ET IN ARCADIA EGO

Italienisches Tagebuch, 1982


Toscana 82


Rafael Capurro


 

     
 

Porto Venere

Montag, den 29. August.

Wir haben heute morgen Genua verlassen.
Porto Venere: Ein Fischerstädtchen. Das Hotel etwas laut. Wir machen morgen eine Schiffsreise, um Cinque Terre zu sehen.
Beim Besuch der Festung von Porto Venere: Erinnerungen an das Mittelalter, Richard Löwenherz. Schöne große Halle mit mächtigen Säulen.
Das viel gepriesene Blau des Mittelmeeres mit den unendlichen Lichtspielen, der südliche Mensch in seiner Nacktheit und Unbekümmertheit, die heile Welt des alten Dorfes, wo die Straßen Treppen sind und die Kinder sorglos spielen, der geschäftige Hafen und zunächst und vor allem die Weite des Himmels, glänzend und nach Meeresduft riechend, das Alles überwältigte mich in wenigen Stunden und ich wagte, etwas scheu, mich diesen Eindrücken zu öffnen.

Principina a Mare

Nach einer anstrengenden Fahrt haben wir gestern ein passendes Hotel gefunden: Principe! Principina ist ein hübscher Badeort, mitten in einem Pinienwald. Wir sind etwa 100km von Siena und etwa 80km von Tarquinia entfernt. Der Strand ist breit und lang, mit feinem Sand und liegt drei Minuten vom Hotel entfernt. Man hört von hier aus das Rauschen des Meeres.

Heute ist es bewölkt. Wir machen deshalb eine kleine Rundfahrt, zunächst ins etruskische Museum von Grosseto, dann zu den etruskischen Gräbern von Vetulonia und anschließend zu der mittelalterlichen Stadt Massa Maritima.

Gestern las ich die Ode von Horaz "Impios parrae recinentis" auch Europa- oder Galatea-Ode genannt.

Horaz wünscht Galatea "ein Mädchen, welches den Horaz nicht mehr liebt" ("ubiqumque mavis" schreibt Horaz) (Hubert Zehnacker: Horaz Carmen III, 27, S. 72) aber auch eine Anspielung an die Meeresnymphe am "schwarzen Busen der Hadria" glücklich zu sein.

Galatea

Triumph der Galatea von Raffaello Sanzio (1512), Rom, Villa Farnesina
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Galateia

Sis licet felix, ubicumque mavis,
Et memor nostri, Galatea, vivas
Teque nec laevos vetet ire picus
    Nec vaga cornix.

Sed vides, quanto trepidet tumultu
Pronus Orion? Ego quid sit ater
Hadriae novi sinus et quid albus
    Peccet Iapyx.

Lebe glücklich denn, wo dein Herz dich hinzieht!
Und vergiß nicht ganz, Galatea, unser!
Mag kein Specht von links, keiner Krähe Flug das
    Scheiden dir wehren.

Doch schon sinkt mit Hast, wie du siehst, Orion,
Brausend, und ich weiß, wie er ist, der schwarze
Busen Hadrias, wenn der weiße Westwind
    Über ihn hinpeitscht.

Horaz, Sämtliche Werke, München 1979; Carmina, III, xxvii, 13-66.

Europa war die Tochter des Agenors und der Telephassa. Nach Homer (Ilias XIV, 321) war die Tochter des Phoinix und Mutter des Minos und des Rhadamanthys. Sie, von Horaz Europe genannt, wurde weit von den grünen Weiden ihrer Heimat Phönizien über das feindliche Meer vom "verhassten Stier" ("infamem [....] iuvencum") (Horaz, Carmina, III, xxvii, 45) nach Kreta entführt.

Europa
Europe, ca. 480 v.Chr.
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Europa_(mythology)

Sic et Europe niveum doloso
Credidit tauro latus et scatentem
Beluis pontum mediasque fraudes
    Palluit audax.

Nuper in pratis studiosa florum et
Debitae Nymphis opifex coronae
Nocte sublustri nihil astra praeter
    Vidit et umbras

So vertraut Europa den Schnee des Leibes
Einst dem listigen Stier, doch ihr Mut erbleichte
Vor dem Truge mitten im Meer, der grausig
    Wimmelnden Tiefe.

Die noch Blumen jüngst auf der Flug sich pflückte,
Sie zu Kränzen wand, wie es Brauch, den Nymphen,
Sah beim Dämmerschein in der Nacht jetzt nichts als
    Wasser und Sterne.

Horaz, a.a.O., 25-32.


Nach der Klage der Europe tröstet und mahnt sie Venus:

Aphrodite
Venus, Mars und Amor, Pompeji
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Venus_(mythology)

Mox ubi lusit stais, 'abstineto'
Dixit 'irarum calidaeque rixae,
Cum tibi invisus laceranda reddet
    Cornua tarus.

Uxor invicti Iovis esse nescis.
Mitte singultus, bene ferre magnam
Disce fortunam; tua sectus orbis
    Nomina ducet.'

Als sie dann genug sich geweidet, sprach sie:
"Wird gestillt dein Zorn, deine Klage schweigen,
Wenn zum Brechen dir der verhaßte Stier nun
    Reicht seine Hörner?

Weißt Du nicht, daß Jupiter dein Gemahl ist?
Laß das Schluchzen, lern, wie man trägt mit Würde
ein so großes Glück! Wird die halbe Welt nach
    Dir sich doch nennen."

Horaz, a.a.O. 73-76

Hubert Zehnacker fasst die Botschaft der Ode folgendermaßen zusammen:

"Nun seien noch einige Worte über die allerletzten Verse des Carmen gestattet. Diese sind m.E. weder ironisch noch scherzhaft. Zwar stand da Venus perfidum ridens, aber nur solange Europe ihre maßlosen Klagen ertönen ließ. Dann aber macht die Göttin dem Spiel ein Ende, ubi lusit satis; es wird allmählich ernst. Die V. 69-72, abstineto usw. klingen noch leicht ironisch, aber bei weitem nicht so boshaft und verzerrt, wie es Berres meint. Das gibt auch laceranda reddet / cornua taurus (V. 71-72 zu verstehen. Nun aber werden die Worte der Venus ganz erhaben und feierlich. Was sie da sagt, gilt nicht nur für Europe und Galatea, sondern dem Dichter selbst. Daher auch uxor, nicht paelex. Und inuicti Iouis (V. 73) erinnert an die patriotischen und religiösen Oden des Horaz. Es heißt jetzt, bene ferre magnam ... fortunam (V. 74-75), also das Unbedachtsame und Ungereimte (quod non decet) zu unterlassen und zu lernen, wie man sich zu verhalten hat, wenn man vom höchsten Gott erkoren ist. Von den Göttern erwählt ist auch der uates. Die Mahnungen der Venus gelten auch Horaz. Das endgültige Ziel ist eine Art Vergöttlichung, tua sectus orbis nomina ducet (V. 75-76), das Emporsteigen zu einem höheren, quasi-göttlichen Dasein." (Zehnacker, Rheinisches Museum für Philologie 138/1, S. 81)


Vetulonia

Besuch der etruskischen Nekropole von Vetulonia. Besonders schöne abgeschiedene Lage, mitten in einem Olivenhain. Das eine Grab war sehr eindrucksvoll, mit einer Art Obelisk in der Mitte und zwei kleinen Nebenkammern, in etwas erhöhter Lage im Berg eingegraben. Das andere Grab war in die Tiefe gegraben.

Massa Maritima

besitzt eine schöne romanische (?) Kirche mit einem schlanken Campanile. Die Stadt wirkt etwas leer und unfreundlich. Auch der Blick aus der Ferne ist unschön aufgrund der verunstaltenden Hochhäuser.

Grosseto

ist dagegen eine lebendige Provinzstadt, deren Museum Mittwochs zu hat!
Der Scirocco peitscht das Meer seit einigen Tagen und bringt Regen ins Land. Links von Principina, d.h. südlich, ist der Strand wild und schmutzig aber man kann am Meer entlang laufen. Das Wasser ist angenehm warm, aber sehr aufgewühlt!

Grosseto 
Vulci: anfora attica con Teseo che uccide il Minotauro, del 540 circa a.C.
Grosseto - Museo Archeologico della Maremma.

Siena

Siena

Wir sind zunächst im Archäologischen Museum gewesen, wo sich schöne etruskische Vasen, Skulpturen, Reliefs, Urnen, Schmuck usw. befinden. Vieles erinnert an Hellas und Ägypten. Ich konnte ein schönes Marmorrelief mit vielen Figuren in einem gelben Ton, aber auch stillvolle Vasen und Goldschmuck bewundern.
Anschließend besichtigten wir die Biblioteca Piccolomini, im Dom, ein mit prächtigen Wand- und Deckenmalereien geschmückter Raum, mit Szenen aus dem Leben des Papstes. Der Dom war wieder sehr beeindruckend und die Erinnerungen von vor sieben Jahren konnten sich vertiefen.
Die Gemäldesammlung in der Pinakothek war nicht sehr beeindruckend aber doch sehr wertvoll, hauptsächlich religiöse Kunst der Renaissance mit viel gold, rot, rosa, und blau.

Das Rathaus und insbesondere der Blick vom Turm aus waren unvergeßlich.


Securitas
als Beschützerin der Stadt Siena:

Securitas - Siena
Allegoria degli effetti del Buon Governo in Campagna, Ambrogio Lorenzetti (1290-1348)

Parete di destra della Sala dei Nove, Palazzo Pubblico, Siena

Quelle: https://it.wikipedia.org/wiki/Ambrogio_Lorenzetti

SEN
ÇA PAURA OGNUOM FRANCO CAMINI ˙
ELAVORANDO SEMINI CIASCUNO ˙
MENTRE CHE TAL COMUNO ˙
MANTERRA QVUESTA DON(N)A I(N) SIGNORIA ˙
CHEL ALEVATA AREI OGNI BALIA.

Without fear every man will travel freely
and each may till and sow,
so long as this commune
shall maintain this lady [justice] sovereign,
for she has stripped the wicked of all power.

Quelle: Ruggiero Stefanini: Inscriptions in the Sala dei Nove. Notes, transcriptions and translations. In: Randolph Starn and Lawence Partridge: Arts of Power: Three Halls of State in Italy, 1300-1600. University of Calilfornia Press 1992, p. 266.

Griechische Götter waren nicht allmächtig. Von wo aus ist das Göttliche her zu denken? Sollten wir nicht unsere Überlieferung diesbezüglich wieder frag-würdig machen? und in diesem Sinne: Priestertum ist Sache eines jeden Menschen.

Die Straßen von Siena: sehr beschäftigt. Alles etwas ungepflegt und zerbröckelnd. Ich bin am Kloster der Hl. Katharina vorbeigelaufen. Wenn man die Straßen sieht, weiß man nicht, ob man sie als Kunstwerke oder als Lumpenviertel bezeichnen soll! Etwas von beidem.
Der Palazzo Chigi kann leider nicht besichtigt werden.


Ein Meerestag

Annette


begleitet auch von viel griechischer Mythologie.
Heute morgen las ich das Büchlein von Albert Schweitzer über die kulturelle Erneuerung der Menschheit. Er scheint für den Rationalismus zu sprechen, aber dieses Wort hat bei ihm einen umfassenden Sinn, der nicht zuletzt die Mystik einschießt! Was unsere heutigen ("kritischen") Rationalisten wohl davon halten? Ethik und Religion sieht er eng miteinander verbunden und die Philosophie soll ethische Ideale (die wohl letztlich in der religiösen Erfahrung bzw. in der Efahrung des Kosmos und des Todes gründen) wieder wecken. Nach Kant ist ein Volk ohne Metaphysik ein barbarisches Volk. Die heutige Menschheit (genauso wie die von 1900) will aber vom Kosmos und vom Tod nichts wissen und richtet sich auf das "Leben" auf der "Erde" voll ein. A.S. glaubte an die Macht des schöpferischen Denkens. Die Leute müssen nicht Hegel oder Marx gelesen bzw. verstanden haben, um nach deren Ideen zu leben.

Am Strand las ich Jacob Burckhardts "Griechische Kulturgeschichte".

Ich suche nach einer griechischen Personifikation der Sicherheit (röm. securitas, aber erst seit der pax romana!). "Eirene"? Der Gedanke der kosmischen Harmonie? In der Polis, der Gegenzug zu Ares?
Fortuna: Auf sie ist kein Verlaß. Ist bei den Griechen Religion "Rettung und Sicherheit der Polis"? (Burckhardt, S. 231). Sind Götter schützende Mächte (ἀσφάλεια, aspháleia, Sicherheit; σωτηρία, sotería, Rettung)? Wovor? Vor dem Ausgeliefertsein des Menschen und zum Teil des Gottes selbst, an das Schicksal (moira, tyche)?

Primus in orbe deos fecit timor
Petronius

Poseidon empfing mich mit seinem Schaum und seiner Wärme, in leuchtenden himmlischen Farben. Von seiner freundlichen Seite also. Helios glänzte den ganzen Tag und Eolo wechselte, launisch, sein Ziel und vertrieb in wenigen Stunden die Wolken und wehte frisch, das Meer belebend, dass mit seinem tobenden Gebrüll die schwachen menschlichen Stimmen übertönte.

Die Menschengestalt am Horizont, fein geschnitten, die Würde des menschlichen Kopfes, zwischen Himmel und Meer, die feinen fast majestätisch aber doch lieblich anmutenden Berge, das blonde Kind, mich an Renaissance-Putti erinnernd, die Haltungen der nackten Menschen, das alles erfreute mich mehrere Male. Warum verpönt "unsere" Zeit den Sinn für Schönheit als "Flucht vor der Realität"?

Samstag

Die Stimmen Hölderlins und Heideggers klangen heute Morgen, zur Besinnung mahnend. Anschließend Michelangelo:

Rima 8

Come può esser ch'io non sia più mio?
O Dio, o Dio, o Dio,
chi m' ha tolto a me stesso,
c'a me fusse più presso
o più di me potessi che poss'io?
O Dio, o Dio, o Dio,
come mi passe el core
chi non par che mi tocchi?
Che cosa è questo, Amore,
c'al core entra per gli occhi,
per poco spazio dentro per che cresca?
E s'avvien che trabocchi?

[1511 ca.]
(Michelangelo: Rime, Milano 1981)

Wie kommt's, dass ich nicht mehr mein eigen bin?
Wer ist's, durch den ich mich verlor,
Der, fremd, in mir sich drängte vor,
Mehr gilt in mir als eigner Sinn?
Und wie durchschnitt
Die harte Brust,
Wer mich nicht einmal angerührt?
Wer bist du, Liebe, Qual und Lust,
Die nun mein Herz gefangen führt,
Die durch das Aug' in meine Seele glitt
Und da so masslos wächst und schwillt,
Dass sie an tausend Enden überquillt?

              Übers. Hans Grasberger Projekt Gutenberg)

Am Meer erneut griechische Mythologie und am späten Abend Pindars zweite Olympische Ode. Die Friedensgöttin (Eirene) ist einer der Horen, neben Dike und Tyche. Der friedenssichernde und friedenserhaltende Gott ist vor allem der theos soter. Das Glück schickt uns schicksalhaft die Gottheit:
ὅταν θεοῦ Μοῖρα πέμπῃ (hotan theou Moira pempe) (Pindar, Olymp. 2, 19-22)

[...] τῶν δὲ πεπραγμένων 
ἐν δίκᾳ τε καὶ παρὰ δίκαν, ἀποίητον οὐδ᾽ ἂν
χρόνος ὁ πάντων πατὴρ δύναιτο θέμεν ἔργων τέλος:
λάθα δὲ πότμῳ σὺν εὐδαίμονι γένοιτ᾽ ἄν.
ἐσλῶν γὰρ ὑπὸ χαρμάτων πῆμα θνάσκει
παλίγκοτον δαμασθέν,

ὅταν θεοῦ Μοῖρα πέμπῃ
ἀνεκὰς ὄλβον ὑψηλόν.


[...] When deeds have been accomplished,
whether justly or contrary to justice,
not even Time the father of all things could undo the outcome.
But forgetfulness may come, with favorable fortune.
Under the power of noble joys, malignant pain
is subdued and dies,

whenever god-sent Fate
lifts prosperity on high
.

Odes. Pindar. Übers. Diane Arnson Svarlien 1990.


[...] Was an Taten geschah,
Sei's mit Recht, sei's widerrechtlich, ungetan könnte auch nicht
Chronos, von allem der Va-
ter, machen Tun und Ausgang des Tuns.
Vergessen käme bei glückhaftem Schicksal wohl nur.
Denn edle Freuden wirken, daß Leid dahinstirbt,
Noch grollend, doch bewältigt,

Wenn eines Gotts Weisung sendet
Des Lebens Glück zum Gipfel.

Pindar: Siegesgesänge und Fragmente, hrsg. u. übers. O. Werner, München, S. 21.

Überlegungen am Meer: Das Gemeinsame an uns Menschen: daß wir wissen, daß wir zeitlich, leiblich, räumlich usw. sind.


Sonntag


Die Welt der Etrusker erfüllte heute unser Leben. Zunächst das Museum von Tarquinia mit den Skulpturen,

Tarquinia Museum
The winged horses relief which decorated the pediment of the Ara della Regina temple
Museo Archeologico Nazionale Tarquiniensi (Palazzo Vitelleschi)

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Tarquinia_National_Museum


den griechischen Vasen von seltener Schönheit, den etruskischen Vasen und dem feinen Goldschmuck.
Anschließend besuchten wir vier Gräber der Nekropole von Tarquinia. Die Wandmalereien mit ihren kräftigen Farben und einfachen Formen vermitteln einen unvergeßlichen Eindruck der Lebensfreude dieses Volkes.

Tarquinia
Tomba  di Triclinio

Museo Archeologico Nazionale Tarquiniensi, Palazzo Vitelleschi.


Die Nekropole von Norchia überbietet aber, mitten in einer grandiosen Landschaft, alles was man sich über das Leben und den Tod dieses Volkes vorstellen kann. Die Abgeschiedenheit dieses Ortes, seine Stille, als ob es gestern verlassen worden wäre, seine Altäre, Treppen und Gräber, die Erfahrung des Todes als etwas zum Leben Gehörendes, Heiliges, die Feierlichkeiten am offenen Himmel, die Prozessionen, Riten, Tänze und Gesänge, die Anmut des Meisters, der die schmale Treppe mit ihren hohen und steilen Stufen hinaufsteigt

Norchia
Norchia: Necropoli

Es ist fast alles so unvorstellbar und doch so nah. Was bedeutete der Tod für die Etrusker? War diese Erfahrung die Quelle ihrer Kultur? Kann es Kultur ohne Respekt vor dem Tod geben? Wissen wir noch, daß wir im Grunde und vor allem sterblich sind? Zum Tod gehört auch das Andenken der Toten und das Gefühl ein Leben zu leben, das des Todes würdig ist.

Fahrt nach Viterbo, Tuscania und Vulci, wo wir erneut eine reiche Sammlung von etruskischen Vasen bewundern konnten.


Punta Ala

Seit zwei Tagen im Hotel Cala del Porto. Seit einigen Stunden regnet es kräftig. Es ist nicht leicht, mit der feinen Atmosphäre des Hotels fertig zu werden. Auch solche Hotels haben ihr Leben, d.h. ihre Entstehung, ihre Glanzzeit und ihren Abgang. Wir erleben zweifellos ein Stück Glanz. Die Einrichtung 'Hotel' ist eine merkwürdige Angelegenheit, mit ihren Riten und Zeremonien. Ist der Mensch am fruchtbarsten in der Schaffung von Riten? Besteht unser Leben nicht aus Riten? Es läßt sich auch anders nicht bewältigen und diejenigen, die mit ihm besser fertig werden sind die, die sich immer wieder, immer neue, kurz- und langlebige Riten zu schaffen wissen.

Heute über die Lebensgewohnheiten der Götter gelesen: Ihre Gangart, ihre Kleidung, ihre Wohnungen, ihre Sprache, ihr (bedingtes) Wissen, ihre Speisen usw. vor allem aber ihr menschliches Aussehen. Ist das Göttliche nicht das Ritenhafte in seiner höchsten Form, vom Gipfel aus?

ὡς δ᾽ ὅτ᾽ ἀφ᾽ ὑψηλῆς κορυφῆς ὄρεος μεγάλοιο
κινήσῃ πυκινὴν νεφέλην στεροπηγερέτα Ζεύς,
ἔκ τ᾽ ἔφανεν πᾶσαι σκοπιαὶ καὶ πρώονες ἄκροι
καὶ νάπαι, οὐρανόθεν δ᾽ ἄρ᾽ ὑπερράγη ἄσπετος αἰθήρ,
ὣς Δαναοὶ νηῶν μὲν ἀπωσάμενοι δήϊον πῦρ
τυτθὸν ἀνέπνευσαν, πολέμου δ᾽ οὐ γίγνετ᾽ ἐρωή:
(Ilias XVI, 297-302)

Und wie wenn von dem hohen Gipfel eines großen Berges
Fortbewegt eine dichte Wolke der Blitzesammler Zeus,
Und sichtbar werden alle Klippen und vorspringenden Gipfel
Und die Schluchten, und vom Himmel herein bricht der unendliche Äther:
So atmeten die Danaer, fortstoßend von den Schiffen das feindliche Feuer,
Ein wenig auf, doch es gab kein Nachlassen des Kampfes.

(Ilias XVI, 297-302, Übers. W. Schadewaldt)

Ich las Horaz' Brief an Bullatius (Epist. I, 11), einen reichen Römer, der Zerstreuung mit Reisen suchte:
    Quid tibi visa Cios, Bullati, notaque Lesbos,
quid concinna Samos, quid Croesi regia Sardis,

Zmyrna quid et Colophon, maiora minorane fama?
cunctane prae campo et Tiberino flumine sordent?
an venit in Votum Attalicis ex urbibus una?
an Lebedum laudas odio maris atque viarum?
'scis, Lebedus quid sit: Gabiis desertior atque
Fidenis vicus; tamen illic vivere vellem
oblitusque meorum, obliviscendus et illis,
Neptunum procul e trerra spectare furentem.'

    sed neque qui Capua Romam petit, imbre lutoque
adspersus volet in caupona vivere; nec qui
frigus collegit, fumos et balnea laudat
ut fortunatam plene praestantia vitam;
nec si te validus iactaverit Auster in alto,
idcirco navem trans Aegaeum mare vendas.
incolumi Rhodos et Mytilene pulchra facit quod
paenula solstitio, campestre nivalibus auris,
per brumam Tiberis, Sextili mense caminus.
dum licet ac voltum servat Fortuna benignum,
Romae laudetur Samos et Chios et Rhodos absens.

    tu quamcumque deus tibi fortunaverit horam
grata sume manu neu dulcia differ in annum,
ut quocumque loco fueris, vixisse libenter
te dicas: nam si ratio et prudentia curas,
non locus effusi late maris arbiter aufert,
caelum, non animum mutant, qui trans mare currunt.
strenua nos exercet inertia: navibus atque
quadrigis petimus bene vivere, quod petis, hic est,
est Ulubris, animus si te non deficit aequus.


Lieber Bullatius! Wie hat Chios dich angemutet und das gefeierte Lesbos? Du sahst das elegante Samos und Krösus' königliche Stadt Sardes, du sahst Smyrna und Kolophon: war ihre Pracht noch größer als ihr Ruf? War sie geringer? Müssen sie insgesamt verbleichen vor Marsfeld und Tiberstrom? Ist etwa in Attalus' Reiche die Stadt, die deine Wünsche weckt? Oder lobst du dir ein Lebedos, im Überdruß der Seefahrt und der Landstraßen? "Du weißt, was Lebedos ist: ein kleines Nest, verlassener als Gabii und Fidenä. Gleichwohl könnte es mich reizen, dort zu leben: vergessend diese meine Welt, und bald auch ihr ein Vergessener, wollte ich dem Toben Neptuns vom sicheren Ufer zuschaun."

Doch nein! Wer von Capua nach Rom unterwegs ist, will, wenn er durchnäßt und kotbespritzt einkehrte, dann doch nicht sein ganzes Leben in der Herberge verbringen; wer durchfroren ist, lobt sich Heizung und warmes Bad, doch nicht als volle Bürgschaften für das Glück des Daseins; und hat dich auf ägäischer Flut ein kräftiger Süd geschaukelt, magst du schwerlich darum drüben dein Schiff verkaufen. Wem nichts fehlt, dem tut das schöne Rhodos, das schöne Mytilene so wohl wie der Pelz im Hochsommer, wie bei Schneeschauern der Lendenschurz, wie ein Bad im Tiber um die Jahreswende und im August der Ofen. Solange der Zeiten Gunst und Fortunas heitre Miene dauert, kann man in Rom bleiben, kann man Samos, Chios, Rhodos aus der Ferne anschwärmen.

Mein Freund, wenn Gott dir eine gute Stunde beschert, nimm sie mit dankbarer Hand; und verschiebe das Genießen nicht auf nächstes Jahr: so knüpft an jeden Aufenthalt sich dir ein froher Lebensinhalt. Bleibt es wahr, daß nur weiser, kluger Sinn die Sorgen bannt, nicht ein Ort mit beherrschendem Blick über Meeresbreiten, so kann, wer Meere durcheilt, wohl den Himmelsstrich wechseln, doch nicht der Seele Stimmung. Was uns plagt, ist die Unrast ohne Tatkraft: mit Schnellseglern und Vierspännern jagen wir dem Lebensglücke nach. Das gesuchte Glück ist hier zu haben und ist zu haben im elenden Ulubrä, – bleibt unbeirrt dir nur der Seele Gleichmaß.

Horaz, Sämtliche Werke, München 1979; Epistulae, I, 11. Übers. von Hans Färber und Wilhelm Schöne.



Horaz Ode zum "Neptunfest" (Carmina III, 28): Der ältere Wein, vom Lyde gereicht, am Nachmittag, beim Anblick des untergehenden Sonnengottes, den Wechselgesang von Neptun und Aphrodite preisend, die Erinnerung an den Kynthosberg auf Delos, an die Kykladen, an Knydos bis zum Schluß, d.h. bis zum leisesten Ende des Gesanges, daß mit dem Ende des Tages in Einklang tönt

Summo carmine, quae Cnidon
    Fulgentisque tenet Cycladas et Paphon
Iunctis visit oloribus
    Dicetur merita Nox quoque nenia


Venus feire das höchste Lied:
    Cnidus ist ihr Bereich und der Kykladen Pracht,
Paphos Ziel ihres Schwangespanns.
    Lob erklinge zum Schluß, wie sich's gebührt, der Nacht.

Horaz, Sämtliche Werke, München 1979; Carmina III, 28. Übers. von Hans Färber.

Warum glaubt man, der Atheismus sei eine moderne Erscheinung, ein Produkt naturwissenschaftlicher Erkenntnis? Die Diskussion in der Antike (Plato, Nomoi X) scheint mir viel lebendiger und an Kritik läßt sie nichts zu wünschen übrig.
Der problematische Zusammenhang: Mensch-Gott-Weltverlauf. Die Vorstellung einer umfassenden anonymen Gewalt (Moira) kommt unserem heutigen Denken sehr nahe. Die Griechen dachten ihre Götter von der Sterblichkeit her. Warum den Gott von der Unwandelbarkeit her denken? Hölderlin: denn Wandeln ist die Sprache der Götter, metamorphosis theon. Ist dann das Zeitliche göttlich? Ist Unbeweglichkeit ein Mangel?

Bei Heidegger: Das Mitwollen des Seienden, das uns im Wesen bestimmt und durchstimmt, auf daß es das Bestimmende sei, das es ist. Und ferner: Auch die naturwissenschaftliche Naturerklärung ist ein Dichten, in der Art des Rechnens und Planens. Wir können nicht nicht-dichterisch auf der Erde wohnen. Es kommt darauf an, in welchem Zusammenhang das jeweils Gedichtete verdichtet wird.


Freitag

Weizsäcker nennt die Wissenschaft die Religion unserer Zeit. Wissenschaft darf aber nie an die Stelle der Religion treten (auch W. Meinung). In einer Zeit des technischen Rituals, müssen wir eine Ethik der Technik entwickeln. Weizsäcker: Das Wesen des Menschen ist weniger einfach als die mathematischen Theorien über die Planetenbewegungen.


Samstag

Heute erneut bei Weizsäcker. Mit der "Tragweite der Wissenschaft" verhält es sich also so, daß sie höchst zweideutig ist. Inwiefern? Indem sie den Menschen zum Glauben verführt. Wir können sie voll annehmen aber sie ist nicht die volle Wahrheit.
Worin besteht die Ambivalenz der Wissenschaft? Darin, daß sie unser Weltbild säkularisiert uns aber zum Glauben an sie verführt.
Ist aber in dieser ganzen Diskussion nicht ein grundlegendes Mißverständnis? Wissenschaft und Gottesfrage könnten und sollten nicht miteinander verwechselt werden. War es nicht ein Fehler der Wissenschaft, daß sie gegen etwas kämpfte, dass nicht in ihrem Bereich gehört? und umgekehrt?
Ist nicht Wissenschaft eine mögliche Haltung des Menschen sich im Sein einzurichten? Wieso würde z.B. das Messen und Wiegen eines Tisches die Bedeutung dieses Tisches erschöpfen? Was für einen Sinn hat es zu sagen, der Tisch ist so und so breit, hoch, usw. und sonst nichts? Der Mensch.... und sonst nichts. Wieso sind wir berechtigt, Sinngrenzen zu ziehen?

Zweideutiges bei Weizsäcker:
- Der Mensch ist endlich
- Er sieht keinen biochemischen Grund, warum wir nicht unbegrenzt leben könnten
- Die Welt (Universum) ist endlich.

Richtig: der heutige wissenschaftliche Dogmatismus ist ein Dogmatismus der wissenschaftlichen Methode. In meiner Sprache: Szientifizismus im Gegensatz zum alten Szientismus: Verabsolutierung der Inhalte. Im Ganzen finde ich W. wässrig.


Sonntag

Heute morgen: Heidegger und Hölderlin über das dichterische Grüßen als Steigerung des bloßen und des echten Grüßens. Der Begrüßende meldet sich im Gruß, er berichtet nie etwas über sich.

Am Meer Andenken an den schönen Vers der Penelope:

Penelope
Statue von Penelope im Vatikan
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Penelope_(Mythologie)

μή μοι, Ὀδυσσεῦ, σκύζευ, ἐπεὶ τά περ ἄλλα μάλιστα
ἀνθρώπων πέπνυσο: θεοὶ δ᾽ ὤπαζον ὀϊζύν,
οἳ νῶϊν ἀγάσαντο παρ᾽ ἀλλήλοισι μένοντε
ἥβης ταρπῆναι καὶ γήραος οὐδὸν ἱκέσθαι.
(Od. XXXIII, 209-212)

Sei mir nicht bös', Odysseus! Du warst ja immer ein guter
und verständiger Mann! Die Götter gaben uns Elend;
Denn zu gross war das Glück, das wir beisamen in Eintracht
Unsere Jugend genössen und sanft dem Alter uns nahten!
(Vossische Übers.)

Das Ideal des glücklichen Lebens wurde Penelope und Odysseus von den neidischen Göttern nicht gegönnt.

Die 4. Olympische Ode für Psaumis von Kamarina, Sieger mit dem Wagen (Maultiergespann) ist ein Kleinod. Verweilen beim Vers 13-14:

[...] θεὸς εὔφρων
εἴη λοιπαῖς εὐχαῖς:

Möge ein Gott gutheißen
künftige Wünsche.

Was das Menschsein alles an Wünschen umfaßt. Hat jemand an einer Euchetik gearbeitet?

Zweites Verweilen. Dem Gedicht liegt die Frage: 'Wie kann ich wissen, was ein Mensch leisten kann?' zugrunde. Vorurteil der Lemnischen Weiber: Nach dem Aussehen (graue Haare: "Mit Lüge nicht färb ich mein Wort") war Psaumis nicht kräftig und siegreich. Demgegenüber: "Ausdauer, der Sterblichen Prüfung":

οὐ ψεύδεϊ τέγξω λόγον: 
διάπειρά τοι βροτῶν ἔλεγχος: 

ἅπερ Κλυμένοιο παῖδα 
Λαμνιάδων γυναικῶν 
ἔλυσεν ἐξ ἀτιμίας.
χαλκέοισι δ᾽ ἐν ἔντεσι νικῶν δρόμον 
ἔειπεν Ὑψιπυλείᾳ μετὰ στέφανον ἰών: 
‘ οὗτος ἐγὼ ταχυτᾶτι: 
χεῖρες δὲ καὶ ἦτορ ἴσον. 
φύονται δὲ καὶ νέοις ἐν ἀνδράσιν 
πολιαὶ θαμὰ καὶ παρὰ τὸν ἁλικίας 
ἐοικότα χρόνον.’
(V. 29-42)

Mit Lüge nicht färbe ich mein Wort;
Ausdauer, der Sterblichen Prüfung

Auch Klymenos' Sohn hat sie von
Lemnischeer Weiber
spottlustigem Schmähwort freigemacht:
"Ich bin am Ziel, weil ich schnell war;
Sind Arme und Herz doch gleich stark.
Es sprießt jungen Männern auch
In grauer Farbe das Haar
Des öfteren noch vor des dafür gemäßen Lebensalters Zeit."

I will not stain my words with lies;
Perseverance is what puts men to the test,

and what saved the son of Clymenus
from the contempt of the Lemnian women.

He won the foot race in bronze armor,
and said to Hypsipyle as he went to take the garland:
“Such is my swiftness; [25]
and I have hands and heart to match.
Even on young men gray hair often grows,
even before the expected age."

Übers. Diane Arnson Svalien

Das ist die "süße Botschaft" (
ἀγγελίαν γλυκεῖαν) der Ode.

Montag

Heute morgen las ich Horaz Ode an Mäcenas (III, xxix, 29-49)
:

Prudens futuri temporis exitum
Caliginosa nocte premit deus
    Ridetque, si mortalis ultra
        Fas trepidat. Quod adest memento

Conponere aequus: cetere fluminis
Ritu feruntur; nunc medio alveo
    Cum pace delabentis Etrucusm
        In mare, nunc lapides adesos

Stirpisque raptas et pecus et domos
Volventis una, non sine montium
    Clamore vicinaeque silvae,
        Cum fera diluvies quietos

Inritat amnis.
Ille potens sui
Laestusque deget, cui licet in diem
    Dixisse: 'Vixi': cras vel atra
        Nube polum pater occupato

Vel sole puro; non tamen inritum
Quodcumque retro est efficiet neque
    Diffinget infectumque reddet,
        Quod fugiens semel hora vexit.


Wohlweislich hüllt der kommenden Zeiten Lauf
In undurchdringbar Dunkel der Gott uns ein
    Und lacht, wenn mehr als recht ein Sohn der
        Erde sich ängtet. Was da ist, nütze

Zufriednen Sinns: Das andere kommt und geht
Dem Strome gleich, der heut in des Bettes Schoß
    Stillfriedlich zum Etruskermeere
        Hinwallt und morgen zerfressne Felsen,

Entwurzelt Holz samt Herden und Hütten wild
Mit sich dahinwälzt, daß die Gebirge, daß
    Die Wälder rings lautdröhnend hallen,
        Wenn aus der Ruhe die Flut, die wilde,

Die Wasser aufreizt. Glücklich, ein freier Mann
Ist der allein, der täglich sich sagen darf:
    "Ich hab' gelebt": ob schwarze Wolken
       Morgen der Vater am Pol heraufführt,

Ob Sonnenschein, nie kann er vereiteln, was
Dahinten liegt, und nimmer gestaltet er
    Das um und macht das ungeschehen, was
       Fliehend die Stunde einmal entführt hat.

Horaz, a.a.O. Übers. Hans Färber.

Die Stimmung des "carpe diem" hängt mit dieser Erfahrung der Zeit zusammen:

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi
Finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
Temptaris numeros. Ut melius, quidquid erit, pati,
Seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
Quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum. Sapias: vina liques et spatio brevi
Spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
Aetas: carpe diem quam minimum credula postero.

O Leukonoe, so forsche doch nicht Sünde ja ist es – wann
Mir die Götter das Ziel setzen, wann dir! Laß astrologische
Rechenkünste! Wie viel besser, man trägt, wie es auch fällt, sein Los,
Ob der Winter noch mehr Juppiter schenkt, ob es der letzte sei,
Der das tuskische Meer dort an des Strands hemmendem Felsgeklüft
Müdpeitscht. Zeige dich klug: kläre den Wein, stelle der Hoffnung Flug
Auf das Heute nur ein! Neidisch entflieht, während du sprichst, die Zeit;
Schenk dem kommenden Tag nimmer Vertraun, koste den Augenblick!

Horaz, a.a.O. Carmina I, xi.


Gleichzeitig und als Gegengewicht besingt Horaz den relativen Sieg über die Vergänglichkeit ("monumentum aere perennius", "non omnis moriar") durch das dichterische Schaffen:

Exegi monumentum aere perennius
Regalique situ pyramidum altius,
Quod non imber edax, non aquilo impotens
Possit diruere aut innumerabilis

Annorum series et fuga temporum.
Non omnis moriar multaque pars mei
Vitabit Libitinam: usque ego postera
Crescam laude recens, dum Capitolium

Scandet cum tacita virgine pontifex.
Dicar, qua violens obstrepit Aufidus
Et qua pauper aquae Daunus agrestium
Regnavit populorum, ex humili potens,

Princeps Aeolium carmen ad Italos
Deduxisse modos. Sume superbiam
Quaesitam meritis et mihi Delphica
Lauro cinge volens, Melpomene, comam.


Also schuf ich ein Mal dauernder noch als Erz,
Majestätischer als der Pyramiden Bau,
Das kein Regen zernagt, rasenden Nordes Wut
Nicht zu stürzen vermag, noch der Jahrhunderte

Unabsehbare Reihn oder der Zeiten Flucht.
Nein, ich sterbe nicht ganz, über das Grab hinaus
Bleibt mein edleres Ich; und in der Nachwelt noch
Wächst mein Name, so lang, als mit der schweigenden

Jungfrau zum Kapitol wandelt der Pontifex.
Wo der Aufidus wild braust und, an Quellen arm,
Einst ob ländlichem Volk Daunus geherrscht, von dort
Also sagt man dereinst schwang er sich auf vom Staub,

Er, der erste, der Roms Sange äolischer
Lyra Klänge verliehn. Nimm den erhabnen Preis,
Den mein Wirken verdient, winde, Melpomene,
Huldreich mir um das Haupt delphischen Lorbeerzweig!

Horaz, a.a.O. Carmina III, xxx.

Lehrreiches bei Heidegger. Beim Gedicht auf die sachlichen Verweise achten:
Ulme: Heimat
Mühle: Brot
Feigenbaum: Südliches Land
usw.
"Feiertage": Hinweis auf das (Braut-)Fest von Göttern und Menschen. Eigentliche Herkunft von Dichten und Denken? vgl. das Fest in der Antike (Burckhardt, S. 193). Plutarch: "Was die Menschen am meisten lieben sind Götterfeste". Im Fest sind wir vom Alltagstreiben befreit und wenden wir uns "to ontos noun" (Strabo) zu. Das Feiern des Göttlichen ist u.a. die mystische Bergung der Heiligtümer: So wie die Natur sich unserer Wahrnehmung entzieht, so entzieht sich auch das Göttliche. Hierin besteht die "Nachahmung der Natur", nicht in irgendeiner Kopie der Landschaft.

Anknüpfung an das Göttliche auch durch Musik, Tanz, Rhythmus. Kapitel über die eleusinischen Mysterien. Erinnerungen an die christliche Taufe. Das Christentum hat aber "das alte Bündnis" von Götterdienst und Lebensfreude gekündigt und zum Teil bekämpft. Grund für die Abneigung des heutigen Menschen bzw. für das Sichtentziehen des Gottes? Heidegger, in Anspielung an den biblischen David: Vor dem Gott der Philosophen kann man nicht tanzen usw.

Wie zu Zeiten des Atheisten Lucian die größten Tempel gebaut wurden, so auch in unserer Zeit äußerliches Wachstum religiöser Sekten u.dgl.

Warum befremden uns die Geschichten über die Kämpfe der Stadtgottheiten im Altertum und  nicht der Sieg des christlichen Gottes über die olympischen Götter? Auch der christliche Gott wird als unbesiegbar proklamiert. Will uns unsere Zeit nicht auch ihre Götter und Rituale (den technischen Fortschritt, die Wissenschaft) aufoktroyieren und uns vom mystischen christlichen Gott befreien? Werden wir aber vom Göttlichen überhaupt oder nur von einer einseitigen Erfahrung befreit? Kann das Christentum, bis hin zu seinem Ritual, "das alte Bündnis" anstreben? Wurde durch die Auseinandersetzung mit der Antike schon anfänglich etwas an der Lebensfreude Christi entstellt bzw. verschwiegen? Mir scheint, daß diese Auseinandersetzung heute, angesichts des modernen Atheismus, dramatische Formen annimmt. Mit einer Erneuerung der Liturgie ist es nicht getan.

Erneut die 4. Olympische Ode: Wissen wir noch was eine Hymne ist? Sind wir in der Lage einen Menschen hymnisch zu rühmen? Eckpfeiler des Ruhms:
Agon: dichterisch, gymnastisch
Gottesdienst
Städtegründung
und ihr Zusammenhang. Die Hymne, die lichtstrahlende, deren Eingang Pindar mit goldenen Säulen ausstattet.


Dienstag

Seit einigen Tagen fühle ich mich heimisch bei Pindar und Horaz, nach jahrelanger (bei Pindar) Beschäftigung. Es ist wie wenn man eine fremde Sprache plötzlich kann.

Heute Morgen erneut bei Heidegger und Hölderlin über das Fest als Zusammenkunft von Göttern und Menschen. Die schöne Stelle bei Heidegger, die die Seinserfahrung wachrief und auch das Andenken an Medard Boss:

"Denn das Feiern als Innehalten mit der Arbeit ist nämlich bereits Ansichhalten, ist Aufmerken, ist Fragen, ist Besinnung, ist Erwartung, ist der Überschritt in das wachere Ahnen des Wunders, des Wunders nämlich, daß überhaupt eine Welt um uns weltet, daß Seiendes ist und nicht vielmehr nichts, daß Dinge sind, und wir selbst inmitten ihrer sind, daß wir selbst sind und doch kaum wissen, wer wir sind, und kaum wissen, daß wir dies alles nicht wissen." (Martin Heidegger: Hölderlins Hymne "Andenken", Frankfurt a.M. 1982, GA 52, S. 64)

Meldet sich hier nicht die Möglichkeit einer Zusammenkunft zwischen den letzten Erfahrungen des Physikers und den ersten des Denkers? Als Physiker fragend stehen wir nicht immer schon vor dem Wunder des Seins? Hier liegt das Wesen der Physik. Wenn wir imstande wären, Bewußtsein im Reagenzglas zu produzieren und alles Leben und alle Freiheit aus den mechanischen Kräften zu erklären, stünden wir immer noch vor dem Wunder aller Wunder, das uns immer schon überholt hat.

Mittwoch: Annettes Geburtstag

Annette
 


Pindars Fragment 110 über das  "Abbild des Lebens" (αἰῶνος εἴδωλον) gelesen:

[...] schläft es gleich, wenn tätig die Glieder sind, zeigt's
doch Schlafenden in vielen Träumen
An, wenn für Frohes Entscheidung, wenn sie für Schlimmes sich naht.


Abschied von Punta Ala

Heute morgen: Das Vergangene und Zukünftige als das Unsichtbare aber nicht deshalb Unwirkliche. Im Gegenteil: Vielleicht sogar eine größere Wirkung und somit auch 'Wirklichkeit' als das gegenwärtig Wirkliche. Weil wirklich aber unsichtbar Sinnbild für das wesensmäßig Unsichtbare von dem aus jede Wirklichkeit, d.h. auch die des Vergangenen und Zukünftigen, erfahren wird.

Bei Burckhardt: Die Frage des Sektenhasses, der Ironie, des Zynismus, der üblen Nachrede... bei Künstlern, Philosophen, Politikern usw. Tugend der Unempfindlichkeit bei den Zynikern. Sokrates: ironisch, sich aber auch Einiges gefallen lassend. Aristophanes: ohne "Die Wolken" kein Sokrates Prozeß.

Ehre (τιμή, Anerkennung, Ansehen), Neid, Hohn, Rache... und über alles der Ruhm (δόξα, fama). Dieses Letzte als Gegenzug zum heutigen Streben nach Stellen und Geld. Wettbewerb: heute bloß im Geschäft. Vermeidung des Aufsehens (bloß das Ansehen). Aus diesem Grund also: Wenn Spott zu Tage tritt, kann das auch ein Zeichen von Neid bzw. indirekter Anerkennung sein.


Abbazia di Monte Oliveto Maggiore


Reisetag mit erfüllten Stunden. Höhepunkt: der Besuch der prachtvollen Benediktinerabtei Abbazia di Monte Oliveto Maggiore.


Abbazia Monte Oliveto
Abbazia di Monte Oliveto Maggiore (Siena)

Der wundervolle Kreuzgang mit den Wandmalereien aus der Renaissance (Sodoma, Riccio, Signorelli). Das erste Fresko an der Südseite mit den Bildnissen von Leonardo, Raffael usw.,

Oliveto Maggiore

 Das letzte Bild mit den Kurtisanen, die die Klosterbrüder zu verführen versuchen.

Abbazia Monte Oliveto
Abbazia di Monte Oliveto Maggiore: Le cortegiane tentatrici, Sodoma (1477-1549)

Farbenpracht und edle Männergestalten im Fresco von Signorelli: der Hl. Benedikt und König Totila.

Totila
Abbazia di Monte Oliveto Maggiore:S. Benedetto riconosce e accoglie il re Totila, Signorelli 1495.

Besuch der Bibliothek mit Werken von Aristoteles, der Apotheke, des Refektoriums. Das Letztere in Begleitung eines älteren Benediktinermönchs, der, im Gespräch mit seiner Schwester, wie Annette bemerkte, den seltenen Einklang von Diesseits und Jenseits zeigte.

Ein köstliches Mittagessen am Turm in einer von Licht überfluteten Landschaft, die uns seit unserer Abfahrt hinriß, krönte den Aufenthalt.

Annette


Pienza

Besuch des Palazzo Piccolomini. Der Übergang vom Warteraum in den Empfangsaal glich einem plötzlichen Wechsel von der Abenddämmerung zur Frühnachmittagssonne. Zwei Renaissancefenster ließen den Saal von den Strahlen durchglühen. Schöne Bibliothek mit päpstlichen Bullen, Enzyklopädie della Crusca und ein mehrbändiges Werk über berühmte italienische Familien.

Montepulciano

Montepulciano: schöner Blick vom Palazzo Comunale aus, der an den Palazzo Vecchio in Florenz erinnert. Am Schönsten: In malerischer Umgebung von Sangallo d.Ä. gebaute klassizistische Kirche San Biagio, an Palladios Villen erinnernd.

San Biagio

Anschließend Fahrt durch die Chianti-Gegend in Richtung Norden. Südlich von Siena scheint aber die Landschaft malerischer zu sein. Die kleinen Orte (Pianella, Radda usw.) sind nicht besonders sehenswert.


Florenz

Ankunft in Florenz am frühen Nachmittag. Besuch des Palazzo Vecchio, wo die restaurierte Primavera von Botticelli ausgestellt ist. Die Stadt bewahrt die Reinheit ihrer Formen trotz des wilden Durcheinanders von Menschen aller Nationalitäten. Schöner Blick in der Abendstimmung von den Boboli-Gärten aus. Die gelb-rosa Töne der Toscana bezauberten uns wieder einmal.

Florenz


Heute Morgen am Ufer des Arno: tabakfarbenes Wasser, Angler und Ruderboote.

Ponte Vecchio


Horaz beginnt das vierte Buch der Oden mit einem Lamento ("parce, precor, precor") über die Launen der Venus:

Intermissa, Venus, diu
    Rursus bella moves? Parce, precor, precor.
Non sum qualis eram bonae
    Sub regno Cinarae: desine, dulcium

Mater saeva Cupiditum,
    Circa lustra decem flectere mollibus
Iam durum imperiis; abi,
    Quo blandae iuvenum te revocant preces.

Rufst du, Venus, nach langer Rast
    Mich aufs neue zum Kampf? Schone, o schone mein!
Bin nicht mehr, was ich unter der
    Guten Cinara war: laß es, des wonnigen

Amor grausame Mutter, doch,
    Mich zu beugen, zu hart bin ich für weichen Zwang,
Fünfzig Lenze schon quälst du mich;
    Geh und folge dem Flehn schmeichelnder Jünglinge!

Horaz, a.a.O. Carmina IV, 1


Fiesole, Settignano und Parma

Wir verlassen Florenz und besuchen Fiesole: das römische Theater und die sonstigen lieblichen Ruinen, das Museum mit dem Dionysos-Torso und den Marmor-Reliefs. Anschließend Besuch der Kathedrale mit den Triptychen und den antiken Kapitellen. Oben, das zierliche Kloster S. Francesco mit den kleinen Zellen und dem Kreuzgang mit roten und gelben Blumen überfüllt.

Fahrt nach Settignano: Liebliche Landschaft, immer zum Verweilen einladend. Besuch der Villa La Petraia. Die innere Pracht der Medici (Ess- und Spielsaal, Gemächer) nach außen: scheu, nur wegen der erhöhten Lage und des Vorgartens hervortretend. Mit einem Wort, la grandezza des fürstlichen Lebens in der Renaissance.

Abend in Parma. Besichtigung des rosaroten Baptisteriums und des Doms. Stadtbummel. Ich kaufe: Alessandro Manzoni: I promessi sposi, Aulo Persio Flacco: Satire und Giambattista Vico: Opere Filosofiche.



Für R.F.

Wie wenn in Jugendtagen der Gott
uns nahe kommt und verrückt
und Begeisterung erfüllt die Hallen
und Gespräch wird zu Gesang,
Tage und Nächte erfüllend,
vom gemeinsamen Ursprung, die Sage,

so der helläugige Dichter
als er war unter uns,
und ein Herz wurde
und die Sonne des Morgenlandes
uns Abendländische traf,
daß wir gemeinsamen Bund besingen.


Securitas

Wo sind, o Göttin, Deine Werke,
wo das Fundament Deines Tempels,
daß wir die leuchtenden Säulen
errichten: für die Besten und für
den Platz und für das Wunder
aller Wunder, auf sicherem Pfade.

Tagewesen sind wir und hoffen
wie wenn Segel sich spannen
vom Fahrtwind erfüllt, das Fremde
suchend, die Spur vergessend,
ahnungslos, den kostbaren Schatten tragend.
Wir aber gehören dem alten Lied.

Wenn kosmische Kräfte entbunden,
und Menschentage wie Schicksale sind,
und Gespräch zu Gesang wird,
dann, o Göttin, sicherst Du Wege
der Hoffnung, Deine Hallen erfüllend,
und Sterne, wie Hymnen, rühmen Dich
O Natur!


Letztes update: 26. October 2015


 
 
     

Copyright © 2015 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.
 

 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio