforderungen zum Wissenschaftsglauben dürften inzwischen, d.h. angesichts der immerhin seit einigen Jahrzehnten kaum zu übersehenden katastrophalen "Nebenwirkungen" unserer Wissenschaft und Technik, als "falsifiziert" gelten.


Donnerstag: Die Subjekte: was sie tun (sollten) und was sie sagen

Die dritte Plenarsitzung trug die Überschrift "Geschichte, Gesellschaft und Person". Sie begann mit einer "flammenden" Rede von R. Singh (Indien) über Gandhis "law of love". Ein kaum zu überbietender Kontrast war die nachfolgende, auf Deutsche gelesene Rede von E. Hahn (DDR). Er vertrat die Ansicht, dass angesichts der globalen Auswirkungen unserer wissenschafltich-technischen Handlungen die Frage nach dem "Subjekt geschichtlicher Veränderungen" immer dringlicher wird. Ein solches "Subjekt" ist (noch) nur in einem abstrakten Sinne "die Menschheit", da sie zur Zeit eher Objekt dieser Veränderung ist bzw. sich "im Prozeß der Genese" befindet. Von hier aus stellt sich das Dilemma: aut Universalismus aut "Klassenkampf", das dialektisch aufzulösen ist. Menschheitsinteressen (physische Fortexistenz, Unterentwicklung, Ökologie, Beherrschung der gemeinsamen produktiven Potenzen) schließen Klasseninteressen nicht aus, lassen sich aber nicht mit diesen einfach identifizieren. So müssen also einerseits die Gegensätze (zwischen Imperialismus und Sozialismus) klar definiert werden, um andererseits zugleich die minimale Basis einer Kooperation herauszuarbeiten (Hinweis auf ein gemeinsames Paper von SPD und SED). Die freie Wirtschaft, so Hahn in Anschluss an Jonas (!) ist die Todesgefahr: Der Blick richtet sich somit auf die (von Jonas verworfene) Alternative des Kommunismus, wegen der angeblich größeren Rationalität! Es war meines Erachtens bemerkenswert, dass weder die sowjetischen Philosophen noch die Philosophen aus  der VR China sich des üblichen DIAMAT-Jargons bedienten. Aber Herr Hahn räumte ein, dass die Kooperation die Fähigkeit zur Selbstveränderung der Akteure voraussetzt.

Den letzten Vortrag hielt J. Habermas (BRD), und zwar auf Englisch, um, wie er sagte, das Diktum Heideggers in Frage zu stellen, dass Deutsch sich besser zum Philosophieren eigne als andere Sprachen. Das Ergebnis war, dass man Habermas' Vortrag nicht verstand: Nach etwa fünf Minuten gaben die englischen und spanischen Übersetzer auf. Glücklicherweise bleibt der französischer Übersetzer übrig, sodass man erfahren konnte, was aus der vormals so Kritischen Theorie geworden ist, eben nur eine Theorie. Hier spukte abermals der Solipsismus: Habermas versuchte – indem er Rousseaus "Confessions" auslegte  den Begriff der Individualität nicht numerisch (also solipsistisch), sondern intrinsisch intersubjektiv aufzufassen. Die eigene Lebensgeschichte ist immer die Geschichte der Interaktion mit anderen Subjekten, sie ist also ethisch.

Am Nachmittag ging ich in die Sektion "Philosophy of Language" und hörte D. Hitchcocks (Kanada)  Versuch einer Gadamer-Kritik zu. Dabei hat er "Wahrheit und Methode" im Sinne von Wahrheit oder Methode, also Geistes- vs. Naturwissenschaften, missverstanden. Die Hermeneutik befürwortet außerdem m.E. keine subjektivitische bzw. "ideologische" Textmanipulation, sondern sagt gerade, dass wir nicht einfach die Bedeutung "an sich" eines Textes feststellen können, ohne dass wir zugleich (!) "our own arguments and insights into the subject-matter" ins Spiel bringen. J. Robinson (USA) untersuchte den Unterschied zwischen "linguistic expressions" und "descriptions of emotions" bei Collingwood, wobei sie (gegen Collingwood) die Deutung bzw. Aufklärung unserer Gefühle nicht bloß auf die Seite ihrer Versprachlichung, sondern auf die ihres "sich-Verratens" ("betrayal"), etwa durch körperliche Äußerungen, stellte. J. Schouwey (Frankreich) versuchte eine Typifizierung von "offizieller Sprache" ("langage officiel") und familiärer Alltagssprache ("langage familier"), indem er u.a. auf die verschiedenen Tonarten hinwies. Gewissermaßen als Vermittlung sah er die Sprache des Spiels an, wo der Mensch sich als "l'animal menteur" zeigt.

Kant

Am Abend fanden zwei Kolloquien zu "Kants Kritik der praktischen Vernunft" sowie zu dem Thema "Gibt es kulturelle Universalien?" statt. Ich hörte im Kant-Kolloquium M. Buhr (DDR), der mit einer Anerkennung begann: "Bei Fragen der Menschheit ist Kant nicht zu umgehen"! Kant vollzog allerdings nicht, so Buhr, den Übergang vom Individuum zum Sozialen und Geschichtlichen: Welt, Gemeinschaft, Totalität, Vernunft werden primär vom (bürgerlichen) Individuum aus gedacht. Dennoch ist die Vorstellung einer "Vernunftkoalition der Völker" zukunftsträchtig.


Freitag: Was dürfen wir (angesichts der modernen Technik) hoffen?

Die vierte Plenarsitzung trug die Überschrift "Gegenwart und Zukunft der Humanität", d.h. also der Menschheit. O. Oruka (Kenya) plädierte für eine "ethics of human life": Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der Menschheit verhungert, können sich Philosophen nicht auf die Suche nach "objektiver Wahrheit" (Anspielung an Popper) oder auf "Sprachanalysen" einschränken. Die Frage ist auch nicht so sehr die, ob der Mensch existiert, sondern ob er existieren wird. E. Mayz Vallenilla (Venezuela) pro- und deklamierte eine Umwälzung des bisherigen Denkens aufgrund der "raciotécnica", die unsere auf der Kategorie der Substanz basierenden Raumvorstellungen durch den Funktionsbegriff fragwürdig macht. Was aber genau eine solche Veränderung des Denkens und Handelns konkret bedeutet, wurde nur negativ bestimmt: Verlust des Anthropozentrismus, Anthropomorphismus und Geozentrismus. In einem Vortrag, in dem das ganze Ausmaß der kulturellen Öffnung Chinas deutlich wurde, ging Ru Xin (VR China) auf die Menschheitsfragen "Frieden und Entwicklung" ein. Allein seine Zitate zeugten von dieser Öffnung: Sokrates, Konfuzius, Sophokles, Thomas von Aquins "Summa theologiae", Albert Einstein ("we need a completely new way of thinking") and Martin Luther King ("I have a a dream")! Dieser "Traum wurde mit der altchinesischen Idee der "Great Harmony" verglichen. Die einzige Erwähnung des Marxismus war kritisch: "a Marxist ist not a fortune-teller", sowie "we do not blindly hope to predict accurately the future of mankind". Stattdessen gilt: "We should recognize and respect differences among various social systems, cultures, ideologies and traditions, seek common ground and leave differences as they are, replace antagonism with dialogue and allow the existence of things different from ours". Ich bin der Überzeugung, das unsere besondere Verantwortung darin besteht, diesen Dialog in den nächsten Jahren voranzutreiben. Ex oriente salus?

In der Sektion "Philosophy, Anthropology and Psychology" hörte ich K. Fujitas (Japan) auf Deutsch vorgetragene Auslegung der leiblichen und existenziellen (bzw. existenzialen) Dimension des Menschen, die von der Fruchtbarkeit des Heideggerschen Denkens für den Dialog mit den fernöstlichen Kulturen zeugte. W. Schirmacher (USA) zeigte, dass die Dichotomie Natürlichkeit vs. Künstlichkeit angesichts des "Ereignisses Technik" obsolet ist: Es kommt jetzt darauf an, innerhalb der modernen Technik die Lebensalternative ("Lebenstechnik" anstelle von "Todestechnik") zu verwirklichen. Schließlich nahm ich an der Sektion über "Philosophical problems of artificial intelligence", die von M. Boden (GB) geleitet wurde, teil. D. Anderson (GB) kritisierte Searles Argument des "chinesischen Zimmers", indem er zeigte, dass die eigentliche Stärke dieses Arguments im Verstehensbegriff ("understanding") liegt. Auf die Frage, was er aber unter "understanding" verstehe, wusste er keine Antwort! T. Simon (USA) stellte die Gleichung "computer programs are (scientific) theories" in Frage. P. Barker  (USA) stimmte, von Wittgenstein ausgehend, H. Dreyfus' KI-Kritik des Regeln-basierten Modells der menschlichen Erkenntnis  zu. J. Morris (USA) berief sich u.a. auf den hermeneutischen Ansatz von T. Winograd und  F. Flores und hob die ethische Problematik der KI-Forschung  (bzw. der wissenschaftlichen Forschung überhaupt) hervor: Es ist nicht gleichgültig, ob 80% der US-Wissenschaftler für die Rüstungsindustrie (und nicht etwa für die "reine Wahrheitssuche") arbeiten. Der Rezensent versuchte eine in Kantischer Absicht "ästhetische" Deutung der "Künstlicheen Intelligenz".

Für Samstag waren Sir Alfred Ayer (GB) zum Thema "A Defence of Empiricism" sowie I.T. Frolov (UdSSR) vorgesehen. Ich konnte leider nicht dabei sein, glaube aber, dass zur Zeit kaum jemand sich die Mühe gibt, den "empiricism" zu attackieren, sodass er eigentlich auch keiner Verteidigung bedarf!

Als besonderes 'Ergebnis' dieses Kongresses möchte ich die persönlichen Bekanntschaften sowie die geschlossenen Freundschaften mit Kollegen aus aller Welt hervorheben. Die Philosophie, d.h. die abendländische Denktradition verwirklicht sich im Sinne eines "schwachen Denkens" (G. Vattimo), d.h. sie verliert immer mehr ihre "Reinheit" (falls sie jemals eine solche hatte!) und wird zur Mestizin. Ihre Rolle ist nicht, andere "Denkformen" zu "zivilisieren", sprich zu beherrschen, sondern sich immer wieder neu mit ihnen zu vermischen. Um dies zu tun, muss sie sich aber stets über sich selbst aufklären lassen. Weltkongresse haben hierin ihren m.E. stärksten Berechtigungsgrund.

Letzte Änderung: 2. Juli  2017
    
 
 
    
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