GEDICHTET 

Rafael Capurro
  


  
Der Verfasser verdankt der langjährigen Freundschaft mit Rudolf Fahrner (1903-1988) Einblicke in das Wesen des Dichtens.


 
  

Nah ist die heimat

Bearbeitung R.F.


Nah ist die heimat
Unfaßbar, ihr geist
Verspricht sich in tausend
Tönen und irre
Wandelt der mensch die pfade
Und horcht auf die kühlenden winde,
Die, in heiligen nächten,
Das reinigende, seligmachende
Dir, Mutter Erde, verkünden.

Der unnahbare wäscht
Sein gesicht in alles durchdringendem
Licht und rotfeurige
Blumen blenden
Die augen der suchenden.
Im tagesschein aber
Wird aus zukünftigem
Andenken, und frohen sinnes
Findet der geist die sprache

Der zeit, auf deren breiten
Flügeln, wie auf mächtigem
Adler, in langsam aufsteigendem
Flug, er Dich,
Mutter Erde, grüßt und Deine
Offenen räume sicheren
Sinnes durchwandelt,
Wie ein dunkelleuchtender
Stern, dem nachzugehen

Uns, heutigen, wie traum
Aus vergangenen zeiten erscheint.
Wächst aber, aus der ferne,
Uns den lernenden,
Heilig betrunkenen,
In mittagshitze oder
Am nachtleuchtenden himmel,
Der menschenbildende tag
Aus unerschöpflicher quelle

Springend, dann bringt er Dir
Das heil, das nötigste:
Offener menschengeist spricht
Aus Dir, Mutter Erde,
Land der Musen,
Rotgefärbtes,
Die heiligen verhältnisse
Aus der wonne Deines wesens,
Heimatlich bindend.


 
 
 

Aegina

Wenn in morgenfrische
Duftendes grün im zarten
Hellen licht glänzt,
Ahnt der wanderer nicht
Das spenden von schatten
Und des wassers
Durststillende gastlichkeit

Aus nächtlicher stille
Vom schrillen gesang angekündigtes,
Geht in reichlich erfülltem versprechen
Das kind des tages hervor.
Es kennt die sorge
Die mühevolle nicht,
Unschuldig erblickt es

Die wege der menschen,
Der vielschaffenden,
Und die von den musen
Erdichteten taten
Und die alles durchdringende weisheit.
Sie alle schöpfen aus ihm
Nachdem sie vom schlafe geküsst.

In der mittagshitze
Erfährt der wanderer
Das unscheinbare wunder
Und sprachlos schaut er umher
Nimmt am gebenden teil.
Zwischen den bergen
Leuchtet das meer.


 

  

Die Alpen

für R.F.

Kristallenes Wasser,
stilles Ereignis:
für sich rauschend,
für sich tauend,
ohne Warum.

Was i s t?
Armut des Messens,
Wahsinn des Menschen,
Reichtum des Seins.

Zuspruch der Dinge:
unausgesprochen, zart.
Majestätische Berge,
heimische Täler.

Armut und Reichtum,
Wahn-Sinn des Menschen,
Stilles Ereignis,
Gabe der Sprache.



 
  

Zohair

(Fragment)


Bearbeitung R.F.


Dies singen des noch nicht gesungenen, denken
Des unbedachten gibt uns winke hin
Zum bleibenden geheimnis und zum spiel
Zum heiligen in das wir immer zwischen
Enthüllt-verborgen durch die atmende
Membrane eingelassen sind. Denn nicht
Sind unser singen, denken, wie du sagst
Von uns allein. Sie sind uns zubestimmt
Sind das erwidern unserer irdischen seelen
Auf eine grössere: unser sein im sein.
Wir machens nicht. Das welten wesen selbst
Ist's was da mitsingt, denkt, und geheim
Bleibend uns in seine nähe lädt.



 
   
  

Aufklärung

Einmal sah ich ein Licht
dann war es verdunkelt.
Einmal kannt' ich eine Pflicht,
Jetzt gibt es kein Dunkel.

Wozu dient Dein Licht?
wurde ich also gefragt,
Kannst Du etwas Neues sehen,
das Du nicht gesehen hast?

Ich konnte nicht verstehen,
was für eine Frage war's.
Mußte mein Licht anzünden
und stellte die Klarheit dar.

  


    

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