FÜHRT DIE DIGITALE WELTVERNETZUNG

ZU EINER GLOBALEN INFORMATIONSETHIK?

Rafael Capurro

  
 
 
  
Dieser Beitrag erschien in Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie 2005, 1, 39-45. Übersetzung in verschiedenen Sprachen. Teile dieses Beitrags erschienen in: Monika Sänger (Hrsg.) Kolleg Ethik Baden-Württemberg. Bamberg: Schulbuch-Verlag, 2010 (ISBN 978-3-7661-6633-3).



 

Inhalt

Einleitung

1. Zur Standortbestimmung der Informationsethik
2. Globale Informationsethik im Rahmen der Vereinten Nationen
3. Internationale akademische Aktivitäten

Schluß

Literatur
Weiterführende Bibliografie

 

 
  

Einleitung

    Mehr als zehn Jahre nach der Entstehung des Internet stehen wir vor einer paradoxen Situation: Je mehr der anfängliche Mythos einer von der realen Welt sich unterscheidenden Cyberwelt verblasst und das Internet zum Alltag von Millionen von Menschen gehört, um so mehr wachsen die Erwartungen, dieses Medium werde uns, in einer anderen Weise als dies die Individual- und Massenmedien des 20. Jahrhunderts zu tun vermochten, einander näher bringen, womit das kulturelle, wissenschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben der Menschen in einer gemeinsamen Welt gemeint ist.

    Die Gesellschaft der netizens, die sich zunächst als eine von der realen Welt abgehobene Sphäre wähnte und zuweilen noch zu cybergnostischen Vorstellungen neigt, erlebt zur Zeit eine massive Ökonomisierung des Netzes. Als eine von der physischen Realität getrennte Sphäre gehört das Internet zur Geschichte jenes Irrtums von der "wahren Welt", wovon Nietzsche erzählt, dass sie zur Fabel wurde. Oder ist das doch nicht der Fall? Denn die Fabel über die Cyberwelt scheint gerade von jenen ökonomischen und politischen Interessen missbraucht zu werden, die sich den lokalen, vor allem rechtlichen und moralischen Regulierungen zu entziehen versuchen, um somit ihre Ziele aufgrund eigener Regeln besser erreichen zu können. Das deutet zugleich darauf hin, dass der bisherige Sinn der Unterscheidung lokal/global, so wie er im Zusammenhang mit der terrestrischen Globalisierung in der Neuzeit geprägt wurde, sich verändert. Was ist aber das Besondere an der digitalen Globalisierung und an ihrem Verhältnis zum Lokalen?

    Ulrich Beck hat in Anschluss an Roland Robertson diese durch die digitale Vernetzung bewirkte Veränderung des Lokalen durch die (digitale) Globalisierung "Glokalität" genannt (Beck 1997). Die Differenz global/lokal hat in Bezug auf die digitale Vernetzung zwei unterschiedliche Bedeutungen. Sie kann sich, zum einen, auf die Differenz zwischen der Globalität der elektromagnetischen Weltvernetzung und der Lokalität einer Adresse (eines Servers oder einer Website) innerhalb des Netzes beziehen, oder sie kann, zum anderen, das Lokale als das auffassen, was außerhalb des Netzes in der physischen raum-zeitlichen Welt vorkommt. Von hier aus gesehen ist das Internet eine besondere Sphäre, die lokalisiert und inkulturiert werden muss.

    Was bringt die digitale Globalisierung für diese oder jene Gesellschaft oder Gruppe innerhalb dieser oder jener Kultur unter diesen oder jenen wirtschaftlichen Verhältnissen konkret an Veränderungen der Lebensbedingungen? Bedeutet sie zum Beispiel, dass eine privilegierte Minderheit von der digitalen Weltvernetzung profitiert und dadurch die schon vorhandene Kluft zwischen Armen und Reichen noch tiefer wird? Steigen die Chancen für eine bessere Ausbildung? Können sich die bisher unterdrückten Stimmen im politischen oder kulturellen Umfeld besser Gehör verschaffen? Steigen die Chancen für eine fortschreitende Demokratisierung? Eröffnen sich neue Betätigungsfelder, so dass die lokale Wirtschaft neue Impulse, sprich: neue Arbeitsplätze, schafft? Kann sich die kulturelle Vielfalt im Medium der digitalen Globalisierung so artikulieren, dass ihre Aneignung auf der Basis und in Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte, deren Traditionen und Metaphern und in der eigenen Sprache stattfindet?

    Der bloße technische Anschluss (access) der sog. Dritten Welt an die digitale Infrastruktur des World Wide Web löst per se keine sozialen oder ökonomischen Fragen. Im Mittelpunkt einer auf die konkreten Bedürfnisse der Menschen sich ausrichtenden digitalen Kultur muss, paradox ausgedrückt, die Leiblichkeit stehen. Die Spannung zwischen dem Digitalen und der physischen Existenz bildet die eigentliche Antriebskraft für die Fragen einer Informationsethik im 21. Jahrhundert. Zugleich ist hervorzuheben, dass die vielfältigen Formen menschlicher Kommunikation, die die Weltvernetzung bietet, zu neuen Formen von Gemeinschaften führen, die sozusagen quer zu den bisherigen geographisch und kulturell bedingten Lokalitäten stehen, so dass Netz-Gemeinschaften sich vielfältig mit physischen Lokalitäten überschneiden und somit zur Erweiterung und Bereicherung des lebensweltlichen Horizontes, aber auch zur Austragung neuer und alter Konflikte führen können. 

    Man kann vermuten, dass der Einbruch der globalen und interaktiven Weltvernetzung in die Lokalität sich zwar anders, aber auch nicht weniger traumatisch auswirkt, als dies bei den Massenmedien des 20. Jahrhunderts der Fall war. In diesem Sinne ist die Cybergnosis ein Symptom unseres metaphysischen Begehrens, uns jenseits von Raum und Zeit, d.h. jenseits der Leiblichkeit zu konstituieren. Die Kehrseite dieses Begehrens besteht dann nicht nur im vermeintlichen Ausschluss der Lebenswelt aus dem Cyberspace, sondern im zynischen Gebrauch dieses Ausschlusses, um auf Kosten anderer zu leben. Insofern ist der mögliche Sinn der Frage nach der Lokalisierung des Internet ein Aufruf zur Aufdeckung dessen, was im digitalen Diskurs verworfen wird.


1. Zur Standortbestimmung der Informationsethik

    Menschliches Denken und Handeln finden immer im Kontext kontingenter Situationen statt, was nicht heißt, dass wir einem unentrinnbaren Schicksal ausgeliefert wären. Vielmehr bildet diese Einsicht die Voraussetzung dafür, dass wir die digitale Weltvernetzung nicht verabsolutieren. In der Sprache der Tradition würden wir sagen, dass Informationsethik jene Form der Reflexion ist, in der nach Möglichkeiten der Verwirklichung menschlicher Freiheit unter den kategorialen Bedingungen der digitalen Weltvernetzung gefragt wird. Im weiteren Sinne umfasst Informationsethik Fragen der Digitalisierung, d.h. der Rekonstruktion aller möglichen Phänomene im Medium von 0 und 1 als digitale Information sowie des Austauschs, der Kombination und der Verwertung dieser Information im Medium digital vermittelter Kommunikation. Im engeren Sinne befasst sich Informationsethik mit ethischen Fragen im Zusammenhang mit dem Internet (Netzethik) (Hausmanninger/Capurro 2002).

    In einem berühmten Vortrag mit dem Titel "Experiment Mensch" hat Karl Rahner darauf hingewiesen, dass der Mensch der, so können wir sagen, sein Ende im Gegensatz zur einseitigen Moral der „konservativen Warner und Retardierer“ ethisch bedenkt, sich dem schmerzhaften Wagnis der Freiheit stellen muß (Rahner 1966, 68). Im Unterschied zum Moralisten ("Der Mensch darf und soll nicht alles tun, was er kann") und zum nüchternen Skeptiker ("Es ist nicht zu erwarten, dass der Mensch unterlassen wird, was er tun kann") behauptet Rahner: „dass zwar der Mensch ein Wesen hat, das er in seinem Handeln respektieren muß, aber gerade so, das Wesen ist, das in Kultur, d.h. hier in Selbstmanipulation, seine Natur aktiv bildet und gestaltet und sie nicht einfach als schlechthin kategorial fixe Größe vorauszusetzen hat.“ (Rahner 1966, 58) Die digitale Weltvernetzung kann als Teil dieses Freiheitswagnisses aufgefaßt werden. Wenn das ‚Wesen’ (verbal gedacht) des Menschen in der Möglichkeit der (Selbst-) Manipulation besteht – Rahner bezeichnet den Menschen als „faber sui ipsius“ (Rahner 1966, 55) – dann läßt sich die Frage nach dem Woraufhin nicht ausschließlich von einem konkreten Zustand her moralisch legitimieren und beantworten. Sich zum Wagnis der endlichen Freiheit zu bekennen, bedeutet aber nicht, Ambivalenzen der heutigen und künftigen digitalen Weltvernetzung zu verkennen. Letztere scheint immer mehr mit den Möglichkeiten einer flächendeckenden Vernetzung von Menschen, bis in ihrer Leiblichkeit hin, und Dingen (ubiquitous computing), deren Vorboten Laptops und mobile Telefone sind 

    Netzethik lässt sich im Sinne eines genitivus objectivus und subjectivus verstehen. In der ersten Bedeutung ist die Kritik an einer Ausformung unseres digitalen Seins gemeint, die von den realen Nöten der Menschen absieht, anstatt zu fragen, inwiefern das Netz bestehende Ungerechtigkeiten zementiert und sogar vertieft oder, positiv ausgedrückt, inwiefern die Globalisierung den Menschen konkrete Chancen bietet, sich in einer pluralen und komplexen Welt ein nach eigenen Vorstellungen und Wünschen besseres Leben zu gestalten. Diese Problematik wird heute unter dem Stichwort ‚digitale Spaltung’ (digital divide) thematisiert (Scheule/Capurro/Hausmanninger 2004). Wir können auch von digitaler Apartheid sprechen. Die zweite Bedeutung bezieht sich auf die Art und Weise wie wir im Netz sind. Hier sehe ich die Chance für eine Netzethik im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst (Capurro 1995).

    An anderer Stelle habe ich den Versuch zur existenzial-ontologischen Begründung der Netzethik unternommen (Capurro 2002) auf der Basis einer nur in Umrissen entfalteten digitalen Ontologie (Capurro 2002a). Eine solche ontologische Begründung versteht sich, Heideggers Metaphysikkritik folgend, als Gegensatz zu einer metaphysischen Auffassung der „Infosphäre“ wie sie zum Beispiel der in Oxford lehrende Philosoph Luciano Floridi vertritt (Floridi 1999). Mit einer digitalen Bestimmung des Seinsverständnisses ist der heute weit verbreitete Glaube gemeint, dass wir etwas in seinem Sein verstanden haben, wenn wir es im Horizont des Digitalen auslegen. Ziel einer digitalen Ontologie ist diesen Horizont als solchen kenntlich(er) zu machen, vor allem gegenüber dem, was von sich aus aufgeht, d.h. gegenüber dem, was die Griechen ‚physis’ nannten (Capurro 2002b). Sich auf das Phänomen des Digitalen ontologisch einzulassen, bedeutet dieses Phänomen als einen möglichen heute vorherrschenden Weltentwurf aufzufassen. Eine darauf basierende Informationsethik kann als eine artifizielle, d.h. sich am interface orientierend, verstanden werden. Sie ist eine Ergänzung zur klassischen auf (gedruckten) Texten sowie auf dem face-to-face Dialog basierenden Hermeneutik (Capurro 1986, 2003). Von hier aus gesehen, sind die (Internet-) Suchmaschinen als eine soziale Technologie von kaum zu überschätzender Bedeutung aufzufassen.
   
    Eine künftige Informationsethik muß aber nicht nur die Frage des Verstehens (digitaler) Information, sondern zugleich das Phänomen der Mitteilung selbst in den Vordergrund rücken. Wir leben nicht nur in einer Informationsgesellschaft, sondern auch in einer message society. Die digitale Weltvernetzung hat vor allem eine Deregulierung der klassischen Oligopole der Botschaftsherstellung, -speicherung und –verbreitung hervorgebracht, allem voran die der Massenmedien des 20. Jahrhunderts. Sie dringt immer stärker in allen Bereichen des Alltags ein und gibt Anlaß nicht nur zu kühnen sozial-politischen Visionen (Weychert 2005), sondern auch zu handfesten nachahmenswerten jugendlichen Projekten in aller Welt (Yois 2003). Mit Bezug auf das griechische Wort für Botschaft, nämlich angelía, spreche ich von einer Wissenschaft von Boten und Botschaften oder Angeletik, wovon die theologische Engellehre ein Gegenstück darstellt (Capurro 2003a, 2002c).

    Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass obwohl die digitale Weltvernetzung sich anfänglich als ein von der Leiblichkeit, ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten getrennter Raum ausgab, immer mehr nicht nur zum Ort menschlicher Leidenschaften, sondern zu einer Leidenschaft unseres In-der-Welt-seins geworden ist (Capurro 2003b).


2. Globale Informationsethik im Rahmen der Vereinten Nationen


    Wie ist unter den Bedingungen von Pluralität und Multikulturalität ein Zusammenleben im Horizont der Weltvernetzung denkbar, das die Welt weder in ein globales Kasino noch in ein digitales Tollhaus verwandelt? Die ethisch-politische Diskussion um die minima moralia zu diesen Fragen besitzt eine Brisanz, vergleichbar mit den ihr verwandten weil sich immer stärker im Kontext der Weltvernetzung und der Digitalisierung stellenden bioethischen Fragen. Die Aktualität und Dringlichkeit dieser Probleme zeigt der im Dezember 2003 im Auftrag der Vereinten Nationen veranstalteten World Summit on the Information Society (WSIS) und seine Fortsetzung 2005 in Tunis.

    Dieser internationale Dialog im Rahmen der Vereinten Nationen hat Vorläufer in den UNESCO-Konferenzen über ethische, rechtliche und soziale Aspekte der Informationsgesellschaft, die 1997, 1998 und 2000 stattfanden. Außerdem hat die UNESCO ein vorbildliches Observatory on the Information Society geschaffen, das eine Fülle von aktuellen nach Ländern und Sprachen sortierten Material über die Entwicklung der Informationsgesellschaft  bietet.

    Eine Herausforderung der aufkommenden glokalen Weltgesellschaft besteht darin, vor- und nachzudenken wie die Grundregeln menschlichen Zusammenlebens, wie sie zum Beispiel in der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte zum Ausdruck kommen und im Kontext der digitalen Weltvernetzung auszulegen sind, so dass anstelle des beschworenen "Kampf der Kulturen" ein Dialog zwischen den Kulturen möglich wird, der zugleich zum Erhalt ihrer Vielfalt beiträgt, ohne die bislang vorwiegend technisch aufgefasste Dimension ihrer Einheit aufzugeben. Das ist m.E. die Hauptaufgabe einer künftigen interkulturellen Informationsethik (Capurro 2005). Auf der weltpolitischen Bühne bietet die „Declaration of Principles“ des World Summit on the Information Society eine für die internationale Informations- und Kommunikationspolitik tragfähige transkulturelle Basis, die freilich die tieferen Fragen eines interkulturellen informationsethischen Dialogs, jenseits eines bloßen multikulturellen Nebeneinander von Traditionen und Denkansätzen, unberührt läßt. 

    Ein deutscher Beitrag zur internationalen ethisch-politischen Diskussion um die künftige Informationsgesellschaft bietet die "Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft" (Charta 2003), ein kollaboratives Werk deutscher zivilgesellschaftlicher Akteure, insbesondere der Heinrich Böll Stiftung, die damit ein Diskussionsangebot zum UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft unterbreitet haben. Die ethischen Werte, die es nach dieser "Charta" zu bewahren und zu fördern gilt, lauten in Kurzform: 

1. Wissen ist Erbe und Besitz der Menschheit und damit frei.

2. Der Zugriff auf Wissen muss frei sein.

3. Die Verringerung der digitalen Spaltung muss als Politikziel hoher Priorität anerkannt werden.

4. Alle Menschen haben das Recht auf Zugang zu den Dokumenten öffentlicher und öffentlich kontrollierter Stellen.

5. Die ArbeitnehmerInnenrechte müssen auch in der elektronisch vernetzten Arbeitswelt gewährleistet und weiterentwickelt werden.

6. Kulturelle Vielfalt ist Bedingung für individuelle und nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung.

7. Mediale Vielfalt und das Angebot von Information aus unabhängigen Quellen sind unerlässlich für den Erhalt einer aufgeklärten Öffentlichkeit.

8. Offene technische Standards und offene Formen der technischen Produktion garantieren die freie Entwicklung der Infrastrukturen und somit eine selbstbestimmte und freie Kommunikation.

9. Das Recht auf Achtung der Privatheit ist ein Menschenrecht und ist unabdingbar für die freie und selbstbestimmte Entfaltung von Menschen in der Wissensgesellschaft.


3. Internationale akademische Aktivitäten

    Seit etwa zehn Jahren befassen sich eine Reihe von hochkarätigen internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen über  ethische, interkulturelle und philosophische Fragen des Internet wie zum Beispiel:

  • Die vom Centre for Computing and Social Responsibility (CCSR, De Montfort University, UK) seit 1996 organisierten internationalen Konferenzen.
  • Die seit 1998 alle zwei Jahre stattfindenden CATaC Konferenzen über Cultural Attitudes Towards Technology and Communication.Die CEPE (Computer Ethics: Philosophical Enquiry) Konferenzen (seit 2000)

    Es gibt zwei internationale akademische Vereinigungen im Bereich Informationsethik, nämlich INSEIT (International Society for Ethics and Information Technology) und ICIE (International Center for Information Ethics), wobei INSEIT eher philosophisch sowie auf Informationstechnik generell, ICIE dagegen interdisziplinär und auf ethische Fragen der digitalen Weltvernetzung orientiert ist. Ein von der VolkswagenStiftung gesponsortes und vom ICIE organisiertes Symposium, das vom 4. bis zum 6. Oktober 2004 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe stattfand widmete sich dem Thema Localizing the Internet. Ethical Issues in Intercultural Perspective.  Es nahmen etwa 60 Experten aus 18 Ländern daran teil. Sie erörterten die Frage nach den lokalen Auswirkungen der globalen Weltvernetzung in dreifacher Hinsicht, nämlich:

  • Inwiefern trägt das Internet zur sozialen und politischen Entwicklung bei?
  • Inwiefern trägt das Internet zur medialen Entwicklung bei?
  • Inwiefern trägt das Internet zur ökonomischen Entwicklung bei?

    Die erste Frage stellte das soziale Moment (community building) in den Vordergrund. Im einzelnen ging es darum zu analysieren, inwieweit und in welcher Weise das Internet das lokale Leben beeinflusst: Wie wird es mit Blick auf verschiedenen kulturellen Traditionen im Leben der Menschen integriert? Welchen positiven und/oder negativen Einfluss hat es auf die Schaffung neuer Formen von Gemeinschaft? Wie beeinflusst das Netz ihre Werte und Gewohnheiten? Wie verändert es ihre Sprache? Welche Formen von Ausbeutung und Diskriminierung werden sie ausgesetzt?

  Die zweite Frage betraf den durch das Internet verursachte Strukturwandel der medialen Öffentlichkeit (restructuring the media). Es ging dabei um die Veränderungen im politischen Leben aufgrund der digitalen Vernetzung (e-democracy) sowie insbesondere auf die Möglichkeiten der Einflussnahme von durch totalitäre Regime unterdrückten oppositionellen Bewegungen aber auch um die umgekehrte Frage nach dem möglichen Missbrauch des Netzes seitens krimineller Gruppierungen.

    Die dritte Frage schließlich betraf die ökonomischen Auswirkungen des Internet und zwar im Hinblick auf die am meisten Benachteiligten in einzelnen Gesellschaften und Kulturen (empowering the people). Es besteht ein dringender Bedarf, zu analysieren, inwiefern das Netz als Mittel der sozialen und kulturellen Unterdrückung missbraucht werden kann und wie es sich auf das kulturelle Gedächtnis sowie auf die Nachhaltigkeit kultureller Traditionen auswirkt. Die Beiträge zu diesem Symposium wurden im International Review of Information Ethics (IRIE), eine akademische online Zeitschrift, veröffentlicht. Eine Auswahl der Beiträge erscheint 2005 in der Schriftenreihe des ICIE.

Schluß


    Führt die digitale Weltvernetzung zu einer globalen Informationsethik? Diese Frage ist mit Ja zu beantworten, wenn damit eine nicht nur internationale, sondern auch interkulturelle ethische Reflexion über die sozialen Auswirkungen der Weltvernetzung auf einzelne Gesellschaften und Kulturen sowie auf die entstehende Weltgemeinschaft insgesamt gemeint ist.

    Zugleich stellt sich als eine immer dringendere Aufgabe die Schaffung eines quasi-rechtlichen international anerkannten Moralkodex, das als Basis für die Beilegung anstehender Konflikte – von cyberwars über Kinderpornografie und Rechtsradikalismus bis hin zu Viren-Attacken, die einen kaum zu ermessenden ökonomischen Schaden verursachen können – dienen sollte. In den nächsten Jahren ist mit einer weiteren Ökonomisierung der Weltvernetzung und somit auch mit einer Vertiefung des digital divide zu rechnen. Dagegen können Initiativen wie die Open-Source-Bewegung ein Gegengewicht bilden.

    Die Arbeit am digitalen Code hat nicht nur technische, sondern vor allem rechtliche Auswirkungen für die Gestaltung der Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert (Lessig 1999). Es besteht politischer Handlungsbedarf, um die Unterscheidung zwischen dem Physischen und dem Digitalen nicht zu einer die bisherigen Verteilungs- und Chancenungerechtigkeiten verschärfenden Kluft aufgrund des Ausschlusses ganzer Gesellschaften aus der vernetzten Welt ausarten zu lassen. Die Basis um dieser Entwicklung vorzubeugen, besteht in der politischen Unterstützung von Ausbildungsmaßnahmen sowie in der Beachtung der lokalen Bedürfnisse der Menschen einschließlich ihrer kulturellen Traditionen. Dazu kann auch der akademische informationsethische Diskurs, vor allem wenn er sich interkulturell vollzieht, beitragen.


 
   
  

Literatur

Beck, Ulrich (1997): Was ist Globalisierung? Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Capurro, Rafael (1986). Hermeneutik der Fachinformation. Freiburg/München: Alber. 

Capurro, Rafael (1995). Leben im Informationszeitalter. Berlin: Akademie Verlag

Capurro, Rafael (2002): Operari sequitur esse. Zur existenzial-ontologischen Begründung der Netzethik. In: Thomas Hausmanninger, Rafael Capurro (Hrsg.): Netzethik. Grundlegungsfragen der Internetethik. München: Fink Verlag, ICIE Schriftenreihe Bd. 1, 61-77. Eine kürzere Fassung mit dem Titel „Ansätze zur Begründung einer Netzethik“ erschien in: Klaas Huizing, Horst F. Rupp (Hg.): Medientheorie und Medientheologie. Münster: Lit Verlag (2003), 122-137.

Capurro, Rafael (2002a). Beiträge zu einer digitalen Ontologie.

Capurro, Rafael (2002b). Philosophical Presuppositions of Producing and Patenting Organic Life. 

Capurro, Rafael (2002c). Die Lehre Japans. Theorie und Praxis der Botschaft bei Franz Xaver. In: Rita Haub, Julius Oswald (Hg.): Franz Xaver – Patron der Missionen. Festschrift zum 450. Todestag. Regensburg: Schnell & Steiner Verlag, 103-121. Eine kürzere Fassung erschien in: Geist und Leben, Juli/August 2002 (4),  252-264.

Capurro, Rafael (2003). Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Capurro, Rafael (2003a):  Angeletics – A Message Theory. In: Hans H. Dieber, Lehan Ramsay (Eds.): Hierarchies of Communication. Karlsruhe: Center for Art and Media (ZKM), 58-71.

Capurro, Rafael (2003b): Passions of the Internet. In: Proceedings of the Colloquium on Violence & Religion, COV&R Conference 2003, University of Innsbruck: "Passions in Economy, Politics, and the Media. In Discussion with Christian Theology” June 18-21, 2003

Capurro, Rafael (2005). Intercultural Information Ethics. In: Rafael Capurro, Johannes Frühbauer, Thomas Hausmanninger (Eds.): Localizing the Internet. Ethical Issues in Intercultural Perspective. München: Fink Verlag, ICIE Schriftenreihe Bd. 4

Capurro, Rafael (2004). Informationsethik – Eine Standortbestimmung. In: International Journal of Information Ethics (IRIE), 1/2004.

Charta (2003). Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft.

Floridi, Luciano (1999). Information Ethics: On the Philosophical Foundations of Computer Ethics. In: Ethics and Information Technology 1(1), 37-56.

Hausmanninger, Thomas; Capurro, Rafael (2002):  Ethik in der Globalität. Ein Dialog. In: Thomas Hausmanninger, Rafael Capurro (Hrsg.): Netzethik. Grundlegungsfragen der Internetethik. Schriftenreihe des ICIE Bd. 1, München, Fink 2002, 13-36.

Lessig, Lawrence (1999). Code and Other Laws of Cyberspace. New York: Basic Books.

Rahner, Karl (1966). Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen. In: Heinrich Rombach Hrsg.: Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift für Max Müller zum 60. Geburtstag. München, Alber 1966, 45-69. 

Scheule, Rupert M.; Capurro, Rafael; Hausmanninger,  Thomas (Hrsg.) (2004). Vernetzt gespalten. Der Digital Divide in ethischer Perspektive. München: Fink Verlag. Schriftenreihe des ICIE Bd. 3.

Wejchert, Jakub (Ed.) (2005): The Vision Book. Brussels: European Commission (in print).

Yois (Ed.) (2003): Wh@t's next? The future of the information society - a youth perspective. Augsburg: Himmer.

Weiterführende Bibliografie 

Baird, Robert M.;  Ramsower, Reagen; Rosenbaum, Stuart E. Eds.: Cyberethics: Social and Moral Issues in the Computer Age, Amherst, NY 2000, 2nd Ed.

Buchanan, Elizabeth Ed.: Readings in Virtual Research Ethics: Issues and Controversies, Hershey 2003.

Bynum, Terrel Ward; Rogerson, Simon: Computer Ethics and Professional Responsibility: Introductory Text and Readings. Oxford Univ. Press 2004.

Cavalier, Robert Ed.: The Internet and our Moral Lives, Albany 2004.

Ess, Charles; Sudweeks, Fay (Eds.): Culture, Technology, Communication: Towards an Intercultural Global Village, New York 2001.

Ess, Charles; Sudweeks, Fay (Eds.): Cultural Attitudes Towards Technology and Communication. Murdoch University, Australia 2004.

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Rogerson, Simon; Bynum, Terrell Ward: Computer Ethics and Social Responsibility, Oxford University Press 2002.

Spinello, Richard Ed.: Morality and Law in Cyberspace. Sudbury, Mass. 2002.

Spinello, R.A.; Tavani, H.T. Eds.: Readings in CyberEthics. Boston u.a. 2004 (2. Ed.).

Tavani, Herman, T.: Ethics and Technology: Ethical Issues in an Age of Information and Communication Technology. Hoboken, NJ 2004.


Letzte Änderung: 8. December  2014
 
 
 
 
    

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