VOM BUCH ZUM INTERNET

Nachhaltige Wissenstradierung

Rafael Capurro

 
 
 
 

Dieser Beitrag wurde am 13. März 1998 im Rahmen des Workshops "Multimedia und Internet" beim Tag der Ethik an den Fachhochschulen des Landes Baden-Württemberg  gehalten und erschien in leicht veränderter Form und ohne Literaturangaben in: Ethik Magazin 2 (2000), Heft 1, S. 28-31. Die hier vorliegende Fassung wurde 2015 erweitert bzw. aktualisiert.

Siehe: Miguel Angel Criado:
¿Hacia una era digital oscura? El Pais, 27 Feb 2015.



   
  

Inhalt

Einleitung 

1. Wie haltbar sind Wissensspeicher?  
2. Vom Buch zum Internet - eine nachhaltige Entwicklung?  
3. Schriftliche Wissenstradierung: "Gedächtnis der Menschheit"  
4. Mündliche Wissenstradierung: "Nähe zur Sache"  
5. Probleme der Auswahl und des Vergessens  
6. Wer trägt die Verantwortung?  
7. Unternehmen brauchen Wissensmanagement  
8. Hochschulen bilden "Informationsspezialisten" aus  
9. Projekte zur nachhaltigen Wissenstradierung  

Ausblick 

Literatur  
 

 
   
  

Einleitung

Gewöhnlich sprechen wir von nachhaltiger Entwicklung in Zusammenhang mit dem Ge- und Verbrauch von natürlichen Ressourcen und bezeichnen damit den Umstand, dass man nicht mehr verbrauchen darf, als nachwächst, oder dass wir so leben und produzieren sollten, dass die natürlichen Ressourcen geschont und die Abfälle umgewandelt und wiederverwendet werden können. 

Wir sind aber nicht nur Naturwesen, sondern auch sprachfähige Wesen oder, mit anderen Worten, wir leben in der Natur, aber vermittelst eines symbolischen Universums. Der Mensch ist nach Ernst Cassirer ein "animal symbolicum", ein durch Symbole sich orientierendes Tier. Die ursprüngliche Form der Erhaltung, Ausbildung und Weitergabe dieser Fähigkeit ist die Oralität, die gesprochene Sprache. 

Die Frage nach der Nachhaltigkeit der Wissenstradierung betrifft die Stabilität der: 

  • Objekte des Wissens 
  • Subjekte des Wissens
  • Träger des Wissens  

Vgl. dazu Capurro, R. (1998): Stable Knowledge?  

Was werden spätere Generationen an Wissen brauchen? Wie/was filtern wir heute? Die Frage der intergenerationellen Wissenstradierung ist zugleich ein technisches, ein semantisches und ein institutionelles Problem. Sie aber auch eine philosophiegeschichtliche Frage (Vgl. Ausblick). 
 

1. Wie haltbar sind Wissensspeicher?

Heute, im Multimedia-Zeitalter, sind wir uns über die epochalen Umbrüche, die die jeweils neuen Medien mit sich brachten  bewußter geworden. Seit der Erfindung der Schrift sind wir auch mit der Frage der Haltbarkeit von Schriftträgern konfrontiert. Uns sind Felsmalereien und Hieroglyphen auf Steintafeln erhalten, deren Haltbarkeit auf das Fünf- bis Zehnfache von Papyros (ca. 2000 Jahre) geschätzt wird, während säurefreies Papier bis 400 Jahre halten soll. Die Schätzungen über den Erhalt von Magnetplatten und CD's schwanken zwischen zehn und 100 Jahren.

Lebensdauer von Informationsträgern
(Schätzungen nach Kornwachs/Berndes 2001)
 
 

Stahlplatte Voyager 1.000.000 Jahre 
Felsmalerei ca. 20.000 Jahre
Steintafeln ca. 10.000 Jahre
Papyros ca. 2.000 Jahre
Papier (Mittelalter) ca. 1.000 Jahre
Entsäuerte Bücher ca. 300 Jahre
Magnetplatte ca. 50 - 100 Jahre
Tonband - Video ca. 50 - 100 Jahre
CD ca. 20 - 100 Jahre
menschl. Gedächtnis ca. 100 Jahre
Chip ca. 20 Jahre
 

2. Vom Buch zum Internet - eine nachhaltige Entwicklung?

Angesichts des heutigen Trends zur Digitalisierung bis hin zu digitalen Bibliotheken und Archiven sollten wir uns die Frage stellen: Vom Buch zum Internet - eine nachhaltige Entwicklung? Diese Frage kann aber mißverstanden werden, in dem Sinne nämlich, dass das eine Medium das andere notwendigerweise ersetzen könnte.  
Dies gilt aber nur in ganz seltenen Fällen, und zwar wenn das neue Medium etwa dieselben Funktionen erfüllt und zusätzliche Vorteile bringt wie z.B. Papier gegenüber Papyros oder Pergament. Der Buchdruck eröffnete neue Möglichkeiten in bezug auf die Wissensverbreitung, ohne dass er aber die Oralität ersetzt hätte. Allerdings veränderten sich Sinn und Funktion mündlicher Traditionen. Ähnliches gilt  in bezug auf die heutige Digitalisierung und Vernetzung. Kurz, Medien haben unterschiedliche Qualitäten auch und gerade wenn sie die anderen Medien reproduzieren. 

3. Schriftliche Wissenstradierung: "Gedächtnis der Menschheit"

Der Auftrag der Bibliotheken und Archive, Wissen zu erhalten und zu vermitteln (sie gelten ja gewissermaßen als Gedächtnis der Menschheit), muss unter den neuen technischen Möglichkeiten überdacht werden. Aber auch Rolle und Methoden der Wissenstradierung in Institutionen wie Schulen und Hochschulen verändern sich in dem Maße grundlegend, wie dort die virtuelle Hochschule realisiert wird. Das Internet als Kommunikationsmedium (Online Chats, Newsgroups, E-Mails etc.) erfordert auch das Nachdenken über neue Formen zugleich oraler und globaler Kommunikation, ja überhaupt die Rolle der Oralität in einer globalisierten Weltzivilisation. Der flüchtige Charakter des Digitalen wird durch die ins astronomische gesteigerte Verteilung der Texte kompensiert. Man denke, als Gegenbeispiel, an den Brand der Bibliothek von Alexandria. 

Oralität und Schriftlichkeit:

  • vor 35.000 Jahren: homo sapiens sapiens 
  • vor 15.000 Jahren: Lascaux  
  • vor 10.000 Jahren: Neolithikum  
  • vor 5.000 Jahren: Schrift ('homo scribens')
Zur Geschichte medialer Revolutionen  vgl. R. Capurro (2000): Mediale (R-)Evolutionen: Platon, Kant und der Cyberspace 
  • Orale Kulturen und der platonische Mythos von der Erfindung der Schrift durch den ägyptischen Gott Theut (Phaidros 274 ff).  
  • Plinius d.Ä. (1. Jh.  n. Chr.): neben Vitruv die einzige erhaltene technische Enzyklopädie des Altertums. Transkriptionsfehler und Übersetzungsprobleme zeigen die Probleme der semantischen Stabilität (Locher 1998).  
  • Die Bibliothek von Alexandria: durch Ptolomaios I. Soter (geb. 367 v.Chr.) gegründet und durch dessen Sohn Ptolomaios II. Philadelphos (283 v. Chr.) weitergeführt.
  • Mittelalterliche "Summae"  
  • Kant und das Ideal der "Gelehrtenrepublik" auf der Grundlage der gedruckten "Schriften" (18. Jh.)
  • Die französische "Encyclopédie" (18. Jh.)  
  • "Brouillons d'écrivains": Ausstellung der Bibliothèque Nationale de France über die Genese literarischer Texte (bis Ende Juni 2001): Erst gegen Ende des 19. Jh. wurden Handschriftennachlässe geschätzt. Durch die fotografische Reproduktionstechnik fand eine regelrechte Jagd nach Faksimile-Handschriften statt. Davor, d.h. bis ins 18. Jh., galten Handschriften als nutzlos.
  • Literarische Bearbeitung: J.L. Borges: Die Bibliothek von Babel; U. Eco: Der Name der Rose.
  • Mythos Internet. 

 

4. Mündliche Wissenstradierung: "Nähe zur Sache"

Die Frage der Wissenstradierung betrifft aber nicht nur die Haltbarkeit von Trägern, sondern umfaßt semantische und pragmatische Aspekte, die mit der Sprach- und Wissensentwicklung zusammenhängen. Das Beispiel der "Naturalis Historia" des Plinius d.Ä. zeigt, dass schriftliche Wissenstradierungen mündliche Tradierungen keineswegs völlig ersetzen können. Letztere bedarf es vor allem wegen ihrer unmittelbaren Nähe zur Sache, z.B. in einem technischen Gebiet. Und umgekehrt: Dokumentarische Techniken sollten diese Nähe etwa durch bildliche oder multimediale Darstellungen, erhalten. 

Vgl. die Rekonstruktion mündlicher (und schriftlicher) Wissenstradierung und die Entstehung der Öffentlichkeit im Paris des 18. Jh. durch Robert Darnton. Der Autor vertritt die These, dass die von den Philosophen erträumte Öffentlichkeit des rationalen Diskurses sich wesentlich von der Öffentlichkeit der Strasse unterschied und von der letzteren völlig überollt wurde. 


5. Probleme der Auswahl und des Vergessens

Das Problem einer nachhaltigen Wissenstradierung hängt eng mit der Frage der Selektion und letztlich auch mit der des Vergessens und des Unarchivierbaren zusammen (Capurro 1998).  Die Archivierungsfrage müsste deshalb in einem breiten geistes- und kulturwissenschaftlichen Rahmen erörtert werden. Zu einem kaum lösbaren Problem wird sie im Falle der Kennzeichnung von Lagerstätten für radioaktive Abfälle (Lomberg/Hora 1997). Die Langzeitspeicherung von digitalen Informationen erfolgt am sichersten über Hybridsysteme (Mikrofilm/digitale Formen) (Weber 2000). 

Über die vielfältigen Projekte im Bereich digitaler Bibliotheken vgl. R. Capurro: Libraries in the Digital Age.
 

6. Wer trägt die Verantwortung? 

"Verantwortung für zukünftige Generationen" (Birnbacher 1988) übernehmen wir  in großen und in kleinen Maßstäben, wenn wir die verschiedenen Medien für die jeweiligen Aufgaben und Zwecke vernünftig einsetzen,  d. h. mit ihnen differenziert umgehen lernen.  
Es gibt zwar keine Grenzen des Wachstums in Bereich des Wissens, wohl aber sinnvollere Formen der Erhaltung und Weitergabe, die immer auch mögliche Formen des Ausschlußes anderer sein können. Will sich Verantwortung nicht in die Unbestimmtheit "zukünftiger Generationen" auflösen, dann muß sie darüber nachdenken, wer welche Rolle heute diese Aufgabe zu verantworten hat (Picht 1969). Das sind sicherlich die klassischen Institutionen der Wissenserhaltung und -tradierung aber auch die Netgemeinde und die heutigen Betreiber von digitalisiertem Wissen. 


7. Unternehmen brauchen Wissensmangement

Wenn Ökonomen über Nachhaltigkeit nachdenken, dann meistens in bezug auf die Verkaufssteigerung. Diese hängt offensichtlich mit der Qualität der Produkte, der Zuverlässigkeit der Liefertermine und mit einer hohen Produktivität der Fertigung zusammen. Damit sind zugleich die klassischen Wirtschaftsfaktoren, nämlich Arbeit (-szeit), Kapital und Rohstoffe, genannt.  All diese Prozesse und Produkte beruhen aber auf dem Faktor Wissen in den unterschiedlichsten Formen und Ebenen: vom wissenschaftlich-technischen Wissen in Forschung und Entwicklung bis hin zum Wissen um die Wünsche und Erwartungen der Kunden. Mit anderen Worten, ökonomische Nachhaltigkeit ist mit der Frage eines nachhaltigen Wissensmanagements untrennbar verbunden. Wie abhängig inzwischen ein Wirtschaftsunternehmen vom digitalisierten Wissen ist, zeigt der sich etablierende Beruf des Datenretters, der aus scheinbaren Hardwareschrott retten kann, was noch zu retten ist (Dworschak 1998). 

Zum Wissensmanagement vgl. R. Capurro: Wissensmanagement und darüber hinaus. 
 

8. Hochschulen bilden "Informationsspezialisten" aus

Die Frage der Nachhaltigkeit von Wissenstradierung betrifft unmittelbar die Tätigkeit von Informationsspezialisten. Daher gehören Themen wie Wissens- und Informationsmanagement zum Kernbereich der Ausbildung in diesem Bereich mit verschiedenen möglichen Schwerpunkten und in unterschiedlichen institutionellen Rahmen (Berufsakademien, Fachhochschulen, Universitäten usw. An der FH Stuttgart, Hochschule der Medien (HdM) gehört dieses Thema zum Kern des Studienganges Informationsmanagement, der die Ausbildung über die Nutzung der Wissensressourcen in der Wirtschaft in den Mittelpunkt stellt. Dieses Thema  ist aber auch von Bedeutung bei den klassischen bibliothekarischen Studiengängen, wo diese Frage in einem breiteren sozialen Kontext eingebettet ist. 


9. Projekte zur nachhaltigen Wissenstradierung

Die UNESCO hat 1992 ein Programm Memory of the World ins Leben gerufen, das sich - neben den Programmen des Weltkulturerbes und des Weltnaturerbes - mit dem Weltdokumentenerbe befaßt. Die erste internationale Konferenz fanz in Oslo 1996 statt. Deutschland ist in diesem Programm durch Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Vorstand und Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) vertreten. Das International Advisory Board beschäftige sich in seiner ersten Sitzung mit der Frage, wie Dokumente elektronisch zugänglich gemacht und auf Dauer gesichert werden sollen. Dabei spielen auch rechtliche und ethische Fragen eine herausragende Rolle (Leonhard 1998). Die UNESCO übernimmt hiermit auf höchster Ebene eine ethische Verantwortung, die aber die bisherigen Zuständigkeiten nicht ablöst, sondern herausfordert. 

Das Zentrum für Technik und Gesellschaft der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus organisierte 1997 unter der Leitung von Klaus Kornwachs eine internationale Konferenz zum Thema "Wissen für die Zukunft" (Siehe auch Kornwachs 1995 und Kornwachs/Berndes 1999). 
 

Ausblick

Die Frage der nachhaltigen Wissenstradierung stellt sich heute als Frage nach dem Sinn von Bewahren und Vergessen. Das betrifft zunächst unsere genetische Ausstattung sowie das, was wir extrakorporal, selektieren, einschreiben und bewahren, d.h. uns und den künftigen Generationen mitteilen. Mitteilungsformen sind zugleich immer Denkformen und Lebensformen. Alles extrakorporales - besser: extramentales - Bewahren ist zugleich, wie wir von Platon wissen, auch ein Vergessen. Seit Freud wissen wir aber auch, dass alles Vergessen immer auch ein Bewahren (des "Verdrängten") ist.  

Der Schlußsatz von Hegels "Phänomenologie des Geistes" (Frankfurt 1975, S. 591) bringt jenes Ideal abendländischer Anamnesis-Tradition zur Sprache, in dem auf der Basis der dynamisierten Kantischen Strukturen der Erkenntnis, das Bewußtsein die Rückkehr zu sich selbst vollzieht und so alles aufbewahrt oder 'er-innert', auch wenn dies nur in einem formalen oder logischen Rahmen möglich ist. Im Gegensatz zu Kant, faßt Hegel diesen Rahmen im Sinne eines geschichtlichen Erfahrungsprozesses des sich selbst wissenden Geistes auf. Er schreibt: 

"Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reichs vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien, in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins ist die Geschichte, nach der Seite ihrer begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns, ohne den er das leblose Einsame wäre; nur - 
Aus dem Kelche dieses Geisterreiches 
schäumt ihm seine Unendlichkeit (Schiller, "Die Freundschaft")."
Nietzsche (Werke, Hrsg. K. Schlechta, Bd. II, Morgenröte, 126) stellt fest, dass unser Wissen wesentliche Lücken (noch) hat: 
"Vergessen. - Daß es ein Vergessen gibt, ist noch nicht bewiesen; was wir wissen, ist allein, daß die Wiedererinnerung nicht in unserer Macht steht. Vorläufig haben wir in diese Lücke unserer Macht jenes Wort "Vergessen" gesetzt: gleich als ob es ein Vermögen mehr im Register sei. Aber was steht zuletzt in unserer Macht! - Wenn jenes Wort in einer Lücke unserer Macht steht, sollten nicht die anderen Worte in einer Lücke unseres Wissens um unsere Macht stehen?" 
Für Heidegger (Der Weg zur Sprache, In: Unterwegs zur Sprache,  Pfullingen 1975, S. 253 ff) sind diese Lücken, jenes Ungesagte, das zum bleibenden Horizont menschlichen Sprechens gehört: 
"Zueinander sprechen heißt: einander etwas sagen, gegenseitig etwas zeigen, wechselweise sich dem Gezeigten zutrauen. Miteinandersprechen heißt: zusammen von etwas sagen, einander solches zeigen, was das Angesprochene im Besprochenen besagt, was es von sich her zum Scheinen bringt. Das Ungesprochene ist nicht nur das, was einer Verlautbarung entbehrt, sondern das Ungesagte, noch nicht Gezeigte, noch nicht ins Erscheinen Gelangte. Was gar ungesprochen bleiben muß, wird im Ungesagten zurückgehalten, verweilt als Unzeigbares im Verborgenen, ist Geheimnis. Das Zugesprochene spricht als Spruch im Sinne des Zugewiesenen, dessen Sprechen nicht einmal des Verlautens bedarf. [...] 
Das Sprechen ist von sich aus ein Hören. Es ist das Hören auf die Sprache, die wir sprechen. So ist denn das Sprechen nicht zugleich, sondern zuvor ein Hören. Dieses Hören auf die Sprache geht auch allem umsonst vorkommenden Hören in der unscheinbarsten Weise vorauf. Wir sprechen nicht nur die Sprache, wir sprechen aus ihr."
Heidegger stellt dieses Sprechen aus bzw. von der Sprache einem Sprechen über die Sprache gegenüber. Letzteres meint die Art und Weise des verdinglichenden Umgang mit der Sprache in Form ihrer Herstellung. Heidegger nennt dieses Information und kontrastiert diese Auffassung mit der dichterisch-denkerischen Erfahrung der Sprache, wodurch wir uns von der Sprache und im Gespräch etwas sagen lassen. So sind also die Art und Weise wie wir Sprache als Information aufbewahren - und dabei zugleich auch immer vergessen - und die Art und  Weise wie wir das Ungesagte im Gespräch von der Sprache ungesagt sein lassen, zwei widerstreitende Formen menschlichen Existierens als sprachfähige Wesen.  

Heideggers Auffassung der Geschichte ist weder Hegels Weg des Aufbewahrens im absoluten Wissen, noch Nietzsches Erwartung auf eine Schließung der Lücke des Vergessens, sondern ein Erfahren der "Un-Verborgenheit" unserer Lebens-, Denk- und Mitteilungsentwürfe. Geschichte ist weder das Ewige Wiederkehr des Gleichen noch das Erinnern des göttlichen Geistes in und durch die menschliche Erfahrung des Bewußtseins, sondern ein epochales Erwidern des Tradierten im un-verborgenen Horizont menschlicher Existenz. Das bedeutet, im Klartext, dass das, was wir an Wissen bewahren zugleich ein Bewahren des Vergessens bedeutet und umgekehrt, das, was wir durch Selektion dem Vergessen absichtlich oder unabsichtlich anvertrauen, stellt sich als Chance für das Wissen künftiger Generationen dar. Das entlastet uns zwar von der vermeintlichen Pflicht alles Wissen bewahren zu müssen gar zu können, entbindet uns aber nicht der Verantwortung, das uns bestimmende Wissen auf seine offenen Möglichkeiten hin zu befragen.    

Vgl. R. Capurro: M. Heidegger. 
 

Literatur


Birnbacher, D. (1988): Verantwortung für zukünftige Generationen. Stuttgart. 

Capurro, R. (1998): Stable Knowledge?     

Dworschak, M. (1998): Die letzte Zuflucht. Wenn der Computer brennt und die Festplatte crasht, haben die Datenretter Arbeit. In: DIE ZEIT Nr. 2, 2. Januar 1998, S. 54. 

Kornwachs, K. (1995): Wissen für die Zukunft? Über die Frage, wie man Wissen für die Zukunft stabilisieren kann. BTU-Cottbus, PT - 01/1995. 
-, Berndes, S. (2001): Wissen für die Zukunft. Ethische Normen der Auswahl und Weitergabe naturwissenschaftlichen und technischen Wissens. Berlin u.a.: LIT Verlag.  

Leonhard, J.F. (1998): "Memory of the World". Die erste Sitzung des Internationalen Advisory Board des UNESCO Programms Digitales Weltdokumentenerbe in Taschkent (Usbekistan) vom 29. September bis 1. Oktober 1997. In: Nachrichten für Dokumentation 49 (1998) 35-36.   

Locher, A. (1997): Ein historisches Beispiel für die Tradierung technischen Wissens - Informationsspeicherung bei Plinius d.Ä.. Cottbus (Ms.). 

Lomberg, J., Hora, J.S.C. (1997): Very Long Term Communication Intelligence. The Case of Markers for Nuclear Waste Sites. In: Technological Forecasting and Social Change 56, 171-188. 

Picht, G. (1969): Der Begriff der Verantwortung. In: ders.: Wahrheit Vernunft Verantwortung, Stuttgart, S. 318-342. 

UNESCO (2000): UNESCO-Programm  "Memory of the World"  

Weber, H. (2000): Langzeitspeicherung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Konversionsformen. In: H. Weber und G. Maier (Hrsg.): Digitale Archive und Bibliotheken. Stuttgart 2000, S. 325-342. 


Letzte Änderung: 2. März  2015
 

 
   

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