Einleitung:
Der Mensch als Natur- und Sprachwesen
Gewöhnlich
sprechen wir von nachhaltiger Entwicklung in Zusammenhang mit dem
Ge- und Verbrauch von natürlichen Ressourcen und bezeichnen damit
den Umstand, dass man nicht mehr verbrauchen darf, als nachwächst,
oder dass wir so leben und produzieren sollten, dass die natürlichen
Ressourcen geschont und die Abfälle umgewandelt und wiederverwendet
werden können.
Wir
sind aber nicht nur Naturwesen, sondern auch sprachfähige
Wesen oder, mit anderen Worten, wir leben in der Natur, aber vermittelst
eines symbolischen Universums. Der Mensch ist nach Ernst Cassirer ein "animal
symbolicum", ein durch Symbole sich orientierendes Tier. Die ursprüngliche
Form der Erhaltung, Ausbildung und Weitergabe dieser Fähigkeit ist
die Oralität, die gesprochene Sprache.
Die
Frage nach der Nachhaltigkeit der Wissenstradierung betrifft die Stabilität
der:
-
Objekte des Wissens
-
Subjekte des Wissens
-
Träger des Wissens
Vgl.
dazu Capurro, R. (1998): Stable Knowledge?
Was
werden spätere Generationen an Wissen brauchen? Wie/was filtern wir
heute? Die Frage der intergenerationellen Wissenstradierung ist zugleich
ein technisches, ein semantisches und ein institutionelles Problem. Sie
aber auch eine philosophiegeschichtliche Frage (Vgl. Ausblick).
1.
Wie haltbar sind Wissensspeicher?
Heute,
im Multimedia-Zeitalter, sind wir uns über die epochalen Umbrüche,
die die jeweils neuen Medien mit sich brachten bewußter geworden.
Seit der Erfindung der Schrift sind wir auch mit der Frage der Haltbarkeit
von Schriftträgern konfrontiert. Uns sind Felsmalereien und Hieroglyphen
auf Steintafeln erhalten, deren Haltbarkeit auf das Fünf- bis Zehnfache
von Papyros (ca. 2000 Jahre) geschätzt wird, während säurefreies
Papier bis 400 Jahre halten soll. Die Schätzungen über den Erhalt
von Magnetplatten und CD's schwanken zwischen zehn und 100 Jahren.
Lebensdauer
von Informationsträgern (Schätzungen nach Kornwachs 1999)
| Stahlplatte Voyager |
1.000.000 Jahre |
| Felsmalerei |
ca. 20.000 Jahre |
| Steintafeln |
ca. 10.000 Jahre |
| Papyros |
ca. 2.000 Jahre |
| Papier (Mittelater) |
ca. 1.000 Jahre |
| Entsäuerte Bücher |
ca. 300 Jahre |
| Magnetplatte |
ca. 50 - 100 Jahre |
| Tonband - Bideo |
ca. 50 - 100 Jahre |
| CD |
ca. 20 - 100 Jahre |
| menschl. Gedächtnis |
ca. 100 Jahre |
| Chip |
ca. 20 Jahre |
2.
Vom Buch zum Internet - eine nachhaltige Entwicklung?
Angesichts
des heutigen Trends zur Digitalisierung bis hin zu digitalen Bibliotheken
und Archiven sollten wir uns die Frage stellen: Vom Buch zum Internet -
eine nachhaltige Entwicklung? Diese Frage kann aber mißverstanden
werden, in dem Sinne nämlich, dass das eine Medium das andere notwendigerweise
ersetzen könnte.
Dies
gilt aber nur in ganz seltenen Fällen, und zwar wenn das neue Medium
etwa dieselben Funktionen erfüllt und zusäztliche Vorteile bringt
wie z.B. Papier gegenüber Papyros oder Pergament. Der Buchdruck eröffnete
neue Möglichkeiten in bezug auf die Wissensverbreitung, ohne dass
er aber die Oralität ersetzt hätte. Allerdings veränderten
sich Sinn und Funktion mündlicher Traditionen. Ähnliches gilt
in bezug auf die heutige Digitalisierung und Vernetzung. Kurz, Medien haben
unterschiedliche Qualitäten auch und gerade wenn sie die anderen Medien
reproduzieren.
3.
Schriftliche Wissenstradierung: "Gedächtnis der Menschheit"
Der Auftrag
der Bibliotheken und Archive, Wissen zu erhalten und zu vermitteln (sie
gelten ja gewissermaßen als Gedächtnis der Menschheit),
muss unter den neuen technischen Möglichkeiten überdacht werden.
Aber auch Rolle und Methoden der Wissenstradierung in Institutionen wie
Schulen und Hochschulen verändern sich in dem Maße grundlegend,
wie dort die virtuelle Hochschule realisiert wird. Das Internet als Kommunikationsmedium
(Online Chats, Newsgroups, E-Mails etc.) erfordert auch das Nachdenken
über neue Formen zugleich oraler und globaler Kommunikation, ja überhaupt
die Rolle der Oralität in einer globalisierten Weltzivilisation. Der
flüchtige Charakter des Digitalen wird durch die ins astronomische
gesteigerte Verteilung der Texte kompensiert. Man denke, als Gegenbeispiel,
an den Brand der Bibliothek von Alexandria.
Oralität
und Schriftlichkeit:
vor
35.000 Jahren: homo sapiens sapiens
vor
15.000 Jahren: Lascaux
vor
10.000 Jahren: Neolithikum
vor
5.000 Jahren: Schrift ('homo scribens')
Zur Geschichte
medialer Revolutionen vgl. R. Capurro (2000): Mediale
(R-)Evolutionen: Platon, Kant und der Cyberspace
- Orale
Kulturen und der platonische Mythos von der Erfindung der Schrift durch
den ägyptischen Gott Theut (Phaidros 274 ff).
-
Plinius d.Ä. (1. Jh. n. Chr.): neben Vitruv die einzige erhaltene
technische Enzyklopädie des Altertums. Transkriptionsfehler und Übersetzungsprobleme
zeigen die Probleme der semantischen Stabilität (Locher 1998).
-
Die Bibliothek von Alexandria: durch Ptolomaios I. Soter (geb. 367 v.Chr.)
gegründet und durch dessen Sohn Ptolomaios II. Philadelphos (283 v.
Chr.) weitergeführt.
-
Mittelalterliche "Summae"
-
Kant und das Ideal der "Gelehrtenrepublik" auf der Grundlage der gedruckten
"Schriften" (18. Jh.)
-
Die französische "Encyclopédie" (18. Jh.)
-
"Brouillons d'écrivains": Ausstellung der Bibliothèque Nationale
de France über die Genese literarischer Texte (bis Ende Juni 2001):
Erst gegen Ende des 19. Jh. wurden Handschriftennachlässe geschätzt.
Durch die fotografische Reproduktionstechnik fand eine regelrechte Jagd
nach Faksimile-Handschriften statt. Davor, d.h. bis ins 18. Jh., galten
Handschriften als nutzlos.
-
Literarische Bearbeitung: J.L. Borges: Die Bibliothek von Babel; U. Eco:
Der Name der Rose.
-
Mythos Internet.
4.
Mündliche Wissenstradierung: "Nähe zur Sache"
Die Frage
der Wissenstradierung betrifft aber nicht nur die Haltbarkeit von Trägern,
sondern umfaßt semantische und pragmatische Aspekte, die mit der
Sprach- und Wissensentwicklung zusammenhängen. Das Beispiel der "Naturalis
Historia" des Plinius d.Ä. zeigt, dass schriftliche Wissenstradierungen
mündliche Tradierungen keineswegs völlig ersetzen können.
Letztere bedarf es vor allem wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur Sache,
z.B. in einem technischen Gebiet. Und umgekehrt: Dokumentarische Techniken
sollten diese Nähe etwa durch bildliche oder multimediale Darstellungen,
erhalten.
Vgl.
die Rekonstruktion mündlicher (und schriftlicher) Wissenstradierung
und die Entstehung der Öffentlichkeit im Paris des 18. Jh. durch Robert
Darnton: "Public Opinion and Communication Network in Eighteenth-Century
Paris" www.indiana.edu/~ahr/darnton/pocn
Der
Autor vertritt die These, dass die von den Philosophen erträumte Öffentlichkeit
des rationalen Diskurses sich wesentlich von der Öffentlichkeit der
Strasse unterschied und von der letzteren völlig überollt wurde.
5.
Probleme der Auswahl und des Vergessens
Das Problem
einer nachhaltigen Wissenstradierung hängt eng mit der Frage der Selektion
und letztlich auch mit der des Vergessens und des Unarchivierbaren zusammen
(Capurro 1998). Die Archivierungsfrage müsste deshalb in einem
breiten geistes- und kulturwissenschaftlichen Rahmen erörtert werden.
Zu einem kaum lösbaren Problem wird sie im Falle der Kennzeichnung
von Lagerstätten für radioaktive Abfälle (Lomberg/Hora 1997).
Die Langzeitspeicherung von digitalen Informationen erfolgt am sichersten
über Hybridsysteme (Mikrofilm/digitale Formen) (Weber 2000).
Über
die vielfältigen Projekte im Bereich digitaler Bibliotheken vgl. R.
Capurro: Libraries in the Digital Age: www.capurro.de/lida.htm
6.
Wer trägt die Verantwortung?
"Verantwortung
für zukünftige Generationen" (Birnbacher 1988) übernehmen
wir in großen und in kleinen Maßstäben, wenn wir
die verschiedenen Medien für die jeweiligen Aufgaben und Zwecke vernünftig
einsetzen, d. h. mit ihnen differenziert umgehen lernen.
Es
gibt zwar keine Grenzen des Wachstums in Bereich des Wissens, wohl aber
sinnvollere Formen der Erhaltung und Weitergabe, die immer auch mögliche
Formen des Ausschlußes anderer sein können. Will sich Verantwortung
nicht in die Unbestimmtheit "zukünftiger Generationen" auflösen,
dann muß sie darüber nachdenken, wer welche Rolle heute diese
Aufgabe zu verantworten hat (Picht 1969). Das sind sicherlich die klassischen
Institutionen der Wissenserhaltung und -tradierung aber auch die Netgemeinde
und die heutigen Betreiber von digitalisiertem Wissen.
7.
Unternehmen brauchen Wissensmangement
Wenn Ökonomen
über Nachhaltigkeit nachdenken, dann meistens in bezug auf die Verkaufssteigerung.
Diese hängt offensichtlich mit der Qualität der Produkte, der
Zuverlässigkeit der Liefertermine und mit einer hohen Produktivität
der Fertigung zusammen. Damit sind zugleich die klassischen Wirtschaftsfaktoren,
nämlich Arbeit (-szeit), Kapital und Rohstoffe, genannt.
All
diese Prozesse und Produkte beruhen aber auf dem Faktor Wissen in den unterschiedlichsten
Formen und Ebenen: vom wissenschaftlich-technischen Wissen in Forschung
und Entwicklung bis hin zum Wissen um die Wünsche und Erwartungen
der Kunden. Mit anderen Worten, ökonomische Nachhaltigkeit ist mit
der Frage eines nachhaltigen Wissensmanagements untrennbar verbunden. Wie
abhängig inzwischen ein Wirtschaftsunternehmen vom digitalisierten
Wissen ist, zeigt der sich etablierende Beruf des Datenretters,
der aus scheinbaren Hardwareschrott retten kann, was noch zu retten ist
(Dworschak 1998).
Zum
Wissensmanagement vgl. R. Capurro: Wissensmanagement und darüber hinaus.
www.capurro.de/nonaka.htm
8.
Hochschulen bilden "Informationsspezialisten" aus
Die Frage
der Nachhaltigkeit von Wissenstradierung betrifft unmittelbar die Tätigkeit
von Informationsspezialisten. Daher gehören Themen wie Wissens- und
Informationsmanagement zum Kernbereich der Ausbildung in diesem Bereich
mit verschiedenen möglichen Schwerpunkten und in unterschiedlichen
institutionellen Rahmen (Berufsakademien, Fachhochschulen, Universitäten
usw. An der FH Stuttgart, Hochschule der Medien (HdM) gehört dieses
Thema zum Kern des Studienganges Informationsmanagement, der die
Ausbildung über die Nutzung der Wissensressourcen in der Wirtschaft
in den Mittelpunkt stellt. Dieses Thema ist aber auch von Bedeutung
bei den klassischen bibliothekarischen Studiengängen, wo diese Frage
in einem breiteren sozialen Kontext eingebettet ist.
9.
Projekte zur nachhaltigen Wissenstradierung
Die UNESCO
hat 1992 ein Programm "Memory of the World" (UNESCO-Programm
"Memory of the World") ins Leben gerufen, das sich - neben den
Programmen des Weltkulturerbes und des Weltnaturerbes - mit dem Weltdokumentenerbe
befaßt. Die erste internationale Konferenz fanz in Oslo 1996 statt.
Deutschland ist in diesem Programm durch Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard,
Vorstand und Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv und Präsident
der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) vertreten. Das
International Advisory Board beschäftige sich in seiner ersten Sitzung
mit der Frage, wie Dokumente elektronisch zugänglich gemacht und auf
Dauer gesichert werden sollen. Dabei spielen auch rechtliche und ethische
Fragen eine herausragende Rolle (Leonhard 1998). Die UNESCO übernimmt
hiermit auf höchster Ebene eine ethische Verantwortung, die aber die
bisherigen Zuständigkeiten nicht ablöst, sondern herausfordert.
Das
Zentrum für Technik und Gesellschaft der Brandenburgischen Technischen
Universität Cottbus organisierte 1997 unter der Leitung von Klaus
Kornwachs eine internationale Konferenz zum Thema "Wissen für die
Zukunft" (Siehe auch Kornwachs 1995 und Kornwachs/Berndes 1999).
Ausblick
Die Frage der nachhaltigen Wissenstradierung
stellt sich heute als Frage nach dem Sinn von Bewahren und Vergessen. Das
betrifft zunächst unsere genetische Ausstattung sowie das, was wir
extrakorporal, selektieren, einschreiben und bewahren, d.h. uns und den
künftigen Generationen mitteilen. Mitteilungsformen sind zugleich
immer Denkformen und Lebensformen. Alles extrakorporales - besser: extramentales
- Bewahren ist zugleich, wie wir von Platon wissen, auch ein Vergessen.
Seit Freud wissen wir aber auch, dass alles Vergessen immer auch ein Bewahren
(des "Verdrängten") ist.
Der Schlußsatz von
Hegels "Phänomenologie des Geistes" (Frankfurt 1975, S. 591) bringt
jenes Ideal abendländischer Anamnesis-Tradition zur Sprache,
in dem auf der Basis der dynamisierten Kantischen Strukturen der Erkenntnis,
das Bewußtsein die Rückkehr zu sich selbst vollzieht und so
alles aufbewahrt oder 'er-innert', auch wenn dies nur in einem formalen
oder logischen Rahmen möglich ist. Im Gegensatz zu Kant, faßt
Hegel diesen Rahmen im Sinne eines geschichtlichen Erfahrungsprozesses
des sich selbst wissenden Geistes auf. Er schreibt:
"Das Ziel,
das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem
Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation
ihres Reichs vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien,
in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte,
nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft
des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte,
bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes,
die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den
er das leblose Einsame wäre; nur -
Aus dem Kelche dieses
Geisterreiches
schäumt ihm seine Unendlichkeit
(Schiller, "Die Freundschaft")."
Nietzsche (Werke, Hrsg. K. Schlechta,
Bd. II, Morgenröte, 126) stellt fest, dass unser Wissen wesentliche
Lücken (noch) hat:
"Vergessen.
- Daß es ein Vergessen gibt, ist noch nicht bewiesen; was wir wissen,
ist allein, daß die Wiedererinnerung nicht in unserer Macht steht.
Vorläufig haben wir in diese Lücke unserer Macht jenes Wort "Vergessen"
gesetzt: gleich als ob es ein Vermögen mehr im Register sei. Aber
was steht zuletzt in unserer Macht! - Wenn jenes Wort in einer Lücke
unserer Macht steht, sollten nicht die anderen Worte in einer Lücke
unseres Wissens um unsere Macht stehen?"
Für Heidegger (Der Weg
zur Sprache, In: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 1975, S. 253 ff)
sind diese Lücken, jenes Ungesagte, das zum bleibenden Horizont
menschlichen Sprechens gehört:
"Zueinander sprechen
heißt: einander etwas sagen, gegenseitig etwas zeigen, wechselweise
sich dem Gezeigten zutrauen. Miteinandersprechen heißt: zusammen
von etwas sagen, einander solches zeigen, was das Angesprochene im Besprochenen
besagt, was es von sich her zum Scheinen bringt. Das Ungesprochene ist
nicht nur das, was einer Verlautbarung entbehrt, sondern das Ungesagte,
noch nicht Gezeigte, noch nicht ins Erscheinen Gelangte. Was gar ungesprochen
bleiben muß, wird im Ungesagten zurückgehalten, verweilt als
Unzeigbares im Verborgenen, ist Geheimnis. Das Zugesprochene spricht als
Spruch im Sinne des Zugewiesenen, dessen Sprechen nicht einmal des Verlautens
bedarf. (...)
Das Sprechen ist von sich
aus ein Hören. Es ist das Hören auf die Sprache, die wir sprechen.
So ist denn das Sprechen nicht zugleich, sondern zuvor ein Hören.
Dieses Hören auf die Sprache geht auch allem umsonst vorkommenden
Hören in der unscheinbarsten Weise vorauf. Wir sprechen nicht nur
die Sprache, wir sprechen aus ihr."
Heidegger stellt dieses Sprechen
aus bzw. von der Sprache einem Sprechen über die Sprache
gegenüber. Letzteres meint die Art und Weise des verdinglichenden
Umang mit der Sprache in Form ihrer Herstellung. Heidegger nennt dieses
Information und kontrastiert diese Auffassung mit der dichterisch-denkerischen
Erfahrung der Sprache, wodurch wir uns von der Sprache und im Gespräch
etwas sagen lassen. So sind also die Art und Weise wie wir Sprache
als Information aufbewahren - und dabei zugleich auch immer vergessen -
und die Art und Weise wie wir das Ungesagte im Gespräch von
der Sprache ungesagt sein lassen, zwei widerstreitende Formen menschlichen
Existierens als sprachfähige Wesen.
Heideggers Auffassung der
Geschichte ist weder Hegels Weg des Aufbewahrens im absoluten Wissen, noch
Nietzsches Erwartung auf eine Schließung der Lücke des Vergessens,
sondern ein Erfahren der "Un-Verborgenheit" unserer Lebens-, Denk- und
Mitteilungsentwürfe. Geschichte ist weder das Ewige Wiederkehr des
Gleichen noch das Erinnern des göttlichen Geistes in und durch die
menschliche Erfahrung des Bewußtseins, sondern ein epochales Erwidern
des Tradierten im un-verborgenen Horizont menschlicher Existenz.
Das bedeutet, im Klartext, dass das, was wir an Wissen bewahren zugleich
ein Bewahren des Vergessens bedeutet und umgekehrt, das, was wir durch
Selektion dem Vergessen absichtlich oder unabsichtlich anvertrauen, stellt
sich als Chance für das Wissen künftiger Generationen dar. Das
entlastet uns zwar von der vermeintlichen Pflicht alles Wissen bewahren
zu müssen gar zu können, entbindet uns aber nicht der Verantwortung,
das uns bestimmende Wissen auf seine offenen Möglichkeiten hin zu
befragen.
Zu Heidegger Vgl. R. Capurro:
M. Heidegger: www.capurro.de/heidegger.htm
Literatur
Birnbacher,
D. (1988): Verantwortung für zukünftige Generationen. Stuttgart.
Capurro,
R. (1998): Stable Knowledge?
Dworschak,
M. (1998): Die letzte Zuflucht. Wenn der Computer brennt und die Festplatte
crasht, haben die Datenretter Arbeit. In: DIE ZEIT Nr. 2, 2. Januar 1998,
S. 54.
Kornwachs,
K. (1995): Wissen für die Zukunft? Über die Frage, wie man Wissen
für die Zukunft stabilisieren kann. BTU-Cottbus, PT - 01/1995.
-,
Berndes, S. (1999): Wissen für die Zukunft, I/II. BTU-Cottbus, PT
- 3/1999.
Leonhard,
J.F. (1998): "Memory of the World". Die erste Sitzung des Internationalen
Advisory Board des UNESCO Programmes Digitales Weltdokumentenerbe in Taschkent
(Usbekistan) vom 29. September bis 1. Oktober 1997. In: Nachrichten
für Dokumentation 49 (1998) 35-36.
Locher,
A. (1997): Ein historisches Beispiel für die Tradierung technischen
Wissens - Informationsspeicherung bei Plinius d.Ä.. Cottbus (Ms.).
Lomberg,
J., Hora, J.S.C. (1997): Very Long Term Communication Intelligence.
The
Case of Markers for Nuclear Waste Sites. In: Technological Forecasting
and Social Change 56, 171-188.
Picht,
G. (1969): Der Begriff der Verantwortung. In: ders.: Wahrheit Vernunft
Verantwortung, Stuttgart, S. 318-342.
UNESCO
(2000): UNESCO-Programm
"Memory of the World"
Weber, H. (2000): Langzeitspeicherung
und Langzeitverfügbarkeit digitaler Konversionsformen. In: H. Weber
und G. Maier (Hrsg.): Digitale Archive und Bibliotheken. Stuttgart 2000,
S. 325-342.
Letzte
Änderung: 2. Juli 2001
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