DIGITALISIERUNG ALS ETHISCHE HERAUSFORDERUNG

Rafael Capurro

  

 
  
Vorarbeiten zu einem Gespräch mit Hilmar Dunker und Ralf Bretting vom IT-Wirtschaftsmagazin business impact. Eine kürzere Version mit dem Titel "Digitale Ethik" erschien in business impact 04_2015, 40-43. Englische Übersetzung hier.


 
   
  

1. Die Digitalisierung erfasst und verändert immer mehr Lebensbereiche. Tangiert sie auch unser über Jahrhunderte hinweg gewachsenes ethisches Verständnis? Hat sich bereits so etwas wie eine digitale Ethik herausgebildet?

            Die digitale Revolution ist mit dem Wandel der Neuzeit in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst, Wissenschaft und Technik vergleichbar, die in Europa im 16. Jahrhundert begann, im 19. Jahrhundert mit der industriellen Revolution einen Höhepunkt erreichte und sich mit den wissenschaftlichen, technischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Umwälzungen im 20. Jahrhundert fortsetzte. Jener Wandel betraf das europäische Selbstverständnis. Nicht mehr Gott stand im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Dieser war nicht mehr Gottes Geschöpf, sondern ein autonomes, d.h. sich selbst bestimmendes und seine Welt gestaltendes Wesen. Er verstand sich als Subjekt demgegenüber alles, einschließlich sich selbst, zum Objekt empirischer quantifizierbarer Forschung wurde. Damit nahm der ambivalente Siegeszug der modernen Technik seinen Gang. Die Subjekt-Objekt Dichotomie ist es, was den europäischen modernen Menschen neu prägte und seine wissenschaftliche und technische Welteroberung und -ausbeutung ermöglichte.

            Es ging dabei nicht nur darum, die Natur aufgrund technischer Erfindungen zu nutzen und auszubeuten, sondern zugleich alle Völker politisch, wirtschaftlich und kulturell zu beherrschen. Dafür musste auch das von Antike und Mittelalter übernommene Gerüst an Moralvorstellungen und die darauf basierenden Formen rechtlicher und politischer Legitimation, geändert werden. Wie ist eine Moral ohne Religion möglich? Worauf legitimiert sich staatlicher Gewalt, wenn es keinen König von Gottes Gnaden mehr gibt? Wie ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche aufzufassen ohne die Einheit von Thron und Altar? Welche Möglichkeiten und Grenzen seines Handelns setzt sich der europäische Mensch wenn es keine von höheren nicht hinterfragbaren Instanzen dogmatisch verordneten Gebote und Verbote mehr gibt? Aufgrund welcher Verfahren und durch welche Institutionen werden sie ermittelt, begründet, bewertet und durchgesetzt?

            Was mit der Digitalisierung und insbesondere mit der digitalen Weltvernetzung seit zwanzig Jahren stattfindet ist eine neue anthropologische und kulturelle globale Revolution, die sich in atemberaubendem Tempo ausbreitet. So wie der neuzeitliche europäische Mensch sich als Subjekt konstituierte, so verstehen wir uns  – aber wer sind 'wir'? –, paradox ausgedrückt, als vernetzte Subjekte und Objekte. Dadurch verändert sich die Frage nach Freiheit und Autonomie, wie sie in der Neuzeit bezüglich der Abhängigkeit von staatlicher und kirchlicher Heteronomie sowie von der Heteronomie einer als deterministisch verstandenen Natur gestellt wurde.

            Eine digitale Ethik im Sinne einer kritischen Reflexion über das gute Leben in einer von der Digitalisierung geprägten Welt entstand bereits in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der Pionierarbeit von Norbert Wiener und Joseph Weizenbaum. Man sprach von Computerethik und meinte damit oft eine professionelle Ethik für Informatiker obwohl Wiener und Weizenbaum klar war, dass es sich um die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen der Computertechnologie handelte. Das wurde deutlicher als in den achtziger Jahren von der Informationsgesellschaft die Rede war. Ich habe den Ausdruck Informationsethik Anfang der achtziger Jahre gebraucht. Im Jahre 1997 veranstaltete UNESCO das erste International Congress on Ethical, Legal, and Societal Aspetcs of Digital Information, kurz INFOethics. Die Fernmeldeunion (ITU) organisierte das World Summit on the Information Society (WSIS) im Jahre 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Es entstanden Fachgesellschaften wie INSEIT (International Society for Ethics & IT), Fachzeitschriften, akademische Kongresse und Workshops sowie Lehrstühle über Informationsethik an einigen Universitäten wie am 3TU Centre for Ethics and Technology in den Niederlanden oder der neulich geschaffene Lehrstuhl für Philosophy of Information und Information Ethics in Oxford. Im Jahr 1999 gründete ich das International Center for Information Ethics (ICIE) mit der technischen Unterstützung des ZKM (Zentrum für Kunst- und Medientechnologien, Karlsruhe), das inzwischen mehr als 300 Mitglieder weltweit zählt, eine frei zugängliche online Zeitschrift, das International Review of Information Ethics (IRIE) und eine Schriftenreihe beim Fink Verlag herausgibt

            Der Ausdruck digitale Ethik ist neueren Datums. Ich verwende ihn seitdem die Academy of Korean Studies in Seoul mich zum 2009 Global Forum on Civilization and Peace einlud und mich bat, darüber zu sprechen. Das Center for Digital Ethics & Policy an der Loyola University Chicago veröffentlichte die Proceedings seiner ersten Tagung "Digital Ethics. Research & Practice" im Jahre 2012. Die Hochschule der Medien Stuttgart (HdM) gründete am 13. Januar 2014 ein Institut für Digitale Ethik (IDE). Man braucht nur einen Blick in die Bibliografie des ICIE zu werfen, um gewahr zu werden, welche Fülle an Veröffentlichung Jahr für Jahr in diesem Gebiet erscheinen. Die informationsethische Debatte ist aber längst nicht nur akademische, sondern eine gesamtgesellschaftliche, wie die täglichen Beiträge in den Tageszeitungen deutlich zeigen. Die Digitalisierung erfasst und verändert die Lebensweise der Menschen lokal und global. Was sich allmählich herausbildet sind neue gute und weniger gute Sitten, d.h., neue Moralen (Lat. mores = Sitten und Gebräuche). Wir sollten den Ausdruck Ethik für jene philosophische Disziplin reservieren, deren Gegenstand die mores im Sinne von gelebten Sitten und Gewohnheiten sind, da sonst die Gefahr besteht, dass man die Reflexion mit ihrem Gegenstand verwechselt wie, zum Beispiel, die Wirtschaftswissenschaften mit der Wirtschaft. Aufgabe der Ethik, in Anschluss an den französischen Philosophen Michel Foucault, ist die Problematisierung von Moral.

 

2. Per Definition soll Ethik dem Menschen Hilfestellung für seine sittlichen Entscheidungen liefern. Wie gut funktioniert das in einer immer schneller immer unüberschaubarer werdenden digitalen Welt?

            Die Art von Hilfestellung welche die Ethik, d.h. die ethischen Theorien und Analysen, die in unterschiedlichen Kulturen und Epochen entwickelt wurden, ist die einer Erhellung bezüglich Handlungsoptionen und ihrer Auswirkungen auf den oder die Handelnden in seiner/ihrer jeweiligen Welt. Allein der Reichtum an ethischer Reflexion in der abendländischen Geschichte seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren zeigt, wie komplex diese Disziplin ist und wie unterschiedlich die Erhellungen sind, die sie anbieten kann, wenn sie Vorurteile aufdeckt, eine scheinbar eindeutige Begrifflichkeit problematisiert, Handlungsoptionen und ihre Auswirkungen analysiert, auf andere Perspektiven als die der eigenen Sprache und Kultur eingeht und vor allem, den Handelnden nicht die Verantwortung abnimmt, wenn es darum geht, in die eine oder andere Richtung zu gehen und Vor- und Nachteile für sich und andere sowie für andere Lebewesen und für die Natur abzuwägen.

            Das gilt umso mehr, wenn die Zusammenhänge, welche das Leben der Menschen bestimmen, sich schnell ändern, so dass die geltende Moral und die rechtlichen Normen, die eine Art Schutz oder symbolisches "Immunsystem" (P. Sloterdijk) bieten, plötzlich dysfunktionale Zustände aufweisen. Das gilt auch, mutatis mutandis, für die Schutzsysteme der digitalen Technik sowie für die der Ökonomie. Ich beziehe mich hiermit auf den einflussreichen Ansatz von Lawrence Lessig, Professor an der Harvard Law School, in seinem Buch "Code and other Laws of Cyberspace" (1999) (dt. "Code und andere Gesetze des Cyberspace", 2001; "Code Version 2.0", 2005). Lessig zeigt, wie die Regeln oder codes des Marktes, des Rechts, der moralischen Normen und der Softwarearchitektur die Gesellschaft bestimmen.

            Inzwischen scheint mir offensichtlich zu sein, dass wir nicht mit zwei Welten, der physischen und der digitalen, zu tun haben, sondern dass die digitale Weltvernetzung immer mehr das Leben in der physischen Welt prägt (Stichwort: Internet der Dinge). Dabei muss man aber bedenken, dass die digitale Welt von Anfang an eine physische Welt war, wenngleich sie mit Maschinen zu tun hatte, die in der Lage waren und sind, Symbole zu manipulieren, mit Maschinen zweiter Ordnung also, um Handlungen und Prozesse in der physischen Welt aufgrund von Programmen und Algorithmen zu bestimmen. Wenn die moralischen und rechtlichen Immunsysteme nicht mehr reibungslos funktionieren, d.h. wenn unsere Annahmen und Festlegungen bezüglich des guten Lebens aufgrund technischer oder sozialer Veränderungen problematisch werden, dann ist es Zeit für eine ethische Reflexion, die dem Einzelnen, der Gesellschaft und dem Gesetzgeber zu denken geben sollte. Wenn wir krank sind, sind wir froh, dass wir medizinische Forschung, gute Ärzte und Krankenhäuser haben, die uns auch empfehlen, wie wir anders leben sollten. Wenn wir nicht mehr wissen, wie wir mit dem digitalisierten Leben zurecht kommen, brauchen wir gut fundierte ethische Forschung. Das kann man nicht auf Knopfdruck erzeugen. Denken braucht Zeit.

 

3. Wir posten und tweeten heute rund um die Uhr. Ist die intensive Nutzung von sozialen Netzen und Onlineplattformen ein Ausdruck für das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung?

            Das ist sie auch aber nicht nur. Mir scheint, dass die Möglichkeiten, die uns soziale Netze und Onlineplattformen bieten oft Anlass zu Narzissmus, Exhibitionismus und Voyeurismus geben. Aber fest steht auch, dass mit den interaktiven Medien Möglichkeiten der Selbstdarstellung gegeben sind, die es früher nicht gab. Ich habe dieser Frage im Rahmen einer interdisziplinäre Tagung die 2008 vom Fachbereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt organisiert wurde. Es ging dabei, die Grenzen der Medialisierung menschlichen Leidens zu analysieren. Zunächst schien mir, eine Gegenüberstellung zwischen der Fremddarstellung menschlichen Leidens durch die Massenmedien im Gegensatz zu den Möglichkeiten der Selbstdarstellung im Internet stehen. Zugleich war mir aber diese Gegenüberstellung aufgrund der Medienkonvergenz fragwürdig. Siehe: v. Vf.: Fremddarstellung – Selbstdarstellung. In:  Stefan Alkier und Kristina Dronsch (Hrsg.): HIV / Aids. Ethische Perspektiven. Berlin: de Gruyter 2009, 143-156. Online hier.

            Die heutige Realität der sozialen Medien und Onlineplattformen ist komplexer nicht nur bezüglich des Ge- und Missbrauchs von persönlichen Daten, sondern auch wegen der unterschiedlichen moralischen und rechtlichen Normen, die diesen Medien zugrunde liegen und von politischen, ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Interessen und Rahmenbedingungen abhängen. Bei meiner Analyse der Ambivalenz der sozialen Netzwerke im afrikanischen Kontext (Siehe: v.Vf.: Ethical Issues of Online Social Networks in Africa, 2013, Online hier) konnte ich feststellen, dass die Ambivalenz darin begründet ist, dass diese Netzwerke einem ethischen Imperativ folgen, nämlich: 'Kommuniziere ununterbrochen alles allen'. Dieser Imperativ bleibt auch dann wirksam, wenn ihre Betreiber versprechen, die personenbezogenen Daten nicht an Dritte ohne ihre (der Nutzer) Zustimmung weiterzugeben, was spätestens seit Edward Snowden enttarnt worden ist. Die scheinbare totale Kommunikation führt paradoxerweise zu einem Zustand von "zusammen allein" wie der Titel des Buches von Sherry Turkle: Alone Together (2011) lautet. Menschliche Freiheit bedeutet die Freiheit zu verbergen oder zu offenbaren wer wir sind. Ein Imperativ des totalen Offenbarens ist genauso unmenschlich wie ein des totalen Verbergens. Die Vorstellung vom Leben im online Netzwerken als einer von der physischen Existenz getrennten Welt kann zu pathologischen Zustände führen, wie der kürzlich bekannt gewordene Fall der 19-jährigen Australierin Essena O'Neill zeigt. Sie trennte sich von ihrer klischeehaften Prominenz als sie merkte, dass sie nur ein Leben hatte (Vgl. David Pfeifer:  "Selfies aus der Steinzeit" Süddeutsche Zeitung, 7./8. November 2015). Wir brauchen ethische und medizinische Forschung über die Pathologien des Informationszeitalters (Siehe  v.Vf.: Leben in der message society. Eine medizinethische Perspektive. Online hier). Die Statistik ist ein mächtiges Instrument der Aufmerksamkeitsökonomie und sie wird mächtiger durch data mining im Big bzw. Huge Data nicht nur in Bezug auf Selbstdarstellungen im Netz, sondern durch die digitale Vernetzung der physischen Dinge, die dann nicht mehr die Dinge sind, wie sie vor ihrer digitalen Vernetzung waren. Wenn die Seinsweise der Dinge sich verändert, verändern wir uns auch selbst. Aus dem neuzeitlichen Subjekt, dem gegenüber Objekte oder Gegenstände standen, werden jetzt digital vernetzte Menschen und Dinge, lebendige und nicht-lebendige.  Grundsätzliche Fragen stellen sich neu: Was bedeuten Autonomie und Heteronomie? Wie ändert sich das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit? Wie sind die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Umwelt (Stichwort: electronic waste)? Welche Möglichkeiten eröffnen sich für eine Transformation der Demokratie im 21. Jahrhundert? Was bedeuten Bildung und Ausbildung im digitalen Zeitalter? Kurz, wir suchen Antworten auf die Frage: Was ist digitale Aufklärung?

 

4. Besteht die Möglichkeit, dass die zunehmende Vernetzung von Menschen mit Smartphones und der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation in der industriellen Fertigung ein wenig der Büchse der Pandora gleicht?

            Alles was ich herstelle ist ein Teil von mir, hat aber eine relativ selbständige Existenz. Ich kann mich in meinen Werken und Äußerungen offenbaren oder verbergen. Was ich produziere, kann Gegenstand eines Tausches werden. Tauschwert und Gebrauchswert bedürfen, um an Karl Marx zu erinnern, einer erneuten politisch-ökonomischen Analyse. Eine Sicht des Selbst aus rein wirtschaftlichen Perspektive, die das Selbst bloß als digitale Daten auffasst, ist genauso irreführend wie die Auffassung vom Selbstsein losgelöst von den anderen und der gemeinsam geteilten Welt. Wir haben aber, andererseits, die Möglichkeit, uns vielfältig zu verdinglichen und dadurch eine ökonomische Anerkennung zu bekommen, aufgrund dessen, was man produziert, für sich und für andere. Hannah Arendt hat in ihrem Buch "Vita Activa oder Vom tätigen Leben" (1983) die Bereiche Arbeit, Herstellen und Handeln eingehend analysiert. Wir müssen diese Analyse aus der Sicht der Digitalisierung neu durchdenken. Das gesellschaftliche Spiel, dass durchaus ein Kampf ist, findet auch in den sozialen Netzwerken statt, wobei hier leicht den Eindruck entsteht, was ich von mir gebe und in welcher Form ich mich verdingliche, sei identisch mit wem ich bin. Bei diesem 'wer ich bin' müssen wir immer im Auge behalten, dass es sich nicht um eine solipsistische oder gar narzisstische Sicht des Selbst handelt, sondern, die Frage nach meiner/unserer Identität findet immer im Wechselspiel von An- und Aberkennung durch andere mit denen ich eine gemeinsame Welt teile, statt. Der Kampf um Anerkennung spielt sich zunehmend im digitalen Medium ab oder, genauer gesagt, unser Sein im digitalen Medium ist eine Möglichkeit in der einen Welt zu sein und nicht eine von der so genannten physischen Welt getrennte Sphäre der digitalen Informationen, wie der modische Ausdruck infosphere nahe liegt.

            Ich muss in dieser Hinsicht Selbstkritik üben insofern als ich manchmal eine Art platonischer Zweiweltenlehre über eine physische und eine digitale Welt vertreten habe. Spätestens seit dem Internet der Dinge ist mir zunehmend klar geworden, dass die so genannte Unabhängigkeit des Cyberspace, dass 1996 vollmundig von John Perry Barlow proklamiert wurde, eine imaginierte Trennung war. Damit will ich nicht sagen, dass, zum Beispiel, die Frage nach dem Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit bei der Nutzung von Smartphones oder in sozialen Netzwerken besondere Probleme aufwirft als in der face-to-face Begegnung (Siehe die acatech (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften) Studie: "Internet Privacy" Eine multidisziplinäre Bestandsaufnahme, hrsg. v. Johannes Buchmann, Berlin, September 2012. Online hier. Eine Unterscheidung von Seinsweisen bedeutet aber nicht eine Trennung von zwei Welten. Das Leben (Arbeiten, Herstellen, Handeln) findet heute immer mehr in hybrider Form statt. Es ist oft lebenswichtig, von der ständigen digitalen Erreichbarkeit, privat und beruflich, zeitweilig Abstand zu nehmen und sich digitalfreie Räume und Zeiten zu verschaffen. Das Digitalsein ist also eine Weise des In-der-Welt-seins und keine von der physischen Welt getrennte Sphäre. Ich glaube nicht, dass alles Böse sich in einer Büchse oder, wie es vermutlich im Mythos hieß, in einem Krug befindet, es sei denn, wir meinen damit, die auf ihre Auswirkungen hin offenen und ambivalenten Möglichkeiten menschlichen Handelns. Mit göttlichen Hochzeitsgeschenken, allem voran mit unserer Welt und unserem Leben selbst, sollten wir 'vor-sichtig' umgehen. Wir sind Kinder der Pandora, der Allgeberin, und tragen, um im mythischen Bild zu bleiben, sowohl Eigenschaften ihres 'nach-denkenden' Gatten Epimetheus als auch seines 'vor-denkendem' Bruders Prometheus. Weder den Smartphones noch der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation haften gute oder schlechte Eigenschaften, sondern diese stammen aus dem sozialen und historischen Kontext, sind also Eigenschaften zweiter Ordnung.

5. Sie sprechen offen von einer Robotisierung des Menschen. Wo verorten Sie derzeit die größten Gefahren?

            Wir sollten bedenken, wer mit der Rede von "den Menschen" gemeint ist, die jeweils veranlassen, dass Roboter die Werkhallen der Industrie verlassen und in den Lebensalltag "der Menschen" Einzug finden. Wie und wozu werden Roboter in Bereichen wie Haushalt, Krankenhäuser, Hotels, Pflegeheime, Kitas, Restaurants, Schulen oder Universitäten eingesetzt und nach welchen ethischen und rechtlichen Maßstäben wird dieser Einsatz bewertet? Das Gelingen oder Misslingen hängt unter anderem von der Rücksicht auf die jeweiligen Sitten und Gewohnheiten, auf die mores also, nicht weniger als auf die Gesetze ab. Die Rede von einer "Robotisierung des Menschen" sowie von den "größten Gefahren" verrät eine europäisch-abendländische Perspektive, die wirtschaftlich besonders Relevant sein kann, wenn es darum geht, das Vertrauen oder Misstrauen der potentiellen Käufer im so genannten Westen ernst zu nehmen. Das sieht anders aus in östlichen Kulturen, wie zum Beispiel in Japan, für die die Geschichte der Roboter mit der von Spielzeugen und Marionetten so wie mit einer anderen vom Buddhismus geprägten Auffassung des Selbst zusammenhängt (Vgl. v.Vf.: Living with Online Robots. Online hier). Man kann aber auch nachweisen, dass auch die europäische Moderne – man denke zum Beispiel an Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) "L'homme machine" (1748) oder an die Automaten von Jacques de Vaucanson (1709-1782) sowie an die Automaten in den europäischen Höfen seit der Renaissance – eine solche spielerische Perspektive kennt. Dennoch zeichnet sich der neuzeitliche europäische Mensch durch die Trennung von Subjekt und Objekt aus, wie die einflussreichen Ansätze von Descartes oder Kant zeigen. Die aus Europa ausgehende und über den ganzen Globus sich ausbreitende Selbstbestimmung des neuzeitlichen europäischen Menschen hat auch eine Immunisierung gegenüber Mechanisierung und Robotisierung in Form eines besonderen Schutzes der Menschenwürde gebildet, die ihre Wurzeln auch in den kolonialen Katastrophen und in den verbrecherischen Erfahrungen der Weltkriege hat. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die Europäische Charta der Menschenrechte und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sind ein Ausdruck davon. Man kann von einem modernen europäischen Anthropozentrismus sprechen, der jetzt, in der Epoche der digitalen Weltvernetzung, fragwürdig wird.

            Die gegenwärtige Robotik-Debatte findet auch in Zusammenhang mit dem Einsatz von Drohnen im Krieg (Vgl. Hans-Arthur Marsiske, Hrsg.: Kriegsmaschinen – Roboter im Militäreinsatz. Hannover 2012. Online hier) sowie mit einer immer stärker werdenden Überwachung der Gesellschaft statt. Die auf den Fall bezogene Güterabwägung zwischen Freiheit und Sicherheit (safety und security) kann aber nicht die grundsätzliche Ambivalenz des Einsatzes solcher Technologien aufheben. Im Alltag lautet die Frage: Wieweit und aus welchen Gründen will ich meine Freiheit und Selbstverantwortung an ein Algorithmus delegieren? Wann und für wen ist diese Fremdbestimmung eine gute Entscheidung? Wann sollte ich auf sie verzichten und selber die Zügel in die Hand nehmen? Wann ist es für mich und/oder für andere uns führen und fahren zu lassen? Die ethische Abwägung ob eine Technologie wie die Robotik die individuelle und soziale Freiheit belastet oder entlastet ist nicht trivial.

 

6. Tatsächlich ist Wissen in der modernen Arbeitswelt Trumpf. Wird langfristig eine neue Arbeiterklasse entstehen?

            Der Grund warum Wissen in der modernen Arbeitswelt Trumpf ist, liegt vielleicht darin, dass wir nicht mehr in einer Sklavengesellschaft leben wie in der Antike aber auch in den modernen Kolonialstaaten der Fall war, obwohl die durch digitale Technologien geprägte Gesellschaft neue Formen von Ausbeutung und Unterdrückung möglich macht. Die Antike Sklaverei erlaubte einer Klasse von freien Menschen, vor allem von weißen Männern, sich von der körperlichen Arbeit, zu befreien und dadurch Zeit und Raum zur Verfügung zu haben, um sich "Herrschaftswissen" (Max Scheler) anzueignen. Mit der Französischen Revolution fand zwar eine Verstaatlichung der Bibliotheken von Kirche und Adel statt, aber die Verbreitung öffentlich zugänglicher Bibliotheken nahm noch hundert Jahre in Anspruch. Seit der Erfindung des Internet und des WWW findet eine weltweite Verbreitung digitaler Bibliotheken sowie von digitalen frei zugänglichen Enzyklopädien, die man  Endiktyopädien (v. Griechisch diktuon = Netz) nennen könnte, wie Wikipedia statt (Vgl. v.Vf. Skeptisches Wissensmanagement, Online: hier). Der Anwendung der Digitalisierung von Bibliotheken ging seit Anfang den siebziger Jahren die Erstellung von bibliografischen Datenbanken voraus, deren Suchsprachen Vorläufer der heutigen Suchmaschinen sind. Man erkannte damals, Anfang der sechziger Jahre, die politische Bedeutung wissenschaftlicher Dokumentation für Forschung und Entwicklung. Dazu trug insbesondere der Weinberg-Report "Science, Government, and Information" (1963) bei (Online: hier). Alvin M. Weinberg (1915-2006) war Vorsitzender des President's Science Advisory Committee unter Eisenhower sowie unter Kennedy. Die Zentralstelle für Atomkernenergie-Dokumentation (ZAED), gegründet 1957, sowie das nachfolgende Fachinformationszentrum Karlsruhe (FIZ Karlsruhe), gegründet 1977, waren gemeinnützige Pionierorganisationen auf diesem Gebiet in Deutschland.

            Der atemberaubenden Verbreitung der digitalen Technologien und deren Anwendung in der industriellen Produktion, vor allem in der Automobilindustrie, folgt jetzt die Anwendung im Bereich der Wissensanalyse und -bewertung. Das bedeutet, dass Wissensberufe sich weiterhin schnell verändern und nur hoch qualifizierte Wissensarbeiter die eigentlichen Gewinner dieses neuen Arbeitskampfes sein werden. Ob man von einer "neuen Arbeiterklasse" sprechen kann, hängt davon ab, ob wir diesen Begriff, der aus dem Industriezeitalter stammt, auf das digitale Zeitalter übertragen, etwa in Bezug auf die digitale Spaltung (digital divide). Wir sprechen von cybertariats oder von einem digitalen Proletariat, mit verschiedenen Formen und Ursachen wie, zum Beispiel, einer Verschärfung der bereits bestehenden sozialen und ökonomischen Unterschiede, des Grades von Exklusion bei der Nutzung digitaler Technologien, der sprachlichen und kulturellen Barrieren oder der politischer Zensur. Pressenfreiheit war eine Hauptforderung der Aufklärung, so wie Redefreiheit eine Grundlage der antiken Demokratie. Heute dreht sich die ethische und rechtliche Debatte um einen zensurfreien und geschwindigkeitsneutralen Zugang zum Internet sowie um eine grundsätzliche Revision dessen, was Autorenrechte und Patentschutz bedeuten.

 

7. Welches Rüstzeug müssen Schulen und Bildungseinrichtungen der heranwachsenden Generation der Digital Natives an die Hand geben, damit nicht allein Technik deren Weltbild bestimmt?

            Das kleine südamerikanische Land Uruguay, aus dem ich herstamme, startete 2007 als erstes Land weltweit ein staatliches Programm "Plan Ceibal" nach dem Nationalbaum Ceibo (Korallenstrauch) genannt und zugleich ein Akronym für "Conectividad Educativa de Informática Básica para el Aprendizaje en Línea" mit dem Ziel, jedem Schuldkind und Schullehrer an staatlichen Schulen mit einem Laptop auszustatten. Das Programm war vom Projekt One Laptop per Child inspiriert, das Nicholas Negroponte 2005 beim World Economic Forum vorstellte. Eine Bewertung des Plans durch die Universidad de la República (UdelaR) im Jahr 2013 kam zu dem Ergebnis, dass in den Fächern Mathematik und Lesen keine Verbesserung stattgefunden hatte. Ferner, wies dieser Bericht auf die mangelnde Ausbildung der Lehrer hin. Der neue uruguayische Präsident Tabaré Vázquez, wurde durch die ITU (International Telecommunication Union) 2015 mit einem Preis in Anerkennung der IT-Fortschritte seines Landes ausgezeichnet. Das alles ist ein guter Anfang, der aber zugleich zeigt, das Technik allein die Bildungsprobleme nicht lösen kann. Die Lage der Schulbildung in Uruguay ist dramatisch, der in Tansania vergleichbar, wie der Rektor der ORT Universität, Dr. Jorge Grünberg, betont (Siehe hier). Die Gründe sind vor allem ökonomischer und sozialer Natur. Kinder aus Familien der Mittelklasse, die in einem besseren Viertel wohnen wo Bücher vorhanden sind und deren Eltern ein abgeschlossenes Hochschulstudium haben, sind viel besser vorbereitet, wenn sie ein Universitätsstudium beginnen.

            Welches Rüstzeug müssen also Schulen und Bildungseinrichtungen der heranwachsenden Generation der digital natives an die Hand geben, damit nicht allein Technik deren Weltbild bestimmt? In einer globalisierten Welt ist die Kenntnis von Fremdsprachen unerlässlich. Dadurch lernt man die eigene Weltsicht zu relativieren, zum anderen hin zu gehen und von ihr zu lernen. Man merkt, was alles durch eine Übersetzung gewonnen und verloren wird. Das kann man auch von der Wissenschaftsgeschichte lernen, indem man auf die Offenheit und Revidierbarkeit von Theorien und Begriffen aufmerksam gemacht wird (Stichwort: wissenschaftliche Revolutionen). Aus der Technikgeschichte kann man lernen, wie und warum etwas nicht funktioniert, nicht nur weil eine Maschine kaputt ist, sondern auch, weil die zugrunde liegende Idee und ihre Verwirklichung Risse zeigen. Wenn Letzteres in Bezug auf die neuere IT-Geschichte gelehrt wird, müsste manchem Schüler ein Licht aufgehen, bezüglich was Erfindergeist heißt. Man lernt dann Geschichte von der Zukunft her zu verstehen. Aus welchen online oder gedruckten Quellen die Schüler sich auch immer Kenntnisse verschaffen und sie mit anderen teilen, wichtig ist, dass sie darüber offen mit anderen lokal und global diskutieren. Das Wort Ethik muss dabei nicht fallen. Die Devise ist also eine doppelte: Für die Zukunft lernen und die Sozialbenachteiligten unterstützen. Ethische Fragen sind Lebensfragen.

 

8. Stichwort Privacy: Welche Folgen kann es haben, wenn Unternehmen, Arbeitgeber, Freunde und Bekannte alles über uns wissen? Ist unsere Freiheit in Gefahr? Welche Kehrseite hat zu viel Überwachung?

 

            Es kommt immer darauf an, wer mit "uns" bzw. mit "unserer Freiheit" gemeint wird. Privacy ist weder ein Relikt aus der bürgerlichen Gesellschaft, noch ein hoffnungsloser Kampf gegen Windmühlen in einer rastlosen und an Daten nimmersatten Informationsgesellschaft. Gemeint ist vielmehr das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit im Sinne eines offenen sozialen Spiels von Sichverbergen und -offenbaren. Sie scheint mir eine Konstante mit vielen Varianten aller menschlichen Kulturen zu sein, die es sich lohnt genauer zu analysieren. Siehe meinen Beitrag im oben erwähnten Acatech Projekt, Kapitel 2.5, mit dem Titel: Intercultural Aspects of Digital Mediated Whoness. Online hier

Die Idee, wir wären uns selbst durchsichtig oder dass andere über uns und wir über andere alles wissen könnten, ist ein Mythos. Vielmehr geht es darum, dass andere, aus welchen Gründen auch immer, etwas über mich erfahren wollen, was ich nicht möchte, dass sie es erfahren. Wenn ich bei einem Arztbesuch willentlich etwas von mir preisgebe, dann in der Annahme, dass dieses Wissen auch in einem bestimmten Kontext bleibt und nicht ohne meine Zustimmung an andere weitergegeben wird. "Privacy in context. Technology, Policy and the Integrity of Social Life" (Stanford 2010) ist der Titel eines Buches von Helen Nissenbaum. Privacy bedeutet, so Nissenbaum, das Recht, dass der Informationsfluß so läuft, wie ich erwarte und zwar nicht nur auf der Basis von Gewohnheiten und Konventionen, sondern auch aufgrund von "key organizing principles of social life, including moral and political ones." (Nissenbaum, a.a.O. S. 231). In einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel "Obfuscation. A User's Guide for Privacy and Protest" (MIT Press 2015) zeigen Finn Brunton und Helen Nissenbaum, welche technische Verschleierungsmechanismen der Nutzer verwenden kann, um ihr Selbst zu schützen. Das ist eine Art guerrilla-Taktik gegen verordnete moralische Normen, zum Beispiel in sozialen Netzwerken, auf die ich mit der Devise "Never enter your real data" hingewiesen habe (Online hier). Es gilt, sich dem totalitären Anspruch mancher global player zu widersetzen wobei manchmal die beste Lösung ist, die Mitgliedschaft zu kündigen. Das alles zeigt, dass nicht nur die Rolle von whistle blowers unersetzlich ist, sondern auch, dass wir dringend globale Regeln des fair play für die digitale Weltvernetzung brauchen, sowie entsprechende nationale und internationale Agenturen, die für deren Einhaltung sorgen. Das kann nicht ein für allemal geschehen da die technische Entwicklung immer neue Fragen aufwirft. Wir brauchen unterschiedliche Formen und Institutionen des politischen Dialogs und begleitende akademische Forschung zu ethischen und rechtlichen Fragen der Informationsgesellschaft. Was auf dem Spiel steht, wenn wir – aber wer sind 'wir'? – von Privatheit und Öffentlichkeit sprechen, ist nicht mehr und nicht weniger als die Ausgestaltung menschlicher Freiheit im 21. Jahrhundert mitten in einem Strukturwandel des Verhältnisses von Öffentlichkeit und Privatheit im globalen Ausmaß (Vgl. v.Vf.: Shapes of Freedom in the Digital Age, Kastamonu 2015. Online hier).

 

9. In Vergleichen mit den USA steht Deutschland oft als Bedenkenträger in Sachen Digitalisierung da. Stellen wir uns ökonomisch selbst ein Bein, weil wir ein Gut wie den Schutz privater Daten hochhalten?

            Das können wir uns in Deutschland gelassen gefallen lassen und denjenigen, die in den USA so über uns spotten, die Gegenfrage stellen, ob sie sich eine gedankenlose Gesellschaft wünschen, wo auf der Grundlage einer freiheitlichen und die Suche nach dem Glück schützenden Verfassung, nicht danach streben sollten, globale Regeln des fair play für die Digitalisierung gemeinsam mit dem Rest der Weltgemeinschaft zu erarbeiten. Bedenklich finde ich bei diesem Spott die Blindheit, die darin besteht, die Freiheit hochzuhalten und diese als Gegensatz zum Schutz privater Daten zu stellen. Ein Hoffnungsschimmer sind aber amerikanische Kollegen wie Lawrence Lessig und Helen Nissenbaum, die nicht an dieser Blindheit leiden.

 

10. Automobilhersteller auf der ganzen Welt arbeiten mit Hochdruck daran, das
autonome Fahren zu ermöglichen. Damit kommt ein weiterer großer Vernetzungsschub auf uns zu, der durchaus ethische Fragen aufwirft. Wer muss dafür sorgen, dass ein begleitender Diskurs in Gang kommt?

            Ich betrachte die Fragen rund um das autonome Fahren als Symptom dafür, dass mit den Verkehrs- und Transportsystemen lokal und global etwas nicht funktioniert. Da geht es nicht nur um das tägliche Chaos auf deutschen Autobahnen, sondern auch um die Auswirkung der Verkehrs- und Transportmittel und -systeme auf den Klimawandel sowie um die Frage, wie solche Mittel und Systeme insbesondere in den Megacities des 21. Jahrhunderts und in Anbetracht einer explodierenden Weltbevölkerung nicht nur technisch, sondern auch ethisch und rechtlich neu konzipiert werden könnten. Die digitale Vernetzung wirft die Frage auf: Was ist ein Automobil im 21. Jahrhundert wenn die Rede vom autonomen Fahren ist, bei der es also um eingebaute Normen, die eigene Mobilität und die der anderen in Einklang bringen sollen.

            Normen und Regeln fallen nicht vom Himmel, sondern sie haben sich entsprechend den jeweiligen Verkehrs- und Transportmittel und -systemen je nach Kultur sowie nach geografischen Gegebenheiten usw. gebildet und verändert. Manchmal ist die Rede von der Einprogrammierung von ethischen Regeln in den autonomen Fahrzeugen, die dann eben keine solche wären, sofern solche Regeln ihres 'Verhaltens' von anderen gegeben sind. Dieser Gebrauch des Autonomiebegriffs steht im Gegensatz zum einflussreichen Autonomiebegriff in der europäischen Neuzeit, zum Beispiel bei Kant, der Autonomie im Sinne von Freiheit als Kern der Menschenwürde auffasst. Ethik im Sinne einer kritischen Reflexion über Moral lässt sich naturgemäß nicht programmieren. Man kann nur festgelegte moralische Regeln und Gesetzen algorithmisieren, woraus, wie bei allen Regeln und Gesetzen, die Aufgabe ihrer Interpretation beginnt, was ein Regeln befolgendes autonomes Automobil nur scheinbar machen kann. Nicht diese Werkzeuge, sondern wir selbst (Hersteller, Programmierer, Käufer) stehen dann vor einem moralischen und rechtlichen Dilemma. Wenn es einmal möglich sein sollte, dass Roboter zu Philosophen mutieren, würden wir das offene und selbstkritische Gespräch fortführen, dass wir gerade führen. Ein ethischer und rechtlicher Diskurs über Zukunftsfragen von Verkehr und Transport ist für ein Land wie Deutschland lebensnotwendig. Ein gedankenloses Weitermachen solange die Geschäfte gut laufen oder zu glauben, wenn die Geschäfte aufgrund von moralischen und rechtlichen Verfehlungen, könnte man bald auf die gewohnten Bahnen der, sozusagen, normal technology, so wie Thomas S. Kuhn von normal science sprach, zurückkehren, ist für ein global player der falsche Weg oder es ist vielmehr kein Weg, sondern eine Aporie, eine ausweglose Situation. Aporien sind für ein Philosoph wie Sokrates ein methodisches Verfahren, um das Denken nicht in die Sackgasse eines vermeintlichen Wissens zu führen, sondern um die Lust am Weiterfragen lebendig zu halten. Für das Handeln aber sind aporetische Situationen ein Zeichen dafür, dass man sich verirrt und womöglich auch geirrt hat. Man kann aus der IT-Geschichte der letzten Jahrzehnten sehr viel über den Mangel an Vor- und Nachdenken bezüglich solche praktischen Aporien lernen und wie sie zur Pleite eines Unternehmens führen, wenn dieses nicht rechtzeitig den eingeschlagenen Weg nicht rechtzeitig als in eine Aporie erkennt. In Hölderlins Gedicht "An die Deutschen" heißt es: "Oh ihr Guten! auch wir sind / Tatenarm und Gedankenvoll!" Ich wünsche uns, wir wären heute, "Gedankenvoll". Wer soll dafür sorgen? Wir haben genügend kluge Managerinnen und Manager in der deutschen Automobilindustrie, die gute Vorschläge darüber machen können.

 

11. Viele Unternehmen haben die Globalisierung und die Digitalisierung zu strategischen Zielen erklärt. Welche Gefahren lauern in einer solchen Ausrichtung, durch die der lokale Handlungsrahmen immer weiter in den Hintergrund tritt?

            Der kürzlich verstorbene deutsche Soziologe Ulrich Beck (1944-2015) hat in seinem Buch "Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung" (1997) den vom britischen Soziologen Roland Robertson (geb. 1938) 1992 geprägten Begriff  "glocalization" gebraucht, um die eigentümliche Durchdringung des Globalen und Lokalen zu erörtern. Gefahren der Globalisierung entstehen dann, wenn wir in die Falle des Globalismus geraten und nicht merken, dass es nicht nur eine Biodiversität, sondern auch eine kulturelle Diversität gibt, die wir auch in Bezug auf unsere Produkte und Dienstleistungen zu schätzen und schützen lernen sollten. Dieses umso mehr seitens Unternehmen, die global handeln aber immer auch lokal denken müssen, indem sie die jeweiligen mores, die Sitten und Gebräuche einschließlich jene "key organizing principles of social life" wovon Nissenbaum spricht, ernst nehmen, auch im eigenen wirtschaftlichen Interesse. Gleiches gilt für die Digitalisierung. Auch hier gilt es, die Gefahr des digitalen Informatismus zu meiden. Ich spreche von digitaler Ontologie um jenes Verständnis von uns selbst und der Welt zu benennen, dass darin besteht, zu glauben, nur dann etwas verstanden zu haben, wenn wir es digitalisieren können. Nur das ist, was digitalisierbar oder, genauer, was digital vernetzt ist. Das klingt zwar nach einer erkenntnistheoretischen These betrifft aber das Sein der Dinge sofern wir solches Sein von unserem Verstehen aus entwerfen und dementsprechend in der Schwebe lassen, da es auch andere Perspektiven gab und geben kann, wodurch wir uns selbst und die Welt anders deuten können. Es geht also nicht darum, das Digitale als letzter Grund der Realität aufzufassen, was eine Art von digitaler Metaphysik oder von digitaler Pythagoreismus oder gar von Cybergnosis wäre. Um diese These besser zu verstehen, brauchen wir nur an die nicht sehr lange zurückliegende Zeit des dialektischen Materialismus zu denken, wodurch ein Glaube über das Sein der Dinge und ihres Verhältnisses zum menschlichen Bewusstsein, sich in einer dogmatischen Lehre sowie in einer politischen Ideologie festlegte, mit all den sich daraus ableitenden theoretischen und praktischen Konsequenzen. So eine Gefahr lauert auch im digitalen Zeitalter. Der können wir begegnen, indem wir den digitalen Blick auf uns selbst und unser Verhältnis zu den anderen und zur Welt theoretisch und praktisch kritisch gegenübertreten. Wir sollten uns nicht von den Ambitionen und Obsessionen der Digitalisierung blenden oder irreführen lassen. Das bedeutet nicht, die Digitalisierung zu dämonisieren. Wir – aber wer sind 'wir'? – sollten sokratische Tugenden wie Selbstbeherrschung (enkrateia) und Selbstgenügsamkeit (autárkeia) (Vgl. v.Vf.: Leben im Informationszeitalter. Online hier) sowie Praktiken des Loslassens, die in christlichen, islamischen und buddhistischen Kulturen jeweils anders prägend sind, üben  (Vgl. v.Vf.: Die Botschaft des Buddha. Online hier).

Letzte Änderung: 29. September 2016
 
 
 
 
    

Copyright © 2015 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.

 

 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio