hermeneutik


 
 
 
 
Auszüge aus meiner Habilitationsschrift an der Universität Stuttgart (1989):  Hermeneutik der Fachinformation Freiburg/München: Alber 1986. Venia legendi für Praktische Philosophie. Antrittsvorlesung: Ethik und Informatik.
 

 

INHALT

I. Umriß der Fragestellung  
I.1. Das Geschäft der Hermeneutik  
a) Zum Begriff des Vorverständnisses  
b) Zur theoretischen und praktischen Tragweite des Begriffs des  Vorverständnisses   
c) Die Metaphern von "Horizont", "Dreieck" und "Zirkel"   
d) Der systematische Ort einer Hermeneutik der Fachinformation 

I.2. Vorbegriff der Fachinformation   
a) Zum gegenwärtigen Selbstverständnis von Fachinformation in der Bundesrepublik   
b) Zum gegenwärtigen internationalen Selbstverständnis von Fachinformation   
c) Zum gegenwärtigen alltäglichen Selbstverständnis von Fachinformation 

I.3. Beiträge zur Hermeneutik der Fachinformation  
a) B. Langefors' "infologischer" Ansatz   
b) A. Diemers Informationshermeneutik   
c) N. Henrichs' semiotisch-hermeneutischer Ansatz   
d) Unthematische hermeneutische Reflexionsmomente in informations- wissenschaftlichen Ansätzen 
 

II.  Zur Grundlegung einer Hermeneutik der Fachinformation  
II.1. Zur Kritik erkenntnistheoretischer Modelle in der Informations- wissenschaft  
a) Zur Kritik des Abbild-Modells   
b) Zur Kritik des Sender-Kanal-Empfänger-Modells   
c) Zur Kritik des platonistischen Modells  

II.2. Hermeneutische Auslegung einiger Grundzüge des Mensch-seins    
a) Das Miteinandersein der Menschen in einer gemeinsamen Welt   
b) Der Grundzug der Mitteilung   
c) Der Praxis-Bezug und das Fragen 

II.3. Zur Konstitutionstheorie der Fachinformation  
a) Das Miteinandersein der Fachleute in einer gemeinsamen Welt: die Fachgemeinschaft   
b) Die fachliche Erschließung der Welt: das Fachgebiet   
c) Der fachliche Mitteilungsprozeß: die Fachkommunikation  

III. Zur Hermeneutik des Information Retrieval
III.1. Hermeneutische Fragen beim Aufbau von Datenbasen    
a) Das Vorverständnis der Fachklassifikation    
b) Das Vorverständnis der Indexierung       
c) Das Vorverständnis des Referierens   

III.2. Hermeneutische Fragen beim Retrieval  
a) Die hermeneutische Konstituion des Online-Dialogs    
b) Die "Search-and-Find"-Methode als ein hermeneutischer Prozeß    
c) Die Frage nach der Relevanz des Retrievalergebnisses  

III.3. Das Information Retrieval als Beitrag zur Sozialisation der Fachinformation  
a) Die Frage nach der Publizität der Fachinformation   
b) Die Frage nach der Humanisierung des Technikeinsatzes   
c) Die Frage nach den sozio-kulturellen Implikationen des Information Retrieval 

Ausblick

 
 
 
 

EINLEITUNG

"Die gegenwärtig modernste Methode zur Verarbeitung, Speicherung, Wiederfindung und Verbreitung von (schriftlich) fixierten Fachinformationen, nämlich das "Information Retrieval", wirft eine Reihe von Fragen auf, die in der philosophischen Diskussion unter die Rubrik "Hermeneutik" fallen.

Die Hermeneutik befaßt sich mit dem Verstehen und sie hat, bevor sie zu einer allgemeinen bzw. philosophischen Hermeneutik entwickelt wurde, diese Fragen in Zusammenhang mit der Interpretation von "klassischen" Texten (insbesondere theologischen, aber auch literarischen, juristischen usw.) eingehend thematisiert: aus den Fragen, die z.B. die Interpretation von juristischen Texten aufwarf, entwickelte sich eine juristische Hermeneutik usw. Von hier aus ist es verständlich, daß, wann immer die Auseinandersetzung mit dem schriftlich Fixierten im Mittelpunkt steht, eine dem jeweiligen Textinhalt entsprechende Hermeneutik entsteht, wobei es unwichtig ist, ob die behandelten hermeneutischen Fragen ausdrücklich unter diesem namen erörtert werden oder nicht.

Sammlung, Auswertung, Verarbeitung, Speicherung, Wiederfindung, Vermittlung und Nutzung von Fachinformationen weisen auf eine lange Geschichte hin, die aber nicht Gegenstand dieser Untersuchungen ist. Unser sogenanntes Informationszeitalter kann u.a. als solches mit Recht gekennzeichnet werden, nicht weil es so etwas wie Information oder Fachinformation in früheren Epochen nicht gab, sondern weil diese Sachverhalte in unserer Zeit besonders frag-würdig geworden sind. Der Verlust an Selbstverständlichkeit ist das Kennzeichen einer hermeneutischen, d.h. interpretationsbedürftigen Situation. Fachinfor- mation als hermeneutische Frage? Das betrifft die Frage nach ihrem Verstehen und unser Selbstverständnis.   

Wenn heute die Prozesse der Produktion, Vermittlung und Nutzung von Fachinformation sich in einem nicht nur technologischen Umbruch befinden, dann ist das nicht einem "blinden Fortschritt" zuzuschreiben (obwohl es in diesem Bereich an "Fortschrittsgläubigkeit" nicht mangelt), sondern einer (vermutlich sich lange anbahnenden) Änderung des Verhältnisses des Menschen zu diesem Sachverhalt. Worauf diese Änderung zurückzuführen ist, ist eine weitere hier nicht zu erörternde Frage. Worin diese Änderung besteht, sofern sie heute mit dem Begriff der Fachinformation zum Ausdruck kommt, kann vielleicht im Laufe der folgenden Untersuchungen deutlicher werden. In diesem Falle könnten wir auch mit der Fragwürdigkeit unseres Bezuges zur Sprache als Information besser fertig werden. Die Ausarbeitung dieses Bezuges seitens einer Hermeneutik der Fachinformation versteht sich als ein Beitrag dazu.

Der Gang dieser Untersuchungen kann folgendermaßen angedeutet werden: Im ersten Teil soll die Fragestellung umrissen weerden. Das erste Kapitel ist der Erörterung einiger hermeneutischer Grundbegriffe, die der gesamten Untersuchung zugrundeliegen, gewidmet. Im zweiten Kapitel soll ein Vorbegriff von Fachinformation, ausgehend von seinem gegenwärtigen Verständnis, dargelegt werden. Schließlich werden einige Beiträge zur Hermeneutik der Fachinformation analysiert.

Im zweiten Teil wird die Frage nach der Grundlegung einer Hermeneutik der Fachinformation behandelt. Die Tragweite des dargelegten Ansatzes wird zunächst durch die Auseinandersetzung mit in unserem Bereich vorherrschenden Modellen erprobt. Anschließend werden in Anknüpfung an die Ansätze von Martin Heidegger, Medard Boss und Hannah Arendt einige Grundzüge des Mensch-seins thematisiert. Anhand dieser hermeneutischen Auslegungen wird der Versuch unternommen, eine Konstitutionstheorie der Fachinformation zu erarbeiten.

Im dritten Teil schließlich werden jene hermeneutischen Fragen aufgeworfen, die sich in Zusammenhang mit dem Information Retrieval, d.h. mit der Speicherung und Wiedergewinnung von Fachinformationen aus dem Computer, stellen. Diese Beiträge zur Hermeneutik des Information Retrieval erfolgen vorwiegend am Beispiel der bibliographischen Datenbasen. Dabei wird auch die Tragweite unseres Ansatzes im Hinblick auf andere Möglichkeiten der elektronischen Informationsspeicherung und -wiedergewinnung zum Ausdruck kommen. Die Erörterung des Information Retrieval als Beitrag zur Sozialisation der Fachinformation beschließt diese Untersuchungen.

Der besondere Charakter einer Hermeneutik der Fachinformation, zu deren Kern zweifellos gegenwärtig die sich aus dem Information Retrieval ergebenden Fragen gehören, kann folgendermaßen hervorgehoben werden: Es geht um das Verstehen im Sinne einer Grundstruktur des Mensch-seins. Von hier aus soll der Zusammenhang der zwischenmenschlichen Kommunikation, insbesondere im Hinblick auf die Vermittlung von schriftlich fixiertem Wissen bzw. von Texten erläutert werden. Es geht also bei dieser Hermeneutik weder um das Verstehen von Naturerscheinungen noch von geschichtlichen Ereginissen. Ferner, und im Unterschied zu anderen Hermeneutiken, die sich auch mit dem Verstehen von Texten befassen und sich dabei z.B. auf ein bestimmtes Gebiet beschränken, geht es hier um fachliche Texte in einem umfassenden Sinne. Schließlich werden diese Texte, ihrem ursprünglichen Mitteilungscharakter entsprechend, als Fachinformation verstanden. Als besondere Problematik des Verstehens von Fachinformationen stellt sich hier nicht so sehr die Frage nach dem Verstehen von gedruckten Texten, wie es bisher die "Texthermeneutiken" getan haben, sondern die nach dem Verstehen von im Computer gespeicherten Fachinformationen. In unserer Darstellung werden wir exemplarisch auf die hermeneutischen Fragen, die sich im Falle von bibliographischen Datenbasen stellen, eingehen.

Die Schnittmengen aus diesen unterschiedlichen Sachverhalten bilden das Ziel und die Grenze dieser Untersuchungen." (S. 9-12)


 
 
  
 

I. UMRISS DER FRAGESTELLUNG

I.1. Das Geschäft der Hermeneutik   
I.2. Vorbegriff der Fachinformation
I.3. Beiträge zur Hermeneutik der Fachinformation
  
 
 
  
  

I.1. Das Geschäft der Hermeneutik

Vorbemerkung
a) Zum Begriff des Vorverständnisses   
b) Zur theoretischen und praktischen Tragweite des Begriffs des  Vorverständnisses   
c) Die Metaphern von "Horizont", "Dreieck" und "Zirkel"   
d) Der systematische Ort einer Hermeneutik der Fachinformation   

Vorbemerkung

"Zweck dieses Kapitels ist nicht eine ausführliche Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Forschung auf dem Gebiet der (philosophischen) Hermeneutik, sondern eine Einführung in den insbesondere für diese Untersuchungen zentralen Begriff des Vorverständnisses. Seine theoretische und praktische Tragweite soll angedeutet und einige damit zusammenhängende Metaphern sollen erläutert werden. Schließlich soll der systematische Ort einer Hermeneutik der Fachinformation dargestellt werden." (S. 13) 

a) Zum Begriff des Vorverständnisses 

"Wenn "Verstehen" nicht als Gegenbegriff zu "Handeln" aufgefaßt wird, bedeutet es, daß beide Begriff gleichursprünglich verbunden sind. Gleichursprünglich, d.h. Verstehen ist immer schon ein Sichverhaltenkönnen des Menschen im Hinblick auf die ihm (individuell und kollektiv) offenen Möglichkeiten. In einem später zu entfaltenden Sinne (vgl. II, 2) verstehen wir uns immer schon mit den Anderen bei denselben Dingen der gemeinsamen Welt. Dieser Sachverhalt des "Sich-immer-schon-verstehens" wird sprachlich mit der Vorsilbe "vor" ausgedrückt, so daß von "Vorverständnis" die Rede ist. Von hier aus läßt sich die Grundstruktur des Verstehens folgendermaßen darstellen:  

Verstehen 1 (V1): im Sinne vom (alltagssprachlichen) Verstehen bzw. Nicht-Verstehen von sinnlichen Gegenbenheiten in ihrer Bedeutung; deshalb auch die Bezeichnung "Sinnverstehen" bzw. Verstehen schlechthin.

Verstehen 2 (V2): damit ist das Erfassen des Zu-Verstehenden in einem Sinnzusammenhang gemeint. Wir begegnen z.B. den Dingen als diesen oder jenen (V1) in einem (gemeinsamen und zugleich sich jeweils ändernden) Bedeutungs- und Verweisungszusammenhang. In bezug auf die Herausarbeitung dieses Sinnzusammenhanges bei Texten nennen wir dieses Verstehen Intepretation.

Verstehen 3 (V3): hier geht es um das Verstehen der Weltoffenheit selbst, in der wir sind. Wir können vom Vorverständnis im engeren Sinne sprechen." (S. 15-16)  

b) Zur theoretischen und praktischen Tragweite des Begriffs des Vorverständnisses 

"Es kann gezeigt werden, daß in unterschiedlichen philosophischen Ansätzen diese Struktur, wenn auch nicht immer in derselben Weise, angesprochen wird. So spricht z. B. H.-G. Gadamer von "Vormeinung" und "Vorurteil", K.R. Popper von "Horizont von Erwartungen", Th. S. Kuhn von "Paradigmen" usw. Der Begriff des Vorverständnisses kommt z.B. in der Wissenschaftstheorie so zum Tragen, indem anerkannt wird, daß wissenschaftliche Erkenntnisse paradigmatischen Änderungen unterliegen. Damit sind philosophische, historische, psychologische, methodologische usw. Dimensionen gemeint. Es gibt keine Letztbegründung bzw. keinen endgültigen Beweis von Theorien durch "nackte Tatsachen". Erfahrung ist wiederum immer "theoriebeladen". Voraussetzungen haben in den Wissenschaften sowohl ein "richtungsweisende" als auch eine "abschirmende" Funktion. Das Ideal einer reinen Wissenschaft entspringt einem außerwissenschaftlichen Vorverständnis, nämlich dem Ideal des "theoretischen Lebens", während wir es in Wahrheit mit einer Pluralität von Wissenschaften zu tun haben, die innerhalb ihrer Vorverständnisse zu einer sonst nicht erreichbaren Präzision ihrer Aussagen gelangen." (S. 17) 

"Die Tragweite des Begriffs des Vorverständnisses läßt sich auch im Bereich der Praxis ermessen. Die pragmatische Dimension der Hermeneutik und mit ihr der Struktur des Vorverständnisses wurde von K.O. Apel in Anschluß an Ch. S. Peirce ausgearbeitet. Mit der Aufgabe des theoretischen Ideals einer in sich geschlossenen sich selbst begründenden reinen Wissenschaft (mit dem damit zusammenhängenden Ideal eines "Weltkalküls"), erfolgt eine pragmatische Wende in der Wissenschaftstheorie die in eine hermeneutisch-pragmatische Fragestellung mündet, nämlich die nach dem in der realen Welt handelnden Interpretant." (S. 18) 

c) Die Metaphern von "Horizont", "Dreieck" und "Zirkel" 

"Wenngleich Metaphern zur Erläuterung bzw. Verbildlichung eines Sachverhaltes dienen können und sollen, geben sie zugleich aufgrund ihrer teilweise sachlichen Unangemessenheit Anlaß zur Kontroverse. Sie sollen deshalb vom Phänomen selbst unterschieden und gegebenenfalls kritisiert werden. Drei Metaphern sind in unserem Fall von Bedeutung.  

Es handelt sich zum einen um die Metapher des "Horizonts". Mit ihr wird üblicherweise das Vorverständnis der Weltoffenheit ("Welt als Horizont" bei Edmund Husserl) (V3), aber auch die konkreten Bedeutsamkeitsbezüge, von wo aus wir die uns begegnenden Dinge in ihrem jeweiligen Sinne vor-verstehen, gemeint. (...) Um die Dynamik der Zusammenkunft unterschiedlicher Vorverständnisse, z.B. die des Autors, des Textes selbst, des Lesers, die sich stets zu einem neu bildenden Horizont "verschmelzen", ohne sich aber gegenseitig aufzuheben, spricht Gadamer von "Horizontverschmelzung". Man kann ferner von "Horizontvorgabe", "Horizontverschiebung", "Horizontwechsel", "Horizont- stabilisierung" usw. sprechen. Wir sahen auch, daß z.B. in der Wissenschaftstheorie von "horizon of expectations" (Popper) die Rede ist. Diese Metapher wird uns insbesondere bei der Erörterung des Zusammenspiels unterschiedlicher Vorverständnisse während des Information Retrieval vonnutzen sein   
(vgl. III. 1). 

"Dreieck" und "Zirkel" unterstreichen jeweils die im Verstehensvorgang enthaltenen Momente bzw. die Dynamik des Vorganges. Das Dreieck "Produzent-Werk-Rezipient", das in den jeweiligen "Horizonten" eingebettet ist, kann auf Verstehensprozesse in unterschiedlichen Bereichen angewandt werden: z.B. in der Medizin (Artz-Gesundheit- Patient), in der Pädagogik (Lehrer-Erziehungs- ziel-Zögling) und eben auch im Informationsbereich (Interpret-Wissen -Zeichen) (vgl. I, 3).

Die Metapher vom Zirkel des Verstehens stammt aus der antiken Rhetorik und besagte, daß man das Ganze eines Textes aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen verstehen müsse. Das Verstehen eines Textes vollzieht sich vor dem Hintegrund eines Sinnentwurfs, der in der Aus-einander-setzung mit dem Text "aufs Spiel gesetzt" wird. Dieser Vorgang betriff die Struktur des Verstehens überhaupt, indem wir wir sahen, es auch in den Wissenschaften kein voraussetzungsloses Wissen gibt, bzw. "Sinnverstehen" (V1) immer von einem vorausgehenden Verständnis eines Sinnzusammenhanges (V2) bedingt wird. Diese Struktur wird in den Wissenschaften nicht vermieden, sondern augenutzt, wenn z.B. Vorverständnisse als heuristische Prinzipien im Hinblick auf Zu-erklärende ins Spiel gebracht werden, um dementsprechend beibehalten bzw. geändert zu werden. Mit dem Zirkel des Versthens ist hier die Hypothetizität aller Erkenntnis gemeint. Es war Heidegger, der diese Struktur als konstitutiv zum Menschen und seinem Welt- und Selbstverständnis auffaßte und das Vorverständnis nicht bloß als Methode, sondern als einen eminent menschlichen Vorgang auslegte. "Das entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus, sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen" (M. Heidegger, Sein und Zeit, S. 153). Damit ist zugleich gesagt, daß dieser "Zirkel" kein "circulus vitiosus" im Sinne der Logik ist." (S. 20-22)

d) Der systematische Ort einer Hermeneutik der Fachinformation 

"Aus dem Gesagten geht u.a. hervor, daß das primäre Geschäft der Hermeneutik nicht die Entwicklung einer Methode, sondern die Explikation eines Grundzuges des Mensch-seins ist. Dieser Grundzug, nämlich der des Verstehens, kann unter einer formalen und einer materialen Hinsicht untersucht bzw. dargestellt werden. Aufgabe der formalen Hermeneutik ist die phänomenologische, ontologische und erkennentistheoretische Deutung des Verstehens im Sinne einer Grundstruktur des Mensch-seins. Im Mittelpunkt steht hier die Verklammerung von Mensch und Welt im Sinne des gemeinsamen Austragens der Weltoffenheit und der uns begegnenden Dinge. Das Vorverständnis (V3), also daß wir uns immer schon, "vor" jedem anderen Verstehen, so verstehen, bezeichnet nicht primär einen Vorgang eines Subjektes, sondern eine Dimension des Mensch-seins. Da jede materiale Hermeneutik auf diese originäre Dimension zurückweist, werden je nach untersuchtem Gegenstand die formal-hermeneutischen Momente in Beziehung zu diesem Sachverhalt gebracht und spezifisiert. Dabei läßt sich eine hermeneutische Theoretik und eine hermeneutische Positivik entwickeln. Im ersten Fall handelt es sich um die Aufstellung eines spezifischen hermeneutischen Modells, im zweiten um die Thematisierung des Gegenstandes von diesem Modell aus. Da sich in vielen Wirklichkeitsbereichen materiale Hermeneutik bzw. Bereichshermeneutiken entwickeln lassen, wird hier, im Hinblick auf eine Bestimmung des systematischen Ortes einer Hermeneutik der Fachinformation,auf eine solche Aufzählung verzichtet." (S. 24-25)

"Eine Hermeneutik der Fachinformation teilt mit anderen Bereichshermeneutiken die Gegebenheit der Sprache. Wie in verwandten Bereichshermeneutiken auch, spielt die schriftliche Fixierung von Sprache (Text) eine besondere Rolle. Texte lassen sich wiederum nicht vom sie konstituierenden Mitteilungsprozeß trennen. Die Explikation dieses Phänomens spielt in unserem Bereich eine besondere Rolle. Eine materiale Theoretik der Fachinformation muß die konstitutiven Momente dieses Phänomens zur Sprache bringen. Die Positivik, die die Gegebenheiten selbst thematisieren soll, wird in unserem Fall am Beispiel der im Computer gespeicherten bibliographischen Datenbasen entwickelt. Das Beispiel beschränkt sich sowohl auf eine bestimmte Vermittlungsart als auch auf eine bestimmte Form der Verobjektivierung." (S. 26)

  
 
 
  

I.2. Vorbegriff der Fachinformation

Vorbemerkung  
a) Zum gegenwärtigen Selbstverständnis von Fachinformation in der Bundesrepublik.
b) Zum gegenwärtigen internationalen Selbstverständnis von Fachinfor- mation.  
c) Zum gegenwärtigen alltäglichen Selbstverständnis von Fachinfor- mation.   

Vorbemerkung 

"Gegenstand dieser Untersuchungen ist der Bereich der Fachinformation, dessen Begriff, d.h. seine konstituierenden Momente, es zu erarbeiten gilt. Vor einer solchen begrifflichen Analyse soll aber zunächst das Selbstverständnis dieses Bereiches, so wie es sich heute zeigt, dargestellt werden. Dieses Erscheinungsbild ist weniger durch einee theoretische als vielmehr durch die praktische Entwicklung, ja durch den sozial-politischen Gestaltungswillen bestimmt. Die Entwicklung nimmt ihren Ansatz im wissenschaftlichen und insbesondere im naturwisenschaftlich-technischen Bereich, da es hier aufgrund der exponentiell anwachsenden Anzahl von Publikationen zu einer Krise des überlieferten Mitteilungswesens, d.h. zu einer "Informationskrise" kommt. Dabei tritt zum einen die soziale Natur der Wissenschaft, zum anderen die wirtschaftliche Komponente bei der Vermeidung bzw. Nicht-Vermeidung von Doppelaarbeit, besonders im Falle von teuerer (staatlich subventionierter) Forschung, deutlicher zu Tage. Schließlich wird dieses Erscheinungsbild durch die technische Entwicklung, insbesondere durch die Anwendung des Computers als Medium für die Speicherung und Vermittlung von Fachinformationen, geprägt." (S. 27)

a) Zum gegenwärtigen Selbstverständnis von Fachinformation in der Bundesrepublik Deutschland 

"Der Bereich Fachinformation in der Bundesrepublik wurde in der Gegenwart wesentlich durch das "Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-Programm) 1974-1977" geprägt. Dieses Programm hatte seinen Schwerpunkt "auf dem wissenschaftlichen und technischen Informationswesen". Dabei werden unter den Begriffen "wissenschaftlich und technisch" alle Fachdisziplinen sowie interdisziplinären und aufgabenbezogenen Bereiche einschließlich der Information über wirtschaftliche, soziale, juristische und politische Gegebenheiten und Entwicklungen verstanden." (S. 28-29)

b) Zum gegewärtigen internationalen Selbstverständnis von Fachinformation 

"Die Geschichte dieses Bereiches in der Gegenwart ist die seiner zunehmenden Bedeutung, sowohl was die fortschreitende thematische Ausweitung als auch was die Anzahl und Vielfältigkeit der hiermit befaßten privaten und staatlichen Institutionen betrifft, die insbesondere bei der Erstellung von Datenbasen in den einzelnen Ländern und auf internationaler Basis zusammenarbeiten." (S. 35) 

c) Zum gegenwärtigen alltäglichen Selbstverständnis von Fachinformation 

"Manche Fach-Komposita, wie z.B. "Fachmann" oder "Fachsprache", haben in der gegenwärtigen Alltagssprache sowohl positive als auch negative Konnotationen. Man assoziert sie z.B. mit den Wissenschaften und denkt dabei an isolierte "Fächer" mit ihren eigenen Fachsprache. Schimpfworte wie "fachsimpeln" und "Fachidiot" drücken die Verfallsmöglichkeiten aus. Das Gegenstück ist der "Generalist" oder, in abwertender Form, der "Dilettant"." (S. 43-44)
  
 
 
  

I.3. Beiträge zur Hermeneutik der Fachinformation

Vorbemerkung   
a) B. Langefors' "infologischer" Ansatz 
b) A. Diemers Informationshermeneutik
c) N. Henrichs' semiotisch-hermeneutischer Ansatz
d) Unthematische hermeneutische Reflexionsmomente in informationswissenschaftlichen Ansätzen.

Vorbemerkung 

"Der Ausdruck Fachinformation ist ein neuer Name für eine zum Teil alte Sache, deren Verbindungen zur Philosophie vielfältig sind. Man denke z.B. an den Zusammenhang zwischen bibliothekarischen und philosophischen Klassifikationssystemen oder an die neuzeitliche Idee einer Begriffskombinatorik (Leibniz' "ars combinatoria", die freilich in R. Lullus' "ars magna" einen bedeutenden Vorläufer hat). Diese Entwicklung kann zwar bis auf Platon zurückverfolgt werden, aber die Neuzeit wirkte hier entscheidend, indem der Kerngedanke des Schematismus immer mehr von konkrenten Inhalten abgelöst und somit die Möglichkeit für die maschinelle Handhabung von Zeichen geschaffen wurde." (S. 48-49) 

a) B. Langefors' "informologischer" Ansatz 

"Zwei Grundfragen stellen sich, nach Langefors, in Zusammenhang mit dem Aufbau von Informationssystemen:

1) welche Information soll das System erbringen, die den Bedürfnissen der Benutzer entspricht? (das "infological problem"),  

2) wie soll das System im Hinblick auf die Nutzung moderner Datenverarbeitungstechnologie strukturiert werden? (das "datalogical problem").
 
Dieser Fragestellung liegt der Unterschied zwischen Information im Sinne von Wissen ("knowledge") und Daten im Sinne von physikalischen Symbolen ("physical symbols") zugrunde. Im ersten Falle bewegen wir uns auf der "infologischen" im zweiten auf der "datalogischen" Ebene. Es geht, mit anderen Worten, um den Unterschied zwischen Daten, die vom Computer verarbeitet werden, und Informationen, die erst durch die begrifflichen Vorstellungen bzw. durch die (Vor-)Verständnisse der Benutzer ("conceptions of the users") konstituiert werden. Langefors spricht auch von "Referenzrahmen" ("frames of reference"), wobei der allgemeine Bezug individueller Referenzrahmen die gemeinsame Wirklichkeit ist." (S. 50-51)  

"Die Hermeneutik, sagt Langefors, beschäftigt sich mit dem Verstehen ("understanding") von Texten, Mitmenschen und dem eigenen In-der-Welt-sein. Demnach ist die Frage, welche spezifischen Daten Information für eine bestimmte Gruppe von Menschen darstellen können bzw. welche Daten uns über bestimmte Phänomene informieren, eine echte hermeneutische Frage. Sie schließt auch die Frage, wie diese Phänomene wahrgenommen und verstanden werden können, ein. Der infologisch-hermeneutische Ansatz gründet in der Ansicht, daß die Information I nicht bloß durch Daten, sondern auch durch die kognitive bzw. semantische Struktur S konstituiert wird.  
Dazu gehört ferner auch die Zeit t, die notwendig ist, um die Daten zu empfangen bzw. zu interpretieren. Demnach ist  

I = i (D, S, T)
wobei i der Verstehensprozeß ist.
Daraus folgt, daß Daten noch keine Informationen sind und daß nicht jede Information jedem verstehenden Subjekt vermittelt werden kann. Texte "enthalten" also keine Informationen, sondern können einen Informationsprozeß in Gang setzen, wenn eine "empfangende Struktur" da ist." (S. 51-52)  

b) A. Diemers Informationshermeneutik 

"Sowohl Informations- als auch Kommunikationsprozesse finden im Hinblick auf eine Interpretiergemeinschaft statt. Im ersten Fall stehen die Sachverhalte selbst im Vordergrund. Phänomenologisch gesehen, sagt Diemer in Anschluß an Husserl, gibt es niemals "Wissen-an-sich", sondern immer "Wissen-von" Sachverhalten. Die Phänomenologie spricht dabei von "Noesis" und "Noema", um die zwei Momente der intentionalen Erkenntnis zu kennzeichnen. Dementsprechend bezeichnet Diemer die konstitutiven Momente des Informationsprozesses als Informationsgemeinschaft und "Informeme". "Informeme" bzw. Informationen sind demnach nicht, wie etwa in der Informationstheorie oder in der Alltagssprache, primär durch das Moment der Neuheit charakterisiert, sondern durch ihre Eigenständigkeit bzw. Verfügbarkeit "allen", "überall" und "allezeit"." (S. 56)  

"Informationsersteller, -vermittler und -sucher sind auf ein Vorverständnis angewiesen. Beispiele dafür bilden die Klassifikationssysteme und Thesauri. Daß sie immer geschichtlicher Natur sind, erläutert Diemer am Beispiel der Dezimalklassifikation im Sinne eines wissenschaftlichen Vorverständnisses der Jahrhundertwende. Gegenüber der Versuchung, geschichtslose Vorverständnisse herstellen zu wollen, fordert er eine "kopernikanische Wende" in der Konzeption der Wissensvermittlung. Diesem phänomenologisch-hermeneutischen Ansatz entsprechend geht es jetzt nicht primär um die Ordnung von Büchern oder Dokumenten, sondern um die Vermittlung von Wissenseinheiten oder "Informemen"." (S. 57)

c) N. Henrichs' semiotisch-hermeneutischer Ansatz 

"Methodisch geht Henrichs zunächst von einem eingeschränkten Wissensbegriff, nämlich von "Wissen im objektivierten Sinne", aus. Objektiviertes Wissen ist durch zwei Momente gekennzeichnet: Darstellung bzw. (schriftliche) Fixierung und Systematisierung bzw. Kontextualisierung. Daraus ergibt sich die Möglichkeit der öffentlichen Zugänglichkeit und Verfügbarkeit, die, wenn auch nicht immer faktisch, doch prinzipiell gewährleistet ist. Dieser Wissensbegriff ist aber insofern eine Abstraktion, sagt Henrichs, als hier der Mensch ausgeklammert ist. Wenn wir die Intersubjektivität berücksichtigen, sprechen wir von Information bzw. vom objektivierten Wissen als potentieller Information. Die Organisation der Informationsvermittlung bildet der Gegenstand der Informationswissen- schaft." (S. 62)

"Hermeneutisch betrachtet stellt sich die Frage, wie "die vom Vorverständnis des Benutzers diktierte Frageformulierung in die Sprache des Thesaurus zu transformieren" ist. Dabei geht es u.a. um die Möglichkeiten und Grenzen von Thesauri für die Suche im Dialog-Retrieval-Systemen mit der damit zusammenhängenden Frage der Relevanz des Retrieval-Ergebnisses." (S. 63)

d) Unthematische hermeneutische Reflexionsmomente in informationswissenschaftlichen Ansätzen 

"Dabei handelt es sich zunächst um die von N. J. Belkin u.a. entwickelte Theorie des mangelhanften bzw. "anomalischen" Wissensstandes ("anomalous state of knowledge"), kurz ASK-Theorie genannt. Belkin geht davon aus, daß jede Frage nach (Fach-)Information, die insbesondere an ein Information-Retrieval-System herangetragen wird, Ausduck eines zugrundeliegenden Bedarfs ("need") ist, und daß dieser Bedarf aufgrund eines inadäquaten Wissenszustandes entsteht. Derjenige, der seinen jeweiligen ASK-Zustand erkennt, ist zunächst eo ipso nicht in der Lage, die Anomalie aufzuheben und somit auch nicht in der Lage, das genau zu beschreiben, wonach er fragt. Demnach sind Frageformulierungen und Systemantwoten nicht die originäre Grundlage der Informationssituation, sondern die "problematische Situation" (Wersig) selbst und die Erkenntnis, daß der Wissensstand zur Lösung des Problems unzureichend ist. Die Fragen drücken gerade aus, was der Nutzer noch nicht weiß oder, hermeneutisch gesprochen, sie drücken den Unterschied zwischen einem Zustand des Noch-nicht-verstehens gegenüber einem Vor-verständnis der Sache aus. Jeder ASK-Zustand geht, nach Belkin, auf einen begrifflichen Wissensstand ("conceptual state of knowledge" und dieser wiederum auf die jeweilige Weltanschauung des Nutzers ("user's image of the world") zurück. Die in Form von Texten gemachten Mitteilungen anderer Mitmenschen, stellen dabei eine mögliche Quelle für die Auflösung der Anomalie dar. Sie können die begriffliche Struktur des Nutzers, sein "Vor-Bild" ("image structure"), ändern. Ein Text wird dann zur Information, wenn aufgrund seiner begrifflichen Struktur das Vorverständnis des Nutzers sich verändert." (S. 68-69)
  
 
 
  

II. ZUR GRUNDLEGUNG EINER

HERMENEUTIK DER FACHINFORMATION

II.1. Zur Kritik erkenntnistheoretischer Modelle in der Informationswissenschaft    
II.2. Hermeneutische Auslegung einiger Grundzüge des Mensch-seins    
II.3. Zur Konstitutionstheorie der Fachinformation 
 
 
  
  

II.1. Zur Kritik erkenntnistheoretischer Modelle in der Informationswissenschaft

Vorbemerkung   
a) Zur Kritik des Abbild-Modells   
b) Zur Kritik des Sender-Kanal-Empfänger-Modells   
c) Zur Kritik des platonistischen Modells   

Vorbemerkung 

"Es ist nicht der Sinn dieser Kritik, die möglichen und bereits zum Teil erfolgreichen Anwendungen dieser Modelle in unserem sowie in anderen Bereichen in Frage zu stellen, sondern auf jene Reduktionen aufmerksam zu machen (und Modelle sind natugemaß reduktionistisch), die der hermeneutische Ansatz ans Licht bringt.  Dieser in der Kritik implizite Ansatz, soll im nächsten Kapitel ausführlich dargestellt werden. Schließlich muß bemerkt wrden, daß die zu erörternden Modelle eine alte und wechselvolle Ideengeschichte hinter sich haben, auf die hier nur umrißhaft hingewiesen wird. Die Analyse ihrer Anwendungen im informations- wissenschaftlichen Bereich hat jeweils nur einen exemplarischen Charakter." (S. 75)

a) Zur Kritik des Abbild-Modells 

"Eines der ältesten Zeugnisse, in dem die Rede von Abbildern in Zusammenhang mit dem Erkenntnis- bzw. Wahrnehmungsprozeß ist, ist die Lehre Demokrits. Demnach werden die Abbilder (eidola, apotúposis, émphasis) der Gegenstände in die Luft und dann in unsere Sinnesorgane eingeprägt, "wie beim Eindrücken in Wachs" (Vgl. H. Diels: Fragmente der Vorsokratiker, Bd. 2, S. 114 ff). Dieses berühmten Vergleichs bedient sich auch Platon, der ihn zugleich im Hinblick auf das Angesprochene, nämlich die Bedeutungsgehalte selbst, als "lächerlich" bezeichnet (Theait. 200 b).  
Die Sinnstruktur des Gleichnisses, nämlich:
  • Erwerben des Wissens (Lernen und Vergessen), 
  • Besitz des Wissens, 
  • Wiederaufnehmen des verfügbaren Wissens (Urteilen), 
legt auch einen Vergleich mit dem Prozeß des Speicherns und Wiedergewinnens von Information nahe. Die Abbildmetaphorik ist aber für Platon insofern irreführend, als der menschliche Wahrnehmungsprozeß immer schon sprachlich vermittelt ist, so daß die Frage nach der (Wahrheit bzw. Falschheit der) Erkenntnis sich auf der Ebene des "Redens" (légein) über die Dinge selbst und nicht etwa eine bloßen Wahrnehmens, stellt.  
Die Geschichte des Abbild-Modells führt von der griechischen Antike über Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin, Descartes, W. Whewell u.a., und sie ist wort- und begriffsgeschichtlich eng mit der Bedeutungsentwicklung des Informationsbegriffs verbunden." (S. 75-76)  

"W. Steinmüller hat das Abbild-Modell seiner Konzeption der Informationswissenschaft zugrundegelegt. Es wird dabei von "betrachtenden Subjekten" und einem "betrachteten Objektbereich" ausgegangen. Auf der Seite des Subjektes stehen Begriffe wie "System", "Prozeß" und "Modell". Modelle sind "Abbildungen von etwas für jemand zu einem Verhalten". Es handelt sich um "ein radikal vereinfachte Abbildung des Originals". Diese Erläuterung klingt fast wie eine Entschuldigung, überhaupt von Abbildungen zu sprechen. Informationen sind "rudimentäre zweckspezifische immaterielle Modelle in der Hand von Modellsubjekten". Es bleibt zunächst ein Rätsel, wie solche "immaterielle Modelle" "im Gedächtnis einer individuellen Peson haften" sollen. Zum "Subjekt" werden nicht zur einzelne Menschen, sondern auch Gruppen, Nationen, ja sogar "alle Menschen" erklärt. Dadurch wird der Subjektbegriff zusätzlich überstrapaziert.   

Eine solche Vorstellung gibt nur verzerrt das Phänomens des Bezugs des Menschen zu sich selbst, zu den anderen sowie zu den gemeinsamen Dingen wieder. Es ist nicht einzusehen, warum Texte "immaterielle Modelle" sein sollen und inwiefern sie mit diesem Ausdruck dem andersartigen Phänomen des menschlichen Gedächtnisses vergleichbar wären. Die Abbildungsrelation steigert sich in die fast phantastische Vorstellung einer Verwaltungsbehörde als eines Subjektes, dessen Daten das Objekt-System Bürger abbilden soll. Aus unerklärlichen Gründen wird durch dieses Modell alles verdoppelt. Erst das Abbild soll dem Subjekt die Möglichkeit eines Verhältnisses zum Objekt geben. Wie aber ein in sich geschlossenes Subjekt aus sich herausgehen, in Beziehung zu einem ihm fremden Objekt treten und ihm sich mittels einer Abbildung aneignen soll, bleibt unerklärlich." (S. 77-78)

b) Zur Kritik des Sender-Kanal-Empfänger-Modells 

"Das Sender-Kanal-Empfänger-Modell ist eines der am häufigsten gebrauchten Modelle sowohl im Informationsbereich als auch im Bereich der Fachinformation.  Dies hat eine pragmatische und im Hinblick auf bestimmte Phänomene auch seine sachliche Berechtigung, die hier nicht diskutiert bzw. in Frage gestellt werden soll. Zunächst aber ein kurzer ideengeschichtlicher Hinweis.  

Es wird öfter darauf aufmerksam gemacht, daß dieses Modell auf Aristoteles zurückgeht. Gemeint ist damit das Grundschema der platonischen und aristotelischen Rhetorik. Diese Struktur kommt in der aristotelischen Rhetorik folgendermaßen vor:  

"Es basiert nämlich die Rede auf dreierelei: dem Redner, dem Gegenstand, über den er redet, sowie jemandem, zu dem eer redet, und seine Absicht zielt auf diesen - ich meine den Zuhörer."  (Arist. Rhet. 1358 b)
Wenn anstatt von Sprecher und Hörer, von "Sender" und "Empfänger" die Rede ist, wird das aristotelische Verständnis der zwischenmenschlichen Kommunikation aus seinem spezifischen Zusammenhang gerissen. Dieser Zusammenhang ist die vom Sprecher und Hörer gemeinsam erfahrene Welt, auf deren jeweilige Bezüge das Gesprochene hinweist. Die mögliche Korrespondenz zwischen dem Gesprochnen und den anvisierten Dingen selbst ist keine Eins-zu-Eins-Beziehung wie bei einem Code-Vorrat. Ziel der menschlichen Kommunikation im Sinne eines Re-konstitutions- prozesses ist nicht die Dekodierung vermittelter Zeichen, sondern die gemeinsame Erkenntnis der Dinge (prágmata), auf die die Worte (möglicherweise) verweisen.Diese gemeinsam erfahrene Realität wird jeweils durch unterschiedliche Erkenntnishaltungen (pathémata) auf verschiedene Art vernommen. Obwohl Aristoteles die Abbild-Metaphorik insbesondere in Zusammenhang mit dem Prozeß der sinnlichen Wahrnehmung verwendet, erkennt der Mensch nicht durch Angleichung der "Seele" an ein physisches Ding, eine wohl phantastische Vorstellung, sondern aufgrund eines anderen menschlichen Verhaltens, nämlich des Denkens, wodurch das Allgemeine am Vernommenen selbst erfahren wird. In bezug auf den fachlichen Kommunikationsprozeß sind bei Aristoteles folgende Sachverhalte zu berücksichtigen:  

a) wir philosophieren in und aus der Sprache als etwas Vorgegebenem. Sie wird aber stets an der "Sache" gemessen.  

b) vorgegeben ist auch die "Tradition", die "communis opinio", d.h. das, was die Menschen, gedacht haben und noch denken (ihre "Theorien"),

c) Aristoteles philosophiert im Hinblick auf die gemeinte Sache.  

Es gibt bei ihm kein System von Wörtern mit festen Bedeutungen, sondern diese werden erst in der sachlichen Diskussion, d.h. in der Verwendung bestimmt. Daher die Genauigkeit mit der Aristoteles die Verwendungszusammenhänge untersucht. Für drei große Bereiche des Kommunikationsprozesses, nämlich den wissenschaftlichen, den rhetorischen und den dichterischen, gibt Aristoteles präzise und umfangreiche "Spielregeln", die wir hier nicht behandeln können. Das mündliche Gespräch und das Gespräch mit der schriftlichen Tradition sind zwei Kernpunkte der aristotelischen Auffassung von Fachkommunikation. Der Schlußsatz des dritten Buches seiner "Rhetorik" faßt in eindrucksvoller Weise diese Auffassung zusammen:

"Ich habe gesprochen. Sie haben gehört. Sie kennen nun die Tatsachen. Urteilen Sie nun." (Arist. Rhet. 1420 a 8: "éireka, akekóate, échete, krínate")
Die klassische Darstellung des Sender-Kanal-Empfänger-Modells, ist diejenige, die C.E. Shannon und W. Weaver in Zusammenhang mit der Entwicklung der "mathematischen Kommunikationstheorie" bzw. der "Informationstheorie" vorlegten. 

Information Source--->Transmitter----> Signal---->(Noice Source)--->    
Received Signal--->Receiver--->Message---->Destination   

Dieses lineare Modell wurde von N. Wieder durch das Moment der Rückkopplung verändert und in eine dynamische bzw. kybernetische Struktur umgewandelt. Beide Ansätze fanden im Informationsbereich zahlreiche Anwendungen.  

Wie an einer anderen Stelle dargelegt wurde (Capurro), lag dem informationstheoretischen Modell die Voraussetzung zugrunde, daß alle semantischen und pragmatischen Aspekte der zwischenmenschlichen Kommunikation ausgeschaltet und stattdessen nur diejenigen Aspekte berücksichtigt werden sollten, die in Zusammenhang mit der physikalischen Übertragung von Signalen eine Rolle spielen. Es ist also paradox, daß ein Modell, daß unter dieser Voraussetzung entwickelt wurde, gerade in Zusammenhang mit der Mitteilung von (fachlichen) Bedeutungsgehalten gebracht wird." (S. 80-84) 

c) Zur Kritik des platonistischen Modells 

"Mit der Bezeichnung "platonistisches Modell" sollen jene erkenntnis- theoretischen Modelle gekennzeichnet werden, die den Bedeutungs- gehalten eine solche ontologische Selbständigkeit zusprechen, daß sie sie für hypostasierte für sich bestehende Entitäten halten. Der Ausdruck "platonistisch" ist insofern zweideutig, als zum einen auf Platon als einen berühmten Vertreter dieses Modells hingewiesen wird, zum anderen aber offen bleiben soll, inwiefern die übliche Vorstellung der platonischen "Zwei-Welten-Lehre" diesem Denken gerecht wird (N. Fischer: Die Ursprungsphilosophie in Platons "Timaios". In: Philos. Jahrbuch 89 (1982) 247-268). Daß Platons "Ideelehre" eher eine "Ideenfrage" ist, wurde an anderer Stelle dargelegt (Capurro). Die Fortwikung dieser Frage im abendländischen Denken und insbesondere in der Erkenntnistheorie ist bekannt. Bezeichnenderweise hängt sie mit der Etymologie und der Bedeutungsentwicklung des Informationsbegriffs eng zusammen.   

Es genügt hier auf Denker wie Epikur oder Augustinus, auf den mittelalterlichen Universalienstreit, auf Descartes und Kant, auf den Hegelschen Begriff des "objektiven Geistes" sowie auf den Umkehrungsversuch des Platonismus durch Nietzsche hinzuweisen, um die Tragweite und Fruchtbarkeit dieser Frage anzudeuten. Eine weitere Ausformung dieses Modells findet man in der Gegenwart in dem ausdrücklich als "platonistisch" bezeichneten Modell von K.R. Popper (Objective Knowledge, Oxford 1972). Auf ihn stützen sich einige informationswissenschaftliche Ansätze.  

Nicht von zwei sondern von drei "Welten" ist bei Popper die Rede, nämlich: "physical world" (Welt 1), "mental world" (Welt 2) und "world of intelligibles" (Welt 3). Grundsatz der Popperschen Ontologie ist die folgende Aussage: "the world consists of at least three ontologically distinct sub-worlds" (ebda. S. 154). Die "Welt 3" ist die des objektiven Wissens" bzw. des "Wissens ohne erkennendes Subjekt". Obwohl Popper möchte, daß der Ausdruck "Welt" nicht "zu ernst" genommen wird, und mit diesem Hinweis seine Theorie offensichtlich gegen Kritik immunisieren möchte, kann dennoch festgestellt werden, daß damit zugleich auch die gesamte Theorie nicht ernst zu nehmen wäre, zumal wenn, E. D. Klemke schreibt, die Existenz von solchen "Welten" behauptet wird (E.D. Klemke: Karl Popper, Objective Knowledge, and the Third World. In: Philosophia 9, 1980, S. 45-62). Der ontologische Grundsatz ist bereits widersprüchlich, da hier die Rede von "the world" (meine Hervorhebung!) ist. Und in der Tat, "Welt" ist, in den Worten C. F. von Weizsäckers, "im philosophisch strengen Sinne ein singulare tantum. Wir leben 'in der Welt'. Es gibt nicht 'eine Welt' oder 'Welten'." (C.F. v. Weizsäcker: Naturgesetz und Theodizee, in: ibid: Zum Weltbild der Physik. Stuttgart 1976, S. 160).

Mit der Vorstellung einer "dritten Welt", nämlich die der "Probleme an sich", will Popper insbesondere die Objektivität wissenschaftlicher Theorien vom Gespenst des Psychologismus und des Soziologismus (marxistischer Prägung) befreien (Vgl. J.W. Grove: Popper "Demystified": The Curious Ideas of Bloor (and some Others) about World 3. In: Philosophy of the Social Sciences 10, 1980, S. 173-180, der u.a. die Einwände seitens der marxistischen Soziologie zu entkräften versucht). 

Dafür muß er den Menschen in eine "Psyche" einkapseln, eine Vorstellung, die so alt ist wie die neuzeitliche Cartesianische Ontologie selbst.  Hannah Arendt schreibt:  

"Der Hacken ist nur, daß es ebenso unmöglich ist, aus diesem Feld des Bewußtseins (...) je in eine Außenwelt zu kommen, wie es unmöglich ist, aus dem Bewußtsein der Körperfunktionen sich je eine Vorstellung zu machen, wie ein Körper, einschließlich des eigenen, nun eigentlich in seiner nach Außen in Erscheinung tretenden Gestalt aussieht."   
(Vita activa oder Vom tätigen Leben. München 1983. S. 173)
Diese Kritik richtet sich gegen Descartes.  

Popper kritisiert zwar die Vorstellung von der "Psyche" ("mind") als einen "Eimer" ("bucket") bzw. als eine "tabula rasa" und hebt mit Recht die "Theoriebeladenheit" unserer Erfahrung hervor, stellt aber dabei lediglich die Vorstellung eines passiven Empfängers anstatt die der "Kapsel" bzw. einer "für sich" bestehenden "Welt 2" in Frage. Die "Kapsel" wird lediglich mit einem "suchenden Licht" versehen (K. Popper, Objective Knowledge, S. 341).   

Wenn wir aber das Mensch-sein von der Weltoffenheit her begreifen, in der wir (also keine isolierte Subjektivität) immer schon sind, dann läßt sich das "Problem" der Popperschen Ontologie, nämlich das der Beziehungen zwischen autonomen "Welten", als ein Scheinproblem entlarven. Die sprachlich durch Wissen und Handeln erschlossene Welt, läßt sich nicht ohne logischen Widerspruch von der sinnerschließenden menschlichen Gemeinschaft, die die Weltoffenheit so teilt, trennen. Dieses entspricht, wie M. Bunge bemerkt, bereits der Syntax des Zeitwortes "wissen". Poppers "Welt 3" ist eine "Platonistische Phantasie":  

"To call what is known, i.e. knowledge, a world and assume that it is supperimposed on the world of fact (Popper, 1968) is an unnecessary Platonic fantasy. There is only one world and cognitive subjects are part of it and intent on knowing (or ignoring) some chunks of it (...) There is no knowledge without both an object of knowledge and a knowing subject. The claim that there is absolute knowledge, or knowledge in itself, above and beyond concrete knowing subjects, is fantastic. Moreover it violates the very syntax of 'to know', for 'x is known' is short for 'There is at least one y such that y is a knowing subject and y knows x.' Obliterate mankind and no human knowledge will remain." (M. Bunge: Treatise on Basic Philosophy, Vol. 2: Semantics 1, Dordrecht 1974,  S. 186)
Der Autonomismus erweist sich als selbstwidersprüchlich: einerseits soll der "knowing subject" ausgeschlossen werden, andererseits wird das schriftlich fixierte Wissen in seiner "potentiality of being understood" begriffen. Es ist gerade diese "Potentialität", schreibt Popper, die aus einem Ding ein Buch macht (Popper, Objective Knowledge, S. 116). Damit ist aber vorausgesetzt, was ausgeschlossen werden sollte. Im Hinblick auf den Begriff "objective" entsteht eine fragwürdige Zweideutigkeit: Es soll damit die schriftliche Fixierung des Wissens, unabhängig vom Inhalt, bezeichnet werden, zugleich aber wird der Eindruck erweckt, als ob es um "objektives Wissen" im Sinne wissenschaftlicher Theorien ginge, um ("objektive") Wahrheit also, an deren Entwicklung die Wissenschaft, "wie beim Bau einer Kathedrale" arbeitet:  
"All work in science is work directed towards the growth of objective knowledge. We are workers who are adding to the growth of objective knowledge as masons work on a cathedral" (Popper, Objective Knowledge, S. 121)
Darauf macht D. Rudd aufmerksam (D. Rudd: Do we really need World III? Information science with or without Popper. In: Journal of Inf. Science 7, 1983, S. 99-105).  

Um seine autonomistische These zu untermauern, konstruiert Popper zwei Gedankenexperimente:

Experiment 1: unsere Maschinen und Werkzeuge sind zerstört und auch unser subjektives Wissen davon bzw. das Wissen, wie man sie baut, aber die Bibliotheken und unsere Kapazität von ihnen zu lernen bleibt erhalten. Wir könnten unsere Welt wieder aufbauen.

Experiment 2: wie beim Experiment 1, wobei auch die Bibliotheken verschwinden. Unsere Kapazität aus Büchern zu lernen ist nutzlos ("useless"). Die Wiederentstehung unserer Zivilisation würde Tausende von Jahren dauern (Popper, Objective Knowledge, S. 107 ff.)  

Wenn wir und aber ein drittes Experiment ausdenken, nämlich, daß die Lernkapazität z.B. durch einen Nuklearkrieg vernichtet wird und die Bibliotheken nicht, dann wären diese sinnlos. Auch wenn es so etwas wie "Menschen" gäbe, die aber jene Lernfähigkeit, d.h. die Möglichkeit, etwas in seiner Bedeutung als so und so seiend aufzufassen, nicht hätten, würden sie vielleicht die "Bücher" als Heizungsmaterial benutzen! Popper begeht hier erneut einen Selbstwiderspruch, da er in beiden Experimenten die Lernkapazität beibehält. Entscheidend ist also nicht das Moment der Autonomie, sondern das der Teilhabe des schriftlich fixierten Wissens an einer menschlichen Welt. Wir können dieses Wissen unabhängig vom jeweilien empirischen Vollzug betrachten, und dennoch sind Bücher und ihre Inhalte nur in Zusammenhang mit einer menschlich d.h. sprachlich erschlossenen Welt sinnvoll. Vor dem Hintergrund eines Atomkrieges wirkt aber der Autonomismus nicht bloß abstrakt, sondern auch besonders makaber...  

Popper bleibt beim Unterschied zwischen dem empirischen Vollzug und dem logischen Gehalt von Theorien (!) stehen. Die Frage nach der Konstitution solcher Bedeutungsgehalte wird nicht gestellt bzw. sie wird unzureichend beantwortet. Eine Autonomievorstellung dieser Gehalte außerhalb einer sprachlich mit-geteilten Welt, ist so grundlos, wie die Vorstellung einer Sprache "an sich":  

"An uninterpreted language, i.e. a well constructed system of artificial signs with no designata, would be as idle and unintelligible as a scientific manuscript after a total nuclear holocaust." (M. Bunge, Treatise, op.cit. S. 2)
Die relative Haltbarkeit bzw. Unabhängigkeit des schriftlich fixierten Wissens gegenüber der Existenz eines Menschen teilen Bücher mit anderen vom Menschen geschaffenen Dingen sowie mit der von ihm nicht geschaffenen Natur mit. Dabei besitzt die menschliche Dingwelt, gegenüber der Bewegtheit der Natur, eine gewisse Haltbarkeit:  
"Diese Gegenstände werden gebraucht und nicht verbraucht, das Brauchen braucht sie nicht auf; ihre Haltbarkeit verleiht der Welt als dem Gebilde von Menschenhand die Dauerhaftigkeit und Beständigkeit, ohne diesich das sterblich-unbeständige Wesen der Menschen auf der Erde nicht einzurichten wüßte; sie sind die eigentliche menschliche Heimat des Menschen." (H. Arendt, Vita activa, op.cit. S. 124)
Aber auch bezüglich ihrer Inhalte sind Bücher "relativ". Auch logische Objektivität, eine (von Popper wohl überbewertete) Form der Wahrheit, d.h. der menschlichen Sinn- und Welterschließung, läßt sich, wie Oeser bemerkt, ohne Intersubjektivität nicht konstituieren:
"Denn wissenschaftliche Erkenntnis will 'objektive Erkenntnis' sein. 'Objektivität der Erkenntnis bedeutet aber nicht die Eliminierung des konkreten erkennenden Subjekts, denn wissenschaftliche Hypothesen und Theorien sind stets Produkte der Tätigkeit eines Konkreten realen Erkenntnissubjekts, sondern 'Objektivität' kann nur Allgemeingültigkeit, Intersubjektivität oder bestenfalls Transsubjektivität bedeutet. Sie kann nicht durch die metaphysische Hypostasierung eines neuen Seinsbereiches, einer Welt der objektiven Probleme und Problemlösungen (K. Popper, Objektive Erkenntnis, Hamburg 1973, S. 172 ff.), sondern allein durch die Verobjektivierung des erkenntnistheoretischen Subjekts erreicht werden." (E. Oeser: Wissenschaft und Information, Wien 1976, S. 37)
Wir sind ein Gespräch (Hölderlin), wovon das schriftlich fixierte Wissen ein Teil ist. Die von Popper einseitig hervorgebene Autonomie der Wissensgehalte ist wesensmäßig in bezug auf dieses zeitliche und intersubjektive Gespräch in der Welt zu sehen. Sie ist in diesem Sinne eine relative. Hier ist auch der Grund für die Vorläufigkeit unserer wissenschaftlichen Theorien zu suchen.  

Poppers Modell, obwohl problembezogen, ist merkwürdigerweise weltlos. Unser Informationsbereich ist außerdem durch und durch sozial, sowohl in bezug auf die Produktion von Fachliteratur als auch auf ihre Nutzung. Auch die romantische Vorstellung von Wissenschaftlern, die mit allen Mitteln versuchen, wohlbegründete Theorien zu "falsifizieren", würde nur einen (sehr kleinen) Teil der hier in Frage kommenden Wissenschaftlern (von den "Praktikern" ganz zu schweigen!) treffen. Wie J. Hintikka bemerkt:

"Hence Popper's emphasis on boldness as a guide of a scientist's life is in reality predicated on a romantic image of a brilliant scientist making his discoveries against all odds. In the sober daylight of the actual history of science, I am afraid,such an image is bound to appear as unrepresentative of the principles of scientific investigation as the charge of the light brigade is of the principles of twentieth-century warfare: it's magnificent, but it is not science." (J. Hintikka: Some varieties of information. In: Information Processsing & Management 20 (1984) 1/2, S. 179)
B.C. Brookes hat den Versuch unternommen, dieses Modell der Informationswissenschaft zugrundezulegen (B.C. Brookes: The foundations of information science. In: Journal of Inf. Science 2 (1980) S. 125-133, 209-221, 269-275; 3 (1981) S. 3-12). Brookes geht davon aus, daß die theoretische Struktur einer Wissenschaft, ihre Fundamente und Grundannahmen, solange nicht vertieft werden, als sie für selbstverständlich gelten. Eine ganz triviale Aussage, die aber eine unmittelbare Auswirkung hat in bezug auf jene Wissenschaften, deren gewachsene Superstruktur allmählich über die alten Fundamente hinauswächst. Wir wissen dann eigentlich nicht mehr auf welchem Boden wir stehen. Eine im strengen Sinne hermeneutische Situation!   

Die Grundproblematik hängt für Brooks mit dem Informationsbegrif eng zusammen. Dieser ist aber weder eine bloß subjektive noch eine bloß objektive Kategorie. Bei Popper findet Brookes keine Kenntnisnahme des Informationsbegriffs in diesem umfassenden Sinne. Dabei handelt es sich um den Ausdruck jenes Hinauswachsens der Informationswissenschaft über die autonomistische Vorstellung einer "Welt" des (dokumentarisch festgelegten) Wissens. Sie verdankt ihre Entstehung der Suche nach neuen Wegen der Informationsvermittlung, wodurch der eigentliche Sinn des schriftlich fixierten und veröffentlichten Wissens, nämlich seine Mitteilung, zum Vorschein kommt.  

Brookes übernimmt und erweitert die Poppersche Ontologie. Es geht dabei nicht nur um den Unterschied zwischen den Gegenstäden der verschiedenen "Welten", sondern auch um die jeweiligen "Räume". So gibt es den "physical space" aber auch "mental spaces", die ihrerseits unterschiedlich im Falle von "Welt 2" und "Welt 3" sind. Brookes behält die kapselartige Vorstellung des Bewußtseins bzw. die Vorstellung von einzelnen in sich geschlossenen monadischen Subjektivitäten, mit ihren subjektiven "mental spaces". Demgegenüber stehen die Inhalte der "Welt 3") die ein meta-physisches Netzwerk von Bedeutungszusammenhängen bilden ("extra-physical entities which exist only in cognitive (mental or information) spaces"). Die Informationswissenschaft soll sich im wesentlich auf die Analyse dieser hypostasierten Inhalte beschränken. Diese werden "objektive Information" genannt, solange sie nicht ins "objektive Wissen" integriert worden sind. Gegenüber dem "mental space", wo die Bedeutungszusammenhänge strukturell integriert sind, stehen die ("schwer zugänglichen") subjektiven Wissensstrukturen.  

So gerechtfertigt die Analyse verobjektivierter Wissensstrukturen auch sein mag, die Drei-Welten-Metaphysik stellt die Dinge auf den Kopf, indem das eigentlich Primäre, nämlich die lebendige Mit-teilung eines bestimmten Weltverständnisses (z.B. durch eine "scientific community"), wovon das schriftlich fixierte Wissen einen Teil ausmacht, als das Subjektive und Unzugängliche bezeichnet wird. Damit wird weder für die "common sense theory of knowledge", noch für einen Psychologismus oder Soziologismus plädiert. Es handelt sich um die Kritik des Autonomismus, der, bedingt durch metaphysische Suppositionen, die konstitutionstheoretische Frage seiner Gegenstände unbeachtet läßt.  

So wird bei Popper, in einer Art von Immunisierungsversuch, die Autonomie der schriftlich fixierten Wissensgehalte mit einem "more or less" abgeschwächt, um sie anschließend argumentativ zu untermauern. Plakativ ist die Rede von einem "knowledge without a knower", diesmal aber ohne "more or less" (Popper, Objective Knowledge, S. 107). Für Brookes ist der "leere Raum" um uns mit "potentieller Information" erfüllt. Wir können ihn in einer allgemeinen Theorie der Information nicht ignorieren. Das Leben besteht aber nicht bloß aus Lesen und Schreiben" (Vgl. B. C. Brookes, op.cit. S. 132).

Wenn Popper und Brookes in Zusammenhang mit "Welt 3" von einem "Wunder" sprechen, dann stellt sich die Frage, ob das eigentliche "Wunder" nicht die gesamte, die Wissensgehalte und ihre schriftliche Niederlegung erst ermöglichende Stuktur ist. Ferner ist sich Brookes auch bewußt, daß sprachliche Thematisierungen keineswegs die Bedeutungs- zusammenhänge ausschöpfen bzw., daß wir nicht in einer mit einem "linguistischen Umschlag geschlossenen Welt" leben.  

Mit dieser Kritik wird also nicht die Objektivierung des Wissens bzw. eines Vorverständnisses in Frage gestellt und auch nicht die Möglichkeit einer logsichen Analyse und Darstellung von Wissensgehalten, ob in einem Buch niedergeschrieben oder elektronisch gespeichert. In Frage steht hier eine Metaphysik, die solche Wissensgehalte von den sie bedingenden Momente herauslöst, um anschließend das "Problem" der Beziehungen zwischen "autonomen Welten" zu stellen. Diese Idealisierung der Wissensgehalte gründet nicht zuletzt in der Vorstellung einer abgekapselten "Psyche" (in "the owner's body"!). Von einem solchen metaphysischen Paradigma her stellte schon Descartes die Frage nach der Existenz der "Außenwelt". Der Autonomismus mündet in einen Mentalismus, der nur nachträglich und ungenügend die Frage nach der "Nutzung" des "objektiven" oder besser "verobjektivierten" Wissens stellen kann. (Vgl. die Ergänzungen zum Popperschen Modell durch "kognitive" Gesichtspunkte bei P. Ingwersen: Psychological Aspects of Information Retrieval. In: Social Science Inf. Studies 4, 1984, S.83-95; ibid. A Cognitive View of Three Selected Online Search Facilities. In: Online Review, 8, 1984, 5, S. 465-492; Dazu v.Vf.: Epistemology and Information Science. Stockholm, 1985, TRITA-LIB-6023).  

Eine weitere Anwendung des platonistischen Modells, wenn auch mit grundlegenden Akzentverschiebungen und Ergänzungen, stellt der Ansatz von D. A. Kemp dar (D.A. Kemp: The Nature of Knowledge: An Introduction for Librarians, London 1976). Das kommt bereits zum Ausdruck, indem Kemp nicht von "objektive knowledge", sondern, in Anlehnung an J. H. Sheras  "social epistemology", von "social knowledge" spricht. Ferner steht im Mittelpunkt seiner Überlegungen die Frage nach der Wissens- vermittlung.

Als Fazit dieser Kritik können wir festhalten, daß der "menschenlose" und "weltlose" Platonismus am wenigsten geeignet scheint, eine tragfähige Grundlage für den Bereich der Fachinformation zu bilden. Dennoch spielen ohne Zweifel Fragen der Wissensdarstellung eine entscheidende Rolle in einer Hermeneutik der Fachinformation. Wissensdarstellungen stehen aber, wie A. Einstein einmal bemerkte, im Dienste der lebendigen Mitteilung und nicht umgekehrt:

"Knowledge exists in two forms - lifeless, stored in books, and alive in the consciousness of men. The second form of existence is after all the essential one; the first indispensable as it may be, occupies an inferior postion." (A. Einstein: Ideas and Opinions, London 1973, S. 342)"
(S. 88-98)  
 


 

II.2. Hermeneutische Auslegung einiger Grundzüge des Mensch-seins

Vorbemerkung   
a) Das Miteinandersein der Menschen in einer gemeinsamen Welt   
b) Der Grundzug der Mitteilung   
c) Der Praxis-Bezug und das Fragen

"Vorbemerkung

Die vorhergehenden Analysen haben in unterschiedlicher Weise auf bestimmte zum Teil grundsätzliche Unzulänglichkeiten erkenntnistheo- retischer Modelle aufmerksam gemacht. Sie bezogen sich auf die dadurch entstandene Unangemessenheit der Thematisierung bestimmter Grundzüge des Mensch-seins. Die Kritik setzte vor allem aus der philosophischen Hermeneutik gewonnene Einsichten voraus, die jetzt entfaltet werden sollen." (S. 98)

"Die folgenden hermeneutischen (also vorläufigen!) Auslegungen einiger Grundzüge des Mensch-seins sind insbesondere den Ansätzen von Martin Heidegger und Medard Boss (Grundriss der Medizin, Bern 1975), sowie auch von Hannah Arendt verpflichtet. Sie werden hier soweit entfaltet, als es für die uns bevorstehenden Fragen von besonderer Bedeutung erscheint." (S. 100)

"a) Das Miteinandersein der Menschen in einer gemeinsamen Welt

Zu sagen, daß wir der einen gemeinsamen Welt aufgeschlossen sind, daß wir keine monadisch voneinander getrennte Subjektivitäten sind, sondern daß wir uns immer in und aus der Gemeinschaft mit anderen Menschen verstehen und daß wir uns dabei bei denselben Denken unserer gemeinsamen Welt aufhalten, mag wie eine triviale Feststellung erscheinen, und dennoch, wie wir gesehen haben, wird dieses Faktum übersehen bzw. nur verzerrt dargestellt. Entscheidend ist auch, daß dieser öffentliche Raum, den wir gemeinsam konstituieren, von jedem von uns auf seine eigene Weise vollzogen wird. Wir sind also hier fern von der Vorstellung von weltlosen "Psyche-Kapseln". Boss hat diesen Unterschied klar herausgearbeitet. Wörtlich schreibt er:
"Unter dem Phänomen solch wesensmäßigen Miteinander- seins der Menschen in einer gemeinsamen Welt ist nichts dergleichen wie das Vorhandensein einzelner Subjekte vorzustellen, ausgestattet mit je einem abgegrenzten, irgendwo an einer bestimmten Raumstelle vorhandenen Bewußtseins- oder Psyche-Bereich, in den hinein Abbilder von Außenweltobjekten gespiegelt würden. Es bliebe (...) auf immer rätselhaft, wie ein so geartetes Subjekt auch nur zu einem Wissen vom Bestehen einer Außenwelt gelangen könnte. Es könnte auch nie die Natur eines solchen bewußtseins- immanenten Abspiegelungsvorganges begriffen werden. Wäre zudem menschliches Existieren zunächst von der Verfassung einer solch vereinzelten subjekthaften Psyche, würden die Menschen unter sich auch gar nie von den Dingen und Mitmenschen unmittelbar als den gemeinten Dingen und Mitmenschen sprechen können. Sie wären immer nur imstande, deren Abbilder in ihrer eigenen Psyche drinnen zu betrachten und über solche hin und her zu reden, zu dialogisieren. Das Phänomen des miteinander Verhanelns von Menschen zeigt indessen von sich her nichts von einem Dialog zwischen einem Psyche-Inneren und einem anderen Psyche-Inneren über irgendwelches innerpsychisches 'Material'. (...)   
Faktisch ist im Gegenteil beim Miteinandersein von Menschen nie etwas anderes zu sehen, als daß sie sich immer schon miteinander bei denselben Dingen ihrer gemeinsamen Welt selbst aufhalten. Dabei vollzieht freilich jedes einzelne Da-sein seinen mit den Mitmenschen gemeinsam zu bestehenden Welt-Aufenthalt auf seine eigene und einzigartige Weise. Seine Grenzen sind durch Zahl und Art der Verhaltensmöglichkeiten bestimmt, die ein jeweiliges Da-sein konstituieren." (M. Boss, Grundriss, S. 186 ff)"
(...) Die Art, wie der Mensch räumlich und zeitlich "anwest" (bzw. "da ist"), hat ihre eigene Bewandtnis. Das Eigentümliche des Im-Raume-seins des Menschen,  gegenüber den bloß ihren Volumen nach einnehmenden Dingen ist, so Boss wörtlich,   
"durch Offenes, Freies, Gelichtetes von solcher Art ausgezeichnet, daß durch dessen Durchlässigkeit hindurch die anwesenden Gegebenheiten den Menschen mit ihren Bedeutsamkeiten und Verweisungszusammenhängen anzu- sprechen vermögen." (ebda. S. 57)
Wir sind also, auch im Falle des Bezuges auf entfernte bzw. gewesene Dinge, immer auf sie selbst, und nicht etwa auf ihre Abbilder, bezogen. Mit der Räumlichkeit unseres In-der-Welt-seins ist immer auch die Zeitlichkeit angesprochen. Gemeint ist damit der Sachverhalt der Dreidimensionalität der Zeit. Im Gegensatz zur Dreidimensionalität des Raumes, wird jene öfter nicht im Hinblick auf die Zusammengehörigkeit ihrer Momente, sondern als eine Art von Linie bzw. Reihe von "Jetzt-Punkten" vorgestellt. Dabei wird aber übersehen, daß wir stets die drei Dimensionen, nämlich Zukunft, Vergangenheit, Gegenwart, wenn auch nicht gleichmäßig, so doch in ihrem gegenseitigen Bezug zeitigen."(S. 100-105)

"b) Der Grundzug der Mitteilung

Von der gemeinsamen raum-zeitlichen Mit-teilung der Welt her ist auch das Phänomen der zwischenmenschlichen Mitteilung bzw. Kommunikation zu sehen. Information ist, so Boss wörtlich,  
"Mitteilung jeweils bestimmter Bedeutungsgehalte von Menschen an Menschen. Sie ist mitmenschliche Übermittlung von Bedeutungsgehalten, die den sich Informierenden jeweils von dem ihnen in ihrer gemeinsamen Welt Begegnenden her aufgehen." (ebda. S. 56)
Wir weisen also, sei es durch Verlautbarung oder durch das Niederschreiben, auf die uns aufgehenden Bedeutungsgehalte hin.

Zu Beginn dieser Untersuchungen (vgl. I,1) haben wir bereits auf die Struktur und Rolle des Phänomens des Vorverständnisses aufmerksam gemacht. Vor dem jetzt gewonnenen Hintergrund soll das Gesagte wiederaufgenommen und entfaltet werden.

Wir sahen, daß das Vorverständnis (V3) in bezug auf den Offenheitsbereich, wo wir uns gemeinsam aufhalten, die Voraussetzung für das Verstehen von bestimmten Bedeutungs- und Verweisungs- zusammenhängen ist. Öfter bleiben diese (technischen, beruflichen, familiären usw.) Weltbezüge unthematisch bzw. sie sind uns vorgegeben.   
(...)  
Vor diesem Hintergrund muß auch die von Heidegger angesprochene Struktur der Mitteilung im Sinne einer Artikulation des verstehenden Miteinanderseins" hervorgehoben werden (M. Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1976, S. 162). In bezug auf die Struktur des Verstehens, die im Begriff des Vorverständnisses durch die Vorsilbe "Vor-" bezeichnet wird, hat Heidegger drei Momente unterschieden, nämlich:  

  • den bereits verstandenen Bedeutungszusammenhang, von wo aus etwas untersucht wird (die "Vorhabe")
  • die bestimmte Hinsicht, worunter das Auszulegende gestellt wird (die "Vorsicht")
  • und schließlich, die jeweilige Begrifflichkeit, die durch die Hervorhebung bzw. Ausklammerung bestimmter Bedeutungs- zusammenhänge vorgezeichnet wird (der "Vorgriff") (M. Heidegger, Sein und Zeit, S. 32)
Diese Struktur spielt in einer Hermeneutik des Information Retrieval eine besondere Rolle. (...)
Man könnte in diesem Zusammenhang den (idealistischen) Einwand erheben, entscheidend sei nicht die Mitteilung, sondern die Freiheit des Denkens, die sich unabhängig von jener, im eigenen "geistigen Reich" entfalten kann. Allein, ein solcher Einwand übersieht den von Kant folgerichtig dargelegten Zusammenhang zwischen Denken und Mitteilung. Wörtlich schreibt er:  
"Die Freiheit zu denken ist erstlich der bürgerliche Zwang entgegengesetzt. Zwar sagt man: die Freiheit zu sprechen, oder zu schreiben, könne uns zwar durch obere Gewalt, aber die Freiheit zu denken durch sie gar nicht genommen werden. Allein, wie viel und mit welcher Richtigkeit würden wir wohl denken, wenn wir nicht gleichsam in Gemeinschaft mit anderen, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, dächten! Also kann man wohl sagen, daß diejenige äußere Gewalt, welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich mitzuteilen, den Menschen entreißt, ihnen auch die Freiheit zu denken nehme: das einzige Kleinod, das uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt, und wodurch allein wieder alle Übel dieses Zustandes noch Rat geschaffen werden kann." (I. Kant: Was heißt: Sich im Denken orientieren?, Akademie-Textausgabe, Berlin 1968, 325 ff)
In unserer Zeit muß man lediglich dazu präzisieren, daß der Mitteilungsprozeß des schriftlich fixierten Wissens, zumal im Bereich der Fachinformation, seinen Sinn nicht mehr allein durch Veröffentlichungs- vorgang zu erfüllen vermag. Ein Mittel, die Transparenz und somit die Publizität des schriftlich Mitgeteilten zu erhalten, stellen die bibliographischen Datenbanken und die Methode des Information Retrieval dar. Die Aussage Kants ließe sich also in diesem Sinne überspitzt formulieren, etwa daß diejenige äußere Gewalt, welche die Freiheit, seine veröffentlichten Gedanken anderen so vermitteln zu können, daß sie auch im Prinzip davon Kenntnis nehmen können, dem Menschen entreißt, ihm auch in dieser Hinsicht die Freiheit mitzuteilen und somit auch zu denken nimmt." (S. 105-110) 

"c) Der Praxis-Bezug und das Fragen

"(...) Der Praxis-Bezug, das, was Hannah Arendt "vita activa" nennt, umfaßt zum einen den "besorgenden" Umgang mit den Denken und zum anderen das "fürsorgende" Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Im ersten Fall ist (...) auch das theoretische Verhalten im Sinne eines "unumsichtigen" bzw. methodischen Hinsehens auf die Dinge miteingeschlossen. In der Sprache Arendts umfaßt die Praxis die Tätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns. Diesen Tätigkeiten geht das Miteinandersein in einer gemeinsamen Welt voraus. Hannah Arendt schreibt:  
"Die Vita activa, menschliches Leben, sofern es sich auf Tätigsein eingelassen hat, bewegt sich in einer Mensch- und Dingwelt, aus der es sich niemals entfernt und die es nirgends transzendieert. Jede menschliche Tätigkeit spielt in einer Umgebung von Dingen und Menschen; in ihr ist sie lokalisiert und ohne sie verlöre sie jeden Sinn. Diese umgebende Welt wiederum, in die ein jeder hineingeboten ist, verdankt wesentlich dem Menschen ihre Existenz, seinem Herstellen von Dingen, seiner pflegenden Fürsorge des Bodens und der Landschaft, seinem handelnden Organisieren der politischen Bezüge in menschlichen Gemeinschaften." (H. Arendt, Vita activa, München 1983, S. 27)
Diese von den Menschen konstituierte Welt ist sowohl im "Bezugsgewebe" (Arendt) ihrer Auseinandersetzung mit den Naturdingen als auch in dem ihrer herstellenden Tätigkeit immer schon von jenem anderen Bezugssystem bedingt,   
"das aus den Taten und Worten selbst, aus dem lebendig Handln und Sprechen entsteht, in dem Menschen sich direkt, über die Sachen, welche dem jeweiligen Gegenstand bilden, hinweg aneinander richten und sich gegenseitig ansprechen." (Arendt, ebda. S. 173)
Gemeinsam bilden diese Bezüge die "Interessen" der Menschen, d.h. das, was "zwischen ihnen" entsteht. Diese können sich nur (weiter-)bilden, wo der Erscheinungsraum, der uns gemeinsam ist, auch als solcher durch den "Gemeinsinn" anerkannt wird. Die Entfremdung dieses Raumes, z.B. durch den Rückzug in die Subjektivität in der Vorstellung einer "Psyche-Kapsel" oder durch die einseitige Betonung des Herstellens in der Konsumgesellschaft, beginnt in der Neuzeit und erreicht einen Höhepunkt, so Arendt, mit dem Sieg des "animal laborans" in der modernen Gesellschaft. Gleichzeitig erreicht die denkende bzw. fragende Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt jenen "archimedischen Punkt", wodurch der Mensch nicht bloß an seinen irdischen, sondern vor allem an seinen kosmischen Ursprung erinnert wird, freilich ohne die Frage nach seiner "Natur" beantworten bzw. aufheben zu können.

(...) Aus dem Gesagten geht u.a. hervor, daß sowohl der "besorgende" als auch der "fürsorgende" Vollzug unsers In-der-Welt-seins verstehend-auslegend d.h. fragender Natur ist. Dabei geht es von den "prinzipiellen" Fragen, wie etwa die "Seinsfrage", über die wissenschaftlichen Fragen bis hin zu den Alltagsfragen. Wenn das Fragen ein Grundzug unsers Mensch-seins ist, dann sind Aussagen, wie die Hermeneutik lehrt, immer schon Antworten auf Fragen und wir können nur verstehen, wenn die vorgängige Frage verstanden wird. Diese hat, wie Hans-Georg Gadamer betont,  

"ihre eigene Sinnrichtung und ist durchaus nicht aus einem Geflecht hintergründiger Motivationen zu gewinnen, sondern im Ausgreifen zu weiteren Sinnzusammenhängen, die von der Frage umfaßt und in der Aussage angelegt sind." (H.-G. Gadamer: Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft, Frankurt a.M. 1980, S. 101)
Fragen ist freilich nicht gleich Fragen. "Echte" Fragen unterscheiden sich von Scheinfragen dadurch, wie Gadamer zeigt, daß sie offen sind bzw. daß das Gefragte offen steht. Ferner ist diese Offenheit nicht eine uferlose, sondern ein Fragehorizont umgrenzt sie. Dieser Horizont fehlt etwa bei "schiefen" Fragen. Ferner ist die Kunst des Fragens auch immer die des Weiterfragens, wobei es im Gegensatz zum bloßen Argumentieren, um die Sache geht. Der Horizont des Fragenden, etwa im Falle des Textverstehens, hebt sich vom Horizont, von dem aus das Gefragte verstanden wurde, ab. Die Zusammenkunft dieser beiden Horizonte bzw. die Bildung eines neuen, bezeichnet Gadamer mit dem schon erwähnten Terminus der "Horizontverschmelzung". Fragen bedeutet also nicht das bloße Verstehen einer fremden Meinung, sondern das Offenlegen von Sinnmöglichkeiten (H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen 1975, S. 344).  

Von hier aus läßt sich der Begriff des Problems als eine Ablösung des Frageinhalts aus dem Fragezusammenhang (Gadamer) auffassen. Demgegenüber wird aber hervorgehoben, daß der Problembegriff, z.B. in den Wissenschaften, ein zusätzliches Moment gegenüber dem allgemeinen Prozeß von Frage und Antwort, nämlich das der Konstruktion, enthält.

Dazu ist zu bemerken, daß Problemstellungen den entsprechenden Horizont so bestimmen, daß dadurch auch die möglichen Lösungen vorgezeichnet werden. Aristotelisch gesehen, stehen "Probleme" in einem besonderen dialektisch-argumentativen Zusammenhang. Dieser aber, sofern es sich nicht um Scheinprobleme handelt, entsteht wort, wie Chr. Wild bemerkt,

"wo der theoretische oder praktische Zusammenhang von Erkanntem oder Anerkanntem fraglich wird." (Chr. Wild: Problem. In: H.  Krings, H.M. Baumgartner, Chr. Wild Hrsg.: Handbuch philosophischer Grundbegriffe, München 1973, S. 1144) (meine Hervorhebung)
Insofern lassen sich Probleme auf Fragen zurückführen bzw. als eine besondere Form des Fragens auffassen. Das "Fortschreiten von Problem zu Problem" (Popper) in den Wissenschaften, ist ein Fortschreiten innerhalb des beschränkten Fragehorizonts einer Methode und einer bestimmten Begrifflichkeit. Beide lassen sich aber in Frage stellen (!), sogar grundsätzlich, wie im Falle "wissenschaftlicher Revolutionen". In bezug auf die dialektisch-argumentative Kommunikationsform für die Behandlung von Problemen stellt sie ihrerseits, sofern sie nicht sophistisch oder bloß "rhetorisch" ist, eine besondere Form des oben dargelegten Mitteilungsprozesses dar.   

Wild erwähnt die drei Bedingungen, die nach Descartes den Prozeß eines erkenntnisgewinnenden Fragens bestimmen, nämlich:  

  • in jeder Frage muß etwas unbekannt ("ignotum") sein, sonst wäre ja nichts zu untersuchen;
  • dieses Unbekannte muß irgendwie bezeichnet sein ("designatum"), sonst könnten wir nicht nach ihm fragen;
  • dieses Unbekannte kann nur durch etwas Bekanntes ("cognitum") bezeichnet werden.
(R. Descartes: Regulae ad directionem ingenii, Reg. XIII)  

In bezug auf den Problembegriff kommt, wie Wild hier ausdrücklich sagt, das Moment der Konstruktion "zusätzlich" (!) (Descartes sagt: "insuper") hinzu. Descartes erläutert die Bedingungen des sachgemäßen Fragens mit einem Beispiel, das unmittelbar mit der Methode des Information Retrieval in Verbindung gebracht werden kann: wenn wir nach der Natur des Magneten fragen, dann gehen wir davon aus, daß das, was wir mit diesen zwei Wörtern, nämlich Magnet ("magnes") und Natur ("natura") meinen, kennen und nach dem Unbekannten an den Dingen selbst durch die Verbindung dieser Wörter fragen ("quaerendum").  

Im Falle der "quaestion perfecta", worauf Wild den Problembegriff bezieht, stehen die Lösungsmöglichkeiten fest. Gegenüber der Annahme Descartes, daß alle "quaestiones imperfectas" in "quaestiones perfectas" umgewandelt werden können, ist zu fragen, ob nicht umgekehrt, die Problemlösungen als Problemlösungsversuche aufzufassen sind, so daß die Probleme, durch den nicht abschließbaren Prozeß des Fragens, immer wieder neu, d.h. in Zusammenhang mit neuen Fragehorizonten, gestellt werden können.  

Diese Möglichkeit ist dadurch gegeben, daß in der "quaestio perfecta" ein Reduktionsprozeß stattfindet, wodurch bestimmte Aspekte als "überblüssig" betrachtet werden ("ab omni superfluo conceptu abstrahendam, eoque reducendam"), die wiederum in einer anderen Hinsicht, die gefundene Lösung als fraglich erscheinen lassen können."  
(S. 112-118)

 
 
  

II.3. Zur Konstitutionstheorie der Fachinformation 

Vorbemerkung  
a) Das Miteinandersein der Fachleute in einer gemeinsamen Welt: die Fachgemeinschaft   
b) Die fachliche Erschließung der Welt: das Fachgebiet   
c) Der fachliche Mitteilungsprozeß: die Fachkommunikation

Vorbemerkung

"Vor dem Hintegrund des gewonnenen Vorverständnisses bezüglich einiger Grundzüge des Mensch-seins soll jetzt der Versuch unternommen werden, einen Begriff der Fachinformation zu entwickeln. Es geht dabei um die Erarbeitung der konstitutiven Elemente dieses Sachverhaltes, die der am Anfang vorgelegten phänomenologischen Analyse unthematisch zugrundeliegen (vgl. I.2). Folgende Begriffsmomente sollen freigelegt werden:  
a) Das Miteinandersein der Fachleute in der gemeinsamen Welt: die Fachgemeinschaft.  
b) Die fachliche Erschließung der Welt: die Fachgebiete.  
c) Der fachliche Mitteilungsprozeß: die Fachkommunikation.  

Fachinformation, so lautet unsere These, wird durch die Einheit dieser drei Momente konstituiert. Wir stimmen hiermit grundsätzlich mit der von Henrichs in Anschluß an Peirce entwickelten Informationshermeneutik überein. Der vorliegende Ansatz unterscheidet sich aber von ihr dadurch, daß hier eine zum Teil verschiedene Begrifflichkeit vorausgesetzt wird, wodurch bestimmte Sinnzusammenhänge sich entwickeln lasen, die in der Semiotik angedeutet werden. Ferner soll unser Ansatz das Phänomen der Fachinformation spezifisch erörtern. Entscheiden für beide Ansätze bleibt die Einsicht in die Einheit der drei Begriffsmomente bzw. die Kritik an einseitigen Hypostasierungen." (S. 119-120)

"a) Das Miteinandersein der Fachleute in einer gemeinsamen Welt: die Fachgemeinschaft

So wenig die Vorstellung von "Psyche-Kapseln" dem Phänomen des Miteinanderseins der Menschen in einer gemeinsamen Welt gerecht wird, sowenig kann auch von atomisierten Fachleuten gesprochen werden. Ein Fachmann "ist" nicht, d.h. ein Fachmann ist nicht zunächst vereinzelt, um anschließend, aus seinem "Psyche-Inneren" hinausgehend, die ihn betreffenden Sachverhalte sowie seinen Fachkollegen zu begegnen. Unserem Ansatz entsprechend, gibt es immer schon das Miteinandersein der Fachleute in einer Fachgemeinschaft. Ferner, versteht sich eine Fachgemeinschaft im Zusammenhang mit den gemeinsam theoretisch und/oder praktisch verrichteten Dingen selbst ("prágmata"). Von dieser "pragmatischen" Dimension her, bestimmt eine Fachgemeinschaft, mit unterschiedlichem Ausdrücklichkeitsgrad, den Horizont ihres Handelns, innerhalb dessen konkrete Bedeutungs- und Verweisungszusammenhänge sich bilden können.  

Wenn im Falle der gemeinsam geteilten Weltoffenheit von "Öffentlichkeit" die Rede war, so können wir hier von "Fachöffentlichkeit" sprechen. Diese ist demnach keine "zusätzliche" Öffentlichkeit, sondern sie ist durch die Ausdrücklichkeit eines bestimmten Vorverständnisses gekennzeichnet. Dabei werden die jeweils thematisierten Bezüge sowie die Fachgemeinschaft selbst auf unterschiedliche Weise von anderen Fachgemeinschaften bzw. von anderen Bezugssystemen beeinflußt. Damit sind z.B. die eigene Art und Weise, wie der einzelne Fachmann seine Fachbezüge aber auch sonstige Verhaltensmöglichkeiten bestimmt (sein "Persönlichkeitssystem"), gemeint.

"Fachöffentlichkeit" ist also eine bestimmte von einer Fachgemeinschaft ausdrücklich mit-geteilte Verweisungsganzheit, wozu z.B. gemeinsame Theorien, Probleme, Geräte, Handlungen, Interessen, Einsichten gehören. Erst in Zusammenhang mit einer Fachgemeinschaft ist es sinnvoll, von Fachkommunikation im Sinne des dort stattfindenen Mitteilungsprozesses, und von Fachinformation im Sinne der mitzuteilenden fachlichen Bedeutungsgehalte zu sprechen." (S. 121-122)

b) Die fachliche Erschließung der Welt: das Fachgebiet

Als Korrelat einer Fachgemeinschaft gilt ein Fachgebiet. Das Wort ist, wie am Anfang erwähnt, mehrfah vorbelastet. Es hat seinen Ursprung im wissenschaftlichen bzw. universitären Bereich und kennzeichnet zunächst eine zum Teil beliebige "schubladenartige" Wissenseinteilung, wovon die "eigentlichen" Fragen bzw. Probleme sich abheben. Es ist Popper zuzustimmen, wenn er sagt, daß wir (!) keine Disziplinen ("subject matter", "discipline"), sondern Probleme ("problems") studieren (K.R. Popper: Conjectures and Refutations, London 1965, S. 67). Diese können quer durch die Grenzen verschiedener Disziplinen gehen. Die Probleme werden nicht aus einer vorgängigen Definition des zu untersuchenden Sachverhaltes abgeleitet ("Essentialismus"9, sondern sie entstehen im Zusammenhang mit einer bestimmten Tradition, innerhalb derer eine Theorie diskutiert oder empirisch überprüft wird.

Insofern könnten Theorien doch so etwas wie "Disziplinen" bilden, die als "lockere Gruppierung" ("loose cluster") von revidierbaren Theorien aufzufassen wären. Popper verfällt, wie wir gesehen haben, in einem "Platonismus" bzw. "Theoretizismus", indem er von einer "Welt von Problemen an sich" spricht und den (zum Teil selbstwidersprüchlichen) Versuch unternimmt, diese "Welt" von ihrem strukturellen Zusammenhang mit dem Miteinandersein der Menschen in einer gemeinsamen Welt zu trennen. Der Poppersche Ansatz ist zudem einseitig, indem das "theoretische" Verhalten gegenüber dem "praktischen" Umgang mit den Dingen den Vorrang hat.

Popper kritisiert mit Recht den Szientismus bzw. den wissenschaftlichen Dogmatismus positivistischer Prägung, stellt aber, mit seinem "Falsifikationismus", neue Kriterien der Wissenschaftlichkeit auf, die zu einem "Szientifizismus" führen. P. Feyerabend und M. Polanyi haben auf unterschiedliche Weise auf die Fragwürdigkeit dieses Ansatzes hingewiesen.

Demgegenüber ist also zunächst hervorzuheben, daß in derselben Weise wie "Theorien" einen vorgängigen und notwendigen Entwurf des betreffenden Sachverhaltes darstellen, sie die entsprechenden Fragestellungen bzw. Fachfragen ermöglichen. So sind auch Fachleute im Falle ihres "praktischen" Handelns bei den Sachen selbst ineinem vorweg erschlossenen Bedeutungs- und Verweisungszusammenhang. Wenn also weder der theoretischen noch der praktische Umgang einer Fachgemeinschaft sich "im luftleeren Raum" abspielt, sondern immer schon eine Erschlossenheit voraussetzt, und wenn diese vorverstandene Erschlossenheit thematisiert wird, so daß die Kenntnis einer solchen Thematisierung Voraussetzung für das Verstehen der Sache bzw. für die jeweiligen theoretischen oder praktischen Fragestellungen ist, dann kann eine solche thematisierte und eingegrenzte Erschlossenheit Fachgebiet genannt werden. Gemeint sind damit nicht bloß "Disziplinen", sondern auch "Aufgaben" oder "Probleme".  

Ein unmittelbares Verstehen eines Sachverhaltes kann durchaus möglich und "sachlich" sein, ohne daß es sich aber dabei um ein "fachliches" Verstehen handelt, in dem die mit dem Sachverhalt zusammenhängenden Bedeutungen und Verweisungen thematisiert werden. Eine solche fachliche Thematisierung ist durch jene drei Momente des Verstehens gekennzeichnet, die auch dem unthematischen Verstehen zugrundeliegen, nämlich durch:

  • den vorverstandenen hier aber thematisierten bzw. fachlichen Bedeutungszusammenhang, von wo aus etwas untersucht wird oder den Rahmen für die berufliche Praxis bildet,
  • die bestimmte fachliche Hinsicht, worunter das Auszulegende gestellt wird bzw. worauf ein fachbezogener Handlungsprozeß abzielt,
  • und durch die fachliche Begrifflichkeit, wodurch der jeweilige theoretische oder praktische Handlungsbereich von anderen möglichen Zusammenhängen abgegrenzt wird.
Der in Zusammenhang mit einem Fachgebiet von einer Fachgemeinschaft mit-geteilte fachliche Bedeutungsgehalt kann dadurch Fachinformation genannt werden.

Von dieser Bestimmung des Begriffs des Fachgebiets aus läßt sich die am Anfang erörterte Einsicht begründen, daß der Ausdruck "Fach-" zwar immer eine Einschränkung des Blickes bedeutet, daß diese aber weder formal noch inhaltlich noch theoretisch oder praktisch vorbestimmt ist (vgl. I.2.c). Mit anderen Worten, mit dem Begriff des Fachgebietes sollen nicht primär wissenschaftliche bzw. theoretische Bedeutungszusammenhänge eher als Zusammenhänge aus der beruflichen Praxis bezeichnet werden. Damit soll auch nicht an bestimmte "etablierte Fächer" gegenüber "neuen", die sich im Hinblick auf jene Einteilungen als "Querschnitte" erweisen, der Vorrang gegeben werden. Entscheidend bliebt aber, daß eine Fachgemeinschaft ein solches Korrelat, wie provisorisch oder dauerhaft auch immer, bildet. Da es sich dabei um eine Einschränkung des gemeinsam mit-geteilten Offenheitsbereiches handelt, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern eine solche Offenheit gewahrt bleibt, d.h. inwiefern trotz der fachlichen Vielfältigkeit die allen gemeinsam betreffenden Bezüge stets weiterhin mit-geteilt werden, so daß die Sinnmöglichkeiten, "problematischen Situationen" usw. unter dem jeweiligen fachlichen Gesichtspunkt auch erschlossen werden.

Die Begrifflichkeit eines Fachgebietes wird Fachsprache genannt. Wir sahen, daß die Sprache selbst kein hypostasiertes Substrat bildet, sondern stets in Zusammehang mit den uns ansprechenden Gegebenheiten wächst, so daß sich das Verstehen durch die artikuliert. Fachsprachen sind die Artikulation einer Fachgemeinschaft im Prozeß ihrer verstehenden Auseinandersetzung mit den von ihr thematisierten Bedeutungszusammenhängen.

Fachbegriffe sind keine Etiketten, sondern Wegweiser, die in einer bestimmten "Gegend" bzw. innerhalb eines, wie Kant sagt, "Entwurfes der Vernunft" auf ein Mögliches hinweisen. So deutet Carl-Friedrich von Weizsäcker in Anschluß an Georg Picht (und dieser wiederum im Hinblick auf Aristoteles) Begriffe als Wegweiser (Zum Weltbild der Physik, op.cit. S. 266 ff). Kant beschreibt das allmähliche Einleuchten dieses Sachverhaltes mit folgenden Worten:

"Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müssen, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müssen; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf." (I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B XIV)
Im gleichen Sinne weist Heidegger auf das "Vorbildliche der mathemati- schen Naturwissenschaft" hin, nämlich 
"daß in ihr das thematisch Seiende so entdeckt, wie Seiendes einzig entdeckt werden kann: im vorgängigen Entwuf seiner Seinsverfassung." (Heidegger, Sein und Zeit, op.cit. S. 362)
Mit der Ausarbeitung eines solchen Entwurfes hängen, nach Heidegger,   
"die Leitfäden der Methoden, die Struktur der Begrifflichkeit, die zugehörige Möglichkeit von Wahrheit und Gewißheit, die Begründungs- und Beweisart, der Modus der Verbindlichkeit und die Art der Mitteilung" zusammen (ebda. S. 362, meine Hervorhebung)
Entscheidend also für die Bildung fachlicher Bedeutungsgehalte ist die vorgängige Erschließung eines Fachbereiches, wodurch ein Vorverständnis gebildet wird, das stets offen bzw. revidierbar bleibt. Das Vertrautsein einer Fachgemeinschaft bzw. eines Fachmanns mit "seiner Gegend" bildet die Voraussetzung für das Verstehen der Fachsprache. Ein solches Vorverständnis bleibt meistens unausdrücklich bzw. wird jeweils vorausgesetzt. Dieses Vorverständnis bzw. Vertrautsein kennzeichnet den Fachmann gegenüber dem "Laien".  

So bildet der jeweilige "corpus" an Theorien, Einsichten, Vermutungen usw. eines Fachgebietes kein "autonomes" Reich der Ideen, sondern ist das Korrelat einer Fachgemeinschaft und Teil ihres thematisierten Vorverständnisses. Die bloße Akkumulation von Einzelerkenntnissen ergibt nie so etwas wie ein Fachgebiet, sondern setzt dieses jeweils voraus. Die Frage nach der Ordnung des in einem Fachgebiet kummulierten Wissens ist somit eine sekundäre Frage, d.h. sie bleibt stets von den möglichen Änderungen des Vorverständnisses abhängig. Das ist besonders einsichtig im Falle "praktischer" Fachgebiete, in der die Sachverhalte selbst keinen strengen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind. Man denke an Fachgebiete wie Wirtschaft oder Politik aber auch etwa an technische Fächer. Die moderne Wissenschaftstheorie nennt bekanntlich solche Änderungen in den Wissenschaften "Paradigma-Wechsel" bzw. "wissenschaftliche Revolutionen".

Obwohl es also keine definitive Ordnung des Wissens gegen kann, bedingen fachliche Vorverständnisse mögliche vorläufige Ordnungssysteme, wie z.B. Fachklassifikationen und Thesauri, die auch zum Zwecke des Information Retrieval benutzt werden, wie noch zu zeigen ist. Im Vordergrund steht aber für eine Fachgemeinschaft die am Leitfacen eines Vorverständnisses sich stellenden Fragen im Hinblick auf die Sachverhalte selbst. Das Festhalten an einem klassifikatorischen Schema kann dabei genauso irreführend sein, wie die Verdogmatisierung eines Vorverständnisses oder einer bestimmten Begrifflichkeit.

Fachgebiete sollten also "durchlässige" Grenzen haben. Eine solche Durchlässigkeit gilt in verschiedener Hinsicht, wie J.M. Ziman in bezug auf die Physik folgendermaßen bemerkt: 

"Only a technical philistine would cut physics off from its own history; its place in modern civilization; its cultural links; its religious, spiritual, aesthetic significance. If 'the literature of physics' means any book or journal from which a physicist might gain information that would profit him in his professional scientific activities, then it would surely not exclude the writings of Plato or the drawings of Leonardo!" (J.M. Ziman: Introduction. In: H. Coblans, Ed.: Use of Physics Literature, London 1975, S. 9)
Grund für die Durchlässigkeit der Zusammenhänge ist die gemeinsam geteilte Welt. Eine weltlose bzw. für sich bestehende Konstruktion von "Problemen an sich" löst ein Fachgebiet strukturell vom konstituierenden Zusammenhang ab. Fachgebiete sind, wie wir gesehen haben,  wesentlich (Welt-)Entwürfe, deren Thematisierung und begrifflichen Ausarbeitung stets als mögliche Antwort auf die fragende Auseinandersetzung mit den Sachverhalten selbst verstanden werden soll.

Die in einem Fachgebiet erschlossenen fachlichen Bedeutungsgehalte verlieren nichts an ihrer "Objektivität" bzw. "Selbständigkeit", wenn man sie nicht primär als "autonom" gegenüber einem "Psyche-Bereich", sondern als Korrelat des Miteinanderseins der Menschen bzw. einer Fachgemeinschaft, die immer schon eine gemeinsame Welt mit-teilt, versteht. Die Möglichkeit, sie davon zu abstrahieren, setzt bereits eine solche Struktur voraus. Diese Struktur ist auch die Voraussetzung dafür, daß sie auch mitgeteilt werden können. Ein solcher Mitteilungsprozess gehört, wie Kant mit Recht bemerkte, untrennbar zum gemeinsamen Denkprozeß. Dieses dritte konstitutive Begriffsmoment des Phänomens der Fachinformation soll jetzt erörtert werden." (S. 126-132)

c) Der fachliche Mitteilungsprozeß: die Fachkommunikation

"Der Mitteilungsprozeß fachlicher Bedeutungsgehalte wird Fachkommunikation genannt. Im Hinblick auf diese Mitteilbarkeit können fachliche Bedeutungsgehalte als Fachinformationen bezeichnet werden. Die Kommunizierbarkeit von fachlichen Bedeutungsgehalten stellt den Kern einer Theorie der Fachinformation dar (Vgl. N. Henrichs: Informationswissenschaft und Wissensorganisation. In: W. Kunz Hrsg.: Informationswissenschaft. Heidelberg 1976, S. 168) Ihre konstitutiven Elemente sind zunächst, wie wir gesehen haben, ihre Mit-teilbarkeit durch eine Fachgemeinschaft und ihre Thematisierung im Zusammenhang mit einem Fachgebiet. Diese Thematisierung ist Bedingung dafür, daß fachliche Bedeutungsgehalte dargestellt und somit auch mitteilbar werden.  

Zwei Grundmodi zwischenmenschlicher Mitteilung sind Rede und Schrift. Diese Kommunikationsmodi kommen nicht zusätzlich zum Prozeß des Denkens bzw. Thematisierens, sondern jede Thematisierung und Darstellung fachlicher Bedeutungsgehalte ist bereits ein Denken und Handeln in Gemeinschaft. Der Begriff der Fachkommunikation läßt sich demnach folgendermaßen unterscheiden:  

  • wissenschaftsbezogene Fachkommunikation,
  • berufspraxisbezogene Fachkommunikation,
  • bürgerbezogene Fachkommunikation
(Vgl. K. Lenk: Anforderungen der Kommunikationsgrundrechte an die Fachinformationsversorgung. In: Archiv für Urheber- Film- und Theaterrecht, 96, 1983, S. 5-39).

Aufgrund des prinzipiellen öffentlichen, d.h. zum Offenheitsbereich einer Fachgemeinschaft gehörenden Charakters fachlicher Bedeutungsgehalte, kann von der Publizität bzw. vom "Veröffentlichungscharakter" der Fachinformation die Rede sein. "Fachkommunikation entzieht sich", wie K. Lenk betont, "der geläufigen Dichotomisierung der Kommunikation in Individualkommunikation und Massenkommunikation. Fachkommunikation ist auch als (personale) Individualkommunikation möglich." (eda. S. 6)
(...)  
Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Kommunikationsformen in der beruflichen Praxis kommt in der Funktion des Informationsvermittlers ("information broker") besonders deutlich zum Vorschein. So stelle diese, z.B. in einer Industriefirma, den persönlichen Bezug innerhalb der Firma dar, während sie gleichzeitig die Literatur eines Fachgebietes verfolgen und informelle Kontakte "nach außen" pflegen. Dieser Zusammenhang ist im Hinblick auf die Prozesse des Technologietransfers und der Innovation besonders wichtig. Eine solche Rolle kann, wie Lancaster mit Recht bemerkt (F.W. Lancaster: Information Retrieval Systems, New York 1979, S. 306), auch auf nationaler Ebene von Bedeutung sein. In der beruflichen Praxis, in der es also um die Suche nach konkreten Lösungen  bzw. um Entscheidungsfindungsprozesse geht, hebt Lancaster das unerläßliche Moment der Interpretation bzw. der Anwendung der vorhandenen Kenntnisse auf den Einzelfall hervor (ebda. S. 309).   

Es handelt sich hier um den hermeneutischen Vorgang der Applikation: in erster Linie kann der Fachmann, der die Sachverhalte und die Literatur seines Fachgebietes kennt, im Einzelfall diesen Vorgang vollziehen. Die Literatur eines Fachgebietes, schreibt Lancaster, liefert von sich aus keine fertigen Rezepte. Sie bleibt, sowohl in bezug auf theoretische als auch auf praktische Probleme, stets interpretationsbedürftig. Dieser hermeneutische Charakter des schriftlich fixierten Fachwissens unterstreicht erneut die Einheit der konstitutiven Momente der Fachinformation." (S. 132-140)

 

 
 
  

III. ZUR HERMENEUTIK DES INFORMATION RETRIEVAL

III.1. Hermeneutische Fragen beim Aufbau von Datenbasen    
III.2. Hermeneutische Fragen beim Retrieval    
III.3. Das Information Retrieval als Beitrag zur Sozialisation der Fachinformation 
   
 
 
   

III.1. Hermeneutische Fragen beim Aufbau von Datenbasen 

Vorbemerkung
a) Das Vorverständnis der Fachklassifikation
b) Das Vorverständnis der Indexierung   
c) Das Vorverständnis des Referierens

Vorbemerkung  

"Es war vermutlich Calvin N. Mooers, der 1950 den Ausdruck "information retrieval" für das Suchen und Auffinden von "Informationen" aus einem Computerspeicher prägte "(Vgl. R. Kuhlen, Hrsg.: Datenbasen, Datenbanken, Netwerke, München 1979, Bd. 1, S. 15). Die Entwicklung begann mit der Erstellung von bibliographischen Datenbasen. Die dabei suchbare und auffindbare Information besteht aus den Hinweisen zur veröffentlichten (einschließlich "grauen") Literatur eines Fachgebietes. Obwohl der Begriff des Information Retrieval ursprünglich die Informationen selbst und nicht so sehr die Information über Dokumente meinte, wurde und wird er heute zum Teil noch mit "Referenz-Retrieval" gleichgesetzt (G. Salton, J.J. McGill: Introduction to Modern Information Retrieval, New York 1983, S. 7ff).  

Dennoch, wie wir am Anfang gesehen haben, stellen bereits "Referenz-Datenbasen" eine Möglichkeit des Information Retrieval dar. Hinzu kommen die "Quellen-Datenbasen", die die gesuchte Information selbst, sei es numerische oder textuelle, anbieten. Man spricht hier auch von Daten-/Fakten-Retrieval. Eine weitere daran anschließende Entwicklung bilden die sogenannten Expertensysteme mit der damit zusammenhängenden Forschung im Bereich der "künstlichen Intelligenz".

Beim Aufbau einer Datenbasis wird ein Teil des thematisierten Vorverständnisses zum Zweicke seiner (gezielten) Wiederfindung verobjektiviert. Hermeneutisch gesehen sind also Datenbasen verobjektivierte Vorverständnisse. Demnach stellen sich unterschiedliche hermeneutische Fragen, je nachdem was für ein Vorverständnis und in welcher Weise es dargelegt und "retrieval-fähig" gemacht wird. Im folgenden wollen wir diese Problematik einer Hermeneutik des Information Retrieval exemplarisch am Beispiel der bibliographischen Datenbasen erläutern.
(...)  
Bei der inhatlichen Erschließung von Dokumenten im Hinblick auf den Aufbau von bibliographischen Datenbasen stellen sich insbesondere jene hermeneutischen Fragen in einer spezifischen Form, die mit der Struktur des Verstehens zusammenhängen. Es geht dabei um:

a) die Klassifikation, d.h. um die Zusammengehörigkeit der in einem Dokument dargestellten Sachverhalte zum thematisch vorverstandenen Fachgebiet bzw. zur jeweiligen "Hinsicht", unter der die Sachverhalte ausgelegt wurden;  

b) die entsprechende fachliche Begrifflichkeit, d.h. um den Vorgang der Indexierung;  

c) schließlich um die thematisierten Sachverhalte selbst, sofern sie in verkürzter Form wiedergegeben werden, also um den Vorgang des Referierens.

Diese Vorgänge sollen ermöglichen, daß beim Retrieval so etwas wie eine "Horizontverschmelzung" zwischen dem verobjektivierten Vorverständnis und dem Vorverständnis des Suchenden stattfinden kann. Die aufgebaute bibliographische Datenbasis ist somit wesentlich hermeneutischer Natur: sie ist das Ergebnis einer bestimmten Form der Verobjektivierung eines Vorverständnisses und setzt stets dieses beim Retrieval voraus." (S. 141-145)
  

"a) Das Vorverständnis der Fachklassifikation  

Wissensbezogene Klassifikationen können in verschiedenen Verwendungsbereichen und dabei im Hinblick auf unterschiedliche Intentionen entwickelt werden (Vgl. I. Dahlberg: Grundlagen universaler Wissensordnung, Pullach b. München 1984, S. 30ff). Im Bereich der Wissensvermittlung sind zwei Möglichkeiten zu nennen:  

  • bibliothekarisch-bibliographische Klassifikationen: sie bezwecken die Anordnung von Dokumenten bzw. Büchern z.B. in Regalen und mittelbar die Vermittlung ihrer Inhalte;
  • "dokumentarisch-informemologische" Klassifikationen: hierzu gehören die Klassifikationen im Bereich des Information Retrieval. Sie bezwecken die Verortung von Fachinformationen im EDV-Speicher und nicht die Lokalisierung der Dokumente.
Im weiten Sinne des Wortes kann auch der im nächsten Abschnitt zu erörternde Vorgang der Indexierung als ein Modus des Klassifizierens bzw. können Klassifikationen und Indexierungsformen als unterschiedliche Stufen eines Vorganges, der denselben Zweck erfüllt, betrachtet werden. Man spricht auch in diesem Zusammenhang von "Dokumentationssprachen". Fachklassifikationen im Information Retrieval dienen also nicht der Fixierung der Dokumente oder ihrer Inhalte an einem Ordnungsschema, sondern sie sollen die Hinsichten bzw. "Horizonte" freilegen, worunter ein Sachverhalt in einem Dokument behandelt wurde bzw. worunter der Suchende zu ihm gelangen kann. Demnach setzt eine Fachklassifikation die Bestimung eines Fachgebietes ("subject field") voraus. In diesem Sinne sagten wir oben (III.3.b), daß Klassifikationen ein "sekundäres" Problem sind.

Die Entwicklung einer Fachklassifkation gibt u.U. die jeweilige Dynamik eines Fachgebietes wieder. Beim Vorgang des Klassifizierens sollen die jeweiligen Sachverhalte in ein "präkoordiniertes" d.h. im voraus festgelegtes "weitmaschines" Netz von (poly-)hierarchischen Beziehungen eingebettet werden, so daß bei der Suche mögliche Bezüge aufgedeckt bzw. thematisch zusammengehörende Dokumente wiedergefunden werden können. Diese insbesondere aus dem Information Retrieval gewonnene Vorstellung von Fachklassifikationen als Netzwerke ("Facettenprinzip") scheint wiederum ihre eigentlichen Zweck in den Wissenschaften zu entsprechen als die herkömmliche lineare monohierarchische Vorstellung (Vgl. N. Rescher: Cognitive Systemati- zation. Oxford 1979).

Eine Fachklassifikation stellt also den dem Dokumentar, dem Autor und dem Suchenden gemeinsamen Rahmen dar oder, mit anderen Worten, sie bildet das vorläufige thematisierte Vorverständnis einer Fachgemeinschaft. Insofern steht im Mittelpunkt des Klassifizierens die Öffnung der Bedeutungsgehalte auf die zum Teil vorverstandenen Hinsichten und die dadurch zu ermöglichende Bildung von neuen Horizonten bei der Suche. Dabei vollzieht der Dokumentar, wie auch der Autor und der Suchende, eine "kreisförmige" Bewegung ("hermeneutischer Zirkel"), indem, vom Text ausgehend, auf das Vorverständnis bzw. auf die Fachklassifikation reflektiert und diese wieder auf die thematisierten Sachverhalte bezieht. Der "Zirkel" ist ein bleibender bzw. ein methodischer. Es ist eine "Zirkelbewegung", in der die Sachverhalte und deren vielfältige Bedeutungs- und Verweiszungszusammenhänge ausgelegt werden bzw. in ihren Beziehungs- und Deutungsmöglichkeiten offen bleiben. Die Fachklassifikation soll diese hermeneutische Bewegung und die an ihr Teilnehmenden zusammenhalte ohne die jeweiligen offenen Sinnmöglichkeiten zum Erstarren zu bringen. Sie kann sowenig eine "Wirklichkeit an sich" als eine "Dokument an sich" "abbilden". Die Vorstellung von einer Fachpublikation "an sich" ist genau so absurd, wie die Vorstellung einer "Welt" von "Problemen an sich", oder die der Wortbedeutungen "an sich", d.h. unabhängig vom Satz. Die moderne sprachanalytische Philosophie hat auf diesen letzten Sachverhalt mit hinreichender Klarheit aufmerksam gemacht (E.Tugendhat: Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytischen Philosophie, Frankfurt a.M. 1976).  

Wenn es also keine absoluten objektiven Kriterien gibt, mit deren Hilfe eine objektive Wirklichkeit begrifflich "abbildbar" wäre, dann stellen Fachklassifikationen einen von einer Fachgemeinschaft vorläufig vereinbarten bzw. bewährten Verständigungsrahmen dar. Es ist insofern mißverständlich, sie primär als Ordnungssysteme zu bezeichnen, sondern sie sollte eher, sofern sie diesen "Abbildungsanspruch aufgeben, als Verständigungssysteme bzw. Verständigungsinstrumente aufgefaßt werden." (S. 146-148)  
  
b) Das Vorverständnis der Indexierung  

Ausgehend von dieser Fragestellung folgten, historisch gesehen, die "postkoordinierten" Systeme bzw. die Methode der "gleichordnenden Indexierung" ("coordinate indexing"). Demnach werden die einzelnen u.U. normierten bzw. "kontrollierten" Begriffe einer Fachsprache gleichwertig behandelt, d.h. sie werden nicht in einem System vorgefertigter Hinsichten aufgehoben, sondern jeder Begriff stellt sozusagen eine eigene Hinsicht dar, wie sie das Wort "Index" (lat. "indicare" = hinweisen) es ausspricht. (Vgl. H.H. Wellish: "Index": the word, its history, meanings and usages. In: The Indexer 13, 1983, 3, S. 439-458).  

Obgleich die Begriffe in ihren vielfältigen Beziehungen untereinander gekennzeichnet werden können, bildet jeder eine gleichwertige Eintragung, und sie werden erst während des Retrieval miteinander verknüpft. Darauf bezieht sich der Hinweis "postkoordiniert". Die kontrollierte Festlegung einer fachlichen Begrifflichkeit führt zur Bildung eines "Thesaurus". Dessen Termini werden "Deskriptoren" genannt. Wersig faßt die Merkmale eines Thesaurus wie folgt zusammen (G. Wersig: Thesaurus-Leitfaden. München 1978):  

  • Ein Thesaurus geht aus von der natürlichen Sprache (insbesondere der Fachsprache) eines bestimmten Fachgebietes, dem Sprachgebrauch innerhalb des Fachgebietes (d.h. der dort üblichen Kommunikationspraxis).
  • Ein Thesaurus ist ein Sprach-Kontrollinstrument. Kontrolle wird ausgeübt über: Elemente des Vokabulars, Synonyme, Polyseme.
  • Ein Thesaurus ist ein bedeutungsdarstellendes Instrument (begriffliche Kontrolle).
  • Ein Thesaurus ist ein systembezogenes Instrument.
  • Ein Thesaurus ist ein präskriptives Instrument. Die Vorschriften betreffen: zur Indexierung zugelassene Termini, zur Suche verwendbare Termini, Interpretation von Indexierungs- und Suchtermini.
  • Ein Thesaurus ist ein Orientierungsinstrument über das betreffende Fachgebiet (Sprach- und Kommunikationsgebrauch, Bedeutungs- und Denkstrukturen), sowie über das betreffende System, in dem er eingesetzt wird (Indexierungs- und Retrievalgebrauch, Bedeutungsstrukturen).
Ein Thesaurus verobjektiviert einen Teil des begrifflichen Vorverständnisses eienr Fachgemeinschaft und stellt dieses als einen normierenden Horizont dar. Sowenig es aber eine Fachgemeinschaft "an sich" oder "Probleme an sich" gibt, sowenig gibt es auch eine Fachsprache "an sich". Die verobjektivierte Fachsprache ist aber, ähnlich wie die Fachklassifikation, an einem temporären Stand der Wissenschaft orientiert. Sie gibt außerdem ein idealisiertes bzw. auf Eindeutigkeit reduziertes Bild einer in Wirklichkeit nicht genau abgrenzbaren Fachsprache wieder. Dennoch scheint hier ein künstlicher Gegensatz vorzuliegen, wenn man die Methode des kontrollierten Vokabulars, die zudem durch die Vergabe von "freien" Schlagworten "ergänzt" werden kann, der auf der "natürlichen Sprache" basierenden entgegensetzt. Auch Fachklasifikationen wurden lange Zeit der Thesaurus-Methode entgegengesetzt, während man sie heute als komplementäre Methoden betrachtet." (S. 151-153)

c) Das Vorverständnis des Referierens

"(...) Als Orientierungshilfe weist ein Kurzreferat besondere Vorteile auf: es erleichtert die Auswahl der Dokumente, hilft die "Sprachbarriere" zu überwinden, hilft den "eiligen Leser" Zeit zu sparen usw.
Im Rahmen einer Hermeneutik des Information Retrieval sind also zwei Funktionen von Kurzreferaten hervorzuheben: sie dienen als Ganzes bei Relevanzentscheidungen und sie können "invertiert" werden und stellen somit eine Bereicherung der Suchbegrifflichkeit dar. In diesem Fall lösen sich Kurzreferate als Suchhilfe in eine Indexierungssprache auf.

Die Frage nach der Darstellung des "wesentlichen Inhalts" eines Dokuments ist, wie schon erwähnt, eine im Rahmen einer allgemeinen Texthermeneutik zu behandelnde Frage. Hier genügt der Hinweis, daß die Hermeneutik den Platonismus einer "absoluten Textgegebenheit" in Frage stellt, so daß das Referieren nicht auf die vermeintliche "Wiedergabe" des "Wesens" eines "Inhaltes" abzielt, sondern bestimmte im Text thematisierte Zusammenhänge andeutet, die zuihren Verstädnis ein Vorverständnis voraussetzen. Da dieses Vorverständnis, wie schon gesagt, nur ein vorläufiges ist und Texte nicht "an sich", sondern immer nur zu diesem offenen Horizont "relativ" bleiben, ist die übliche Auffassung von Kurzreferat als eine "Wiedergabe" des "Wesentlichen" nur als relativ zum jeweiligen, u.U. verobjektivierten Vorverständnis zu verstehen." (S. 162-164)

   
 
 
  
  
  

III.2. Hermeneutische Fragen beim Retrieval 

Vorbemerkung
a) Die hermeneutische Konstituion des Online-Dialogs    
b) Die "Search-and-Find"-Methode als ein hermeneutischer Prozeß    
c) Die Frage nach der Relevanz des Retrievalergebnisses

Vorbemerkung

"So wie der Aufbau einer Datenbasis ein schöpferischer Prozeß, d.h. eine "ars" ist, so ist es ebenfalls der Prozeß der Wiedergewinnung von im Computer gespeicherten und für die Suche aufbereiteten (bibliographischen) Fachinformationen, das Information Retrieval 

Wenn wir in diesem Zusammenhang von "ars quaerendi", d.h. der Kunst des fragenden Suchens (und Findens) sprechen, dann im Hinblick auf eine andere traditionsreiche und mit unserer Kunst verwandte Methode, nämlich die der "ars inveniendi". Vermutlich war Cicero der erste, der von "ars inveniendi" als der Kunst des Findens von rhetorischen Argumenten sprach, während die "ars judicandi" sich mit der Evaluierung und Strukturierung der Argumente in der Rede befaßte. Cicero beruft sich auf Aristoteles, der im Zusammenhang mit der dialektischen Kunst eine "Topik" bzw. eine "Heuristik" entwickelte (Vgl. Cicero: Topica II.6).  

Es war aber vor allem Leibniz, der die Begriffe "ars inveniendi", d.h. ein algebraisches Verfahren zur Auffindung neuer Wahrheiten (innerhalb einer Wissenschaft) und "ars iudicandi", d.h. ein algebraisches Verfahren zur Entscheidung über die Wahrheit eines Satzes, prägte (G.W. Leibniz: Dissertatio De Arte Combinatoria, Berlin 1971). Beide Verfahren betreffen also den Findungsprozeß noch nicht bekannter Wahrheiten. Sie sollen der Wahrheitsfindung dienen. Demgegenüber, bemekrt Leibniz an anderer Stelle (G.W. Leibniz: Discours touchant la méthode de la certitude et l'art d'inventer, Kap. LIV, Aalen 1959), steht der gesamte Bereich der schon bekannten und "nützlichen" Wahrheiten ("verités utiles", "connnoissances solides et utiles"). Diese sind zum Teil schriftlich fixiert, befinden sich aber in großer Unordnung ("desordre"), zum Teil sind sie nicht geschrieben, besonders die, welche die Berufspraxis betreffen ("gens de profession"). Um sie zu ordnen und auffindbar zu machen, müsste man sie sammeln bzw. erst niederschreiben, Kataloge erstellen, genaue Register ("indices") mit Verweisen aller Art wären nötig usw. Leibniz erwähnt in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Suchen von bereits bekannten, gesammelten und geordneten Erkenntnissen, wodurch wir erst in unserem Wissen und Tun fortschreiten können:

"Je suis obligé quelquefois de comparer nos connoissances à une grande boutique ou magasin ou comptoir sans ordre et sans inventaire; car nous ne savons pas nous mêmes ce que nous possedons deja et ne pouvons pas nous en servir au besoin. Il y a une se trouvant dans les auteurs, mail il y en a encore bien plus, qui se trouvent dispersées parmi les hommes dans la pratique de chaque profession; et si le plus exquis et le plus essentiel de tout cela se voyoit recueilli et rangé par ordre avec plusieurs indices, propres à trouver et à employer chaque chose là où elle peut servir, nous admirerions peut-être nous mêmes nos richesses et plaindrions notre aveuglement, d'en avoir si peu profité." (ebda.)
In Anschluß an Leibniz wollen wir von "ars quaerendi" (der entsprechende griechische Ausdruck könnte, im Unterschied zu "Heuristik" etwa "Heuretik" heißen) sprechen. Eine ähnliche begriffliche und terminologische Unterscheidung wird im Bereich der "künstliche-Intelligenz-Forschung" zwischen "heuristics" (Technik zur Verbesserung der Effizienz eines Suchprozesses) und "heuretics" (das Wissen um die Suchkunst selbst) gemacht (vgl. E. Rich: Artificial Intelligence, New York 1983, S. 35 ff).  

Es geht um die Kunst des Suchens und Findens von Erkenntnissen, sofern diese bereits (schriftlich fixiert) vorliegen. Im Unterschied zur "ars inveniendi" und "iudicandi" geht es nicht um einen Prozeß der Wahrheitsfindung, sondern im Mittelpunkt des suchenden Fragens steht die Relevanz bzw. die Nützlichkeit ("vérités utiles"!) des Gefundenen. Die Wahrheitsfrage stellt sich also sowohl bei "Referenz-" als auch bei "Quellen-Datenbasen" vor der Eingabe (z.B. bei der Evaluierung von numerischen Daten und, selbstverständlich, beim Aufbau von bibliographischen Datenbasen) bzw. nach der Suche. Der Erkenntnisfortschritt (auch Leibniz' Auffindung neuer Wahrheiten durch die "ars inveniendi" bzw. Klärung des noch unvollkommenen Erkannten durch die "méthode de la certitude") und die Möglichkeit, Erkenntnis in die (berufliche) Praxis umzusetzen, gründen nicht zuletzt in der "Kunst", das bereits Gewußte zu suchen und zu finden.  

Inwiefern die sogenannten Expertensysteme auch eine "ars inveniendi", oder zumindest eine unmittelbare Unterstützung dafür, darstellen können und sollen, bleibe offen. Die "ars quaerendi" bezieht sich hier auf den Prozeß des Fragens im Hinblick auf die Auffindung (möglicherweise) relevanter Fachinformationen. Am Beispiel der bibliographischen Datenbasen wollen wir den hermeneutischen Hintergrund des Retrieval-Prozesses in Zusammenhang mit:  
a) der Konstitution des Online-Dialogs,  
b) der "Search-and-Find"-Methode,  
c) der Frage nach der Relevanz des Retrievalergebnisses,  
erörtern." (S. 165-167)  

"a) Die hermeneutische Konstitution des Online-Dialogs

Obwohl der Ausdruck "Online-Dialog" längst in der Praxis des Information Retrieval eingebürgert ist, könnte der Einwand erhoben werden, daß der ursprüngliche Ort des Begriffs "Dialog" wohl das zwischenmenschliche Verhältnis ist. Für die Hermeneutik besteht aber eine leitende Gemeinsamkeit zwischen dem Textverständnis und der Verständigung im Gespräch. Dieses besteht darin, daß es in beiden Fällen um ein Verständnis über eine Sache geht und daß dieses Verständnis, wie wir oben gezeigt haben, sich als Frage im medium der Sprache vollzieht (Vgl. H.G. Gadamer: Wahrheit und Methode, op.cit. S. 344 ff; vgl. II.2.c)  

Wir können diese leitende Gemeinsamkeit im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen dem Fragenden und der im Computer gespeicherten Datenbasis ausweiten, indem hier eine eigene Dynamik nicht nur von Seiten des Fragenden, sondern auch von der des Textes zustande kommt, die sich dadurch von der Erfahrung des Verständnisses eines gedruckten Textes unterscheidet. Diese Dynamik ist der des zwischenmenschlichen Dialogs vergleichbar, indem hier das System eine dem verobjektivierten Vorverständnis gemäße "Antwort" gibt.  

Diese Gemeinsamkeit sollte aber nicht als eine Anthropomorphisierung dieses Vorganges gedeutet werden, denn, wie Oeser mit Recht bemerkt, "der informationsverarbeitende Automat ist in Analogie zum Menschen gebaut und nicht umgekehrt." (E. Oeser: Wissenschaft und Information, op.cit. S. 68). Die hermeneutische Situation gegenüber Texten unterscheidet sich von der des zwischenmenschlichen Gesprächs u.a. dadurch, daß der Text stets des Interpreten bedarf, um "zu Worte zu kommen" (H.G. Gadamer: Wahrheit und Methode, op.cit. S. 365). Auch Datenbasen bedürfen des Interpreten und bei ihrer Befragung findet jene Verbindung aufgrund der gemeinsamen Sache statt, die auch das wirkliche Gespräch charakterisiert. So wie im Falle des Textes von einem "hermeneutischen Gespräch" die Rede ist, so scheint es auch hier berechtigt, von einem "Online-Dialog" zu sprechen. Die dem Online-Dialog eigene Dynamik wird aber dadurch möglich, daß hier bestimmte Vorverständnisse fixiert werden, die den Rahmen und die Grenzen des "antwortenden" Systems bilden. Indem der Fragende die Datenbasis befragt, bringt er sein Vorverständnis der thematisierten Sachverhalte, das er mit der jeweiligen Fachgemeinschaft mit-teilt, ins Spiel. Erst im Licht dieses "Profils", werden die gespeicherten Daten zu Fachinformation, indem sie in einen bestimmten Mitteilungsprozeß einbezogen und von diesem "geformt" werden   

Vgl. E. Garfield: What Are Facts (Data) and What is Information? In: ibid.: Essays of an Information Scientist, Philadelphia 1977, Vol. II, S. 47ff, der in diesem Zusammenhang auf den etymologischen Ursprung des Informationsbegriffs hinweist; vgl. v.V.: Information, München 1978.

Die Zusammenkunft zwischen einem Fragenden und einem (Informations-)System ist als ein hermeneutischer Prozeß zu deuten, in dessen Verlauf der offene Horizont des Fragenden und der fixierte Horizont des Systems sich vorläufig "verschmelzen", d.h. das verobjektivierte Vorverständnis erscheint jeweils als (mögliche) Antwort auf eine Frage und wird somit verstehend im Online-Dialog wiedergewonnen. Bei dieser "Horizontverschmelzung" zeigt sich zugleich die Identität und die Differenz der sich auf- bzw. abhebenden Horizonte.


Fragender <=> SYSTEM
  
"Horizontverschmelzung"
("hermeneutischer Zirkel")
  
Fachgemeinschaft
Bedeutungen und 
Verweisungen
objektivierte Vorverständnisse:
Klassifikationen, Thesauri
Kurzfassungen 
 

hermeneutik
 

Auf der einen Seite haben wir den offenen Horizont des Fragenden, eingebettet im Vorverständnis der Fachgemeinschaft. Aus der Auseinandersetzung mit den Sachverhalten in ihren vielfältigen Bedeutungs- und Verweisungszusammenhängen entspringen die jeweiligen Fragen bzw. Probleme unterschiedlicher Art. Wir sahen, daß Belkin den Begriff des "anomalous state of knowledge" (ASK-Zustand) als Bezeichnung für den Zustand eines Noch-nicht-verstehens vor dem Hintergrund eines bereits gewonnenen Vorverständnisses prägte. Ein solcher Zustand ist immer schon, wie Belkin mit Recht betont (N.J. Belkin, R.N. Oddy, H.M. Brooks.: ASK for Information Retrieval. In:Journal of Documentation 38 (1982) 2, S. 61ff), durch die Interaktion mit unseren Mitmenschen sowie mit der Welt, die wir gemeinsam mit-teilen, vermittelt.

Auf der anderen Seite steht der fixierte Horizont des Systems. Dieser ist zwar ausbau- (bzw. "lern-")fähig, d.h. er kann und wird ständig erweitert und aktualisiert, bleibt aber stets auf die ihm aus dessen Umgebung zufließenden und bereits in ihrer Bedeutung als potentielle Fachinformation vorverstandenen Daten angewiesen. Das gilt sowohl für die "Zielinformationen" selbst, also in unserem Fall für die Literaturhinweise, als auch für die unterschiedlichen Suchmittel (Thesaurus, Klassifikation usw.).

Beim Online-Dialog vollzieht sich eine mehrfache "Horizontver- schmelzung" auf unterschiedlichen Ebenen: so z.B. auf einer "kontextfreien" Ebene, in der die Fachbegrifflichkeit des Fragenden, die eine offene und "diachronische" ist, mit den fixierten "synchronischen" Thesaurusbegriffen zusammenkommt. Die Deskriptoren werden zwar "kontextfrei" aber nicht "horizontfrei" angeboten, wenn wir den Thesaurus als Ganzes als einen (fixierten) Sinnhorizont auffassen. Da sie aber wiederum auf die entsprechenden Texte verweisen bzw. den Zugang zu ihnen ermöglichen, sind sie auch nicht völlig "kontextfrei" und erlauben deshalb eine weitere Stufe der "Horizontverschmelzung" z.B. mit dem Titel der Dokumente oder mit den Kurzfassungen.

Im Falle eines auf der "natürlichen Sprache" basierenden Retrieval-Systems bilden zum einen das jeweilige Fachgebiet und zum anderen das tatsächlich gespeicherte und "invertierte" Textmaterial einen Horizont, der sich dem Fragenden unter Umständen nur allmählich als Gegenstand einer möglichen "Verschmelzung" anbietet, so daß wir am Anfang vor einem Grenzfall dieses Phänomens stehen und deshalb nur bedingt von "Horizontverschmelzung" sprechen können.

Die Grenzen einer "Horizontveschmelzung" sind außerdem im Falle von bibliographischen Datenbasen offensichtlich: Literaturhinweise sind ein zu dürftiger Anhaltspunkt, als daß sie dem reichhaltigen Horizont des Fragenden entsprechen könnten. Sie können aber zugleich auf die Möglichkeit einer solchen Entsprechung aufmerksam machen und somit den dynmaischen Vorgang der Horizontbildung unterstützen, beschleunigen, vereinfachen usw. 

Das Gelingen der unterschiedlichen "Horizontverschmelzungen" hängt natürlich im beträchtlichen Maße davon ab, ob der Fragende selbst den Online-Dialog durchführt oder ob ein anderer für ihn sucht bzw. fragt. Ein erfahrener "Searcher" aber,  der das System und die jeweilige Datenbasis kennt, kann u.U. eine notwendige vermittelnde Rolle einnehmen und tritt dabei als zusätzliche Interpretationsinstanz zwischen dem System und dem Fragenden ein. Der stattfindende Verstehensprozeß zwischen dem Fragenden und dem "Searcher" ist dann Gegenstand der allgemeinen Hermeneutik. Die hier beschriebene "ideale" Situation ist die des sich mit dem System auskennenden Fragenden, der selbst den Online-Dialog durchführt ("end user"). In der Praxis ist man heute häufig auf eine vermittelnde Instanz ("intermediary") angewiesen." (S. 167-172)

"b) Die "Search-and-Find"-Methode als ein hermeneutischer Prozeß 

Der Online-Dialog ist ein Suchprozeß, den ursprünglich der Fragende selbst durchführt und der somit stets auf seinen Fragehorizont bezogen bleibt. Das Fragen ist aber wiederum weder als "innerpsychischer Zustand" eines "Subjektes", noch als ein anonym auf ein "für sich bestehendes Fach" bezogen, zu deuten. Im ersten Fall lösen wir den Fragenden von der Fachgemeinschaft bzw. vom Miteinandersein ab, im zweiten hypostasieren wir Fachgebiete bzw. den Horizont einer Fachgemeinschaft.

Mit Recht kritisiert D.R. Swanson (D.R. Swanson: Information Retrieval as a Trial-and-Errof-Process. In: Information Storage & Retrieval 6, 1970, S. 351-361) die Vorstellung des Retrieval-Prozesses als eine bloß auf den Horizont eines Fachgebietes ("topic") bezogene Suche. Er vergleicht in diesem Zusammenhang das Information Retrieval mit dem (Popperschen) Modell der wissenschaftlichen Forschung als einen Prozeß von "Versuch-und-Irrtum" ("trial-and-error"). Kreative wissenschaftliche Forschung, erklärt Swanson, geht nicht von einem "Fachgebiet", sondern von einem "Problem" aus, d.h. es wird eine Vermutung (bzw. eine "Theorie") aufgestellt und auf ihren Wahrheitsgrad geprüft. Es handelt sich dabei um einen interaktiven bzw. rekursiven Prozeß.

Wir bemerkten schon, daß "Fachgebiet" und "Problem" nicht antagonistisch aufzufassen sind. Es wäre ebenso einseitig, sich "Probleme an sich", d.h. losgelöst von einem mit-geteilten "Fachgebiet" (im oben angedeuteten Sinne) vorzustellen. Swanson meint aber offenbar einen solchen Antagonismus nicht, sondern hebt den Bezug auf den Horizont des Fragenden hervor. Die Analogie zwischen der "trial-and-error"-Methode und dem Information Retrieval gründet darin, daß in beiden Fällen ein Fragender von einer von ihm bestimmten Frage (bzw. "Vermutung") ausgeht und die gefundenen  Antworten bzw. "Lösungen" nicht "absolut", sondern als Quelle neuen Fragens versteht.

Damit ist der beiden Prozessen gemeinsame hermeneutische Charakter des Fragens angesprochen. Die Analogie kommt aber in verschiedener Hinsich im Retrieval-Prozeß zu kurz. Wir sagten oben, daß das Ziel dieses Prozesses nicht die Prüfung der Wahrheit einer Aussage bzw. Theorie, sondern die Suche nach relevanten bzw. "nützlichen" Erkenntnissen ist. Der Fragende sucht mögliche im Hinblick auf seine Fragestellung relevante Erkenntnisse, wobei er nur Hinweise auf diese am Bildschirm unmittelbar zu sehen bekommt. Aber auch wenn er zugleich den Originaltext oder, im Falle von Faktendatenbasen, die gesuchte Angabe finden würde, wäre ein solcher Prozeß nicht dem einer automatisierten "ars inveniendi" gleiczusetzen. Im Falle der wissenschaftlichen Forschung geht es um "Wahrheit" und "Irrtum", freilich als ein offener Prozeß, ohne "absolute" Kriterien. In diesem engen Sinne von "Irrtum" bzw. "Fehler" kann aber beim Information Retrieval nicht gesprochen werden, da die Suche nach Literaturhinweisen nicht dazu führt (und sie ist auch nicht notwendigerweise im Hinblick darauf erfolgt) den Wahrheitsgehalt der Frage (oder den der Frageformulierung) zu bestätigen oder zu widerlegen.  

Außerdem stellt dieses Modell ein Ziel, nämlich das einer bestimmten Form wissenschaftlicher Forschung, in den Vordergrund, während es in Wahrheit,wenn wir z.B. an die berufliche Praxis denken, eine Vielfalt von Zielen für einen solche Suche geben kann. In diesem Sinne schränkt z.B. S.P. Harter diesees Modell als Analogon der Online-Suche ein (S. P. Harter: Scientific Inquiry: A Model for Online Searching. In: Journal of the American Soc. for Inf. Science 35, 1984, 2, S. 110-117). Gefundene aber nicht relevante Literaturhinweise sind somit schwerlich als "Fehler" zu kennzeichnen und eine entsprechende Modifizierung der Frage (vielleicht zunächst und zumeist nur der Frageformulierung) bedeutet nicht, daß man ihren Wahrheitsgehalt testet. Der Begriff "Fehler" ist hier relativ zum Zweck und im Rahmen von Relevanz zu sehen. Wir werden im nächsten Abschnitt auf den Relevanzbegriff eingehen.

Der offene Charakter des Retrieval-Prozesses sowie sein Bezug auf den Horizont des Fragenden, der sein Vorverständnis ins Spiel bringt und dabei unterschiedliche Zwecke verfolgen kann, läßt sich demnach allgemein als ein hermeneutischer Prozeß deuten und dessen wiederkehrender und "stimulierender" Charakter als eine besondere Ausformung des "hermeneutischen Zirkels" erkennen. Da es sich hier um einen allgemeinen, d.h. in bezug auf verschiedene Motivationen offenen Prozeß des Suchens und Findens (von Hinweisen auf Erkenntnisse) handelt, soll nicht, wenn schon nach einer "Formel" gesucht wird, von "trial-and-error", sondern von "search-and-find" die Rede sein. Damit hat aber "das Gefundene" nicht die Funktion, den Suchprozeß abzuschließen, genausowenig wie im Falle von "trial-and-error" die "Fehler" einen bloß negativen Charakter haben. Durch die gefundenen Hinweise sowie auch durch den Suchprozeß selbst, kann das Vorverständnis des Fragenden in vieler Hinsicht erweitert, bereichert, verändert werden und stellt sich somit als neue Grundlage für das weitere Suchen dar. Wir lernen nicht nur aus unseren "Fehlern", sondern auch aus unseren "Erfolgen"." (S. 173-175)

"c) Die Frage nach der Relevanz des Retrievalergebnisses

Im Mittelpunkt des suchenden Fragens steht die Relevanz bzw. Nützlichkeit der Retrievalergebnisse. Es ist der Fragende selbst, der ursprünglich die Relevanzfrage stellt und beantwortet. Das Urteil des Nutzers ist aber, wie G. Salton mit Recht betont, für die Evaluierung des Informationssystems von entscheidender Bedeutung, wenn man davon ausgeht, daß Informationssysteme keinen Selbstzweck erfüllen, sondern ein Mitteilungsmodus der Fachgemeinschaft sind (G. Salton, M.J. McGill: Introduction to Modern Information Retrieval, New York 1983,  S. 161; Vgl. T. Saracevic:  Relevance, In: M.J. Voigt, M.H. Harris Eds.: Advances in Librarianship, New York 1976, S. 79-138).

Von allen Paramatern, die bei der Bewertung eines Retrievalsystems eine Rolle spielen, ist die Frage nach der Relevanz der Ergebnisse die wohl entscheidenste. Obwohl hier von Retrievalergebnissen die Rede ist, liegen die im folgenden zu differenrenzierenden Ebenen dem Suchprozeß  selbst zugrunde, besonders wenn dieser vom Fragenden selbst, d.h. vom tatsächlichen Nutzer, durchgeführt wird, und wenn er diesen Prozeß durch die Zwischenbewertung der Literaturhinweise bestimmt.

Die Suche nach "objektiven" Bewertungs- bzw. Relevanzkriterien und die Tatsache, daß öfter Literaturrecherchen von einem Vermittler durchgeführt werden, geben zunächst Anlaß, die Relevanzfrage ohne Rücksicht auf den Nutzer zu stellen. Man spricht von "systemorientierter Bewertung" oder von "objective view" (Salton), im Gegensatz zur "subjective view" bzw. "benutzerorientierten Bewertung".

Die systemorientierte Bewertung berücksichtigt das Verhältnis zwischen dem thematischen Horizont der Frage und dem der gefundenen Literaturhinweise. Der Fragende kann sich aber auch auf dieser Ebene bewegen und lediglich auf die "topische Relevanz" (Swanson) achten, ohne über die "problemspezifische" Relevanz zunächst zu entscheiden.

Zur systemorientierten Bewertung gehört auch der Vorgang des Vergleichs ("matching") z.B. zwischen der Suchformulierung und der betreffenden verobjektivierten Suchsprache. Man kann diese Ebene als eine Vorstufe betrachten und erst dann von Relevanz sprechen, wenn aufgrund der Ergebnisse des Vergleichsprozeses, der Fragende bzw. der Vermittler ein Urteil bezüglich der Zugehörigkeit der Literaturhinweise zur angesprochenen Thematik ausspricht. Wenn das System diese zweite Ebene als das entscheidende Relevanzkriterium ansieht und die tatsächliche Beurteilung des Nutzers ausklammert, kommt es zu der von Swanson, Harter, Möhr u.a. angesprochenen Verzerrung des Relevanzproblems. Die Relevanzebenen sind also wohl zu differenzieren, ohne sie aber gegeneinander auszuspielen.

Die benutzerorientierte Bewertung findet im Horizont eines erfolgreichen "matching" sowie einer bestimmten Thematik bzw. eines Fachgebeites statt. Das Verhältnis des Retrievalergebnisses zur spezifischen Einbettung der Frage ins Vorverständnis des Nutzers bildet die dritte Relevanzebene. Lancaster, Salto u.a. sprechen hier nicht von Relevanz, sondern von Pertinenz. Entscheidend ist dabei die Einsicht, daß die Pertinenz vom Horizont des Fragenden konstituiert wird. Von der Pertinenz aus gesehen ist die "Objektivität" der Relevanz lediglich eine Abstraktion. Da wiederum das Ergebnis des Retrieval-Prozesses Literaturhinweise sind, gewinnt das Pertinenzurteil erst seinen vollen Gehalt, wenn die Dokumente selbst in die Betrachtung einbezogen werden, und wenn eine Aussage über deren tatsächliche Verwertung gemacht wird bzw. gemacht werden kann.

Zur Quantifizierung der Relevanz des Retrievalergebnisses verwendet man gewöhnlich zwei Parameter, nämlich die Rückgewinnungsquote oder "recall" und die Trefferquote oder "precision". Diese Parameter sollen jeweils folgende Verhältnisse zum Ausdruck bringen: 

"Recall" =   

Zahl der relevanten ausgegebenen Dokumenten 

Zahl der relevanten Dokumente im Speicher
 
 
"Precision" =   
Zahl der relevanten ausgegebenen Dokumenten 

Zahl der insgesamt ausgegebenen  Dokumente
 
Diese Quoten sind in verschiedener Hinsicht problematisch. Zunächst muß hervorgehoben werden, daß der Relevanzbegriff in diesen Parametern meistens undifferenziert bleibt bzw. lediglich im Sinne der (topischen) Relevanz und nicht der Pertinenz gebraucht wird. Ferner könnten diese Parameter auch im Hinblick auf die Vorstufe des "Vergleichs" ("matching") angewandt werden. Der Referenzrahmen ist dann jeweils: 
  • die Suchformulierung bzw. die Suchtaktik,
  • der thematische Horizont der Frage,
  • der konkrete Horizont des Fragenden.
Die Parameter  werden ferner in ihrer Aussagekraft eingeschränkt, wenn lediglich die Literaturhinweise als Grundlage der Relevanz bzw. Pertinenzentscheidung zugrundegelegt werden. (....)  

Daß der Begriff des "nicht-relevanten Dokumentes" ("Ballast", "fall-out") auch entsprechend relativiert werden muß, ist offensichtlich. Salton nennt drei charakteristische Pertinenz-Parameter:  

  • Die Neuigkeitsquote, d.h. das Verhältnis der gefundenen und, aus der Sicht des Nutzers, relevanten Dokumente zu den ihm davon unbekannten ("novelty ratio").
  • Das Verhältnis aller für den Nutzer relevanten gefundenen Dokumente zu den ihm bereits bekannten und relevanten ("coverage ratio").
  • Das Verhältnis aller vom Nutzer analysierten relevanten Dokumente, zu der Gesamtzahl relevanter Dokumente, die er gern hätte analysieren wollen ("sought recall") (G. Salton, op.cit. S. 176 ff)
(....)

Die Erörterung  der Relevanzfrage beim Information Retireval kann als ein spezieller Fall einer allgemeinen Untersuchung des Grundphänomens der Relevanz im Sinne eines dauernden Vorganges, der in der Bildung und Infragestellung von individuellen und sozialen Vorverständnissen besteht. In diesem Zusammenhang sei auf die maßgeblichen phänomenologischen Analysen von Alfred Schütz hingewiesen (A. Schütz: Reflections on the Problem of Relevance, New Haven 1970).

Die von Schütz erörteten Relevanzarten, nämlich: "topische", "motivierte" und "interpretative" Relevanz, weisen jeweils auf den thematischen Horizont des Fragenden, auf seinen Erwartungshorizong sowie auf den Bewertungsprozeß hin, wordurch er die "Pertinenz" der Antworten thematisch und "zweckmäßig" analysiert und somit zur Bildung eines neuen Horizontes kommt." (S. 180-185)
 

 
 
  
  

III.3. Das Information Retrieval als Beitrag zur Sozialisation der Fachinformation

Vorbemerkung  
a) Die Frage nach der Publizität der Fachinformation
b) Die Frage nach der Humanisierung des Technikeinsatzes
c) Die Frage nach den sozio-kulturellen Implikationen des Information Retrieval

Vorbemerkung

"Ziel dieses Kapitels ist eine Erörterung des Beitrags des Information Retrieval, insbesondere in der Form der hier besprochenen Datenbasen, zur Sozialisation der Facinformation. Diese Frage gehört zu einem größeren Fragekomplex, der mit dem Titel "Informatisierung der Gesellschaft" angedeutet werden kann."

"a) Die Frage nach der Publizität der Fachinformation

"Die Einsichtt in die bedrohte Publizität der Fachinformation entfaltete sich zuerst, wie oben dargelegt, im wissenschatlichen bereich (I.2.b). Das Information Retrieval, insbesondere in der Form von bibliographischen Datenbasen, kann dabei als ein Versuch angesehen werden, um mit der "Literaturflut" bzw. der "Informationskrise" fertig zu werden. Es handelt sich zunächst um einen Beitrag, den den Sinn des Vorganges der Publikation erhalten bzw. ausweiten soll. Es ist aber insofern keine "radikale" Lösung, als das komplexe Problem des "Erkenntniswachstums" mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen in den einzelnen Fachgebieten dadurch überschaubarer aber nicht gelöst wird.

Norbert Henrichs schreibt:  

"Informationssysteme sollten sein Instrumente der Konstitution zwischenmenschlicher Kommunikation bzw. Instrumente der Störungskompensation zwischenmenschlicher Kommunikation. Nur von hierher lassen sie sich allein rechtfertigen. Diese Zielsetzung erfordert ein Nachdenken über Rollen im Informations- bzw. Kommunikationsgeschehen, und auch hier bedarf es wohl der Entwicklung von Kriterien, nämlich von Verhaltenskriterien. Was fehlt, ist eine normative Informationsanthropologie, eine Informationsethik." (N. Henrichs: Sozialisation der Information, Ms.)
Diese Zielsetzung ist ferner in zweifacher Hinsicht zu begrenzen. Zum einen stellen bibliographische Datenbasen Teile des menschlichen Wissens, und meistens in Form von Hinweisen, zur Verfügung, und man würde sicherlich in die "Mythologie" verfallen, wenn man an eine "totale Information" dächte. Es gibt dementsprechend auch keine "totale Bibliothek". Nicht nur Schriften, sondern auch Datenbasen bedürfen außerdem, wie die Hermeneutik lehrt, des lebendigen Vorgangs der Interpretation und der Applikation. Zum anderen sind Datenbasen eine Möglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation. Der Beitrag des Information Retrieval zu diesem Kommunikationsprozeß betrifft zunächst die Fachgemeinschaft(en) selbst. Aufgrund des Spezialisierungs- prozesses in den Wissenschaften sowie der Professionalisierung gesellschaftlicher Handlungsbereiche soll das Information Retrieval:
den Informationsprozeß in den einzelnen Fachgebieten,
den interdisziplinären Informationsprozeß,
den Informationsprozeß in der beruflichen Praxis   
und schließlich den gegenseitigen Informationsaustauch zwischen Wissenschaft und Praxis effektiv mitzugestalten helfen.

Sozialisation der Fachinformation bedeutet die Wiederherstellung des ursprünglichen Sinnes des Veröffentlichungsvorganges, nämlich die Mitteilung der fachlichen Bedeutungsgehalte in einer Form, daß diejenigen, die davon "Nutzen" ziehen sollten, auch davon Kenntnis nehmen können. Das Information Retrieval ermöglicht, daß diese Publizität, die "de facto" fachlich, geographisch usw. eingeschränkt bleiben könnte, erweitert und auch in Zusammenhang mit unterschiedlichen Wisens- und Handlungszielen gebracht werden kann.
(...)  
Diese Publizität bedeutet aber mehr als nur die Zugänglichkeit der Fachinformation zu der sie konstitutierenden Fachgemeinchaft(en). Sowenig diese "atomistisch", d.h. getrennt von der gemeinsam mit-geteilten Weltoffenheit aufgefaßt werden darf, sowenig darf auch die "Öffentlichkeit" der Fachinformation lediglich im Sinne der "Fachöffentlichkeit" aufgefaßt werden." (S. 186-192).

"b) Die Frage nach der Humanisierung des Technikeinsatzes

Das "Moorsche Gesetz" besagt, daß Information Retrieval Systeme dann weniger benutzt werden, wenn es für den Nutzer mühsamer und beschwerlicher ist, aus ihnen Information zu bekommen, als sie nicht zu bekommen. (...)
Die aufgrund des technischen Einsatzes gesteigerten menschlichen Funktionen müssen stets von ihrem ursprünglichen Sinnzusammenhang her reflektiert bzw. kritisch bewertet werden. In unserem Fall umfaßt ein solcher Sinnzusammenhang sowohl den Prozeß der Fachkommunikation als auch den uns allen gemeinsam Mitteilungsprozeß, dessen durch Herrschaft und Gewalt bedrohte Vielfalt, wie Hannah Arendt bemerkte, geschützt werden muß, soll unsere mit-geteilte Welt als "human" bezeichnet werden dürfen (vgl. II.2.b)

"c) Die Frage nach den sozio-kulturellen Implikationen des Information Retrieval 

Das Phänomen der Technik steht im Mittelpunkt der gegenwärtigen kulturphilosophischen Reflexion. Zum Paradigma eienr technischen Kultur gehört auch die technische Ausformung der Fachkommunikation z.B. in der Form des Information Retrieval. Das Information Retrieval scheint also zunächst eine spezifische Form technischer Kulturen zur Lösung ihrer informationellen Probleme zu sein. Zugleicht ermöglicht aber diese Technik eine neue Form der Erhaltung der Publizität von Fachinformation und versteht sich dabei, von ihrem Ansatz her, als eine universelles Instrument dafür. (...)  

Wir nennen den Zusammenhang von Sprache, sozialen Gebräuchen, Religionen, ökonomischen und politischen Strukturen, gesetzlichen Vorschriften, wissenschaftlichen Haltungen und Traditionen, technischen Fertigkeiten usw. Kultur. So ist auch das Information Retrieval im Gegüfe einer technischen Kultur eingebettet. Es wäre dementsprechend eine einseitige bzw. abstrakte Betrachtung der Fachinformationen selbst, würden wir sie nur im HInblick auf ihre (potentielle) Universalität und nicht zugleich in ihrer kulturellen Dimension verstehen. Diese Dimension bestrifft, wie M. J. Menou bemerkt, nicht nur die technische Vermittlung der Fachinformation, sondern auch ihre Entstehung und ihre Nutzung (M.J. Menou: Cultural barriers to the international transfer of information. In: Information Processing & Management 19, 1983, 3, S. 121-129) (...)

Das Information Retrieval kann also gegenüber den technologisch "unterentwickelten" Ländern ein Instrument des "Informationskolonialismus" darstellen. Es kann aber auch eine Chance zur Wahrung ihrer kulturellen Identität und zur "interkulturellen" (und nicht nur "transkulturellen") Kommunikation sein, vorausgesetzt, daß die Produktion, Vermittlung und Nutzung der Fachinformationen nicht in Form einer "Einbahnstraße" stattfindet. Weder Isolation noch Entfremdung sind auch im Falle des Information Retrieval gangbare Wege zur Wahrung der informatorischen Vielfalt. Diese kann z.B. durch Interaktion und Interdependenz beim Aufbau sowie bei der Vermittlung und Nutzung von Datenbasen aller Art erreicht werden. Das setzt wiederum voraus, daß man sich der kulturellen Dimension der Fachinformation bewußt wird und daß man dieses Vorverständnis nicht zum Zwecke eines chauvinistischen Nationalismus einsetzt, sondern zur Verwirklichung einer kommunikativen Gesellschaft, in der die jeweiligen kulturellen Eigenständigkeiten nicht so sehr als "Barrieren", sondern als Bedingungen einer vielfältigen, d.h. humanen mit-geteilten Welt verstanden werden. Von der Fachinformation zur "Informationskultur"?

Vgl. F. Krückeberg: Kommunikative Gesellschaft und interkulturelle Begegnung: Beiträge einer interkulturellen Tagung zwischen Japanern und Europäern. 4-8 September 1977. Ostasien Institut e.V. , Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, GMD, München 1979."   

(S. 199-203)
 

 
 
  
  

AUSBLICK

"Es ist zu vermuten, daß der Bereich der Fachinformation im hier vorgelegten Sinne ein zentrales Feld der "künstlichen-Intelligenz- Forschung" darstellen wird. Es teht hierbei weniger um die Problematik einer mechanistischen Interpretation des Menschen, etwa im Sinne von La Mettries "l'homme machine", als vielmehr um die Frage nach den Verobjektivierungsmöglichkeiten menschlicher Vorgänge. Damit ist aber ebensowenig der Homunkulus, wie bei der Chemie der Stein der Weisen gemeint. Und dennoch ist vielleicht die Vorstellung einer nicht nur rechnenden, sondern auch  "denkenden" Maschine etwas, was unser Selbstverständnis als "animal rationale" fragwürdig macht.

Vor diesem Hintergrund erscheinen "Wiederbelebungsversuche", seien sie "philosophischer" oder wissenschaftlicher Art, wodurch z.B. "Gehirn" und "Geist" (oder "Bewußsein", "Psyche", "Seele" usw.) dualistisch gegenüber gestellt werden, um dadurch z.B. einer "physikalistischen" oder "materialistischen" oder "energetischen" Interpretation des Menschen zu entgehen, besonders widersinnig, zumal wenn der Mensch innerhalb eines solchen "Gehäuses" seine "Identität" wiederfinden soll. Stattdessen könnte die Philosophie eine kapselartige Vorstellung des Menschen in Frage tellen, sie könnte bestimmte begriffliche "Vorurteile", die, sei es in der Biologie oder Psychologie oder eben auch in der "künstlichen-Intelligenz-Forschung", Anlaß zu Scheinproblemen geben, in Frage stellen, und sie könnte dabei zugleich auf irreführende Analogieschlüsse, die sich bei der Ontologisierung eines (z.B. kybernetischen) Modells des Menschen bzw. seiner "Intelligenz" (oder "Rationalität") ergeben, hinweisen. (...)

In diesem Zusammenhang sollte daran erinnert werden, daß die Philosophie, indem sie auf die Fragwürdigkeit wissenschaftlicher Grundbegriffe und Modelle hinweist, zugleich das Fragen erschwert, da sie keine fertigen Rezepte liefern kann. Sie kann aber, um es erneut zu sagen, auf bestimmte von einer überlieferten Begrifflichkeit verdeckte bzw. verzerrte Dimensionen einer Fragestellung aufmerksam machen, um somit Möglichkeiten durchscheinen zu lassen. Daß sie sich dabei, von den Wissenschaften aus gesehen, "im Kreise" zu bewegen scheint, dürfte dem mit dem hermeneutichen Denken vertrauten Leser als geradezu mögliches Zeichen vorkommen, daß eine "kritische", d.h. ihr Vorverständnis aufs Spiel setzende Reflexionsbewegung stattfindet.

Hermeneutik bedeutet aber nicht nur, wie wir gesehen haben, die Möglichkeit einer wissenschafts- bzw. erkenntnistheoretischen Reflexion, sondern auch einer Reflexion im Hinblick auf den praktischen Zusammenhang des anvisierten Phänomens. Allein in bezug auf das Information Retrieval konnte eine solche Reflexion hier nur teilweise entfaltet werden. Die heutigen und künftigen Probleme sind aber gerade in diesem Bereich zunehmend komplexer und, wie soeben angedeutet, sowohl innerhalb einer hochentwickelten Industrie-Gesellschaft (bzw. innerhalb einer "post-industriellen" oder "post-modernen" Gesellschaft) als auch weltweit kaum zu unterschätzen.

Eine Hermeneutik der Fachinformation sollte sowenig einem theoretischen als einem praktischen "Informatismus" Vorschub leisten. Das Paradigma des im Computer gespeicherten und verfügbaren Fachwissens stellt keinen neuen "Rationalitätsmaßstab" dar, an dem sich "die Gesellschaft" messen müßte. Die Maßstäbe unseres Denkens und Handelns werden nicht "per Knopfdruck" geliefet. Gleichwohl muß aber sowohl die "theoretische" als auch die "praktische" Bedeutung der Fachinformation in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erkannt werden.

So nötig wir die Steigerung der Möglichkeiten der Wissensspeicherung und des Wissenszugriffs bzw. der Wissensmanipulation und der Wissensvermittlung haben, da wir, um "mehr" bzw. "Neues" wissen zu können, stets des "alten" Wissens bedürfen, so brauchen wir auch, gegenüber dieser fast unvorstellbaren Erweiterung unseres "Erinnerungsvermögens", jenes "Gift", wovon Nietzsche in seiner Erörterung des Nutzens und Nachteils der Historie für das Leben spricht:

"Mit dem Worte 'das Unhistorische' bezeichne ich die Kunst und die Kraft vergessen zu können und sich in einen begrenzten Horizont einzuschließen; 'überhistorisch' nenne ich die Mächte, die den Blick vor dem Werden ablenken, hin zu dem was dem Dasein den Charakter des Ewigen und Gleichbedeutenden gibt, zu Kunst und Religion." (F. Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Werke, Berlin 1972, S. 326)


Letzte Änderung: 13. Mai 2012
 
 

  
 
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