DIGITALER WELTENTWURF

Ein Essay in Heideggerianischer Absicht

Rafael Capurro

 
 
 

Inhalt
  

Digitaler Weltentwurf
Menschliche Existenz im digitalen Weltentwurf
Literatur  

Vgl. M. Eldred: Wie ist Informationsarmut möglich. 11 Thesen zum digitalen Entwurf des Seins 

  
 
 
  
  

1. Digitaler Weltentwurf


1.1. Das Seinsverständnis hat umgeschlagen. Im Kontrast zum auf der empirischen Anschauung basierenden Entwurf der Neuzeit, wonach das Sein der Dinge von der Anschauung untrennbar ist (Kant), ja sogar mit dem Wahrgenommensein identisch ist "Their esse is percipi" (Berkeley 1965, 62), gilt: jetzt: esse est computari. Die Welt ist alles, was digitalisierbar ist. 

1.2. Diese Umkehrung ist eine abermalige Umkehrung von Nietzsches Umkehrung der platonischen Metaphysik. Die Ewige Wiederkehr des Gleichen bedeutet, daß ein ewiger Naturprozess sich perspektivisch in und durch uns manifestiert. 

1.3. Jetzt aber ist weder das Metaphysisch-Geistige noch die Natur, sondern das Technisch-Geistige das Maßgebende. Daher auch der Vorrang des Virtuellen vor dem Wirklichen im Gegensatz zum Aristotelischen Vorrang der energeia vor der dynamis.  

1.4. Metaphysikgeschichtlich sind vor allem Platon und Leibniz zwei Vorstufen des digitalen Weltentwurfs. Platons Ideen informieren zwar die materielle Welt, sind aber davon getrennt. Dies zu erkennen, erfordert eine Umkehrung des gewohnten Blicks in die Sinnenwelt, die Platon vor-bildlich im Höhlengleichnis als einen kybernetischen Prozeß beschreibt. Kybernetisch deshalb, weil dieser Prozess nicht von selbst, sondern durch (Selbst-)Lenkung (kybernein) geschieht. Der Philosoph (Sokrates) vermag einen Anstoß dazu zu geben.  

1.5. Dieser durch Logik und Mathematik gekennzeichnete metaphysische Weg wird bei Leibniz empirischer und technischer. Die platonischen Formen werden in die Sprache eines universalen logischen Kalküls übersetzt. Dieser wird zur Basis der Rechenmaschine. 

1.5.1 Monaden und Körper sind für Leibniz zwei unterschiedliche aber untrennbare Dimensionen einer Welt: 

"Die Welt ist eine Virtualität, die sich in den Monaden oder Seelen aktualisiert, aber auch eine Möglichkeit, die sich in der Materie oder den Körpern realisieren muss. (...) Wie ein chinesischer (oder japanischer) Philosoph sagen würde, ist die Welt der Kreis, reine "Reserve" an Ereignissen, die sich in jedem Ich aktualisieren und sich in den Dingen nacheinander realisieren." (Deleuze 1995, 170-174)
Virtualität und Möglichkeit haben einen ontologischen Vorrang vor Aktualisierung und Realisierung. Die Welt ist immer real und aktual, sie ist aber zugleich virtuell und möglich. 

1.5.2 Die materielle Welt ist eine Welt von In-FORM-ationen (Heim 1994). Das Wort Information kommt aus dem Lateinischen informatio, was soviel wie etwas eine Form ge- ben bedeutet. Dieses Wort wurde gebraucht, um die platonischen und aristotelischen Gedanken über den Zusammenhang zwischen den Wesensformen der Dinge und der materiellen Welt (im ontologischen Sinne also) sowie um das Verhältnis zwischen Erkennen und Erkanntem (im erkenntnistheoretischen Sinne also) wiederzugeben. In der Neuzeit blieb lediglich die erkenntnistheoretische Bedeutung erhalten, während in der Gegenwart die ontologische Bedeutung wiederentdeckt wurde (Capurro 1978).  

1.6. So werden die platonischen Ideen in der Neuzeit empirisch faßbarer und in der Gegenwart, mittels Hard- und Software, technisch konkreter. Sie werden als Informationen empirisch manipulierbar, ohne aber ihre Allgemeinheit einzubüßen. 

1.6.1 Der digitale Weltentwurf ist eine Fortsetzung des neuzeitlichen, der wiederum sich vom antik- mittelalterlichen Weltentwurf (Platon, Aristoteles) absetzte. Letzterer entwarf die sinnliche und übersinnliche Realität mittels des Substanzbegriffs (Griechisch: ousia, Lateinisch: substantia). Descartes, Leibniz, Newton, Kant (antike Vorfahren: Pythagoras, die Atomisten) entwarfen die Natur mathematisch und deterministisch. Quantenmechanik und Computertechnik bilden wiederum die Basis für einen nicht-deterministischen und digitalen Weltentwurf.  

1.6.2. Im Rahmen des digitalen Weltentwurfs sind die Dinge - sofern wir sie aus der Perspektive dieses Seinsentwurfes verstehen -  nur ihr Digitalisierbarsein. Wir unterscheiden sie aufgrund ihres digitalen Codes. Hier gründet das Primat technischer Virtualität gegenüber dem Aktualen. 

1.6.3 Die Kausalität per informationem ist paradoxerweise eine Form von Kausalität, die sich nicht gänzlich berechnen oder vorhersagen läßt. (Zum Verständnis dieser These vgl. Capurro, Fleissner, Hofkirchner 1999) 

1.6.4. Der digitaler Weltentwurf ist freilich weder der einzig mögliche Weltentwurf, noch ist ein solcher Entwurf eine pure menschliche Konstruktion. Dies unterscheidet eine Theorie ontologischer Weltentwürfe, die dem Anderen des Entwurfs offen bleibt (dem Vor-Wurf des Seins sozusagen) gegenueber dem radikalen Konstruktivismus, sofern für diesen alle Realität letztlich nur eine Konstruktion des Gehirns ist (Zerebralismus). Weltentwürfe sind auch immer soziale Mitentwürfe. Ontologien oder Seinsentwürfe sind immer Nachentwürfe.
 

2. Menschliche Existenz im digitalen Weltenwurf


2.1. Der Philosoph als Liebhaber himmlischer Weisheit wird zum Freund der Information. Der Platonische Eros ist jetzt mit Informationsmanagement beschäftigt. Er wird zu einem cyberspace cowboy oder PC-Reiter, der gelegentlich dem Traum einer technisch vermittelten Hyperrealität nachjagt. 

2.2. Lichtgeschwindigkeit und digitale Kodierung machen es möglich, daß wir vom Hier und Jetzt unseres Leibes absehen können und uns virtuell überall befinden. Die Welt wird zum vielzitierten globalen Dorf (global village McLuhan 1962), oder, wie Florian Rötzer, der die Dorfmetapher kritisiert, es formuliert, zu einer Telepolis (Rötzer 1995), zu einem gigantischen Netz virtueller Verbindungen. Die Städte werden zu digitalen Knoten und der Mensch zu einer Nachricht. 

2.3. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Verhalten des Menschen: 

2.3.1 Während die Neuzeit den Menschen als Subjekt bestimmte und im Subjektsein die Basis moralischen Verhaltens erblickte, wird jetzt diese Basis zum Durchgang oder zum Boten. Bei der Bestimmung des Menschen als Sprachwesen  (Griechisch: zoon logon echon = ein Lebewesen, der die Fähigkeit der Sprache besitzt, Aristoteles) liegt jetzt der Akzent auf das echon (haben oder besitzen) im Sinne von Übertragung eines lógos, der sich dadurch als Mitteilung oder Botschaft (Griechisch angelía) versteht. Information kann sich zu Wissen (lógos) verfestigen. Information ohne Wissen ist leer, Wissen ohne Information blind (Capurro 1995a). 

2.3.2 Das führt zu einer Umwandlung sowohl der klassischen (aristotelischen) als auch der neuzeitlichen Tugenden: 

  • Die Tugenden des Verstandes (die dianoetischen Tugenden) (Griechisch: dianoia = Verstand) betreffen jetzt vor allem die Ausbildung zum vernetzten Denken, d.h. zum Beispiel zur Fähigkeit Zusammenhänge zu erfassen, Übergänge zu schaffen, Komplexität ohne tödliche Verluste zu reduzieren.
  • Die Tugenden des Charakters (die ethischen Tugenden) (Griechisch: ethos = Gewohnheit, Charakter) verwandeln sich ebenfalls, beispielsweise: Besonnenheit (oder Selbstbeherrschung) wird zur Fähigkeit sich dem Anderen zu öffnen, zur Offenheit also. Tapferkeit wird nicht vom Angriff oder Opfer her verstanden, sondern von der Fähigkeit der Durchlässigkeit. Gerechtigkeit bedeutet nicht nur Fairness der Chancenverteilung, sondern vielmehr aktives solidarisches Handeln.
  • Die neuzeitliche Auffassung von Freiheit als eine Grundausstattung des verantwortungsvollen Subjekts, wird zur Fähigkeit der Sorge um den Anderen und um die gemeinsame Welt.
  • 2.3.3 Während die neuzeitliche Ethik eine auf dem lógos basierende Ethik war (z.B. in Form von Normenbegründung und Normenbefolgung), beruht menschliche Existenz im digitalen Weltentwurf in der Fähigkeit, dem digitalen Code so zu 'ent-sprechen', dass die Differenz zwischen diesem Code und der Existenz sich ereignen kann. Der Biologe Francisco Varela betrachtet die Fähigkeit von Lebewesen nicht bloß Regeln (oder Codes) zu befolgen, sondern den Unterschied zwischen System und Umwelt wahrnehmen zu können als Voraussetzung für Flexibilität und Kreativität (Varela 1992). Wenn die digitale Vernetzung das Medium ist, in dem wir uns gegenwärtig entwerfen, dann wird die Wahrnehung dieser Differenz lebenswichtig. Für Varela ist die Distanzgewinnung durch den logos nur die eine Seite der Medaille. Wir müssen auch lernen, auf die Nachricht, die unsere Leiber auch sind, zu achten. Dieses leiblich-ethische know how für die Ethik (Varela) steht nicht etwa im Gegensatz, sondern gehört zum Kern einer Ethik im digitalen Weltentwurf. Es ist auch die Basis für die Kritik einer sich verbreitenden Cybergnosis. Weder eine Überhöhung des face to face noch eine technische Erlösung durch das interface sind denkbare Alternativen zu einem menschlichen Existieren im digitalen Weltentwurf, das sich von diesem messen läßt, ohne ihn aber zu verabsolutieren. 

    2.4. Der digitale Weltenturf hat Wurzeln in der christlichen Theologie sowie in einem Gipfel neuzeitlicher Philosophie, in Hegel. Wenn, wie Gianni Vattimo bemerkt (Vattimo 1990: 55), die Welt der totalen Medialisierung wie eine Parodie des Absoluten Geistes erscheint, dann trifft, vom digitalen Weltenturf aus gesehen, die Umkehrung dieses Satzes zu: Der Hegelsche Geist ist eine geistige (geistreiche) Parodie der globalen technischen Vernetzung. 

    2.5. Wie ist menschliches Leben im Weltentwurf einer digitalen Ontologie möglich? Darüber geben Auskunft (Capurro 95a) (Capurro 1998) und (Capurro 1999).


    Literatur
     
     

    Berkeley, G. (1965): The Principles of Human Knowledge. In: ibid.: Philosophical Writings. London 1965. 

    Capurro, R. (1999): Ich bin ein Weltbürger aus Sinope. Vernetzung als Lebenskunst 
    -, P. Fleissner, W. Hofkirchner (1999a): Is a Unified Theory of Information Feasible? A Trialogue. In: W. Hofkirchner, Ed.: The Quest for a Unified Theory of Information. Proceedings of the Second International Conference on the Foundations of Information Science, Overseas Publ. Assoc. 1999, S. 9-30. 
    - (1998): Beyond Digitality 
    - (1995): On Artificiality. IMES-LCA WP-15 November 1995 (Istituto Metodologico Economico Statistico, Univ. Urbino, Italien, Working Paper, imes@fis.uniurb.it). 
    - (1995a): Leben im Informationszeitalter. Berlin 1995. 

    Deleuze, G. (1995): Die Falte. Leibniz und der Barock. Frankfurt a.M. 1995. 

    Heim, M. (1994): The Erotic Ontology of Cyberspace. In: Michael Benedikt, Ed.: Cyberspace: First Steps. Cambridge, Mass. 1994, 59-80. 

    McLuhan, M. (1962): The Gutenberg Galaxy. Toronto 1962 (dt. Die Gutenberg-Galaxis. Düsseldorf 1968). 

    Rötzer, F. (1995): Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter. Bollmann 1995. 

    Varela, F. (1992): Un know-how per l'etica. Roma/Bari 1992. 

    Vattimo, G. (1990): Das Ende der Moderne. Stuttgart 1990.

      
    Letzte Änderung: 11. Februar 2016

      
     
      

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