MENSCHENGERECHTE INFORMATION 

ODER

INFORMATIONSGERECHTER MENSCH?

 
Rafael Capurro
  
 
 
    

Beitrag zum 22. Oberhofer Kolloquium 2002: Wege zum Wissen - die menschengerechte Information, Gotha, 26.-28. September 2002. Veranstalter: VDI Arbeitskreis Information Magdeburg, DGI Komitee Praxis der Inhouse Informationsvermittlung (KPI), Technische Universität Ilmenau, Leibniz-Institut für Neurobiologie (Magdeburg), Universität Erfurt: Forschungsbibliothek Gotha. Erschien in: Bernd Markscheffel, Hrsg.: Wege zum Wissen - Die menschengerechte Information. Proceedings des 22. Kolloquiums über Information und Dokumentation 26.-28.09.2002 Gotha, Thüringen
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Kurzfassung 

Der Beitrag befaßt sich mit der Kontroverse zwischen Naturalisten und Kulturalisten in bezug auf die Deutung des Informationsbegriffs. Diese Kontroverse, die sich schon beinah ein Jahrhundert erstreckt, hat ihren Ursprung im sog. "Capurrosche Trilemma" (Fleissner und Hofkirchner), d.h. in der Frage, ob mit dem Begriff Information in allen Bereichen dasselbe, oder nur etwas ähnliches, oder jeweils etwas ganz anderes bezeichnet wird. Mit Bezug auf die Diskussion zwischen Peter Janich und Günther Ropohl wird hier eine netzwerkartige Lösung dieses Trilemmas vorgeschlagen.

 
 
    

Inhalt 

Einleitung
I. Der kulturalistische Ansatz und seine Kritiker
 
II. Das "Capurrosche Trilemma"

Literatur
 


 
 
    

 
Einleitung

Der Titel dieses Vortrags weist auf eine Kontroverse, die sich schon beinah ein Jahrhundert erstreckt, hin. Sie wurde durch die Deutung des Informationsbegriffs im Kontext der Nachrichtentechnik durch R.V.L. Hartley (1928) sowie insbesondere durch die von Claude Shannon entwickelte "A Mathematical Theory of Communication" (1948) entfacht. Die Wirtschaftswissenschaftler Fritz Machlup und Una Mansfield gaben 1983 einen Band heraus mit dem Titel: "The Study of Information. Multidisciplinary Messages" (Machlup und Mansfield 1983). Für Machlup gehört der Informationsbegriff in den Kontext menschlicher Kommunikation. Sein Gebrauch durch die sog. Informationstheorie ist irreführend (Machlup 1983, S. 661). Im Jahre 1996 erschien ein von Klaus Kornwachs und Konstantin Jacoby herausgegebener Band: "Information. New Questions to a Multidisciplinary Concept" (Kornwachs/Jacoby 1996), in dem die Breite der Anwendungskontexte des Informationsbegriffs abermals sichtbar wurde. Die vor allem aus naturwissenschaftlichen Überlegungen stammende Idee einer Einheit der Wissenschaften gaben Anlaß zu mehreren internationalen Konferenzen, die sich mit der Möglichkeit einer einheitlichen Theorie der Information auf der Basis der Evolutionstheorie befaßten (Hofkirchner 1999, Capurro/Fleissner/Hofkirchner 1999).

Im Folgenden soll diese Kontroverse zwischen Naturalisten und Kulturalisten vorgestellt werden. Sie hat ihre Wurzeln im sog. "Capurroschen Trilemma", worauf im zweiten Absatz eingegangen werden soll. Es ist hier nicht beabsichtigt, eine umfassende Darstellung der verschiedenen Prägungen des Informationsbegriffs vorzulegen (Capurro 1978, Capurro und Hjørland 2002).


 I. Der kulturalistische Ansatz und seine Kritiker
 

Peter Janich hat die Naturalisierung des Informationsbegriffs einer eingehenden Kritik unterzogen. Die Naturwissenschaften betrachten Information - so Janich mit Bezug auf das Diktum Norbert Wieners ("Information ist Information, nicht Materie oder Energie") - als etwas, was, analog zu Stoff und Energie, von Maschinen verarbeitet und transportiert werden kann (Janich 1996, 290). Sie gehen also einen Schritt über Shannon und Weaver hinaus, die Information im Kontext menschlicher Kommunikation, wenngleich in einem eingeschränkten Sinne, bestimmten. Naturwissenschaften liefern Kausalerklärungen für natürliche Zustände oder Vorgänge. Janich unterscheidet zwischen Kausalerklärungen und informationstheoretische Beschreibungen. Letztere sind von einer menschlichen Zwecksetzung abhängig und beziehen sich also primär auf künstlich hergestellte Objekte.

Im Falle der vom Menschen künstlich hergestellten Objekte, etwa eines Gemäldes oder eines Taschenrechners, tritt die Dimension eines Zwecks ein, die sich nicht aus einer Kausalbeschreibung - etwa aller Teile einer Taschenrechners oder alle Pigmente eines Ölgemäldes - ableiten läßt, sondern diesen Objekten vorausgeht. Wenn wir also einen Taschenrechner nach seinem Zweck beschreiben, tun wir dies aus der Sicht eines wissenden Konstrukteurs. Diese Sicht nennt Janich eine kognitive oder informationstheoretische Beschreibung (Janich 1996, 294).

Es liegt nahe, dieses technische Modell auf die naturwissenschaftlichen Vorgänge zu übertragen. Damit hätten wir zwar kausale Vorgänge in eine informationstheoretische Terminologie übertragen, es bliebe aber fraglich, ob wir bei solchen Erklärungen, nicht das voraussetzen, was eigentlich im Falle der Natur erst später zustande gekommen ist. Denn, so Janich, die Atome oder Moleküle sind nicht im gleichen Sinne Teile eines Organismus wie das bei einer künstlichen Maschine der Fall ist, bei der die Idee ihrer Zusammensetzung eben diesen Teilen oder Komponenten vorausgeht. Den Unterschied zwischen einer kausalen Erklärung und einer informationstheoretischen Beschreibung erklärt Janich am Beispiel der Rechenmaschine, die zwar nach kausalen Gesetzen richtig arbeiten kann, die gelieferten Ergebnisse aber wahr oder falsch sein können.  

Es kann zwar sinnvoll sein, Tiere und Menschen wie Maschinen mit Bezug auf bestimmte Zwecke zu interpretieren. Es läßt sich aber dabei keine Ableitung des zu Erklärenden (des Explanandum) auf der Basis des ihm vorausgehenden (des Explanans) herstellen. Informationstheoretische Erklärungen sind nur mit Bezug auf Sprache und zweckgerichtetes Handeln möglich (Janich 1996, 297-298). Es ist auch nichts an Erkenntnis gewonnen wenn wir zum Beispiel sagen, dass ein Gefäß eine Flüssigkeit "informiert". Denn eine solche Redeweise bedeutet entweder nur eine Verdoppelung dessen, was wir kausal beschreiben können oder sie setzt voraus, dass wir zunächst eine informationstheoretische Beschreibung leisten, womit wir dann den Vorgang interpretieren. Es gibt also, so Janich, keinen Naturgegenstand "Information", sondern die Frage ist, "auf welche menschlichen Handlungen und damit auf welche Handlungsverben oder auch Adjektiva" Information zurückzuführen ist (Janich 1996, 300).

Für Janich gehört somit Information zum Kontext der menschlichen Praxis des Redens, Zuhörens und Verstehens. Informieren ist ein Prädikat menschlicher Handlungen: "A informiert B, daß s" bedeutet nach Janich, dass ein menschlicher Sprecher A einem menschlichen Zuhörer B den sprachlichen Ausdruck s äußert. Der sprachliche Ausdruck s kann wiederum, im Falle einer Behauptung, eine Aussage, die einen Sachverhalt darstellt, sein, im Falle einer Aufforderung ein Aufforderungssatz usw.:

"Informieren bringt eine klare Rollenverteilung von Sprecher und Hörer zum Ausdruck. Wenn technische Hilfsmittel für Kommunikation ins Spiel kommen - etwa zur Überbrückung von Raum oder Zeit -, sprechen wir (wie bei einer Korrespondenz) von Sender und Empfänger. Schon die Verschriftlichung des gesprochenen Wortes ist ein solches technisches Hilfsmittel des Kommunizierens, an dem Anforderungen an die technische Substitution des gesprochenen Wortes erläutert werden können: das geschriebene Wort muß leistungsgleich mit dem gesprochenen Wort sein -wenigstens in einer besonderen Hinsicht. (Daß mit technischen Substitutionen auch immer etwas an der menschlichen Kommunikation verlorengeht, muß dabei nicht vergessen werden.)" (Janich 1996, 301)
Information ist für Janich immer auf Informationshandlungen bezogen. Eine solche Informationshandlung liegt zum Beispiel vor, wenn jemand nach dem Weg zum Bahnhof fragt. Frage und Antwort, Sprecher und Hörer, sind Rollen, die bei einer Informationshandlung gewechselt werden. Sie können auch durch technische Mittel - z.B. einen Automaten - in bestimmter Hinsicht substituiert werden. "Information an sich" ist lediglich eine Abstraktion. Es gibt keine konkreten Gegenstände auf die sich "Information" direkt bezieht, sondern mit Information meinen wir etwas Abstraktes, das bei allen Informationshandlungen invariant bleibt.  

Für den Wissenschaftstheoretiker Erhard Oeser hat Information den Charakter eines "Metaprädikats", d.h. Information ist keine Eigenschaft von Objekten, sondern eine Eigenschaft von Eigenschaften, zum Beispiel bestimmter Signale. Wir sprechen von Information in ähnlicher Weise wie bei den natürlichen Zahlen, die als Abstraktionsklassen äquivalenter Mengen interpretiert werden (Oeser 1976, Bd. 2, 11). Für Janich sind diese Mengen immer menschliche Informationshandlungen, d.h. "die Praxis des Redens, Zuhörens und Verstehens, des Austausches von Nachrichten, des Kommunizierens." (Janich 1996, 300)

Nach Janich lassen sich dann, ausgehend vom menschlichen Handlungs- bezug, Anwendungen des Informationsbegriffs auf künstliche Gegen- stände, im Sinne einer Substitution menschlicher Rede denken, wie am Beispiel des Taschenrechners ersichtlich. Auch eine Anwendung in der Biologie ist möglich, etwa wenn tierisches Verhalten nach Analogie menschlicher Kommunikation verstanden wird. Allerdings sind solche Anwendungen für Janich immer metaphorisch. Sie sind dann sinnlos, wenn sie Kausalerklärungen lediglich verdoppeln. 

Janich knüpft an die alltägliche Bedeutung von Information,  

"wo es entscheidend auf Verständnis und Geltung ankommt: Wer sich etwa bei der Auskunft der Bahn über Zugverbindungen "informiert", erwartet als selbstverständlich, dass die gegebene "Information" zutrifft, d.h. eindeutig versteh- bar und gültig ist. "Nicht richtig informiert" zu sein, gilt als schwere Beeinträchtigung der eigenen Handlungs- möglichkeiten und ist unstrittig ein Orientierungsdefizit." (Janich 1998, 169) 
Janich nennt zwei historische Wurzeln des Informationsbegriffs, nämlich die Herkunft aus dem Lateinischen informatio/informare, sowohl im Sinne des Formens eines Stoffes als auch im Sinne von Unterrichten oder Darstellen (Capurro 1978), und die nachrichtentechnische von Shannon und Weaver geprägte Bedeutung. Letztere brachte nicht nur eine Technisierung, sondern zugleich eine Naturalisierung des Informationsbegriffs zustande. Der Vorgang der technischen Nachrichtenübertragung wurde auf physikalische, chemische und biologische Systeme und letztlich unter einer evolutionären Sichtweise auch auf den Menschen selbst ausgeweitet.

Dieser Naturalisierung des Informationsbegriffs stellt Janich seine "kulturalistische" Kritik entgegen, wonach Information ursprünglich auf den Bereich menschlicher Handlungen in Zusammenhang mit der Aufstellung von Mitteln und Zwecken zu tun hat. So rechnet eigentlich die Rechenmaschine nicht, sondern sie rechnet nur aus der Sicht des Benutzers, sofern sich diese Sicht von der eines Ingenieurs unterscheidet, der das Gerät baut oder repariert und dieses dabei unter einem physikalischen oder mechanischen Gesichtspunkt betrachtet. Diese zwei Beschreibungsebenen, nämlich die des rechnenden Benutzers und die des reparierenden Technikers, sind nicht aufeinander reduzierbar. Die Geltung eines Rechnerergebnisses wird nicht auf die Maschine, sondern auf den Konstrukteur bezogen. Ähnliches gilt für natürliche Organe, wie im Falle unseres Gehirns, wenn dieses nach dem Modell technischer Systeme betrachtet wird. Und schließlich auch für die Genetik ("Erbinformation"). Janich wörtlich:

"Die Anwendung informationsbegrifflicher Sprechweise auf den Modellbaukasten molekularer Genetik ist eine Analogie- bildung", in der eine Semantik hineinprojiziert wird, die eigentlich nur dem menschlichen Handeln eigen ist (Janich 1998, 177). 
Im Mittelpunkt von Janichs kulturalistischer Auffassung von Information steht das Auffordern gegenüber dem Behaupten:  
"Grundlegend für gelingende Aufforderungspraxen ist jedoch, daß durch sie eine für die beteiligten Personen gelingende Verbindung der (sprachlichen) Handlung des Aufforderns und der (gegebenenfalls nicht-sprachlichen) Handlung des Befol- gens stattfindet." (Janich 1998, 178) 
Janich kommt es insbesondere auf die mögliche Standardisierung von Aufforderungen an:  
"Lebenspraktisch spielen in Aufforderungsdialogen häufig bestimmte Invarianzen eine prominente Rolle: Sprecher-, Hörer - und Darstellungsinvarianz. Das heißt, für bestimmte in Aufforderungen erfragte Auskünfte soll es keine Rolle spielen, wer die Auskunft (Sprecher) erteilt, an wen sie geht (Hörer) und mit welchen Worten sie mitgeteilt wird - wie im genannten Beispiel der Fahrplanauskunft selbstverständlich der Fall: Jeder Reisende darf erwarten, am Schalter eine richtige Auskunft zu erhalten; jede Auskunft gebende Person soll gleichermaßen verständliche und gültige Auskünfte geben, und schließlich soll es nicht darauf ankommen, mit genau welchen Worten, in welcher Tonlage, welchem Dialekt usw. die Auskunft gegeben wird, sondern es soll schließlich auf die gelingende Kooperation ankommen". (Janich 1998, 179). 
Information ist an sprachliche Mitteilungen gebunden. Ferner handelt es sich um Mitteilungen, bei denen es auf ein kommunikatives und kooperatives Gelingen ankommt und zwar als Antwort auf eine Aufforderung. Schließlich soll es sich um Mitteilungen, die invariant gegenüber Sprecher, Hörer und Darstellung sind. Dies ist die Grundlage für ihre mögliche technische Substitution. Die jeweiligen Artefakte sind entweder Adressaten oder Urheber von Aufforderungen. Diese metaphorische Zuschreibung gilt auch für das Auffordern nicht-symbolischer Maschinen, wie etwa das Bedienen eines Autos. Eine Anthropomorphisierung oder Vermenschlichung der Maschine ist dabei unvermeidbar, vor allem wenn die Mensch-Maschine Aufforderungs- verhältnisse in beiden Richtungen stattfinden. Das Kriterium für ein ge- oder mißlingendes Aufforderungsverhältnis bleibt die zwischen- menschliche Kommunikation und Kooperation. Die Standardisierung eines solchen Verhältnisses und ihre maschinelle Substitution ermöglichen aber, dass die von Shannon und Weaver aufgestellte Definition von Information im eingeschränkten Sinne angewandt werden kann. 

Der kulturalistische Ansatz von Peter Janich wurde Gegenstand zum Teil heftiger Kritik, die in zwei Sonderheften der Zeitschrift "Ethik und Sozialwissenschaften" (1998, 2001) ausgetragen wurde. Diese Kritik bezieht sich vor allem auf Janichs Auffassung, den Informationsbegriff ursprünglich im zwischenmenschlichen Bereich anzusiedeln und die weiteren Anwendungskontexte lediglich im metaphorischen Sinne zuzulassen. Die Meinungen schwanken zwischen einem extremen Kulturalismus und einem extremen Naturalismus. Für den Philosophen Andreas Bartels zum Beispiel  

"gibt es gute Gründe, auch biologischen Systemen weit unter der Schwelle des Auftretens von Bewußtsein Zielgerichtetheit zuzusprechen: Biologische Mechanismen sind im Evolutionsprozeß gerade im Hinblick darauf ausgelesen worden, daß diese Mechanismen Resultate hervorbringen, deren Realisierung in der Wechselwirkung mit einer spezifischen Umgebung Vorteile gegenüber Varianten geboten hat. (...) Wie sollte das Auftreten entwickelter bewußter Formen von Informationsverarbeitung verstanden werden, wenn nicht als Ergebnis einer Entwicklung aus nicht-bewußten Vorläufen?" (Bartels 1998, 184) 
Der Informatiker Klaus Fuchs-Kittowski und der Biologe Hans Rosenthal verteidigen ein evolutionäres Konzept von Information. Dessen Grundgedanke besagt:  
"eine biologische Struktur entsteht auf der Basis spezifischer (genetischer) Information und ermöglicht funktionelle Aktivitäten, die letztlich die Erhaltung und Reproduktion dieser Information bewirken." (Fuchs-Kittowski/Rosenthal 1998, 201). 
Auch der Informatiker Klaus Haefner vertritt eine gegenüber Janich geradezu entgegengesetzte Auffassung, nämlich:  
"Eine Informationstheorie und damit der Begriff der Information müssen invariant sein gegenüber der betrachteten Ebene, da diese aufeinander aufbauen und ineinander verzahnt sind! D.h. konkret, daß Information und Informationsverarbeitung sowohl auf der physikalischen als auch auf der chemischen, der genetischen, der neuronalen, der sozialen, der technischen sowie der soziotechnischen Ebene angebbar sein müssen." (Haefner 1998, 212).
Der Technikphilosoph Klaus Kornwachs zieht folgendes Fazit:  
"Zwar ist Janich zuzustimmen, wenn er - in brillanter Diskussion der Beispiele - es für Unfug hält, aus der materiellen Struktur informationsverarbeitender Systeme den Bedeutungsgehalt der darin wirkenden Information ermitteln zu wollen (...) Gleichwohl löst auch Janich das Problem nicht, wie die verschiedenen Beschreibungsebenen, die weder logisch noch kausal aufeinander reduziert werden können, befriedigend vermittelt werden können." (Kornwachs 1998, 222) 
Der Informatiker Wolfgang Hesse stimmt wiederum den Kernthesen Janichs im wesentlich zu. Er schreibt:  
"Das Prädikat einer wahren "Informationsgesellschaft" hätte eine menschliche Gemeinschaft erst dann verdient, wenn sie ihre Mitglieder (oder wenigstens deren Mehrheit) in die Lage versetzte, aus der Datenflut das für das eigene Überleben und das der Nachkommenschaft Wesentliche herauszufiltern und die daraus notwendigen Konsequenzen für das alltägliche Handeln zu ziehen." (Hesse 1998, 214) 
Ich lasse hier die Frage offen, inwiefern mit dem Informationsbegriff tatsächlich das Phänomen eines nicht-deterministischen Kausalitäts- vorgangs angesprochen werden kann (Capurro, Fleissner und  Hofkirchner 1999).


II. Das "Capurrosche Trilemma"
 

Günter Ropohl hat versucht, diesen Streit zu schlichten (Ropohl 2001). Er schlägt vor, die vielfache Verwendung von Information weder äquivok noch univok, sondern analog zu verstehen, womit wir beim sog. "Capurroschen Trilemma" wären. Der Informatiker Peter Fleissner und der Sozialwissenschaftler Wolfgang Hofkirchner haben in einem Beitrag mit dem Titel "Informatio Revisited. Wider den dinglichen Informationsbegriff" (Fleissner/Hofkirchner 1995) dieses Trilemma folgendermaßen dargestellt:

    "Zwar ist sicher, daß der Begriff "Information" fast universell benutzt wird, nämlich in einer großen Zahl spezieller Disziplinen, außerdem im Alltag und in unterschiedlichen Kontexten. Das sagt aber nur wenig darüber aus, wie er in den verschiedenen Bereichen verstanden wird. Nach Capurro gibt es da nur drei Möglichkeiten: Der Informationsbegriff bedeutet in allen Bereichen 
    • entweder genau dasselbe 
    • oder nur etwas ähnliches 
    • oder jeweils etwas ganz anderes.
    Betrachten wir die erste Möglichkeit: Wären die in den verschiedenen Wissenschaften gebräuchlichen Informationsbegriffe synonym, dann müßte das, was Information genannt wird, etwa auf die Welt der Steine (Physik) im selben Sinn zutreffen wie auf die Welt der Menschen (Psychologie etc.). Dagegen sprechen aber gute Gründe, die qualitativen Unterschiede zwischen diesen Welten ins Treffen führen. Diese Möglichkeit scheidet damit aus.
Die zweite Möglichkeit: Nehmen wir an, die Begriffe seien analog. Welcher der verschiedenen Informationsbegriffe sollte dann das primum analogatum, den Vergleichsmaßstab für die übrigen, und mit welcher Begründung abgeben? Wäre es z.B. der Informationsbegriff einer Wissenschaft vom Menschen, müßten wir in Kauf nehmen, zu anthropomorphisieren, wenn wir nicht-menschliche Phänomene behandeln wollen, d.h. fälschlicherweise Begriffsinhalte von einem Bereich - hier dem menschlichen - auf einen anderen zu übertragen, wo sie nicht passen. Etwa behaupten zu müssen, daß die Atome miteinander reden, wenn sie sich zu Molekülen verbinden usw. Wäre es z.B. ein physikalischer Informationsbegriff, von dem wir ausgehen wollten, handelten wir uns eine physikalistische Reduktion des biologischen oder sozial-kulturellen Informationsgeschehens ein, d.h. die falsche, weil nicht der Komplexität der Gegenstandsbereiche Rechnung tragende Behauptung, was in der Biologie oder in der Kultur informationell abläuft, sei nicht anders, als was im physikalischen Bereich und mit physikalischen Methoden analysiert werden kann. In jedem Falle eine Konsequenz, die zu verwerfen ist. Aus diesem Grund kommt auch diese Möglichkeit nicht in Betracht.
  Bleibt noch die dritte Möglichkeit: Wenn die Begriffe äquivok wären, also gleichlautende Worte für unvergleichbare Designate - wie stände es da um die Wissenschaft? Sie gliche dem Turmbau zu Babel, die Fächer könnten nicht miteinander kommunizieren, so wie Kuhn das auch von einander ablösenden Paradigmen annimmt, die Erkenntnisobjekte wären disparat, wenn überhaupt abgrenzbar. Also ist auch die letzte Möglichkeit unbefriedigend.

Dies ist das Capurrosche Trilemma. Wir müßten annehmen, daß der Wissenschaft nichts anders übrigbleibt, als entweder an der Suche nach einer Weltformel zu scheitern oder mit der subjektiven Beliebigkeit der Projektionen zwischen den unterschiedlichsten Gebieten jeden allgemeingültigen Anspruch aufzugeben oder im Fachidiotentum dahin zu vegetieren. Ein Ausweg aus dem Trilemma scheint nicht zu existieren, ein einheitlicher, vereinheitlichter, einziger Informationsbegriff aus logischen Gründen unmöglich." (Fleissner und Hofkirchner 1995, 126-127)
Als Lösung dieses Trilemmas schlagen Fleissner und Hofkirchner das Paradigma der Selbstorganisation vor. Ein einheitlicher Informations- begriff, der Allgemeines und Einzelnes miteinander vermittelt, soll dem evolutionären Informationsgeschehen Rechnung tragen. So zeichnet sich zum Beispiel dieses Informationsgeschehen auf der Ebene sozialer Systeme durch eine hohe Anzahl von Freiheitsgraden aus, während dies bei biotischen Systemen nicht der Fall ist. Auch auf der Ebene physikalischer Systeme treten Phänomene der selbstorganisierten Struktur- bildung auf, die ebenfalls durch Freiheitsgrade gekennzeichnet sind bzw. die nicht vollständig durch ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis beschreibbar sind. Information hat also mit Selbstorganisation zu tun. Diese Bedeutung steckte schon im Lateinischen Gebrauch von informatio / informo, sofern die Tätigkeit des Formens nicht nur eine menschliche (oder göttliche), sondern auch eine durch die Natur selbst vollzogene war: "eine Vorwegnahme der heutigen Auffassung von der Selbstorganisation der Materie! Und die Formen kennzeichneten damals Qualitätsunterschiede, also das Informieren einen Prozeß, im Resultat dessen etwas Neues entstand! In-Formation: das selbstorganisierte Sich-in-Form-bringen gleich welchen Systems - das ist der Begriffsinhalt, der an die alte Bedeutung anknüpft und sie im Lichte jüngste Forschungen neu interpretiert. Das ist genau der Inhalt, der verspricht, eine Vielzahl dessen, was mit den unterschiedlichsten Informationsauffassungen gemeint ist, zu vereinigen! Versuchen wir es!" (Fleissner und Hofkirchner 1995, 131) Janich vertritt die zweite Möglichkeit des Trilemmas, nämlich die der Analogie. Er gibt dem menschlichen Informationsbegriff den Vorzug und betrachtet die anderen Anwendungen als metaphorisch. Im Falle von aufeinander nicht reduzierbaren Anwendungskontexten ist er auch bereit, mit Äquivokationen d.h. also mit "völlig verschiedenen Bedeutungen" zu rechnen. Er schreibt:
"Das Trilemma verliert ja seine Brisanz, wenn tatsächliche Sprachgebräuche so verstanden werden, daß sie sich auf bestimmte Kontexte beziehen, die (aus Bequemlichkeitsgründen, aber oft auch aus Gründen tatsächlicher Unmißverständlichkeit) nicht ausdrücklich genannt werden. Dazu ein Vergleich: Es stört doch nicht wirklich, daß z.B. das Wort "Masse" für den klassischen Physiker, den Soziologen und den Elektrotechniker völlig verschiedene Bedeutungen hat. Bei drohenden Konflikten oder Trilemmata nenne man einfach den Kontext hinzu, um Mißverständnisse zu vermeiden. Die Schwierigkeiten beim Wort "Information" sind aber wohl mehr denjenigen zu vergleichen, die jemand hat, wenn er z.B. für die klassische Mechanik die dort übliche Verwendung des Wortes "Masse" als eines Fachterminus explizit angeben möchte: Die Physikbücher schweigen. Die Newtonsche Formulierung ist genauso wie moderne axiomatische entweder definitorisch zirkulär oder operativ lückenhaft. Dies hat sich in der Entwicklung von der klassischen zur relativistischen Physik als außerordentlich störend und problematisch erweisen" (Janich 1998, 258-259)  Auch Ropohl möchte auf der einen Seite "die breit gestreute Verwendung" des Informationsbegriffs rechtfertigen, ohne aber auf einen "präzisen Kern" zu verzichten (Ropohl 2001, S. 6). Er sucht ein tertium comparationis und findet es in einem "Modellbegriff", der sich aufgrund von "bestimmten Analogien zwischen menschlichen, technischen und natürlichen Austauschphänomenen" herausgebildet hat. Es ist nämlich, so Ropohl, die syntaktische Dimension, die den semantischen und pragmatischen Prozessen der Zeichenübertragung zugrunde liegt. Bei biologischen Prozessen greift aber der semiotische Zeichenbegriff zu kurz, so dass anstelle von "Zeichen" das Wort "Element" benutzt werden sollte. Information heißt dann soviel wie Struktur oder Ordnung: "Ob das Wort 'Information', selbstverständlich allein im syntaktischen Sinn, geeignet ist, halte ich für erwägungsoffen." (Ropohl 2001, 10).

Mit dieser Frage hat sich beinahe ein Leben lang Carl-Friedrich von Weizsäcker auseinandergesetzt. Im Hinblick auf die Alternative: menschengerechte Information oder informationsgerechter Mensch? - die auch lauten kann: Janich oder Ropohl? -  behauptet von Weizsäcker: "Information ist nur, was verstanden wird", und "Information ist nur, was Information erzeugt" (Weizsäcker 1974, 351-352). Mit anderen Worten, Information meint auf der einen Seite, die gewußte Form und auf der anderen Seite "objektivierte Semantik". Im Gegensatz zu Ropohl geht Weizsäcker von einer ursprünglichen Einheit von Erkenntnis und Erkanntem aus. Weil wir uns aber in einem unvollendeten evolutionären Prozeß bewegen und keinen archimedischen Punkt außerhalb dieses Prozesses einnehmen können, erreichen wir "niemals völlig scharfe Begriffe" (Weizsäcker 1992, 344). Hier liegt auch der Grund für meine Skepsis gegenüber einer dialektischen Deutung der Evolution auf der Grundlage eines sich qualitativ verändernden Informationsbegriffs, wie es Fleissner und Hofkirchner (Fleissner und Hofkirchner 1995, Hofkirchner 1999) vorschlagen.

Ich neige zu einer netzwerkartigen Lösung des Trilemmas, die dem nahe steht, was Wittgenstein "Sprachspiele" nennt (Capurro 1998, Capurro 2000). Ich stimme mit Janich überein, dass Begriffe nach ihren jeweiligen Gebrauchskontexten definiert werden können und, wenn es sich um wissenschaftliche Fachtermini handelt, auch sollten. Aufgrund der Komplexität der Realität und der Vielfalt der Perspektiven, die wir einnehmen können, glaube ich, dass die evolutionäre Lösung zwar eine Sicht darstellt, dass sie aber eine Einheit postuliert, die letztlich nur von einem außerweltlichen Beobachter eingenommen werden kann.

Ferner bin ich der Meinung, dass die "Familienähnlichkeit" (Wittgenstein) zwischen dem Gebrauch eines Terminus in unterschiedlichen Situationen und für unterschiedliche Zwecke auch das wissenschaftliche Denken durch immer neu entstehende Metaphern und Metonymien beflügeln - aber natürlich auch irreführen - kann. Der Übergang vom Paradigma der Linearität zu dem des Hypertextes bietet einen Ausweg aus dem Trilemma, der weder eine Reduktion noch einen Ausschluß impliziert. Was für den Informationsbegriff gilt, gilt um so mehr für die Frage: Was ist der Mensch?

Eine Naturalisierung oder Technisierung des Informationsbegriffs bedeutet nicht notwendigerweise eine Dehumanisierung, sofern nämlich diese Debatte uns dazu hilft, die Unterschiede zwischen den jeweiligen mit Information bezeichneten Phänomenen nicht zu verwischen. Die Lösung des "Capurroschen Trilemmas" besteht in seiner Wahrnehmung. Eine solche unterscheidende Wahrnehmung ist selbst ein Informations- d.h. Selektionsvorgang (Capurro und Hjørland 2002).

Eine kulturalistische Informationstheorie im Sinne Janichs läßt sich als Teil einer allgemeinen Theorie der Botschaft oder Angeletik auffassen (Capurro 2002). Deren Motto ist die Umkehrung des Diktums McLuhans: "Die Botschaft ist das Medium" (Nadin 1999).


Literatur

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Letzte Änderung - Last update: 8. Juni 2012
 
 
 
    

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