WARUM BEWEGT SICH ETWAS UND NICHT VIELMEHR NICHTS?


Rafael Capurro
  
 
 
 
Dieser Beitrag erschien in: Helga Lannoch: Notationen. 2019.
Vgl. der Beitrag NIKE, 2004.



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Seit der Vorzeit bestaunen wir halbwegs ratlos die Bewegungen der Himmelskörper und der Lebewesen, wenn wir sie in ihrer Macht und Größe auf uns einwirken lassen. Die Höhlenmalereien von Lascaux sind ein Ausdruck dieses Staunens und des Versuchs, Bewegung malerisch zum Stillstand zu bringen. Die Magie der Bewegung scheint dank dieses Exorzismus gebannt zu sein. Heraklit, Parmenides und Zenon erkundeten das Rätsel des Verhältnisses von Raum, Zeit und Bewegung. Platon lässt Timaios sagen, dass nur das immer Seiende (to on aei) ist, während das immer Werdende (to gignomenon aei) niemals des Seins teilhaftig werden kann. Aristoteles bestimmt den Gott als den unbewegten Beweger (akinetos kinon).

Leonardo da Vincis Skizzen und Analysen über den Vogelflug und die Wasserbewegung, seine Spielautomaten und Flugmaschinen sowie die malerischen Darstellungen der Regungen der menschlichen Seele erkunden mittels Mathematik und Geometrie mit dem Prüfstein der Erfahrung (sperienzia) und des eigenständigen Denkens die Gründe der jeweiligen Art von Bewegung. Alle Bewegungen sind Teil eines unendlichen Prozesses der Metamorphose. Der Versuch, Bewegung malerisch zum Stillstand zu bringen, führt zu einem Paradoxon, dessen Auflösung beim Betrachter zu suchen ist, wenn er sich auf die Frage nach dem Warum der Bewegung als Frage nach dem Warum der Bewegung des eigenen Lebens einlässt. Leonardos Einsicht in die unendliche Teilbarkeit des Raumes als eines Kontinuums ist zugleich seine Einsicht in die unendliche Teilbarkeit der Zeit. Beides drückt er mit dem malerischen Code des sfumato aus. Der Unschärfe von Grenzen entspricht die Nichtfixierung auf einer einzigen Perspektive, die den Beobachter in die Einsicht auf mögliche gegenwärtige, vergangene und künftige räumliche und zeitliche Perspektiven führt.

Helga Lannochs geometrische Strukturen lassen in ihrer Materialität keine absolute scharfe Grenze zu. Genauso wenig zeigen sie eine fixierte Jetztzeit ohne Bezug auf das Gewesensein und Künftigsein. Diese Möglichkeiten kommen vielmehr in den verschiedenen Formen des Offenen und Geschlossenen vor. Sie bringt der Betrachter mit ins Spiel, wenn er dieses Werk so wahrnimmt, dass sowohl die Differenz zwischen seinem eigenen Im-Raum und In-der-Zeit-sein und der raumzeitlichen Natur des Werkes zum Vorschein kommen lässt. Der Beobachter schaut entweder durch die Öffnungen durch oder diese Durchsicht bleibt ihm verwehrt. Er tritt in ein Gespräch mit dem Kunstwerk derart, dass er seinen Lebensraum und seine Lebenszeit für die ins Werk gesetzte Raumzeit öffnet und die Gemeinsamkeit im Zwischen dem Werk und ihm selbst als die gemeinsame Welt erblickt, die sie auf je eigener Art teilen. Die gemeinsame Welt bildet die Möglichkeit für jede Art von Ruhe und Bewegung. Sie ist eine Teilantwort auf die Frage nach dem Warum sich etwas bewegt und nicht vielmehr nichts. Alles was ist, ist einem unabschließbaren Horizont von Möglichkeiten, einer Welt also, ausgesetzt. Was dieses Aussetzen jeweils für das Leben des Beobachters bedeutet, ist dadurch nicht beantwortet.


 
  
    

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