ETHOS DES CYBERSPACE

Rafael Capurro
  
 
 
 
Zuerst erschienen in: wechselwirkung, Nr. 94, Dez. 98 / Jan. 1999, 6-9. Russische Übersetzung: "Tsiensura v Rossii", Sankt Petersburg 2001, 252-256 (ISBN: 5-8192-0102-7).

 


 
 
INHALT
 

1. Massenmedien und Weltvernetzung  
2. Staatliche Kontrolle oder Kontrolle des Staates?   
3. Internetmoralen und Ethos des Cyberspace  
4. Aufgaben einer Ethik der Cyberkultur  

Literatur

 
 
 
 
 

1. MASSENMEDIEN UND WELTVERNETZUNG


Themen wie Pornographie und Rechtsradikalismus stehen oft im Mittelpunkt der durch die Massenmedien verbreiteten Kritik am Cyberspace. Dabei entsteht leicht den Eindruck, diese Probleme wären die eigentliche Herausforderung der Cyberkultur. Entscheidend ist aber, daß dadurch die digitale Weltvernetzung gegenüber den Massenmedien insgesamt ins Zwielicht gerät. Eine mögliche Erklärung dafür liegt meines Erachtens darin, daß die Massenmedien und ihre Akteure den Cyberpace als eine ernsthafte existentielle Bedrohung ansehen. Mehrere Strategien bieten sich dabei an. So wird zum Beispiel eine wie auch immer geartete technische Fusion dieser beiden Kommunikationsformen in Aussicht gestellt. Welche Konsequenzen diese Fusion hätte, ist noch völlig offen. Bekanntlich sind die Massenmedien durch eine hierarchische One-to-many-Struktur gekennzeichnet.

Die Weltvernetzung in Form von World Wide Web, E-Mail, Diskussionsforen usw. erlaubt unterschiedliche Formen von interaktiven Strukturen (one-to-many, many-to-one, many-to-many) unter Umgehung traditioneller Filter wie Journalisten, Moderatoren, Redaktionen, Programmanbietern und Herausgebergremien. Zwar bedarf eine Cyberkultur weiterhin dieser Funktionen, aber sie verändern sich entsprechend dem neuen Medium. Die verbreitetste Strategie der Massenmedien ist aber die der Ablehnung zum Beispiel in Form von Bedrohungsszenarien oder eben einseitig sensationsorientierter Berichterstattung.

 

2. STAATLICHE KONTROLLE ODER KONTROLLE DES STAATES?


Die kulturellen Veränderungen aufgrund der digitalen Vernetzung lassen sich, über die Sphäre der Massenmedien hinaus, in allen gesellschaftlichen Bereichen antreffen. Über Jahrzehnte gewachsene lokale und globale Macht- und Kontrollstrukturen und die damit zusammenhängenden beruflichen Aufgaben und Qualifikationen werden teilweise in Frage gestellt. Das verursacht Ängste und Verunsicherung. Ein Beispiel dafür ist die schleppende Einführung dezentraler und kundenorientierter Vernetzung bei Banken. Ein weiteres, das öfter angekündigte Ende der über Jahrhunderte gewachsenen Buchkultur. Zwar glaubt fast niemand ernsthaft an das Ende des Buches, aber viele bedauern den Niedergang der Lesekultur, was aber wiederum nicht primär mit dem Internet, sondern mit dem Fernsehen zu tun haben mag. Dabei werden etwa die haptische Qualität des Buches sowie andere Eigenschaften dieses Mediums, je nach Standpunkt, gegenüber digitaler Vernetzung und Multimedialität über- oder unterbetont. Es bilden sich Lager und Polemik macht sich breit.

Gerade die Buchkultur ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die umfassende kulturelle Auswirkung eines neuen Mediums. Die Aufklärung kämpfte bekanntlich ganz besonders um die Zensurfreiheit des gedruckten Wortes gegenüber der Kontrolle durch Politik, Kirche und Militär. Auf dieser Grundlage avancierten die Massenmedien - allen voran die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen - in diesem Jahrhundert zu einer vierten Gewalt in der Konzeption eines modernen demokratischen Staates. Mit der digitalen Weltvernetzung spitzt sich diese Entwicklung nicht nur weiter zu, sondern sie kehrt sich teilweise um. Die Nationalstaaten, die noch eine gewisse Kontrolle über die Massenmedien ausübten, wurden zunächst durch deren zunehmenden politischen Einfluß verunsichert. Die Verhältnisse werden aber jetzt völlig auf den Kopf gestellt. Die herkömmlichen Kontroll- und Zensurmechanismen versagen zumindest teilweise im Internet und man befindet sich in der umgekehrten Situation: Nicht der Staat gewährt einem Medium bestimmte Freiheiten, sondern die Staaten müssen sich solche Freiheiten gegenüber einem globalen Medium politisch und kulturell erkämpfen.

Dieses Phänomen der Umkehrung sozialer Macht- und Kontrollverhältnisse läßt sich auch auf Mikro- und Mesoebene beobachten. Kinder und Jugendliche haben auf einmal einen für bisherige Generationen undenkbaren kulturellen Vorsprung gegenüber den Älteren. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis so wie auch die herkömmlichen Wissenshierarchien an Hochschulen kehren sich ebenfalls teilweise um oder werden durch weltweite Kommunikation sowie durch den schnellen Zugriff zum Wissen ausgehöhlt. Das gilt insbesondere auch für die gewachsenen hierarchischen Strukturen in der Wirtschaft, die durch vernetzte Strukturen zu einem radikalen Umdenken ihrer Produktions-, Innovations-, Informations- und Kommunikationsprozesse gezwungen ist. Die Management-Lehre muß neu geschrieben werden.
 

3. INTERNETMORALEN UND ETHOS DES CYBERSPACE


Die Weltvernetzung bringt aber keineswegs eine Angleichung aller Verhältnisse im Sinne von Chancengleichheit, wie die Optimisten es gern hätten, noch im Sinne von Verflachung kultureller Unterschiede, wie es die Pessimisten befürchten. Beides ist zutreffend: Herkömmliche Wissens- und Kommunikationsmonopole werden in Frage gestellt, aber dabei entstehen neue Ungleichheiten. Das gilt schon auf der technischen Ebene, wenn man zum Beispiel an die unterschiedliche Auslastung und Strukturierung der Netze denkt. Im Netz bilden sich aber auch unterschiedliche Internetmoralen. Diese werden durch die lokalen Kulturen geprägt. Diese Situation eines moralischen Pluralismus ist nicht neu, aber sie macht sich hier besonders bemerkbar und führt unweigerlich zu Konflikten, die mit herkömmlichen politischen und rechtlichen Mitteln allein kaum zu bewältigen sind. Die Aufstellung einer Netiquette war und ist ein Ausdruck dieses Problems. Natürlich lassen sich moralische Konflikte nicht durch Vorschriftskataloge lösen, zumindest solange diese nicht als Anlaß zum Dialog verstanden werden. Ethik als Reflexion über Moral kann und soll mittel- und langfristig eine Atmosphäre schaffen. Der Terminus Atmosphäre steht hier stellvertretend für das, was die abendländische Tradition ethos im Sinne von Wohnort nennt. Das griechische Wort ethos bedeutet, je nach Schreibweise mit kurzem oder langem E, Gewöhnung bzw. Wohnort oder Gewohnheit. Durch Gewöhnung bildet sich, so Aristoteles, der Charakter oder, allgemein gesagt, eine Kultur.

Die Formel Ethos des Cyberspace drückt das Problemfeld einer Weltkultur aus, die zwar über die Grenzen der modernen Nationalstaaten hinauswächst, ohne aber schon einen neuen Wohnort gebildet zu haben. Zwar helfen technische Normen sowie gesetzliche Regulierungsmaßnahmen für eine minimale Versittlichung des Cyberspace, aber dadurch werden die Probleme im globalen Umgang mit diesem Medium kaum gelöst. Mit anderen Worten, wir haben eine doppelte Aufgabe bei der Bildung eines Ethos des Cyberspace vor uns, nämlich eine innere und eine äußere. Einige Propheten dieses neuen Mediums nehmen ausschließlich eine innere Einstellung ein, indem sie den Cyberspace zu einer neuen kulturellen Stufe der Menschheit stilisieren. Manche machen sogar eine gnostische Lehre daraus, indem sie die Weltvernetzung als Keim eines sich bildenden supraindividuellen Gehirns ansehen. Die frühen anarchistischen Vorstellungen eines allen zugänglichen und politisch nicht kontrollierbaren Kommunikationsraumes, in dem sich der Traum eines Kommunismus des Geistes technisch verwirklichen würde, sind längst den wirtschaftlichen und politischen Interessen der verschiedenen Akteure gewichen.

Der Blick von außen auf die globale Weltvernetzung ist durch die vielfältige Strukturierung der geographischen, politischen und kulturellen Räume, durch die verschiedenen historisch gewachsenen Wohnorte also, geprägt. Diese Unterschiede führen innerhalb des Netzes aufgrund technischer, ökonomischer, rechtlicher und politischer Kontrollinstanzen zur Bildung von Internetmoralen.
 

4. AUFGABEN EINER ETHIK DER CYBERKULTUR

Wie gehen wir also an die Probleme der Bildung eines Ethos des Cyberspace heran? Ich meine, daß die Spannung zwischen Selbstorganisation und äußeren Kontrollmaßnahmen nicht aufgehoben werden kann. Sie bedarf aber einer wechselseitigen Vermittlung. Darin sehe ich die künftigen Aufgaben einer Ethik der Cyberkultur. Ich nenne einige dieser Problemfelder:
  • Die Spannung zwischen der Freiheit der Kommunikation und dem Schutz der Privatsphäre. Stichwort: informationelle Selbstbestimmung.
  • Die Spannung zwischen der digitalen Manipulation von Waren und Dienstleistungen und dem Recht auf den Schutz der materiellen und geistigen Arbeit. Stichwort: Copyright.
  • Die Spannung zwischen den Informationsreichen und -armen. Stichwort: Informationsgerechtigkeit.
  • Die Spannung zwischen den Wirtschaftsinteressen des Informationsmarktes und dem demokratischen Recht auf einen ungehinderten Informationszugang. Stichwort: informationelle Grundversorgung.
  • Die Spannung zwischen globalen und lokalen Informationsmärkten. Stichwort: "Glokalisierung" (Beck 1997)
  • Die Spannung zwischen der einen Cyberkultur und dem Recht auf Bewahrung medialer Traditionen. Stichwort: multikulturelle Mediengesellschaft.
  • Diese Problemfelder gehören zu einem sich entwickelnden Weltinformationsethos. Die Lösungen schwanken zwischen gesetzlichen Regulierungen und dem Ruf nach Selbstkontrolle. Ich meine, daß zu komplexen Problemen auch komplexe Lösungen gehören. Selbstkontrolle durch die Nutzer, interne Selbstregulierungsmechanismen im Netz sind dazu ebenso notwendig wie öffentliche Foren, nationale und internationale Gesetzgebung, Einwirkung von NGOs (Non-Governmental Organizations) und UN-Organisationen, wie UNESCO, ITU und den Entwicklungsprogrammen der UNDP und der Weltbank. In Frage steht dabei, wie dieses europäisch-abendländische Kulturprogramm Vermischungen mit anderen medialen Traditionen zuläßt. Mögliche Strategien sind: Abwehr, Mißverständnis, Adaption, Assimilation bis hin zu einer medialen Weltgemeinschaft. Letztere kann als Plattform für kulturelle Vielfalt verwirklicht werden. Sie kann aber auch zu Uniformität und Kolonialismus führen. Eine Ethik der Cyberkultur muß sich diesen Fragen stellen.
     

    LITERATUR

    Beck, U.: Was ist Globalisierung? Frankfurt 1997. 

    Capurro, R.: Informationsgerechtigkeit. In: medien praktisch 4/98, S. 42-44.     
    -: Ethik der Cyberkultur (1998)  
    -: Leben im Informationszeitalter, Berlin 1995.    

    Coy, W.: Media Control. Wer kontrolliert das Internet? In: S. Krämer, Hrsg.: Medien Computer, Realität, Frankfurt a.M. 1998, S. 133-151.    

    Großklaus, G.: Interkulturelle Medienwissenschaft. In: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 22 (1966), S. 191-206.    

    Kolb, A., Esterbauer, R., Ruckenbauer, H.-W. Hrsg.: Cyberethik. Verantwortung in der digital vernetzten Welt, Stuttgart 1998.    

    Leggewie, K., Maar, Chr. Hrsg.: Internet Politik. Von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie. Köln, 1998. 

    UNESCO: Virtual Forum-INFOethics.    
     
    Letzte Änderung: 12. Januar 2014
      
     
       

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