INFORMATIONSBEGRIFFE 

UND IHRE BEDEUTUNGSNEZTE 

Rafael Capurro
  

 

 
 
Zuerst erschienen in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur Jg. 12/2001, Heft 1, 14-17 als Kritik zum Hauptartikel von Günter Ropohl: Der Informationsbegriff im Kulturstreit. Vgl. die vorausgegangene Diskussion zum Beitrag von P. Janich: R. Capurro: "Das Capurrosche Trilemma".
 

 
 

Inhalt

I. Vom Streit zum Dialog  
II. "Das Capurrosche Trilemma"  
III. Was ist eine Analogie?  
IV. Naturalisten und Kulturalisten  
V. Carl-Friedrich von Weizsäcker: Information als Form  
VI. Lateinische Herkunft und griechischer Ursprung  
VII. Informationswissenschaft  
VIII. Bedeutungsnetze  

Anmerkung  
Literatur

  
 


 

I. Vom Streit zum Dialog


(1) Diskussion hin oder Diskurs her, es kommt ja letztlich darauf an, ob wir ins Gespräch kommen oder nicht. Das sollten wir nicht mit einem "spontanen und ungeregelten Meinungsaustausch" ((4)) verwechseln. Es ist etwas anderes, ob wir uns bestimmte formale Vorschriften für den Ablauf eines Meinungsaustausches selbst auferlegen, etwa im Rahmen eines Hochschulseminars oder einer Parlamentsdebatte, oder ob wir diese Regeln so anlegen, dass sie den Dialog blockieren und das Ganze zu einem, wie wir in Spanisch sagen, "diálogo de sordos" ( = einem Dialog zwischen Schwerhörigen) wird. Ich will damit sagen, dass im Gegensatz zu einem "spontanen und ungeregelten Dialog" ein sachlicher Dialog ihren Ausgang darin hat, dass die Dialogteilnehmer nicht nur auf die Gründe und Einsichten des anderen eingehen, diese prüfen usw., sondern dem anderen von Beginn an eine gute Absicht unterstellen ('principle of charity'). In der christlichen Tradition nennt man diese Haltung "salvar la proposición del prójimo", was soviel bedeutet wie "die Aussage des Nächsten retten" (Ignatius von Loyola 1988). /1/

Das ist eine ethische Haltung, die vor allen formalen Regeln und Vorschriften  liegt und nicht daran halt macht, ob zum Beispiel potentielle Diskussionspartner bestimmte Rationalitätskriterien erfüllen oder nicht, was dann gegebenenfalls  zum Ausschluß der angeblichen 'nicht-rationalen' Teilnehmer führt. Auch die "leidenschaftslose Sachlichkeit" ((4)) kann dazu mißbraucht werden, um den anderen eine 'leidenschaftliche' Absicht zu unterstellen und ihm so aus 'rein formalen Gründen', die Teilnahme am Dialog zu verweigern. Das wäre eine leidenschaftliche Folge einer Leidenschaft der Leidenschaftslosigkeit! Von hier aus gesehen, ist das Wort 'Streitforum' unglücklich gewählt, denn beim Streit entsteht leicht Polemik. Auch wenn dabei bloß die Argumente und nicht die Argumentierenden zu Fall gebracht werden sollten, beruht diese Form der Auseinandersetzung auf der Vorstellung, dass die Sache durch 'schlagfertige' Kritik und Gegenkritik aufgeklärt und somit der andere ausgeschaltet wird. Der Dialog verlangt aber, dass wir nicht nur auf die Argumente des anderen eingehen, sondern uns zugleich auf den anderen selbst einlassen. Zugegeben, das ist nicht einfach und es gelingt meistens nicht. Es ist aber eines Versuchs wert.

II. "Das Capurrosche Trilemma"

(2) Es muß kein "essentialistischer Begriffsdogmatismus" bedeuten ((12)), wenn Janich eine bestimmte Form des zwischenmenschlichen Wissensaustausches, bei der semantische und pragmatische Aspekte eine entscheidende Rolle spielen, mit dem Begriff Information kennzeichnen will. Da aber, wie Ropohl bemerkt, mit diesem Wort zugleich andere Sachverhalte etwa in der Biologie  und Physik bezeichnet werden, entsteht das von Peter Fleissner und Wolfgang Hofkirchner sogenannte "Capurrosche Trilemma" (Fleissner und Hofkirchner 1995),  das in Wahrheit eine aristotelische Ausgangssituation ist, wie sie Aristoteles öfter erwähnt ("pollachós légetai"). Ropohl schlägt vor, die vielfache Verwendung von Information weder  äquivok noch univok, sondern analog zu verstehen. Er möchte aber dabei keinem Anwendungsbereich  im Sinne der Attributionsanalogie den Vorzug geben, sondern er entwirft eine Lösung des Trilemmas auf der Grundlage der Proportionalitätsanalogie. Er möchte auf der einen Seite "die breit gestreute Verwendung" des Informationsbegriffs rechtfertigen, ohne aber  auf einen  "präzisen Kern" zu verzichten ((13)). Dieser präzise Kern soll das tertium comparationis als das Gemeinsame zweier verglichener Sachverhalte sein.   
 
 

III. Was ist eine Analogie?

(3) Kurz zum Analogieproblem mit Hinblick auf den einschlägigen Artikel von Wolfgang Kluxen  im "Historischen Wörterbuch der Philosophie" (Kluxen 1971). Ursprünglich, etwa bei Archytas von Tarent, ist die Analogie im mathematischen Bereich angesiedelt und dient der Konstruktion von Ordnungsverhältnissen. So wird zum Beispiel der Abstand zwischen 8 und 2 durch die Bildung einer Mitte überbrückt (8:4 = 4:2).   

Bei Aristoteles finden wir eine methodische Anwendung der Analogie in nicht-mathematischen Zusammenhängen, so zum Beispiel im sozialen Verhältnis, wenn zwei Personen ihre Bezüge 'gerechterweise' ausgeteilt bekommen sollen. Die Mitte ist aber für Aristoteles nicht im Sinne einer dreigliedrigen, sondern einer viergliedrigen Proportion zu verstehen. Die Analogie wird zur Methode für die Metaphernbildung auf der sprachlichen Ebene, wenn zum Beispiel etwas von einer Gattung in die andere 'übertragen' wird: Was dem Vogel der Flügel, ist  dem Fisch die Flosse, lautet das von Kluxen zitierte Beispiel des Aristoteles. Dadurch schafft die Analogie eine besondere Form von Einheit, die kategoriale Unterschiede zuläßt. Wir haben mit einem Sachverhalt im analogischen Sinne zu tun. Diese Form von Einheit ist, gegenüber der Einheit nach Zahl, Art und Gattung, die weiteste nach Aristoteles (Met. V, 6,  1016 b 29-1017 a 2). Wenn für derlei analogisch Gemeinsames eine Bezeichnung vorliegt, dann ist das nicht willkürlich. Zugleich handelt es sich aber nicht um eine Über-Gattung, sondern die Analogie "schafft eher konkrete Verbindungen quer zu den Kategorien" (Kluxen 1971: 217).  

In Anschluß an Thomas von Aquin unterscheidet Caietan (1469-1534) drei Typen der Analogie: Die Analogie der Ungleichheit, der Attribution (oder der Proportion) und der Proportionalität. Im ersten Fall werden verschiedene Referenten, zum Beispiel verschiedene Körper, zum univoken Körperbegriff bezogen, ohne aber die (Gattungs-) Unterschiede zu berücksichtigen. Im zweiten Fall wird die Relation zu einem vorgeordneten ersten Analogat, dem primum analogatum, hergestellt, etwa wenn 'gesund' primär vom Organismus dann aber auch vom Klima usw. ausgesagt wird. Diese Analogieform gilt nur dem Begriff und nicht dem Sein nach. Sie bezieht sich auf eine äußerliche Benennung. Im  dritten Fall wird die Verhältnismäßigkeit der Bedeutungen in bezug auf die Referenten anvisiert, so wenn 'Sehen' vom leiblichen Auge aber auch vom intellektuellen Sehen ausgesagt wird. Hier werden Verhältnisse zwischen je verschiedenen Sachverhalten in Beziehung gebracht und zwar im Sinne des mathematischen Modells. Sinnvoll ist diese letzte Form der Analogie, wenn die Sachverhalte proportionabel sind.

Ein Grenzfall stellt das Unendliche dar, weil es eben mit dem Endlichen nicht proportionabel ist. Thomas von Aquin zieht beim Verhältnis von Gott und Geschöpf die zweigliedrige Attributionsanalogie ("unius ad alterum") der Proportionalitätsanalogie ("duorum respectu tertii") vor, während Caietan Sein als "Sich-Verhalten-zu-Sein" bestimmt und so die jeweiligen Verhältnisse in proportionaler Beziehung setzen kann. Da aber nicht von der Seinsverschiedenheit in den jeweiligen Subjekten abgesehen wird, ergibt sich daraus, so Caietan, "eine gewisse Konfusion der Begriffe oder Sinngehalte in ihrer proportionalen Identität" (Kluxen 1971: 225).   

Die Attributionsanalogie wurde von Franz Suárez weiterentwickelt. Die Struktur des Vor- und Nachgeordnetseins kann auf der Grundlage eines äußerlichen Vergleichs ("attributionis extrinsecae") oder einer innerlichen Attribution ("attributionis intrinsecae") stattfinden. Im zweiten Fall steht das Nachgeordnete in einem Ableitungsverhältnis, hat aber dennoch ein eigenständiges Sein. Kluxens Fazit lautet, dass Suárez und Caietan, Jesuiten und Dominikaner also, den wesentlichen Punkt verfehlen, "indem sie die Analogie als Begriffseigenschaft" und nicht im Sinne eines Seinsprozesses, als "analogia entis" (E. Przywara), verstehen (Kluxen 1971: 225).
  

IV. Naturalisten und Kulturalisten

(4) Die Kontroverse zwischen Ropohl und Janich (Janich 1998) stellt sich vor diesem Hintergrund als Frage nach der Anwendung der Attributionsanalogie (Janich) bzw. der Proportionalitätsanalogie (Ropohl) im Hinblick auf den Informationsbegriff dar. Janich hebt den Unterschied zwischen dem Menschen als Kulturwesen und den sonstigen natürlichen oder künstlichen Seienden hervor. In der Sprache Heideggers hätten wir mit Information im Sinne eines Existenzials, dem der "Mitteilung", und nicht mit einer Kategorie zu tun (Heidegger 1976).  Janich spricht von einem "Sprung" in die "informationsbegriffliche Sprache", wenn zum Beispiel Moleküle ihre Struktur "weitergeben" ((48)). Diese Sprechweise ist, so Janich, eine "Analogiebildung" und setzt ihre Semantik voraus. "Sprung" deutet auf die Inkommensurabilität der Relata, die eine Proportionalitätsanalogie nicht erlauben. Ropohl sucht das tertium comparationis und findet es in einem "Modellbegriff", der sich aufgrund von "bestimmten Analogien zwischen menschlichen, technischen und natürlichen Austauschphänomenen" herausgebildet hat ((15)).   

Die Geschichte dieses Modellbegriffs fängt mit Shannon und Weaver an und  führt über Norbert Wiener zur Semiotik. Da die syntaktische Dimension der semantischen und pragmatischen zugrunde liegt, haben wir hier mit einer technischen und nicht-technischen Prozessen der Zeichen- übertragung gemeinsamen Dimension und somit mit der gesuchten proportio zu tun. Wie steht es aber mit biologischen Prozessen? Hier greift, so Ropohl ((27)), der semiotische Zeichenbegriff zu kurz, so dass anstelle von "Zeichen" das Wort "Element" eintreten sollte. Ansonsten würde die Proportionalitätsanalogie dazu führen, dass "glaubenshungrige Gemüter nach dem metaphysischen "Sender" der "Erbinformation" suchen." ((27)) Ropohls Lösung lautet in diesem Fall "Begriffsabschwächung": ""Information" verliert damit ihren Zeichencharakter und heisst dann nur noch soviel wie "Struktur" oder "Ordnung" (...) Ob dafür das Wort "Information", selbstverständlich allein im syntaktischen Sinn, geeignet ist, halte ich für erwägungsoffen." ((27)) Damit gerät aber Ropohls Argumentation und insbesondere sein Gebrauch der Proportio- nalitätsanalogie sozusagen in eine offene Sackgasse!  
  
  

V. Carl-Friedrich von Weizsäcker: Information als Form

(5) Mit diesem Problem hat sich beinah ein Leben lang Carl-Friedrich von Weizsäcker beschäftigt. An anderer Stelle habe ich versucht, Weizsäckers Weg in dieser Frage nachzuzeichnen (Capurro 2000). Weizsäcker setzt genau dort an, wo Ropohl aufhört, nämlich bei dem Begriff "Struktur" bzw. "Form", die er von Platon und Aristoteles her denkt. Weizsäckers Alternative lautet: Entweder versuchen wir Information ohne Bezug auf Sprache und Mitteilung zu definieren, oder aber wir bezeichnen damit eine  Eigenschaft unseres sich sprachlich artikulierenden Denkens (Weizsäcker 1974: 53-54). Aut Janich aut Ropohl, tertium non datur. Beide Aspekte aber, das ist Weizsäckers Weg, gehören zusammen. Seine Thesen lauten dementsprechend:
    "Information ist nur, was verstanden wird" 
und
    "Information ist nur, was Information erzeugt" (Weizsäcker 1974: 351-352).
Information meint also auf der einen Seite die "gewußte Form" und auf der anderen Seite ist sie "objektivierte Semantik". Im Gegensatz zu Ropohls tertium comparationis, wird die Semantik einbezogen, da Weizsäcker von einer ursprünglichen Einheit von Erkenntnis und Erkanntem ausgeht. Weil wir uns aber in einem unvollendeten evolutionären Feld bewegen und keinen archimedischen Punkt außerhalb dieses Prozesses einnehmen können, erreichen wir "niemals völlig scharfe Begriffe" (Weizsäcker 1992: 344) Mit diesen, hier nur verkürzt wiedergegebenen Gedanken, kommen wir zum von Kluxen erwähnten Problem der Grenzen des Analogiedenkens im Rahmen der Sprachphilosophie zurück und schreiten wir, Weizäcker folgend, in die Ontologie, sei es in Form der "analogia entis" (E. Przywara) oder des modernen Evolutionsgedankens, über.  

In seiner "Replik" hatte mir Janich irrtümlicherweise unterstellt, ich sei ein Anhänger des "Selbstorganisations-Paradigmas" (Janich 1998 ((30))). Ich habe aber in einem Trialog zusammen mit Peter Fleissner und Wolfgang Hofkirchner (Capurro/Fleissner/Hoffkirchner 1999) auf den metaphysischen Anspruch und somit auf die Grenzen dieses Paradigmas hingewiesen. Der Informationsbegriff erlaubt uns eine bestimmte Sicht des Evolutionsprozesses, ohne aber dabei  eine gewisse Unschärfe einzubüßen. Ich nannte diese Sicht DIAINF (dialektischer Informatismus) in Analogie zu DIAMAT (dialektischer Materialismus). Ich will damit sagen, dass der dialektisch verstandene Informationsbegriff uns zwar eine andere Sicht der Evolution und sogar, wie  Peter Fleissner und Wolfgang Hofkirchner meinen, einen nicht-deterministischen Kausalitätsbegriff ermöglicht ('causality of matter' vs. 'causality of information') (Capurro / Fleissner / Hofkirchner 1999), dass wir uns aber damit in einer metaphysischen Gesamtschau in der Form einer "unified theory of information" befinden. 
  

VI. Lateinische Herkunft und griechischer Ursprung

(6) Ropohl wundert sich, dass gegen Janichs These, wonach das Wort "Information" in der tradierten Umgangsprache "einen angestammten Platz" hat, "keine sprachgeschichtlichen Einwände erhoben worden sind" ((14)). Ich hatte bereits in meiner Stellungnahme zu Janichs Beitrag darauf hingewiesen, dass ich vor zwanzig Jahren eine etymologische und ideengeschichtliche Untersuchung des Informationsbegriffs unternommen hatte (Capurro 1978) und zwar angestoßen durch Weizsäckers Hinweis auf die lateinische Herkunft und den griechischen Ursprung dieses Begriffs. Ursprünglich ist der lateinische Begriff bei natürlichen, künstlichen und kulturellen Prozessen angesiedelt. Entscheidend für diese Entwicklung ist das Verschwinden der ontologischen Dimension (Formung der Materie) am Ausgang des Mittelalters, bis die  moderne Physik und die Evolutions- theorie diese Wurzel wieder aufdecken und zwar gerade in dem Augenblick, wo die Elektrotechnik zwar an die umgangsprachliche erkenntnistheoretische Bedeutung anschließt, diese aber so formalisiert, dass letztlich die Formungsprozesse selbst gemeint sind. Die Übersetzung des lateinischen informatio im Deutschen lautet nicht mehr und  nicht weniger als "Bildung". In der deutschen Alltagssprache werden 'informieren' und 'Information' erst im 19.Jh. eingeführt und in deutschen Enzyklopädien nachgewiesen. 

VII. Informationswissenschaft

(7) Ropohl spricht von den an der Diskussion um Janichs Beitrag beteiligten "Informationswissenschaftlern" ((19)). Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass es eine aus dem Bibliothekswesen entstandene Informationswissenschaft (Engl. information science) schon seit mehr als fünfzig Jahren gibt, und dass hier eine permanente Diskussion um den Informationsbegriff geführt wird. Eine allgemeine Informationswissenschaft, eine "unified theory of information" (Hofkirchner 1999), ist ein junges Forschungsprogramm. In  der Wirtschaft ist der Ausdruck 'Informationsmanagement' bisher vorwiegend im Sinne von 'Datenmanagement' gebraucht worden. Die daraus entstandene Lücke in bezug auf die semantische Dimension der Daten wird seit einigen Jahren mit dem Wort 'Wissensmanagement' ausgefüllt. Von hier aus ist es in diesem Bereich zu einer Neubestimmung und Neubesinnung  auf die Zusammenhänge zwischen Zeichen - Daten - Information - Wissen - Weisheit gekommen, die in der neueren Literatur thematisiert wird (Capurro 2000). Damit wären wir erneut bei Janichs kulturalistische Bestimmung von Information angekommen.  
 
 

VIII. Bedeutungsnetze

(8) Zum Schluß möchte ich auf die von mir in der Replik auf Janich schon erwähnte Möglichkeit der Bedeutungsvernetzung sowie auf Wittgensteins "Familienähnlichkeiten" (Wittgenstein 1984) zurückkommen. Es ist unbestreitbar, dass der Informationsbegriff sowohl im Alltag, als auch in den verschiedensten Wissenschaften und schließlich auch in seiner Bedeutungsentwicklung eine Fülle von äquivoken, analogen und univoken Verwendungen aufweist. Diesem komplexen Sachverhalt können wir mit Hilfe einer ebenso komplexen sprachphilosophischen und ontologischen Überlegung gerecht werden. Dazu eignet sich vorzüglich eine Bedeutungsvernetzung mit unterschiedlichen Links und Knoten je nach Anwendungsbereich.   Die Analogie, - gleich ob die der Proportionalität oder der Attribution -, ist eine bestimmte Art   von Bedeutungsverweisung, die in ein größeres Netz von Beziehungen eingebettet werden kann.  Das "Capurrosche Trilemma" ist dann nur ein bestimmter Effekt einer Bereichsüberschreitung und kann nur ad hoc gelöst werden. Der Glaube  an einer generellen Lösung sprachlicher Mehrdeutigkeiten führt in die Irre und  läßt die Plastizität der Sprache als ein Mangel erscheinen, worauf Carl-Friedrich von  Weizsäcker hingewiesen hat (Weizsäcker 1974). Denn es geht nicht darum, nach einem allgemeinen Eidos zu ahnden, sondern ganz im Sinne Wittgenstein darum:
    "Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir "Spiele" nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiel, Kampfspiele, usw. Was ist allen diesen gemeinsam? - Sag  
    nicht: "Es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht 'Spiele'" -  
    sondern schau, ob allen etwas gemeinsam ist.-" (Wittgenstein 1984 : Nr. 66)
Das Ergebnis dieser "Schau" ist eben nicht ein tertium comparationis, sondern
    "du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, sehen, und zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: denk nicht, sondern schau! (...) Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen." (ebda.)
Dass Begriffe in ihrem jeweiligen Gebrauchskontext definiert sind,  heißt nicht, dass wir zu einer "nominalistischen Position" übergehen ((12)), sowenig wie zu einer "essentialistischen". Wir würden uns der Möglichkeit der Übergänge selbst berauben und wären blind für unterschiedliche sich überlappende oder sich ausschließende sprachliche und ontologische Perspektiven. Metaphern und Metonymien sind Sprachfunktionen, die uns erlauben, Seins- und somit auch Lebensentwürfe zu bilden.  
   

Anmerkung

1. Ich beziehe mich auf das berühmte "Praesupponendum" der "Geistlichen Übungen" des Ignatius von Loyola, in dem es heisst: "daß jeder guter Christ bereitwilliger sein muß, die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen; und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener sie versteht, und versteht jener sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe; und wenn das nicht genügt, suche er alle angebrachten Mittel, damit jener, indem er sie gut versteht, sich rette." (Ignatius v. Loyola 1988, Nr. 22) Der Herausgeber Peter Knauer schreibt dazu: "Dieser Abschnitt hat seinen historischen Anlaß in Verdächtigungen, denen Ignatius in bezug auf seine Rechtgläubigkeit ausgesetzt war. Doch geht die Bedeutung dieses "Praesupponendum" über den Anlaß hinaus. Es handelt sich um die "Voraussetzung" auch für das folgende "Fundament", also um das "Fundament des Fundaments". Es werden darin noch keine bestimmten Glaubenswahrheiten vorausgesetzt, sondern nur die prinzipielle Bereitschaft zu einem dialogischen Selbstverständnis, wie sie nicht nur von einem guten Christen, sondern von jedem Menschen zu erwarten ist. In einem dialogischen Selbstverständnis ist man zur Offenheit des Hörens auf den anderen Menschen bereit, während man sich in einem monologischen Selbstverständnis im Grunde nur sagen ließe, was man ohnehin bereits von   
sich aus wissen kann. So ist der Gegensatz von dialogischem und monologischem Selbstverständnis der Gegensatz von Heil und Unheil." (ebda. 23-24)  
 

Literatur

Capurro, R.: Einführung in den Informationsbegriff. Stuttgart 2000   
-: Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen Begründung des Informationsbegriffs. München u.a. 1978  
-, P. Fleissner, W. Hofkirchner: Is a Unified Theory of Information Feasible? A Trialogue. In: W. Hofkirchner, Ed.: The Quest for a Unified Theory of Information. World Futures General Evolution Studies, Vol. 13, Overseas Publ. Ass. 1999, S. 9-10.   

Fleissner, P., Hofkirchner, W.: In-formatio revisited. Wider dem dinglichen Informationsbegriff, in: Informatik Forum, Bd. 8, 3/95, 126-131.  

Heidegger, M.: Sein und Zeit. Tübingen 1976 (13. Aufl.).  

Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen und erläuternde Texte. Übersetzt und erklärt von Peter Knauer, Graz 1988  

Janich, P.: Informationsbegriff und methodisch-kulturalistische Philosophie. Ethik und Sozialwissenschaften 9 (1998) 2, 169-182; ferner die Kritiken ebd., S. 182-251.  

Kluxen, W.: Artikel "Analogie", in: Ritter, J. Hrsg.: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Darmstadt 1971, Bd. 1.  

Weizsäcker, C.-F. von: Sprache als Information. In: ders.: Die Einheit der Natur. München 1974.  

-: Zeit und Wissen. München 1992  

Wittgenstein, L.: Philosophische Untersuchungen. Frankfurt a.M. 1984.  
 

Letzte Änderung: 8. Januar  2014

 
 
   

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