INFORMATION ALS KAPITAL


Rafael Capurro


 

 
Erschienen in R. Capurro: Leben im Informationszeitalter. Berlin: Akademieverlag 1995, S. 68-77.

 

 

DAS DILEMMA DER NEOKYBERNETIK

Es ist kaum zu übersehen, daß die lange Zeit in Vergessenheit geratene Kybernetik eine neue Aktualität erfährt. Stellvertretend dafür möchte ich auf den von Klaus Haefner (1992) herausgegebenen Band Evolution of Information Processing Systems hinweisen. Charakteristisch für diese, wie ich sie nennen möchte, Neokybernetik (Neo, da sie neuere Ansätze wie Synergetik und Chaosforschung einbezieht) ist, daß sie vom Paradigma der Informationsverarbeitung ausgeht und dieses einem evolutionären Verständnis von Natur und Gesellschaft zugrunde legt

Demnach versteht sich die Neokybernetik als reduktionistisch und nicht-reduktionistisch zugleich. Sie ist reduktionistisch, sofern sie unterschiedliche Phänomene (leblose Materie, Lebewesen, sozio-kulturelle Entwicklung der Menschheit) unter einem Gesichtspunkt, dem der Verarbeitung von Information, betrachtet. Sie soll aber zugleich nicht-reduktionistisch sein, und zwar aufgrund des evolutionären Charakters dieses Formungsprozesses, so daß information processing auf der atomaren Ebene nicht dasselbe bedeutet wie jemandem etwas mitteilen auf der sozialen Ebene, worauf ich im letzten Kapitel zu sprechen komme. (1)

Das führt zu folgendem Paradoxon: In einer bottom-up-Gesamtsicht wird auf den höheren Entwicklungsstufen genauso Information verarbeitet wie auf den niedrigeren. Ein neutraler reduktionistischer Informationsbegriff ist die Voraussetzung dafür. Geht man aber den umgekehrten top-down-Weg, dann kommt man nicht umhin, Information und verwandter Begriffe
– wie zum Beispiel Verstehen, Sprache, Mitteilung, Verarbeitung  –  stets in Anführungszeichen zu setzen, will man den Vorwurf des Anthropomorphismus entgehen.

Die neokybernetische Lösung dieses Dilemmas aut Reduktionismus aut Anthropomorphismus ist beim Baron Münchhausen zu suchen: Man schöpft sich aus dem eigenen Sumpf, indem man beide Wege geht und Grundkategorien wie Information, Informationsverarbeitung oder System jeweils adjektivisch qualifiziert. Das Ergebnis ist dann eine Gesamtsicht "from neural information processing to knowledge technology" (Oeser 1992: 320-349) und zurück. Der Preis dafür ist aber auf der einen Seite die bottom-up-Bestimmung des Menschen als ein informationsverarbeitendes System, während auf der anderen top-down-Seite eine reine Symbolverarbeitung noch lange keiner menschlichen Wissensverarbeitung gleichgesetzt werden kann. Das Dilemma besteht dann darin zu behaupten, daß menschliches Wissen auf einer neurologischen subsymbolischen Ebene beruht, zugleich aber aus dieser hervorgeht.

Will man aber eine nicht-reduktionistische Synthese unterschiedlicher Phänomene erreichen, dann ist diese nur auf dem Weg der Analogie möglich. Ich bezeichne als Informatismus jeden im pejorativen Sinne –  ideologischen Versuch, diesen analogischen Weg so zu verschleiern, daß daraus ein über die alten (und neuen) Materialismen und Idealismen scheinbar hinausgehender dritter zugleich reduktionistischer und nicht-reduktionistischer Weg beschritten wird, im Sinne von Norbert Wieners Formel: "Information is information, not matter or energy" (1961: 132). Ich füge zu Wieners Behauptung hinzu: Jeder Informatismus, der den metaphorischen Sinn von Information nicht akzeptiert, kann heute nicht überleben.

Im folgenden möchte ich zunächst zeigen, daß ein neutraler oder entanthropomorphisierter Informationsbegriff, so wie ihn Claude Shannon und Warren Weaver (1949) geprägt haben,(2) durch die artifizielle Verselbständigung der Sphäre zwischenmenschlicher Mitteilungen ermöglicht wird. Es ist auch kein Zufall, daß Shannon und Weaver den Informationsbegriff im Hinblick auf die technische Übermittlung von Signalen prägten. Erst durch die Herausbildung einer artifiziell verselbständigten Sphäre der Information konnte, so meine These, dieser entanthropomorphisierte und neutralisierte Begriff auf andere Phänomene reduktionistisch angewandt werden. Es findet also analog zur Verselbständigung der Phänomene Ware und Geld, auch im Falle des Austausches von Informationen auf artifizieller Basis, eine Abstrahierung und Verdinglichung statt, die dann die Basis für die Vorstellung eines neutralen Informationsbegriffs wurde.

Wie stellt sich aber unser Verhältnis zu dieser verselbständigten Informationsphäre dar? In Anschluß an die von Michael Eldred an Karl Marx anknüpfende "Wertformanalyse" spreche ich im Falle der Information von Informationsanalyse. (3) In einem zweiten Schritt schlage ich vor, das Verhältnis von Information und Interpretation gewissermaßen umzukehren. Menschliche Interpretationsprozesse knüpfen nicht nur, wie die herkömmliche Hermeneutik betont, an eine höhere geistige Tradition an, sondern sie gründen ebenso sehr in einem unteren, mechanischen oder artifiziellen Informationsprozeß. Die artifizielle Hermeneutik bildet dazu die notwendige Ergänzung und Korrektur.

"WERTFORMANALYSE" UND "INFORMATIONSANALYSE"

"Wertformanalyse" besagt, daß die Sicht, worunter Marx Waren und Geld betrachtet, den Wert, eine wesensmäßige ist. Sie hat den philosophischen Anspruch, die wissenschaftliche Werttheorie über ihre Grundbegriffe aufzuklären. Die Versuchung ist groß, sozusagen als Fortsetzung von Das Kapital eine neue Grundschrift mit dem Titel Die Information zu schreiben, und zwar im Sinne der oben angedeuteten Kritik des neokybernetischen Informatismus. Ich spreche von Versuchung, weil der Preis für eine solche Kritik des Informatismus die mögliche Aufstellung eines festen Maßstabes bedeuten könnte im Sinne zum Beispiel einer Informationsutopie , wodurch sich die Kritik in ihr Gegenteil verkehrt. Wir lassen uns aber auf diese Versuchung, sozusagen versuchsweise, ein.

Wenn nach der Form von Information gefragt wird, dann stelle ich die These auf, daß das Wesen der Information, das, was wir als Information überhaupt auffassen nicht nur sprachliche Phänomene also, obwohl diese eine paradigmatische Funktion haben  , die Relevanz ist. Damit meine ich, daß alle möglichen zwischenmenschlichen Mitteilungen analog zu den von Marx analysierten Faktoren Gebrauchswert und Wert (oder Tauschwert) durch subjektive und objektive Relevanz gekennzeichnet sind (vgl. Capurro 1986: 181 ff.). Der Wert der Information besteht in der sich veräußernden und dadurch potentiell allgemein verwertbaren gesellschaftlichen Arbeit der Interpretation, die subjektiven Ursprungs ist, aber jeweils ein Mehr an Bedeutung, eine potentielle und allgemeine oder objektive Relevanz einschließt. Es gilt: Je selbständiger eine Mitteilung gegenüber dem Mitteilenden ist, umso relevanter wird sie, sofern sie potentiell für jeden, jederzeit und für alles Mögliche relevant sein kann. zur Ausbildung einer solchen Selbständigkeit tragen artifizielle Mittel, von den Tonscherben bis zu den elektronischen Netzwerken, wesentlich bei.

In einer weiteren Paraphrasierung der Marxschen Analyse kann man diesen zum Beispiel durch intellektuelle Arbeit, qualitative Arbeit, Art der artifiziellen Vermittlung entstandenen Wertzuwachs (value-added information) als einen Ablösungsprozeß auffassen, worin jede Information ein Zwischenglied eines rastlosen Zirkulationsprozesses darstellt. Als Ausgangs- und Endprodukt dieses Prozesses stehen nicht die produzierenden Interpreten, aber auch nicht die tatsächlichen Nutznießer, die Informationskapitalisten, da sie wiederum nur Teile oder Mittel dieser verselbständigten Struktur sind.

Wir haben somit nicht nur mit dem "Rasenden der Technik" (Heidegger) und des Kapitals, sondern auch mit dem Rasenden der Information von den pausenlosen CNN-Nachrichtenübertragungen bis zu allen Formen multimedialer Vernetzung zu tun, das stets das Rasende der Informationstechnik, als artifizielle Dimension und Medium des Prozesses, einschließt. Es gilt dann, diese auf den Kopf gestellten Verhältnisse zu 're-volutionieren', um die außer Kontrolle geratene und sich ausbeuterisch gebietende Informationssphäre in herrschaftsfreie Kommunikations- verhältnisse zu verwandeln.

Zu der Entfesselung des ausbeuterischen Produzierens bei Marx und des technologischen Bestellens bei Heidegger, gesellt sich eine dritte Art: die der Information. Letztere bleibt für Heidegger eine Weise des "Ge-Stells", (4) und für Marx eine Branche des Kapitals. In Zusammenhang mit der Marxschen Hoffnung auf eine Aufhebung der privaten Produktion stellt Eldred fest:

"Es scheint mir wichtig, von jedem Hinblick auf eine Überwindung und Beseitigung der jetzigen Verhältnisse, seien sie gesellschaftliche Eigentumsverhältnisse, seien sie wissenschaftliche Verhältnisse des Entbergens, abzusehen, um den Blick auf das, was ist, zu konzentrieren. Vielleicht geht es sogar eher darum, wie wir uns mit dem Gestell und der Verwertung abfinden, als daß wir sie zu überwinden und zu beseitigen trachten. Vielleicht ist der Wille zur Beseitigung selbst problematisch, d.h. zu sehr vom Menschen als Subjekt seiner eigenen Geschichte aus gedacht" (Eldred 1994).

Diese Aussage klingt zwar resignativ ("abfinden") und angepaßt, in Wahrheit aber will sie die Augen vor dem, was ist, offen halten. Wir könnten uns eine interpretatorische Herrschaft über das Informations-Gestell einbilden durch eine bessere Technik oder durch die natürliche Vorstellung einer "transzendentalen Kommunikationsgemeinschaft" (Apel/Habermas) wodurch durch eine wie auch immer gearteten Hermeneutik des Sinns.

Diese besonders seit der Erfindung des Buchdrucks sich entfaltende und durch die neuen Technologien vom Telefon bis zur virtual reality geprägte artifizielle Seinsweise unserer Mitteilungen stellt sich für den Interpreten, gleichgültig, ob er/sie dabei einen theoretischen oder einen praktischen Nutzen erzielen will, als ein labyrinthischer Ort heraus. Dieser Ort ist ein Prozeß oder eine "Zirkulationssphäre" (Marx) der Un-Wahrheit, woraus Gestalter, Betreiber und Interpreten zwar ihren jeweiligen Nutzen ziehen können, der sich aber einer umfasdenden Sinngebung und totalen Beherrschung entzieht.

Dieser Entzugs- und Abstraktionsprozeß vom menschlichen Nutzer ist nicht als metaphysische Hypostasierung, sondern rein artifiziell aufzufassen, denn die Informationen haben für die Träger im wahrsten Sinne des Wortes  keinen Sinn. Sie bilden aber auch nicht eine "dritte Welt" (Popper). Ihre Verselbständigung ist funktional nicht ontologisch. (5). Die Informationssphäre ist eine in ihren Inhalten vom potentiellen Interpreten konstituierten und ihrer Artifizialität auch konstruierten Sphäre, die aber in ihrer Gesamtheit die gewohnten Konturen der Lebenswelt überschreitet und somit neutral oder anonym anmutet. Ihre Artifizialität verleiht ihr den Charakter des menschlich Unspezifischen, einer den menschlichen Mitteilungsprozeß nicht über-, sondern unterschreitenden Form, wodurch dann ein neutralisierter Informationsbegriff paradigmatisch für andere Austauschphänomene wird.

Die Entanthropomorphisierung der Informationssphäre bildet deshalb, so meine These, die Basis für die kybernetische Vorstellung einer aller materielle und immaterielle Austauschprozesse bestimmenden Größe, wobei der Informatismus in die, wie Bar-Hillel (1973: 296) sie nannte, "semantische Falle" des Reduktionismus fällt. Denn wenn wir zum Beispiel sagen, daß eine Symbolkette etwas bedeutet, verwenden wir einen kognitiven Informationsbegriff, der nicht im selben Sinne einer symbolverarbeitenden Maschine (Computer) zugesprochen werden kann. (6)

Ich meine aber, daß die Artifizialität der Informationssphäre eine eigene Qualität hat, die sich von der Reflektiertheit des hermeneutischen Vehältnisses zwischen Interpretation und Tradition unterscheidet, indem sie den Interpreten nicht sozusagen von oben, durch überlieferte Verstehenshorizonte, sondern von unten, gleichsam mechanisch und artifiziell unterwandert. Somit stellt sich nicht nur die Frage nach einem "wirkungsgeschichtlichen" Zusammenhang von Tradition und Interpretation (Gadamer 1975), sondern ebenso sehr die nach der artifiziellen Unterwanderung dieses Zusammenhangs.

DIE ARTIFIZIELLE UNTERWANDERUNG DER INFORMATIONS- GESELLSCHAFT

Ähnlich wie bei der Tradition befinden wir uns als Interpreten gegenüber der artifiziellen Informationssphäre in der paradoxen Lage, daß wir sie nicht ganz in der Hand haben, da sie sich eben artifiziell verselbständigt hat und eine Bedingung der Möglichkeit unseres Verstehens, Gestaltens und Handelns darstellt. Sowenig wir von einem bestimmten thematisierten Vorverständnisses aus zum Beispiel von einer konkreten Interessenlage oder von einer wissenschaftlichen Theorie  das Bedeutungspotential der Tradition ausschöpfen können, sowenig können wir die artifizielle Zirkulation der Information durch eine bestimmte Technostruktur oder, noch weniger, durch einen Rückgriff auf die höhere Ebene der Tradition, in ihrer potentiellen Relevaz fassen.

Es ist besonders durch die elektronische Artifizialität mit ihrer Vielfalt an Medien, Netzen und kombinatorischen Ex- und Implosionen aus Bildern, Tönen und Texten, wodurch wir schon im Vorfeld der Interpretation nicht nur den inhaltlichen Überblick, über das, was es alles an potentiell relevanten Mitteilungen gibt, immer schon verloren haben. Der Interpret erfährt nicht nur eine Bedingtheit nach oben, sondern auch eine durch die "Gutenberg-Galaxis" (McLuhan) eingeleitete artifizielle Bedingtheit nach unten. Durch die Artifizialität der Informationssphäre verändern sich auch die aisthetischen (aisthesis = Wahrnehmung) Rahmenbedingungen der herkömmlichen Hermeneutik. Damit meine ich nicht nur eine Veränderung der Gegenstände der Wahrnehmung, die zum Beispiel aufgrund der Möglichkeit von Visualisierung von Information durch den Computer gegeben sind und nicht besser oder schlechter, sondern eben anders sindals die des Papiers und der mündlichen Mitteilung. Ich meine vor allem auch eine mediatisierte und medialisierte Veränderung unserer eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten selbst.

Diese Situation erfordert eine Reformulierung der der herkömmlichen Hermeneutik zugrundeliegenden rhetorischen und ästhetischen Kategorien, worauf ich jetzt nur andeutungsweise eingehen kann. Während die klassische rhetorische Situation vom Redner ausgeht, der zu überzeugen (persuasio) versucht, muß eine sozusagen artifizielle Rhetorik von der Bedingtheit der Kommunikanten durch die Zirkulationssphäre der Information ausgehen, so daß rhetorische Kategorien wie Findung (inventio) oder Anordnung (dispositio) in Zusammenhang mit artifiziellen Techniken wie information retrieval, Hypertext-Methoden, Software-Design usw. neu bedacht werden müssen.

Das gilt aber, viel grundsätzlicher, für die Vorstellung einer "Fundamentalrhetorik" im Sinne einer Grundlegung der lebensweltlichen, an geschichtliche Traditionen (Sprache, Kultur usw.) anknüpfenden und in ihnen konkret gegründeten Öffentlichkeit, in der die Informationssphäre einen Sinnhorizont finden soll (vgl. Oesterreich 1990). Ich meine, daß eine solche Vermittlung der Informationssphäre mit der Sphäre der Traditionen möglich und notwendig ist, daß sie aber durch die Artifizialität und Verselbständigung der Informationssphäre von unten transzendiert wird, so daß nicht nur die Artifizialität in der Lebenswelt, sondern ebensosehr die Lebenswelt in der Artifizialität  gründet. Der homo rhetoricus des 20. Jahrhunderts ist zugleich ein homo rhetoricus informaticus. Die Informationssphäre stellt die menschliche Bestrebung dar, das Allgemeine nicht nur durch die Unterscheidung des Begriffs zu konstituieren, sondern ebenso sehr durch die Vernetzung des Artifiziellen zu konstruieren. Vom Begrifflichen aus gesehen wirkt sie unterbelichtet, aber vielleicht zeigt sie von sich aus, welcher Belichtungsgrad dem Begriff eigen ist.

Die Artifizialität der Informationsphäre bewirkt nicht nur eine Änderung der Kategorien, die der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Tradition und Interpretation dienten, sondern auch eine Änderung der natürlichen aisthetischen Grundbefindlichkeiten der Interpreten, die von der Informationssphäre aus gesehen Kommunikanten sind. Spätestens hier wird es deutlich, inwiefern Interpretation, nicht primär als eine kognitivistische, sondern als eine den Menschen in der praktischen Gestaltung und Erweiterung seines leiblichen Existierens betreffende Verhaltensweise aufzufassen ist.

Dieser existentiale Sinn von Verstehen, so wie ihn Heidegger in Sein und Zeit ausformuliert hat, wird aber jetzt vor dem Hintergrund der unser "Mitsein" von unten bedingenden und unser utilitaristischen Phantasien stets aushöhlenden Informationssphäre reflektiert, wobei die Artifizialität des "Mitseins" keineswegs mit dem Heideggerschen "Man", also mit einer  Weise der "Verfallenheit" unseres "eigentlichen" Verstehens, gleichzusetzen ist. Denn das "Man" bezieht sich auf die verfestigten unbefragten Traditionen, in denen man sich eben zunächst und zumeist versteht, während die Informationssphäre selbst nicht nur vordergründige, sondern zugleich abgründige Dimensionen aufweist, die den Kommunikanten den Boden unter den Füssen wegziehen und ihnen eine Infragestellung der lebensweltlich festgeschriebenen (Benutzer-) Oberflächen möglich machen.

Auf dem Bildschirm ist nicht alles instantan, immateriell und virtuell, oberflächlich und ohne Hintergrund, wie Wolfgang Welsch (1991: 95) meint. Hinter der Benutzeroberfläche steckt virtuell und materiell die artifizielle Informationssphäre, deren Gleichzeitigkeit eher der Vorstellung einer Alice in Wunderland-Welt, als die von Baudrillard und Virilio beschworenen Simulakren und Geschwindigkeitsapokalypsen, die das Ende jeder kritischen Urteilskraft und einer lebensweltlich bewohnbaren Erde ausmachen sollen. Nur wenn wir eben an der Oberfläche der Benutzeroberfläche bleiben, ergibt sich die von Welsch als Kontrapunkt zur Medienanästhesie propagierte ästhetische Reaktion, die mit dem elektronischen Medium in erster Linie einen Verlust anstatt einer Verwandlung des Aisthetischen zu sehen vermag. Eine so aufgefaßte natürliche Ästhetik bleibt eben blind für die den natürlichen Verstehens- und Wahrnehmungsprozeß von unten her sozusagen listig-mechanisch (mechane) unterwandernden artifizielle Dimension, in der die vertrauten Bilder, Laute, Räume, Zeiten usw. in einem verwirrenden Spiel auftreten.

Demnach verhält es sich umgekehrt zu dem wie Welsch es vermutet: Nicht die Sphäre der Information wirkt anästhesierend auf die artifizielle Unterwanderung der Wahrnehmung, sondern die natürliche Wahrnehmung wehrt sich anästhesierend auf diese Bedrohung des Artifiziellen. Denn gerade die natürliche Wahrnehmung stellt eine über Jahrtausende gewachsene und verfestigte, also uniformierende Sicht dar. Der Einbruch des Artifiziellen öffnet buchstäblich den Blick in den, von der alltäglichen Wahrnehmung aus gesehen, aisthetischen Un-Sinn, von den bizarren Formen der Fraktale bis zu den unerhörten Tönen der elektronischen Musik.

Damit will ich aber keineswegs bestreiten, daß die Oberfläche des Informations-Gestells sich nicht uniformierend, und zwar nicht nur sinnes-, sondern auch sprachanästhesierend auf die Lebenswelt auswirken kann. Daß das Fernsehen zur sozialen Aphasie führt, ist ein allzubekanntes Phänomen. Auch der scheinbar harmlose Charakter einer Benutzeroberfläche kann die lebensweltliche Öffentlichkeit so maskierend prägen, daß die von ihr eröffneten Bedingungen des Handelns (und Denkens) sich als lähmend auswirken.

Aber die Möglichkeiten einer artifiziellen Rhetorik führen nicht notwendigerweise in die Aphasie oder in die Passivität. Die Informationssphäre weist eine spezifische artifizielle Dimension des Schweigens auf, die bekanntlich in der abendländischen Tradition bereits in Platons Kritik der Schriftlichkeit zur Sprache kommt. Die Thematisierung  des die Artifizialität der Informationssphäre bestimmenden Schweigens im Rahmen einer Sigetik steht noch aus. Man sollte nicht vergessen, daß die systematische Verschweigung des Schweigens in der Logik zur Verfestigung und Uniformierung bestimmter Denkformen geführt hat. (7)

So wie  in der Übergangsphase von der mündlichen Sprachkultur in die Schriftkultur die rhetorischen Topoi eine andere Prägung erhielten, ohne daß wir deshalb aufhörten, miteinander von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, so müssen wir auch eine Veränderung durch die artifizielle Informationssphäre bedenken. Ich will nicht sagen, daß wir einen auf die Lebenswelt hin orientierten ästhetischen und rhetorischen Gestaltungsprozeß nicht brauchen oder daß wir gar auf die Ausbildung der natürlichen Wahrnehmung verzichten sollten oder könnten. Das gilt auch im Hinblick auf die Vorstellung eines angeblich linearen Fortschritts der artifiziellen Kommunikationsmedien. Die unterschiedliche Materialität eines Bildschirms und eines Buches führt klar vor Augen, daß keine gleichwertige Visualisierung von abstrakter Information stattfinden kann. (8). Dazu trägt primär nicht die viel beschworene Immaterialität der neuen Medien, sondern ihre Materialität bei (vgl. Gumbrecht / Pfeiffer 1988).

Der elektronischen Informationssphäre öffnet aber sozusagen eine Unterführung unserer ästhetischen und rhetorischen Fähigkeiten durchaus profanen, aber in vielfacher Hinsicht befremdenden und widernatürlichen Erfahrungen der Sinnesverwirrungen und des Un-Sinns. Anstatt uns ästhetische zu erheben, können wir uns aisthetisch erniedrigen oder dezentrieren. Heideggers Wort vom Gestell als dem "photographischen Negativ des Ereignisses" (9) findet eine vielleicht überraschende Deutung, die über ein vordergründiges kulturkritisches Lamento hinausgeht. Erst wenn wir den Oberflächencharakter des Gestells vor dem Hintergrund des es unterwandernden Un-sinns erscheinen lassen, wird diese Oberfläche tatsächlich zu einer Oberfläche des "Ereignisses", zum geschichtlichen Zeichen einer Veränderung oder "Abschwächung" (Vattimo) der lebensweltlich-verfestigten Verhältnisse des Menschen in der Welt.

Diese Veränderung betrifft nicht nur eine Abnahme des vordergründigen Glanzes der natürlichen Ästhetik. Indem wir uns auf die elektronische Informationssphäre einlassen, kann auch eine Relativierung des "Tiefrausches des Verstehens" (Pfeiffer 1988: 27) (10) stattfinden. Glaubten wir durch die Verschriftlichung unserer Mitteilungen und durch ihre Auswahl, Sammlung und Ordnung in einer Bibliothek oder sogar in einer Enzyklopädie des Labyrinths des "Symbolischen" und "Imaginären" (Jacques Lacan) (11) Herr zu werden, so stellt jetzt der vernetzte artifizielle Körper unserer Kommunikationen keinen "Klartext" dar (Kamper 1988: 43-62), sondern eine unentrinnbare Vielfalt von Fäden oder, um eine andere Metapher zu gebrauchen, von Unterwasserströmungen, mit denen auch ein erfahrener Argonaut oder "Hermenautiker" (Friedrich Kittler), mit dem ganzen Schatz an Hard- und Software nicht fertig werden kann. (12)

Die artifizielle Hermeneutik ist nicht bloß eine interpretierende, sondern eine zugleich konstruierende. Sie ähnelt somit eher der Heideggerschen Hermeneutik der Existenz im Sinne eines praktischen Lebensentwurfs als der methodologischen Texthermeneutik der Geisteswissenschaften. Als Hermeneutiker und Hermenautiker stehen wir zwischen Tradition und Information. Wir müssen im vernetzten Labyrinth des Informations-Gestells navigieren und es lebensweltlich gestalten. Dieses klippen- und strömungsreiche Labyrinth arbeitet nicht nur, um an Nietzsche zu erinnern, "mit an unseren Gedanken", sondern auch an unseren Taten. (13)

Durch Humanismus, Naturalismus und Technizismus versuchen wir vergebens die Mitte unserer Existenz festzulegen. Wenn wir uns auf die Entzugsdimensionen des Informations-Gestells einlassen, dann zeigt sich in der Kühle und Profanität des Artifiziellen die labyrinthische Natur unseres Begehrens, uns jenseits der Natur technisch anstatt metaphysisch zu transzendieren. Diese untergründige, wuchernde und chaotische Dimension des Artifiziellen, die nicht selten das Gewand des Faszinierenden anhat, bietet einen unendlichen Stoff für technologische Mythen.

Wir befinden uns hiermit nicht nur "am Ende der Gutenberg-Galaxis" (Bolz 1993), sondern, wie im nächsten Kapitel zu zeigen ist, am Anfang der GOLEM-Galaxis. Ich glaube nicht, daß man die Kybernetik oder die Hermenautik gegen die Hermeneutik ausspielen sollte. Es ist außerdem einfach naiv zu sagen, daß "der Abschied von den diskreten, privaten Dokumenten der Gutenberg-Galaxis [...] eben auch ein Abschied von den Ordnungsmustern Hierarchie, Kategorie und Sequenz" ist (Bolz 1993: 217). Jeder, der mit Datenbanken zu tun hat, weiß, daß Hierarchie, Kategorie und Sequenz keineswegs verabschiedet wurden, sondern, und gerade bei einer Entlinearisierung à la Hypertext, eine konstitutive Rolle dieser Systeme bilden. Bereits in der Gutenberg-Galaxis wußte man von Verweisungstechniken und entlinearisierten Enzyklopädien. Damit will ich keineswegs sagen, daß die neuen Informationstechnologien nur elektronisch transponieren, was in gedruckter Form vorlag. Denn so wie der Übergang von einer vorwiegend oralen zu einer literalen Kultur nicht nur neue technische, sondern auch hermeneutische und lebenstechnische Fragen aufwirft – man denke an die Platonische Schriftkritik  – ,  so stellt die elektronische Weltvernetzung mit der Vielfalt an Verknüpfungs- und Übertragungsmöglichkeiten eine andere Qualität des Mitteilungs- phänomens dar. Wenn für Bolz "die Technik der modernen Post [...] viel interessanter ist als die Theorie der Postmoderne" (Bolz 1994), dann läßt sich diese Einsicht auch umdrehen: Keine Technik der moderne Post ohne Theorie der Postmoderne, denn das Interessante an der modernen Post ist, daß sie die Post der Postmoderne ist.

Wir tauschen auch keineswegs die Welt der Schrift gegen die der Bilder aus, wie Flusser (1993b) behauptet, sowenig wie wir aufgehört haben, miteinander von Angesicht zu Angesicht zu reden, seitdem wir miteinander schriftlich verkehren. Aber so wie eine orale Kultur auf die Utopie der unmittelbaren oral-diskursiven Verständigung orientiert ist, wie am anachronistischen "Mythos des kommunikativen Handelns" (Bolz) ersichtlich, und so wie eine Schriftkultur das Buch ebenfalls zum Mythos erhebt und gegebenenfalls auch, wie bei Jacques Derrida, die Abwesenheit sakralisiert, so scheint es heute auch, als ob das Wuchern der rastlosen elektronischen Informationszirkulation eine negative Utopie menschlichen Nicht- und Halbverstehens, eine Parodie der Texthermeneutik sozusagen, bieten würde. Dabei verkennen wir aber paradoxerweise, daß die Herrschaft einer Mitteilungsform keineswegs eine Verabschiedung der alten Kommunikationsverhältnisse bedeutet. Um die neuen Mythen abzuschwächen, brauchen wir, wie noch zu zeigen ist, eine Genealogie der Information. Zunächst wenden wir uns aber jenem anderen mythischen Überbau unseres Informationszeitalters, der unser offenes und abgründiges Existieren nach oben zu transzendieren versucht.

ANMERKUNGEN

(1) Vgl. dazu Boss' Kritik des Informatismus (1975) sowie Capurro (1981: 333-344).

(2) Zum Informationsbegriff vgl. Capurro (1978).

(3) Vgl. Eldred (1993, 1994)

(4) Mit der Schreibweise "Ge-Stell" unterscheidet Heidegger diesen Terminus vom üblichen Begriff des Gestells. Er schreibt: "Wir nennen die Versammlung der Berge, die, von sich her einig und nie nachträglich, schon gesammelt ist, das Gebirge. Wir nennen die Versammlung der Weisen, nach denen uns so und so zumute ist und sein kann, das Gemüt. Wir nennen jetzt die von sich her gesammelte Versammlung des Stellens, worin alles Bestellbare in seinem Bestand west, 'das Ge-Stell'" (Heidegger 1994: 32). Heidegger verwendet aber auch die Schreibweisen Ge-stell und Gestell (Heidegger 1976b).

(5) Zur Kritik der Popperschen Ontologie vgl. Capurro (1986: 88-98).

(6) Vgl. Dretske (1986: 97-109). Ein ähnliches Problem liegt der Formalisierung des Symbolbegriffs zugrunde, vgl. Krämer (1988b).

(7) Zur Sigetik (sigan = schweigen) vgl. Wohlfart / Kreuzer (1971, Bd. 8, Sp. 1483-1495). Vgl. auch Trettin (1991).

(8) Vgl. Tufte (1983, 1990) sowie Girill (1992:17-26).

(9) Heidegger (1977b: 104). Vgl. Capurro (1992: 220-224)

(10) Vgl. auch die Beiträge unter der Überschrift "Medien/Kopplungen" in : Gumbrecht/Pfeiffer (1991).

(11) Zu Lacan vgl. Juranville (1984).

(12) Vgl. Kittler (1988: 342-359).

(13) Vgl. Nietzsche (1975, III, I: 172). Vgl. auch Stingelin (1988: 327-341).



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Letzte Änderung: 7. Februar 2016



 
    

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