1.
"Information-as-thing"
In seinem
Buch Information and Information Systems geht Michael Buckland (School
of Library and Information Science, University of California, Berkeley),
von folgenden Bedeutungen von Information aus:
-
Information
als Prozeß (information-as-process): Information ist der Prozeß
der Wissensmitteilung oder, nach einer Definition des Oxford English
Dictionary (OED), information ist communication of the knowledge.
-
Information
als Wissen (information-as-knowledge): Information ist das, was
im Prozeß der Wissenvermittlung übermittelt wird. Nach dem OED:
knowledge communicated.
-
Information
als Ding (information-as-thing): wir sagen, ebenfalls nach dem OED,
daß bestimmte Gegenstände informativ sind, weil sie die
Qualität haben, Information zu vermitteln. (Buckland 1991, S. 3-4)
Buckland
bemerkt, daß die zwei ersten Bedeutungen auf etwas hinweisen, nämlich
auf Wissen bzw. auf "Information-als-Wissen", das nicht physikalisch faßbar
ist (intangible), während bei der dritten Bedeutung Information
in Zusammenhang mit Wissensrepräsentation steht und somit auch mit
Dingen, zu tun hat, die faßbar sind. Informationssysteme können
unmittelbar nur mit Information in diesem dritten Sinne zu tun haben.
Die Bedeutung von "Information-als-Ding" ist dementsprechend, neben den
beiden anderen Bedeutungen, grundlegend für die Informationswissenschaft.
Informationsverarbeitung (information processing) im Sinne von data
processing, document processing und knowledge engineering gehört
zu den Dingen bzw. Prozessen, die physikalisch faßbar sind.
Buckland
unterscheidet vier Bedeutungen von Information, nämlich:
|
INTANGIBLE
|
TANGIBLE
|
| ENTITY |
Information-as-knowledge
Knowledge
|
Information-as-thing
Data,
document, recorded knowledge |
| PROCESS |
Information-as-process
Becoming
informed
|
Information
Processing
Data
processing, document processing, knowledge engineering |
(Four
Aspects of Information, Buckland 1991, S. 6)
In
bezug auf den Wissensbegriff bemerkt Buckland, daß gerade wenn wir
behaupten, daß Wissen als Ergebnis eines Informationsvermittlungsprozesses
entsteht und daß Information dabei wahr sein muß, dies ein
Wunsch ist, der sich öfter - wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt
- nicht erfüllt. Mit anderen Worten, "wahr" in bezug auf Wissen
meint immer den Glauben, etwas sei wahr. Wissen gründet also
im Glauben (knowledge is based on belief) (Buckland 1991, S. 42).
Eine Wissensänderung aufgrund eines Informationsprozesses ist eine
Glaubensänderung. In diesem Sinne sind Wissen und Information "unfaßbar"
(intangible). Die Repräsentation von Wissen ist selbst nicht
Wissen, sondern "Information-als-Ding". Sie läßt sich wiederum
nutzen, um neues Wissen bzw. neuen Glauben herzuleiten. Nicht die angebliche
Wahrheit einer Information ist entscheidend im Hinblick auf ihre Informativität,
sondern das Für-wahr-halten.
Allerdings
ist aber auch unter pragmatistischen Gesichtspunkten eine vollständige
Nivellierung von "wahr" und "falsch" in bezug auf Information unsinnig,
da, wie der Medienwissenschaftler Lutz Herrschaft bemerkt,
"eine
informierte Gesellschaft bleibt sicherlich handlungsfähig, doch würde
dies dann rasch unmöglich werden, wenn der Anteil fehlerhafter Informationen
einen bestimmten Schwellenwert überschritte. Für die Wahrheitsfrage
entscheidend ist somit, daß die Bereitschaft, eine Information für
wahr zu halten, nicht von objektiven Kriterien abhängt (in vielen,
vielleicht den meisten Fällen sind diese ohnehin nicht zugänglich),
sondern davon, ob sie mit vertrauten, als zentral oder höherrangig
eingestuften beliefs zusammenstimmt." (Herrschaft 1996, S. 175)
Informationen
sind also, kurz gesagt, nicht an sich wahr, aber wir gehen davon
aus, daß dies der Fall ist. Was versteht aber Buckland genau unter
"Information-als-Ding"?
Wenn
wir Wissen mitteilen, tun wir dies anhand von bestimmten Trägern oder
in irgendeiner physikalisch faßbaren Art. Bucklands Beispiele für
"Information-als-Ding" sind sehr verschieden: Bücher in einer Bibliothek,
bits und bytes im Falle von computerisierten Informationssystemen und -
was zunächst aus dem herkömmlichen linguistisch und textuell
orientierten Ansatz der Informationswissenschaft seltsam klingt - Gegenstände
in einem Museum (Buckland 1991, S.43). So kann z.B. ein Skelett in einem
Museum für Naturkunde ein solches "Ding" sein, das nicht weniger "informativ"
ist als z.B. ein Text oder ein Bild aus einer Enzyklopädie. Museen
sind also eine bestimmte Art von Informationssystemen. Oder, anders gesagt:
"Die
Grenzen zwischen dem, was ein Informationssystem ist oder nicht ist sind
unklar und wir schlagen vor, daß ein System dann ein Informationssystem
ist, wenn man es als ein Informationssystem nützt, besonders wenn
es gestaltet wurde, um als Informationssystem benutzt zu werden." (Buckland
1991, S. 35, Übers. v.Vf.)
Welche
Dinge sind aber genau "Information-als-Ding"? Buckland verweist auf den
Charakter der Evidenz (evidence): Ein Ding ist genau dann
informativ, wenn es in irgendeiner Art und Weise etwas unmittelbar nachweist.
Er
führt folgende Beispiele an:
-
Daten:
d.h. alles, was "verarbeitet" und anschließend benutzt wird. In der
Regel bezeichnet man mit "Daten" alles, was im Computer gespeichert ist.
-
Texte
und Dokumente: es sind die "Informationsdinge", die in Bibliotheken und
Archiven gespeichert und benutzt werden.
-
Objekte:
dazu gehören, wie erwähnt, die Exponate in Museen aber auch Gegenstände,
die wir in der Umwelt durch direkte Beobachtung wahrnehmen, etwa
ein Archäologe, der Artefakte in einer Ausgrabung beobachtet. In diesem
Zusammenhang erweitert Buckland den Begriff des Dokuments auf nicht-linguistische
Gegenstände
-
Ereignisse
(events): wie z.B. Experimente in den Wissenschaften.
Welche
Dinge sind also "informativ"? Im Prinzip, so Buckland, kann alles
informativ sein, sofern nämlich die Dinge einen Evidenz- oder Zeugnischarakter
haben (können), wie das z.B. bei Gerichtsverhandlungen der Fall
ist. Buckland verweist in diesem Zusammenhang auf den juristischen Gebrauch
des Informationsbegriffs.
Ferner
bemerkt Buckland, daß Informationsdinge, dann informativ sind, wenn
sie in einer bestimmten Situation angetroffen werden. Dies liegt
darin begründet, daß "Information-als Prozeß" immer situationsgebunden
ist, so daß die Dinge, die einen prozessual-informativen Charakter
haben sollen, ebenfalls in bezug auf die jeweilige Situation stehen müssen.
Informationsdinge sind also nicht eine "Information an sich", sondern "potentielle
informative Objekte" (potentially informative objects) (Buckland
1991, S. 107). Da die Ansichten, über die mögliche situative
Relevanz von Dingen und somit über ihren informativen Charakter weit
auseinander gehen können, betont Buckland, daß die Informativität
als Ergebnis eines Konsenses oder einer Vereinbarung entsteht. Manche
Dinge, wie etwa ein Telefonbuch, haben einen ziemlich sicheren oder unhinterfragbaren
informativen Status. Wenn wir eine Datenbank aufbauen, tun wir dies ebenfalls
auf der Basis einer Vereinbarung über das, was dazugehört und
was nicht.
Informationsdinge
sind, so Buckland zusammenfassend, sinnvoll in einem doppelten Sinne: Erstens,
ein Gegenstand kann zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten
Situation informativ sein. Zweitens, da die Eigenschaft der Evidenz und
somit die potentielle Informativität eines Dinges nicht von vornherein
feststeht, sprechen wir von Information in bezug auf Dinge, von denen wir
annehmen, daß sie diese Eigenschaft auch in Zukunft haben werden
(Buckland 1991, S. 51-52).
Informationsdinge,
etwa eine Datei oder ein Aufsatz, lassen sich vervielfältigen. Die
Informationswissenschaft unterscheidet dabei zwischen types (Typ)
und tokens (wörtlich: Zeichen, nur scheinbar voneinander unterscheidbar
= Kopie). Token ist also die Kopie eines Originals oder eines Typs.
So zum Beispiel im Falle eines Buches, wo wir mit einem Typ aber
mit vielen tokens zu tun haben. Wenn wir das Vorkommen eines
Wortes in einem Text analysieren, um zum Beispiel eine statistische Angabe
über seine Häufigkeit zu bekommen, dann ist diese Unterscheidung
nicht nur nützlich, sondern notwendig. Sie liegt den gewichtenden
Indexierungs- und Retrievalverfahren zugrunde. Die Frage, ob etwas
ein type oder ein token ist stellt sich besonders akut in
Zusammenhang mit Copyright-Fragen sowie, bekanntlich, in bezug auf Fälschungen
von Originalwerken (Buckland 1991, S. 53-54). Hier wäre weiter zu
fragen, inwiefern die Digitalisierung nicht nur den von Walter Benjamin
(1892-1940) diagnostizierten "Verlust der Aura" der Kunstwerke "im Zeitalter
der technischen Reproduzierbarkeit" und somit den Begriff des Originals
hinfällig macht, sondern die Manipulationsmöglichkeiten so leicht
macht, daß vordergründige Kopien als Originale ausgegeben
werden (Benjamin 1977). Mit anderen Worten, wir hätten dann mit dem
umgekehrten Vorgang als den von Benjamin beschriebenen zu tun: Jeder (scheinbare)
token behauptet ein type zu sein. Auch hier verschärfen
sich natürlich die Fragen nach dem Schutz des geistigen Eigentums.
Wie
Lutz Herrschaft bemerkt, bleibt bei dieser Bestimmung des Informationsbegriffs
offen, "inwiefern man sinnvoll sagen kann, "Information" (oder "Informativität")
sei ein "Attribut" oder eine "Qualität" physischer Objekte" (Herrschaft
1996, S. 175). Information ist vielmehr, auch im Falle ihrer Verdinglichung,
wie Herrschaft in Anschluß an Erhard Oeser bemerkt, ein "Metaprädikat",
d.h. etwas, was nicht den Dingen selbst anhaftet, sondern unser Wissen
von den Dingen und unser praktisches Verhältnis zu ihnen angeht
(Oeser 1976). Dieses Problem wird von den Vertreten des "kognitiven Paradigmas"
aufgegriffen.
|