DIE AUFGABE DER UNIVERSITÄT

Gedanken in Anschluß an Ortega y Gasset 

 

Rafael Capurro

  
 
 
 
Veränderte Fassung meines Aufsatzes: Die prima philosophia als instabile Mitte einer Studentenuniversität. In: prima philosophia, Bd. 5, Heft 1, Januar-März 1992, S. 69-78. Eine kürzere Fassung dieses Textes mit aktuellen Bezügen wurde in der Zeitschrift des Deutschen Werkbundes "wertewandel - werkundzeit" 1/2 2007, S. 46-51 mit dem Titel "Über Zeugungslust und Fremdenliebe Oder vom Bau einer Universität" veröffentlicht.

 

 

Inhalt

Einführung   

I. Was ist die Aufgabe der Universität?     
II. Wie läßt sich der universitäre Raum von dieser Idee her bestimmen?   
III. Welche ist die Grundfrage einer Universität?   

Literatur   
   
 

 
   
  

Einführung

Wenn ein öffentliches Gebäude seiner Bestimmung übergeben wird, setzt man voraus, dass die Bauherren sich dieser Bestimmung auch bewußt waren, ja, dass sie versucht haben, ihr so gut wie möglich zu entsprechen. Gemäß dieser Vorstellung steht diese Bestimmung im Sinne eines nur annähernd erreichbaren Ideals gewissermaßen schon fest, sie ist allgemein bekannt, so daß man sie eigentlich nicht ausdrücklich thema- tisieren muß. Sie kommt höchstens in einer feierlichen Floskel bei der Einweihung des Gebäudes zur Sprache. 

Im Folgenden möchte ich einige Gedanken über eine solche Selbstverständlichkeit  zur Sprache bringen. Ich frage also: Was ist die Aufgabe der Universität? Wie läßt sich der universitäre Raum von dieser Idee her bestimmen? Welche ist die Grundfrage einer Universität?
  

I. Was ist die Aufgabe der Universität?

Eine Universität ist, wie jeder weiß, ein Ort an dem man eine akademische Ausbildung bekommt. Den Mittelpunkt bilden die in den unterschiedlichen Fächern zu vermittelnden Inhalte. Diese Tätigkeit wird von einem Lehrkörper ausgeübt, deren zugleich forschender Körper ist. Dieses Zwitterwesen aus Menschengehirn und Papageienschnabel steht einer Masse von menschlichen Wesen gegenüber, die sozusagen den äußeren Rahmen einer Universität bilden.

Ortega y Gasset hat diese merkwürdige und weit verbreitete Vorstellung in Frage gestellt (Ortega 1956; Capurro 1999).  Mit Hinweis auf die damalige (1930) Studentenbewegung schreibt er als Antwort auf die Frage nach der "Aufgabe der Universität" Folgendes:  

"Es ist dieses: Die Zeit als Ganzes, die Gegenwartslage des Unterrichtswesens auf der gesamten Welt, drängt danach, dass der Lernende wieder zum Mittelpunkt der Universität werde und dass deren Wesen im Studierenden und nicht im Professor beschlossen sei, so wie es in den Zeiten ihrer größten Unverfälschtheit gewesen ist." (Ortega 1956: 221)
Allerdings halte ich die Forderung Ortegas, aus Fachleuten, die den harten Kern des "Massenmenschen" darstellen, gebildete und für die Führung des Staates geeignete Leute zu machen, für eine romantisierende Vision der Eliten und eine nur negative Auffassung dessen zu sein, was der Masse-Metapher zugrunde liegt.

Es mag zunächst wie eine triviale Feststellung klingen, dass wir, wie der Psychoanalytiker Medard Boss in Anschluß an Heideggers Existenzial- analytik schreibt, keine "Psyche-Kapseln" sind, sondern einer gemeinsamen Welt aufgeschlossen sind, wo wir uns mit den anderen bei denselben Dingen aufhalten (Boss 1975). Weil wir eine gemeinsame Welt mit-(anderen)-teilen, können wir uns auch etwas mitteilen. In diesem gemeinsamen Verstehens- und Verständigungsprozeß bilden wir stets Bedeutungsnetze, von wo aus wir das uns Begegnende deuten und/oder (kausal) erklären. Ein Charakteristikum jener Wissensform, die wir Wissenschaft nennen, ist die Entwicklung von Sichtweisen und Methoden, d.h. von Bedeutungsnetzen unter bestimmten Perspektiven und mit Hilfe einer bestimmten Begrifflichkeit mit dem Zweck der Erklärung der Phänomene sowie der Prognose. Wir sprechen auch von Fächern oder Fachgebieten, um den gemeinsamen und stets vorläufigen Verstehens-, Erklärungs- und Verständigungsrahmen einer Fachgemeinschaft zu kennzeichnen.

Karl Popper hat dem Denken in Disziplinen das Denken in Problemen entgegengesetzt (Popper 1965: 67). Diese Gegenüberstellung setzt aber eine schubladenartige Vorstellung des Begriffs Fachgebiet voraus.  Die Metapher des Gebiets läßt aber auch die Möglichkeit zu, das Gebiet im Sinne eines von einer Gemeinschaft von Fachleuten eröffneten Horizont verstehen, das durch seine Vorläufigkeit und Durchlässigkeit zu anderen Horizonten gekennzeichnet ist (Capurro 1986). Solche Horizonte ermöglichen erst die auftauchenden Probleme aus unterschiedlichen Perspek- tiven zu sehen und dementsprechend auch konkrete und in bezug auf bestimmte Perspektiven entworfene Lösungen zu suchen. Dieser doppelte Charakter eines Fachgebiets, seine Tendenz zur Verfestigung und Abkapselung und seine Horizonthaftigkeit und Durchlässigkeit, kommt in derjenigen Institution besonders zum Ausdruck, in der eine Gemeinschaft ihre Aufgabe darin sieht, an Entstehung, Bestand und Fortbildung eines Fachgebiets andere Menschen teilhaben zu lassen. Damit wären wir beim Kern einer, wie wir sie nennen könnten, Studentenuniversität.

Eine Universität ist ein Raum wissenschaftlicher Öffentlichkeit. Man kann grob zwischen formellen und informellen Kommunikationsformen unterscheiden, durch die sich eine solche Öffentlichkeit konstituiert. Dabei darf aber nicht vergessen werden, das diese sich zwar von der gemeinsam mit-geteilten Weltoffenheit durch das Methodische unterscheidet, dass sie aber keine in sich geschlossene Offenheit ist. Im Gegenteil, ihre Durch- lässigkeit oder Transparenz ist auch ein Kennzeichen, dass hier keine Geheimlehre behütet wird. Der Form der Mitteilung, nämlich Rede oder Schrift, liegt zunächst der Unterschied zwischen informell und formell zugrunde.

Es handelt sich dabei um einen fließenden oder wechselnden Grad des Öffentlichmachens. Gedruckte Veröffentlichungen waren zur Zeit der Aufklärung das Paradigma wissenschaftlicher Kommunikation. Für Kant war die Zensurfreiheit in diesem Bereich, die Gewährleistung, dass man von seiner Vernunft "öffentlichen Gebrauch" machen kann und somit das entscheidende Kriterium der Aufklärung. Unter "öffentlichem Gebrauch" verstand er jenen Gebrauch "den jemand als "Gelehrter" von ihr (der Vernunft, RC) vor dem ganzen Publikum der "Lesewelt" macht" (Kant 1975: 55; Capurro 1991:  
129 ff).

Das Zusammenspiel von formellen und informellen Kommunikationsformen hat durch die weltweite Vernetzung ungeahnte Möglichkeiten der Durchlässigkeit sowohl zwischen den Disziplinen als auch zwischen ihnen und der Öffentlichkeit ins Spiel, ich meine auch ins universitäre Spiel, gebracht. Dabei gelten solche Bezüge in beiden Richtungen: Die Universität muß wissen, was draußen geschieht, und die Öffentlichkeit kann und soll vom methodischen Logos der Wissenschaft erfahren. So gesehen, stellt sich der universitäre Raum, dessen Mittelpunkt die Studierenden sind, als ein durch alte und neue Formen der Mitteilung bestimmter Raum   

In der schon erwähnten Schrift spricht Ortega vom "ökonomischen Prinzip", welches nicht nur in der Wirtschaft, sondern eben auch in der Lehre und Forschung eine entscheidende Rolle spielt. Im Falle der Universität geht es um die Begrenztheit an Zeit, Gedächtnis, Intelligenz, Konzentration, aber auch, so möchte ich hinzufügen, an Geld und leiblichem Aushaltevermögen der Lehrenden und Lernenden. Zum Kern der universitären Wissens- ökonomie gehören alle formellen und informellen Kommunikationsformen.
  

II. Wie läßt sich der universitäre Raum von dieser Idee der Universität her bestimmen?

Wenn wir das Gesagte als Ansatz für die Bestimmung des universitären Raums nehmen, dann bedeutet das, dass wir diesen Raum nicht als etwas betrachten, was erst da ist, wenn der Bau errichtet wurde, sondern wir müssen uns zuvor über seine spezifische Eigenschaft im Klaren sein. Dieser Raum wird primär von den Studierenden bestimmt. Sie sind diejenigen, die diesen Raum mit-(anderen)-teilen. Nicht nur Lehrräume, sondern ebenso sehr Aufenthaltsräume gewinnen dann eine zentrale Bedeutung. Diese sind aber, im Unterschied zu anderen Aufenthalts- räumen z.B. die einer Arztpraxis oder eines Bahnhofs von der Wissens- miteilung her bestimmt oder, genauer gesagt, gestimmt. Staunen und Zweifel gehören zu den Kernstimmungen unserer wissenschaftlichen Tradition. Die von ihnen be- und gestimmte Wissenshaltung ist die des forschenden Fragens. Im Gegensatz aber zu praktischen Fragen, die keinen Aufschub dulden, schließen theoretische Fragen die Stimmung der Geduld ein. Man muß Spaß daran haben, immer wieder von Neuem anzufangen, im Geiste eines Wissenswettbewerbs. 

Zu den Mitteilungsräumen gehören auch die Lehrräume, die also nicht jener Ort sind, wo der Dozent Sachverhalte verkündet, sondern wo ein gemeinsames fragendes Suchen stattfindet. Sie sind also Orte der Sammlung, die durch die Stimmung des Ernstes und der heiteren Gelassenheit gekennzeichnet sind. Da sowohl Studenten als auch Dozenten von ihrer Wissensbestimmung her stets dem Fraglichen oder Unbekannten offen sind, stellt dieses den eigentlichen Mittelpunkt eines solchen Raumes dar. Sokratisch ausgedrückt: Der Bezug zwischen Wissen und Nicht-Wissen macht das Wesen des Wissenssuchenden aus. Ein solcher Bezug ist, architektonisch gedacht, der Raum zwischen den Fragenden. Es ist also eigentlich der leere Raum, dass die fragende Aus-einander-setzung und den methodischen Bezug möglich macht. Die Leere eines solchen Raumes hat aber dadurch ihre eigene Bewandtnis. Sie ist eine besonders gestimmte Leere, und umgekehrt, die Stimmung der den Raum Miteilenden, muß von dieser Leere her gedacht werden. Diese Stimmung ist eine theoretische, gelassene und in sich ruhende. Die Anonymität der Leere läßt die Namen derjenigen, die sie mit-teilen zum Vorschein kommen. Sie gibt auch jene Fragehorizonte frei, die wir als Fachgebiete kennzeichnen. Und sie weist über die universitäre Bestimmung ihres Wesens hinaus, nämlich auf die verschiedenen Räume der politischen Öffentlichkeit aber auch auf die ihrer eigentlichen Unermeßlichkeit, nämlich auf den kosmischen Raum hin. 

Die Weise, wie die Studierenden die Leere mit-teilen ist das Wort. Ihm gegenüber zeigt sich die Leere als das Schweigen, ein beredtes Schweigen sozusagen, das auch dem unausgedrückt bleibenden Wort seinen Sinn gibt. Grundformen der universitären Mitteilung und Bildung (informatio) sind: 

  • lectio oder die gegenseitige Unterrichtung über die zu besprechenden Sachverhalte,
  • locutio oder die Aussprache und das je eigene Wort über das in Frage Stehende, und 
  • disputatio oder die gemeinsame Ausarbeitung der offenen Fragen, wodurch der Bezug zwischen Wissen und Nicht-Wissen zum Ausdruck kommt.
Die entsprechenden Verfallsformen gehen von der bloßen Paraphrase, über den bewußten Ausschluß gegenteiliger Argumente, die Übernahme fremder Gedanken und Ergebnisse als ob sie die eigenen wären, bis hin zur Verleumdung sowie zu allen Formen der Polemik.   

Die Lernenden, die Lehrenden sowie selbst auch Lernenden, der Prozeß der Mitteilung und die Sachverhalte  geben dem universitären von den Studierenden mit-geteilten Raum seine Bestimmung und damit auch seine besondere Stimmung, nämlich die von Ernst und Spiel. Dementsprechend ist die Mitte der Lehr- und Lernräume sowie der Aufenthaltsräume eine schweigende Mitte oder eine Mitte die das Wort spendet, zum Reifen bringt und in sich wieder aufnimmt.  

Ein universitärer Raum ist ein Ort der Wissenszeugung. Es herrscht dabei das allgemeine Gesetz der Promiskuität. Feste oder dogmatische Bindungen am eigenen Wissenshorizont verwandeln dieses in einen Spiegel, wo der Suchende stets und überall nur sich selbst zu sehen vermag. Promiskuität schließt Obszönität, Zeugungslust und Fremdenliebe ein. Unter Obszönität verstehe ich die mutige Suche nach der nackten Wahrheit. Der universitäre Logos ist ein sozusagen unverschämtes Wort. Die Frage nach einer Ethik von Wissenschaft und Technik findet hier ihre Wurzeln. Die wissenschaftliche Hybris besteht darin, zu glauben, dass es so etwas wie eine vollkommene Enthüllung geben kann. Das unverschämte Wissen bleibt aber stets offen und vorläufig und es ist erst aus dieser Grundscham vor seinem eigenen Wesen, dass es auch ent-hüllend sein kann.  

Dementsprechend ist der Sinn des Enthüllens nicht der Exhibitionismus, sondern die Zeugung. Dabei unterscheiden sich die Hervorbringungen des universitären Wortes und die jeweiligen Räume von anderen Weisen des produktiven Logos. Man denke zum Beispiel an den theatralischen Logos, welcher nach der Einheit und Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum verlangt, oder auch an den Logos der Geschäftswelt, welcher alles Qualitative zum Schmuck der Quantität macht und wo der Raum (und die Zeit) als eine zu überbrückende Dimension erscheint. Demgegenüber bestimmt der universitäre Logos seinen Raum als einen Ort der Entblößung, oder der Wahrheit im Sinne der Un-Verborgenheit (Griechisch: aletheia) (M. Heidegger). Diese ist zugleich immer schon Weg, Methode, Prüfung. Sie ist sich weder ihres Ursprungs noch ihres Zieles sicher. Dass der universitäre Raum ein Ort der Wahrheit ist, bedeutet, dass die an der Entdeckung und Zeugung des Fremden Beteiligten das Wort anders als an anderen Orten mit-teilen und mitteilen.   

Folgende Charakteristiken kennzeichnen die Mitteilung des universitären Wortes und mit ihr den ihr entsprechenden Raum:  

1) Es handelt sich um eine sammelnde Mitteilung. Demgegenüber ist etwa der theatralische Logos eine Form der ekstatischen also außer sich gehenden Mitteilung. Die extremste defizitäre Form der Sammlung stellt eine Irrenanstalt dar. Gegenüber der religiösen Sammlung stellt sich im universitären Raum die Offenheit der Bezüge zu anderen Räumen des Politischen als ein Positivum dar. Er ist ein sammelnder aber zugleich ein durchlässiger und durchscheinender Raum.   

2) Der universitäre Logos ist zwar grundgebend oder -suchend (Griechisch: logon didonai) aber frei, grundlos oder undogmatisch. Ich habe schon auf den Charakter der Obszönität des Logos hingewiesen. Demgegenüber stehen solche Räume, in denen der Logos sei es auf einem festen geistigen Grund, wie etwa bei einem Tempel oder einer Kirche, sei es auf einem weltlichen Machtgrund, wie etwa einer Burg oder einer Verteidigungsanlage gegründet und mit-geteilt wird. Durch den Charakter der Grundgebung unterscheidet sich wiederum der theoretische Logos von dem der bloßen Meinung. Aus dem Spiel zwischen Grundlosigkeit und Grundsuche gewinnen wissenschaftliche Theorien und Methoden ihren eigentümlichen Charakter der Vorläufigkeit und Fragwürdigkeit. Die Einheit von Grundsuche und Grundlosigkeit unterscheidet diesen Logos vom Logos der Zerstreuung oder der bloßen Meinung in seinen vielfältigen auch räumlichen Formen sowie auch vom rein gewinnorientierten Logos der Geschäftswelt.

3) Der universitäre Logos ist, schließlich, ein offener und ein öffentlicher. Das unterscheidet ihn vom privaten Logos innerhalb "der eigenen vier Wände" (H. Arendt 1981: 68) und von den entsprechenden defizitären Formen wie zum Beispiel vom Gefängnis. Die öffentliche Mitteilung und Mit-teilung des theoretischen Logos hat ihre eigene Bewandtnis. Sie bietet nämlich einen eigenen öffentlichen Raum für die anderen Logoi. Diese haben ein sozusagen Anrecht auf Asyl innerhalb des universitären Raums. Sie können dort, in der Fremde also, zumindest zeitweilig, jene Grundrechte des theoretischen Logos für sich beanspruchen, sich sammeln, ihre bisherigen Grundlagen in Frage stellen, sich anderen Logoi öffnen.

Den verschiedenen Logoi gegenüber kann sich aber der universitäre Logos seinerseits nicht mehr anmaßen, eine Wissenshierarchie zu bilden, die dann als Maßstab des eigenen Raumes dient. Er würde aber seine eigene Aufgabe ebenfalls verraten, wenn er die Logoi bloß in sich aufnehmen würde, ohne sie dabei eigens zu bestimmen. Es sind gerade verfestigte Hierarchien, die er sprengen kann und sich abkapselnde Bereiche, die er in vielfältigen Beziehungen bringen kann. Nicht also das Hierarchische, sondern das Fließende, Ver- und Entbindende ist seine Hauptaufgabe. Dieser Charakter des Unterwegsseins gab den Namen jener Denkschule, die neben der Platonischen, zu Beginn der abendländischen Universitätstradition steht, nämlich der peripatetischen. Dabei unterscheidet sich die Verräumlichung des denkerischen öffent- lichen Unterwegsseins dadurch dass diese, im Unterschied zum Beispiel zur Durchgangshalle eines Bahnhofs, ihren Zweck in sich selbst findet, sie ist ein bleibender Durch-Gang.

Eine jeden spezifischen Bau sprengende Form des theoretischen Durchgangs war die Sokratische, die sich in jenen öffentlichen Räumen kat' exochen verräumlichte, nämlich in der Agora und in der Palästra. Während die Platonische Akademie bereits an ihrem Eingang eine Warnung aufstellte, wurde die Schule des Aristoteles gerade durch jenes Gebäude bezeichnet, das für den Durchgang der Öffentlichkeit bedacht war, nämlich die Wandelhalle. Beide Mitteilungsmodelle stehen zu Beginn unserer universitären Tradition. Sie verkörpern mit unterschiedlichem Schwerpunkt die zugleich esoterische oder schulbildende und exoterische oder öffentliche Natur des wissenschaftlichen Wissens und seiner Mitteilung.   

Eine Universität ist weder eine Insel der Seligen noch der Ort politischer Entscheidungen, sondern die von ihr konstituierte Öffentlichkeit hat gegenüber der Religion und der Politik eine eigene Würde und Autonomie, die emphatisch in der Neuzeit zum Vorschein kam. Ich meine, dass die Universität diese Autonomie heute, am Ende der Moderne, ohne Emphase vertreten soll. Das bedeutet, das sie die Schwäche des eigenen Logos erkennen muß. Dieses "schwache Denken" (G. Vattimo 1989), hat keine ideologischen Machtambitionen. Es soll weder die Wege der politisch-ethischen Entscheidungen vorbestimmen noch bildet es sich ein, über alle Dimensionen menschlichen Existierens Bescheid zu wissen.

III. Welche ist die Grundfrage einer Universität?

Die heutige Universität ist eine Massenuniversität. Im Gegensatz zu Ortegas berühmter Analyse des "Massenmenschen" (Ortega 1960), muß diese Charakteristik nicht etwas Negatives bedeuten. Gerade die 68er und die 88er Studentenbewegungen zeigen, trotz ihrer Unterschiede, dass diese Masse nicht einfach die Vorteile dieser Institution (und vermutlich auch nicht die der politischen Institution) im Sinne des "zufriedenen Herrchens" wahrnimmt und sich dabei weigert, die Führung zu übernehmen. Der "Aufstand" richtet sich gerade gegen jene Formen der Universität, in denen die Studenten in die Peripherie geraten.

Eine Massenuniversität als Studentenuniversität ist aber in einem anderen Sinne eine positive Chance. Ortega sah nämlich im "Massenmenschen", dessen Kern der an Universitäten ausgebildete Spezialist war (ist), etwas, was durch ein "ökonomisches" Bildungssystem überwunden werden könnte und sollte. Die Hauptaufgabe der Universität lag für ihn darin, dass diese den Studenten außer der beruflichen Ausbildung die gesamte Kultur der jeweiligen Zeit vermitteln sollte, um aus einem bloß ausgebildeten Fachmann einen gebildeten Menschen zu machen. Daher sollte der Mittelpunkt der Universität eine "Kultur-Fakultät" sein, in der auf synthetisch-systematischer Weise die wichtigsten Ergebnisse oder Sichtweisen der Grunddisziplinen (Physik, Chemie, Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie) vermittelt würden. Ortega fand mit Recht, dass der universitäre Logos nicht allein der Logos der Forschung ist, sondern dass dieser in seiner Kopplung mit dem Bildungsauftrag zu sehen ist.

Ich meine aber, dass die Gegenüberstellung 'Spezialisten oder Durchschnittsmenschen vs. gebildete Menschen' schief ist, sofern nämlich Bildung nicht aus einem Kanon von Wissensinhalten, sondern aus der Einsicht in die Instabilität oder Grundlosigkeit des Wissens entsteht. Das bedeutet, dass weder einzelne Fächer noch das Wissen insgesamt den Kern der Bildung ausmachen. Dieser ist eine offene aber bestimmbare Leere. Eine Studentenuniversität muß Raum für sie schaffen, bei der es um all dessen geht, was mit und ohne unsere Mitwirkung zu erscheinen vermag. Die Grundfrage des Wissensuchenden ("was/warum ist...") ist instabil und läßt sich weder durch ein Fach noch durch einen Fächerkanon genau eingrenzen und festlegen. 

Wenn dem so ist, dann ist auch das Gebäude einer Universität grundlos oder hat keine arché. In diesem wie in anderen Fällen müssten die Architekten Wunder vollbringen, zumal, wenn sie rein archi-tektonisch denken. Sie müssten zuerst an die mit-zuteilende Leere denken, und erst da-nach bauen. Ein solches grundloses, ohne Maßstab und Lineal konzipiertes Gebäude ist ein imaginärer und offener Bau, eine gebrechliche Struktur, etwas Vorübergehendes. Es hat etwas von einem Zelt sowie von der Ruhe eines spanischen Innenhofs, wo das Wachsende und Fließende zum Verweilen einladen. Es ist umgreifend, aber ohne pathos. Es ist sozusagen ein ironisches Gebäude. Es beherbergt scheinbar Macht und Gewinn. Aber das, was man zu wissen und zu können meint, wird in seiner Vorder- und Hintergründigkeit mit-geteilt und durch-gehend in Frage gestellt.

Was ist eine Universität und wie läßt sich von dieser Idee aus der universitäre Raum bestimmen? Das ist, in der Tat, ein weites Feld, ein campus sozusagen.

 

 
     
  

Literatur

 
Arendt, H. (1981): Vita activa. München 1981.  

Boss, M. (1975): Grundriss der Medizin und der Psychologie. Bern: Huber 1975, 2. erg. Aufl.  

Capurro, R. (1999): José Ortega y Gasset. In: J. Nida-Rümelin, Hrsg.: Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Stuttgart 1999.  
-: (1986): Hermeneutik der Fachinformation. Freiburg/München 1986.  
-: (1991): Aufklärung am Ende der Moderne. In: J. Albertz, Hrsg.: Aufklärung und Postmoderne. Wiesbaden 1991, Bd. 11, S. 129-138.  

Kant, I. (1975): Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: ibid.: Werke, Hrsg. W. Weischedel. Darmstadt 1975, Bd. 9.  

Ortega y Gasset, J. (1956): Die Aufgabe der Universität. In: ibid.: Gesammelte Werke. Stuttgart 1956, Bd. 3, 196-247.   
-: (1960): Der Aufstand der Massen. Berlin 1960.  

Popper, K.R. (1965): Conjectures and Refutations. London 1965.  

Vattimo, G. (1989): Das Ende der Moderne. Stuttgart 1989.


Letzte Änderung: 22. Mai  2016
     
 
 
      

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