ANSÄTZE ZU EINER INFORMATIONSÖKOLOGIE 

Rafael Capurro
  

 

 
 
Diese Ansätze wurden beim NORDINFO International Seminar "Information and Quality" an der Royal School of Librarianship in Kopenhagen, 23.-25.1989 in englischer Sprache vorgetragen. Sie erschienen mit dem Titel: Towards an Information Ecology in: I. Wormell (ed.).: Information and Quality, London: Taylor Graham 1990, 122-139. Die deutsche Übersetzung, die einige Änderungen gegenüber dem Original aufweist, besorgte Herr Dipl. Dok. Heinz Becker Özmen. Sie erschien in: Deutscher Dokumentartag 1989, Proceedings DGD, Frankfurt a.M. 1990, 573-593.



 

INHALT

Einleitung

I. Theoretische Ansätze zu einer Informationsökologie

1) Zur Informationsökologie innerhalb informationsreicher Gesellschaften

2) Zur 'globalen' Informationsökologie

II. Pragmatische Ansätze zu einer Informationsökologie

III. Erste Stellungnahmen

Anmerkungen

Literatur

 

 
 

Zusammenfassung

Informationsökologische Probleme entstehen in informationsreichen aber auch durch die Wechselwirkung mit informationsarmen Gesellschaften. Die aufgeworfenen Fragen werden sowohl aus einer theoretischen als auch aus einer praktischen Perspektive erörtert. Bei der theoretischen Betrachtung wird der soziale Charakter der Information als ein 'Maßstab' für seine 'ökologische' Qualität herausgearbeitet. Hervorgehoben werden die sozialen, linguistischen ('Kritisierbarkeit', 'unthematische Dimension' und 'Partialität') und historischen Dimensionen der Information. Diese Dimensionen ermöglichen eine genaue Definition des Begriffs 'Informationsverschmutzung' ('information pollution'). Die wachsende Kluft zwischen Informationsreichen und -armen Ländern wird vor diesem Hintergrund analysiert. Es werden einige Handlungsvorschläge gemacht.



 
 

Einleitung

Wissen ist Macht - zum Guten oder zum Schlechten! In einer Welt der Gewalt, Armut und ökologischen Krise aber ebenso der Friedensbewegungen, industrieller Produktivität und wissenschaftlich-technischer Entwicklung ist die Produktion, Speicherung, Austausch, Verbreitung, Auswahl und Gebrauch von Information zu einer Schlüsselfrage geworden. (1)

Wir leben nicht nur von der Natur, sondern sich auch Teil der Natur. Ebenso kann man sagen, daß wir als Individuen wie auch als Teil verschiedenartiger sozialer Systeme darauf angewiesen sind, Wissen sowohl mit anderen zu teilen, als auch als Information zu 'vermarkten'. Es hat sich als irrationaler und unverantwortlicher Weg des Denkens und Handelns erwiesen, die Natur nur als Ressource zu betrachten, oder als etwas, das wir umgestalten können (und sollten), ohne an die Konsequenzen zu denken - nicht nur für uns, sondern auch für das Gleichgewicht des Lebens auf diesem Planeten. Es ist deshalb Zeit, nach den Konsequenzen unseres Tuns zu fragen, nicht nur im Hinblick auf die Natur, sondern ebenso mit blick auf die Technologien, die wir benutzen, um uns selbst zu gestalten. Dabei handelt es sich besonders um zwei Technologien: die Biotechnologie und die Informationstechnologie. Dabei spielt die moderne Informationstechnologie nicht nur bei der Gestaltung des Kommunikationsprozesses, sondern auch in vielen anderen Aspekten unseres individuellen und sozialen Lebens eine wichtige Rolle.

Dies ist auch die Prämisse des Instituts für Informations- und Kommunikationsökologie (IKÖ),(2) das dieses Jahr gegründet wurde. Die ganze Komplexität, die im Titel "Informations- und Kommunikationsökologie" verdichtet ist, kann durch einen Blick auf die Liste der bereichsspezifischen und interdisziplinären Fachgruppen, die sich größtenteils bereits konstituiert haben, abgeschätzt werden:
- Arbeit und Betrieb
- Telematik, Telekommunikationspolitik und -industrie
- Verdatung, Kontrolle, Innere Sicherheit
- Medien und Kultur
- Alltag und Privatsphäre
- Frauen und Technik
- Bildung, Ausbildung, Weiterbildung
- Medizin und Gesundheit
- Umweltbe- und -entlastung
- Grenzüberschreitungen und neue Konvergenzen
- Kommunikationsökologische Grundlagenforschung
- Neue Techniken - Leben - Widerstand
- Ökonomische Aspekte und politische Ökonomie der IuK-Techniken
- Informatik und Ökologie
Das Institut versteht sich nicht nur als interdisziplinäres, wissenschaftliches Froum, sondern auch als politische Aktionsgemeinschaft im Hinblick auf den Schutz der "Soziosphäre".

Bei den folgenden Gedanken soll die Aufmerksamkeit auf zwei Fragen gelenkt werden:
1) Mit welchen Herausforderungen wird eine Gesellschaft (eine Nation oder eine Gruppe von Nationen) konfrontiert, in der Wissen und Kommunikation mehr und mehr durch Informationstechnologien gestaltet werden?
2) Welche Herausforderungen entstehen aus der 'globalen' Wechselwirkung zwischen Informationsarmen und informationsreichen Gesellschaften?

Besonders seit der sogenannten elektronischen Revolution wird Wissen mehr und mehr als eine Ressource betrachtet und ausgebeutet. Wissen wird also auf die selbe Art und Weise produziert, verändert, ver- bzw. gekauft und benutzt wie die industrielle Ausbeutung materieller Ressourcen. Mit anderen Worten: Wissen in der Gestalt von Information hat nicht länger primär die Funktion eines Allgemeingutes mit hohem Gebrauchswert wie z.B. Wasser oder Luft. Es ist eine Ware mit einem entsprechenden Tauschwert geworden. Der industrielle Prozeß, Güter mit Gebrauchswert in Güter mit Tauschwert zu verwandeln, war im 19. Jahrhundert besonders aggressiv. Das schließt eine schrittweise Auflösung der Dimension des Gebrauchswerts ein und damit die Verwandlung des wertenden Subjekts zu einer Funktion des Tauschwertes. Dieser Prozeß ist besonders im Bereich der kulturellen und moralischen Werte als Nihilismus bekannt.

Eine mögliche Antwort auf diese Entwicklung war bzw. ist die Marxistische. Sie besteht in der Absicht, den Gebrauchswert wiederherzustellen, indem gesellschaftliche Arbeit und nicht die Kosten als das grundsätzliche Prinzip für die Bestimmung des Wertes in Betracht zu ziehen sind. Diese Theorie setzt, zumindest in ihrer 'reinen' Form, einen totalitären Standpunkt von Gesellschaft und Geschichte voraus, was mehr und mehr Gegenstand der Kritik ist, neuerdings sogar in einigen sozialistischen Ländern. Ich glaube, daß dies keine unbeschränkte Vollmacht für den 'klassischen' Kapitalismus, sondern eine Chance für eine neue Form der Pluralität bedeuten kann.

Es ist in diesem Sinne, daß der französische Philosoph Jean-François Lyotard Datenbanken als jene Form in Betracht sieht, in der "postmodernes" Wissen nach der Desintegration der ideologischen "Metaerzählungen" 'repräsentiert' ist. (3). Dies ist ein besonders interessanter Ausgangspunkt, wenn die Desintegration der politischen (ideologischen) und/oder philosophischen Formen der Rechtfertigung des ganzen Bereiches des Wissens nicht als etwas notwendigerweise Negatives, sondern als eine Chance aufgefaßt wird. Um diese Desintegration es auf diese Art und Weise zu sehen, müssen zwei Voraussetzungen erfüllt werden: 1) den allgemeinen Zugriff auf Datenbanken zu gewähren und 2) die Fähigkeit zu entwickeln, mit verschiedenen Sprachen zu 'spielen' (im Sinne von Wittgensteins "Sprachspielen"), und zwar ohne die verschiedenen sozialen Interessen auf einen partikulären Standpunkt zu reduzieren. (4) Mit anderen Worten, die Auflösung des Ideals einer globalen, praktischen und/oder theoretischen Wissenskontrolle, nicht nur in bezug auf die Inhalte, sondern auch in bezug auf den Prozeß der Produktion, des Austausches und des Gebrauchs, kann als eine Herausforderung für neue Wege des symbolischen Austausches in einer pluralistischen Gesellschaft betrachtet werden. Das ist ein Hauptpunkt einer 'ökologischen' Betrachtung 'informationsreicher' Gesellschaften auch mit Bezug auf die 'globalen' Wechselwirkungen.

Die folgenden Gedanken sind in vielerlei Hinsicht einseitig und sie erheben nicht den Anspruch, einen erschöpfenden Ausblick auf die zwei bereits erwähnten Fragen zu geben. Sie beabsichtigen Chancen und Risiken aufzuzeigen, um einige Kriterien für ihre Beurteilung anzubieten. Ich beginne mit einigen Hinweisen zu etwas, was man eine Theorie der Informationsökologie nennen könnte, und mache, im zweiten Schritt, einige Handlungsvorschläge.


I Theoretische Ansätze zu einer Informationsökologie

Die Auflösung eines einheitlichen Wissensideals und die Herrschaft des Tauschwertes sind dann eine ökologische Gefahr, wenn wir darauf reagieren indem wir versuchen, eine 'rein' politische Kontrolle einzuführen oder den 'Marketingprozeß' passiv zu betrachten. In beiden Fällen verlieren wir die Chance des potentiellen Pluralismus, den diese Technologie bietet. Dieser Pluralismus bedeutet nicht, daß mit der elektronischen Gestaltung der Kommunikation alle anderen formalen (zum Beispiel das Buch) und informalen Arten der menschlichen Interaktion 'überwunden' oder veraltet sind. Diese Vielfalt ist eine ökologisch zu schützende und zu fördernde Art von Pluralismus. Eine Informationsökologie hat nicht die einfache Aufgabe zu sagen: "Informationstechnologien sind per se uniformierender Natur. Laßt uns die traditionellen Werte, zum Beispiel von Büchern, retten". Diese Art des Widerstands (Bücher contra Informationstechnologie) versagt darin, daß sie die Komplexität und potentielle Pluralität innerhalb der technischen Gestaltung der Wissensrepräsentation und -verbreitung verkennt. Die Frage ist, wie eine Wechselwirkung zwischen verschiedenen Arten der Kommunikation organisiert werden kann, um sich nicht nur der Chancen, sondern auch der Grenzen bewußt werden, die jeder Möglichkeit eigen ist, ob diese nun eine technische ist oder nicht. Falls wir diese Frage nicht aufwerfen, werden wir früher oder später, wie im Falle unverantwortlicher Handlungen gegenüber der Natur, riesige Probleme mit Informationsverschmutzung ('information pollution') haben. Dieses pragmatische Konzept wird nun untersucht, indem zuerst einige Charaktere bzw. Dimensionen betrachtet werden, die dem Informationsphänomen zugeschrieben werden können - nämlich die soziale, die linguistische und die historische Dimension.

Wir sind es gewohnt, Information als etwas zu betrachtet, das einfach gegeben ist. Man könnte sagen, Information ist die Atmosphäre einer demokratischen Gesellschaft. Information hat also selbstverständlich eine soziale Dimension. In Wirklichkeit aber ist diese Dimension keine Trivialität. Es hat dreihundert Jahre gebraucht, um niedergeschriebenes Wissen weiten Teilen der Gesellschaft zu öffnen. Dies war nicht nur ein technischer, sondern auch ein pädagogischer und sozio-politischer Prozeß. Wir brauchen, wie zur Zeit der Aufklärung, eine kreative Bildungs- und Kulturpolitik auf diesem Gebiet. Wie bei anderen Menschenrechten ist es nicht genug, eine ökologische oder sogar eine ethische Theorie der Information zu entwickeln (und diese dann in eine Deklaration zu verkünden), sondern was Not tut, ist die Pflege des praktischen Urteilsvermögens im Hinblick auf mögliche Handlungsalternativen. (5)

Information hat, zweitens. eine linguistische Dimension. Sprache ist nicht etwas zur Gesellschaft hinzugefügtes, sondern sie ist das 'Wesen' der Gesellschaft, das heißt sie ist die Art, wie wir in der Welt sind. Einige Kennzeichen der Sprache in der Gestalt von Information sind: a)  ihre Kritisierbarkeit, b) ihre unthematische Dimension und c) ihre Partialität.

a) Es gibt keine puren Informationen wie es auch keine puren Fakten gibt, sondern Information ist immer relativ zu einem theoretischen und/oder praktischen Vor-verständnis. Es bleibt immer etwas übrig, das man beurteilen (und nicht bloß 'wieder-holen' ('retrieve') kann und soll - falls man gelernt hat (individuell und gesellschaftlich), wie so etwas gemacht wird. Für dieses kritische Bewußtsein sind besonders die 'Informationsfachleute' verantwortlich.

b) Information ist notwendigerweise 'blind'. Diese unthematische Dimension kann nicht vollständig objektiviert werden. (6) Informationssysteme können nicht verantwortlich gemacht werden, sondern jeder ist selbst für die Information verantwortlich, die er/sie produziert und gebracht. Beim Aufbau und bei der Nutzung von Expertensystemen ist dieser Aspekt besonders wichtig. (7)

c) Wo immer die Moderne auf einen systematischen Aufbau des Wissens abzielt, sollten wir uns am Ende der Moderne, des partiellen oder zerstückelten Charakters bewußt sein. Um den Verlust einer dogmatischen Einheit - mit ihrem Niederschlag in systematischen Klassifikationen - sie positiv bzw. als eine Chance zu bewerten, müssen drei Kennzeichen der linguistischen Dimension zusammen gedacht werden. Wissen in der Gestalt von Information ist eine offene oder fragile Einheit, bei der die Pluralität (der Standpunkte, Sprachen, Kulturen usw.) im Vordergrund steht. (8)

Information beinhaltet, drittens eine historische Dimension. Die elektronische Revolution ist nicht der Beginn der papierlosen Gesellschaft noch ist sie ein notwendiger historischer Schritt, der von allen Ländern und in der gleichen Art und Weise in Zukunft vollzogen werden muß. Sie ist nur eine Möglichkeit, die in den Reichtum der Vergangenheit und die Zwänge der Gegenwart verantwortungsvoll eingefügt werden sollte. (9) Die Alternative lautet nicht: entweder Ablehnung der Informationstechnologien oder Informationskolonialismus. Es gilt, zwischen den verschiedenen Arten kultureller und technischer Informationsmischungen neue Wege zu finden. Information hat einen mestizenhaften Charakter.(10)

Auf der Basis dieser Analyse ist es nun möglich einen Begriff von Informationsverschmutzung als grundlegendes pragmatisches Konzept zu bestimmen. Dieses Konzept soll dann auf den zwei Ebenen untersucht werden, die zu Beginn genannt wurden: innerhalb informationsreicher Gesellschaften und in bezug auf die globalen Wechselwirkungen.


1) Zur Informationsökologie innerhalb informationsreicher Gesellschaften

Die ökologische Schlüsselfrage, die der Produktion, Speicherung, Verfügbarmachung, Auswahl und den Gebrauch aller Wissensarten betrifft, ist die Erhaltung und Zunahme des sozialen Charakters der Information. (11) Verantwortung für diese Dimension ist ein ökologisches Maß bzw. ein Maß für die informationsökologische Qualität postmodernen Wissens. Unter diesem Gesichtspunkt gibt es zwei Arten ökologischer Gefahren: erstens, eine monoligische Kontrolle des Staates über die Informationstechnologien und/oder über die Inhalte der Sendungen und zweitens, die unbegrenzte Umwandlung der Information in einen Tauschwert. Demgegenüber sollten wir versuchen, die Spannung zwischen der notwendigen Rolle des Staates für die Wahrung des allgemeinen Zugangs zur Information und dem Recht des Einzelnen gegenüber einer zentralisierten politischen und/oder Marktkontrolle so zu gestalten, daß die unterschiedlichen Interessen- und Verantwortungssphären respektiert werden.

Dies ist zum Beispiel im Falle des deutschen ISDN-Netzes (eine schrittweise Integration verschiedener Übermittlungsnetze für Text, Sprache und Bilder) ein ökologisch kritischer Punkt, wie es von H. Kubicek hervorgehoben worden ist. (12) Übereinstimmend mit Kubicek sind die immanenten ökologischen Gefahren eines solchen zentralisierten Systems:
- die Möglichkeit eines Totalausfalls
- die Schwäche des Systems gegenüber physischer Gewalt
- die Möglichkeit der Softwaremanipulation.
Kubicek schlägt vor, Telekommunikationssysteme mit begrenztem Umfang an Auswahl und Möglichkeiten zu entwickeln. Aber nicht erst bei Problemen des Datenschutzes ist Vorsicht geboten. Auch bei der Umformung unserer Wohnungen zu Teilen des elektronischen Marktplatzes muß der unkontrollierten Expansion technischer Systeme Grenzen gesetzt werden: zum Beispiel durch Dezentralisation, durch eine Differenzierung der Interessengruppen oder durch die Aufstellung spezifischer Rechtsnormen. Das informationsökologische Problem der Uniformierung, d.h. der Reduktion der Chancen an Pluralität, die dieser Technologie innewohnen, muß kritisch betrachtet werden. Diese Art der Informationsverschmutzung kann man als Machtverschmutzung bezeichnen, da sie von der Macht oder Kontrolle über Information abhängt.

In bezug auf die linguistische Dimension, schlage ich vor, das nächste Problem der Botschaftsverschmutzung ('message pollution') zu bezeichnen. Informationstechnologien können eine unglaubliche Fülle von Botschaften verbreiten, ohne den Kontext deutlich zu machen, in dem sie entstanden sind (es gibt keine puren Fakten). Die Botschaften sind gegenüber ihrer eigenen Begrenzung blind und die spezifische Art der Partialität die sie augenblicklich verkörpern, bleibt offen. Die Überfülle von Botschaften macht aus dem Menschen mehr das Opfer oder die Zielscheiben (dies ist auch in bezug auf Massenmedien in informationsarmen Ländern der Fall). Umberto Eco hat kürzlich darauf hingewiesen, daß die "Schlacht", die auf diesem Gebiet ausgetragen wird, nicht primär als eine strategische Angelegenheit, sondern als eine Sache der Taktik angesehen werden sollte. (13) Natürlich können wir versuchen den Kommunikationsprozeß auf der Ebene des Senders oder auf der des Kanals zu regeln. Aber weder in dem einen noch in dem anderen Fall würden wir die Botschaft, d.h. die linguistische Dimension, beeinflußen. Das geschieht nur "Angesichts des Kodes am Bestimmungsort". Mit anderen Worten: Botschaften verändern ihre Bedeutung entsprechend den Voraussetzungen des Empfängers - seines 'Vorverständnisses'. Hier, in den Sesseln vor unseren Fernsehgeräten und vor jedem Terminal, ist der Ort, wo die linguistische "Schlacht" nicht nur den Zweck, den Informationszirkel zu verlassen, in den man eingebettet ist. Es ist eher eine Frage, wie man sich darauf vorbereitet, mit dieser Situation fertig zu werden, um die Überfülle durch qualifizierte Interpretation zu kontrollieren. Eco schlägt etwas vor, das er "Kulturgerilla" ("cultural guerrilla") nennt. Er meint zum Beispiel die Möglichkeit, das eine Medium zu benutzen um ein anderes zu kritisieren. Das geschieht heute bereits: in Zeitungsartikel werden TV-Programme kritisiert., in Fernsehdiskussionen werden Bücher besprochen usw. Eine andere Möglichkeit ist der "Massendissens" ("mass dissent"): das ist ein Feld, wo wir kreativer sein könnten, zum Beispiel durch Organisation alternativer Netze und Dienste, um Randgruppen innerhalb und außerhalb unserer Gesellschaft zu helfen, durch internationale Hilfsangebote, durch Unterstützung von Friedens- und Solidaritätsbewegungen, usw. Ich glaube, daß auch das Feld der Fachinformation könnte von diesen Ansichten profitieren: die künstliche Alternative zwischen staatlicher Unterstützung und/oder Privatindustrie ist nur ein Segment einer Vielzahl alternativer Möglichkeiten für verschiedene Arten von Benutzergruppen. Die geläufige einseitige Sicht auf die Industrie als die Hauptnutzer elektronischer Information ist monomanisch, eine fixe Idee, und verzerrt die Möglichkeiten der Informationstechnologie in diesem Bereich. Das ist auch der Grund für eine Verzerrung der Frage nach dem ökonomischen Wert der Information, falls dieser Wert primär vom Standpunkt des industriellen Nutzers gemessen wird.

Der letzte Punkt betrifft das, was ich die historische Dimension genannt habe. Der Informationssektor ist voll futurologischer Ideen, einige 'planen' sogar das nächste Jahrtausend! (14) Wir können uns selbst mit allen diesen Utopiearten 'verschmutzen', was uns aber, wie das Wort Utopie sagt, nirgendwohin führt. Damit geben wir die Verantwortung unser Wissensuniversum und seine Kanäle unter Berücksichtigung der jeweils spezifischen Qualitäten zu gestalten, auf. Der Slogan von der 'papierlosen Gesellschaft' ist ein Ausdruck von 'Geschichtsverschmuzung' in unserem Bereich. Es ist an der Zeit diese Formen technologischen Redeschwulstes aufzugeben, d.h. nach bescheideneren Wegen zu suchen, die Grenzen dieser expandierenden Technologie (wie vorläufig auch immer) zu bestimmen, d.h. verantwortlich zu handeln, indem man sich nach Möglichkeiten richtet, die diese Grenzen eröffnen. Grenzen nicht als etwas Negatives zu sehen, sondern als die Bedingung von Pluralität, ist ein Kernpunkt für die Zukunft einer technologischen Gesellschaft, in der Technologie in den Komplex anderer Traditionen eingefügt wird. Dies ist natürlich kein Vorwand für Neo-Konservatismus. So wie es eine Illusion ist, an eine rein technologische Gesellschaft zu denken, so ist es auch eine Illusion zu glauben, daß es so etwas wie eine pure Natur oder  eine "ideale Kommunikationsgemeinschaft" (J. Habermas) gibt, der wir uns anzupassen haben oder die wir künstlich erzeugen könnten.

Eine realistischere Sicht berücksichtigt, daß es im zwischenmenschlichen Leben keine ideale Harmonie gibt, keine Möglichkeit einer perfekten Sprache für menschliches Verstehen und Handeln, und daß wir darum immer mit Mißverständnissen und Kommunikationslosigkeit konfrontiert sind. Menschliche Kommunikation ist weder ein Objekt für technische Manipulation noch ist sie etwas 'Mystisches'. Informationstechnologie ist nicht notwendigerweise ein Störungs- bzw. Verschmutzungsinstrument. Sie ist auch kein ideales künstliches Glied. Wir werden von ihren eigenen (!) Möglichkeiten profitieren, wenn wir sie in die Gesamtheit der menschlichen Kommunikation integrieren. Wir sollten nicht vergessen, daß menschliche Kommunikation zweigleisig ist, wenn wir 'ein-seitige' Medien entwickeln. Wenn wir Wissenstücke isolieren, dann sollten wir nicht vergessen, daß diese Stücke ihre Bedeutung aufgrund von spezifischen Situationen und besonders aufgrund des Kodes des Empfängers bekommen. Wenn wir Wissen durch verschiedene technische  Kanäle vermarkten, sollten wir das Recht eines allgemeinen Zugangs zum gesellschaftlichen Wissen nicht vergessen. Wenn wir Wissen mit Maschinen handhaben, sollten wir nicht vergessen, daß Menschen keine Roboter bzw. keine 'Fleischmaschinen' sind. Und so weiter.

Wenn man die Augen vor diesen (und anderen) ökologischen Fragen der Informationsgesellschaft verschließt, vergißt man, daß wenn wir Werkzeuge entwickeln, wir uns selbst (unsere "ways of being", Winograd & Flolres (15)) gestalten. Informationswerkzeuge sind oder sollten primäer demokratische Werkzeuge sein. Die Informationstechnologie öffnet uns ihre polyphone (vielstimmige) Potentiale dann und nur dann, wenn wir in der Lage sind, in eine Wechselbeziehung mit all ihrer sozialen Dimensionen zu treten. Es ist gewiß eine Chance, vielleicht die  Chance, soziale Verständigung innerhalb ebenso wie zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen, die zu einer Welt gehören, zu bewahren und wachsen zu lassen. (16)

2) Zur globalen Informationsökologie

Die Frage der Informationsverschmutzung läßt sich aus einer globalen Perspektive heraus, als Problem der Kluft zwischen informationsarmen und informationsreichen Ländern stellen.

Es ist ein allgemeiner Konsens, daß Unterschiede durch Rasse, Religion, Ideen, Einkommen, usw. nicht von einer Ideologie des 'Egalitarismus' bzw. 'Totalitarismus' überdeckt werden sollen, sondern daß Individuen genauso wie Nationen gleiche Entwicklungschancen auf der Grundlage gleicher Rechte und Pflichten gegeben werden soll. Der Informationsunterschied, das heißt der Unterschied zwischen den Informationsarmen und den Informationsreichen, wird nocht nicht als eine Schlüsselfrage betrachtet, wie zum Beispiel die ökonomische Frage. Ein Grund für diese Unterlassung ist, daß die Kluft während der letzten dreihundert Jahre nur langsam gewachsen ist. Das Aufkommen der Elektronik hat deutlich die Frage nach der Herrschaft über und der Zugänglichkeit zum Wissen in den Vordergrund gerückt. Es ist inzwischen klar geworden, daß dies eine Schlüsselfrage für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung eines Landes ist.

Unter diesem Gesichtspunkt läßt sich nach der Kluft zwischen den Informationsreichen und den Informationsarmen fragen, im Sinne also der ökologischen Qualität des weltweiten Informationsmarktes. Eine der Schlüsselfragen einer Informationsökologie ist, diese Kluft theoretisch und praktisch in Frage zu stellen.

Die mächtige elektronische Technologie hat eine Veränderung in der Wissens-'Atmosphäre' entstehen lassen. Sie hat Regionen des Wohlstandes geschaffen aber unüberschaubare Gruppen von menschen in einem hohen Grad der Unkenntnis und/oder der informationellen Abhängigkeit beiseite gelassen. Die Kluft zwischen den Informationsarmen und den Informationsreichen, und nicht die Überproduktion von Wisen 8es kann nie zu viel Wissen geben), ist die wahre Informationskrise, die zu meistern ist. Wir, die auf der Seite der Informationsreichen sind, müssen uns fragen, was wir dafür tun, um den Markt für Information davor zu bewahren, ein geschlossener Markt zu werden - zu einem Verschmutzungsfaktor für die 'Außenstehenden' und für uns selbst (Matthäus-Prinzip). Diese zwei Möglichkeiten sind im Begriff der Informationsverschmutzung (im doppelten Sinne des Genitivs!) ausgesprochen. Die entscheidende Frage ist dann nicht bloß die nach einer Überwindung kultureller und linguistischer Barrieren. Sie ergibt sich aus dem Dilemma, zwischen den neuen Formen des Informationskolonialismus und den Möglichkeiten der wissenschaftlichen und kulturellen Wechselbeziehungen, die durch diese Technologie eröffnet werden. Die ökologische Herausforderung ist das richtige Gleichgewicht zwischen Überwindung und Bewahrung zu finden, oder, mit anderen Worten, zwischen dem Lob der Universalität und der Notwendigkeit, die Pluralität (der Kulturen, Sprachen usw.) nicht nur um ihrer selbst Willen (Vielfalt ist schön!), sondern um die Respektierung der jeweiligen Interessen, zu bewahren. Denn menschliche Probleme und Lösungen entstehen immer innerhalb besonderer Situationen und benötigen nicht nur spezifische Wissensinhalte, sondern auch spezifische Formen ihrer Sammlung, Verarbeitung und Verbreitung.


II. Pragmatische Ansätze zu einer Informationsökologie


Zwei internationale Vorschläge für eine pragmatische Behandlung einer Informationsökologie wurden bisher vorgelegt: der MacBride-Report und die "Codes of Practice" von EUSIDIC.

Wir Surprenant feststellt, (17) kann man sich diesem Report von verschiedenen Seiten nähern: a) als einem Produkt der 'U.N.-Ideologie', besonders im Bereich des Journalismus, oder b) als einem Versuch, den ganzen Bereich der Information (und Kommunikation) nicht primär aus einer ökonomischen Perspektive zu betrachten (Information als eine Ware), sondern aus einer globalen, sozialen Perspektive (Information als ein soziales Gut und kulturelles Produkt). Unter diesem letzten Gesichtspunkt zeigt sich die informationsökologische Krise beim Problem der Entwicklung autonomer Kommunikations- und Informationskapazitäten, im Falle der ländlichen Gebieten ohne jeder technische und/oder Bildungsinfrastruktur, beim Papiermangel (und natürlich beim Mangel jeder Art von Hard- und Software), bei der einseitigen Kommerzialisierung der Informationsprodukte, beim kulturellen und technischen Kolonialismus durch die Verteilung der Informationsprodukte und -kanäle, usw. Bei der wissenschaftlich-technischen Information kann diese Abhängigkeit durch die Beschleunigung der Wissensproduktion und seiner Verteilung durch elektronische Mittel dramatisch werden bzw. ist es bereits geworden. Die Abhängigkeit führt zum Verlust der Konkurrenzfähigkeit, zur Abwanderung der Wissenschaftler, zu niedrigen Bildungsniveau, usw. Je mehr Information produziert wird, umso größer ist die Kluft. Zu dieser Art der Informationsverschmutzung muß man die Fragen des Umfangs, der Auswahl der Quellen, der Verteilungszentren, der Gebühren, der protektionistischen Politik, usw. hinzuaddieren. Zusammengenommen stellt Surprenant fest:

"Das ganze Konzept des 'free flow of information' bedarf der Neubestimmung, um das gegenwärtige Durcheinander und die bedeutungslose Rhetorik zu überwinden. Freier Fluß bedeutet nicht notwendigerweise ungebändigter Fluß. Es gibt einen vorhandenen Bedarf, die souverän Rechte aller Nationen im Bereich der Information zu analysieren, der mit der Anerkennung der internationalen Bedürfnisse bei der Sammlung und Vermittlung von Informationen sowie beim Gebrauch hiermit zusammenhängenden Begriffen in enger Beziehungsteht. Hier brauchen wir sehr, sehr viele Verhandlungen und Kompromisse auf höchster Ebene internationaler Politik" (18)

In diesem internationalen bzw. ökologischen Kontext sind die Probleme des Datenschutzes natürlich entscheidend. Wenn wir unsere Ansichten über politische Grenzlinien in Bezug auf Luft- und Wasserverschmutzung überdenken, müssen wir auch beginnen, die Frage der Informationsverschmutzung von einem kulturellen, politischen und rechtlichen Standpunkt aus zu betrachten (Herrschaft, Beeinflußung, kriminelle Handlungen). Die Vorteile und die Bedrohungen des Ge- oder Mißbrauchs von Informationstechnologien muß Teill internationaler (ethischer und rechtlicher) Beratungen werden.


EUSIDICs "Codes of Practice" sind ein Produkt der "European Association of Information Services". Trotzdem sind sie ein Versuch, internationale Regeln für ein 'fair play' auf diesem Gebiet zu formulieren. Einige dieser Regeln sind der Ausdruck eines ethischen Dilemmas. Ihre Anwendung ist eine Sache der ethischen (und rechtlichen) Kontrolle oder Beratung. Wenn man sie unter der Voraussetzung betrachtet, daß die Informationsindustrie (Datenbanken, Hosts, Telekommunikation, elektronische Hard- und Software) sich in der Hand der informationsreichen Länder befindet, sind die meisten Regeln de facto einseitig: sie setzen eine ideale Situation der Chancengleichheit voraus und bieten eine Art 'Münchhausen-Lösung', eine Einweg-Verbindung, für das Problem der Informationskluft an. Einge Beispiele:

1. Datenbasen und Datenbankproduzenten:: (1.2) Einträge sollten (in strenger Übereinkunft mit der dargestellten Politik) aufgenommen bzw. ausgeschlossen werden. Die Auswahl sollte nicht ddurch ökonomische, ideologische, organisatorische  oder ähnliche Erwägungen beeinflußt sein.

2) Hostdienstleistungen: (2.2) Keinem Nutzer soll der Zugang zu irgendeinem Host oder zu den durch diesen Host angebotenen Dienstleistungen verweigert werden, vorausgesetzt die Nutzer erfüllen das freiwillig abgeschlossene, vertragliche Übereinkommen sowie die notwendigen technischen Erfordernissen bezüglich Terminals- und Kommunikationseinrichtungen.

3. Telekommunikation: (3.2) Wenn Datennetzdienste gebraucht werden, und aus irgendeinem Grund durch die öffentliche Verwaltung nicht bereitgestellt werden können, dann sollten anderen Körperschaften, die bereit sind, die benötigte(n) Dienstleistung(en) bereitzustellen, keine physikalischen oder rechtlichen Hindernisse in den Weg gestellt werden.

Wie Neelameghan feststellt, "equal access to information to everyone does not ensure equal benefit to everyone." Andere Dimensionen (Absicht, Persönlichkeit des Nutzers, Anwendungsumgebung, Medium der Informationsübermittlung, Qualität, Zeitpunkt der Verfügbarkeit, Kosten des Zugriffs) sollten dafür informationsökologisch in Betracht gezogen werden, wenn man den Problemen, die aus der Informationskluft entstehen, ins Gesicht sehen will. (28)

Was können wir tun? Ich möchte einige Handlungsvorschläge machen, die weiterverfolgt oder intensiviert werden könnten:

a) Weitere regionale und internationale Diskussionen über Informationsökologie fördern, um das Bewußtsein zu verbessern, daß die 'triviale' Tatsache, daß wir alle in derselben einen (Informations-)Welt leben, ein tatsächlicher Faktor für die nationale und internationale Informationspolitik ist. Das Problem der 'Balkanisierung' (Anderla) der Bibliotheks- und Informationsdienstleistungen ist nicht nur ein europäisches, sondern ein weltweites. (20)

b) Das Paradigma der modernen Informationstechnologie ist ein (nicht der einzige!) Faktor der gewaltigen kulturellen Probleme der Wissensspeicherung und -zugänglichkeit in allen Bereichen und Formen (21). Die Frage ist nicht: Wie können wir jedermann dazu bringen, einen PC oder eine Datenbank oder was auch immer zu benutzen. Die Frage ist, was sind die notwendigen Dinge, die in den informationsarmen Ländern getan werden müssen, und wie können wir ihnen helfen, um ihre Identität im Bereich der Informationsproduktion, -verteilung und -gebrauch zu fördern. (22)

c) Die Förderung des (europäischen) Informationsmarktes ist weder ein Stellvertreter noch ein Ersatz für unsere eigene Verantwortung, Formen des verallgemeinerten sozialen Zugangs zu elektronischer Information zu gestalten (Bürgersysteme), ähnlich wie die Entwicklung der Volksbüchereien während der letzten drei Jahrhunderte. Es ist notwendig, praktische Verbindungen zwischen den beiden Paradigmen zu entwickeln und zu testen. (23)

d) Zu lernen, wie man Datenbanken benutzt, ist nicht nur ein technisches Problem, sondern primär ein Problem sozialer 'Hermeneutik' (= Die Fähigkeit kritische Fragen zu stellen, anstatt genau zu 'glauben', was 'geschrieben' oder 'programmiert' oder 'gespeichert' ist). (24) Programmieren von Benutzeroberflächen ist eine sehr ernsthafte Aufgabe, weil es Formen des sozialen (Vor-)Verständnisses und der sozialen Wechselwirkung festlegt. (25)

e) Die (oder wenigstens einige) informationsarme Länder können wahrscheinlich nie ihre 'Informationsschulden' bezahlen. Darum müssen wir eine große Initiative starten, unsere Wissensspeicher (nicht nur die elektronischen!) durch gegenseitiges 'geben und nehmen' von Informationen - und nicht primär Geld - zu öffnen, um die Abwanderung von Wissenschaftlern aus informationsarmen Ländern zu stoppen, die diese Kluft tiefer und tiefer werden läßt. Diese Idee klingt utopisch, aber vielleicht kann es (teilweise) wahr werden. (26)

f) Es müssen Ausbildungsaktivitäten gefördert werden, um das Bewußtsein für die Dimensionen der nationalen und internationalen Probleme und Chancen zu erweitern, die durch die Informationstechnologien für die Sozialisation der Information entstanden sind.

g) Es sollte internationale Arbeitsgruppen im Bereich der Bibliotheks- und Informationswissenschaft in enger Zusammenarbeit mit verwandter Bereichen (Informatik, Sozialwissenschaft) gebildet werden, um diese Angelegenheiten zu diskutieren und konkrete Lösungen vorzuschlagen.

Nicht das Ideal (oder die Ideologie) einer Informationssuperkultur, sondern die realistische Sicht auf die Probleme der gegenwärtigen Informationsökologischen Krise kann uns helfen, diese schließlich zumindest teilweise zu überwinden.


III. Erste Stellungnahmen

Diese Gedanken wurden im Rahmen des NORDINFO-Seminars diskutiert und kritisiert. Ich möchte allen Kollegen für ihre Kommentare danken, indem ich einige Diskussionspunkte hervorhebe:

  • Der Begriff 'Informationsverschmutzung' ('information pollution') stellt die 'negative Seite' eines zu erreichenden 'Informationsgleichgewichts' dar.
  • Einige Beispiele von 'Informationsverschmutzung' sind: falsche (oder 'inaktuelle') Daten, Inkompatibilität von Systemen und Sprachen, mangelnde Nutzung von Hardware, Hacking, Computer-Viren, Angebot von Informationssystemen zum  verkehrten 'epistemischen Nutzer' ('epistemic who'), mangelnde Verantwortung seitens des Software-Anbieters.
  • Ein 'Informationsgleichgewicht' setzt voraus: wiederholte Nutzungsmöglichkeit, Recycling, 'freier Fluß', intelligente Systeme oder, allgemeiner, die Optimierung der Nutzung von Information und Wissen.
  • Information ist eine künstliche Ressource und sie ist grundsätzlich sozialabhängig.
  • Wir sollten genauer nachdanken, zu welcher Frage die Informationsökologie die (oder eine) Antwort ist (oder sein könnte).
  • Die 'Ökologie der Informationslandschaft' muß grundsätzlich die 'Management-Dimension' (oder 'Bottom-Line-Dimension') von Information berücksichtigen. Der Umgang mit Information im Sinne einer Ware (entsprechend ihres "Tauschwertes") bedeutet nicht notwendigerweise, daß man ihre soziale Dimensionen 'vergessen' muß. Verschiedene 'Umlaufebenen' sowie verschiedene Qualitätsmaßstäbe könnten integriert werden. Eine engstirnige ökonomische Sichtweise schaden, langfristig gesehen, sich selbst.
  • Es wurde die Frage nach einer möglichen Quantifizierung 'informationsökologischer' Werte gestellt. (Hier dürfen ähnliche Probleme wie bei dem zur Zeit gesuchten Modell für ein 'Ökosozialprodukt' auftreten).
  • Diese Ideen sollten auf internationaler Ebene, z.B. im Rahmen der FID, weiterdiskutiert werden.
Herbert Kubicek machte freundlicherweise einige schriftliche Kommentare zu meinen Thesen, die ich auch kurz erwähnen möchte:
  • Wir sollten zwischen "Daten-", "Nachrichten-" und "Informationsverschmutzung" unterscheiden: wir leiden unter Daten- und Nachrichtenverschmutzung bei gleichzeitigem Informationsmangel vieler Interessengruppen. (In Anschluß an diese Unterscheidung wurde bei der Diskussion des Vortrags in Bremen die Doppeldeutigkeit des Ausdruck 'Informationsverschmutzung', nämlich im Sinne des 'genitivus obiectivus' und 'subiectivus' (Verschmutzung der Information und Verschmutzung durch Information), zur Sprache gebracht.)
  • Das (mein) Plädoyer für 'Pluralismus' ist nicht genug, vor allem angesichts des Subjekt- und Kontextbezuges, der die Bedingungen eines 'pragmatischen' Informationsbegriffs darstellt. Die 'Machtdimension' muß noch stärker einbezogen werden.
In seinem "Veranstaltungsbericht" faßte Werner Schwuchow die Problematik in der folgenden prägnanten Formulierung zusammen: "Informationsökologie" ist "die Gesamtheit negativer Wirkungen, die durch das Anschwellen der durch moderne Technologien produzierten Informationsdienste verursacht werden - insbesondere in unterentwickelten Ländern." (27)


Anmerkungen


(1) Siehe Capurro (1985a, 1986, 1988). Ich danke Frau I. Wormell für ihre wertvolle Kritik der ersten Version dieses Vortrags.

(2) Das IKÖ-Institut wurde 1989 gegründet. Die Adresse der Geschäftsstelle lautet: Wittenerstr. 139, 4600 Dortmund 1, Tel. 02331/175007.

(s) Siehe Lyotard (1979). Zur Diskussion über die Rolle der Informationstechnologien im Rahmen der philosophischen 'Postmoderne' vgl. Welsch (1987) und meine Kritik (1988d, 1988/89, 1990b). Vgl. auch Vattimo (1990). Über Lyotard (und Derrida) vgl. v.Vf. (1990).

(4) Siehe Lyotard (1983).

(5) Siehe Capurro (1988)

(6) Siehe Winograd & Flores (1986).

(7) Siehe Wormell (1987) und Capurro (1988a, 1988b).

(8) Siehe Capurro (1989).

(9) Siehe Larsen (1988) und Peer (1988).

(10) Siehe Salem  (1988) S. 129: "And, in addition to the devastating problem of poversty, many other intrincate issues are surfacing in today's communities such as, inter alia, the different ethnic groups in a multicultural society, and the serious health and social problems. These problems persist in most African and Asian states that have gained their independence from the yoke of colonialism in the last few decades."

(11) Siehe Boland & Hirschheim (1987).

(12) Siehe Kubicek (1989).

(13) Siehe Eco (1986).

(14) Siehe Bezold & Olson (1986).

(15) Siehe Winograd & Flores (1986) und meine Rezension (1987). Zum Thema AI und Ethik siehe Capurro (1988a)

(16) Siehe den MacBride-Report sowie Surprenant (1985), S. 19: The nations of the world have a unique opportunity to create and share information for the benefit of all. If this occasion is missed, we will fall short on one aspect of the potential mankind to increase the quality of life on this planet."

(17) Siehe Surprenant (1985).

(18) Surprenant (1985), S. 19 (Übers. H.B.Ö.), siehe auch Thorpe (1984), S. 213: "An inherent danger of the new information technology is that the information gap between the industrialized North and the developing countries of the South may become even greater."

(19) Neelameghan (1981) S. 14

(20) Anderla (1988) S. 11

(21) Siehe Surprenant (1987), s. 47: "The United States, Japan and other developed countries are rapidly developing the component parts of this information superculture and there has been and almost naive assumption that all other nations will fall in line and cooperate because it is in their best to do so."

(22) Siehe Salem (1988), S. 129: "Aid packages should therefore be granted to the Third World countries in terms of integrated environments. A particular information environment should be developed in its entirety, inclusive of the user, technology, software, hardware, and the pertinent, available and organized information."

(23) Siehe Anderla (1988) und Capurro (1988, 1988c)

(24) Siehe Ingwersen & Wormell (1988), Beagle (1988), Schrader (1988), Neill (1987), Capurro (1986, 1989).

(25) Siehe Azubuike (1988)

(26) Siehe Eres (1985) und Slamecka (1985), S. 182: "The rate at which the potential of information technology is realized in the developing countries will depend not only on their policy makers, but also on the adaptivity of their peoples, the methodology of applications, the attention and assistance offered by the informatic sectors and the governments of industrialized countries, as well as on the extent to which the generic issues of development is approached form a global viewpoint."

(27) Schwuchow (1989) S. 23


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Letztes Update: 14.5.2017

 

    

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