Das photographische Negativ des "Ereignisses"

 
Rafael Capurro
  
 
 
 
Beitrag zum internationalen Heidegger-Kongress "Nach Heidegger: Die Aufgabe des Denkens" , Paris, 25.-27. September 1989. Erschienen in französischer Übersetzung (Arno Münster)  in den Actes du Colloque, herausgegeben von Jacques Poulain und Wolfgang Schirmacher. Editions L'Harmattan, Paris 1992, p. 220-224.

 

 

Vor etwa hundertfünfzig Jahren wurde die Technik der Photographie (war es Talbot? war es Daguerre?) erfunden. Inzwischen haben sich die Verhältnisse umgedreht: Nicht das Bild der Außenwelt soll in der camera obscura abgebildet weren, sondern die Welt wird zum Projektionsziel dieser Ablichtungen, sie wird zur camera lucida (1). Mit anderen Worten, während es bei der Photographie um die Frage ging, wie man bewegliche Bilder festmachen kann, geht es nämlich heute darum, wie die Bewegungen der Gegenstände durch die Bewegungen der Bilder u.U. zu übertreffen sind.

Talbots Frage war, wie man Licht auf dem Papier festhalten könnte. Wir wollen alles Photographierte, alles "Imaginäre" und "Symbolische" (J. Lacan), als Licht verfügbar machen. Die Informationstechnologien verwandeln die Welt in ein photographisches Negativ oder ein Zeichen, dessen Referent mit diesem Negativ zusammenfällt und deshalb zugleich immer abwesend bleibt.

Die Welt als photographisches Negativ bleibt, trotz der metaphysischen Eigenschaften wie Verfügbarkeit, Ersetzbarkeit, Bestellbarkeit und Aktualität, un(be)greibar. Sie bricht in die camera obscura unseres Fernsehzimmers als das chaotische Reich des Zufälligen, wie ein Geisterhaufen in die bisher sichere Bastion der dialektischen Verschränkung von Sein und Bewußtsein ein. Dieser Einbruch, wodurch alle bisherigen Raum-Zeit-Ordnungen verletzt werden, findet im Weltmaßstab statt. Die so entstandene mediale Welt ist kein in sich geschlossener, am Urbild einer "idealen Kommunikationsgemeinschaft" (J. Habermas, K-O. Apel) umstruktturierter rationaler Diskkurs, sondern sie zeigt sich in ihrem vorübergehenden und kontingenten Charakter.

Nicht der angeblich zeitlose menschliche Geist, sondern die Pluralität und Unreinheit der 'Geister' mit ihren potentiellen und durch die Informationstechnologien potenzierbaren Differenzen stehen jetzt diesem Einbruch des maßlosen Scheins ebenbürtig gegenüber. Das 19. Jahrhundert war die Epoche der Geistes- das 20. Jahrhundert die der Geisterwissenschaften (2). Was dabei einbricht is nämlich die Vielfalt der Kulturen und Sprachen in Form von Nachrichten, also von notwendigerweise burchstückhaft bleibenden Erzählungen von Liebe und Tod, Untergang und Wiederaufbau, von Drohungen und Freundschafts- zeichen, von Verschleierungen und Glasnost.

Nur ein narzistischer europäischer Geist kann einen solchen Einbruch allein mit den Kategorien der Aufklärung und ihrer angeblich reinen Vernunft zu begründen und zu beherrschen versuchen. Was sich beim Zusammenbruch der Moderne vollzieht, ist die Entdeckung Europas im Sinne eines mythischen Kontinents, dessen Geschichte ("verba et erga") sich in unentrinnbarer und meistens grausamer Weise mit den Mythen der heutigen Eroberer verwoben ist.

Die Stimmung, die diesem chaotischen Raum des Medialen zugrundeliegt, ist der Zynismus. Denn die Medien suchen ständig, gleichzeitig und überall einen universellen Empfänger, den sie angeblich kennen, den es aber nicht gibt. Eine solche zynische Stimmung läßt die Fragen nach Wahrheit, Macht und Begehren offen, die erst im Augenblick ihrer Aneignung, im Ereignis also, zu Frage einer singulären und eigentlichen Lebensform werden können.

Das "Ereignis", so Heidegger im Le Thor-Protokoll vom 11. September 1969, "läßt anwesen" während das (Informations-) "Gestell" "gleichsam das photographische Negativ des Ereginisses" ist (3). Dabei versucht Heidegger den Begriff des "Ereignisses" anhand der französischen Sprache zu verdeutlichen und bestreitet die Möglichkeit, es "mit den Begriffen von Sein und Geschichte des Seins zu denken; ebensowenig mit Hilfe des Griechischen (über das vielmehr gerade "hinauszugehen" ist)" (meine Hervorhebung, RC) zu denken. Er findet das französische Wort "avènement" (4) "gänzlich ungeeignet" (5), und übersetzt "Ereignis" als "appropriement". Von der Kategorie des "Adventlichen", wie sie Ott bei Heidegger hineininterpretiert (6) und von einem "diskriminierenden Impuls gegenüber anderen Sprachen" (Farías), kann also keine Rede sein. Es geht stattdessen darum Mensch und Welt in einen "sich schwingenden Bereich" zu bringen, wodurch das "Ge-Stell" aus dem "Ereignis" "verwunden" wird (7). Das "Ereignis" ist nicht etwas, was sich metaphysisch hinter dem "Ge-Stell" verbirgt, so daß etwa der "Schleier" des "Ge-Stells" zerissen werden müßte, um hinter der Geisterwelt der Informationstechnologien die wahre Welt, etwa die der europäischen Vernunft und Sittlichkeit des 18. Jahrhunderts, zu 'ent-decken'. Die monomanische Suche nach dem wahren Gesicht des Menschen, das sich angeblich hinter den vielen ex- und impressionistischen, vor allem aber hinter den surrealistischen Darstellungen der Informationstechnologien, wie etwa hinter den surrealistischen Bildern eines Salvador Dalí, verbergen soll, ist nichts anderes als der psychopathische Wunsch nach kategorialer Identität.

Es sind aber gerade die Informationstechnologien, die mit ihrem geisterhaften Dasein, mit dem ständigen Überschuß ihrer Erscheinungen (8), den nachträglichen Charakter unserer nicht nur europäisch- abendländischen Deutungen in der camera obscura unserer Fernsehzimmer zum Vorschein kommen lassen. Das photographische Positiv des "Ge-Stells" ist nicht etwas, was hinter dem "Ge-Stell" wäre oder nach ihm käme. Seine Umwandlung ist eben kein "avènement", sondern ein "appropriement" aus dem Unterschied des jeweils Eigenen, wodurch erst das photographische Negativ als ein solches gesehen werden kann. Was aber die neuzeitliche Subjektivität darin sieht (Verfügbarkeit, Ersetzbarkeit, Bestellbarkeit, Aktualität), das sieht sie eben nicht als einen photographischen Negativ. Das "Ge-Stell" als einen photographischen Negativ des "Ereignisses" zu sehen, bedeutet keine düstere Vision, sondern dieses Negativ ist dann der Schatten des Anderen (9). Dieses Andere, das dem Menschen durch die Durchlässigkeit des photographischen Negativs erscheint, ist kein Bild, keine Idee seines Selbst, sondern die Grundlosigkeit des Spiels des An- und Abwesens unserer Existenz.

"Nichts ist weiter von Hegel und allem Idealismus entfernt" (9), d.h. nichts ist abwegiger, als den Informationstechnologien die starken Eigenschaften der neuzeitlichen Vernunft zusprechen zu wollen, um sie dann, etwa mit Hilfe einer neuzeitlich-europäisch-aufklärerischen Medienethik, in den Griff eines positiven und universellen Menschenbildes zu bekommen. Hier, wie auch im Falle des individuellen Subjekts, soll "das Es" nicht durch ein mächtiges (Über) Ich kompensiert werden, sondern "Wo Es war, soll Ich werden" (Freud) (10), d.h. das Subjekt läßt sich durch ein schwingendes ereignishaftes Verhältnis zu jener Dimension bestimmen, wenn es seine metaphysischen Machtprojektionen als Negativ durchschaut und hermeneutisch wirken kann. Dann nämlich werden Verfügbarkeit, Ersetztbarkeit, Bestellbarkeit und Aktualität nicht mehr zum Phantom des neuzeitlichen Ego, sondern zur Ankündigung seiner Ohnmacht. Dabei kündigt (auch im Sinne von: 'einen Vertrag kündigen') das Subjekt zugleich die Herrschaft des Anwesenden, indem es sich nicht mehr als dessen Grund hergibt und dabei angibt.

Das "Ge-Stell" ist dann nicht das sinnliche Scheinen des europäischen Geistes, sondern die Ankündigunt des Scheiterns des neuezeitlichen Herrschaftsanspruchs der Subjektivität über das unendliche Potential der Simulation. Hinter dem Negativ des (Informations-) "Ge-Stells" verbirgt sich keine positive imago mundi oder hominis, keine Weltanschauung oder kein Menschenbild, sondern das "Ge-Stell" selbst ist die technische Entsprechung des eigenen, singulären, grundlosen Existierens und öffnet somit die Möglichkeit, das faktische Sichgeben von Mensch und Welt geschihtlich-geschicklich in der Vielfalt von Lebensformen und Lebensnormen neu zu bergen. Die Informationstechnologien als photographisches Negativ des "Ereignisses" zu sehen, vermögen wir aber erst, wernn wir uns im grundlosen Ereignis unseres "Daß-seins" enteignen lassen.

Heideggers Begriff der "Lichtung" weist auf jene Dimension hin, wo das Spiel von Dunkel und Licht, von Grundlosigkeit und Begründung, von Aufklärung und Wahnsinn, sich erst entfachen kann. Wenn macher Ritter der Aufklärung mit einer 'rationalen' Therapie gegen das Irrationale zu kämpfen meint, dann erinnert das an den Versuch während der Französischen Revolution durch eine äußerliche Gestaltung von psychiatrischen Anstalten, die 'Verrückten' so von Außen zu beeinflußen, daß sie zu Vernunft kommen würden. Natürlich endeten die meisten Entlassenen unter der Guillotine.


 
 
    
 
 
ANMERKUNGEN

1. Vgl. Hubertus von Amelunxen, Die aufgehobene Zeit. Die Erfindung der Photographie durch W. H. F. Talbot in: Dirk Nishen (Hrsg), Berlin, 1988; Vgl. Charles Grivel, (Hrsg.): Appareils et machines à représenta- tion, Mannheimer Analytika, 8, 1988.   

2. Vgl  Michael Wetzel mit Hinweis auf Jacques Derrida in: Michael Wetzel, Photographie, in Charles Grivel (Hrsg.).,a.a.O. S. 31.   

3. Vgl. Martin Heidegger., Vier Seminare. Frankfurt a.M. 1977.   

4. a.a.O. S. 104. - Vgl. v.Vf. Heidegger über Sprache und Information, Philosophisches Jahrbuch, n. 88, 1981, 2, S. 333-343; und: Hermeneutik der Fachinformation, Freiburg 1986.

5. a.a.O. S. 104. 
  

6. Vgl. Heinrich Ottt, Martin Heidegger, Frankfurt a.M. 1988, S. 29, sowie v.Vf.: Um einen Heidegger von Innen (nochmals) bittend, in: Schopenhauer-Studien (Etudes schopenhauériennes) 1989. Der Grundmangel von Otts Biographie besteht vor allem im methodischen Widerspruch zwischen dem, was der Historiker leisten will und den Interpretationsversuchen, die sich immer wieder zeigen, auch und gerade, wenn er sich bestreitet (vgl a.a.O. S. 113-114). Farías Methode, wovon sich Ott distanziert, ist teilweise rigoroser aber offenbar ist der Autor philosophisch inkompetent. Das ist kein Vorwurf. Nicht jeder muß sich für Heideggers philosophische Fragen interessieren. Das Ressentiment des lateinamerikanischen Historikers ist aber ein schlechter Ratgeber.

7. Vgl. Martin Heidegger, Der Satz der Identität, Pfullingen 1976, S. 25. 
  

8. Vgl. Martin Heidegger, Nietzsche I, Pfullingen 1961, S. 657: "Die Überschattung des Seins durch das Seiende kommt aus dem Sein selbst, als die Seinsverlassenheit des Seienden im Sinne der Verweigerung der Wahrheit des Seins. Doch, indem wir diesen Schatten als Schatten erblicken, stehen wir schon in einem anderen Licht, ohne das Feuer zu finden, dem sein Leuchten entstammt. Der Schatten selbst ist so schon anderes und keine Verdüsterung".

9. Vgl. Martin Heidegger, Vier Seminare, a.a.O. S. 109.

10. Vgl. Jacques Lacan,  Ecrits I, Paris 1966, S. 226ff.


Letzte Änderung:  23. Juni 2014

 

  
    

Copyright © 2012 by Rafael Capurro, all rights reserved. This text may be used and shared in accordance with the fair-use provisions of U.S. and international copyright law, and it may be archived and redistributed in electronic form, provided that the author is notified and no fee is charged for access. Archiving, redistribution, or republication of this text on other terms, in any medium, requires the consent of the author.


 
Zurück zur digitalen Bibliothek 
 
Homepage Forschung Veranstaltungen
Veröffentlichungen Lehre Video/Audio