NIKE 

Rafael Capurro
  
 
 
 
Dieser Beitrag erschien in: Andrea Buddensieg Hrsg.: Helga Lannoch Skulpturen. Karlsruhe: Engelhardt & Bauer, S. 33 (ISBN 3-937295-16-X). Das Buch erschien anläßlich der Ausstellung 'Helga Lannoch Skulpturen' im September 2004 in der Werkhalle der FIDUCIA IT AG Karlsruhe.





Nike ist zunächst für uns Heutige die englische Bezeichnung einer bekannten Sportfirma nike.com, die für Schnelligkeit und den sportlichen Sieg wirbt. Nike verspricht diesen Sieg vor allem aufgrund ihrer schnellen Schuhe und verkündet ihn in Form von Werbebotschaften wie zum Beispiel: „Erfahre die Geschwindigkeit“, „Willkommen an dem Ort, an dem Geschwindigkeit die Nummer 1 ist“, „An alle Läufer. Alles über Equipment, Tipps und Mehr. For runners by runners“. „Sie wählen ihn aus. Sie wählen seine Farbe. Sie signieren ihn. Sie kaufen ihn“.

Wir sind in Athen. Rechts von den Propyläen befindet sich der kleine ionische Tempel der Nikepyrgos Apteros, der der unbeflügelten Siegesgöttin Athena geweihte Turm. Von hier ist das Meer sichtbar in das sich Aigeus herabstürzte als das Schiff aus Kreta mit den schwarzen Segeln eintraf und damit eine falsche Siegesnachricht über den Kampf des Theseus gegen das Minotauros brachte. Der Bildhauer Archermos aus Chios schuf im 6. Jh. v. Chr. die erste geflügelte Nike mit vier Sichelflügeln, Diadem im Haar, langem Gewand und geflügelten Schuhen. Aglaophon von Thasos, der Vater des Polygnos, malte sie zuerst. Berühmt sind die Nike auf der Hand der Athena Parthenos des Phidias, die Nike auf der Hand des Zeus in Olympia sowie die in der hellenistischen Zeit (2. Jh. n.Chr.) entstandene Nike von Samothrake und die Nike im Pergamonfries, die im LouvreNike ist die Personifizierung des Sieges, Tochter des Titanen Pallas und der Styx, eine  Okeanide, die Zeus zu Hilfe eilte, als die Titanen ihn angriffen. Die Oden des Pindar verkünden die süße Botschaft (angelian glykeian) des sportlichen Sieges bzw. in Berlin zu bewundern sind. .

Erben der Nike sind die römische victoria und der christliche Engel. Boten und Botschaften spielen eine herausragende Rolle in allen Kulturen und zwar im religiösen, politischen, militärischen und ökonomischen Bereich. Man denke an den buddhistischen Bodhisattva, den ägyptischen Falkengott Horus, den Engel Jahwe, die GötterbotInnen Iris und Hermes, den Maya Boten Chac Mool, sowie an die vielfältigen Strukturen politischer, militärischer und ökonomischer Herrschaft durch die Kontrolle über Boten und Botschaften, vom Nachrichtenwesen im antiken Persien, über die viae romanae und die Seidenstraße, bis hin zur Verbreitung von messages im Internet.

Nike verkündet den Sieg. Was aber ist Sieg? Es ist die Herrschaft über das, was Widerstand leistet. Sieg ist aber nicht nur eine militärische, politische, ökonomische und sportliche Kategorie, sondern auch eine moralische. Sie betrifft den täglichen Kampf mit der Schwere des Existierens. Es gibt körperliche und geistige Siege über uns selbst, wodurch wir über Schicksalsschläge oder einfach über unsere Mittelmäßigkeit hinauswachsen. Wir erheben uns dann, sozusagen für einen Augenblick, über Raum und Zeit, und fühlen uns frei. Das Gegenteil des befreienden Sieges ist der unterdrückende Sieg. Siege sind meistens ambivalent und die Geschichte ist die Geschichte der Sieger (Walter Benjamin). Es gibt aber keine absolute Niederlage und keinen Endsieg. Es gibt auch befreiende Niederlagen, die dann das paradoxe Gesicht des Sieges bezeugen. Es gibt keine göttliche Personifikation der Niederlage (hessa) da Schwäche zum Menschlichen gehört. Der Mensch ist „eines Schattens Traum“ (Pindar). In seiner Schwäche kann er aber, die ihm eigene Ruhe (hesuchia) und Frieden finden. Eirene, die Göttin des Friedens ist, neben Eunomia (Gesetzlichkeit) und Dike (Recht), einer der drei Horen, das heißt der Jahreszeiten, die dem Entstehen und Gedeihen der natürlichen und menschlichen Dingen zugrunde liegt. Wir wollen über den Ungeist des Krieges und des Terrors, über Unterdrückung und Ausbeutung, über Krankheiten, Hunger und Analphabetismus siegen. Wissenschaft und Technik machen uns aber nicht zu „maîtres et possesseurs de la nature“ (Descartes). Wir siegen nicht über die Natur, sondern wir siegen nur mit ihr.
 

Nike versinnbildlicht den schönen und guten Sieg. Es handelt sich um eine ästhetische Idee im Kantischen Sinne, das heißt um eine Anschauung, die sich nie ganz begreifen läßt, weil sie etwas darstellt, nämlich das Attribut einer Göttin, das über die Grenzen menschlicher Vernunft hinausgeht. Im Gegenzug ist der Sieg, singulare tantum, eine Vernunftidee, das heißt ein Begriff, der sich nie sinnlich vollständig darstellen läßt, weil wir ihn in der empirischen Erfahrung nur in verschiedenen Brechungen zwischen den beiden Polen von Herrschaft und Unterdrückung, in vielfältigen Bereichen und Mischformen, vorfinden.
 

Was ist Nike? Sie ist ein Symbol des Sittlichguten. Das Zeichen eines sittlichguten Sieges besteht nicht allein im Gefühl durch eigene Kraft etwas für andere erreicht zu haben, sondern zugleich in der Anerkennung und im Dank, den wir vom Anderen bekommen, wenn dieser durch uns freier geworden ist. Und umgekehrt: Siege über uns selbst sind dann sittlich gut, wenn wir in ihnen auch das befreiende Werk des Anderen erkennen und anerkennen. Solche Siege finden einen ästhetischen Ausdruck im aufstrebenden und beflügenden Nike-Zeichen.

  
  
    

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