UM EINEN HEIDEGGER VON INNEN (NOCHMALS) BITTEND

Rafael Capurro
  

 

 
 
Die folgenden Rezensionen zu H. Ott: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie (Frankfurt a.M. 1988) sowie zu V. Farías: Heidegger und der Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas (Frankfurt a.M. 1989) erschienen in: W. Schirmacher Hg.: Schopenhauer, Nietzsche und die Kunst (Wien 1991), S. 300-304.

Die Heidegger-Biographie von R. Safranksi: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit (München 1994) ist den beiden hier besprochenen Monographien weit überlegen und kommt der im Titel dieser Rezension ausgesprochenen Bitte entscheidend näher.

Siehe auch meine Rezension des Buches von Lutz Hachmeister Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Berlin 2014.

 

 
INHALT

I. Otts Heidegger-"Biographie"
II. Farias' Buch  

Literatur

 
 
  

I. OTTS HEIDEGGER-"BIOGRAPHIE"
   
Otts Heidegger-"Biographie" ist eigentlich keine Biographie (Ott 1988). Sie ist auch nicht "unterwegs" zu ihr. Das Buch ist eher ein Beitrag zur Aufklärung des "Falls H.", d.h. der dazugehörenden "Fakten" und mutmaßlichen "Motive", vor allem derjenigen, die H. selbst nicht als seine "wahren" erkannte oder(später) erkennen wollte. Diese Einschränkung stützt sich zunächst im Äußeren. H. wurde am 26. September 1889 geboren und starb am 26. Mai 1976. Otts Buch befaßt sich von S.43 bis S.127 (also rund 80 von ca. 350 Seiten) mit der Zeit zwischen 1889 und 1930, anschließend S. 129 bis 340 (also ca. 210 Seiten!) mit der Zeit zwischen 1930 und 1950, wobei aus diesen 20 Jahren im Leben H.s das eine (!) Jahr 1933 etwa 100 Seiten umfaßt. Natürlich waren Heideggers letzte 25 Jahre für die Klärung des Falles unerheblich. Waren sie das?

Aber auch im Inneren klaffen bei Ott Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Es geht um den Anspruch des "Historikers", der scheinbar bemüht ist, mit seinem "Rüstzeug" nicht dem Philosophen "am Zeug zu flicken" (S. 138), sondern "die sehr schwierige Strecke des Lebensweges" (S. 13) (die bekanntlich nicht 1951, sondern 1976 "endete") zu gehen. Der Versuch aber, "die philosophiegeschichtliche Komponente" auszuklammern, ist, zumal im Falle der Biographie eines Philosophen (!), genauso unverständlich und letztlich, wie sich noch zeigen wird, undurchführbar, wie die Tatsache, daß er nahezu alle Zeugnisse von "Wegbegleitern" ausklammert (die Ott kurz erwähnt: S. 13-14), zumal, wenn diese nichts zum "Fall H." beizutragen haben. So ist der Hinweis auf die Ausklammerung von Hannah Arendt kaum verständlich: die vorhandenen Quellen erlauben hier wohl die Einbeziehung. Mit diesem Argument (Unzugänglichkeit der Quellen) müßte man den ganzen "Fall H." auch auf sich beruhen lassen, da wichtige Quellen wohl in der DDR oder anderswo sind.

Ott will seine "Biographie" von einem aus H. gewonnen "Prinzip" her (also doch nicht "rein historisch") strukturieren (S. 12). Dieses "Prinzip" ist eine Bemerkung H.s (in einem Brief an Jaspers 1935), in der er den christlichen Glauben sowie das "Mißlingen des Rektorats" als die "zwei Pfähle" kennzeichnet, für das, was "überwunden sein möchte" (S. 42). Das ist natürlich kein von H. aufgestelltes "Prinzip" zum Schreiben von Biographien, sondern eine, freilich wichtige, Bestandsaufnahme seines Lebens! Das eigentliche "Prinzip", das der Analyse eines menschlichen Lebens letztlich würdig ist, hat José Ortega y Gasset zum Ausdruck gebracht: Es ist nämlich, so möchte ich das nennen, das "Prinzip Schiffbruch" (1). Menschliches Leben - im biographischen und nicht biologischen Sinne des Wortes also - ist ein Drama, das sich "von innen", d.h. von der Aufgabe (oder "Berufung") her begreifen läßt. Es gab viele Um- und Irrwege im Denken und Leben Heideggers, nämlich in bezug auf seine(n) "Denker-Beruf(ung)". 

Im Mittelpunkt von Otts "historischer" Deutung steht jene Aussage (aus der Freiburger Studentenzeitung vom Nov. 1933) über "den Führer" als die "heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz", und nicht "Lehrsätze und 'Ideen'". Darunter interpretiert (!) Ott (S. 160): die kirchlichen Dogmen und Platons Ideenlehre! Dabei könnte (!) auch das gemeint sein, was H. 1945 (S. 188 in Otts Buch) sagte, nämlich "Parteidoktrin" und die "Idee" der "politischen Wissenschaft" (bzw. eine andere "Ideologie", welche die Autonomie, d.h. "Selbstbehauptung" der Wissenschaft bzw. der Universität verhindert). Ott nimmt im Falle dieser für ihn entscheidenden Aussage keinen Bezug auf H.s Antwort im Spiegel-Gespäch (Neske 1988 S. 86), im Sinne eines "Kompromisses" nämlich. Wie brüchig ein solcher Kompromiß war, d.h. wie schnell sich für H. (!) zeigte, daß nicht die vermeintliche (und wohl erhoffte) "geistige Revolution", sondern eben "Parteidoktrin" und "politische Wissenschaft" die Richtung diktierten, zeigt bekanntlich H.s öffentliche (!) Weigerung einer weiteren Zusammenarbeit ("Kollaboration" wäre m.E. zu diesem geschichtlichen Zeitpunkt noch der falsche Begriff). Sechs Monate (!) später distanzierte sich also H., indem er eben "den Führer" nicht mehr für die Regel seines Seins und zwar "ganz offiziell" (also "historisch" nachprüfbar) nahm.

Daß H. diese oder ähnliche Sätze nicht mehr (H.: "Dergleichen habe ich schon 1934 nicht mehr gesagt" (Neske 1988, S. 86) aufstellte, ist aber für den Historiker Ott kein "Beweis", daß er sie nicht mehr vertrat. Man lese Penzos Buch über die Nietzsche-Rezeption im "Dritten Reich", um einen ungefähren Vergleich über die eigentlichen (!) NS-Intellektuellen, und zwar in ihren vielen Schattierungen, zu bekommen (Penzo 1987; Capurro 1989). 

Man staunt u.a. darüber, daß H.s eigentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nämlich seine Nietzsche-Vorlesungen, von Ott nicht zur Kenntnis genommen werden. Gerade hier sieht man, wie abgrundtief seine metaphysische Deutung Nietzsches etwa von der "politischen" Deutung Baeumlers oder von der "psychologisch-biologistischen" Deutung Klages' sich abhob , aus den Jahren 1936/37(Heidegger 1961, I, S.31). Aber alles dreht sich bei Ott eben um das Jahr 33. H. als einen schlimmen Intriganten und Denunzianten (Fall Staudinger) darzustellen (Otts "Stil" wirkt hier schon sehr, im pejorativen Sinne des Wortes, "journalistisch"), ist m.E. schief: Auch Ott weiß nicht, wer den eigentlichen (!) Anlaß zu den "Gerüchten" gegeben hatte und wie "offiziell" diese zu ihm, der immerhin ein "Amt" bekleidete, kamen. H. selbst hatte wohl keine Ambitionen bezüglich des Chemie-Lehrstuhls. Es geht hier nicht darum, H. von einer "Sünde" zu entlasten bzw. ihn zu kanonisieren. Vieles bleibt im Bereich der Vermutungen (und manchmal auch der Unterstellungen) Der "Fall" ist "glimpflich abgelaufen" (S. 208). Dabei ist O. ständig darum bemüht, H.s eigene "Apologie" (oder die sonst kursierenden) im Licht einer "objektiven Überprüfung mit Hilfe der historischen Methode" (S. 212) zu hinterfragen, was ja auch legitim, notwendig und "heilsam" ist, was aber auch seine Grenzen hat. Auf diese Grenzen scheint wiederum O. nicht genau zu achten, wenn er dem Buch gleich drei "Wegweisungen" (Hölderlin, Katholische Kirche, Jaspers) voranschickt. Diese sollen den Schlüssel für das Leben, und das heißt eben auch für das Denken (!) H.s liefern. 

So ist H.s Denken als eine Säkularisierung des Christentums, in "Advent-Stimmung", unbeirrt, stets auf die Stimme des Seins-Orakels hörend (S. 162). Ott scheint "das Wesen Heideggerschen Denkens" genau zu kennen, wenn er eben dieses Denken (vor und nach 33) am Satz über den "Führer" festnagelt... Alles wird auf 33 vor- und zurückprojiziert, so daß dieses Jahr überdimensional (und zwar auch bei Gefahr, die Geschichte von hinten nach vorne zu lesen!) im Leben H.s erscheint. Daher auch die düsteren Töne, mit denen das Bild von H. (und von seiner Frau: aufgrund von Oehlkers Darstellung, S. 135, und den Mutmaßungen (!) von E. Castelli, S. 158.

Daß sie ihren Mann zu "verteidigen" suchte, S. 195, ist wohl verständlich) gezeichnet wird. Kein Wort, wie gesagt, über so wichtige Freundschaften wie mit Medard Boss (langjährige interdisziplinäre Zusammenarbeit im psychiatrischen Bereich, mit einem wichtigen gemeinsamen Buch!) - im Vorwort dieses Buches (Boss 1975) steht u.a., daß die "unzähligen Gespräche" mit H. in diesem Buch (das H. "seine ganze Werdezeit über" begleitete und stets mit seiner Kritik der "philosophischen" Aussagen mitgestaltete) ihren Niederschlag finde -, C. F. von Weizsäcker, R. Char usw. usw. Alles trägt eben nicht zum "Fall H." bei. 

Vom "Sein" sagte H. übrigens schon 1936, daß es "Nichts" wäre, also am wenigsten "etwas", woran "man" sich halten könnte. S. 341: "Das Spätwerk reifte", aber leider nicht Otts Biographie. Das "Geschäft des Historikers", der sich der "Deutungsversuche" entziehen will (S. 113), scheitert, indem er eben diese Deutungen immer wieder ins Spiel bringen muß, und zwar im Sinne der "eigentümlichen Sehnsucht nach Härte und Schwere" (Franzen 1988,  S. 146 ff). Franzen konzentriert seine Deutung auf S. 242-249 einer 530 Seiten (!) umfassenden Vorlesung (Gesamtausgabe Bd. 29/30), in der H. "in aller Härte" von der "wesentlichen Not unseres Daseins" spricht und dabei die "Zumutung" der Existenz" deutet, dergegenüber wir "stark sein" müssen, und zwar um unsere Schwäche (!) bzw. das Ausbleiben einer Sicherheit unseres Daseins überhaupt zu ertragen... 

Die Rektoratsübergabe endete nicht mit dem Horst-Wessel-Lied, sondern (so Schneeberger, Dok.Nr. 45) mit Wagners Huldigungs-Marsch! und - es begann mit Brahms Akademischer Fest-Ouvertüre. Nur eine kurze Darstellung (lediglich S. 242-245) über die Verspottung H.s etwa durch den Nazi-"Philosophen" Krieck 1934 (!): "Deine Sprache verrät dich, Galiläer!" (Schneeberger 1962,  Dok.-Nr. 160). Nichts über H.s Wege zur Aussprache (1937): H. Blick auf Frankreich erfolgte nicht aus "taktischen" Gründen erst 1945 (Ott, S. 304). Die Grenzen einer solchen Auffassung von "Biographie", zumal der eines Denkers, sind zu offensichtlich.

  
 

 
  

II. FARIAS BUCH

Farias Buch Heidegger und der Nationalsozialismus hat einen Bonus: Habermas' Einleitung! Dort ist z.B. von der "ohne Beispiel" "in Sein und Zeit durchgeführten Dezentralisierung des weltkonstitutierenden Ich" (S. 13) die Rede, die "einen entscheidenden argumentativen Schritt zur Überwindung des bewußtseinsphilosophischen Ansatzes tut" (S. 16). Neben dem verkehrten Vorwurf vom "methodischen Solipsismus" (S. 17) betont Habermas, daß durch H.s "innovativen Blick auf die Geschichte der Metaphysik" sich "vernünftige Einsichten" erschließen, "die bis heute nicht überholt sind" (S. 24).

Die Behauptung, daß die "Überwindung der neuzeitlichen Subjektivität die Bedeutung eines Geschehens" erhält, "das nur zu erleiden ist", zeigt, daß Habermas den Unterschied von "Überwindung" und "Verwindung" nicht wahrgenommen hat. Zu H.s Schweigen über die NS-Massenverbrechen sollte man (ich meine auch Habermas) sowohl J.-F. Lyotards Heidegger und 'die Juden' (Lyotard 1989) als auch Philippe Lacour-Labarthes La fiction du politique (Lacou-Labarthe 1987) lesen. Im Nachtrag von 1988 zu seinem Buch Politische Philosophie im Denken Heideggers, der die Überschrift "Um einen Heidegger von innen bittend" trägt, schreibt A. Schwan, daß Farias' Buch "ohne Neuigkeitswert" ist und daß er "in der Einlösung des selbstgestellten Anspruchs, Philosophie und Politik bei Heidegger aufeinander zu beziehen", "versagt" (Schwan 1989, S. 222).
 

Mir scheint, daß Farias' Ansatz in dieser Hinsicht konsequenter und "richtiger" ist als die vermeintliche "Objektivität" Otts. Allerdings geht Farías mit bestimmten "Vorurteilen" an das Leben und Werk H.s heran, die er aber nur zu bestätigen bereit ist. So schreibt er gleich zu Beginn (S. 44): 

"Sein Denken ist angemessen nur zu verstehen, wenn man diese Doktrinen (nämlich "einige Doktrinen des Nationalsozialismus", RC) nicht aus den Blick verliert: die überzeugte Rede von der geistigen Überlegenheit der Deutschen, (...) die Stilisierung der eigenen Gedanken und derjenigen Hölderlins zu einem Leitparadigma der geistigen Entwicklung der Menschheit sowie schließlich eine erklärte Gegnerschaft gegen jede Gestalt der Demokratie."
Bekanntlich waren Antisemitismus, Rassismus, Kriegsführung, politischer Faschismus u.dgl. die wesentlichen NS-Doktrinen, von denen auch eine kritische Analyse wie die von Schwan keine Spuren bei H. nachweisen kann. Bei Farías überschattet ein Augustinermönch H.s Leben und Werk! Außerdem: keine der bereits zitierten Punkte sind spezifische NS-Doktrinen, am wenigstens Hölderlin. Nicht jeder "Gegner" (oder "Kritiker") der Demokratie muß gleich ein Nazi sein... Auch die "geistige Überlegenheit der Deutschen" (die "geistige", nicht die "rassische" also) ist keine spezifische NS-Doktrin, so fragwürdig sie natürlich auch sonst ist. Sein und Zeit als Vorstufe von H.s Verhalten 1933 zu deuten, zeugt nicht nur von der Unerschütterlichkeit von Farías' Vorurteilen, sondern auch von der Begrenztheit seiner philosophischen Deutungen: Sein und Zeit wird in anderthalb Seiten (!) analysiert, wobei die "Existenzialien" als "kategoriales" (sic!) "System" verstanden werden, Heidegger soll dort ein "ursprüngliches Verhältnis" zwischen "dem Empirischen und dem Transzendentalen" "etablieren", was ihm nämlich "den Übergang zu einer Form von Wirklichkeit, die weder subjektiv noch empirisch ist", ermöglicht. Das wird von Farías als eine "zentrale Definition" H.s ausgegeben usw. usf. Anschließend werden einige "Autoritäten" (Löwith, Tugendhat, Ebeling) erwähnt, um die "These" zu untermauern, daß Sein und Zeit eine Vorformulierung von H.s Beziehung zum NS ist... Lyotard und Lacou-Labarthe sind da ganz anderer Meinung...

Vieles weiß Farías wiederum historisch genau darzustellen, und zwar in einer z.T. informativeren Art als Ott (so z.B. die Umstände um die Berliner Berufung, S. 121 ff). H.s Rektoratsrede wird von Farías geschickt mit kriegerischen Parolen (Hitlers, Clausewitz' usw.) assoziiert (!): "Die Berufung Hitlers auf Clausewitz erinnert an..." (S. 162). über diese Rede und ihren Bezug zum Griechentum, der bei Farías in die "Nachbarschaft" Hitlers gestellt wird, schrieb am 27. Mai 1933 Karl Jaspers:

"Der große Zug Ihres Ansatzes im frühen Griechentum hat mich wieder wie eine neue und zugleich wie selbstverständliche Wahrheit berührt." (Zitat nach Ott, op.cit. S. 192).
Davon erwähnt Farías nichts. Farías "Analysen" anderer Werke Heideggers (etwa der Nietzsche-Vorlesungen oder des Kunstwerk-Vortrags) sind philosophisch "dürftig" bzw. stets so angelegt, daß sie seine "Vorurteile" bestätigen. Dagegen zeigt Schwan (auch in seinem Nachtrag), daß H.s Distanzierung vom NS zunehmend deutlich wurde und daß sein Denken mit der NS-Ideologie (insbes. it dem Rassismus) nichts gemein hat. So wirken also Farías' Zitate wie eine collage (Lacou-Labarthe spricht von einer "opération montée"). 

Ich meine, daß H.s denkerische Auseinandersetzung mit dem NS eine viel zu wichtige Sache ist, als daß man sich mit der Erklärung zufrieden gibt, H.s "Distanzierung" sei in Wahrheit der Weg zum "wahren" Nationalsozialismus (S. 341). Ich meine auch, daß H.s politisches Engagement ein (im Sinne Ortegas) "Schiffsbruch" war, und zwar in bezug auf die eigentliche "Berufung" H.s, nämlich die des Denkens. Farías' Versuch, H.s Denken stets in die NS-Sprache zu "Über-setzen", wirkt teilweise grotesk. Der ständig wiederkehrende Vorwurf, H. denke innerhalb der "Achse Griechenland-Deutschland" mit einer "radikalen anti-lateinischen Xenophobie" (S. 299-300), läßt sich vielleicht am deutlichsten anhand der Seminare von Le Thor "widerlegen". Dort heißt es u.a., daß das "Ereignis" sich nicht "mit Hilfe des Griechischen, über das vielmehr gerade" hinauszugehen "ist", denken lasse (Heidegger 1977, S. 104 meine Hervorhebung).

Der Vorwurf, H. sei "ein Nazi", ist insofern von kritischer Bedeutung, weil "man" dadurch den Nazis eine Höhe des Denkens zuspricht, die sie nicht besäßen, bzw. was noch schlimmer ist, man verschleiert den eigentlichen "harten Kern" der NS-Ideologie. Anstatt H.s Schiffbrüche als Schiffbrüche zu entlarven, liest "man" in sie stets etwas hinein und erweist so den (Neo-) Nazis u.U. einen "Dienst". Stattdessen gilt es m.E. genau und differenziert gerade in diesem "sensiblen" Punkt zu denken. Es ist gefährlich, wenn man Begriffe wie "Nazi", "Mörder" u.dgl. pauschal anwendet bzw. sie undifferenziert ausdehnt. H.s "Berufung" war nicht, glaube ich, die eines "politischen Denkers", zumindest im engen Sinne des Wortes "Politik". Farías (gefährliche bzw. fahrlässige) Karikatur steht somit weit hinter Schwans Ansatz zurück. Er ist m.E. einseitig. Deshalb: Um einen Heidegger von innen (nochmals) bittend.

 
 
  
LITERATUR

Boss, M.: Grundriss der Medizin und der Psychologie. Bern 1975  
Capurro, R.:  Nietzsche und die NS-Intellektuellen. In: W. Schirmacher Hg.: Schopenhauer in der Postmoderne. Schopenhauer-Studien 3, Wien 1989, S. 347-350.  
-: José Ortega y Gasset. In: J. Nida-Rümelin (Hg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Stuttgart 1999.  
Farías, V. : Heidegger und der Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas. Frankfurt a.M. 1989  
Franzen, W.: Die Sehnsucht nach Härte und Schwäre. In: A. Gethmann-Siefert, O. Pöggeler Hrsg.: Heidegger und die praktische Philosophie. Frankfurt a.M. 1988  
Heidegger, M.: Spiegel-Interview (Neske 1988).  
-: Nietzsche, 2 Bde., Pfllingen 1961  
-: Die Grundbegriffe der Metaphysik, GA 29/30, Frankfurt a.M. 1983  
-: Vier Seminare. Frankfurt a.M. 1977  
Lacou-Labarthe, Ph.: La fiction du politique, Breteuil-sur-Iton 1987.  
Lyotard, J.-F.: Heidegger und 'die Juden', In: P. Engelmann, Hg., Wien 1988.  
Neske, G., E. Kettering Hrsg.: Spiegel-Gespräch mit Martin Heidegger. In: G. Neske, E. Kettering Hrsg.: Antwort. Pfullingen 1988, S. 81-114.
Ortega y Gasset, J.: Um einen Goethe von innen bittend. In: ibid. Gesammelte Werke. Stuttgart 1978, Bd. III, S. 267-297.
Ott, H:: Martin Heidegger. Unterwegs zu seiner Biographie. Frankfurt a.M. 1988.  
Penzo, G.: Il superamento di Zarathustra. Nietzsche e il nazional­socialismo (Roma 1987).
Schneeerger, G.: Nachlese zu Heidegger. Dokumente zu seinem Leben und Denken. Bern 1962.  
Schirmacher, W.: Ereignis Technik. Wien 1990.  
Schwan, A.: Politische Philosophie im Denken Heideggers. Opladen 1989.
  
Letzte Änderung: 10. August 2017


 
 
    

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