FACE-TO-FACE oder INTERFACE?

Möglichkeiten und Grenzen der Beratung per Internet

Rafael Capurro
 

 

 
 
Vortrag im Rahmen der Tagung Ethik und Menschenbild der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Ostfriesland, Fachbereich Sozialwesen organisiert von  Prof. Dr. Eric Mührel, 30. November - 1.Dezember 2001. Erschienen in: E. Mührel Hrsg.: Ethik und Menschenbild der Sozialen Arbeit, Essen: Die blaue Eule (2003) 107-118.
     


INHALT

Einleitung 
1. Möglichkeiten und Grenzen des Lehrens und Lernens per Internet im Hochschulbereich 
2. Sozialpädagogische Beratung per Internet 

Ausblick 
Literatur 
Sozialpädagogische Websites 

 

 
 
veritas est adaequatio intellectus ad vitam
 
EINFÜHRUNG

Der Titel dieses Vortrags deutet vordergründig auf eine falsche Alternative hin. Warum sollen die Möglichkeiten der Beratung face-to-face denen im interface im Sinne eines Entweder/Oder gegenübergestellt werden, wo es doch beides möglich und wohl auch sinnvoll ist? Der Titel will aber zugleich auf eine ethische Kontroverse hinweisen. Der Philosoph Emanuel Lévinas stellte nämlich in seinem epochemachenden Buch Totalität und Unendlichkeit (Lévinas 1987) das Verhältnis 'von Angesicht zu Angesicht' ("face-à-face") als das Fundament der Ethik dar. 'Das-Gesicht-des-Anderen-Wahren' ist für Lévinas, wie Eric Mührel gezeigt hat (Mührel 1997), die ethische Handlungsmaxime schlechthin. Dabei erfüllt das Antlitz, so Mührel, eine Doppelfunktion: "Einerseits lädt es in seiner Nackheit zur Gewalt ein. Andererseits ergeht von ihm das Gebot "Du sollst nicht töten!"" (Mührel 1997: 87). Mit anderen Worten, mit der Abschaffung des Antlitzes des Anderen, mit seiner Abstraktion, erlischt zugleich die ethische Beziehung mit ihrer eigentümlichen Asymmetrie und dem damit verknüpften und nicht weiter begründbaren Verbot, den Anderen nicht bloß als Mittel zu benutzen, um mit Kant zu sprechen. Menschliche Beziehungen lassen sich aber auch unter das Gesetz der Symmetrie stellen. Wir sprechen dann von Gerechtigkeit, sei es im distributiven oder im ausgleichenden Sinne. Die Suche nach einem gerechten Maß menschlicher Handlungen steht der maßlosen Verpflichtung gegenüber, dem Anderen ohne Wenn und Aber in einem moralischen Sinne gerecht zu werden. Dadurch werden die Maßstäbe des Rechts einer Dimension ausgesetzt, die außerhalb dieser Sphäre angesiedelt ist. Der Begriff der Exteriorität ist ein Kernbegriff der Lévinasschen Ethik (Capurro 1991). Wir haben dann mit einer nicht aufhebbaren Spannung zwischen Recht und Moral zu tun, die Mührel als Spannung zwischen Verantwortung und Anerkennung auslegt. Eine ethische Reflexion vermag aber zu zeigen, dass eine "Heroisierung des Für-den-Anderen" (Mührel 1997: 145) letztlich unhaltbar ist, da der Andere als Substitut des Absoluten gerade in seinem endlichen Menschsein verfehlt wird. Darin liegt, so scheint es, die notwendige Korrektur der Moral durch politische Gerechtigkeit im "Kampf um Anerkennung" (Honneth 1992).  

Diese gegenseitige Abgrenzung und Ergänzung zwischen Recht und Moral stellt sowohl den Legalismus als auch den moralischen Fundamentalismus in Frage und hält dadurch die ethische Frage nach dem Maßstab des Handelns offen. Ethische Reflexion darf sich aber wiederum nicht über Recht und Moral setzen, indem sie universalisierbare Handlungsmaximen wiederum zum unantastbaren oder kategorischen Maßstab erhebt. Ein solcher ethischer Rigorismus ist blind für die Legitimität gewachsener Strukturen sowie für die Unberechenbarkeit und Besonderheit der jeweiligen Situation. Die teilweise heftig geführte Diskussion um die Würde des Menschen in Zusammenhang mit Embryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik zeigt deutlich diese Spannung zwischen Recht, Moral und Ethik in unserer Gesellschaft.

Eine politische Entscheidung bedarf einer rechtlichen und ethischen Legitimation, sie ist aber nicht mit ihnen identisch: Das geltende Recht kann geändert werden und eine ethische Begründung hat einen indikativen Charakter, der vor einer parlamentarischen Entscheidung liegt. Die Debatte um das von der Gentechnik geprägte Menschenbild zeigt aber inwiefern die Perspektive auf das Menschsein sich von der Natur auf die Technik verschoben hat. Zwar läßt sich sagen, dass wir uns durch geistige und leibliche Techniken seit vielen Jahrtausenden selbst gestalten (Capurro 1995), aber damit verfehlen wir die eigentliche Brisanz der heutigen digitalen Technik mit ihrem reduktiven Anspruch, nämlich die menschliche Natur, und letztlich die Natur überhaupt, aus der Sicht ihrer Digitalisierbarkeit nicht nur vor-, sondern auch herzustellen. 

Was auf der physischen Ebene möglich ist, hat sein Korrelat auf der sozialen Ebene. Es ist nämlich unübersehbar, dass die zwischenmenschlichen Verhältnisse zu Beginn des 21. Jahrhunderts maßgeblich durch die Informations- und Kommunikationstechnologien geprägt sind. Die Frage ist dann, ob diese Medialisierung jene Abstraktion des Antlitzes des Anderen bedeutet, die für Lévinas die Grundlage der ethischen Beziehung ausmacht. Mit anderen Worten: Ist die Informationsgesellschaft im Wesentlichen eine amoralische Gesellschaft? Antwort: Nein. Hierzu einige Argumente in aller Kürze. Ich meine, dass die Gegenüberstellung zwischen einem medialisierten und einem unmittelbaren zwischenmenschlichen Verhältnis insofern zu relativieren ist, als jede leibhaftige Begegnung wenn nicht ein medialisiertes so doch ein mediatisiertes Verhältnis darstellt. Nicht nur das Gesicht, sondern die gesamte Leiblichkeit des Anderen und das jeweilige raum-zeitliche Medium, in dem wir uns begegnen, schaffen jene natürliche Differenz, wodurch wir uns als unterschiedliche Menschen wahrnehmen.

Es sind diese sozusagen natürlichen Medien, die das Verhältnis der Alterität und ihre Asymmetrie mitkonstituieren. Sie stehen aber seit vielen Jahrtausenden in Wechselwirkung mit den künstlichen Medien, allem voran mit der Schrift, sodann aber auch mit den verschiedensten Kommunikationstechniken. Wir haben, mit anderen Worten, keine Möglichkeit, uns unvermittelt oder rein geistig zu begegnen. Die Frage nach der Ausgestaltung des zwischenmenschlichen Verhältnisses ist dann eine ethische, wenn wir die Möglichkeiten und Grenzen unseres Miteinanderseins nicht bloß mit Bezug auf uns selbst, unsere Wünsche und Vorstellungen, sondern auf dieses Verhältnis selbst stellen. Die ethische Frage stellt sich gerade weil wir uns vermittelt begegnen, will heißen, weil bereits unsere Leiblichkeit in ihrer raum-zeitlichen Bedingtheit, jene Spannung schafft, die zur Sprengung der egoistischen Sphäre sowohl individuell als auch sozial führt. Dass die Auswirkungen dieser Sprengung und die Art ihrer Ausgestaltung wiederum nicht trivial sind, das wissen am besten die Sozialarbeiter, die täglich mit den konkreten Fragen konfliktbeladener Alterität konfrontiert sind.  

Die zwei extremen Möglichkeiten dieser Ausgestaltung lassen sich in Anschluß an Heideggers Existenzialontologie als "einspringend-beherrschende" und "vorspringend-befreiende" Fürsorge kennzeichnen (Heidegger 1976: 26). Diese Möglichkeiten bestimmen, so der Schweizer Psychiater Medard Boss, das Verhältnis des Psychoanalytikers zum Analysanden, des Arztes zum Patienten und wohl auch, wir mir scheint, des Sozialarbeiters zu den ihm anvertrauten Menschen (Boss 1977). Das, wofür wir uns gegenseitig freimachen, ist jene gemeinsame Welt, die wir auf je unterschiedliche Weise gemeinsam austragen. Das Freisein füreinander ist immer auch ein Freisein für die jeweils eigenen Möglichkeiten. Deshalb lautet, so Medard Boss, die Leitfrage einer auf psycho-soziale Unterstützung ausgerichteten Beziehung nicht: "Warum?" sondern "Warum denn eigentlich nicht?" (Boss 1975, 364).

Diese Frage zielt nicht auf Rechfertigung und Schuld, sondern auf Verantwortung im Sinne von Antworten-können auf jene Möglichkeiten des Existierens, denen wir uns aus unterschiedlichen Gründen verschließen, indem wir sagen: "Ist mir ja egal" , wobei es aber Grade der Offenheit und der Abgestumpftheit gibt. Die "einspringend-beherrschende" Fürsorge ist dann notwendig, wenn wir dem Anderen sozusagen unsere eigene Offenheit leihen, damit er sich an 'Warum-nicht-Fragen' gewöhnen kann. Schritt für Schritt soll sich die beherrschende Fürsorge in eine befreiende verwandeln, um den Anderen zur Wahrnehmung seiner offenen aber stets begrenzten Möglichkeiten zu verhelfen. Ein Kampf um gegenseitige Anerkennung zielt letztlich auf Unterwerfung des Anderen. Kämpfe werden durch die Warum-Frage geleitet: 'Warum will der Andere nicht meinem Willen folgen?' Sie führt letztlich zu der Frage: 'Warum gibt es den Anderen überhaupt?' Eine Umkehrung dieses Verhältnisses vom Kampf auf Fürsorge zielt nicht bloß auf Anerkennung, sondern auf Hingabe zur gegenseitigen Freigabe. Die Warum-nicht-Frage weist auf die je eigenen Möglichkeiten hin, vor denen wir fliehen und deren Lösung wir letztlich vom Sieg über den Anderen erwarten. Der Kampf um Anerkennung ist ein Kampf im Glauben, siegen zu müssen, um anerkannt zu werden. Damit wird aber das uns zugleich verbindende und unterscheidende Medium in der Sphäre der eigenen Subjektitivät vereinnahmt und mit vielen Gründen zugemauert. Erst eine Infragestellung dieser Gründe durch ein geduldiges 'Warum nicht?' bewirkt eine Sprengung dieser Sphäre und schafft den Weg frei zu einer offenen und gemeinsamen Medialität. 

Ich will aber hiermit keineswegs den Unterschied zwischen dem natürlich-mediatisierten und dem technisch-medialisierten zwischenmenschlichen Verhältnis auflösen. Ich kritisiere lediglich die Gegenüberstellung eines scheinbar unvermittelten face-to-face Verhältnisses im Sinne eines ursprünglich und authentischen menschlichen Verhältnisses im Gegensatz zu einem medialen Miteinander, das wesensmäßig mit dem Makel einer sogar moralischen Verfallsform jenes eigentlichen Verhältnisses behaftet sein soll. Die Möglichkeiten und Grenzen beider Formen des Zusammenseins und ihrer vielfältigen Mischformen müssen von Fall zu Fall und im Hinblick auf die jeweiligen Ziele buchstabiert und vorexerziert werden. Erst auf dieser Grundlage, so die leitende These dieses Beitrags, läßt sich die Komplexität einer globalen Gesellschaft begreifen, die nicht primär face-to-face kommuniziert und (hoffentlich) nicht mehr durch die Oligopole der Massendistribution von Botschaften, allem voran des Fernsehens, sondern durch eine Pluralisierung der Informations- und Kommunikationsmärkte auf der Grundlage des Internet bestimmt ist (Capurro 2001).  

Bevor ich auf die Frage der sozialpädagogischen Beratung per Internet eingehe, möchte ich über verwandte Erfahrungen mit Möglichkeiten und Grenzen des Lehrens und Lernens per Internet berichten, mit denen ich als Hochschullehrer unmittelbar konfrontiert bin. 
 

1. MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DES LEHRENS UND LERNENS PER INTERNET IM HOCHSCHULBEREICH

Es fing alles ziemlich harmlos an, nämlich mit der Erstellung einer persönlichen Website vor etwa vier Jahren. Ich hatte von HTML wenig Ahnung und bat deshalb einen Studenten, mir dabei behilflich zu sein. Die Website bestand aus einem kurzen Text (curriculum vitae), einem Bild und einer Liste meiner Veröffentlichungen. Das Internet veränderte aber in kurzer Zeit auch mein Verhältnis zu den Studenten. Es ging nicht mehr darum, Informationen wie Vorlesungsskripte oder bereits veröffentlichte Aufsätze zu digitalisieren und sie im Netz in Form einer digitalen Bibliothek verfügbar zu machen, sondern Lehre und Forschung selbst in diesem Medium zu gestalten. Es entstanden erste Versuche in Sachen virtueller Hochschule. Neben der Ankündigung der Seminare und Vorlesungen ergab sich bald der Wunsch nach einer Betreuung im Netz und zwar sowohl persönlich als auch für die Gruppe.  

Ich startete zunächst mit einem Forum zu einer Vorlesung. Da während der Vorlesung, an der etwa einhundert Studenten teilnahmen, nur wenig Zeit für Fragen übrig blieb und ich auch davon ausging, dass viele Studenten sich in dieser face-to-face Situation nicht trauten, Fragen zu stellen, schien mir das interface in Form eines Forums eine ideale Ergänzung dazu. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, dass dieses Experiment gescheitert ist: Die angebliche Sachdiskussion war in Wahrheit nur ein Tummelplatz für alle möglichen Kommentare, Witze usw. Diejenigen Studenten, die an einer bestimmten Frage ernsthaft interessiert waren, haben mir eine persönliche Mail zugeschickt. Das war aber der Beginn einer immer häufiger stattfindenden akademischen Beratung per Internet.

Foren und Mailing Listen schienen mir zwei sich ergänzende Methoden, die ich in Seminaren einsetzen könnte. Foren bieten nämlich die Möglichkeit, eine Diskussion zu strukturieren und festzuhalten. Sie haben einen informativen Charakter. Mailing Listen sind dynamischer und entsprechen mehr einem mündlichen Austausch. Inzwischen hatten die Studenten bereits im ersten Semester eine eigene Website, so dass die Zusammenarbeit besser koordiniert werden konnte. Ich stellte fest, dass die Foren seltener als die Mailing Listen benutzt wurden. Da es sich bei den Seminarteilnehmern um eine überschaubare Menge von in der Regel etwa fünfzehn bis zwanzig Studenten handelt, ging ich dazu über, die Mail-Adressen der Teilnehmer unter einem Link zu erfassen. Das ermöglicht mir und der Gruppe jederzeit und mit wenig Mühe, sich sowohl organisatorische als auch inhaltliche Meldungen zu schicken. Die Einrichtung einer Mailing Liste ist dann nicht mehr notwendig. Diese Möglichkeit der Gruppenkommunikation ist bis heute ein Erfolg.  

Da die Seminare oft einen Projektcharakter haben, gibt mir das Internet die Möglichkeit, die Fortschritte der Studenten besser zu verfolgen. Diese arbeiten allein oder in einer kleinen Gruppe und teilen mir und/oder der Gruppe ihre Zwischenergebnisse per Mail mit. Durch anklicken des jeweiligen Projekt-Links kann ich mir den Stand der Arbeit anschauen, Tips geben usw. Alle Ergebnisse werden am Schluß des Seminars in einer Website dargestellt falls dies nicht schon das Projektziel selbst ist. Die Virtualisierung eines Projektseminars ersetzt aber keineswegs das Treffen der Gruppe face-to-face. Gerade zu Beginn eines Seminars sowie in regelmäßigen Abständen sind solche Treffen durch nichts zu ersetzen. Sie schaffen nicht nur eine besondere Gruppenzugehörigkeit, sondern dienen mir auch dazu, die Studenten persönlich kennenzulernen.

Im Falle eines Seminars bei dem Referate im Vordergrund stehen, kehrt sich das Verhältnis zwischen interface und face-to-face um. Dann geht es nämlich darum, die Fähigkeiten bei der Präsentation und Diskussion face-to-face unter Beweis zu stellen. Eine Versuchung der Arbeit im Netz besteht nämlich darin, solche Fähigkeiten zu vernachlässigen, die aber im Berufsleben unerläßlich sind. Sie lassen sich auch nicht theoretisch oder virtuell lernen, sondern müssen im Medium der leibhaftigen Anwesenheit geübt werden. Auch hier ist darauf zu achten, dass durch den Einsatz von Folien, PowerPoint, Videos oder sonstigen Präsentationsmitteln das Medium der mündlichen Rede selbst nicht zur Nebensache wird. Die Texte der Referate werden allen Teilnehmern per Mail zugeschickt und in der Seminarwebsite gespeichert.  

Seit sechs Jahren veranstalte ich mit Unterstützung des Referats für Technik- und Wissenschaftsethik an den Fachhochschulen in Baden-Württemberg (RTWE) einmal im Jahr einen öffentlichen Workshop zur Informations- und Medienethik sowie sogenannte Studentenworkshops. In beiden Fällen sind die Studenten inhaltlich und organisatorisch an der Planung und Durchführung beteiligt. Das bedeutet erneut ein Zusammenspielen von interface und face-to-face. Für die Organisation solcher Workshops ist das Netz inzwischen eine conditio sine qua non. Die Studenten entwerfen die Website des Workshops sowie auch Plakate und Faltblätter, sie kümmern sich um Mail-Werbung, erstellen einen Workshop-Bericht, nehmen die Beiträge des Workshops per Video auf und stellen die Video-Aufnahmen im Internet zur Verfügung, führen Interviews mit den Teilnehmern durch, die dann im Internet-Radio der Hochschule gesendet werden usw. Schließlich beteiligen sie sich auch mit eigenen inhaltlichen Beiträgen, die vorher in der Gruppe vorbereitet werden. Im Falle von Studentenworkshops steht das Treffen face-to-face über ein verlängertes Wochenende in der Abgeschiedenheit eines schwäbischen Dorfs im Vordergrund. Hier ist die Gruppe Organisator und Teilnehmer in einem. Wir konzentrieren uns vor allem auf die sachliche Diskussion sowie auf die Gruppendynamik selbst. Technische Aspekte treten in den Hintergrund. Dennoch wird auch diese Form des Lehrens und Lernens sowohl vor als auch nach dem Workshop durch die Kommunikation per Mail sowie durch die Erstellung einer Website, in der die Referate gespeichert werden, flankiert.  

Schließlich möchte ich auf eine internationale Erfahrung aufmerksam machen. Im vorigen Jahr veranstalteten meine US-Kollegin Martha Smith (Clarion University of Pennsylvania, USA) und ich ein gemeinsames Seminar in englischer Sprache. Da Frau Smith erst im Januar nach Deutschland reisen konnte, verlief die Vorbereitung per interface auf der Grundlage der Blackboard-Software. Sie stellte dort ausführliches Material zur Verfügung und bat die Studenten, sich zu registrieren, so dass die Lehrveranstaltung schon zu Beginn des Semesters virtuell beginnen konnte. Der face-to-face Anteil war eine bereichernde und für die Studenten teilweise erschöpfende Erfahrung zumal hier die Fremdsprache Englisch nicht in Schriftform, sondern auch aktiv, im Zuhören und Sich- selbst-ausdrücken, geübt werden musste. 

Diese und andere Formen des Lehrens und Lernens per Internet - ich habe zum Beispiel das chat nicht erwähnt, da ich bisher keinen sinnvollen Einsatz dafür finden konnte, wobei teilweise die Mails als eine Form von chat gelten können - bedeutet für Lehrende und Lernende Mehrarbeit, oft bis in die Nachtstunden hinein, und am Wochenende. Man ist buchstäblich ständig erreichbar und eine Anfrage per Mail kann man schlecht eine Woche später, bei der nächsten face-to-face Sprechstunde beantworten.  

Ich beschäftige mich seit schon mehr als fünfzehn Jahren mit informationsethischen Fragen. Als vor fünf Jahren die digitale Vernetzung durch das Internet zu einem sozialen Phänomen wurde, haben diese Fragen täglich an Brisanz gewonnen. Ich hatte zum ersten Mal internationale Erfahrungen in einem virtuellen Forum der UNESCO (VF-InfoEthics) 1998 teilgenommen und dort auch vielfältige Kontakte von Kollegen aus aller Welt aufgenommen. Mein Kollege Wolfgang von Keitz drängte mich, ein internationales virtuelles Zentrum zur Informationsethik zu gründen. Mein erster Gedanke war: Dokumente im Netz zu verlinken ist relativ einfach, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, sei es face-to-face oder im interface, dagegen schwer. Ich fing zunächst mit dem Einfachen an und organisierte ein Seminar, um Ideen und Material zur Gestaltung einer Website zu sammeln.  

Im Sommer 1999 beschloß ich, einige Kollegen per Mail anzusprechen und sie zu fragen, ob sie Interesse hätten, an einem zu gründenden International Center for Information Ethics (ICIE) mitzuwirken. Nachdem ich ein positives Echo bekam, ging ich einen Schritt weiter und erstellte die Website. Ich nahm zunächst etwa zwanzig Kollegen weltweit in die Mitgliederliste auf und bat sie, sich in die Mailing Liste einzutragen, um den Austausch zu beginnen. Die Website umfaßte außerdem eine Bibliographie und eine Virtuelle Bibliothek, wo die Mitglieder Links zu ihren im Netz im Volltext verfügbaren Veröffentlichungen eintragen lassen können. Ich stellte fest, dass ähnliche Websites, von denen es weltweit nur drei oder vier gibt, keine communities, sondern Bibliographien und Link-Sammlungen waren. Das erklärt auch das große Interesse an diesem Projekt von Anfang an. Innerhalb weniger Monate wuchs die Zahl der Mitglieder um das dreifache. Meine Kollegin Martha Smith, die ich nicht persönlich kannte und mit der ich fast täglich per Mail korrespondierte, bis wir uns zum ersten mal in Long Island ein Jahr später face-to-face trafen, schlug vor, die Website an der Yale University zu spiegeln. Barbara Rockenbach, die an der dortigen Bibliothek arbeitet und eine Website über Informationsethik für die University of Pittsburgh entworfen hatte, stellte sich für diese Kooperation zur Verfügung. Inzwischen entstand eine Kooperation mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM, Karlsruhe), das ein neues Design der Website übernommen hat. Die Information und Diskussion in der ICIE-community findet vorwiegend durch die Mailing Liste statt, wenngleich ein Forum und ein Chat zur Verfügung stehen. Ich habe an diesem Projekt auch Studenten aktiv mitarbeiten lassen, so dass sie Erfahrungen sowohl beim inhaltlichen Aufbau eines solchen Portals als auch bei der Betreuung der dabei beteiligten Personen gewinnen konnten. 
 

2. SOZIALPÄDAGOGISCHE BERATUNG PER INTERNET

Ich glaube, dass einige meiner Beratungserfahrungen im Hochschulbereich auf die sozialpädagogische Beratung übertragbar sind, andere wiederum nicht. Das Kernproblem der sozialpädagogischen Beratung per Internet scheint mir das des Vertrauens und des Datenschutzes zu sein. Auch wenn bei einer akademischen Beratung, wie ich sie geschildert habe, Vertrauen und Datenschutz eine wichtige Rolle spielen, dürfte das im Falle der sozialpädagogischen Beratung, ähnlich wie im Falle des Artzes, Rechtsanwaltes oder Seelsorgers, eine noch zentralere Rolle spielen. Ich denke dabei an schriftliche oder multimediale Sendungen, die der sozialpädagogische Berater und sein Kunde austauschen, sei es per Mail, in einem Forum oder in welcher medialen Form auch immer. Eine Anonymisierung ist zwar vielfach technisch möglich und sie trägt in bestimmten Fällen zur Teillösung des Vertrauensproblems bei.

Das Vertrauensproblem stellt sich auf beiden Seiten, sofern sie, einzelne Personen oder eine Gruppe, im Netz Spuren hinterlassen, die nicht gelöscht werden und die gegebenenfalls gegen den einen oder anderen früher oder später verwendet werden könnten. Dies gilt auch für die klassischen Medien wie z.B. die Aufnahme eines Telefongesprächs aber auch für die verdeckte Aufzeichnung eines face-to-face Gesprächs. Schließlich sollten wir bedenken, dass es Abstufungen von Vertrauen und Anonymität gibt, die in jeder zwischenmenschlichen Beziehung fließend sind und stets Chancen und Gefahren in sich bergen. Natürlich spielt in der sozialpädagogischen Beratung das face-to-face Gespräch eine zentrale Rolle. Wenn aber dieses Gespräch auch medial eingebettet ist, dann öffnen sich vielfältige Möglichkeiten, die behutsam und öfter, sozusagen im Schongang, zu gestalten und zu führen sind.
 

Dieser vorsichtige Blick auf die Medialisierung der sozialpädagogischen Beratung darf wiederum die vielfältigen Chancen des Internet nicht verdecken und zur anfangs erwähnten Dichotomie zwischen einer scheinbaren unvermittelten und authentischen Begegnung face-to-face und einer medialisierten Verfallsform führen. Das gilt zunächst für das Informationsangebot. Dabei möchte ich zunächst auf den innerakademischen Informationsaustausch in diesem Bereich hinweisen, wie in der Website des Internet-Center für Sozialarbeitswissenschaften von Eric Mührel, Friedhelm Ackermann und Olaf Morgenstern verwirklicht wurde (Mührel 2001). 

Als Beispiel für praxis-orientierte Portale im Bereich der Sozialarbeit möchte ich Das Soziale Internet-Portal  und das Portal Meta-Sozialarbeit von Stefan Bock. Besonders hervorheben möchte ich den Beratungsguide für Online-Beratungen, der eine Liste von mehr als fünfzig kostenlosen nach verschiedenen Qualitätskriterien bewerteten Online-Beratungsangeboten - darunter z.B. Drogenberatung und Jugendberatung online - enthält. Im Portal Treffpunkt Sozialarbeit von Christoph Kusche werden eine Fülle von Projekten aufgeführt, von denen ich lediglich das folgende Beispiel ausführen möchte: I JUMP! Interkulturelles Jugendmedienprojekt: "ist ein Projekt der JUB - Jugendberatung der AWO Düsseldorf und wird vom Land NRW gefördert. Schwerpunkt unseres Projektes ist die kreative Medienarbeit in einer Gruppe mit Jugendlichen unterschiedlicher Nationalitäten unter dem besonderen Aspekt der Förderung interkultureller Verständigung. Auf der Website gibt es ausführliche Infos zum Projekt, die Ergebnisse unserer Gruppenarbeit und zahlreiche Mitmach-Angebote für BesucherInnen aus dem Web. Bei den meisten dieser Internetprojekte werden die vielfältigen Möglichkeiten der heutigen Internet-Kommunikation wie Mailing Listen, Foren, Chat und eigene Websites, aktiv genutzt.  

Ich vermag nicht, diese Angebote und ihre konkrete Auswirkung fachkundig zu beurteilen, aber mir scheint, dass gerade in einem Bereich in dem das face-to-face Medium auf den ersten Blick als conditio sine qua non gilt, vielfältige Formen der interface-Kommunikation sich entwickeln, deren genauer Auswertung noch bevorsteht. Fest steht aber, wie mir scheint, die Tatsache, dass wir einerseits in einer medialen Kultur leben, in der face-to-face und interface nicht gleichwertig aber wohl gleichberechtigt als alltägliche Formen des Miteinderseins auftreten. Die raum-zeitliche Delokation d.h. die Enträumlichung und Entzeitlichung, die durch die technischen Informations- und Kommunikationsmedien möglich wird, stellt viele der bisherigen Erfahrungen und Kriterien einer authentischen Begegnung in Frage. Gleichwohl scheint mir offensichtlich, dass die neuen Technologien und allen voran das Internet mit den Möglichkeiten der Interaktion und der Bildung von eigenständigen Gemeinschaften, jenseits also der hierarchischen Massenverteilung von Botschaften durch die Massenmedien, neuartige Formen sowohl für die "einspringende" als auch die "befreiende" Fürsorge bieten. Es ist noch nicht ausgemacht, wie diese Formen sich konkret auswirken und wie sie sich mit dem klassischen Medium face-to-face vernetzen. Meine eigenen Erfahrungen in Lehre und Forschung stimmen mich aber optimistisch, trotz der unübersehbaren Risiken der Manipulation, Fälschung, vorsätzlicher und/oder ungewollten Datenmißbrauchs, Verlust der Privatsphäre, usw. 
 

AUSBLICK

Ich möchte am Schluß nicht unerwähnt lassen, dass in einem Bereich, in dem Beratung Chefsache ist, nämlich in der Wirtschaft, die Führungskräfte, trotz des Booms der Informationstechnologien, mehr als sechs Stunden am Tag mit face-to-face Gesprächen verbringen (Picot/Reichwald/Wigand 2001: 116). Die Schaffung von Vertrauen im interface, sei es innerhalb eines Unternehmens, sei es zwischen dem Unternehmen und seinen Kunden, ist das Kernproblem der e-economy. Das gilt auch, mutatis mutandis, für den Bereich des Politischen, wo das Phantom der Überwachungsgesellschaft als die Kehrseite einer elektronischen Demokratie erscheint, sozusagen eine Parodie jener idealen herrschaftsfreien Kommunikationsgemeinschaft, die weitgehend am Modell der face-to-face Kommunikation gedacht wurde.  
Was sich sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik abzeichnet, sind die Auswirkungen einer grundlegenden Veränderung des kulturellen Codes auf globaler Ebene. Wir haben, traditionell gesprochen, mit einer Veränderung des Menschenbildes zu tun, zu dessen Kern die digitale Vernetzung gehört. Wir sind dabei, nicht nur Raum und Zeit, sondern auch Geschichte und Freiheit, Gesellschaft und Individuum, Gesundheit und Krankheit, Kultur und Natur, Kunst und Religion, Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Philosophie, im Horizont der digitalen Technik neu zu denken. Ich spreche in diesem Zusammenhang von einer digitalen Ontologie, d.h. von einem Gesamtentwurf des Verhältnisses des Menschen zur Welt am Leitfaden der digitalen Weltvernetzung (Capurro 2002). Dabei ersetzt die Netz-Metapher die Leitmetapher der Neuzeit, nämlich den Motor. Ein solcher Perspektivenwechsel geht nicht ohne Unsicherheit oder, positiv ausgedrückt, Experimentierfreude vor sich. Das gilt auch für viele liebgewordene Vorstellungen und Denkformeln, die teilweise zu einem leeren Gehäuse geworden sind. Die Suche nach gangbaren Wegen für die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen am Leitfaden des interface in der Kultur des 21. Jahrhunderts hat erst begonnen. Wir wollen uns aber auf keinem Fall die Freude am face-to-face nehmen lassen. Sie wird umso kostbarer -  auch und gerade für die sozialpädagogische Beratung.

 

 
   
 
LITERATUR

Boss, M. (1975): Grundriss der Medizin und der Psychologie. Bern 

Boss, M. (1977): Zollikoner Seminare. In: G. Neske, Hrsg.: Erinnerung an Martin Heidegger. Pfullingen, 31-51. 

Capurro, R. (1991): Sprengsätze. Hinweise zu E. Lévinas "Totalität und Unendlichkeit". In: prima philosophia, 4. Jg., 2, 129-148 

Capurro, R. (2001): Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit 

Capurro, R. (2002): Operari Sequitur Esse. Zur existenzial-ontologischen Begründung der Netzethik. In: Th. Hausmanninger, R. Capurro, Hrsg.: Netzethik (i.Dr.) 

Heidegger, M. (1976): Sein und Zeit. Tübingen. 

Honneth, A. (1992): Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt a. M. 

Lévinas, E. (1987): Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Freiburg/München (orig. Totalité et Infini. Essai sur l´extériorité, La Haye 1961) 

Mührel, E. (1997): Zum Problem der Anerkennung und Verantwortung bei Emmanuel Lévinas. Essen. 

Picot, A., Reichwald, R., Wigand, R.T. (2001): Die grenzenlose Unternehmung. Wiesbaden.
 

Sozialpädagogische Websites
Das Soziale Internet-Portal 
Sozialarbeitswissenschaften 
Treffpunkt Sozialarbeit 
 
Letzte Änderung: 1. Januar  2016

 
 
    

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