MEINE EXERZITIEN

 
Rafael Capurro
   
  

    

Leiblich-geistige Exerzitien:
  • Jährlich sich eine Woche bis zehn Tage allein zurückziehen
  • Kein Internet, keine Zeitung, kein Radio.
  • Ein Buch mitnehmen: kurze Passagen täglich lesen und ggf. per Hand langsam aufschreiben.
  • Früh aufstehen und früh ins Bett gehen.
  • ggf. Yoga-Übungen.
  • Täglich fünf bis sechs Stunden allein und ohne Handy wandern, ggf. Handy ausgeschaltet mitnehmen.
  • Leichtes Essen und viel Wasser trinken.
  • Möglichst keine Gespräche insbes. während der und nach den Mahlzeiten führen.
  • Träume ggf. aufschreiben.
  • Über das eigene Leben gelassen zurück- und vordenken und ggf. aufschreiben.
  • Am Ende der Exerzitien alles Aufgeschriebene ggf. vernichten.

Auszug aus meinem Aufsatz: Leben in der message society. Eine medizinethische Perspektive. Erschienen  in: Joachim Hruschka und Jan C. Joerden (Hrsg.): Jahrbuch für Recht und Ethik - Annual Review of Law and Ethics, Themenschwerpunkt: Recht und Ethik im Internet - Law and Ethics on the Internet, Bd. 23, Berlin: Duncker & Humblot, 2015, 3-15.
Vgl.
- Leben im Informationszeitalter
- "Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg!"

EIN ERFAHRUNGSBERICHT

Am Vormittag des 8. April des Jahres 2005, einige Monate vor meinem sechzigsten Geburtstag, nahm ich an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Forschung an Stammzellen – Wege und Handeln in Europa“ teil. Sie fand im Rahmen eines vom Max-Delbrück Centrum für Molekulare Medizin und der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstalteten internationalen Kongresses "Biopolitik und Regenerative Medizin" in Berlin statt. Ich fuhr am Nachmittag mit dem Zug von Berlin nach Karlsruhe zurück. Ich hatte eine ziemlich schwere Tasche dabei und kam gegen 21.00 Uhr sehr müde zu Hause an. Sofort setzte ich mich an den Schreibtisch und begann fiebrig meine Mails zu bearbeiten. Nach etwa einer Stunde, fragte mich meine Frau, ob ich nicht die 22.00 Uhr Fernsehnachrichten sehen wollte. Ich setzte mich vor dem Fernsehen und hörte plötzlich mein Herz rasen: bum bum bum. Ich versuchte, mich selbst und meine Frau zu beruhigen: Das ist bloß Stress und geht sicherlich gleich vorbei. Es ging aber nicht vorbei, sondern blieb die ganze Nacht und hielt sogar mehrere Wochen an. Tag und Nacht: bum bum bum. Am nächsten Tag besuchte ich meinen Hausarzt. Er untersuchte mich, konnte aber keine Herzrhythmusstörungen oder eine sonstige Ursache feststellen und empfahl mir einen HNO-Spezialisten zu konsultieren. Dieser meinte es könnte ein Virus sein. Ich spürte starke Spannungen und Verkrampfungen an den Schultern und entschloss mich einen Orthopäden zu fragen.  Dieser sagte, die Ursache liege im Hals- und Wirbelsäulenbereich. Ich müsste mehrere Wochen eine Genickstütze tragen sowie täglich eine Massage bekommen. Diese Therapie linderte aber nicht das ständige Dröhnen. Das belastete natürlich nicht nur stark unser Privatleben, sondern auch meine Lehrtätigkeit. Ich war mitten im Sommersemester und musste mehrmals in der Woche nach Stuttgart fahren. Ich versuchte mich während der Lehrveranstaltungen abzulenken. Bald unterbrach ich aber das Semester und meldete mich krank. Ich konnte kaum schlafen und begann auch zu leiden. Auf Anraten einer Bekannten ging ich zu einem Chiropraktiker. Er stellte fest, dass mein Becken sich in einer schiefen Lage befand, was sich wiederum auf die Wirbelsäule und auf die Nackenmuskeln auswirkte. Mit einer Bewegung rückte er mein Becken zurecht und das Dröhnen hörte schlagartig auf. Ich atmete tief aus. Bald fing es aber wieder an. Meine Nackenmuskeln hatten sich völlig verhärtet und drückten auf die Arterien. Diese Verhärtung musste physiotherapeutisch behandelt werden. Vor allem aber sagte er mir eines: „Herr Capurro, Sie sind nicht krank. Sie müssen bloß Ihr Leben ändern.“ Recht hatte er.

Denn natürlich war die wirkliche Ursache meines Leidens ein burn out oder was man früher ein surmenage nannte und was man heute auch mit dem Ausdruck information overload oder Mitteilungsflut bezeichnen könnte. Ich war ein Opfer der digitalen Informationsgesellschaft geworden. Meine PC-Abhängigkeit hatte sich in den letzten Jahren erheblich gesteigert, nicht zuletzt aufgrund der beruflichen internationalen Erfolge. Mein Bekanntheitsgrad nahm aufgrund meiner Internetpräsenz explosionsartig zu. Ich hatte 1999 ein internationales Netzwerk für Informationsethik gegründet, das sich sehr schnell weiterentwickelte. Ich vergaß öfter zu essen und war sehr unruhig, wenn ich mich von meinem PC entfernte. Seit 2001 gehörte ich dem European Group on Ethics in Science and New Technologies (EGE) der Europäischen Kommission an. Es war eine große Ehre und eine lohnende aber anstrengende Arbeit, denn ich musste monatlich nach Brüssel fliegen. Dies brachte viel Neid und Ressentiments mit sich, was mich dazu veranlaßte, noch härter zu arbeiten. Meine Frau sagte zu mir: „Du bist ein Getriebener“. Ich war nervlich am Ende. Ein guter Freund spendete mir den notwendigen Trost und ich begann mich langsam zu erholen. Ein Psychologe empfahl eine dreiwöchige Kur. Eine Freundin erwähnte Friedborn, ein Kur- und Gesundheitszentrum in Südschwarzwald. Als ich an einem heißen Augustmittag dort ankam, hatte ich eine Tasche voll Bücher bei mir. Der Klinikchef sagte erstaunt: „Ich dachte, Sie kommen hier her, um sich zu erholen“. Die ersten Tage waren hart: Ich musste den Drang widerstehen, meine Mails abzurufen. Ich beschloss alle Medien zu verbannen. Ich füllte die Tage mit ausgedehnten Wanderungen. Der Hotzenwald ist eine reizvolle Gegend. Friedborn liegt etwa 700 Meter über dem Meeresspiegel umgeben von schönen Wäldern, einer mittelalterlichen Burg, der Murg mit ihrem romantischen Talweg und wunderbaren Wasserfällen. Das Kurzentrum bietet eine ausgezeichnete Kost an, bestehend vor allem aus Gemüse, Kartoffeln in der Schale, Salate, Tee und ein natürliches Wasser, dass seinesgleichen sucht. Massage und Wärmetherapie kamen hinzu. Außerdem hatte ich das Glück, eine einfühlsame Ärztin zu begegnen. Ich begann eine spannende und entspannende leibliche und geistige Reise. Nach drei Wochen war ich wieder gesund. Ich hatte meine Lektion in Sachen Mitteilungsflut gelernt. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis ich wieder Vertrauen in meinen Leib hatte. Die Angst steckte noch zu sehr in den Knochen. Ich änderte mein Leben: Ein täglicher Waldlauf ohne Handy, Einladungen absagen, Mails nicht nach 20.00 Uhr abrufen, um 22.00 Uhr ins Bett gehen, das Privatleben wieder in den Mittelpunkt stellen, bei Anzeichen des Getriebenseins sofort achtsam werden, mir jährlich einen einwöchigen Aufenthalt in Friedborn gönnen, gesunde Kost zu Hause und anderes mehr. Mein Leib und mein geistiges Leben begannen sich wieder frei zu entfalten. Ich kann gelassener und souveräner mit Neid und Ressentiments sowie mit meinem Leben in der message society umgehen. Allgemeiner ausgedrückt: Ohne ein auf die Informationsgesellschaft angepasstes leibliches und seelisches "Immunsystem" (Sloterdijk 2009) hat man keine Überlebenschancen, geschweige denn Chancen zu einem guten Leben.


Vgl. auch v.Vf.: Leben in der Informationsgesellschaft




für Annette

 

Die Bäume sind meine Bücher und die Sträucher meine Aufsätze.


Worauf ich achten muss


auf das Roden

auf das Wetter

auf die Geschichte

auf Wiesen

auf Bäche

auf steile Wege

auf die Fernsicht

auf Kreuzungen

auf Richtungsänderungen

auf lange Wanderungen

auf Alleinsein

auf Sonne

auf Regen

auf Nebel

auf Schwitzen

auf Kälte

auf Nasswerden

auf Tiere

auf Wanderer

auf kahle Gegenden

auf steinige Pfade

auf Wiederholungen

auf Irrwege

auf Wasser

auf Hütten

auf Durst

auf Hunger

auf Erholung

auf langes Schlafen

auf Träume

auf Medienverzicht

auf langsames Lesen

auf langsames Schreiben

auf Vordenken

auf Zurückdenken

auf Stimmungen

auf Übersehenes

auf Überhörtes

auf Möglichkeiten

auf das gemeinsame Leben

auf Menschen

auf deren Einsichten

auf  Zu- und Abneigungen

auf meine Füße

auf meinen Willen

auf seine Grenzen

auf Neues und Altes

auf Neuanfangen

auf Aufhören


Letzter Stand: 22. Juli 2018


    

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