DAS ZAUBERWORT

Anmerkungen zu: W. Welsch "Stunde des Philosophierens"


Rafael Capurro
  

 

  
 
Erschienen in Nürnberger Blätter, Nr. 9, Dezember 1988 - Februar 1989, 16 mit Bezug auf:  W. Welsch "Stunde des Philosophierens" in: Nürnberger Blätter Nr. 8, 1988, 15.




Zur Erinnerung: "Lyotard spielt den aktuellen Bezug seiner Sprachreflexion deutlich aus. Er versteht seine Konzeption als Widerstandspotential gegen den heute dominanten Uniformierungsmodus: die drucktechnische Uniformierung, welche Sprechen auf den Austausch von gedruckten Büchern reduziert und alles Sprachliche in die Anpassung an das neue universelle Idiom der Bleisetzung zwingt und dabei Erwartung, Ereignis, Wunder eliminiert." (Im Original hießt es jeweils: informations-technologische, Informationen, Bit um Bit)

Ich frage mich, ob Welsch (und Lyotard) sich die Sache, um die es (nicht nur bei der Postmoderne) geht, nicht vielleicht zu einfach macht. Mit Hilfe eines Zauberworts nämlich: Heterogenität (oder Pluralität), von dem es heißt, es stünde bereits zu Beginn der Moderne, sei aber nachher verschüttet (so Welch in seinem Buch: Unsere postmoderne Moderne, S. 83). Diesem Zauberwort wird die "Hegemonie der Informatik" (ibid. S. 219) bzw. die "Axiomatik der Computer-Rationalität" (in "Stunde des Philosophierens") gegenübergestellt.

Mit scheint, daß diese Gegenüberstellung schief ist, bzw. daß sie so die Sache nicht trifft, um die es eigentlich geht.

Man braucht nur die letzte Seite von Lyotards "Das postmoderne Wissen" zu lesen, um zu sehen, daß die Problematik der "Informatisierung der Gesellschaft" nicht in eine Gegenüberstellung von Heterogenität der Diskursarten und Homogenität der Computer-Rationalität mündet. Die Sache, um die es geht, so steht es dort zu lesen, "ist im Prinzip sehr einfach: Die Öffentlichkeit müßte freien Zugang zu den Speichern der Datenbanken erhalten."

Es geht also um Zugang zu Datenbanken und nicht etwa um die Kennzeichnung dieser Datenbanken als "informations-technologischen Uniformierungsmodus". Welsch scheint nicht zu merken, daß gerade die Informationstechnologie selbst die Heterogenität der Diskursarten, d.h. der Abfrageperspektiven (hermeneutisch: "Vorverständnisse") in den Vordergrund rückt, und zwar in potenzierter Form gegenüber dem Gedruckten. Die Informationstechnologien sind die "postmoderne" Form der Moderne, d.h. des Buches. Sie ersetzen allerdings das Buch nicht. Sie führen das dabei Erträumte, nämlich ein universelles (über Zeit und Raum) zu führendes (im Kantischen sinne) öffentliches Gespräch auf einer anderen Ebene von Vielfalt vorausgesetzt der öffentliche Zugang wird gewährleistet. Und hier liegt in der Tat einer der Haken:

Es  genügte im Sinne der Aufklärung auch "damals" nicht, Bücher zu Drucken, man musste vielmehr zugleich auch öffentliche Bibliotheken schaffen, um das aufklärerische Potential wirksam werden zu lassen. Man musste auch "den Leuten" "das Lesen" beibringen, d.h. eine gewaltige Erziehungsarbeit findet seitdem (noch?) statt, die darauf zielt, "den Leuten" klarzumachen, daß etwas nicht deshalb wahr ist, weil es geschrieben (sprich: gedruckt) steht. Datenbanken (dieser Begriff umfaßt eine Heterogenität (!) von Sachverhalten, wovon weder bei Welsch noch bei Lyotard die Rede ist) stellen den Suchenden stets vor ein hermeneutisches Problem: Sie konfrontieren ihn unmittelbar mit einer Vielfalt von möglichen Perspektiven, die sich eben nicht, wie im Falle der (Bibliotheken der) Moderne, auf der "Lösung" einer "Universalklassifikation" (man denke an die "Dezimalklassifikation" im 19. Jh.) reduzieren lassen.

Was dabei in Frage gestellt wird, ist auch nicht "einfach" das Prinzip der Klassifikation selbst, sondern der Anspruch dieses Prinzips gegenüber seiner tatsächlichen Leistung. Klassifikationen drücken eben die Herrschaft eines homogenen Prinzips aus. Das systematisch (!) gegliederte Buch bzw. die Enzyklopädie waren die Hauptwerke des modernen Denkens. Ihm steht nicht einfach die Postmoderne gegenüber: Klassifikationen spielen auch heute noch, etwa bei der Suche in bibliographischen Datenbanken, neben anderen (!) Möglichkeiten, eine wichtige aber keineswegs mehr die entscheidende Rolle. Und es ist weiterhin sinnvoll, daß wir (gute!) Bücher mit einem guten (!) Inhaltsverzeichnis schreiben...

Natürlich war das "Zauberwort" der Pluralität "damals", also zur Zeit des Buchdrucks, nicht einfach die Lösung für das neu entstehende Problem. Es gab, wie gsagt, zwei Dinge zu lösen: der Zugang und das "Lesen-Lernen". Das Schwierige bei den "neuen Technologien" ist u.a. daß diese zwei Dinge gewissermaßen vereint sind: durch den zugang wird erst das "erzeugt", was wir lesen wollen. Außerdem hat "die Kiste" (= der unsichtbar bleibende Computer) eine "magische" Ausstrahlung und - es bleibt uns nicht viel Zeit (ganz sicher keine dreihundert Jahre) um "lesen zu lernen".

Am Ausgang des Mittelalters zwang die Druckerpresse zu einem technologischen, wissenchaftlichen, sozialen und kommunikativen Umdenken. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation. Natürlich brachte die Druckerpresse gegenüber der Buchmalerei auch eine "Sprachuniformierung" mit sich. Wo lag aber das eigentliche Problem? Wohl nicht darin, sondern in der neuen "Seinsweise" des Gesprächs, die durch diese Technik (und jede Technik ist deshalb niemals bloß "neutral", sondern eine mögliche menschliche Seinsweise) ermöglicht wurde.

Das alles soll natürlich nicht gesagt werden, um die Informationstechnologie etwa zu "glorifizieren". Es geht eben um die "Stunde des Philosophierens", d.h. des Nachdenkens darüber, wie wir mit der möglichen Steigerung (!) der Heterogenität der Diskursarten, die diese Technologien mit sich bringen, umgehen sollen, wenn wir uns nicht dabei selbst "ad absurdum" führen wollen.

Die entscheidende Frage ist also nicht die, ob die Postmoderne den modernen Grundzug der Heterogenität in den Vordergrund stellt, sondern wie wir individuell und sozial mit Pluralität umzugehen lernen. Dies um so mehr als, wie gesagt, gerade die Informtionstechnologien diese Pluralität explosionsartig steigern. Wollen wir nicht nur (wie in der Moderne) in Büchern, sondern auch in Informationen ersticken, dann müssen wir das "Auswählen" lernen. Diese Problematik ist "unendlich" komplex und es genügt nicht, eine Pluralität von Diskursarten zu fördern. Wir müssen vielmehr hermeneutische Spielregeln schaffen, um zu einem, wie Vattimo vielleicht sagen würde, "schwachen Gespräch" zu kommen.

Mit einem Wort, es kommt alles darauf an, ob wir die Informationstechnologien als eine "schwache Technologie" gestalten. Sie sind vielleicht, auch im Anschluß an Vattimo, unsere "einzige Chance", den hierarchischen Diskurs der Moderne in seiner uni- (desin-)formierenden Einseitigkeit zu sehen. Er war es nämlich, der eine "universelle" (sprich: europäische) Uniformieungs-Strategie propagierte. Dieser Strategie können natürlich auch die modernen (!) Informationstechnologien bedienen, wenn wir sie weiterhin von der Optik der Moderne aus betrachten. Sie bieten aber auch, so wie der Buchdruck, eine andere Chance, vorausgesetzt wir zwingen sie nicht in das hierarchische Denken und Handeln der Moderne, sondern entwickeln sie in ihrer "weichen", verletzlichen Seite. Was wir dabei "verwirklichen", sind natürlich- wir selbst.


Literatur

R. Capurro: Hermeneutik der Fachinformation (Freiburg/München: Alber 1986)
- Die Informatik und das hermeneutische Forschungsprogramm. In: Informatik-Spektrum 10, 1987, S. 329-333.
- Die Veranwortbarkeit des Denkens. In: Forum für interdisziplinäre Forschung I, 1988, S. 15-21.
- Übersetzung, Einleitung und Nachwort von Gianni Vattimo: La fine della modernità (Garzanti 1985):  Das Ende der Moderne, Reclam 1990.

Letzte Änderung: 4. Juli  2017
    
 
 
    
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