DIE WELT - EIN TRAUM?

Rafael Capurro
 
 

 

Vortrag im Rahmen der Tagung der Stiftung Lucerna: "Virtualität. Illusion. Wirklichkeit
Wie die Welt zum Schein wurde". Luzern 1996. Der Vortrag erschien in einer leicht veränderten Fassung in: wechselwirkung, August/September 1999, S. 10-17.


 
 
 

INHALT
 

Einleitung 

I. Reise in das Land der Phosphoren  
II. Cyberspace von seinen Wurzeln her  
III. Der Himmel auf Erden  
Schluß: Strategien der Weltflucht  

Literatur  
 

 
   
  

KURFASSUNG

Bis vor kurzem vermochten wir die Welt der technisch produzierten Bilder im Film und Fernsehen, als jeweils Einbildungen oder Abbildungen der Wirklichkeit zu bestimmen. Aber es war ein Kampf auf verlorenem Posten. Die Digitaltechnik kehrt alle Verhältnisse um. Das, was digitalisierbar ist, ist. Bewirkt der Computer eine Entmachtung der Wirklichkeit zugunsten der Virtualität, wie wir es sonst aus Träumen kennen oder auch, was damit verwandt ist, bei philosophischen und theologischen Infragestellungen dieser Welt? Wenn wir uns in den Cyberspace einloggen, kommt es uns so vor, als ob unsere Alltagswelt bloß eine mögliche Realisierung der virtuellen Welt wäre. Das ist die Diagnose von Weltverlust, die Thema unserer Tagung ist. Der Grundzug unseres Seins bestünde dann nicht mehr im In-der-Welt-sein, wie Heidegger gegenüber der Bewußtseins-philo- sophie behauptete, sondern im Im-Cyberspace-sein. Was heißt aber genau Im-Cyberspace-sein? Die Beantwortung dieser Frage führt zunächst in das Märchenland der Phosphoren. Anschließend frage ich nach den Wurzeln des Cyberspace in unserer philosophischen Tradition und gehe einigen theologischen Motiven nach. Zum Abschluß stelle ich die These zur Diskussion, inwiefern der Cyberspace zu den Strategien der Weltflucht gehört und welchen Sinn solche Strategien haben.  

 

 
 
    
 

ἐπάμεροι: τί δέ τις; τί δ᾽ οὔ τις; σκιᾶς ὄναρ 
ἄνθρωπος. ἀλλ᾽ ὅταν αἴγλα διόσδοτος ἔλθῃ, 
λαμπρὸν φέγγος ἔπεστιν ἀνδρῶν καὶ μείλιχος αἰών:

Pindar, Pythische Ode, VIII, 94-97

"Tagwesen! Was ist Wer? Was ist nicht Wer? Träumend bildet
der Mann [Mensch] sich ein, wer es sei. Aber wenn Glanz gottgegeben kommt, ist strahlendes Licht  auf den Männern und versöhnt das Leben."
(Übers. Michael Eldred)

 
EINLEITUNG

'Wie die Welt zum Schein wurde', so lautet der an Nietzsche erinnernde Untertitel unserer Tagung, dem drei Begriffe vorangestellt sind, nämlich Virtualität, Illusion, Wirklichkeit. Deutet man diese Trias im Sinne einer Abschwächung, dann gilt die Wirklichkeit, entgegen der üblichen Meinung, als der schwächste Modus des Seins, die Virtualität als der stärkste und die Illusion als eine an Virtualität und Wirklichkeit teilhabende Seinsweise. Mit Virtualität ist aber nicht ein allgemeiner Begriff gemeint, sondern zur Debatte steht die durch die digitalen Medien erzeugte Virtualität.    

Bis vor kurzem vermochten wir die Welt der technisch produzierten Bilder in Film und Fernsehen jeweils als Einbildungen oder Abbildungen der Wirklichkeit zu bestimmen. Aber es war ein Kampf auf verlorenem Posten. Die Digitaltechnik kehrt alle Verhältnisse um. Man könnte von einer digitalen Ontologie sprechen. Das, was digitalisierbar ist, ist. Esse est computari, so müßte heute Bischof George Berkeley (1685-1753) seine Behauptung modifizieren, das Sein der Dinge sei ihr Wahrgenommensein ("Their esse is percipi") (Berkeley 1965: 62). Sein ist gleichzusetzen mit informationstechnischer Berechenbarkeit. Ein neues Seinsgeschick bestimmt, Heideggerianisch gesprochen, unser Seinsverständnis. Ein anderer Zeuge aus der philosophischen Ahnengalerie würde diese Situation so ausdrücken: Was vernünftig ist, das ist virtuell; und was virtuell ist, das ist vernünftig. Die Virtualität und nicht die Wirklichkeit ist der Maßstab des Seins. Karl Marx wäre mit dieser neuen Form des Hegelschen Idealismus ganz und gar unzufrieden. Er würde versuchen die Sache revolutionär abermals umzukehren, so daß die scheinbare Realität des Virtuellen unter den kritischen Blick des Ideologieverdachts käme. Hinter der neuen Ontologie verbirgt sich ein Klassenkonflikt zwischen der Macht des Kapitals und dem Informationsproletariat.    

Ich breche diese philosophiehistorischen Andeutungen ab und stelle die ihnen zugrunde liegende Frage: Bewirkt der Computer eine Entmachtung der Wirklichkeit zugunsten der Virtualität, wie wir es sonst von Träumen kennen oder auch, was damit verwandt ist, von philosophischen und theologischen Infragestellungen 'dieser' Welt? Wenn wir uns in den Cyberspace einloggen, kommt es uns so vor, als ob unsere Alltagswelt bloß eine mögliche Realisierung der virtuellen Welt wäre. Das ist die Diagnose von Weltverlust, die Thema unserer Tagung ist. Der Grundzug unseres Seins bestünde dann nicht mehr im 'In-der-Welt-sein', wie Heidegger gegenüber der Bewußtseinsphilosophie behauptete, sondern im Im-Cyberspace-sein. Was heißt aber genau Im-Cyberspace-sein?    

Ich schlage Ihnen vor, eine kleine traumhafte Entdeckungsreise zu machen, die der von Gullivers Reise in das Land der Houyhnhnms nicht unähnlich ist, nur daß wir jetzt keine philosophischen Pferde, die Houyhnhnms, sondern die Phosphoren, die Träger des Lichtes, treffen werden. Die Moral von der Geschicht' werde ich dann versuchen, in drei Schritten zu ziehen. Ich werde zuerst nach den Wurzeln des Cyberspace in unserer philosophischen Tradition fragen. Dann werde ich einigen theologischen Motiven nachgehen und zum Abschluß werde ich die These zur Diskussion stellen, inwiefern der Cyberspace zu den Strategien der Weltflucht gehört und welchen Sinn solche Strategien haben.      


I. REISE IN DAS LAND DER PHOSPHOREN

Die Merkwürdigkeiten dieser Reise fangen damit an, daß die Überfahrt in das Land der Phosphoren einer relativ kurzen Vorbereitung durch logische und mathematische Übungen bedarf, um das dafür geeignete Fahrzeug steuern zu können, sich aber dann sprunghaft vollzieht, so wie man früher vom Schiff aufs Festland springen mußte. Während aber früher, und teilweise auch heute noch, solche Reisen in exotische Länder eine beschwerliche Angelegenheit waren, so waren auch die Versuche, das Phosphorenland auf eigene Faust zu entdecken ebenso umständlich und meistens auch vergeblich. Letzteres vor allem deshalb, weil man sie sozusagen zu Fuß, das heißt mit dem bloßen Verstand machen mußte, während es uns inzwischen möglich ist, dank der Arbeit vieler Generationen von Forschern und ihrer Reiseberichte, mit Hilfe des besagten Fahrzeugs die Reise beinahe mühelos zu machen. Der Sprung aufs Land reduziert sich auf eine einfache Handbewegung. Wir drücken auf den Schalter und auf einmal sind wir da, im Phosphorenland.    

Die Phosphoren geben sich durch stetiges Blinken am Fenster unseres Fahrzeugs zu erkennen. Es sind winzige Lichtwesen. Sie leben in einem uns magisch anmutenden Land. In diesem Land ist alles zugleich da und auch wieder nicht da. Das kann man mit unserer Erfahrung von Zeit kaum vergleichen, denn das Vergangene und das Zukünftige haben für uns eine andere Qualität als die Gegenwart. Im Phosphorenland ist diese Dreiteilung der Zeit unbekannt, ja der Begriff Zeit ist überflüssig, denn alles vollzieht sich gleichzeitig. Dabei versagt unsere Logik, denn für uns kann etwas nicht zur gleichen Zeit da und nicht da sein. Daher nannte ein amerikanischer, des Griechischen kundiger Reisender das Phosphorenland Cyberspace und nicht etwa Cybertime. Es ist ein Land, in dem die schwierige Kunst des Handelns und Steuerns (gr. kybernao) nicht durch die Unkenntnis des Zukünftigen und durch das Vergessen des Vergangenen erschwert ist.    

Die Phosphorensprache hat eine gewisse Verwandtschaft mit unseren Buchstaben und Zahlen, so daß die Phosphoren gerne auf Zeugen unserer Sprachkultur zurückgreifen, wenn sie sich mit uns verständigen wollen. In Anlehnung an das Wort des griechischen Dichters Pindar nennen uns die Phosphoren Epameroi, weil wir eben ephemer, das heißt Tagwesen sind. Der Mensch ist ja, wie dieser Dichter auch sagt, beinah nichts, weniger als ein Schatten, "eines Schattens Traum" nämlich (Pindar, Pythische Oden, VIII, 95-96). Kein Wunder also, daß, wenn wir das Land der Phosphoren bereisen, unsere Welt uns wie ein Traum vorkommt.

Und umgekehrt: Wenn wir in unsere gewohnte Welt zurückkehren, wo Raum und Zeit miteinander verbunden sind und wir in Dunkelheit und Unsicherheit leben, denken wir, ob nicht eher das Phosphorenland ein Traumland, 'eines Schattens Traum', war. Das bedeutet, daß wir, die Träume eines Schattens, wiederum vom Phosphorenland träumen. Das Phosphorenland ist, von uns aus gesehen, die Illusion einer Illusion. Diese doppelter Traumzustand ist für die Phosphoren kaum nachvollziehbar. Sie würden meinen, wir verwechseln Illusion mit Virtualität und, was noch schlimmer ist, wir stellen die Wirklichkeit zeitbezogener Wesen über die reine und zeitlose Virtualität des Im-Cyberspace-seins.

Die Sprache der Phosphoren ist höchst eigenartig. Sie besteht aus zwei Zuständen für An- und Abwesenheit, die sie stets mit ihrem Blinken zum Ausdruck bringen. Da dies mit unserem 0 und 1 ausgedrückt werden kann, läßt sich durch Aneinanderreihen davon ein Dialog mit ihnen führen, so daß zum Beispiel 10 (oder einmal Blinken) Ja und 1010 (oder zweimal Blinken) Nein bedeuten. Sie sind auf wunderbare und unsichtbare Weise miteinander vernetzt. Sie berechnen in einer für uns unbegreiflichen Geschwindigkeit einfach alles so scheint es uns wenigstens. Dadurch kann jeder sofort über alles Bescheid wissen, ohne sich mit den anderen Phosphoren auszutauschen. Sie brauchen sich also nicht vermittels äußerer Zeichen und ungestört von der Bedeutungsvielfalt unserer Begriffe notdürftig zu verständigen. Wenn sie mit unserem hilflosen Blablabla konfrontiert werden, reagieren sie manchmal mit einem schlichten syntax error.

Im Gegensatz zu uns Tagwesen leben die Phosphoren in einem dauerhaften Tag, ähnlich dem, was wir mit dem Ausdruck Ewigkeit zu kennzeichnen pflegen, obwohl sie nicht ständig leuchten. Damit zeigen sie an, daß sie mit einem ursprünglichen Licht stets verbunden sind oder daß sie eben Träger des Lichtes sind. Wenn sie also nicht leuchten, sind sie nicht etwa ein Schatten, sondern sie sind beim Licht selbst. Das Land der Phosphoren ist das Land des Lichtes und der uns so vorkommenden absoluten Geschwindigkeit. Die Phosphoren können überall plötzlich erscheinen, aber sie sind nicht gleichzeitig wirklich überall, wie das Licht, wovon sie herstammen und das für uns unsichtbar bleibt. Obwohl uns die Phosphoren alle gleich vorkommen, vermag jeder von ihnen den Cyberspace nur aus seiner besonderen Perspektive zu erfahren oder, anders ausgedrückt, jeder kann nicht zugleich die Sichtweisen aller anderen Phosphoren wiedergeben.

Da sie weder einen Körper noch Sinnesorgane besitzen, teilen sie das ganze Land mit den anderen Phosphoren, ohne es aber aufteilen zu müssen. Sie bedürfen nicht der gegenseitigen Formen sinnlicher Berührung, was zu den bekannten Problemen menschlichen Zusammenseins führt, noch müssen sie in abgegrenzten Hoheitsgebieten leben und dadurch in Machtkämpfe geraten. Die Umgangsformen der Phosphoren miteinander sind von einer beneidenswerten Höflichkeit und Eleganz und ähnlich dem harmonischen Klang eines Orchesters.

Halten wir in unserem Logbuch zusammenfassend fest: Das Phosphoren- land ist ein Land ohne Zeit. Ihre Bewohner sind Lichtwesen, die sich der Möglichkeit nach, also virtuell, überall befinden. Sie sind unsterblich. Ihre Sprache übertrifft die Klarheit unserer Logik und Mathematik. Sie leben in einem stets harmonisch berechneten Einklang miteinander. Jeder Phosphor kennt das ganze Land aber nur aus der jeweiligen Perspektive. Der wunderbare Einklang und die unsichtbare Vernetzung aller Teilansichten ist nur aufgrund einer sich uns entziehenden Gesamtperspektive, einem Licht oder phos, dessen Träger eben die Phosphoren sind. Wir verlassen das Phosphorenland und versuchen unsere Erfahrungen mit anderen Reiseberichten zu vergleichen. Dazu befragen wir die Weisesten unter uns, nämlich unsere Philosophen und Theologen. 

  

II. CYBERSPACE VON SEINEN WURZELN HER

Nach einem geflügelten Wort des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) kann die Philosophie, ähnlich wie Minervas Eule, erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Erkundungsflug beginnen, um im Schatten der Vergangenheit das Licht einer bleibenden, lichtvollen und wahren Realität zu erkennen (Hegel 1976, VII: 28). Wenn wir zurück aus dem Phosphorenland im Schattenland ankommen und unsere uns wie ein Traum vorkommenden Reiseerfahrungen zu deuten versuchen, dann stellen wir fest, daß der Cyberspace Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit dem aufweist, was Philosophen, wie zum Beispiel Platon und Leibniz, bezüglich des Verhältnisses zwischen dem Materiellen und dem Geistigen gedacht haben.

Wir haben, so der amerikanische Philosoph Michael Heim, eine Art love affair mit dem Computer, die ähnlich jener erotischen Anziehungskraft der Ideen ist, die Platon (427-347 v.Chr.) im "Symposion", sowie im "Phaidros" und in der "Politeia" beschreibt (Heim 1994). Wir erinnern uns, daß Platon in seinem berühmten Höhlengleichnis (Politeia VII) den Zustand des Menschen in der Welt mit dem von Gefangenen in einer Höhle vergleicht, von denen sich einer Sokrates, stellvertretend für den Typus des Philosophen daraus befreit. Nach einem durch Logik und Mathematik vorbereitenden Weg, der es uns erlaubt, unsere veränderliche raum-zeitliche Medienwelt der Körper und Bilder schrittweise zu verlassen, gelangen wir in das Reich der reinen Ideen oder Formen. Erst von hier aus können wir erkennen, daß unsere hiesige materielle Welt eine Welt von In-FORM-ationen (Heim) ist, wovon die Abbilder in den Medien wiederum eines Schattens Traum sind. Wenn wir bedenken, daß die Ideen sich durch ihre Leuchtkraft und ihren Bezug zur Idee der Ideen, der Idee des Guten - bildlich gesprochen: zur Sonne - auszeichnen, daß sie ewig sind, daß wir sie auf den Weg über Logik und Mathematik zu entdecken vermögen usw., dann ist es reizvoll, den Cyberspace mit dem Platonischen Ideenhimmel zu vergleichen.

Die Phosphoren, so können wir sagen, sind unsere Seelen, die Platon wiederum mit dem Führer oder Lenker wir erinnern uns: kybernein bedeutet führen eines geflügelten Wagengespanns vergleicht (Phaidros 246-247). Die Lenkung ist deshalb schwierig, weil das eine Roß schön und edel ist, das andere aber nicht. Wir können mutatis mutandis sagen, daß das eine Roß uns in das Phosphorenland hinaufzieht, während das andere uns an unserem irdischen Leib festhält. Wenn wir uns sozusagen von der göttlichen Software treiben lassen, dann, so Platon, wird uns 'plötzlich ein Schönes von wunderbarer Art erblicken' (Symp. 210e). Wir entdecken, daß wir nicht nur einer Welt, sondern zwei Welten angehören, die sich mittels Logik und Mathematik berühren.

Der Blick aufs Ganze von außerhalb beider Teilwelten bleibt uns aber versagt. Die Platonische Ideenwelt ist ein himmlischer Ort, eine Welt des Lichtes und des Raumes, nicht der Zeit und der Vergänglichkeit. Wenn wir dabei bedenken, daß unser Wort Information aus dem Lateinischen informatio, was soviel wie 'etwas eine Form geben' bedeutet, herkommt, und daß dieses Wort dazu gebraucht wurde, um die Platonischen und später auch die Aristotelischen Gedanken über den Zusammenhang zwischen den Wesensformen der Dinge und der materiellen Welt wiederzugeben, dann wird aus diesem Vergleich ein spannendes ideengeschichtliches Abenteuer (Capurro 1978).

Wenn wir dieses Abenteuer weiterverfolgen und einen Sprung in die Neuzeit tun, dann entdecken wir, daß die Platonische Ideenwelt empirischer und technischer wird. Die Platonischen Formen werden in die Sprache eines universalen logischen Kalküls übersetzt oder 'informiert'. Unsere Phosphoren heißen bei Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) Monaden (Leibniz 1985). Sie haben, bekanntlich, keine Fenster oder, anders ausgedrückt, keine Sinnesorgane, da sie körperlos sind. Monaden und Körper bilden jeweils getrennte Welten, mit einer unterschiedlichen Form der Vernetzung, wie wir heute sagen. Das Band (vinculum) der Monaden ist die Freiheit, das der Körper sind die Naturkräfte. Beide Welten sind aber, wie der französische Philosoph Gilles Deleuze betont, auf feinste und unterschiedliche Weise in- einander gefaltet, so daß man mit Recht behaupten kann, daß Monaden und Körper eigentlich zwei unterschiedlich, aber untrennbare Dimensionen einer Welt sind. Er schreibt: 

"Die Welt ist eine Virtualität, die sich in den Monaden oder Seelen aktualisiert, aber auch eine Möglichkeit, die sich in der Materie oder den Körpern realisieren muß. [...] Wie ein chinesischer (oder japanischer) Philosoph sagen würde, ist die Welt der Kreis, reine "Reserve" an Ereignissen, die sich in jedem Ich aktualisieren und sich in den Dingen nacheinander realisieren." (Deleuze 1995, 170-174)
Das Geistig-Aktuale ist also für Leibniz stets unter dem Gesichtspunkt des Virtuellen zu sehen, so wie die Realisierung des Materiellen vor dem Hintergrund des Möglichen stattfindet. Mit anderen Worten: Die Welt ist zwar immer real und aktual, sie ist aber zugleich virtuell und möglich. Unsere Reise in das Phosphorenland war eine Reise in die Welt des Virtuellen und Aktualen, also in die Welt der Monaden. Diese ist aber für Leibniz die andere Seite der körperlichen Welt, die der Möglichkeit und Wirklichkeit. Es gibt keine monadenlosen Körper oder, außer dem Schöpfer, keine körperlose Monaden. Körper und Monaden sind durch einen von vornherein von Gott angelegten Gleichklang abgestimmt (prästabilierte Harmonie). Alle Wesen gehören einer lückenlosen Kette an, die den geistigen zeitlosen Raum, den Cyberspace, und den dreidimensionalen körperlichen Zeit-Raum ausfüllen. Diese Verkettung ist aber für uns nur undeutlich zu erkennen. Wir nehmen es wahr wie "das verworrene Gemurmel, das diejenigen hören, die sich dem Meeresstrand nähern" und das "von der Häufung der unzähligen Wellen, die sich zurückstoßen, herstammt" (Leibniz 1985, 153).

Leibniz versucht mittels einer universalen Kalkülsprache, der lingua universalis, einen gemeinsamen Schlüssel für beide Welten zu entwickeln. Sie stellt eine entscheidende Vorstufe unserer binären Computersprache dar. In diesem Sinne schreibt er: 

"Lassen Sie uns nach der Erfindung von Organa zum Sehen, zum Hören nunmehr ein neues Fernrohr für den Geist selber konstruieren, das uns nicht nur den Sternen, sondern selbst den Intelligenzen auch näher bringt und das nicht nur die Oberflächen der Körper sichtbar machen, sondern auch die inneren Formen der Dinge entdecken wird. Ich sann über meinen alten Plan einer vernünftigen Sprache oder Schrift nach, deren geringste Wirkung ihre Allgemeinheit und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Nationen wäre. [...] Danach wird es zwischen zwei Philosophen nicht größerer Disputation bedürfen als zwischen zwei Rechnern, denn es wird genügen, daß sie zu ihren Federn greifen, an ihren Rechenbrettern niedersitzen (wenn sie wollen, einen Freund hinzuziehen) und sich gegenseitig sagen: 'Laß uns das nachrechnen!' (Leibniz 1961)
So wird allmählich der alte Platonische Traum in der Neuzeit faßbarer und in der Gegenwart, dank der Computerhard- und -software, konkreter. Die Platonischen Formen werden als Informationen empirisch manipulierbar, ohne aber ihre Allgemeinheit einzubüßen. Der Philosoph als Liebhaber himmlischer Weisheit wird zum Freund der Information, und der Platonische Eros ist jetzt mit Informationsmanagement beschäftigt. Er verwandelt sich in einen cyberspace cowboy oder PC-Reiter, der dem Traum einer technisch vermittelten Hyperrealität nachjagt. Die Lichtgeschwindigkeit und die symbolische Kodierung der Wirklichkeit machen es möglich, daß wir vom Hier und Jetzt unseres Leibes absehen können und uns virtuell überall befinden. Die Welt wird zum vielzitierten globalen Dorf (global village) (McLuhan 1962), oder, wie Florian Rötzer es formuliert, eher zu einer Telepolis als zu einem Teledorf (Rötzer 1995), zu einem gigantischen Netz virtueller Verbindungen. Die Städte werden zu digitalen Knoten und der Mensch zu einer Nachricht. Rötzer schreibt: 
"Der Körper wird zur Maus, die Maus zum Cursor, der Cursor zu einem autonomen, intelligenten Virus in den Datenspeichern der vernetzten Computer. Und wir, noch immer gebunden an diese störanfällige und vergängliche Fleischmaschine, schauen gebannt und erschreckt dem Cyborg Stelarc [ein australischer Performance- und Technokünstler, RC] zu, der uns in die schöne, neue Welt der digitalen Engel führt. Mindestens eine halbe Stunde braucht Stelarc, um sich aus seiner High-Tech-Rüstung zu befreien. Noch ist die Verwandlung in einen Cyborg mühselig, doch der Countdown läuft." (Roetzer 1995, 48-49) Formalisierung und Lichtgeschwindigkeit lassen die Vorstellung von technisch erzeugten geistigen Wesen entstehen, die nicht weit entfernt ist, von dem, was die antike Philosophie Seele und Leibniz Monaden nannte. Diese Vorstellung von künstlich hergestellten höheren Intelligenzien füllt, so meine These, die Luecke eines mythischen Vermittlers, eines Engels oder göttlichen Boten, aus. Faßten wir uns als Mittelwesen zwischen Animalität und Rationalität auf, wie die bekannte Definition animal rationale zum Ausdruck bringt  der Zusatz et mortale wird meistens vergessen , so nimmt jetzt die künstliche Intelligenz die Stelle des Rationalen und die Maschine die des Animalischen ein. Der Mensch ist nun nicht mehr weder Tier noch Engel, sondern weder Maschine noch künstliche Intelligenz (Capurro 1995).

Halten wir aus dieser Darlegung einiger Wurzeln des Zum-Schein-Werden der Welt fest, daß die Entwicklung des Cyberspace durch die Ideenspekulation der Antike sowie durch die logischen Kalküle der Moderne vorbereitet wurde. Ferner, daß die Derealisierung der Welt umfassende Auswirkungen auf das Selbstbild des Menschen hat. Wir schauen auf uns selbst nicht mehr aus dem Blickpunkt einer göttlichen Ewigkeit (sub specie aeternitatis), sondern aus der technischen Perspektive einer von uns erstellten, uns aber übersteigenden künstlichen Intelligenz (sub specie intelligentiae artificialis). Es liegt nahe, nicht nur unsere irdischen Wünsche in den technischen Himmel zu projizieren, sondern sie auch auf der Erde verwirklichen zu wollen. Womit wir bei der Deutung theologischer Motive des Cyberspace wären.    

  

III. DER HIMMEL AUF ERDEN

Marshall McLuhan vergleicht das global village mit der Noosphaere Teilhard de Chardins und zitiert dabei folgenden Text aus Teilhards Der Mensch im Kosmos  "In dem Maße, als die menschlichen Individuen unter der Wirkung dieses Druckes und dank ihrer seelischen Durchlässigkeit einander inniger durchdrangen, erwärmte sich ihr Geist (geheimnisvolles Zusammentreffen!) durch Annäherung. Und wie ausgeweitet über sich selbst dehnte jedes Element den Radius seiner Einflußzone allmählich über die Erde aus, die sich infolgedessen ständig verkleinerte. Was hat denn dieser moderne Paroxysmus mit sich gebracht? Man hat häufig darauf hingewiesen. Die Eisenbahn, die vor kurzem erfunden wurde, das Automobil, das Flugzeug ermöglichen es heute, den physischen Einfluß jedes Menschen, der einst auf einige Kilometer beschränkt war, auf Hunderte von Meilen auszudehnen. Ja, noch mehr: dank dem wunderbaren biologischen Ereignis der Entdeckung der elektromagnetischen Wellen findet sich von nun an jedes Individuum (aktiv und passiv) auf allen Meeren und Kontinenten gleichzeitig gegenwärtig und verfügt über dieselbe Ausdehnung wie die Erde." (Teilhard de Chardin 1959, 232; McLuhan 1968, 47-48) Die Welt ist, so McLuhan anschließend, nicht eine riesige alexandrinische Bibliothek, sondern eine Noosphäre, ein technisches Gehirn ein Computer geworden! Es ist nicht nur die physische Welt, sondern die Welt der alexandrinischen Bibliothek, die Gutenberg-Galaxis, die zum Schein wurde.

Michael Benedikt von der University of Austin at Texas hat in der Einleitung seines einflußreichen Buches Cyberspace: First Steps eine eindrucksvolle philosophisch-theologische Deutung des Phosphorenlandes vorgelegt (Benedikt 1994; vgl. auch Faßler 1994), die ich kurz zusammenfasse. Er sieht, in Anschluß an den Philosophen Karl Popper, daß wir nicht nur in einer physischen und in einer psychischen, sondern auch in einer abstrakten oder mentalen Welt leben, deren Bewohner Ideen oder reine Informationen sind. Vier Wege führen zur Entwicklung dieser geistigen Welt, des Cyberspace also. Erstens unsere Fähigkeit gemeinsam an etwas zu glauben, und dies sprachlich und bildhaft zunächst in Form von Mythen auszudrücken. Wir sind fähig, Traumwelten zu erzeugen, und in ihnen zu leben. Wir können, zweitens, Abwesendes und Abstraktes repräsentieren, wozu wir technische Medien entwickeln, die unser In-der-Welt-sein wesentlich verändern, wie am Beispiel der Drucktechnik ersichtlich ist.

Die Grenze dieses Mediums ist aber die Zeit. Die Geschichte elektrischer und elektronischer Medien (Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Computer) zielt genau auf die Aufhebung dieser Grenze hin. Das Fernsehen wird deshalb eher als ein Kommunions- denn als ein Kommunikationsmedium aufgefaßt, wo Millionen Menschen wie in einem Traumzustand ihre leuchtenden Mythologien betrachten. Mit dem Telefon verwandeln wir uns in Nomaden, die aber unabhängig vom jeweiligen geographischen Standpunkt immer in Kontakt sind.    

Wir sind, so Benedikt, dauerhaft ephemer, bleibend vergänglich. Wir befinden uns dank virtual reality und Telepräsenz im Phosphorenzustand! Bald werden wir in einer post-literarischen Epoche leben, wo das Verstehen angeblich nicht mittels Sprache, sondern allein durch technisch vermittelte Wahrnehmung stattfinden wird. Der dritte Weg, der zum Cyberspace führt, ist der theologische. Wir sehnen uns nämlich nach dem Paradies. Das äußert sich zunächst darin, daß wir uns künstliche architektonische Welten erschaffen, die den Schein der Ewigkeit ausstrahlen, wie am Beispiel der Versteinerung scholastischer Gedanken in gotischer Architektur ersichtlich (Panofsky 1989). Wir bauen Kathedralen, Gärten, Stadien, Schlösser... und holen uns dabei den Himmel auf Erden, um die Wirklichkeit, die Tod bedeutet, zu überwinden.

Wir bauen ein Jenseits der Natur. Wir verlassen den natürlichen Garten und bauen uns eine künstliche Stadt auf, das himmlische Jerusalem. Unsere Alltagswelt befindet sich dabei zwischen einem vorweltlichen paradieschen Zustand und dem nachweltlichen himmlischen Jerusalem oder zwischen einem Garten Eden, wo wir unschuldig, unwissend und asozial lebten, und einem Ort der ewigen Kommunion. Diese Zwischenwelt ist durch Schuld, Information, soziale Trennung und Arbeit gekennzeichnet. Nachdem wir bisher versucht hatten, den himmlischen Traum vor allem architektonisch zu verwirklichen, öffnet sich uns jetzt, so Benedikt, die Möglichkeit einer geistigen Architektur.

Wir werden Cyberspace-Architekten. Damit sind wir beim vierten Weg zum Cyberspace angekommen, nämlich bei der Entwicklung von Mathematik, Geometrie und Algebra. Er führt unter anderem zu der Einsicht, daß Raum nicht notwendigerweise im physikalischen Sinne verstanden werden muß, sondern daß wir von einem Informationsraum sprechen können, wobei wir in der Nähe der Monaden angekommen sind. Im-Cyberspace-sein bedeutet in the long run zwar nicht, so Benedikt, daß wir die physische Welt ersetzen (replace), aber sie doch in ihrem maßgebenden Wirklichkeitscharakter verschieben (dis-place).    

Neulich erschien in DIE ZEIT unter dem Titel Ehre sei Gott im Cyberspace ein Text der New Yorker Wissenschaftsjournalistin Margaret Wertheim, wo unter anderem die Darstellungen der Kirche San Francesco in Assisi und Giottos Capella degli Scrovegni in Padua (die Arenakapelle) mit einem virtuellen Raum verglichen wurden. Sie schreibt:  

"Die Kirche des Mittelalters wollte auf Erden ein Abbild des Himmels liefern, die Gläubigen sollten sich direkt in das Reich Gottes versetzt fühlen. Geradezu verschwenderisch führten Kirchen wie die Arenakapella die ewige Seligkeit vor. Am äußersten Ende von Giottos Kapelle drängten sich etwa am Himmel die Engel Reihe an Reihe. Die heutigen "Engel" sind dagegen im Internet zu finden: Millionen von Cybernauten "surfen" hier, ihrer Körper entledigt, in einem idealisierten immateriellen Reich. Als Wesen des Äthers sind die Cybernauten, wie die Engel, aller physischen Begrenzung enthoben. Sie sind frei von Mißbildung, Krankheit und Häßlichkeit. Alle Gebrechlichkeit des Körpers bleibt beim Eintritt in den 'Net-Space' zurück. Fettsucht, Akne, Kleinwuchs, Kurzsichtigkeit oder morsche Gelenke werden einfach über Bord geworfen. Im Cyberspace, sagen die Freaks, kann man einfach "sein" - eine reine Seele, die körperliche und nationale Grenzen überschreitet. Was wäre das anderes als die mittelalterliche Vision des Paradieses? Wenn sich die Tyrannei der Entfernungen, der Rasse oder des Geschlechts auflöst, wenn eine Gesellschaft von "Seelen" ungehindert über Raum und Zeit hinweg kommuniziert, zur universalen Gemeinschaft im Äther verschmilzt, dann ist das Reich Gottes greifbar nahe. Nur in einem sind wir dank des Siliziums weiter als das Mittelalter. Wir träumen davon, ins Paradies zu gelangen, bevor wir sterben." (Wertheim 1996) Unter dem Titel Die technische Form Gottes. Über die theologischen Implikationen von Cyberspace bemerkte kürzlich Hartmut Böhme in der Neuen Zürcher Zeitung, daß göttliche Eigenschaften wie Allgegenwärtigkeit, Zeitlosigkeit und Immaterialität die Metaphysik des Cyberspace ausmachen (Böhme 1996). Die Welt, die zum Schein wird, ist die Welt der Umweltverschmutzung, der Kriege und der Überbevölkerung. Der alte gnostische Gegensatz Reinheit vs. Unreinheit, Geist vs. Materie, kehrt zurück. Marvin Minsky und Hans Moravec sind für Böhme Cybergnostiker, während Cyberpunk-Romane den Preis deutlich aussprechen, der für den mystischen Glanz des Cyberspace zu zahlen ist, nämlich die Apokalypse der Erde.

Voraussetzung dafür ist nicht nur die Virtualisierung der Erde, sondern auch der Übergang in den Zustand der Immaterialität, also die Virtualisierung des Leibes. Für das göttliche Auge, ein geläufiges religiöses Motiv, des Cyberspace-Reisenden ist die Erde durchsichtig, ohne daß er sich von der Stelle bewegen muß. Die Vorstellungen, wie der Himmel auf Erden technisch zu realisieren sei, kennen fast keine Grenzen. Der Informatiker Moravec entwirft eine kosmisch-evolutionäre Perspektive, an deren Ende "die ungeheuerliche Weite des Cyberspace von unmenschlichen supergeistigen Entitäten wimmeln" würde, "die mit Dingen beschäftigt sind, die sich zu menschlichen Angelegenheiten wie unsere zu denen von Bakterien verhalten." (Moravec 1996). Die Informatiker Heylighen und Turchin stellen eine vernetzte Unsterblichkeit auf der Basis der Trennung des Bewußtseins vom sterblichen Leib und ihrer technischen Speicherung (downloading) in Aussicht (Heylighen und Turchin 1996; Capurro 1996).

Fassen wir zusammen: Die mit dem Cyberspace verknüpften Vorstellungen von Allgegenwärtigkeit, Zeitlosigkeit, Befreiung des Leibes und somit auch des Leidens und des Todes zielen auf die Errichtung einer Stadt auf Erden, deren Grundzüge eindeutige Wurzeln in theologischen Traditionen haben. Nicht theologisch, sondern technisch ist die Welt zum Schein geworden.    

     

SCHLUSS: STRATEGIEN DER WELTFLUCHT

Wenn die Diagnose, die der Titel unserer Tagung ausspricht, stimmt, und wenn es stimmt, daß die Ursachen für das Zum-Schein-Geworden-sein der Welt tief in philosophische und theologische Traditionen reichen, dann stellt sich die Frage, wie, generell, unsere Weltfluchtversuche zu verstehen sind. Peter Sloterdijk ist unter der Überschrift Weltfremdheit dem vielfältigen Sinn dieses Phänomens nachgegangen (Sloterdijk 1993). Hauptmotive für diese Versuche sind, verständlicherweise, alle Nachteile des Zur-Welt-Kommens und In-der-Welt-seins. Zum In-der-Welt-sein gehört der Traum vom Nicht-von-der-Welt-sein oder des Weg-von-der-Welt-sein. Mit diesem Traum hängen sowohl die Möglichkeit einer die Welt ablehnenden und/oder sie verlassenden Haltung als auch die der Weltveränderung zusammen. Wir verstricken uns dabei noch zusätzlich, wenn wir die wirkliche und die erträumte Welt gegeneinander aufrechnen, oder nach salomonischen Lösungen suchen, wie zum Beispiel die Vorstellung, in zwei Welten leben zu können. 

Das Problem liegt darin, wie Peter Sloterdijk richtig bemerkt, daß wir die Frage: wo bin ich? mit einer behältermäßigen oder, wie wir bei Platon gesehen haben, mit einer höhlenartigen Vorstellung von Welt beantworten (Sloterdijk 1993: 280). Bedeutet aber Welt eine Offenheit, die uns erlaubt, die Grenzen eines jeden In-seins zu überschreiten, dann verwandelt sich der scheinbare Sinn der von Heidegger eingeführten Formel sozusagen in sein Gegenteil: In- der-Welt-sein heißt einer Offenheit ausgesetzt sein, es heißt In-die-Welt-ausgesetzt-sein. Bewegungen der Welt- flucht, seien sie philosophischer, theologischer oder eben technischer Art, haben den verborgenen Sinn, eine verfestigte Welt zum Schein werden zu lassen, und dafür die Virtualität, die Offenheit, die Möglichkeit unseres Ausgesetztseins zum Vor-Schein zu bringen.

Allerdings kommt es öfters vor, daß in dem Augenblick, in dem eine behältermäßige und höhlenartige Welt zum Schein wird, eine neue, wirkliche, wahre, von den Nachteilen der alten Welt befreite Form des In-seins verkündet, vorgestellt und angestrebt wird, womit dann die Bewegung sich in ihrem Sinn verkehrt. Die Erfahrungen im Cyberspace können uns aber auch zu einer neuen Debatte um den Realitätsbegriff verhelfen. Die Welt - ein Traum? Ja, nämlich als etwas, was sich uns entzieht, oder, wie Kant sagen würde, was uns niemals in seiner Ganzheit zur Anschauung kommen kann. Wir sind in der Welt in der Weise, daß wir die anschauliche Welt stets zum Schein werden lassen können. Wie ist das möglich? Hören wir erneut Pindars Wort:

"Tagwesen! Was ist Wer? Was ist nicht Wer? Träumend bildet
der Mann sich ein, wer es sei. Aber wenn Glanz gottgegeben kommt, ist strahlendes Licht auf den Männern und versöhnt das Leben."

(Pythische Ode VIII, 94-97, Übers. Michael Eldred)


LITERATUR
Benedikt, Michael: Introduction. In: ibid., Ed.: Cyberspace: First Steps. Cambridge, Mass. (1991) 1994, 6. Aufl., 125.    

Berkeley, George: The Principles of Human Knowledge. In: ibid.: Philosophical Writings. London 1965.    

Böhme, Hartmut: Die technische Form Gottes. Über die theologischen Implikationen von Cyberspace. In: Neue Zürcher Zeitung 13./14. April 1996, Nr. 86, S. 69.    

Capurro, Rafael: Ethik im Cyberspace. In: M. Buder, W. Rehfeld, Th. Seeger, D. Strauch Hrsg.: Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation, 4. völlig neu gefaßte Ausgabe, Saur, München, New Providence, London, Paris 1997, Bd. 2, S. 1000- 1007.    
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Letzte Änderung: 22. Juni  2014


 
 
    

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