EINFÜHRUNG IN DEN INFORMATIONSBEGRIFF

Rafael Capurro  
 
 
 
 

Rückblick und Ausblick


Der Wirtschaft stellt die Frage nach dem Nutzen von Information  in den Mittelpunkt. Information soll so gemanaged werden, daß sie den Zwecken eines Unternehmens dient. Grundlegend für die Informationswirtschaft ist die auch in der Informationswissenschaft getroffene Unterscheidung zwischen Daten, Information und Wissen. Diese theoretische Unterscheidung hat einen handfesten praktischen Sinn, nämlich die verschiedenen Abteilungen eines Unternehmens, wo Daten, Informationen und Wissen "verarbeitet" werden miteinander in Verbindung zu setzen. Unternehmensentscheidungen sind wesentlich von Wissen über die jeweiligen Sachverhalte abhängig. Aber, darüber hinaus, ist das Wissen eines Unternehmens - sowohl das Wissen "in den einzelnen Köpfen" der Mitarbeiter als auch das "kollektive Wissen" - ein intellektuelles Kapital ersten Ranges. Nonaka und Takeuchi machen auf den Prozeß der Wissensschaffung im Unternehmen aufmerksam, indem sie dem impliziten Wissen  eine zentrale Rolle in der kreativen unternehmerischen Wissensspirale beimessen.   
Davenport und Prusak zeigen, wie verschiedene Formen von Informations- und Wissensmanagement in Unternehmen stattfinden können. Probst et al. heben sowohl den Unterschied als auch die Kontinuität zwischen Daten, Informationen und Wissen im Sinne eines stetigen Strukturierungs- und Vernetzungsprozesses hervor. Sie unterstreichen den abstrakten oder situationsunabhängigeren Charakter von Information gegenüber Wissen, indem sie Wissen auf den individuellen und "kollektiven" Einsatz beziehen.   

Die Informationswissenschaft (information science) entstand Mitte dieses Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Informationsexplosion vor allem in den Naturwissenschaften, die zugleich eine Dokumentenexplosion war. Sie war eng mit der traditionellen Bibliothekswissenschaft verbunden. Sie richtete aber das Augenmerk weniger auf die Informationsträger und auf ihre Ordnung und Vermittlung, als vielmehr auf die Inhalte selbst. So wurde die Frage nach dem intellektuellen Zugang zur Information zu ihrer Kernfrage. Mit der Erfindung des Computers fand eine umwälzende Entwicklung statt. Die bisher in Form von Bibliographien und Referateorganen verarbeiteten Informationen d.h. Surrogate von Originaldokumenten, die mit Hilfe von Klassifikationen, Thesauri und Kurzfassungen (abstracts) erschlossen wurden, standen nunmehr als Online-Datenbanken zur Verfügung. Im Mittelpunkt des theoretischen und praktischen Interesses stand die Frage nach dem Suchen und Wiederfinden solcher Informationen (information retrieval). Die Weiterentwicklung in der Computeranwendung führte dann zur heutigen Weltvernetzung sowie zu Hypertextmethoden der Wissensdarstellung. Die Frage nach dem intellektuellen Zugang zur Information verschärfte sich.   

Information in der Informationswissenschaft hat eine zweifache Ausrichtung. Sie bezieht sich, einerseits, dem alltagssprachlichen Informationsbegriff folgend, auf die Veränderung der Erkenntnis, sie hat aber auch, andererseits, mit dem Träger oder dem Medium zu tun. Michael Buckland verweist auf diese doppelte Verwendung und betont, daß "Informationsdinge" ("information-as-thing") eine entscheidende Rolle in der Informationswissenschaft spielen. Er stellt aber zugleich fest, daß das für alle Dokumente - und das sind, für Buckland, im Prinzip, alle möglichen physisch-faßbaren Dinge -, die einen informativen Charakter haben, nicht im Sinne einer physikalischen Eigenschaft, sondern nur mit Bezug auf menschliche Erkenntnis - Information als Metaprädikat - ausgesagt werden kann. Kurz, Dinge sind potentiell informativ. Ihre Informativität hängt von der konkreten Situation sowie von ihrem relativ stabilen Evidenzcharakter ab.   

Diese kognitive Sicht von Information, die sich von einer aus der Nachrichtentechnik und Kybernetik herkommende Tradition abhob, wurde durch Ingwersen, in Anschluß an Brookes, Shera, Kochen und Belkin, weiter ausgebaut. Für Peter Ingwersen steht der Wunsch nach Information und somit die kognitiv unbefriedigende Lage des Benutzers ("anomalous state of knowledge") im Vordergrund. Von hier aus stellen sich die Fragen nach der möglichen Darstellung, Organisation und Effektivität von Informationssystemen. Für Ingwersen bedeutet Information eine Veränderung in der Wissensstruktur des Erzeugers und des Empfängers. Der Gebrauch dieses Begriffs im Bereich der maschinellen Datenverarbeitung gilt nur als metaphorisch.   

An diesen Ansatz knüpft der von der Semiotik (Peirce) und Kybernetik 2. Ordnung (v.Förster, Maturana, Varela, Luhmann) herkommende Søren Brier an. Brier kritisiert aber die individualistische Tendenz des bisherigen Kognitivismus und stellt den Informationsbegriff in den Rahmen der triadischen Struktur der Zeichen (Zeichen, Objekt, Interpret). Diese cybersemiotische Sicht, die Brier als einen dynamischen Interpretationsprozeß auffaßt, führt dann zur Modifizierung der von Buckland vorgeschlagenen vier Arten von Information (Information-als-Wissen, Information-als-Prozeß, Information-als-Ding und Informationsverarbeitung). Mit Information-als-Wissen sind jetzt Interpretationsstrukturen gemeint, die aufgrund eines Interpretationsprozesses entstehen. Dokumente ("Informationsdinge") sind potentielle Information und die mechanische Informationsverarbeitung hat lediglich mit Signalverarbeitung zu tun. Brier erläutert die Konsequenzen dieser Sicht etwa für die Auffassung des Indexierungsprozesses oder für die Probleme der Wissensdarstellung.   

Wenn das Problem der Interpretation, wie die kognitivische Sicht und die "Cybersemiotics" betonen, zum Mittelpunkt der Informationswissenschaft und zur entscheidenden Dimension des Informationsbegriffs gehört, dann ist es kaum verwunderlich, daß die aus einer alten Tradition sich berufende Theorie der Interpretation oder Hermeneutik als Rahmen für die Informationswissenschaft in Erwägung gezogen wird. Ausgehend von einer sich aus der Hermeneutik weiterentwickelnden philosophischen Anthropologie, hob ich einige Grundzüge menschlichen Seins hervor, die für eine hermeneutische Auffassung von Information unerläßlich sind. Von Information können wir dann sprechen, wenn wir mit einer menschlichen Gemeinschaft zu tun haben, die ausdrücklich einen Problemhorizont oder ein Fachgebiet teilt, und im Rahmen dieses Vorverständnisses Bedeutungsgehalte durch verschiedene Medien austauscht. Ein solcher Austausch ist also immer schon durch einen Verstehensprozeß bedingt und schließt die Veränderung der praktischen und/oder theoretischen Verstehensstrukturen (Vorverständnisse) ein. Aufgrund des sozialen Charakters eines ausdrücklich "mit-geteilten" oder Mit-anderen-Menschen-geteilten Vorverständnisses haben die Bedeutungsgehalte eine relativ stabile Bedeutung und sind, wie Peter Janich bemerkt, sprecher-, hörer-, und darstellungsinvariant.   

Auf der Grundlage des umgangsprachlichen Gebrauchs von Information im Sinne von Mitteilung oder Unterrichtung, fand die von Claude Shannon und Warren Weaver eingeführte nachrichtentechnische Deutung von Information statt, in welcher die semantischen und pragmatischen Dimensionen ausgeklammert wurden. Im Gegenzug zu dieser Deutung wurde der Informationsbegriff sowohl seitens der Sprachwissenschaft als auch durch die aufkommende Kybernetik vielfältig modifiziert und in unterschiedlichen Bereichen verwendet. Dieser multidisziplinäre Gebrauch gab Anlaß zu der Frage, ob die jeweils gekennzeichneten Sachverhalte - etwa die Zunahme von Organisation auf physikalischer oder auf biologischer Ebene, oder die Selbstorganisation eines Organismus, oder die Veränderung der Erkenntnisstruktur eines Menschen, oder die Veränderung der Selbstreferenz sozialer Systeme - so unterschiedlich sind, daß der Informationsbegriff meistens nur in homonymer, höchstens aber in analogischer Weise gebraucht werden kann.   

Wir sahen, daß zum Beispiel für Peter Janich Information primär in den Kontext zwischenmenschlicher Kommunikation gehört und nur metaphorisch in anderen Bereichen verwendet wird. Die Analyse des Informationsbegriffs in den Naturwissenschaften durch Carl-Friedrich von Weizsäcker brachte die Spannung zwischen subjektiver und objektiver oder, besser, objektivierter Information zum Ausdruck. Als Lösung des sog. "Capurroschen Trilemmas" zeigte sich die Möglichkeit, die Informationsbegriffe miteinander zu vernetzen, um sowohl ihre Unterschiede als auch ihre "Familienähnlichkeiten" (Wittgenstein) zu erhalten.   

Unser Weg endete beim Wort Information. Die auf den ersten Blick verwirrende Vielfalt von Informationsbegriffen ist, was die wissenschaftlichen Bestimmungen anbelangt,  ein Ausdruck lebendigen Denkens, was nichts anders bedeutet, als daß wir Worte in verschiedenen Kontexten und somit  metaphorisch verwenden, wobei wir den einen oder anderen Kontext jeweils den Vorzug geben. Wie sinnvoll oder irreführend solche Verwendungen sind, läßt sich nicht a priori entscheiden. Die exakte Definition eines Begriffs innerhalb eines Fachgebietes wird aber zum Dogma und somit zur Abtötung schöpferischen Denkens, wenn sie sich von den verwandten Bedeutungen abkoppelt und scheinbar isoliert vom Bedeutungsnetz der Sprache, von den Worten also, zu bestehen glaubt.   

In diesem Sinne schreibt der Philosoph Hans-Georg Gadamer:   

"Ohne Begriffe zum Sprechen zu bringen, ohne eine gemeinsame Sprache können wir nicht die Worte finden, die den Anderen erreichen. Der Weg geht vom Wort zum Begriff - aber wir müssen vom Begriff zum Wort gelangen, wenn wir den Anderen erreichen wollen. Nur so gewinnen wir ein vernünftiges Verständnis füreinander. Wir haben nur so die Möglichkeit, uns zurückzustellen, um den Anderen auch gelten zu lassen." (Grondin 1997, S. 110). 
Was ist Information? Information ist ein Wort, genauer gesagt, ein Fremdwort. Unsere Analyse der Wortgeschichte führte uns scheinbar weit weg von den praktischen Belangen eines heutigen Informationsmanagers, nämlich zu den lateinischen und griechischen Wurzeln. Wir lernten dabei, daß Information sich von informatio ableitet und daß dieses Wort in der lateinischen Umgangsprache sowie in verschiedenen fachspezifischen Anwendungen gebraucht wurde. Die Bedeutung eines Wortes, so Wittgenstein, ist sein Gebrauch in der Sprache.   

Wir gingen den alten Verwendungen nach und stellten fest, daß informatio sowohl im ontologischen Sinne von "Formung eines Stoffes" als auch im erkenntnistheoretischen Sinne von "Formung der Erkenntnis" gebraucht wurde. Wir fanden außerdem heraus, daß die in diesem Wort vorhandene Wurzel forma auf bedeutungsschwere und philosophisch sehr einflußreiche griechische Begriffe (eidos, idea, morphé, typos) zurückgeht, die bei Platon und Aristoteles und in Anschluß daran, in der mittelalterlichen Tradition in diesem doppelten Sinne gebraucht wurden. Die Verfolgung  in der Neuzeit zeigte, daß der Verfall der ontologischen Bedeutung,  während die erkenntnistheoretische in die neuzeitlichen Sprachen übergeht. Im Deutschen wird für informatio das Wort Bildung gebraucht, während das Fremdwort Information erst im 20. Jahrhundert üblich wird.   

Diese Analysen haben unter anderem gezeigt, daß Information in Zusammenhang mit verschiedenen Metaphern verwendet wurde und wird. Zu den großen Metaphern des Informations- und Kommunikationsbereichs gehören, so Klaus Klippendorff, folgende:   

  • Die Metapher der Übertragung von Botschaften: Sie war die einflußreichste in der Geschichte der Kommunikation. Der Begriff der Botschaft bewirkte eine Vielzahl technologischer Erfindungen wie zum Beispiel Bibliotheken, Straßennetze, Postwesen, elektronische Mails, Anrufbeantworter. Sie reduziert aber das Kommunikationsproblem auf ein Transportproblem.
  • Die Container-Metapher: Ihr liegt die Unterscheidung von Inhalt und Träger einer Botschaft zugrunde. Wir benutzen sie, wenn wir zum Beispiel von "Briefen in einer Schatulle", von "Ideen in einem Artikel" sprechen. Irreführend ist dabei die Idee, daß der Empfänger die Nachricht genauso wahrnimmt, wie vom Sender intendiert war.
  • Die Metapher des Mitteilens von Gemeinsamkeiten: Sie liegt zum Beispiel der hermeneutischen Vorstellung zugrunde, daß wir nur auf der Basis eines Vorverständnisses kommunizieren können. Irreführend ist dabei die Idee, daß das, was außerhalb des gemeinsam Vereinbarten liegt, ein Irrtum sei. In Kommunikationsfällen führt dies zur praktischen Abschottung oder zum Ausschluß derjenigen, die die Fachsprache nicht beherrschen.
  • Die Argument-Metapher: Informationen sind potentielle Argumente in Konfliktfällen oder bei Entscheidungen. Diese Metapher suggeriert aber, daß bei Kommunikation alles auf Sieg oder Niederlage ankommt.
  • Die Kanal-Metapher: Informationen werden, ähnlich wie bei der Übertragungsmetapher, als Dinge verstanden, die von A nach B, wie bei einem Kanalysationssystem, versandt werden. Die aktive Leistung von Sender und Empfänger bleibt dabei außer Acht.
  • Die mathematische Theorie der Kommunikation: Sie will Information weder als Materie noch als Bedeutung, sondern als Maß für logische oder intellektuelle Arbeit erfassen. Diese Arbeit besteht im Unterscheiden. Das führt zu einer Angleichung zwischen Maschinen und Lebewesen.
  • Die Kontroll-Metapher: Kommunikation wird als eine Abfolge von Ursache und Wirkung verstanden, wobei als Ursache jeweils eine allein vom Sender abhängige Nachricht oder Information verstanden wird. Die Macht des Senders verzerrt die Kommunikationssituation, in der es auf Wechselwirkung ankommt.
Diese Modelle sind, so Krippendorff, in verschiedenen kulturellen Kontexten entstanden. Die Phänomene auf die sie hinweisen, lassen sich nicht unabhängig von ihnen verstehen. Wir müssen lernen, mit ihnen kreativ umzugehen, indem wir ihre jeweiligen Grenzen erkennen, was nichts anderes heißt, als sie in konkreten theoretischen und praktischen Situationen richtig anzuwenden.   

Der kreative Umgang mit Begriffen bedeutet aber auch, diese in immer neuen Versuchen miteinander in Verbindung zu setzen, auch und gerade, wenn die dabei entstehenden Resonanzen zunächst unerhört klingen. Ein angepaßtes intellektuelles Ohr ist zwar sowohl für den Alltag als auch für die normale Wissenschaft notwendig, aber es hat die Tendenz, sich vom Neuen abzuschotten, neue Verwendungen als unwissenschaftlich zu diskreditieren und sich den Weg des Lebens, im geistigen und im materiellen Sinne, zu versperren. Das ist nicht zuletzt auch die Lektion, die die unerhörte und unerwartete Formenvielfalt in der Natur zeigt. Wir sollten ihr im Geistigen entsprechen.   
  

Literatur   

Grondin, J. Hrsg.: Gadamer Lesebuch. Tübingen 1997.   

Krippendorff, K.: Der verschwundene Bote. In: K. Merten, S.J. Schmidt, S. Weischenberg Hrsg.: Die Wirklichkeit der Medien. Opladen 1994, S. 79-113.

 
 

 
 
  
Letzte Änderung des gesamten Skripts: 18. Mai 2000

 
   

Inhalt

Einleitung

I. Der Informationsbegriff in der Informationswirtschaft 

II. Der Informationsbegriff in der Informationswissenschaft

III. Der Informationsbegriff in anderen Disziplinen

IV. Zur Geschichte des Informationsbegriffs  

  
 
 
   

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