INFORMATIONSETHIK
 
Eine Standortbestimmung
 
Rafael Capurro
  
 
 
 
 

Vortrag gehalten zuerst an der Universität Augsburg aus Anlaß der Präsentation des International Center for Information Ethics (ICIE) bei den Tagen der Forschung: "Knoten im Netz der weltweiten Informationsethik" am 2. Juli 2003. Wiederholt im Rahmen der Ringvorlesung am Institut für Informatik und Gesellschaft der Universität Freiburg, 6. Juli 2004. PowerPoint Präsentation Der Vortrag wurde veröffentlicht im International Review of Information Ethics (IRIE), Nr. 1, Mai 2004 sowie in Wechselwirkung (Jubiläumsausgabe 2004, 25 Jahre "Wechselwirkung"). Vgl. den Beitrag "Informationsethik" im Meyers Lexikon Online (2008).

 
 
 

Inhalt 

Einführung 

1. Topthemen der aktuellen Diskussion um die Wissensgesellschaft 
2. "Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft" 
3. Ansätze zur Informationsethik  

Literatur 
 
 

 
 

Einführung

Der Begriff Informationsethik geht vermutlich zurück bis in die 1970er Jahre, als der Einzug des Computers im Bereich der Fachinformation sich allmählich durchsetzte und neue Fragen vor allem in bezug auf die Speicherung und den Zugang zu wissenschaftlich-technischen Dokumenten oder ihren Surrogaten (abstracts) zunächst in Form von bibliografischen Datenbanken aufkamen. 

Als Mitte der 1990er Jahre das Internet entstand, weitete sich die Bedeutung auf dieses Medium aus und es gab neue konkurrierende Bezeichnungen, wie zum Beispiel Cyberethik. Dies geschah zunächst nicht nur in Abgrenzung zu den ethischen Fragen in der Informatik (Computerethik), sondern vor allem in bezug auf den Bereich der Massenmedien (Medienethik). 

Gleichwohl umfasst Informationsethik daher als Begriff die ethischen Fragen der Digitalisierung, d.h. der Rekonstruktion aller möglichen Phänomene (oder die Definition ihrer künftigen Möglichkeit als Phänomene) der Welt, des Lebens und des Handelns im Medium von 0 und 1 als digitale Information sowie des Austauschs, der Kombination und Verwertung dieser Information und schließlich der digital vermittelten Kommunikation. Die Diffusität dieses Begriffs von Informationsethik ist dabei der Umfassendheit der Digitalisierung geschuldet, ihrem Sog, alles in sich aufzusaugen und als "alles" nur noch gelten zu lassen, was digitalisierbar ist. Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer digitalen Ontologie (Capurro 2002). 

Im Rahmen dieses Verständnisses von Informationsethik wollen wir, d.h. im Rahmen des ICIE Projektes, jedoch - zunächst und für unsere nähere künftige Arbeit - einen Schwerpunkt setzen. Dieser soll die Auseinandersetzung mit dem Internet (Netzethik) und der digital vermittelten Kommunikation sein. Diese Schwerpunktsetzung ist pragmatisch: Informationsethik muss mit einem der möglichen Gegenstände beginnen und das Netz stellt hierbei zweifelsohne eine der neuartigsten Herausforderungen dar. Das läßt sich am Beispiel der aktuellen Diskussion um die Wissensgesellschaft zeigen.

1. Topthemen der aktuellen Diskussion um die Wissensgesellschaft

Auf der praktischen Ebene hat das Nachdenken darüber, was der Anruf der Freiheit in der kategorialen Gestalt des Netzes verspricht, längst begonnen. Nach den konkreten Ausformungen von Informationsfreiheit zu fragen, heißt, auf die Ungerechtigkeiten in der realen Welt zu achten, nicht zuletzt, indem wir uns fragen, was sollen und können wir im Netz und mittels des Netzes tun, um eine Welt zu gestalten, die ökonomisch, militärisch, politisch, technisch, moralisch, religiös... zumindest weniger gewaltsam wird. 

Welche sind die Topthemen in der aktuellen Diskussion um die digitale Weltverneztung? Ich nehme als Beispiel die Website gipfelthemen.de, die von polit-digital e.V. und der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen mit Unterstützung vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit betreut wird. Die Themenliste umfaßt folgende Rubriken, deren Erläuterungen hier abgekürzt wiedergegeben sind: 

1. Digitale Spaltung: Wer von "Digitaler Spaltung" redet, redet immer auch über fehlende technische Infrastruktur. Die Frage ist, ob und wie Technik zur Überwindung der digitalen Spaltung beiträgt. 

2. Medien & Kompetenz: Ein Computer allein reicht nicht mehr. Auf die kompetente Bedienung kommt es an. Die Frage lautet dann, wie die Vermittlung von Medienkompetenz bei der Überwindung des digitalen Grabens helfen kann.  

3. Inhalte & Vorbilder: Auf die Inhalte kommt es an. Was ist aber ein guter Inhalt? Wo kann das Internet Mehrwert sein? Und wo ein Vorbild? 

4. Wissen & Besitz: Im Internet türmen sich Berge von Informationen. Doch wem gehören Sie? Unternehmen, der Allgemeinheit oder gar dem Staat? Wie steht es um die Kommerzialisierung von Wissen? 

5. Multi & Kulti: Das Internet steht für Vielfalt in einer globalisierten Welt. Es ist die Frage, ob es diesem Anspruch auch gerecht wird. Gibt das Netz kulturelle Vielfalt wieder oder dominiert eine Kultur alle anderen? 

6. Beteiligung & Spielregeln: Um die neuen Medien zu nutzen, um damit Bürgerbeteiligung und Gemeinwesen zu stärken, braucht es Regeln und Gesetze. Die Diskussion rund ums eGovernment und eDemocracy ist voll im Gange. 

7. Piraten & Terroristen: Wie gefährlich ist Cyberkriminalität? Ist eine Kriminalisierung von Hackern und Raubkopierern gerechtfertigt oder wird mit Bedrohungsszenarien übertrieben?  

8. Daten & Schutz: Ist das Sicherheitsbedürfnis von Einzelpersonen real, die wahre Bedrohung aber nur virtuell? Wie sollten und können die individuellen Rechte geschützt werden?  Wie viel Daten müssen  z.B. Provider speichern, was den Sicherheitsbehörden melden?  

9. UNO und Info-Gesellschaft: Wie kann die UNO den Wandel hin zu einer Wissens - und Informationsgesellschaft mitgestalten und welche Positionen hat sie dabei bislang eingenommen? Vordringliches Ziel des World Summit on the Information Society (WSIS) ist es, allen Menschen gleichberechtigten Zugang zu Wissen zu ermöglichen, so der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan. Auf diesem UNO-Gipfel (2003 in Genf, 2005 in Tunis) ist oder zumindest scheint vieles neu: Zivilgesellschaft und Wirtschaft dürfen stärker mitreden als bisher.  

Diese Fragen weisen auf Chancen und Gefahren der globalen Vernetzung hin. Sie stellen eine zugleich politische und ethische Herausforderung dar. Verschiedene insbesondere zivile Organisationen bemühen sich um Lösungsvorschläge bezüglich der ethischen und juristischen Rahmenbedingungen einer gerechte(re)n Weltinformations- und Kommunikationsordnung zum Beispiel in Form eines Wertekatalogs, der als Orientierung politischen Handelns sowie rechtlicher Normierung dienen soll.

2. „Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft„ 

Ein Beispiel eines solchen Wertekatalogs ist die "Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft", ein kollaboratives Werk zivilgesellschaftlicher Akteure, insbesondere der Heinrich Böll Stiftung, die damit ein Diskussionsangebot zum UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft unterbreiten wollen. 

"Die Ausgangsthese ist", so Olga Drossou, Referentin für Medienpolitik und Neue Medien der Heinrich Böll Stiftung in Berlin,  "dass die Digitalisierung einen erheblichen Neuordnungsbedarf im Hinblick auf den Umgang mit Wissen hervorruft. Aus unserer Sicht wird die Auseinandersetzung hierzulande, aber auch weltweit, sehr stark durch die Bestandsinteressen der Informationswirtschaft und der Verwertungsindustrie geprägt. Das herrschende Problembewusstsein erschöpft sich in Begriffen wie Raubkopien und geistiger Enteignung. Wir meinen dagegen, dass es bei der Gestaltung der künftigen Wissensordnung mehr zu bedenken gibt als die Absatzprobleme einzelner Branchen. Aus unserer Sicht geht es um nichts Geringeres als die Konzeption einer nachhaltigen Wissensgesellschaft, die auch für die künftigen Generationen das Wissen der Vergangenheit zugänglich vorhält. Nur durch den ungehinderten Zugang zu Wissen können die kreativen Potenziale erschlossen und soziale und wirtschaftliche Erfindungen gefördert werden, die für die Zukunft unserer Gesellschaft und ihrer Verantwortung für globale Nachhaltigkeit erforderlich sein werden." (Drossou 2003, In: gipfelthemen.de) 

Die ethischen Werte die nach dieser "Charta" zu bewahren und zu fördern gilt, lauten in Kurzform: 

1. Wissen ist Erbe und Besitz der Menschheit und damit frei 

2. Der Zugriff auf Wissen muss frei sein 

3. Die Verringerung der digitalen Spaltung muss als Politikziel hoher Priorität anerkannt werden 

4. Alle Menschen haben das Recht auf Zugang zu den Dokumenten öffentlicher und öffentlich kontrollierter Stellen 

5. Die ArbeitnehmerInnerechte müssen auch in der elektronisch vernetzten Arbeitswelt gewährleistet und weiterentwickelt werden 

6. Kulturelle Vielfalt ist Bedingung für individuelle und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung 

7. Mediale Vielfalt und das Angebot von Information aus unabhängigen Quellen sind unerlässlich für den Erhalt einer aufgeklärten Öffentlichkeit 

8. Offene technische Standards und offene Formen der technischen Produktion garantieren die freie Entwicklung der Infrastrukturen und somit eine selbstbestimmte und freie Kommunikation 

9. Das Recht auf Achtung der Privatheit ist ein Menschenrecht und ist unabdingbar für die freie und selbstbestimmte Entfaltung von Menschen in der Wissensgesellschaft. 

Diese knappen Hinweise auf brisante Diskussionsthemen der Wissensgesellschaft unter einer ethischen Perspektive machen aber deutlich, dass hier nicht nur eine politische, sondern eine kulturelle und letztlich auch eine philosophische Herausforderung ersten Ranges vorliegt, die mit Diskussionen in Online-Foren oder mit der Erstellung von Wertekatalogen nicht erschöpft ist. Sie verlangt vielmehr einen langfristigen interdisziplinären und interkulturellen Dialog, der nicht zuletzt sich des Mediums bedient, das er zugleich problematisieren soll.  

Ein solcher Dialog kann wiederum selbst als ethisch bezeichnet werden, sofern nämlich damit nicht nur eine intellektuelle Tätigkeit der Reflexion über Moral und insbesondere der Moralbegründung, sondern eine gestaltende Kraft gegeben ist, die sich aber keinesfalls einbildet, aus der hohen Warte der Moral, anderen zu diktieren, wie sie im Netz oder ohne das Netz zu denken und zu handeln haben.  

3. Ansätze zur Informationsethik

Es ist eine Stärke und kein Manko sowohl der Ethik als auch der Informationsethik, dass sie sich auf unterschiedliche Denkansätze berufen kann. Diese Vielfalt schützt uns vor fundamentalistischen Verkürzungen und entläßt uns keineswegs aus der Verantwortung im jeweiligen Fall zu berücksichtigen, was genau zum Beispiel unter Menschenwürde zu verstehen ist und wie diese in bezug auf unser Informationshandeln gegebenenfalls (besser) zu schützen wäre.  

In der heutigen ethischen Diskussion ist es beinah Mode geworden, utilitarische und deontologische Ansätze als unvereinbare Gegensätze darzustellen und sie manchmal sogar mit geographischen Einteilungen diesseits und jenseits des Atlantik oder, innerhalb Europas, diesseits und jenseits des Ärmelkanals zu identifizieren. Im Unterschied zu solchen Verkürzungen sehen wir die lebendige Einbeziehung ethischer Ansätze unterschiedlicher philosophischer Provenienz, sowie aus anderen Kulturen und Epochen, als ein pharmakon gegen einseitiges Denken und parteiliches Handeln.  

Menschliches Denken und Handeln finden immer im Kontext statt, was nicht heißt, dass wir dadurch völlig determiniert oder einem unentrinnbaren Schicksal ausgeliefert wären. Vielmehr bildet diese Einsicht in unsere Kontingenz die Voraussetzung dafür, dass wir die heutigen Bedingungen der digitalen Weltvernetzung und auch die ethischen Zugänge zu ihrer Orientierung im Horizont der Kontingenz reflektieren. Wir denken und leben in kontingenten Netzen -- das kann man geradezu als unsere Grundbefindlichkeit betrachten.  

Thomas Hausmanninger sieht im Anschluß an Überlegungen von Hans Blumenberg die ersten Wurzeln dieser Kontingenzerfahrung schon in der nominalistische Verunsicherung nach der Hochscholastik, wodurch die göttliche Garantie für die Vernünftigkeit der Welt zerbricht (Hausmanninger/Capurro 2002, 13-14). Mit den Umbrüchen zu Neuzeit und Moderne, die sich daran anschließen, wird diese Wende zur Kontingenz vollendet: Pluralisierung und Entsubstantialisierung der Subjektvorstellung und die Heraufkunft eines nachmetaphysischen Zeitalters benennen schlagwortartig unsere Zeitsituation. Die Relativierung und Kontingentierung der Vernunft, die dabei geschieht, die Endlichkeit und Pluralität des Vernünftigen, erscheint jetzt, im Informationszeitalter, in der Erfahrung der digitalen Vernetzung, der unterschiedliche Formen technischer Netzwerke vor allem im 19. und 20. Jahrhundert vorausgingen.  

Pluralisierung und Relativierung bedeutet aber keineswegs Beliebigkeit und Relativismus. Hausmanninger weist in Anschluß an Kant mit Recht darauf hin, dass Freiheit "nicht aus sich selbst bestehen (bleiben) kann, sondern als reale eröffnet, durch Grenzziehungen offengehalten werden muss. Hierfür ist zunächst einmal die Ethik zuständig (als Basis auch des Rechts)" (Hausmanninger/Capurro 2002, 18).  

Wenn wir in diesem Rahmen Informationsethik zu betreiben versuchen, sind wir uns zunächst darin einig, dass das erste Verbindende die Frage selbst ist: Wir treffen uns in der plural-dezentrierten Zeitsituation und in der globalisierten Welt zuallersert in der Frage nach einer Orientierungsbasis. Sie erlaubt es uns, mitten in den constraints der real-politischen Auseinandersetzung, vor allem aber mitten in der real-sozialen Wahrnehmung dessen, was unerträglich ist, und was keinen Aufschub erduldet, doch Zeit und Raum zu finden, um uns auf die Differenzen einzulassen, sie in uns, individuell und sozial, zuzulassen.  

Eben dieses Zulassen der Frage und ihrer Zeitlichkeit, ist bereits ein Teil jener nicht-substanziellen Orientierungsbasis, die wir, bei allen Differenzen, gemeinsam suchen. In der Sprache der Tradition würden wir sagen, dass wir im Kontext der Informationsethik nach Möglichkeiten der Verwirklichung menschlicher Freiheit unter den kategorialen Bedingungen der Weltvernetzung fragen. Der Ausdruck "nicht-substantielle Orientierungsbasis" ist dabei in einem gewissen Sinne ein Oxymoron, sofern nämlich mit Basis etwas Festes angedeutet wird, während in Wahrheit die digitale Weltvernetzung uns mit einer zugleich kollektiven und kontingenten Form von Freiheit, Geschichte und Subjektivität konfrontiert, also mit Dynamik, Vielfalt, mit einem Wegbrechen der traditionellen Festigkeiten, deren Tragweite wir heute kaum ermessen können.

Diese Situation fordert auch von EthikerInnen eine Offenheit, die Wagnischarakter hat. Interessanterweise ist es ausgerechnet ein Theologe, der schon 1965 solche Offenheit als Erfordernis für die Ethik in der Moderne einfordert: Gegenüber der Moral, die an der Verteidigung von bestimmten Gestalten interessiert ist, muss die Ethik, so Karl Rahner in einem berühmten Vortrag mit dem Titel "Experiment Mensch", sich dem schmerzhaften Wagnis der Freiheit stellen (Rahner 1966). Ich glaube, dass das Internet Teil dieses Freiheitswagnisses ist.

Sich zu diesem Wagnis zu bekennen, bedeutet nicht, Ambivalenzen zu verkennen. Wohl ist im industriellen und post-industriellen Zeitalter der Netzbegriff vorwiegend positiv belegt, während er in der Agrargesellschaft stärker zwiespältige Konnotationen besaß. Die Sprache jedoch bewahrt Spuren dieser Ambivalenz  -- zum Beispiel in den Ausdrücken "den Faden verlieren", "sich in den Netzen verfangen", sowie in Worten wie "Liebesnetze" und "Fangnetze". Die Ambivalenz bleibt auch für die digitalen Netze bestehen: Bei aller Anerkennung um die Vorteile der digitalen Vernetzung sollten wir uns zugleich immer bewußter werden, dass wir beispielweise, wenn wir eine Orwellsche surveillance society vermeiden wollen, gerade auf die Lücken des Netzes angewiesen sind. Je engmaschiger die Netze, um so schwieriger ist es auch, im informationstechnischen Labyrinth zwar nicht den einen wohl aber einen Ariadnefaden zu finden, den wir aber immer mit anderen Fäden selbst verknüpfen müssen (Capurro 2003, 48-50). Die Maschen, die wir dabei stricken und in denen wir uns volens nolens verstricken, sind unser Leben selbst. Denn wir sind immer schon als Natur- und Kulturwesen vernetzt, im Netz des Lebens, das heißt der Natur und der Sprache.

Den Begriff der Netzethik, die wir uns in den kontingenten Netzen von Lebenswelt, Kultur und Digitalität zur Aufgabe gemacht haben, können wir dabei im Sinne eines genitivus objectivus und subjectivus verstehen. In der ersten Bedeutung meinen wir die Kritik an einer Ausformung unseres digitalen Seins, die von den realen Nöten der Menschen absieht, anstatt zu fragen, inwiefern das Netz bestehende Ungerechtigkeiten zementiert und sogar vertieft oder, positiv ausgedrückt, inwiefern die Globalisierung den Menschen konkrete Chancen bietet, sich in einer pluralen und komplexen Welt ein nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen besseres Leben zu gestalten. Diese Problematik wird heute vor allem unter dem Stichwort digital divide thematisiert. Wir können auch von digitaler Apartheid sprechen.

Die zweite Bedeutung bezieht sich auf die Art und Weise wie wir im Netz sind. Hier sehe ich die Chance für eine Netzethik im Rahmen einer "Philosophie der Lebenskunst" (Schmid 1998). Wenn Wilhelm Schmid auf die "Gefahr einer bloßen Unterwerfung des Selbst unter die technologischen Bedingungen" (Schmid 1998, 136) aufmerksam macht, dann ist zu fragen, inwiefern dabei die Unterscheidung zwischen den Massenmedien und dem Internet ausfällt, die vermutlich die entscheidende Veränderung zwischen der Massenkultur des 20. Jahrhunderts und einer neuen Kommunikationskultur in diesem zweifellos nicht undramatisch beginnenden 21. Jahrhundert darstellt.

Wenn Misstrauen und nicht Gelassenheit am Platz ist, dann vor allem in bezug auf jene Schleusenwärter der Information, die mittels einer hierarchischen one-to-many Struktur, eine Masse durch eine universal ausgerichtete Botschaft neuerdings auch durch das Internet zu erreichen und ihre Aufmerksamkeit zu fesseln versuchen. Wir können diese Gefahr als das CNN-Effekt bezeichnen. Das Subjekt ist aber ein historisches Gebilde, als face-to-face Diskutierender, Leser, Zuschauer oder Zuhörer von massenmedialen Botschaften und -- als Sender und Empfänger im digitalen Netz. Die moralischen und rechtlichen Bedingungen der Massenmedien lassen sich nicht eins zu eins auf das Internet übertragen, ohne damit die Chancen dieses Mediums für eine neue Form der Ausgestaltung unserer Freiheit aus dem Blick zu verlieren. Das heißt wiederum nicht, dass im Internet keine rechtlichen und moralischen Normen notwendig wären. Es ist gerade die Hauptaufgabe einer Informationsethik zur Bildung eines Cyberethos beizutragen, von dem aus sich rechtliche Normen herauskristallisieren können.

Informationsethik lässt sich demnach als deskriptive und emanzipatorische Theorie unter jeweils historischer und systematischer Perspektive auffassen:

  • Als deskriptive Theorie beschreibt sie die verschiedenen Strukturen und Machtverhältnisse, die das Informationsverhalten in verschiedenen Kulturen und Epochen bestimmen.
  • Als emanzipatorische Theorie befaßt sie sich mit der Kritik der Entwicklung moralischen Verhaltens im Informationsbereich. Sie umfaßt individuelle, kollektive und menschheitliche Aspekte.
Mit anderen Worten, Informationsethik soll  
  • die Entwicklung moralischen Verhaltens im Informationsbereich, und insbesondere im Bereich der digitalen Weltvernetzung, beobachten,
  • Informationsmythen aufdecken und kritisieren, Machtverhältnisse, die das Informationsverhalten bestimmen, analysieren,
  • verdeckte Widersprüche der herrschenden theoretischen und praktischen Sprachnormierung offenlegen,
  • die Entwicklung informationsethischer Fragestellungen beobachten. 
Eine so verstandene informationsethische Reflexion umfaßt kultur- und philosophiehistorische Dimensionen. Die gegenwärtige Frage nach der Freiheit des Zugangs zum digitalen Netz (freedom of access) lässt sich zum Beispiel im Rahmen der modernen Pressefreiheit (freedom of the press) und der antiken Redefreiheit (freedom of speech) erörtern. 

Daraus ergeben sich Ausbildungsziele für Schulen und Hochschulen: 

  • Selbständige Erkennung und Problematisierung ethischer Konflikte im digitalen Informationsbereich.
  • Verantwortungsinn für die Auswirkungen individuellen und kollektiven Handelns im digitalen Informationsbereich wecken.
  • Fähigkeit zum interkulturellen Dialog im Sinne von Anerkennung der Vielfalt von Informations- und Medienkulturen mit ihren jeweiligen Werten und Traditionen.
  • Grundkenntnisse ethischer Begriffe und Theorien und ihre Relevanz für die alltägliche Informationspraxis vermitteln.
Mit anderen Worten, die primäre Aufgabe einer Netzethik besteht darin, unser Im-Netz-sein im Kontext von Freiheit, Gerechtigkeit, kultureller Vielfalt und Chancengleichheit zu thematisieren und umgekehrt, diese Dimensionen menschlichen Seins aus der Perspektive des digitalen Weltentwurfs neu zu reflektieren.
Unsere digitalen Wohnorte sind nur scheinbar raum- und zeitlos. Das Thema des  Interrnational ICIE Symposium 2004 drückt eine wichtige vor uns liegende Denkaufgabe aus, nämlich das Lokalisieren des Internet aus ethischer und interkultureller Perspektive.

 

 
   
  

Literatur

Capurro, R. (2003): Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Hausmanninger, Th., Capurro, R. (2002):  Ethik in der Globalität. Ein Dialog. In: Th.  
Hausmanninger, R. Capurro (Hrsg.): Netzethik. Grundlegungsfragen der Internetethik. Schriftenreihe des ICIE Bd. 1, München: Fink, 13-36.

Rahner, K. (1966): Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen. In: H. Rombach Hrsg.: Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift für Max Müller zum 60. Geburtstag. München: Alber, 45-69.

Schmid, W. (1998):  Philosophie der Lebenskunst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

 

Letzte Änderung: 6. Januar  2012
 
 
 
    

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