Zuerst erschienen in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur 4 (1993) Heft 3, S. 522-524, als Kritik zum Hauptartikel von Axel Bühler: Der hermeneutische Intentionalismus als Konzeption von den Zielen der Interpretation. |
PLÄDOYER
FÜR EINE
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Plädoyer für eine artifizielle Hermeneutik((1))
Was hat Axel Bühler mit seinem Aufsatz "Der hermeneutische
Intentionalismus
als Konzeption von den Zielen der Interpretation" sagen wollen? Sagen
"wollen"
((4)) wohlgemerkt, denn, was er tatsächlich gesagt bzw. geschrieben
hat, das sind diese acht gedruckten Seiten. Wenn wir aber versuchen
herauszubekommen,
was Herr Bühler hat sagen "wollen", dann stehen wir
offenbar
nicht bloß, wie Herr Bühler schreibt und vielleicht auch
sagen
will, vor einem "Erkenntnisproblem", sondern ebensosehr vor einem
Willensproblem.
Ich schreibe 'vielleicht', weil es ja sein kann, daß Herr
Bühler
tatsächlich die Absicht gehabt hat, zwischen "Absichten" und
"Gedanken"
zu unterscheiden, was aber wiederum fragwürdig erscheint, da er
ein
"bzw." zwischen "sagen wollen" und "welche Gedanken sie
ausdrücken"
einschiebt ((4)). Unmittelbar darauf trennt Herr Bühler die
"Gedanken"
des Autors von den "Verwendungen" durch den Leser. Die Frage ist aber,
ob eine solche Trennung möglich ist, wenn wir tatsächlich
versuchen
herauszubekommen, was Herr Bühler mit diesem Aufsatz
hat
sagen wollen. Mit anderen Worten, es ist die Frage, ob Helmut die
kommunikative
Absicht: "Kannst du das Fenster schließen?" ((6)) überhaupt
verstehen kann, wenn er eine epoché der (seiner)
Verwendungsdimension
vollzieht. Hätte er gar keinen thematischen oder unthematischen
intentionalen
Willensbezug zum offenen Fenster und würde er keinem offenen und
unbestimmten
Handlungs- und Denkbereich aufgeschlossen sein, dann würde er auch
die (eine der) Absicht(en) dieser Äußerung nicht verstehen
können.
Ein Roboter (Herr Bühler spricht von "intelligenten Wesen" ((4)),
der z.B. der Willens- oder Absichtsdimension ermangelt, aber in der
Lage
ist, aufgrund von Symbolmanipulationen diese Frage zu 'prozessieren',
könnte
tatsächlich das Fenster schließen (und nicht bloß den
Gedanken 'verstehen'!), wenn man ihm (?!) vorher den situativen
Handlungshorizont
und die dazugehörenden Möglichkeiten eingegeben hätte.
Würde er das Fenster nicht schließen und immer sagen, er habe die Frage verstanden, dann würden wir denken, daß er die Frage wohl 'verstanden' aber 'eine andere Absicht hat', oder daß er eigentlich (!) die Frage nicht versteht, weil er eben bloß den Gedanken und nicht die damit verbundene Absicht versteht. In beiden Fällen hätten wir jedenfalls mit verschiedenen Bedeutungen des Wortes 'verstehen' zu tun, je nachdem, ob lediglich der propositionale Gehalt ('Fenster schließen') oder zugleich der illokutionäre Gebrauch (Bitte, Frage, Befehl) 'verstanden' wird. Vom Interpreten zu verlangen, daß sie/er Absichten verstehen soll, indem sie/er die eigene Verwendungsdimension ausschließt, kommt dem Versuch gleich, einen Gedanken zu verstehen, ohne sich dabei eigens (und Eigenes) zu denken. ((2))
Damit wären wir aber bei der Hermeneutik des 20. Jahrhunderts
angelangt,
die in der Tat, sowohl in ihren existentialontologischen als auch in
ihren
strukturalistischen Ausformungen den naiven Glauben an objektiven
Gedanken
und Absichten, die einem Subjekt zukommen sollen, radikal in Frage
stellt. Diese Radikalität läßt sich kaum in wenigen
Zeilen ausdiskutieren
((2)). Die Unzugänglichkeit der Autorenintentionen steht insofern
in Frage, als damit die Vorstellung einer von der Welt getrennten
"eingekapselten
Psyche" (M. Boss) (1)
verbunden ist. Vom Autoren und
Interpreten gemeinsamen "In-der-Welt-sein" her, stellen die intentiones
keineswegs ein sog. intramentales (oder gar innerzerebrales)
Phänomen
dar, sondern sie drücken die Spannung der Aufmerksamkeit, also ein
'Außer-sich-zum-anderen-hin-gehen' (in-tendere), aus. Um
also
die gedankenvollen Absichten und absichtsvollen Gedanken zu verstehen,
muß der Interpret nicht die Psyche des Autors eruieren,
sondern
er/sie muß sich selbst der Sache öffnen, die für den
Autor
Anlaß zum nach-denken war. Zu sagen, daß für die
philosophische
Hermeneutik es primär darum geht, "was wir mit dem Text, mit der
Rede
anfangen, wie wir sie in unserem Leben für uns und andere anwenden
wollen" ((2)), ist unzureichend. Die philosophische
Hermeneutik
will keineswegs Texte den beliebigen Zielen des Auslegers ausliefern.
Aber
der Satz drückt zugleich, wenngleich Herr Bühler das hat
vermutlich
nicht sagen wollen, daß Texte letztlich nur im "Leben" und aus
dem
"Leben" zu verstehen sind, wobei die Pointe der philosophischen
Hermeneutik
darin besteht, daß bei einer 'gelungenen' Interpretation sowohl
die
Identität als auch die Differenz meiner 'intentiones' zu denen des
Autors zum Ausdruck kommen, ja daß erst wenn diese
Identitäten
und Differenzen zum Ausdruck kommen, der Interpret (der auch 'immer
schon'
der Autor selbst ist!) davon ausgehen kann, daß er/sie etwas (!)
vom Text (seinem eigenen und dem des anderen) verstanden hat. Wenn dem
so ist, dann müßte 'man' vielleicht doch versuchen die
Hermeneutik
des 20. Jahrhunderts neu und anders zu lesen, um die darin enthaltenen
Gedanken und Absichten 'besser' zu verstehen als
((4))
Wie problematisch der Begriff des Autors ist, zeigt sich auch in
anderer
schon angedeuteten Hinsicht. Es ist, wie wir spätestens seit
Platon
wissen, die 'crux' einer jeden Texthermeneutik, daß der Urheber
abwesend
ist und die Schrift sich also nicht verteidigen kann. Nun ist das aber
strukturell nicht viel anders, wenn, wie in diesem Fall, Herr
Bühler
als Autor sich verteidigen und diese Bemerkungen als
Mißverständnisse
seiner Absichten und Gedanken in Frage stellen kann. Denn dabei
muß
Herr Bühler sich selbst fragen, was er eigentlich hat sagen
wollen und somit einen neuen Interpretationsprozeß in Gang
setzen,
der u.U. zu einem neuen Text führt, der wiederum... usw. Der Autor
Herr Bühler ist für sich selbst (!) ein
Interpretationsgegenstand.
Der Interpretationsprozeß endet also nicht irgendwo bei den
Gedanken
und Absichten 'des Autors'. Dieser ist keine "Psyche-Kapsel", sondern
er/sie
'ist' in der Welt, mit anderen, wird in eine Sprache 'geboren', die
bereits
seit Generationen mit Gedanken und Absichten geprägt wurde usw.
'Seine'
Gedanken und Absichten sind also auch (!) immer schon die
der
anderen. Ein Autor ist keine 'Substanz' (oder kein 'Subjekt'), dem/der
Eigenschaften, wie 'Gedanken' und 'Absichten', zukommen. Eine solche
zugleich
solipsistische und substantialistische Vorstellung scheint mir
dem
hermeneutischen Intentionalismus zugrunde zu liegen. ((5))
Problematisch scheint mir die zentrale Bedeutung des Begriffs 'Autor'
für
eine "Konzeption von den Zielen der Interpretation" in, wiederum,
anderer
Hinsicht, und zwar im Hinblick auf die artifizielle Sphäre der
Kommunikationstechnologien.
Herr Bühler reflektiert mit der technischen Folie des 18.
und
19. Jahrhunderts, d.h. er bezieht sich auf "Reden" und "geschriebene
Texte",
darunter z.B. "Zeitungsartikel" und "Bücher", gemeint sind also
gedruckte
Texte ((5)). Er spricht von "Kommunikation", läßt aber das
artifizielle
Medium, in dem sich Kommunikation in einer technischen Zivilisation
vorwiegend
vollzieht, außer acht. Ich schlage in diesem Zusammenhang den in
Anschluß an Heidegger gebildeten Begriff des
'Informations-Gestells'
vor, um die strukturelle und artifizielle Verselbständigung der
Informationssphäre
zu kennzeichnen (2). Wenige
Denker (darunter V. Flusser,
I. Illich und G. Anders) haben bisher die Konsequenzen für eine,
wie
man sie nennen könnte, artifizielle Hermeneutik zu ziehen
versucht.
Man muß aber bedenken, daß der Begriff des Autors
(singulare
tantum), bereits in der durch die Methodik der modernen
Naturwissenschaften
eingeführten Art des Verfassens und Mitteilens von Ergebnissen
(von
der Gruppenarbeit und der sog. grauen Literatur bis hin zu den
informellen
und zum Teil anonymisierten messages des electronic mail) die
vorwiegend
aus den Geisteswissenschaften herkommende Frage nach den Gedanken und
Absichten
eines (!) Autors fragwürdig wurde. Diese Frage klingt vielleicht
sinnvoll,
wenn man einen literarischen Text analysieren will - vorausgesetzt, man
will den Text als 'Wirkung' von den Absichten eines Autors analysieren,
und somit den Blick vom Text weg, zum 'Autor' (d.h. zur Fiktion eines
Autors
mit 'eigenen' Gedanken und Absichten!) hin wendet! Sie wird aber einem
Chemiker, der eine Patentschrift analysiert, kaum einleuchten, es sei
denn
er will eben die 'Hintergedanken', die zu dieser Erfindung geführt
haben, eruieren. Bedenkt man aber, daß
diese
Verwobenheit nicht nur aus Gesagtem und nicht (mehr) primär aus
Gedrucktem,
sondern aus einer sowohl mit dem Gesagten als auch mit dem Gedruckten
'interferierenden'
elektronisch-artifiziellen Informationssphäre besteht, dann wird
es
klar, daß die von Herrn Bühler anvisierten hermeneutischen
Ziele
sich im wahrsten Sinne des Wortes auf das 18. und 19. Jahrhundert
beziehen
(ohne dabei ebenfalls die artifizielle Gutenberg-Dimension zu
berücksichtigen).
Es ist dieser seit langem sich vollziehende Über-Gang der
Hermeneutik
in die Artifizialität der Informationstechnologien, der in eine
Konzeption
von den Zielen der Interpretation im 21. Jahrhundert hineingehört.
Wenn man in Bühlers Konzeption "das Leben" ausklammert, dann
gelangt
das "Besserverstehen" ((29)) in die Nähe einer hermeneutischen
Besserwisserei,
während eine hermeneutische Kernfrage, wie die nach dem
Zusammenhang
der Informationstechnologien (und der durch sie geformten
Mitteilungsformen)
mit den "Technologien des Selbst" (M. Foucault), ausgeklammert bleibt (4).
Anmerkungen(2) Vgl. v.Vf.: Leben im Informationszeitalter. Berlin 1995. Kap. 5 (3) Vgl. v.Vf.: Hermeneutik der Fachinformation. Freiburg/München 1986 (4) Vgl. v.Vf.: Informationstechnologien und Technologien des Selbst. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 40 (1992) 3, S. 293-304; ders.: Leben im Informationszeitalter, a.a.O. Kap. 2; ders.: Information Technologies and Technologies of the Self. (5) W. Hogrebe: Metaphysik und Mantik. Frankfurt 1992. |
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