DIGITALE ETHIK 

Rafael Capurro
  
 
 
  
Beitrag ursprünglich vorgetragen  beim 2009 Global Forum on Civilization and Peace veranstaltet von The Academy of Korean Studies, Seoul, 1.-3. Dezember 2009. Zuerst veröffentlicht in: The Academy of Korean Sudies and Korean National Commission for UNESCO 2009 (Eds.): 2009 Global Forum Civilization and Peace, 207-216. Deutsche Übersetzung (von Mag. Norbert Berger, Karl-Franzens Universität Graz und PD Dr. Francesca Vidal, Universität Koblenz-Landau) vorgetragen im Rahmen des Mariazeller Dialogs 2011, (Mariazell, Österreich) organisiert vom Joanneum Research, 27.-28. Januar 2011. Siehe PowerPoint. Veröffentlicht  in der CD-Dokumentation "Ethik der Informationswissenschaften", Joanneum Research 2011.



  

INHALT


Einleitung

Die weltweiten Auswirkungen der  IKT auf die Gesellschaft und die Umwelt
Digitale Ethik
Schlussfolgerung

Literaturhinweise


Kurzfassung

Dieser Beitrag greift im ersten Teil drei allgemeine Themen in Bezug auf die Auswirkung digitaler IKT auf die Gesellschaft und die Umwelt auf. Ökonomische, politische und ökologische Aktivitäten moderner Gesellschaften beruhen massiv auf digitalen Kommunikationsnetzwerken.  Digitaler Kapitalismus war und ist immer noch in der Lage, nationale und internationale Gesetze, Kontrollen, Aufsichtsbehörden und Mechanismen, sowie Verhaltenskodizes und gutes Management zu umgehen. Die IKT haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Politik, was zu einer Transformation der Demokratie auf der Basis interaktiver Teilnahme am politischen Geschehen führt. Und schließlich ist der elektronische Abfall ein wichtiges Thema der digitalen Ethik geworden. Der zweite Teil des Beitrags widmet sich einigen Spezialthemen wie z. B. dem Schutz der Privatsphäre, der Informationsüberflutung, der digitale Trennung zwischen Arm und Reich, der digitalen Überwachung und der Robotik. Die digitale Überwachung öffentlicher Räume soll Sicherheit garantieren und unabsichtliche oder absichtliche Bedrohungen, z.B. durch Kriminalität oder Terrorismus mindern. Gleichzeitig bedroht sie jedoch auch die Autonomie, die Anonymität und das Vertrauen, welche die Basis demokratischer Gesellschaften ausmachen. Jüngste Fortschritte in der Robotik weisen eine breite Palette an Anwendungen im Alltag auf, die weit über die industriellen und militärischen Anwendungsbereiche hinausgehen. Die Informationsflut bestimmt den Alltag von Millionen Menschen in informationsreichen Gesellschaften. Sie verursacht neue  Krankheiten und stellt neue Anforderungen an medizinische Praktiken. Die digitale Kluft sollte nicht nur als Problem des technischen Zugangs zum Internet gesehen werden, sondern vor allem in Hinblick auf die Frage, wie Menschen ihr Leben besser mit Hilfe neuer interaktiver digitaler Medien unter Vermeidung der Gefahren, die aus kultureller Ausbeutung, Kolonialismus und Diskriminierung entstehen, gestalten können.


 
 
 

EINLEITUNG


Schon zu Beginn der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts machten Wissenschaftler wie Norbert Wiener (1989/1950) und Joseph Weizenbaum (1976) die Öffentlichkeit auf die ethischen Herausforderungen aufmerksam, die die Computertechnologie mit sich bringen wird, insbesondere in Bezug auf ihre soziale Bedeutung, die mit den ambivalenten Hoffnungen vergleichbar ist, die die Kernenergie mit sich brachte. Während sich die Diskussion ursprünglich auf die moralische Verantwortung der Informatiker bezog, waren die Auswirkungen der Computertechnik für  Wissenschaftler wie Wiener und Weizenbaum etwas, das die  Gesellschaft insgesamt betraf.

Ein halbes Jahrhundert nach Wieners bahnbrechendem Werk wurde am World Summit on the Information Society (WSIS) die Vision entwickelt,


"[…] to build a people-centred, inclusive and development-oriented Information Society, where everyone can create, access, utilize and share information and knowledge, enabling individuals, communities and peoples to achieve their full potential in promoting their sustainable development and improving their quality of life, premised on the purposes and principles of the Charter of the United Nations and respecting fully and upholding the Universal Declaration of Human Rights.” (WSIS 2003).

Die WSIS schlug auch eine politische Orientierung vor, nämlich

“[…] to harness the potential of information and communication technology to promote the development goals of the Millennium Declaration, namely the eradication of extreme poverty and hunger; achievement of universal primary education; promotion of gender equality and empowerment of women; reduction of child mortality; improvement of maternal health; to combat HIV/AIDS, malaria and other diseases; ensuring environmental sustainability; and development of global partnerships for development for the attainment of a more peaceful, just and prosperous world.” (WSIS 2003).


Seit der Entstehung des Internets haben akademische wie auch gesellschaftliche Debatten dieser Themen rasch zugenommen. Digitale Ethik oder Informationsethik im engeren Sinne befasst sich mit den Auswirkungen digitaler IKT (Informations- und Kommunikationstech- nologien) auf die Gesellschaft und die Umwelt, vor allem in Hinblick auf  ethische Fragen im Umgang mit dem Internet. Informationsethik im weiteren Sinne befasst sich hingegen mit ethischen Fragen von Information und Kommunikation unter Einbeziehung von, aber nicht ausschließlich digitaler Medien.

Dieser Beitrag greift zunächst einige ethische Themen in Bezug auf die Auswirkung digitaler IKT auf die Gesellschaft und die Umwelt auf. Im zweiten Teil werden Themen wie Schutz der Privatsphäre, Informationsüberflutung, Internetsucht, die digitale Trennung zwischen Arm und Reich, Überwachung und Robotik angesprochen. Die Kernaussage zielt darauf ab, dass ethische Reflexionen dazu beitragen können und sollen, sozialorientierte und umweltfreundliche Lösungen für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters zu erarbeiten und diese auch gefunden werden können.


DIE WELTWEITEN AUSWIRKUNGEN VON IKT AUF DIE GESELLSCHAFT UND DIE UMWELT


    Ökonomische, politische und ökologische Handlungen in modernen Gesellschaften beruhen massiv auf digitalen Kommunikationsnetzwerken.  

Die Bedeutung digitaler IKT für die Wirtschaft wurde mit dem Platzen der Dot.com Blase im Jahr 2000 offensichtlich. Nach meiner Auffassung war dies einer der Hauptfaktoren, die zur Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen haben. Zusätzlich zur individuellen moralischen Verantwortung der Politiker, Banker und Manager bestehen auch systemische Probleme im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Finanz- und Wirtschaftskommunikation und Information. Der digitale Kapitalismus war und ist immer noch in der Lage, nationale und internationale Gesetze, Kontrollen, Aufsichtsbehörden und Mechanismen, sowie Verhaltenskodizes und gutes Management zu umgehen. Dies führt zur globalen Vertrauenskrise nicht nur innerhalb des Systems, sondern auch gegenüber dem System selbst.

Viele Experten aus Politik und Wirtschaft sind sich  einig, dass zur Entwicklung eines sozialgerechten und umweltverträglichen Weltwirtschaftssystems nationale und internationale Kontrollbehörden, Gesetze und selbstregulierende Vereinbarungen notwendig sind. Akademische Forschung in digitaler Ethik sollte ein verpflichtendes Kernfach in Wirtschafts- und Managementstudien sein. Ähnlich wie bei den bereits etablierten Bioethik-Komitees könnten ethische Probleme im IKT-Bereich etwa nach dem Modell der European Group on Ethics in Science and New Technologies der Europäischen Kommission (EGE) angegangen werden (Capurro  2004).

Die IKT haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Politik, was zu einer Transformation der Demokratie auf der Basis der Massenmedien des 20. Jahrhunderts in Richtung neuer Formen digital-vermittelter, interaktiver Teilnahme der Bürger am politischen Geschehen führen wird. Neue interaktive Medien schwächen die hierarchischen eins-zu-vielen Strukturen klassischer globaler Massenmedien und geben Individuen, Gruppen und ganzen Gesellschaften die Möglichkeit, Sender zu werden und nicht "nur" Empfänger von Nachrichten zu sein.

Wir leben in message societes. Ich nenne die Wissenschaft, die sich mit (digitalen) Boten und Botschaften beschäftigt, Angeletik (aus dem griechischen: angelía / angelos = Botschaft, Bote) (Capurro 2003). Neue IKT werden immer mehr als Mittel zur Teilnahme am politischen Leben zum Beispiel von Protestgruppen, sowie von Befreiungs- und Friedensbewegungen verwendet. Im gleichen Zug ermöglichen digitale Kommunikationsnetze neue Strukturen politischer Überwachung, Zensur und Kontrolle von Individuen und ganzen Gesellschaften. Die digitale Ethik sollte die Frage des  Menschenrechts auf Kommunikation thematisieren.

Das Internet hat sich zur lokalen und globalen, grundlegenden, sozialen Kommunikationsinfrastruktur entwickelt. Freier Zugang sollte ähnlich der Grundprinzipien der freien Rede oder der freien Presse gehandhabt werden. Einige der Rechte, die in der Universal Declaration of Human Rights genannt werden, wie die Gedankenfreiheit, die Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit (Art. 18), das Recht auf freie Meinungsäußerung (Art. 19), und das Recht auf friedliche Versammlung (Art. 20) müssen diesbezüglich neu interpretiert und unter Einbeziehung der neuen und einzigartigen Anforderungen digitaler Medien definiert werden. Lawrence Lessig (1999) sieht eine Situation voraus, in der die Universalität des Cyberspace durch lokale Kodierungen des Marktes, der Softwareindustrie, der Gesetze einzelner Staaten und moralischer Traditionen gefährdet ist. Er schreibt:

"If we do nothing, the code of cyberspace will change. The invisible hand will change it in a predictable way. To do nothing is to embrace at least that. It is to accept the changes that this change in code will bring about. It is to accept a cyberspace that is less free, or differently free, than the space it was before.” (Lessig 1999, 109)

Ein freies Internet kann dem Frieden und der Demokratie dienen, es kann aber auch zur Manipulation und Kontrolle verwendet werden. Deshalb postuliere ich auch die Notwendigkeit,  ein zukünftiges Modell für die Regelung des Internets auf der Basis interkultureller Deliberation, demokratischer Werte und der Menschenrechte anzustreben. (Senges und Horner 2009)

Der dritte Themenbereich, den ich herausstellen möchte, betrifft die Auswirkung der Materialitäten der IKT auf die Natur und die natürlichen Ressourcen.  Der elektronische Abfall ist ein wichtiges Thema in der digitalen Ethik geworden (IRIE 2009). Es betrifft u. a. die Endlagerung und das Recycling von IKT-Geräten, die schon heute verheerende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt insbesondere durch den Export in die Dritte Welt haben. Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit sind umgehend aufzuarbeiten und zwar in Zusammenhang mit den Möglichkeiten, die die IKT zur Förderung von Sicherheit, zur Verringerung von Hunger und zur Bekämpfung von Krankheiten bringen können. Ich vertrete eine Ausweitung des Diskurses über Menschenrechte in die Bereiche der Rechte nicht-humaner Lebensformen. Die gegenwärtige ökologische Krise ist ein klares Zeichen dafür, dass wir unsere Lebensweise ändern müssen, um nicht Meister, sondern Betreuer der Umwelt zu werden.


DIGITALE ETHIK

Die wichtigsten Themen der Digitalen Medienethik oder (digitalen) Informationsethik betreffen das geistige Eigentum, den Schutz der Privatsphäre, die Sicherheit, die Informationsflut, die digitale Trennung zwischen Reich und Arm, die Geschlechterdiskriminierung und die Zensur (Ess, 2009; Himma and Tavani 2008). Diese Themen sind Gegenstand ethischer Analysen nicht nur auf der Basis universeller Rechte und Prinzipien, sondern auch in Hinblick auf kulturelle Unterschiede sowie geschichtlicher und geografischer Singularitäten, die zu unterschiedlichen theoretischen Grundlagen und praktischen Umsetzungsmöglichkeiten führen. Dieses Feld der Ethikforschung heißt nun interkulturelle Informationsethik (Capurro 2008; Hongladarom und Ess 2007; Capurro 2006).

Eine wichtige Herausforderung in diesem Zusammenhang ist die Frage, wie menschliche Kulturen in einer globalen digitalen Umwelt gedeihen können, ohne in Homogenität und Isolierung zu verfallen. Forschungsnetzwerke zur Informationsethik haben sich zum Beispiel in Afrika (African Network for Information Ethics, ANIE) und Lateinamerika (Red Latinoamericana de Ética de la Información, RELEI) entwickelt.

Ein Beispiel für die Relevanz des interkulturellen Ansatzes in der digitalen Ethik ist die Diskussion des Begriffs Privatheit aus westlicher und buddhistischer Perspektive. Während in westlichen Kulturen die Privatsphäre eng mit dem Begriff des Selbst verknüpft ist, beruht der Buddhismus auf dem Lehrsatz des "Nicht-Selbst". Das ist der Grund warum sowohl die soziale Wahrnehmung als auch der Begriff der Privatheit kulturell unterschiedlich sind (Nakada and Tamura 2005; Capurro 2005). Eine Rechtfertigung der Privatheit aus buddhistischer Sicht, basierend auf dem Konzept des "Mitleids" ("compassion"), erscheint jedoch möglich und plausibel (Hongladarom 2007).

Die digitale Überwachung öffentlicher Räume soll Sicherheit garantieren und unabsichtliche ("safety") oder absichtliche ("security") Bedrohungen, z. B. durch Kriminalität oder Terrorismus mindern. Gleichzeitig bedroht sie jedoch auch die Autonomie, die Anonymität und das Vertrauen, welche die Basis demokratischer Gesellschaften ausmachen. Neue Technologien erlauben das Verorten von Individuen durch RFID oder IKT Implantate und sind ähnlich kritisch in Bezug auf implizite Gefahren einzuschätzen. Sie bedürfen daher besonderer Aufmerksamkeit und Kontrolle (EGE 2005).

Jüngste Fortschritte in der Robotik weisen eine breite Palette an Anwendungen im Alltag auf, weit über die industriellen und militärischen Anwendungen hinaus (ETHICBOTS 2008, ETICA 2011). Roboter sind Spiegel unserer eigenen Identitäten (Capurro 2008a). Welche Konzepte der Sozialität werden durch Robottechnologien geschaffen? Ein interkultureller ethischer Dialog über die Frage nach ethischen Kodes im Hinblick auf die Interaktionen zwischen Menschen und Robotern, steckt noch in den Kinderschuhen (Capurro und Nagenborg 2009). Diese Frage stellt sich jenseits oder diesseits der Debatte, ob und wie Roboter letztendlich als moralische Maschinen aufgefasst werden können (Wallach und Allen 2009).

        Ein weiteres relevantes informationsethisches Thema ist die Frage der Informationsflut, die den Alltag von Millionen Menschen in informationsreichen Gesellschaften bestimmt (Capurro 2005b). Sie verursacht Krankheiten und stellt neue Anforderungen an medizinische Praktiken (Capurro 2009). Es fehlen systematische Pathologien der Informationsgesellschaften. Ähnlich besorgniserregend ist auch die Problematik der Internetsucht speziell unter jungen Leuten. Es besteht ein wachsendes Bedürfnis nach Zeiten und Orten ohne Mobiltelefone, um uns selbst vom Imperativ, jederzeit erreichbar zu sein, zu  schützen.

Die ethische Reflexion dieser Themen gehört zur Theorie der Lebenskunst, die u.a. vom französischen Philosophen Michel Foucault geprägt wurde. Er unterscheidet zwischen folgenden Arten von Technologien:

  • Produktionstechnologien, die es uns erlauben, Dinge zu erzeugen, verändern oder zu manipulieren
  • Zeichentechnologien, die es uns erlauben, Zeichen, Bedeutungen und Symbole zu verwenden
  • Machttechnologien, die das Verhalten von Individuen bestimmen und diese zu bestimmten Zwecken unterwerfen
  • Technologien des Selbst, die es Individuen erlauben, eigenständig oder mit Hilfe anderer eine bestimmte Anzahl von Operationen an Leib und Seele auszuüben, um sich selbst zu verändern (Foucault 1988).

Die ethische Frage bezogen auf die IKT lautet dann: Wie können wir sicherstellen, dass die Vorteile der IKT nicht nur gleichmäßig verteilt werden, sondern auch dazu beitragen, dass Menschen ihr eigenes Leben gestalten können? (Capurro 2005a; siehe auch Capurro 1996; 1995; 1995a).

Ein weiteres wichtiges Thema der digitalen Medienethik betrifft die sogenannte digitale Kluft. Dies sollte nicht nur als Problem des technischen Zugangs zum Internet verstanden werden, sondern auch als Frage, wie Menschen  in der sog. Dritten Welt ihr Leben besser mit Hilfe interaktiver digitaler Medien gestalten können und dies unter Vermeidung der Gefahren, die aus kultureller Ausbeutung, Homogenisierung, Kolonialismus und Diskriminierung entstehen. Individuen wie Gesellschaften müssen sich bewusst werden, wie verschiedene "Zusammenstellungen" ("assemblages") von traditionellen und digitalen Medien ihren Bedürfnissen, Interessen und kulturellen Traditionen entsprechen können (Ong und Collier 2005). Die Vision einer inklusiven Informationsgesellschaft, wie sie durch das WSIS entwickelt wurde, muss zugleich global und pluralistisch sein. Begriffe wie Hybridisierung oder Polyphonie sind ethische Wegweiser und sollten Beachtung finden, wenn neue Freiheits- und Friedensmöglichkeiten für eine Welt entworfen werden, die mehr und mehr durch digitale Technologien gestaltet wird.

In einem Bericht mit dem Titel: "Being Human. Human-computer interaction in the year 2020", dem Ergebnis einer Tagung von Microsoft Research im Jahr 2007, schreiben die Herausgeber:

“The new technologies allow new forms of control or decentralisation, encouraging some forms of social interaction at the expense of others, and promoting certain values while dismissing alternatives. For instance, the iPod can be seen as a device for urban indifference, the mobile phone as promoting addiction to social contact and the Web as subverting traditional forms of governmental and media authority. Neural networks, recognition algorithms and data-mining all have cultural implications that need to be understood in the wider context beyond their technical capabilities. The bottom line is that computer technologies are not neutral – they are laden with human, cultural and social values. These can be anticipated and designed for, or can emerge and evolve through use and abuse. In a multicultural world, too, we have to acknowledge that there will often be conflicting value systems, where design in one part of the world becomes something quite different in another, and where the meaning and value of a technology are manifest in diverse ways. Future research needs to address a broader richer concept of what it means to be human in the flux of the transformation taking place.” (Harper, Rodden, Rogers and Sellen 2008, 57)


Dieses bemerkenswerte Zitat aus einem Meeting, welches nicht von Technikkritikern, sondern von einer der führenden Technologiefirmen organisiert wurde, fasst die wichtigsten aktuellen und zukünftigen Aufgaben der digitalen Ethik als kritische interdisziplinäre und interkulturelle Reflexion der Veränderungen der Menschheit durch digitale Technologien zusammen.


SCHLUSSFOLGERUNG


    Die Menschheit erfährt sich als Ganzes im Sinne eines Systems von Beziehungen auf der Basis digitaler Medien. Wer sind wir? Was wollen wir als Menschheit sein? Diese Fragen verlangen nach einer historischen bzw. nicht-metaphysischen Antwort. Eine negative Vision einer solchen Einheit wäre die Balkanisierung und der Imperialismus unter digitalem Vorzeichen.

Anlässlich der Präsentation von “IN YOUR HANDS: A Guide for Community Action for the Tenth Anniversary of the Universal Declaration of Human Rights” am 27. März, 1958 bei den Vereinten Nationen sagte Eleanor Roosevelt:

"Where, after all, do universal human rights begin? In small places, close to home so close and so small that they cannot be seen on any maps of the world. Yet they are the world of the individual person; the neighbourhood he lives in; the school or college he attends; the factory, farm, or office where he works. Such are the places where every man, woman, and child seeks equal justice, equal opportunity, equal dignity without discrimination. Unless these rights have meaning there, they have little meaning anywhere. Without concerned citizen action to uphold them close to home, we shall look in vain for progress in the larger world." (Roosevelt 1958)

        Sechzig Jahre später ist uns noch viel mehr bewusst, wie wichtig diese Deklaration war, und wie schwierig es ist, sie in die Praxis "in small places, close to home" umzusetzen. Die Deklaration war nicht nur die richtige moralische und politische Antwort auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs, sondern ist auch der Start einer neuen internationalen Politik, die auf gemeinsamen ethischen Werten und Prinzipien basiert, wenn wir uns den Herausforderungen der digitalisierten globalen Welt stellen. Trotz allem sehen wir uns heute weiteren globalen Herausforderungen gegenüber, die in den Milleniumszielen der Vereinten Nationen Ausdruck fanden:

  • Bekämpfung von extremer Armut und Hunger
  • Primärschulbildung für alle
  • Gleichstellung der Geschlechter / Stärkung der Rolle der Frauen
  • Senkung der Kindersterblichkeit
  • Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter
  • Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria  und anderen schweren Krankheiten
  • Ökologische Nachhaltigkeit
  • Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung

        Die Umsetzung dieser Ziele beginnt ebenso “in small places, close to home". Diese können nur dann erreicht werden, wenn wir weiter auch  am Frieden mit der  Natur arbeiten, d.h. wenn wir die Ziele der Menschenrechte auf die Natur ausdehnen. Die digitale Globalisierung sollte uns bewusster machen, wie menschliche Interaktionen untereinander sowie in einer gemeinsamen Welt gelingen können, statt aus der digitalen Perspektive unseres Lebens und der Realität insgesamt eine Art digitale Metaphysik oder (politische) Ideologie zu entwickeln. Diese Relativierung der digitalen Perspektive nenne ich digitale Ontologie  (Capurro 2006).

Wer sind wir im digitalen Zeitalter? Da menschliche Kulturen digital hybridisiert werden, betrifft dieser Prozess das gesellschaftliche Leben in allen Dimensionen sowie unseren Umgang mit der Umwelt. Eine Schlüsselaufgabe der digitalen Ethik ist es, uns der Herausforderungen und der Optionen in der Gestaltung des individuellen und sozialen Lebens bewusst(er) zu werden. Das digitale Medium bietet eine Chance für die Subjekte des 21. Jahrhunderts sich zu ändern und ihre Beziehungen in und mit der Welt umzuwandeln. Das setzt die Möglichkeit voraus, sich im digitalen Netzwerk zu artikulieren indem man Rücksicht auf historische, kulturelle und geografische Singularitäten nimmt. Ein ethischer interkultureller Dialog ist notwendig, um kulturelle Diversität im digitalen Zeitalter zu verstehen und zu pflegen. Dabei müssen wir gemeinsame ethische Prinzipien und Werte suchen, damit digitale Kulturen eine echte Ausdrucksmöglichkeit menschlicher Freiheit und Kreativität werden können.

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Letzte Änderung:  26. November  2014


 
  
    

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