EINFÜHRUNG IN DEN INFORMATIONSBEGRIFF

Rafael Capurro
 
 
 
 

II. Kapitel

Der Informationsbegriff in der Informationswissenschaft 

Einleitung 

1. "Information-as-thing"  
2. Das kognitivistische Paradigma  
3. Cybersemiotics  
4. Informationshermeneutik  

Übungen  

Literatur

 
 
 
 

Einleitung

Die Informationswissenschaft ist, wie der dänische Informations- wissenschaftler Peter Ingwersen in einem Beitrag für die Encyclopedia of Library and Information Science mit dem Titel Information and Information Science bemerkt, eine junge Wissenschaft. Der Ausdruck information science geht auf den Gründer des britischen Institute of Information Scientists (IIS), Jason Farradane, im Jahre 1958 zurück (Ingwersen 1995). Farradane wollte damit, so Ingwersen, einen Unterschied machen zwischen den Wissenschaftlern die im Labor arbeiten und denen die sich mit dem Management der wissenschaftlichen und technischen Information befassen. Informationswissenschaftler sollten sich mit der wissenschaftlichen Forschung des Informations- und Kommunikationsprozesses in der Wissenschaft befassen. Da das Fachwissen zur damaligen Zeit in Form von Dokumenten vorlag, entstand dafür die Bezeichnung Dokumentar (documentalist).   

Der Unterschied zwischen einem Dokumentar und einem Bibliothekar lag vor allem in der fachlichen Spezialisierung des Dokumentars gegenüber der allgemeinen sowie der auf soziale und kulturelle Belange bezogenen Orientierung der Bibliothekare vor allem an öffentlich zugänglichen Bibliotheken. Ein engerer Bezug zwischen Dokumentaren und Bibliothekaren bestand allerdings im Bereich der wissenschaftlichen Bibliotheken und der Spezialbibliotheken sowie in Zusammenhang mit der bibliographischen Tätigkeit an Bibliotheken. Der Dokumentar sollte sich, ferner, von der dokumentarischen Einheit "Buch" lösen und eben auf einzelne Dokumente - zum Beispiel auf einzelne Beiträge innerhalb eines Buches oder innerhalb eines Zeitschriftenheftes - eingehen. Er sollte diese "dokumentarischen Bezugseinheiten" (DBE), wie man sie später in der deutschen Fachterminologie nannte, tiefer erschließen - zum Beispiel mit Hilfe von Fachthesauri, Klassifikationen und Kurzfassungen oder abstracts - als das in Bibliotheken der Fall war. Im Klartext, der Dokumentar sollte sich primär mit den Inhalten der Dokumente in bezug auf spezialisierte Gebiete befassen.   

Im Jahre 1931 wurde das vormalige Institut International de Bibliographie - 1898 in Brüssel gegründet - in Institut International de Documentation umbenannt. Darauf folgte 1937 die Gründung der Fédération Internationale de Documentation (FID), die sich u.a. der Pflege der Dezimalklassifikation widmete. Die bibliographische Tätigkeit führte zur Erstellung von regelmäßig erscheinenden Fachbibliographien oder Referateorganen (abstract journals). Anfang der 60er Jahre begann sich dieses Gebiet durch den Einfluß des Computers sowie durch den exponentiellen Zuwachs von (wissenschaftlichen) Veröffentlichungen grundlegend zu ändern. Man begann bibliographische (Fach-)Datenbanken aufzubauen, die in Rechenzentren (Hosts) allmählich einer großen Anzahl vor Wissenschaftlern online zugänglich gemacht wurden. Die Technik eines gezielten Zugriffs zu diesen dokumentarischen Informationen - meistens mittels eines kontrollierten Vokabulars oder eines aus Deskriptoren bestehenden Thesaurus - nannte man information retrieval (IR), d.h. das Wiederfinden (to retrieve) von (im Computer gespeicherten) Informationen. Gemeint waren zunächst bibliographische Hinweise zu Dokumenten.   

Im deutschsprachigen Bereich wurde die Bezeichnung Information und Dokumentation (IuD) für all diese Tätigkeiten üblich. Ein Beispiel dafür ist die Verwendung dieses Ausdrucks im Programm zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-Programm) 1974-1977 der Bundesregierung (BMFT 1975). Man verwendete aber auch in diesem Programm die später übliche Bezeichnung Fachinformation, zum Beispiel in bezug auf die zu gründenden Fachinformationszentren (FIZ).   

Mit Recht unterscheidet Ingwersen zwischen einer "Dokumentenexplosion" (document explosion) und einer "Informationsexplosion" (information explosion). Denn Information hat, aus informationswissenschaftlicher Sicht, mit der Wissensänderung in der Erkenntnisstruktur (cognitive structure) desjenigen, der Wissen produziert oder empfängt zu tun, und nicht primär mit der Frage nach dem Zugang zu Dokumenten. Letztere ist eine praktische Frage, die von Archivaren, Dokumentaren und Bibliothekaren seit Jahrtausenden (!) mit dem Einsatz unterschiedlicher Technologien gelöst wird. Die eigentliche wissenschaftliche Frage ist aber die nach dem Zugang zu den Inhalten der Dokumente oder, genauer, nach den darin enthaltenen (potentiellen) Wissensänderungen (Ingwersen 1995, S. 139). Diese Frage wurde seit den 30er Jahren im wissenschaftlichen Bereich akut: Angesichts der Fülle an Veröffentlichungen auch in einem "kleinen" Fachgebiet, mußte ein Wissenschaftler zunächst lediglich anhand von Kurzfassungen (abstracts) entscheiden, ob die betreffende Publikation für ihn relevante Informationen enthielt oder nicht. Mit anderen Worten, die Frage, die sich die Informationswissenschaft damals stellte und heute wohl auch stellt, ist die nach den Bedingungen des "intellektuellen Zugangs zur Information" (intellectual access to information) (Ingwersen 1995, S. 140).   

Die Informationswissenschaft (information science) entstand als ein interdisziplinäres Gebiet und zwar in Zusammenhang mit den praktischen und den wissenschaftlichen Fragen im Umgang mit Dokumenten und ihren Inhalten. Sie tat dies vor dem Hintergrund der oben erörterten multidisziplinären Beschäftigung mit Information. Sie etablierte sich in den USA seit Ende der 50er Jahre als Library and Information Science (LIS), nicht selten - wie zum Beispiel im Falle der renommierten Rutgers State University - im Rahmen der Fakultät für Kommunikationswissenschaften. In deren Mittelpunkt standen zunächst die Methoden der inhaltlichen Erschließung (Indexierungs- und Klassifikationstheorien sowie abstracting) und des information retrieval (IR) sowie die Frage nach der Relevanz der Suchergebnisse. Letzteres wurde zunächst nach folgenden Parametern behandelt: Anzahl der relevanten wiedergefundenen Treffer in Relation zur Anzahl aller relevanten Treffer im Speicher (recall) und Anzahl der relevanten wiedergefundenen Dokumente in Relation zur Anzahl der insgesamt wiedergefundenen Dokumente (precision) (Capurro 1986, S. 182).   

Es kristallisierten sich allmählich innerhalb der Informationswissenschaft mehrere Auffassungen von Information heraus, auf die wir jetzt exemplarisch eingehen wollen. In den letzten Jahren haben internationale informationswissenschaftliche Konferenzen wie die CoLIS (Conference on Conceptions of Library and Information Science) - die erste 1991 in Tampere (Finnland), die zweite 1996 in Copenhagen (Dänemark) und die dritte 1999 in Dubrovnik (Kroatien) (CoLIS 3) - zur Grundlegung der Informationswissenschaft und zur Klärung ihrer Grundbegriffe beigetragen.   
Nationale Berufsverbände, wie die  American Society for Information Science (ASIS) und die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI)  
organisieren regelmäßig Konferenzen, an denen theoretische und praktische Fragen dieses Fachgebietes erörtert werden.  

Wir widmen uns jetzt der Analyse des Informationsbegriffs in der Informationswissenschaft anhand von vier Ansätzen. 

 
 
 

1. "Information-as-thing"

In seinem Buch Information and Information Systems geht Michael Buckland (School of Library and Information Science, University of California, Berkeley), von folgenden Bedeutungen von Information aus:   
  • Information als Prozeß (information-as-process): Information ist der Prozeß der Wissensmitteilung oder, nach einer Definition des Oxford English Dictionary (OED), information ist communication of the knowledge.
  • Information als Wissen (information-as-knowledge): Information ist das, was im Prozeß der Wissenvermittlung übermittelt wird. Nach dem OED: knowledge communicated.
  • Information als Ding (information-as-thing): wir sagen, ebenfalls nach dem OED, daß bestimmte Gegenstände informativ sind, weil sie die Qualität haben, Information zu vermitteln. (Buckland 1991, S. 3-4)
Buckland bemerkt, daß die zwei ersten Bedeutungen auf etwas hinweisen, nämlich auf Wissen bzw. auf "Information-als-Wissen", das nicht physikalisch faßbar ist (intangible), während bei der dritten Bedeutung Information in Zusammenhang mit Wissensrepräsentation steht und somit auch mit Dingen, zu tun hat, die faßbar sind. Informationssysteme können unmittelbar nur mit Information in diesem dritten Sinne zu tun haben. Die Bedeutung von "Information-als-Ding" ist dementsprechend, neben den beiden anderen Bedeutungen, grundlegend für die Informationswissenschaft. Informationsverarbeitung (information processing) im Sinne von data processing, document processing und knowledge engineering gehört zu den Dingen bzw. Prozessen, die physikalisch faßbar sind.   
Buckland unterscheidet vier Bedeutungen von Information, nämlich:   

  
  


INTANGIBLE
TANGIBLE
ENTITY Information-as-knowledge  
Knowledge  
 
Information-as-thing  
Data, document, recorded knowledge
PROCESS Information-as-process  
Becoming informed  
  
  
 
Information Processing  
Data processing, document processing, knowledge engineering
  

(Four Aspects of Information, Buckland 1991, S. 6)   
  

In bezug auf den Wissensbegriff bemerkt Buckland, daß gerade wenn wir behaupten, daß Wissen als Ergebnis eines Informationsvermittlungsprozesses entsteht und daß Information dabei wahr sein muß, dies ein Wunsch ist, der sich öfter - wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt - nicht erfüllt. Mit anderen Worten, "wahr" in bezug auf Wissen meint immer den Glauben, etwas sei wahr. Wissen gründet also im Glauben (knowledge is based on belief) (Buckland 1991, S. 42). Eine Wissensänderung aufgrund eines Informationsprozesses ist eine Glaubensänderung. In diesem Sinne sind Wissen und Information "unfaßbar" (intangible). Die Repräsentation von Wissen ist selbst nicht Wissen, sondern "Information-als-Ding". Sie läßt sich wiederum nutzen, um neues Wissen bzw. neuen Glauben herzuleiten. Nicht die angebliche Wahrheit einer Information ist entscheidend im Hinblick auf ihre Informativität, sondern das Für-wahr-halten.   

Allerdings ist aber auch unter pragmatistischen Gesichtspunkten eine vollständige Nivellierung von "wahr" und "falsch" in bezug auf Information unsinnig, da, wie der Medienwissenschaftler Lutz Herrschaft bemerkt,   

"eine informierte Gesellschaft bleibt sicherlich handlungsfähig, doch würde dies dann rasch unmöglich werden, wenn der Anteil fehlerhafter Informationen einen bestimmten Schwellenwert überschritte. Für die Wahrheitsfrage entscheidend ist somit, daß die Bereitschaft, eine Information für wahr zu halten, nicht von objektiven Kriterien abhängt (in vielen, vielleicht den meisten Fällen sind diese ohnehin nicht zugänglich), sondern davon, ob sie mit vertrauten, als zentral oder höherrangig eingestuften beliefs zusammenstimmt." (Herrschaft 1996, S. 175)
Informationen sind also, kurz gesagt, nicht an sich wahr, aber wir gehen davon aus, daß dies der Fall ist. Was versteht aber Buckland genau unter "Information-als-Ding"?   

Wenn wir Wissen mitteilen, tun wir dies anhand von bestimmten Trägern oder in irgendeiner physikalisch faßbaren Art. Bucklands Beispiele für "Information-als-Ding" sind sehr verschieden: Bücher in einer Bibliothek, bits und bytes im Falle von computerisierten Informationssystemen und - was zunächst aus dem herkömmlichen linguistisch und textuell orientierten Ansatz der Informationswissenschaft seltsam klingt - Gegenstände in einem Museum (Buckland 1991, S.43). So kann z.B. ein Skelett in einem Museum für Naturkunde ein solches "Ding" sein, das nicht weniger "informativ" ist als z.B. ein Text oder ein Bild aus einer Enzyklopädie. Museen sind also eine bestimmte Art von Informationssystemen. Oder, anders gesagt:   

"Die Grenzen zwischen dem, was ein Informationssystem ist oder nicht ist sind unklar und wir schlagen vor, daß ein System dann ein Informationssystem ist, wenn man es als ein Informationssystem nützt, besonders wenn es gestaltet wurde, um als Informationssystem benutzt zu werden." (Buckland 1991, S. 35, Übers. v.Vf.) 
Welche Dinge sind aber genau "Information-als-Ding"? Buckland verweist auf den Charakter der Evidenz (evidence): Ein Ding ist genau dann informativ, wenn es in irgendeiner Art und Weise etwas unmittelbar nachweist.   

Er führt folgende Beispiele an:   

  • Daten: d.h. alles, was "verarbeitet" und anschließend benutzt wird. In der Regel bezeichnet man mit "Daten" alles, was im Computer gespeichert ist.
  • Texte und Dokumente: es sind die "Informationsdinge", die in Bibliotheken und Archiven gespeichert und benutzt werden.
  • Objekte: dazu gehören, wie erwähnt, die Exponate in Museen aber auch Gegenstände, die wir in der Umwelt durch direkte Beobachtung wahrnehmen, etwa ein Archäologe, der Artefakte in einer Ausgrabung beobachtet. In diesem Zusammenhang erweitert Buckland den Begriff des Dokuments auf nicht-linguistische Gegenstände
  • Ereignisse (events): wie z.B. Experimente in den Wissenschaften.
Welche Dinge sind also "informativ"? Im Prinzip, so Buckland, kann alles informativ sein, sofern nämlich die Dinge einen Evidenz- oder Zeugnischarakter haben (können), wie das z.B. bei Gerichtsverhandlungen der Fall ist. Buckland verweist in diesem Zusammenhang auf den juristischen Gebrauch des Informationsbegriffs.   

Ferner bemerkt Buckland, daß Informationsdinge, dann informativ sind, wenn sie in einer bestimmten Situation angetroffen werden. Dies liegt darin begründet, daß "Information-als Prozeß" immer situationsgebunden ist, so daß die Dinge, die einen prozessual-informativen Charakter haben sollen, ebenfalls in bezug auf die jeweilige Situation stehen müssen. Informationsdinge sind also nicht eine "Information an sich", sondern "potentielle informative Objekte" (potentially informative objects) (Buckland 1991, S. 107). Da die Ansichten, über die mögliche situative Relevanz von Dingen und somit über ihren informativen Charakter weit auseinander gehen können, betont Buckland, daß die Informativität als Ergebnis eines Konsenses oder einer Vereinbarung entsteht. Manche Dinge, wie etwa ein Telefonbuch, haben einen ziemlich sicheren oder unhinterfragbaren informativen Status. Wenn wir eine Datenbank aufbauen, tun wir dies ebenfalls auf der Basis einer Vereinbarung über das, was dazugehört und was nicht.   

Informationsdinge sind, so Buckland zusammenfassend, sinnvoll in einem doppelten Sinne: Erstens, ein Gegenstand kann zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Situation informativ sein. Zweitens, da die Eigenschaft der Evidenz und somit die potentielle Informativität eines Dinges nicht von vornherein feststeht, sprechen wir von Information in bezug auf Dinge, von denen wir annehmen, daß sie diese Eigenschaft auch in Zukunft haben werden (Buckland 1991, S. 51-52).   

Informationsdinge, etwa eine Datei oder ein Aufsatz, lassen sich vervielfältigen. Die Informationswissenschaft unterscheidet dabei zwischen types (Typ) und tokens (wörtlich: Zeichen, nur scheinbar voneinander unterscheidbar = Kopie). Token ist also die Kopie eines Originals oder eines Typs. So zum Beispiel im Falle eines Buches, wo wir mit einem Typ aber mit vielen tokens zu tun haben. Wenn wir das Vorkommen eines Wortes in einem Text analysieren, um zum Beispiel eine statistische Angabe über seine Häufigkeit zu bekommen, dann ist diese Unterscheidung nicht nur nützlich, sondern notwendig. Sie liegt den gewichtenden Indexierungs- und Retrievalverfahren zugrunde. Die Frage, ob etwas ein type oder ein token ist stellt sich besonders akut in Zusammenhang mit Copyright-Fragen sowie, bekanntlich, in bezug auf Fälschungen von Originalwerken (Buckland 1991, S. 53-54). Hier wäre weiter zu fragen, inwiefern die Digitalisierung nicht nur den von Walter Benjamin (1892-1940) diagnostizierten "Verlust der Aura" der Kunstwerke "im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" und somit den Begriff des Originals hinfällig macht, sondern die Manipulationsmöglichkeiten so leicht macht, daß vordergründige Kopien als Originale ausgegeben werden (Benjamin 1977). Mit anderen Worten, wir hätten dann mit dem umgekehrten Vorgang als den von Benjamin beschriebenen zu tun: Jeder (scheinbare) token behauptet ein type zu sein. Auch hier verschärfen sich natürlich die Fragen nach dem Schutz des geistigen Eigentums.   

Wie Lutz Herrschaft bemerkt, bleibt bei dieser Bestimmung des Informationsbegriffs offen, "inwiefern man sinnvoll sagen kann, "Information" (oder "Informativität") sei ein "Attribut" oder eine "Qualität" physischer Objekte" (Herrschaft 1996, S. 175). Information ist vielmehr, auch im Falle ihrer Verdinglichung, wie Herrschaft in Anschluß an Erhard Oeser bemerkt, ein "Metaprädikat", d.h. etwas, was nicht den Dingen selbst anhaftet, sondern unser Wissen von den Dingen und unser praktisches Verhältnis zu ihnen angeht (Oeser 1976). Dieses Problem wird von den Vertreten des "kognitiven Paradigmas" aufgegriffen.   

 

 
 
 

2. Das kognitivistische Paradigma 

Peter Ingwersens Ansatz geht auf Vorarbeiten von A. Debons, B.C. Brookes, J. Shera, M. Kochen und N. Belkin zurück. Debons prägte den Ausdruck informatology. Brookes entwickelte eine kognitive Sicht der Informationswissenschaft. Er bezog sich dabei auf den Philosophen Karl Popper, der in seiner Spätphilosophie von "drei Welten" sprach, nämlich der "physischen Welt" (Welt 1), der "mentalen Welt" (Welt 2) und einer "dritten Welt" des "objektiven Wissens" (objective knowledge) (Capurro 1986, S. 88 ff). Shera suchte nach einer sozialwissenschaftlichen Fundierung der Bibliothekswissenschaft. Kochen betonte, daß die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sich nicht auf die Analyse der Prozesse von Wissensträgern einschränken, sondern daß sie Begriffe wie Information, Wissen und Verstehen in den Mittelpunkt stellen sollte. Belkin faßt den Kern der Informationswissenschaft in fünf Punkten zusammen:   
  • Information betrifft menschliche kognitive Kommunikationsprozesse
  • Die Idee der gewünschten Information (desired Information)
  • Die Effektivität von Information, Informationssystemen und Informationsvermittlung (information transfer)
  • Das Verhältnis zwischen Information und ihrem Hersteller (generator)
  • Das Verhältnis zwischen Information und Nutzer
(Ingwersen 1995, S. 143-144)   

Ingwersen vertieft und erweiter diesen Anstz wie folgt:  

  • Das erste Element bezieht sich auf die verschiedenen Formen von Informationsvermittlung in verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft, wie zum Beispiel innerhalb der scientific community, in einer öffentlichen Bibliothek oder in anderen Umgebungen. Mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden werden hier verschiedene Kommunikationsformen empirisch untersucht.
  • Das zweite Element beschäftigt sich mit der Natur der gewünschten Information. Man versucht, den Informationsbedarf und die verschiedenen ihm zugrundeliegenden (kulturellen, kognitiven, affektiven usw.) Interessen zu ermitteln.
  • Das dritte Element hat mit dem Problem der Effektivität von Informationssystemen beim Informationstransfer zu tun. Man beschäftigt sich hier mit dem Management des Transfers zwischen Nutzern und Informationsträgern, um zum Beispiel den Zugang zu den Beständen einer Bibliothek für ihre Nutzer zu optimieren.
  • Das vierte Element beschäftigt sich mit Analyse und Darstellung von Wissen in Informationssystemen. In den Anfängen waren es vor allem textuelle Formen. Die Erschließungsmethoden (Klassifikation, Indexierung, abstracting) stammten aus alten bibliothekarischen Traditionen. Man analysierte, ferner, durch quantitative Methoden die Wissensproduktion in bezug auf bestimmte Wissensträger sowie auf Worthäufigkeiten und fand bestimmte bibliometrische Konstanten (oder "Gesetze") heraus (S.C. Bradford, A.J. Lotka, G.K. Zipf). Mit Hilfe dieser Gesetze wurden dann die Retrieval-Methoden verbessert.
  • Das fünfte Element schließlich richtet die Aufmerksamkeit der Informationswissenschaft auf die Frage nach Relevanz, Nutzung und (Mehr-)Wert von Information aus der Sicht des Nutzers. Erste Ansätze dafür wurden in England in den 60er Jahren (Cranfield experiments) (Ellis 1991) in Zusammenhang mit der Relevanz von Retrieval-Techniken gemacht, ohne aber die Nutzer direkt zu beteiligen. Es wurden Parameter für die Messung der Effektivität von IR-Systemen (IR = information retrieval) - wie die bereits erwähnten recall/precision-Parameter - entwickelt (Ingwersen 1995, S. 144 und Ingwersen 1992, S. 15 ff.).
Was versteht aber Ingwersen genau unter Information im Kontext der Informationswissenschaft? Er sucht eine Eingrenzung dieses Begriffs, die ihm erlaubt, diese fünf Elemente zu berücksichtigen. Er ist sich ferner bewußt, daß die Art und Weise, wie die Informationswissenschaft Information analysiert, nicht die einzige ist, denn zum Beispiel auch die Linguistik, die Pädagogik, die Informatik und die Psychologie beschäftigen sich damit. Schließlich möchte er keineswegs die Frage nach dem medialen Träger von Information und das damit zusammenhängende Problem der Konservierung und Tradierung dieser Träger (und ihrer Inhalte!) außer acht lassen. Diese Frage spielt bekanntlich eine herausragende praktische Rolle in Bibliotheken und Archiven und sie stellt sich heute dringender denn je, nämlich in Zusammenhang mit der Digitalisierung und den neuen Medien.   

Besondere Aufmerksamkeit richtet Ingwesen auf die Frage nach der gewünschten Information (desired information) und auf das damit zusammenhängende Problem der Relevanz. Der Wunsch nach Information hat, so Ingwersen mit Hinweis auf Claude Shannon, mit Ungewißheit zu tun. Der deutsche Informationswissenschaftler Gernot Wersig hatte in den frühen 70er Jahren Information als "Reduktion von Ungewißheit aufgrund von Kommunikationsprozessen" definiert (Wersig 1971; Capurro 1976, S. 234ff). Wersig legt aber, so Ingwersen, den Schwerpunkt auf den Empfänger der Information, anstatt alle Komponenten des Kommunikationsprozesses zu berücksichtigen (Ingwersen 1992, s. 27).   

Ingwersen knüpft an den von Wersig eingeführten Begriff der "problematischen Situation" sowie an Belkins Konzept eines anomalous state of knowledge (ASK) ("anomaler Wissenszustand") an, wobei unter "anomal" so etwas wie "außerhalb des Gewöhnlichen" oder "nicht der Norm entsprechend", jedenfalls eine unbefriedigende Situation verstanden wird, woraus der Wunsch nach Information entsteht. Ferner bezieht er sich auf Fritz Machlups Auffassung, daß es sich beim Informationsprozeß um einen kognitiven Prozeß handelt, bei dem ein Informationserzeuger (generator) einen Einfluß auf den Empfänger ausübt, und zwar aufgrund einer sinntragenden Botschaft (a meaningful message) (Machlup 1983).   

Nach Belkin sprechen wir von Information eines Textes, wenn der Erzeuger ihn aufgrund des "anomalen Wissenszustandes" des Empfängers verändert. Diese Auffassung trägt, so Ingwersen, der Rolle des Informationswunsches (desired information) Rechnung. Für Ingwersen ist aber fraglich, ob zum Beispiel Texte immer in Zusammenhang mit einer genauen Kenntnis des "anomalen Wissenszustandes" des Empfängers modifiziert werden. Ein Informationserzeuger kann stattdessen eine ungefähre Kenntnis des "anomalen" Wissenszustandes seiner potentiellen Leser haben. Anstatt von "Anomalie" zieht Ingwersen die Rede von Ungewißheit, Unvollständigkeit oder Nicht-Adäquatheit vor. Er bejaht auch die Möglichkeit einer allgemeinen oder ungefähren Kenntnis der Wissensstruktur zum Beispiel einer Gruppe von Informationsempfängern.   

Grundlegend für Ingwersen ist die Einsicht, daß Informationsprozesse - gleich ob bei Menschen oder Maschinen - durch ein System von Kategorien oder Begriffe vermittelt werden, die ein Weltmodell darstellen. Dies steht in Zusammenhang mit der kybernetischen Auffassung von Information, wonach Information erst in Zusammenhang mit der Veränderung der Systemstruktur stattfindet, worauf wir im nächsten Kapitel zurückkommen. Information, so Ingwersen in Anschluß an Brookes und Belkin, ist das, was eine subjektive oder verobjektivierte Wissensstruktur modifiziert (Ingwersen 1992, S. 31). Eine wichtige Schlußfolgerung ist die, daß dieselbe Information unterschiedliche informationelle Auswirkungen haben kann, je nach Wissensstruktur. Ingwersens Terminologie ist hier ungenau. Er spricht später von data.  Entscheidend ist aber, daß eine Veränderung des Wissenszustandes stattfindet.   

Aus der Sicht des Empfängers ist Information potentielles Wissen. Für den Informationserzeuger sind die Empfänger auch potentielle Empfänger. Nicht wahrgenommene Informationen bleiben Daten (data) für den Empfänger, der sie nicht wahrnimmt und potentielle Informationen für andere mögliche Empfänger. Im Falle eines maschinellen Systems, können wir metaphorisch von Information sprechen, sofern sie nämlich kognitive Strukturen eines menschlichen designers enthalten.   

Ingwersen faßt die Eigenschaften seines informationswissenschaftlichen Informationsbegriffs folgendermaßen zusammen:   

  • Information ist das Ergebnis einer Veränderung in den Wissensstrukturen des Empfängers aufgrund eines Modells des Wissenszustandes des Erzeugers und im Medium von Zeichen.
  • Wenn Information wahrgenommen wird, wirkt sie auf die Wissenstruktur des Empfängers, indem sie sie verändert (Ingwersen 1992, S. 33).
Mit anderen Worten, Information im Kontext der Informationswissenschaft hat mit menschlicher Kommunikation zu tun, und zwar sofern diese aufgrund dokumentierter potentieller Information (recorded potential information) stattfindet. Die Informationswissenschaft bewegt sich stets auf einer semantischen und pragmatischen Ebene. Sie untersucht im Medium der Sprache die Art und Weise wie diese Prozesse der Wissensänderung stattfinden. Die Analyse kann z.B. auf der Basis von Äußerungen von Benutzern stattfinden oder auch aufgrund der Beobachtung ihres Verhaltens. Dabei sind Informationssysteme und ihre Komponenten - z.B. eine Klassifikation - potentielle Informationen in bezug auf ihre Auswirkung auf die Benutzer. Der Wunsch nach Information läßt sich auf unterschiedlicher Weise durch einen Vermittlungsmechanismus darstellen.   

Die Informationswissenschaft ist eine kognitive Wissenschaft, d.h. sie beschäftigt sich mit Wissen und Wissensveränderungen aufgrund von Informationsprozessen und dabei insbesondere:   

  • mit Informationssuche (information seeking)
  • mit dem Design von Information-retrievalsystemen (IR systems design)
  • mit Interaktions- und Navigationsmechanismen (IR = information retrieval)
  • mit Analyse und Bewertung der Wirkung von Informationssystemen auf die Nutzer (information management)
  • mit der Messung der Wirkung von Information auf die Gesellschaft (informetrics).
Die Analyse der Suche nach Information (information seeking) stellt für Ingwersen den Kern der Informationswissenschaft dar. Mit anderen Worten, erst wenn wir wissen, welche Information z.B. eine bestimmte Gruppe von Menschen sucht oder wünscht, können wir daran gehen und die passenden Informationssysteme entwerfen, Interaktionsmechanismen gestalten, ihre Auswirkungen untersuchen usw.   

Ingwersen trennt sich hiermit kritisch von der physikalistischen Tradition der Informationswissenschaft, die, unter dem Einfluß der Shannonschen Informationstheorie, nicht nur die semantische Dimension ausklammerte, sondern davon ausging, daß Dokumente "Informationen enthalten", die dann mit Hilfe maschineller Methoden "gemessen" werden können. Er distanziert sich auch von der rationalistischen Tradition, sofern diese nur die linguistische Dimension berücksichtigte, den Erkenntnisprozeß selbst aber und somit den kognitiven Standpunkt unbeachtet ließ (Ingwersen 1995, S. 160). Ingwersens Ansatz steht hiermit in der Nachbarschaft einer hermeneutischen Sichtweise von Information und Informationswissenschaft, worauf wir im vierten Abschnitt eingehen werden. 

 
 
 
 

3. Cybersemiotics

Søren Brier knüpft an den kognitiven Ansatz von Belkin und Ingwersen an. Er tut aber dies aus der Sicht der Kybernetik zweiter Ordnung sowie der Semiotik von Ch. S. Peirce (Brier 1996). Mit Ingwersen teilt er die Ansicht, daß im Mittelpunkt der Informationswissenschaft die Frage nach dem "intellektuellen Zugang" (intellectual access) zur Information steht, im Gegensatz zu der Frage nach dem "physischen Zugang" (physical access) zu Dokumenten (Brier 1996, S. 301). Die Frage nach dem "intellektuellen Zugang" betrifft das Problem von Umfang und Relevanz sowie auch des Zugangs zu Informationen im richtigen Augenblick und am richtigem Ort.   

Brier hat einen zugleich kybernetischen und semiotischen Ansatz - daher der Ausdruck cybersemiotics - in Auseinandersetzung mit drei informationswissenschaftichen Paradigmen (Griech. paradeigma = Beispiel, Vorbild) oder Modellen entwickelt, nämlich:   

  • dem Modell der Dokumentenvermittlung: Dieses Modell, das älteste von allen drei, wird zum Beispiel durch Bucklands Unterscheidung von Information im vierfachen Sinne von "information-as-knowledge", "information-as-process", "information-as-thing" und "information processing" begründet. Etwas - im Prinzip jedes Ding - wird zur Information, wenn es zum Teil eines Erkenntnis- und Wissensprozesses wird. Die Informationswissenschaft stellt, aus dieser Sicht, die Träger potentieller Information, die "Informationsdinge" also, in den Mittelpunkt. Sie beschäftigt sich mit dem Design von Informationssystemen im Sinne der Beschaffung, Erschließung, Speicherung und Wiedergewinnung von Dokumenten, die für unterschiedliche "Konsumentengruppen" (consumers) erstellt werden. Bibliothekare, Archivare und Dokumentare tun dies seit Tausenden von Jahren.
  • dem Modell der Informationsverarbeitung: Mit dem Einsatz des Computers verschob sich das Interesse der Informationswissenschaft zu der Frage, inwiefern "kognitive Prozesse" auch in einer Maschine ablaufen können. Dieses Modell wurde sowohl durch die Shannonsche Informationstheorie als auch durch die Kybernetik Norbert Wieners (Kybernetik erster Ordnung) wesentlich beeinflußt. Einige seiner Annahmen waren zum Beispiel: Es besteht keine wesentliche Unterscheidung zwischen Kognition bei Menschen und Maschinen; logisches Denken hat Vorrang gegenüber Intuition und Emotion; Erkenntnisprozesse verlaufen linear; Lernen basiert auf Regeln und Prinzipien; Sprache ist ein formaler Mechanismus, der einer Maschine übertragen werden kann; der Leib spielt bei Erkenntnisprozessen eine untergeordnete Rolle; das Gehirn funktioniert wie ein Computer; es gibt eine im Gehirn "gespeicherte" semantische Struktur; die kulturelle und historische Entwicklung des Menschen spielt in bezug auf Erkenntnis eine untergeordnete Rolle; die Sprache gibt eine objektive Außenwelt wieder. Dieses Modell gab Anlaß zu den Kontroversen um die "Künstliche Intelligenz" in den 70er Jahren. Der Versuch, dieses Modell als Paradigma der Informationswissenschaft einzuführen, scheiterte aber aus zwei Gründen: 1) Er vernachläßigte die schließlich für Dokumentare und Bibliothekare wichtige Frage nach der semantischen Vermittlung vom in Dokumenten gespeicherten Wissen und 2) er berücksichtigte nicht die sozialen und kulturellen Aspekte der Dokumentenvermittlung. Dieses Modell basierte auf einem "objektiven Informationsbegriff" (objective concept of information), der die menschliche Kommunikationssituation außer Acht ließ.
  • dem kognitiven Modell: Fritz Machlup kritisierte das Modell der Informationsverarbeitung und schränkte dabei den Informationsbegriff auf menschliche Erkenntnisprozesse ein (Machlup 1983, S. 641-671). Auf Machlups Kritik folgten dann die kognitiven Modelle von Belkin und Ingwersen, in deren Mittelpunkt die Frage nach der Interpretation von dokumentarisch vermittelten Bedeutungen stand. Brier will gegenüber Machlup und in Anschluß an die Kybernetik zweiter Ordnung, den Informationsbegriff auf alle lebenden ("autopoietische") Systeme ausdehnen (Brier 1996, S. 315). Ferner kritisiert er die individualistische Tendenz des kognitiven Modells. Seiner Meinung nach, bindet diese Theorie die Kognition an das erkennende Individuum an, wenngleich sie auch die Frage der sozialen Praktiken nicht ausklammert. Ferner möchte Brier die Informationswissenschaft in den Rahmen einer Zeichentheorie (Semiotik) stellen. Dies soll zum einen erlauben, zu zeigen, wie Zeichen Bedeutung aufgrund von Kommunikationsprozessen bekommen und, zum anderen, von Informationsprozessen auf physikalischer, biologischer, psychologischer und sozialer Ebenen zu sprechen, ohne diese Ebenen - und somit die Begriffe Information und Kommunikation - über einen Kamm zu scheren.
Somit schließt sich Brier an die Kybernetik zweiter Ordnung von Gregory Bateson, Heinz von Förster, Humberto Maturana, Francisco Varela und Niklas Luhmann entwickelt wurde, an. Ferner bezieht er sich auf die Semiotik des amerikanischen Pragmatisten Charles S. Peirce (1839-1914). Für Peirce haben Zeichen eine triadische Struktur: Sie beziehen sich auf etwas und brauchen zugleich einen Interpreten (interpretant), der den Zusammenhang dieser Zeichen zu einer kulturellen Zeichenganzheit herstellt. Ein Zeichen steht für ein Objekt in einer bestimmten Sicht. Diese Sicht bestimmt, welche Differenz eine Differenz für den Interpreten ausmacht. Diese Sicht kann zum Beispiel das Ziel einer (wissenschaftlichen) Untersuchung sein. Peirce faßt diese Zusammenhänge zwischen Zeichen, Gegenstand und Interpreten im Sinne eines Prozesses auf (Brier 1996, S. 328). So wie also das Objekt in einer triadischen Semiotik nicht das Objekt "an sich", sondern die Sicht eines Objektes meint, so ist auch unter dem "Interpreten" (interpretant) nicht eine Person (interpreter), sondern die Auslegung des Zeichen in einem bestimmten Kontext gemeint. Was Zeichen in einer Triade ist, kann wiederum Gegenstand in einer anderen Triade werden. Diese Art von Semiotik läßt sich nahtlos mit einer Kybernetik zweiter Ordnung verbinden, wonach Bedeutung erst in Zusammenhang mit einem autopoietischen oder sich selbst organisierenden System entsteht.   

Für Brier ergeben sich hier unmittelbare Konsequenzen für informationswissenschaftliche Fragen. Wenn wir zum Beispiel nach der Bedeutung eines Schlagwortes oder eines Deskriptors (index term) fragen, dann wird aus diesem Zeichen ein Gegenstand, worauf wir mit unseren Fragen hinweisen. Der Nutzer, der sich in der Rolle eines Interpreten befindet, kann wiederum Gegenstand einer Nutzeranalyse werden usw. Mit anderen Worten, Zeichen existieren nie isoliert, sondern sie sind immer in ein semiotisches Netz (semiotic net) eingebettet. Brier sieht hier Parallelen zum hermeneutischen Begriff des Interpretationshorizontes, worauf wir noch eingehen werden. Der semiotische Interpretationsprozeß ist im Prinzip unendlich. Peirce spricht von einer "unendlichen Semiose" (unlimited semiosis). Es ist dieser Prozeß, so Brier, und nicht die mögliche lexikalische Fixierung - zum Beispiel in Form von Klassifikationen oder Thesauri -, der die Bedeutung von Zeichen möglich macht. Brier zieht in Anschluß an D.C. Blair eine andere wichtige Konsequenz für die Informationswissenschaft, nämlich, daß es keine notwendige und vollständige Darstellung oder Wiedergabe eines Textes, etwa in Form einer Kurzfassung, gibt. Auch der Volltext stellt eine Auswahl der möglichen Inhalte oder Perspektiven dar. Das entscheidende Beurteilungskriterium für die Qualität von Informationen ist nicht die "Korrektheit" (correctness), sondern die "Adäquatheit" (appropriatness) (Blair 1990).   

Wir stehen hier in der Tradition des amerikanischen Pragmatismus und, so Brier, auch in der Nachfolge von Ludwig Wittgensteins (1889-1951) "Sprachspielen" und "Lebensformen" als Rahmen für die Ermittlung von Wortbedeutungen. Brier sieht von hier aus die Möglichkeit einer dynamischen und sozial-orientierten Analyse von Wissensstrukturen in Zusammenhang mit Fachgebieten oder Berufsgruppen, sofern diese nämlich durch das Streben nach Stabilität ihrer Grundbegriffe und -interessen andere Aspekte unterschlagen oder vernachlässigen. Die Bezüge dieses Ansatzes zu den wissenschaftstheoretischen Ansichten des amerikanischen Wissenschaftshistorikers Thomas S. Kuhn sowie zur hermeneutischen Theorie des Vorverständnisses werden hier auch explizit erwähnt.   

Welche Auswirkungen hat diese Cybersemiotics auf die Auffassung von Information? Brier schlägt folgende Veränderungen in der von Buckland vorgelegten Matrix vor:   

  
  
  


INTANGIBLE
TANGIBLE
ENTITY Knowledge structures, 'horizons' and 'interpretants', creating self organised meaning (private and mental but part of 'the semiotik web'  
 
Documents (intersubjective materially recorded, intentional signs (potential information)  
  
  
 
PROCESS Cognition (meaningful interpretation of inner and outer signs: semiosis, generating private self-organised participation in social actualised knowledge in 'the semiotic web'  
  
 
Mechanical information processing: syntactic, algorithmic, mechanical manipulation of primary signs (representamens) as signals  
  
 
 
Vier Arten von Information nach Brier (in Anschluß an Buckland) (Brier 1996, S. 334) 
Die "nicht-physikalischen" Aspekte der Information betreffen also jetzt interpretatorische Prozesse und deren Ergebnisse. Die "physikalisch" faßbaren Dimensionen beziehen sich auf Dokumente sowie auf die Verarbeitung der Zeichen als Signale. Brier betont, daß für Buckland die Arten von Information auf der linken Seite sich "im Kopf" der Leute befinden, so daß nur sie selbst dazu Zugang haben. Ingwersen hatte bereits argumentiert, daß wir unterschiedliche Informationswünsche typifizieren können zum Beispiel aufgrund sozialwissenschaftlicher Analysen von Benutzeraussagen und -verhalten. Auf der rechten Seite der Matrix wird jetzt ausdrücklich festgelegt, daß Dokumente nur potentielle Information enthalten, die eines Interpretationsprozesses innerhalb eines bestimmten Fachgebietes, eines "Horizontes" oder eines "Interesses" bedarf.   

In Informationsprozeß als ein  Interpretationsprozeß, der auf der Basis eines Dokumentes stattfindet, wird qualitativ vom mechanischen Prozeß der Zeichen- oder Signalverarbeitung unterschieden Der von Brier benutzte Ausdruck von "mechanical information processing" ist hier mißverständlich oder nur metaphorisch gemeint. Denn, wie Brier anschließend betont, einen Übergang von der maschinellen zur menschlichen Informationsverarbeitung und somit eine Substitution des Menschen durch eine Maschine ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Während bei klassischen Dokumentationssystemen - zum Beispiel bei Fachdatenbanken - die Interpretationshorizonte im System mit denen der Nutzer weitgehend übereinstimmten, ist dies im Falle einer universalen Vernetzung wie im Internet viel schwieriger zu erreichen.   

Die Kernfrage der Informationswissenschaft, nämlich die des intellektuellen Zugangs zur Information steht vor neuen Herausforderungen. Brier denkt vor allem an die Notwendigkeit von Nutzerorientierten Informationssystemen, wie wir sie heute zum Beispiel in Form von Intranets entwerfen. Dafür bietet wiederum die Hermeneutik einen möglichen theoretischen Rahmen.  

 

 
 
 
 

4. Informationshermeneutik

Meine Untersuchungen zum Informationsbegriff begannen mit einer Analyse seiner etymologischen und ideengeschichtlichen Entwicklung (Capurro 1978). Ich faßte den informationswissenschaftlichen Informationsbegriff in der Einheit von zwei Momenten, nämlich des "ontologischen" oder physikalischen und des "erkenntnistheoretischen" oder kognitiven, auf. Sie entsprechen jeweils dem, was Buckland mit "information-as-thing" und Ingwersen mit "kognitiver" Sicht thematisieren. Was ist Information?  
"Information ist das dokumentarisch vorhandene Wissen, sofern dieses dem Benutzer zugänglich bzw. "nützlich" gemacht wird (Information als kommunizierbares Wissen)" (Capurro 1978, S. 293).
Mitte der 80er Jahre beschäftigte ich mich mit der Bedeutung der Theorie von Interpretationsprozessen oder Hermeneutik für die Wiedergewinnung von elektronisch-gespeicherten Fachinformationen in Anschluß an Ansätze von Alwin Diemer und Norbert Henrichs (Capurro 1986). In den Geisteswissenschaften - allem voran in der Theologie und Jurisprudenz - hat die Hermeneutik (Griech. hermeneuein = verkünden, dolmetschen, auslegen, interpretieren) eine lange Tradition. In diesem Jahrhundert wurde sie durch den Philosophen Hans-Georg Gadamer - in Anschluß an frühen Ansätzen des Philosophen Martin Heidegger - zu einer philosophischen Disziplin entwickelt (Gadamer 1975).   

Ich entwickelte auf der Basis der sich an Martin Heidegger  (1889-1976) anlehnenden Anthropologie des Schweizer Psychiaters Medard Boss eine "Hermeneutik der Fachinformation" (Capurro 1986) und  nahm dabei zunächst gegenüber drei Vorstellungen von Information kritisch Stellung:   

  • Information bildet etwas in der Realität ab.
  • Information ist etwas, was zwischen einem Sender und einem Empfänger übermittelt wird.
  • Information ist etwas, was zum Beispiel in Dokumenten gespeichert ist und unabhängig vom Erkennen existiert.
Die erste These findet sich mit unterschiedlichen Varianten in klassischen realistischen Erkenntnis- und Wissenstheorien aber auch in der Auffassung des Dialektischen Materialismus, wonach Information die Wirklichkeit widerspiegelt. Die zweite These ist die von den Kognitivisten kritisierte Vorstellung von Information als etwas, was unabhängig von einem menschlichen Erkenntnisprozeß etwa zwischen zwei Maschinen sich vollziehen kann. Die dritte These schließlich gibt die von Buckland vertretene Auffassung von "information-as-thing" wieder. Meine Kritik stimmt mit der von Ingwersen überein, daß wir dabei nur von "potentieller Information" sprechen können.   

Meine Untersuchung ging von der Einsicht in die zunehmende soziale Bedeutung der wissenschaftlich-technischen Information in einer modernen Gesellschaft aus. Der Prozeß der fachorientierten Wissensmitteilung stand Anfang der 80er Jahre unter dem entscheidenden Einfluß des Computers. Die wissenschaftliche computergestützte Kommunikation lieferte das Modell für unsere heutige Informations- und Wissensgesellschaft. Der Ausdruck Fachinformation, der sich zunächst auf naturwissenschaftliche Gebiete bezog, wurde immer mehr ausgedehnt, je mehr Datenbanken aus den unterschiedlichsten Gebieten produziert und online angeboten wurden. Bereits das IuD-Programm der Bundesregierung 1974-1977 hatte als Ziel die Abdeckung aller Wissensgebiete (BMFT 1975). Der Wissenschaftstheoretiker Helmut Spinner hat für einen umfassenden Wissensbegriff die Formel von Wissen "aller Arten, in jeder Menge, Güte und Zusammensetzung" geprägt (Spinner 1998, S. 104).   

Zugleich stellte sich immer dringender die Frage nach Erschließungs- und Suchmethoden - die notwendigerweise Interpretationsvorgänge sind - für die im Computer gespeicherten Fachinformationen. Es lag auf der Hand die durch die Informationswissenschaft aufgeworfenen Fragen des information retrieval aus der Sicht einer allgemeinen Theorie der Interpretation zu analysieren. Eine solche Theorie unter dem Titel Hermeneutik lag zwar, mit einer langen Vorgeschichte, vor, sie hatte aber keinen Bezug zu den computertechnischen Problemen. Andererseits fehlte meines Erachtens der informationswissenschaftlichen Analyse eine philosophisch-anthropologische und insbesondere eine darin gründende hermeneutische Grundlage.   

Die an Heidegger anknüpfende philosophische Hermeneutik schien mir gut geeignet, um dies zu leisten, da sie den Menschen selbst vom Verstehen her auslegt. In Anschluß an Medard Boss hob ich folgende Grundzüge des Mensch-seins hervor:   

  • Das Miteinandersein des Menschen in einer gemeinsamen Welt: Diese scheinbar triviale Einsicht, stellt eine individualistische Auffassung des Menschen und seines Erkenntnisprozesses in Frage, wie sie etwa Brier gegenüber Ingwersen geltend macht. Der Kommunikationsprozeß ist kein Austausch von sich in isolierten Gehirnen befindenden mentalen Abbildern der Außenwelt, sondern wir teilen mit den anderen Menschen eine gemeinsame Welt oder eine "Offenheit", in der wir dann die uns begegnenden Dinge so oder so, d.h. auf unterschiedliche Weise verstehen.
  • Der Grundzug der Mitteilung: Diese "Offenheit" ist nicht nur raum-zeitlich zu verstehen, sondern sie bedeutet auch, daß die Art und Weise wie wir für die Welt und die anderen Menschen und Dingee "offen" sind, auf einem immer schon kulturell und geschichtlich entstandenen Verständnis gründet. Die Erziehung eines Kindes, zum Beispiel, besteht zunächst darin, es mit einem solchen vorgegebenen Vorverständnis vertraut zu machen, was durch das Erlernen der Muttersprache wesentlich geprägt wird. Was wir uns mitteilen, ist also zunächst das, was wir immer schon durch sozio-kulturelle Traditionen "mit-teilen" oder "mit-den-anderen-teilen". Information ist also, gemäß der alltäglichen Bedeutung dieses Wortes, Mitteilung von Bedeutungen oder von Sichtweisen über die uns gemeinsam ansprechenden Dinge. Dies findet aber - und das unterscheidet eine gewöhnliche von einer hermeneutischen Sicht von Information - auf der Grundlage eines Vorverständnisses statt. In Anschluß an Kant hob ich hervor, daß der Vorgang der Mitteilung und somit auch die Möglichkeit von Öffentlichkeit, nicht idealistisch und individualistisch im Sinne einer reinen "Gedankenfreiheit" aufgefaßt werden sollte, sondern, daß "Gedanken" immer schon Ergebnis eines medialen Prozesses sind. Zur Zeit Kants, im Zeitalter der Aufklärung also, spielte das Buch eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Möglichkeit der Herstellung einer zensurfreien Öffentlichkeit. Kurz, denken bedeutet immer denken-mit-anderen. Erst wenn eine gemeinsame Basis gegeben ist, kann ein Sender einem Empfänger eine Nachricht übermitteln. Auch Shannon ging von der Voraussetzung eines dem Sender und Empfänger gemeinsamen Zeichenvorrats aus.
  • Der Praxis-Bezug und das Fragen: Die Heidegger-Schülerin Hannah Arendt (1906-1975) hatte in ihrem von Heidegger inspirierten Buch Vita activa die Bedeutung der Praxis als grundlegende Verhaltensweise des Menschen hervorgehoben (Arendt 1983). Die vom Menschen "mit-geteilte" Welt ist ein "Bezugsgewebe" unserer tätigen Auseinandersetzung mit den anderen Menschen sowie mit den Dingen. Die dabei entstehenden Bezüge bilden das, was "zwischen" uns ist, unsere "Inter-essen". Aus diesem praktischen Verständnis des Menschen - das, wenngleich in unterschiedlicher Absicht, von Charles S. Peirce und Ludwig Wittgenstein hervorgehoben wird - erwächst das Fragen und insbesondere das wissenschaftliche Fragen. Letzteres dadurch, daß wir von bestimmten "Interessen" absehen und die Dinge innerhalb eines "theoretischen" Rahmens befragen. Dieser Rahmen ist wiederum nicht absolut, sondern hat notwendigerweise eine bestimmte Ausrichtung oder einen "Horizont", innerhalb dessen bestimmte Sichten der Dinge zum Vorschein kommen können, andere aber verborgen bleiben. Wir haben keine Möglichkeit, diese Bedingtheit eines Horizonts- oder Verstehensentwurfs zu entgehen. Die Geschichte der Wissenschaft ist eben eine Geschichte des Fragwürdigwerdens von scheinbar feststehenden "Horizonten" oder Theorien. Der Wissenschaftshistoriker Thomas Kuhn spricht von "Paradigmen".
Der dritte Grundzug schien mir genau auf die von Gernot Wersig und von den Kognitivisten hervorgehobene Bedeutung der "problematischen Situation" oder des "anomalen" Fragezustandes zu treffen. Aufgrund der immer bleibenden Fragwürdigkeit unserer theoretischen und praktischen Entwürfe läßt sich dieser Ansatz auch mit der semiotischen Einsicht in die "unendlichen" Arbeit der Interpretation vereinbaren.   

Wie läßt sich also Information aus hermeneutischen Sicht auffassen? Ich gab eine Antwort auf diese Frage in bezug auf die Fachinformation. Von Fachinformation und, mutatis mutandis, von Information sprechen wir dann und nur dann, wenn folgende Aspekte zusammentreffen:   

  • Das Miteinandersein der Fachleute in der gemeinsamen Welt (die Fachgemeinschaft): Dies besagt, daß wir nicht zunächst mit einzelnen Nutzern und ihren Informationswünschen zu tun haben, sondern daß jeder Nutzer seine/ihre Wünsche, ob ausdrücklich oder unausdrücklich, immer schon wenngleich nie in identischer Weise aber auch nicht in totaler Verschiedenheit, mit anderen teilt. Individuelle Benutzerwünsche sind also immer soziale Informationsindikatoren.
  • Die fachliche Erschließung der Welt (die Fachgebiete): In der Wissenschaft sind wir gewohnt in Disziplinen oder Fachgebieten zu denken. Das Leben stellt uns aber vor Probleme, die sich nicht innerhalb disziplinärer Grenzen behandeln lassen. Zugleich ist es aber auch so, daß wir deshalb immer mehr in Form von interdisziplinären Fachgebieten denken. Mit anderen Worten, wenn wir ein Problem lösen wollen, suchen wir nach einem passenden Rahmen, innerhalb dessen wir die jeweiligen Fragen behandeln können. Ohne einen solchen Rahmen können wir lediglich Fakten sammeln, und dies verlangt auch letztlich eines Rahmens oder einer Theorie, die uns sagt, was zum Beispiel als ein Faktum zu gelten hat. Die moderne Wissenschaftstheorie hat deshalb mit Recht auf die Theoriebeladenheit menschlicher Erkenntnis hingewiesen. Es gibt keine "nackten Fakten", sondern jede Beobachtung - und umsomehr jede Handlung - findet aufgrund eines vorausgehenden Entwurfs statt. Die Bedeutung eines Wortes ist, so Wittgenstein, abhängig vom Gebrauch innerhalb eines "Sprachspieles". Information gibt es nur auf der Basis eines wie vorläufig und wie durchlässig auch immer vorgegebenen theoretischen und/oder praktischen Rahmens. In der Informationswissenschaft wird diese Problematik der verschiedenen Kontexten in denen Information eingebettet und interpretiert werden kann mit dem Stichwort domain analysis behandelt (Hjorland/Albrechtsen, 1995; Cornelius 1996).
  • Der fachliche Mitteilungsprozeß (die Fachkommunikation): Schließlich sprechen wir von Information oder von Fachinformation, wenn die jeweiligen Bedeutungsgehalte im Rahmen eines mit anderen Menschen "mit-geteilten" Gebietes tatsächlich mitgeteilt werden. Dies kann in der Tat auf der Basis unterschiedlicher Medien stattfinden. Medien stellen aber für sich allein keine Öffentlichkeit her, sondern sie bedürfen stets der beiden anderen Dimensionen, nämlich des Miteinanderseins und des gemeinsamen Frage- und Wunschhorizonts. Gemeinsame Fragehorizonte lassen sich zum Beispiel in Form von Fachterminologien oder einer Klassifikation verobjektivieren und als Grundlage für die Informationssuche einsetzen. So funktionieren zum Beispiel heute die Internet-Suchmaschinen.
Mit anderen Worten, Information ist ein Prädikat, das wir einer Antwort beimessen, wenn diese in einem ausdrücklich mit anderen geteilten Rahmen erfolgt, und zwar so, daß wir aufgrund des "mit-geteilten" Vorverständnisses an die "Wahrheit" oder Geltung der Antwort glauben, sie also auf dieser Basis "verstehen". Aufgrund des gemeinsamen Vorverständnisses gehen wir davon aus, daß auch andere die Antwort auf die Frage genauso verstehen werden.   

Zum Informationsbegriff in diesem theoretischen Kontext gehören also die Aspekte des Aufforderns, Verstehens und Geltens. Da Fragen keinen bloßen individuellen Ursprung haben, sondern immer schon "mit-anderen-geteilte" Fragen sind, beziehen sich Informationen auch auf bestimmte wiederkehrende Strukturen. Diese Bestimmungen von Information stimmen, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, mit der kulturalistischen Deutung von Information überein.  

Der Ausdruck "Information" (singulare tantum) meint, als Metakategorie, daß eine Aussage den Charakter einer geltenden Antwort auf einer "mit-geteilten" Frage hat. Nicht alle Formen des Redens sind also Informationen - eine Bitte oder ein Befehl sind keine Informationen - und auch nicht alle Formen von Aussagen, sondern nur die, die sich als Antwort auf eine Frage verstehen. Schließlich sind auch nicht alle Antworten Informationen, sondern dieses Prädikat kommt ihnen zu, wenn sie innerhalb eines ausdrücklichen sozialen Rahmens - zum Beispiel einer wissenschaftlichen Fachgemeinschaft - sowie eines ausdrücklichen Vorverständnisses und wenn ein Kommunikationsprozeß in Form von Sprechen-Hören-Verstehen stattfinden.   

Wenn diese zur Information gehörenden Dimensionen zugleich technische und globale Ausmaße annehmen - wie bei der digitalen Weltvernetzung - werden die hermeneutischen Probleme nicht nur größer, sondern in gewisser Weise auch unbeherrschbar. Wir haben dann nicht nur mit den Grenzen des Verstehens, sondern auch mit den Grenzen der Hermeneutik zu tun, sofern damit so etwas wie ein universaler Verstehensrahmen - wie im Falle einer Universalklassifikation - vorstellbar erscheint (Capurro 1995). Das Internet stellt auch die Frage nach einer universalen Informationsmoral in Frage (Capurro 1998/1999).   

Auch und gerade für eine hermeneutische Grundlegung der Informationswissenschaft lautet die Grundfrage dieses Gebietes, die nach dem intellektuellen Zugang zur Information

 
 
 

Übungen

1. Was versteht Buckland unter "information-as-thing"?  

2. Welche Bedeutung spielt der Begriff der "gewünschten Information" ("desired Information") im kognitiven Ansatz  

3. Welche sind die wichtigsten Forschungsgebiete der Informationswissenschaft nach Ingwersen?  

4. Was versteht Brier unter Cybersemiotics?  

5. Welche Veränderungen bringt Briers Ansatz gegenüber den vier Arten von Information nach Buckland?  

6. Was versteht Capurro unter Vorverstädnis und welche Rolle spielen Vorverständnisse beim Information Retrieval?

 
 
 

Literatur 

Arendt, H. (1983): Vita activa oder vom tätigen Leben. München.   

Benjamin, W. (1977): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt a.M.   

Blair, D.C. (1990): Language and representation in information retrieval. Amsterdam.   

Brier, S. (1996): Cybersemiotics: A New Interdisciplinary Development Applied to the Problems of Knowledge Organization and Document Retrieval in Information Science. In: Journal of Documentation, 52, Nr. 3, 296-344.   

- (1996a): The Usefulness of Cybersemiotics in Dealing with Problems of Knowledge Organization and Document Mediating Systems. In: Cybernetica 4, Vol. 29, 273-299.   

BMFT, Der Bundesminister für Forschung und Technologie, Hrsg. (1975): Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-Programm) 1974-1977. Bonn.   

Buckland, M.K. (1991): Information and Information Systems. New York.   

Capurro, R. (1999): Ethos der Cyberkultur. In: wechselwirkung 1998/1999, S. 6-9.  

- (1995): Leben im Informationszeitalter. Berlin.   

- (1986): Hermeneutik der Fachinformation. Freiburg/München.   

- (1978): Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen Begründung des Informationsbegriffs. München.   

Cornelius, I. (1996): Information and Interpretation. In: P. Ingwersen, N. O. Pors Eds.: Proceedings CoLIS2. Second International Conference on Conceptions of Library and Information Science: Integration in Perspective. October 13-16, 1996. The Royal School of Librarianship, Copenhagen, S. 11-21.  

Ellis, D. (1992): Paradigms and proto-paradigms in information retrieval research. In: P. Vakkari, B. Cronin, Eds.: Conceptions of Library and Information Science. Historical, empirical and theoretical perspectives. London, 16-186.   

Gadamer, H.-G. (1975): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen.   

Herrschaft, L. (1996): Zur Bestimmung eines medienspezifischen Informationsbegriffs. In: Nachrichten für Dokumentation 47, 171-182.   

Hjorland, B., Albrechtsen, H. (1995): Towards a new horizon in information science: domain-analysis. In: Journal of the American Society for Information Science 46 (6), S. 400-425.  

Ingwersen, P., Pors, N.O. Eds. (1996): Information Science. Integration in Perspective. Kopenhagen.   

- (1995): Information and Information Science. In: Encyclopedia of Library and Information Science, Vol. 56, Suppl. 19, 137-174.   

- (1992): Information Retrieval Interaction. London.   

Machlup, F., Mansfield, U. Eds. (1983): The Study of Information. Interdisciplinary Messages. New York.  

Oeser, E. (1976): Wissenschaft und Information. Systematische Grundlagen einer Theorie der Wissenschaftsentwicklung. Wien, 3 Bde.  

Spinner, H. F. (1998): Die Architektur der Informationsgesellschaft. Bodenheim.   

Vakkari, P., Cronin, B., Eds. (1992): Conceptions of Library and Information Science. Historical, empirical and theoretical perspectives London.   

Wersig, G. (1971): Information – Kommunikation – Dokumentation. München/Berlin.   
 

 
 
  

Inhalt

Einleitung

I. Der Informationsbegriff in der Informationswirtschaft 

III. Der Informationsbegriff in anderen Disziplinen

IV. Zur Geschichte des Informationsbegriffs

Rückblick und Ausblick 

 
 
   

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