IDENTITÄT, AUTHENTIZITÄT UND VERANTWORTUNG

Anmerkungen zu einem medienethischen Ansatz
 

Rafael Capurro
  
 
 
 
Eine kürzere Version dieser Anmerkungen zu: Andreas Greis: Identität, Authentizität und Verantwortung. Die ethischen Herausforderungen der Kommunikation im Internet. München: KoPaed Verlag 2001 (= Reihe: kopaed Medienethik; Bd. 2), 316 Seiten. Zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 2001,  erscheint als Rezension in: Publizistik, Heft 4/2001.
 

  

Inhalt 

Einführung 
I. Verbale und nonverbale Kommunikation
II. Das Internet als Kommunikationsraum, Handlungsraum und virtueller Raum 
III. Authentizität, Verantwortung und Identität 
Schluß 

Literatur
 
 

 
  


Einführung

Medienethik, Computerethik und Internetethik sind drei Felder angewandter ethischer Reflexion, die bisher weitgehend parallel erforscht wurden. Die Gründe dafür liegen nicht zuletzt in der Entwicklungsgeschichte der Medien selbst. Die ethische Reflexion über die Massenmedien reicht bis in die Anfänge des Journalismus und hat ihren Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit den elektronischen Massenmedien, vor allem mit dem Fernsehen, im 20. Jahrhundert. Sie konzentriert sich zunächst auf die Berufsethik des Journalisten (H. Boventer), weitet sich aber auf die ethische Analyse über Produktion und Rezeption massenmedialer Phänomene aus (M. Rath, W. Wunden, R. Funiok, A. Holderegger, Th. Hausmanninger u.a.).

Medienethik im Sinne von Ethik der Massenmedien wird demnach vor allem im Rahmen von Kommunikations- und Publizistikwissenschaft betrieben. Computerethik entstand wiederum in Zusammenhang mit Fragen, die sich aus dem Ge- und Mißbrauch von Computerhardware und -software ergaben und wurde vor allem seit den 60er Jahren an Departments of Computer Science gelehrt (D.G. Johnson, H. Nissenbaum, R. A. Spinello, H. T. Tavani, T. W. Bynum, S. Rogerson u.a.). Internetethik, auch Cyber-Ethik oder Informationsethik genannt, beschäftigt sich mit den ethischen Herausforderungen des Internet und ist, dem Alter dieses Mediums entsprechend, das jüngste Forschungsfeld der Medienethik im weiteren Sinne.

Dementspechend sind Monographien in diesem Feld selten. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, dass diese drei Gebiete in den letzten zehn Jahren nicht durchlässiger füreinander geworden wären. Das zeigt zuletzt das Buch von R. A. Spinello und Herman T. Tavani (Eds.): Readings in CyberEthics (Boston u.a. 2001), sowie eine Reihe von Beiträgen, die in der Bibliographie und in der virtual library des International Center for Information Ethics (ICIE) nachgewiesen sind. 
 

 

I. Verbale und nonverbale Kommunikation

Das besondere am Ansatz von Andreas Greis ist aber nicht nur, dass hier eine monographische Studie zur Internetethik vorliegt, sondern dass sie diese Problematik in Zusammenhang mit der klassischen Medienethik sowie mit der Computerethik in Verbindung setzt, indem sie Internetethik "zwischen Medien- und Computerethik" einordnet (S. 9-12). Methodologisch will sie auf empirische Befunde nicht verzichten, zugleich aber zielt sie auf eine "Strukturanalyse des Internet mit dem Erkenntnisinteresse an ethischen Problemstellungen" (S. 11). Greis' Reflexion versteht sich zudem als Theologische Ethik, d.h. als Reflexion im Horizont christlichen Glaubens. Er faßt die Aufgabe einer angewandten Ethik nicht im Sinne der Anwendung bereits vorliegender ethischer Prinzipien auf konkrete Fälle, sondern als Theoriebildung, die sich "von den konkreten Konfliktfeldern inspirieren und anregen läßt" auf (S. 54). Daraus leitet sich auch die Struktur seiner Arbeit, die sich in Sachanalyse, Problemanalyse und normative Analyse gliedert. 

Im ersten Teil werden Grundbegriffe der Kommunikationstheorie vorgestellt. Kommunikation wird als "soziales regelgeleitetes Geschehen" gedeutet, das somit "inhärent ethisch" ist, da Regeln "einer Begründung bedürfen, um diese Akzeptanz zu erreichen" (S. 62). Ferner weist der Vf. auf die nonverbale Kommunikation hin und stellt fest, dass "im Internet nonverbale Kommunikation nur sprachlich wiedergegeben werden" (kann) (S. 63). Damit fällt der "Authentizitätsgarant einer sprachlichen Äußerung " weg (S. 66). Offenbar übersieht die Vf. die multimedialen Möglichkeiten des Internet, die inzwischen zum Standard dieses Mediums gehören. In diesem Kapitel werden die Äußerungen des kirchlichen Lehramts sowie theologische Ansätze zu den Medien dargelegt. Der Mensch wird als "Beziehungswesen" bestimmt, wobei die "horizontale Dimension der Kommunikation" auf die "vertikale Kommunikation von Gott auf den Menschen" zurückgeführt wird (S. 76). Dabei gilt:  

"Mediale Kommunikation ist dem Christentum nicht fremd. Mehr noch: Christlicher Glaube ist von Anfang an medial verkündigter Glaube. Die Evangelien berichten davon, wie Jesus von Nazareth für seine Verkündigung Foren der Öffentlichkeit suchte. Die Evangelien selbst wie auch die übrigen Schriften des Neuen Testaments, vor allem die offenen Briefe des Paulus, sind Medien der Verkündigung. Auch die institutionalisierten Kirchen haben sich Medien bedient, um ihre Botschaft zu verbreiten. So ist die erfolgreiche Verbreitung der reformatorischen Anliegen Martin Luthers auch dem Umstand geschuldet, daß mit der Druckerpressse und der Möglichkeit, Flugblätter zu erstellen, Medien zur Verfügung standen, die frühere Reformbewegungen nicht hatten. Dazu kam natürlich noch, daß die Reformatoren diese Medien zu nutzen wußten." (S. 71)
Im ersten Teil der Arbeit werden Geschichte und Dienste des Internet (Email, WWW, Newsgroups, Chat, MUD) dargestellt, wobei multimediale Dienste, wie z.B. Internet-Telofonie, Internet-TV, Internet-Radio, streaming technology bis hin zum Angebot der Massenmedien,  unberücksichtigt bleiben. Gerade eine auf Strukturanalyse angelegte Arbeit hätte diese Anwendungen mitberücksichtigen müssen - unabhängig vom Grad ihrer tatsächlichen Verbreitung. Es wird auch nicht klar, inwiefern die nicht-hierarchische Struktur dieses Mediums, die vielfältige Kommunikationsformen ermöglicht (one-to-one, one-to-many, many-to-many, many-to-one), die Oligopole der Massenmedien in Frage stellt, so dass das Internet nicht in dem Sinne zwischen den Massen- und den Individualmedien zu lokalisieren ist, als ob es wechselweise für die massenhafte Verbreitung einer Botschaft oder für den individuellen Austausch dienen könnte, was es auch kann.

Gerade diese Alternative wird aber mit dem Internet überschritten. Wenn der Vf. schreibt, dass "der Gedanke einer Substitution des öffentlichen Raumes durch das Internet in der Form (d.h. in Form von Online-Gemeinschaften, RC) nur für die Vereinigten Staaten virulent ist, aufgrund der dort weit vorangeschrittenen Atomisierung der Gesellschaft" (S. 123), dann ist das eine einseitige Beschreibung der komplexen Beziehungen zwischen den "realen" und den "virtuellen" Gemeinschaften sowie zwischen diesen und der von den Massenmedien her-gestellten Öffentlichkeit. Das Internet ist außerdem keine gegenüber den Massenmedien paramediale Öffentlichkeit, sondern es bewirkt einen Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit (Capurro 2001). Die sozialen Aspekte des Internet werden insbesondere mit Bezug auf Email und Newsgroups thematisiert, und zwar, wie es im Haupttitel heißt, in bezug auf die ethischen Problemfelder Authentizität, Identität und Verantwortung, dem die Negativformen der Anonymität und Täuschung gegenüberstehen (S. 132). Der Vf. weist auf klassische Problemfelder wie das Angebot verbotener Inhalte (Pornographie, politischer Radikalismus), die Permanenz von Inhalten, sowie das Zugangsproblem hin.
 
 

II. Das Internet als Kommunikationsraum, Handlungsraum und virtueller Raum

Der zweite Hauptteil ist den Dimensionen des Internet gewidmet. Bei diesen handelt es sich um Kommunikationsraum, Handlungsraum und virtuellen Raum. Gleich zu Beginn wird festgestellt, dass die Basis aller Handlungen im Netz "nicht ihr realer, sondern ihr rein sprachlicher Vollzug" ist (S. 137). Das ist in mehrerer Hinsicht nicht richtig. Am deutlichsten zeigt sich der reale Vollzug der Handlungen im Internet in der Wirtschaft, was der Author zwar nicht bestreitet aber auch nicht berücksichtigt. Das Phänomen der Globalisierung der Märkte zeigt - auch oder vielmehr gerade aufgrund der Krise der e-economy -, inwiefern Internet-Handlungen reale ökonomische und soziale Effekte haben. Sprachliche und multimediale Handlungen im Internet - die Bestellung eines Buches bei Amazon zum Beispiel - sind nicht weniger real, wohl aber anders, als in anderen Medien, dem face-to-face inbegriffen. Die Aussage: "Eine Email ist ein virtueller Brief aber eine reale Mail" (S. 137) ist so nicht-sagend wie: Ein Brief ist eine virtuelle Email aber ein realer Brief.  

Der Erläuterung des Internet als Kommunikationsraum geht eine Darstellung des Verhältnisses von Sprechen und Handeln bei Wittgenstein, Searle, Habermas und Berger/Luckmann voraus, wobei die Idee des kommunikativen Handelns und das Ideal einer universalen Kommunikationsgemeinschaft auf die jüdisch-christliche Tradition zurückgeführt wird (S. 154). Im Hinblick auf das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Internet bemerkt der Vf. richtig, dass die Schrift im Internet (auch) den Charakter der Oralität hat. Allerdings wird erneut die Multimedialität dieses Mediums strukturell übersehen. Die synchrone Kommunikation läßt sich nicht auf "konzeptionelle Mündlichkeit im Medium der Schrift", d.h. also auf die Emulation von Oralität reduzieren, sofern nämlich z.B. orale und visuelle Kommunikation als Internet-Telefonie, Internet-TV, Internet-Radio, streaming technology oder Video-Konferenzen stattfinden (S. 162). Die asynchrone E-Mail-Kommunikation soll sich, so der Vf., lediglich durch die Schnelligkeit gegenüber der Briefpost unterscheiden. Natürlich kann der Empfänger eines Briefes, der zugleich an andere geschickt wurde, sich wiederum mit einem Brief an alle wenden, aber man merkt an diesem Beispiel, dass die Schnelligkeit in eine andere qualitative Dimension von Kommunikation umschlägt: Auch ein durch die Pferdekutsche oder durch die Karawanen der Seidenstraße übermittelte Brief wäre schließlich nur durch die Schnelligkeit zu unterscheiden als der per air mail übermittelte Brief. Es sieht aber nur so aus.  

Kommunikation im Internet kann als "eine eigenständige Form elektronischer Schriftlichkeit" (S. 171) stattfinden, diese "Oszillation zwischen Literalität und Oralität" ist aber nur ein Merkmal und wohl nicht das "Spezifikum der Internetkommunikation" (S. 169). Gleiches gilt für das Problem der Authentizität im Internet. Es ist nicht so, dass etwa die face-to-face Kommunikation per se einen höheren Grad von Verständigung und der Anerkennung des Gegenübers bieten würde, während "in den Medien des Internet Kommunikationsströme erzeugt, die frei zirkulieren, ohne jeden Bezug zu realen Verständigungsprozessen" (S. 173). Wenn diese Aussage einen Sinn macht, dann in bezug auf die hierarchische Struktur der Massenmedien, auch und gerade, wenn diese, wie Vilém Flusser (Flusser 1996) - ein Autor der übrigens in dieser Arbeit nicht erwähnt wird -, in seiner "Kommunikologie" gezeigt hat, die "dialogische" Prozesse durch die massenmediale Prozesse der Distribution von Botschaften vereinnahmt werden. 

Im einem weiteren Kapitel beschäftigt sich der Vf. mit dem Internet als Handlungsraum. Es wird dabei zunächst der Handlungsbegriff unter biologischen, kulturpsychologischen (E.E. Boesch) und soziologischen (T. Parsons) Aspekten thematisiert. Handeln unterscheidet sich vom Verhalten durch den intentionalen Gehalt, wobei nicht nur ein Akteur, sondern auch dessen kulturellen oder sozialen Umfeld aus "Handlungsketten und Handlungsbereichen" bestehen kann. Dem Akteur kommt aber eine wesentliche Rolle innerhalb eines Handlungsgeschehens zu, nämlich "er selegiert, er motiviert und er reguliert" (S. 186). Aus soziologischer Sicht hat der Akteur an vier Systemen teil, nämlich am Persönlichkeitssystem, am Verhaltenssystem, am sozialen System und am kulturellen System. Rollenerwartungen prägen die Interaktionen im sozialen System, während das kulturelle System die Quelle für Wertmuster ist. Dieser Darstellung folgt eine Erörterung der theologischen Deutungen menschlichen Handelns, nämlich in bezug auf den "Handlungsraum als Schöpfung", sowie auf das "Handeln als Selbstvollzug des Menschen in seinen Beziehungen zu Gott, zum Mitmenschen und zu seiner Umwelt" (S. 197-198).  

In bezug auf das Internet als Handlungsraum weist der Vf. auf den Aspekt des Spiels hin, im Sinne z.B. des "Aktivieren(s) von Befehlen", der "Handlung des Bewegens des Cursors und des Drückens der Maustaste" oder der "rein sprachliche(n) Repräsentation von Handlungen" (S. 197-98). Damit entgehen ihm aber die viel wichtigeren und durchaus ernsten ökonomischen und sozialen Handlungen. Die besondere Brisanz des keineswegs bloß spielerischen Handelns im Internet stellen die schon seit Jahren bekannten Viren dar, mit den inzwischen realen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft. Handlungen im Internet werden also nicht "nur sprachlich vollzogen" mit "nur sprachlich repräsentierten Folgen" (S. 201). Es ist tatsächlich so, dass der Sender eines Virus, der Internet-Makler oder der Amazon-Kunde tatsächlich wissen, dass ihre geplante Handlung mit großer Wahrscheinlichkeit rezipiert wird. Man sollte sich also schon Gedanken machen über die Verantwortung für die eigenen Handlungen mit Interaktionspartnern im Internet! 

In einem weiteren Kapitel behandelt der Vf. das Internet als virtuellen Raum. Es wird zunächst der Begriff Virtualität in bezug auf "eine objektive Außenwelt" bestimmt, wobei der Vf. in Anschluß an den Konstruktivismus aber ohne offenbar seine radikalen Prämissen zu teilen von einem "Hiatus zwischen objektiver und wahrgenommener Realität" spricht, der "durch verschiedene Filter geprägt" wird (S. 205). Ferner wird Virtualität als "Grundmoment christlichen Glaubens" bestimmt, sofern nämlich das "Reich Gottes" sich in einem oszillierenden Zustand des "Schon und noch nicht", also zwischen Realität und Virtualität befindet. Virtualität im Internet heißt bekanntlich virtual reality, cyberspace, McLuhans "globales Dorf" und Rötzers "Telepolis".  

Die Strukturmerkmale des Virtuellen im Internet werden folgendermaßen charakterisiert: Entörtlichung, Entzeitlichung, Entkörperlichung, Oszillation zwischen Literalität und Oralität, Performatisierung nicht-performativer Sprechakte, Instrumentalisierung nonverbaler Ausdrucksmöglichkeiten, Substitution des Realen (S. 217-218). Dadurch soll eine Situation entstehen, die sich von derjenigen "authentischer Kommunikation" wesentlich unterscheidet, in der die Subjekte Verantwortung füreinander übernehmen können. Dies läßt die Möglichkeit von Authentizität und Verantwortung im Internet problematisch werden. Beide Begriffe konvergieren, so der Vf., in den Begriff der Identität (S. 219). Authentizität, Verantwortung und Identität sind aber in jeder zwischenmenschlichen Kommunikation problematisch.  

Der Vf. stilisiert eine Beziehung, die als real gekennzeichnet wird, um sie anschließend mit dem virtuellen Handeln im Internet zu kontrastieren. Inzwischen dürfte es so sein, dass immer mehr Akteure sich eher auf eine Email, als auf eine face-to-face Aussage verlassen (wollen). Damit soll das Problem des Vertrauens im Internet keineswegs bagatellisiert werden. Es gibt in der Tat in jedem Medium, das face-to-face eingeschlossen, spezifische Fragen der Authentizität und der Verantwortung die letztlich mit der nie zu überbrückenden Kluft zwischen Identität und Differenz im Selbstsein zusammenhängen. Das Medium Internet stellt nicht qua medium das Problem der Verantwortung oder das der Authentizität in Frage, sondern es stellt menschliches Handeln vor neue Herausforderungen. Die Frage der Identität stellt sich z.B. als Problem von Authentifizierung, wie im Falle einer Unterschrift oder des Kopierschutzes, dar. Der Fall Napster zeigt gerade die spezifischen Probleme von Vertrauen, Verantwortung und Identität in diesem Medium. Die Merkmale der Entörtlichung und Entzeitlichung stellen Ethik und Recht vor neue Herausforderungen, aber nicht etwa weil Authentizität, Verantwortung und Identität im Internet nicht möglich wären, sondern weil sie Dimensionen menschlichen Seins sind, die immer problematisch sind, im Internet anders als in den Massenmedien oder beim face-to-face.. 

 

III. Authentizität, Verantwortung und Identität

Im Schlußteil widmet sich der Vf. seinen drei Leitbegriffen Authentizität, Verantwortung und Identität. Der Begriff der Authentizität wird zunächst aus theologischer Sicht, nämlich im Sinne von "Echtheit von Glaubenszeugnissen" erörtert sowie in Anschluß an Charles Taylor, der Authentizität als "moralisches Ideal des Individualismus" bestimmt und zwar dadurch dass das Individuum auf der Grundlage universeller Rechte, das begründen kann, was für ihn signifikant ist und dies in einer sozialen Beziehung expliziert. Für den Vf. bedeuten "authentisches Sprechen und authentisches Handeln Ausdruck und Konkretion von Identität" (S. 226). Demgegenüber steht die Kommunikation im Internet "auf Grund ihrer strukturellen Gegebenheiten unter dem Signum der Unverbindlichkeit" und ferner "es fehlen die wesentlichen Authentizitätsgaranten", die da wären "die personale Kopräsenz des Gegenübers, der durch sein Verhalten und insbesondere durch die nonverbalen Signale, die er sendet, die Übereinstimmung von Denken und Sprechen anzeigt und dadurch überzeugend wirkt" (S. 226). 

Die Möglichkeiten, Authentizität in den Massenmedien fest- bzw. herzustellen sind von einer anderen Qualität als die eines multimedialen und interaktiven Austauschs im Internet. Ähnliches läßt sich in bezug auf die Begriffe Verantwortung und Identität sagen, die anschließend thematisiert und ebenfalls weitgehend mit negativen Vorzeichen in bezug auf das Internet angezeigt werden. So sind die Schlußfolgerungen im "Ausblick" nicht sehr ermutigend: Ähnlich wie bei der Telefonseelsorge bleibt bei der Internetseelsorge das Glaubwürdigkeitsproblem bestehen, wobei die Stimme am Telefon, "im Gegensatz zur Kommunikation via Internet" "Anteilnahme und Empathie signalisieren" kann (S. 244).

Auf diese fragwürdige Trennung zwischen zwei Kommunikationstechno- logien wurde schon mehrmals hingewiesen. Was für die Seelsorge gilt, gilt auch, mutatis mutandis, für die Bereiche Erziehung, Politik und Wirtschaft, denen die zwei letzten Seiten dieser Arbeit gewidmet sind. Zu der Aussage "Wirtschaftsunternehmen hätten die Chance, statt ihre Kunden mit Werbebannern und Spams (Werbemails) zu überfluten, tatsächlich mit diesen zu kommunizieren, und sich so auf einen Diskurs einzulasen, in dem sie ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen könnten" (S. 246) ist nur zu bemerken, dass hier der Konjunktiv nicht angebracht ist.
 

  

Schluß

Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass diese Arbeit zwar durch eine umfangreiche etwa fünfzig Seiten umfassende Bibliographie belegt wird, in der aber Internet-Portale zur Medien-, Internet- und Computerethik weitgehend nicht berücksichtigt werden. Auch die Hinweise auf Dokumente im Internet sind vergleichsweise spärlich. Bei aller Fragilität des Mediums: Eine Arbeit über dieses Thema, die aktuell sein will, kann sich kaum vorwiegend auf gedruckte Quellen berufen.

Trotz oder vielmehr wegen der hier vorgebrachten Kritik, wünsche ich eine lebhafte Diskussion in Anschluß an diese Pionierleistung, und zwar nicht nur bei den im Medium Internet Denkenden und Handelnden.


Literatur

Flusser, V. (1996): Kommunikologie. Mannheim.


Letzte Änderung: 15. August  2014


 
    

Copyright © 2001 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author. 
 

 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio