ANGELETICS

Drafts & Notes

Rafael Capurro

  


     

On the Relevance of Angeletics

Closing the lecture 18 of the Second Part: The Dream of the Introduction to Psychoanalysis (1915-1916) Sigmund Freud writes:

Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heute psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, daß es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt, von dem, was unbewußt in seinem Seelenleben vorgeht. (Freud 1989, p. 284)

The third and most sensitive offence [besides the ones by Copernicus and Darwin, RC] experienced by human megalomania is due to present-day psychological research, which wants to prove to the ‘I’ that it is not even master in its own home, but is dependent upon scanty messages concerning all that goes on unconsciously in the life of its soul.

Where are the “sparse messages” coming from our individual and social self-concealment in a society that calls itself ‘information society’? Are we, information and communication scientists, aware of them? Are there any symptoms we can and do perceive? Is it the simple fact of being and having been overwhelmed day by day – and night by night – here and there and everywhere with all kinds of digital messengers and messages? We call this symptom ‘information overload’ which is a kind of fuzzy term for different but related phenomena. “Sparse messages” come from beyond the digital, that is to say, they come from our bodies, our face-to-face relations, our life in the physical world that we share with others. Such symptoms of not being even masters of one’s own self or AS a self sharing with others a common physical world, become manifest, for instance, in personal burn-out syndrome. Information societies react to the challenges and dangers arising from the digital sphere that permeate them at all levels, with different kinds of control and surveillance systems and devices in order to prove to themselves that they are masters in their own home. But if symptoms that we are not masters in our personal homes are so empirically evident, how can we pretend to be masters at the social level? And how can we advise others, persons or societies, that the situations brought about by digital technology can be mastered, if we are not able to master them in our own homes? These are key ethical issues of information societies. They concern not what but who we are.

Freud was a wise man. So he added the following sentences to the ones quoted:

Auch diese Mahnung zur Einkehr haben wir Psychoanalytiker nicht zuerst und nicht als die einzigen vorgetragen, aber es scheint uns beschieden, sie am eindringlichsten zu vertreten und durch Erfahrungsmaterial, das jedem einzelnen nahegeht, zu erhärten. (Freud 1989, p. 284)

We psychoanalysts were neither the first, nor the only ones to announce this admonition to self-examination. It appears that we are fated to represent it most insistently and to confirm it by means of empirical data which are of importance to every single person.

Information and communication scientists are not the first to announce the admonition to self-examination which goes back in the Western tradition to, for instance, Plato’s criticism of writing. Maybe we should speak about message societies in so far as a main phenomenon underlying social life is the one of message transmission, a term that is at the core of Shannon’s mathematical theory of communication but remains undefined. Becoming aware of the “sparse messages” (and messengers) coming from beyond the digital might be as uncanny for present message societies as it was Freud’s discovery of messages coming from ‘beyond’ consciousness. If this is the case, our discovery will be probably rejected or repressed or minimalized as something we can master with more digital technology until our selves become indistinguishable from computational machines that we are able to fully understand because we have produced them on the basis of quantification. But even then, in case we can eventually explain what consciousness is, I guess that, if we still retain some kind of wisdom, we might be able to perceive some strange “sparse messages”. If I am right, then we should conceive a science that is particularly aware of such messages. I have gotten used to calling it angeletics.

Reference

Freud, Sigmund (1989). Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916-17), in Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (eds.): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Neue Folge, Frankfurt am Main: S. Fischer,Vol. I. (Engl. transl. G. Stanley Hall: A General Introduction to Psychoanalysis, New York 1920. Online: http://ia700202.us.archive.org/6/items/psychoanalysisin00freuuoft/psychoanalysisin00freuuoft.pdf




  
 

Warum eine Botschaftstheorie?

Warum eine Botschaftstheorie? Der unmittelbare Grund ist meine Wahrnehmung des Rangs des Botschaftsphänomens in der entstehenden Weltkultur. Ich deute die vielbesprochene Globalisierung als ein angeletisches Phänomen. Hinter dem Ausdruck ‘angeletisch’ verbirgt sich keine esoterische Lehre über heilige Boten (gr. ‘ángelos’) - obwohl die theologische Engellehre eine nicht unbedeutende Inspirationsquelle dafür ist -, sondern dieser Ausdruck weist auf schlichte Tatsachen, auf  ‘Tat-Sachen’, hin, nämlich auf die des Meldens, Verkündens, Mitteilens, Informierens, Bekanntmachens, Kundtuns und Dolmetschens hin.

Die Sache der Angeletik ist eine ‘Tat-Sache’ in dem Sinne, daß sie der theoretischen Arbeit des Erklärens und Auslegens vorausgeht. Die Theorie des Erklärens und Auslegens, als Hermeneutik oder Methodenlehre, setzt immer voraus,  daß es etwas überhaupt da ist, was sich als auslegungsbedürftig kundtut.

 

„Offenbarungstheorie der Wahrheit“

Es macht meines Erachtens die besondere Stärke der Heideggerschen Hermeneutik aus, daß sie das angeletische Moment, das ‘Daß’ oder das ‘daß es etwas gibt und nicht vielmehr nicht gibt’, vor allem theoretischem Erkennen und vor aller  Auslegung, hervorhebt, während sowohl die Hermeneutik Gadamers als auch die heutigen Theorien der Interpretation dieses ‘prä-logische’ Moment entweder nicht thematisieren oder für überflüssig und trivial halten. So hat zum Beispiel der kritische Rationalist Hans Albert die hermeneutische Wahrheitstheorie als eine „Offenbarungstheorie der Wahrheit“ besonders heftig und ‘nach Art des Hauses’ polemisch attackiert. Obwohl er dabei Heidegger und Gadamer ‘unisono’ in Visier hatte, richtet sich dieser Angriff vor allem gegen den Heideggerschen Begriff der Wahrheit als „Un-Verborgenheit“ (gr. ‘a-letheia’). Heidegger hatte nämlich der in der griechischen Welterfahrung das ‘Von sich aus Aufgehende’, das ‘phainomenon’, neu entdeckt und diese Welterfahrung gegenüber zum Beispiel der Weltkonstruktion der modernen Subjektivität abgehoben. Der hermeneutische ‘lógos’ der Heideggerschen Phänomenologie geht vom Sichmelden des Phänomens aus, will sagen, der ‘lógos’ ist seiner Abkünftigkeit bewußt. Die Heideggersche Phänomenologie dreht sich von Anfang an um die Natur dieses Phänomens des Sichmeldens selbst.

Für Gadamer hat, demgegenüber das Verstehen Vorrang gegenüber der Ontologie gemäß dem Motto „Sein, das verstanden werden kann ist Sprache“. Mit dieser „Urbanisierung der Heideggerschen Provinz“ (Habermas) verliert aber die Hermeneutik die sie ermöglichende und von ihr nicht einzuholende Dimension des Seins Der späte Heidegger wird Geschichte und Sprache im Sinne des sich ereignenden „Schickens“ eines „Seingeschicks“, dem unsere Sinnentwürfe nur jeweils zu entsprechen vermögen, ohne sie aber von einem neutralen oder außergeschichtlichen Ort zu überblicken, deuten.


Logik und Angeletik

Gleichwohl gilt, daß eine Theorie der Botschaft sich selbst der Interpretation eines Phänomens verdankt und somit sich der Arbeit des hermeneutischen und methodischen Logos unterzieht. Sie würde aber ihre eigene Mitteilung oder ihr message verfehlen und dabei einen performativen  Selbstwiderspruch begehen, wollte sie sich im ‘lógos’, zum Beispiel als Logik, theoretisch einholen. Genau das Gegenteil behauptet sie, nämlich, daß der philosophische Logos sich in der Logik einen bestimmten Regelwerk zur Zähmung der messages gibt. Der philosophische Logos tut dies zwar, wie ich zeigen werde, in Auseinandersetzung mit der Struktur mythischer Verkündung, aber er begreift sich dabei weniger als Transformation dieser Angeletik, sondern vielmehr als ihre Substitution. Was ich damit sagen will, ist, daß die Geburt der Philosophie in Griechenland mit der ‘Kritik’ oder mit der Unterscheidung (‘krisis’) gegenüber einem bestimmten nämlich vertikalen oder hierarchischen Mitteilungsmodus zusammenhängt ohne aber aufzuhören selbst Mitteilung zu sein und in vielfacher Weise auch missionarisch - etwa in Form der Gründung philosophischer Schulen - zu agieren. Anstelle der göttlichen und dichterischen ‘angelía’ trat der philosophische ‘lógos’ ein. Was aber wie eine Substitution aussah, war in Wahrheit eine Transformation etwa im Sinne der Säkularisierung. Woher aber sollten die neuen messages ihre Legitimität bekommen? Nicht mehr von der Autorität von Göttern und ihren Vermittlern - allen voran Hermes und die Dichter -, sondern vom Logos selbst. Die Logik wurde zum Kern der philosophischen Angeletik.

Die philosophische Frage nach der logischen Unterscheidung zwischen ‘waren’ und ‘falschen’ messages zeigte sich zwar als universal anwendbar aber sie konnte diesen Anspruch, aufgrund ihres formalen Charakters nur mangelhaft erfüllen. Ferner zeigte sich auch, daß die Frage nach ‘wahr’ und ‘falsch’ weder zum Beispiel mit der ‘techischen’ Frage nach dem ‘funktionieren’ oder ‘nicht funktionieren’ eines Gerätes noch mit der nach dem ‘Erfolg’ oder ‘Mißerfolg’ der Verbreitung von Nachrichten im politischen oder ökonomischen Bereich identisch. Die Logik war eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung der neuen philosophischen Verkündigungen auf allen Gebieten: von der Physik über die Pädagogik, Ethik, Politik oder Ökonomie.
 

Techne angeletiké, ars nuntiandi

Inwiefern läßt sich von einer Angeletik singulare tantum sprechen? Mir scheint es sinnvoll, wenn wir über eine Botschaftstheorie im anthropologischen (nicht anthropozentrischen) oder kulturellen Bereich reflektieren, dieses Phänomen in der Tat theoretisch sensu proprio als Angeletik zu kennzeichnen. 

Das Wort mutet, zugegeben, etwas seltsam an. Soweit ich weiß, gab es keine ausdrückliche ‘téchne angelitiké’ in der Antike oder eine ‘ars nuntiandi’ im Mittelalter, aber es gab wohl eine über Jahrhunderte ausgebildete theologische Engellehre und natürlich eine vor allem durch das Christentum (aber auch im Islam) gepflegte Tradition des Nachdenkens über Art und Weise missionarischer Verkündung im Dienste der göttlichen Verkündigung sowie eine politische Botschaftstheorie.

Was die Engellehre anbetrifft, sie ist vor allem durch die Frage „Wieviele Engeln passen auf einer Nadelspitze?“ bekannt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Über den Kern dieser Theorie haben wir aber, am Ende dieses Jahrhunderts, keinen Grund mehr zum Lachen, denn sie macht die Realität unseres Informationszeitalters aus.

Die Botschaftstheorie verbreitete sich seit dem Beginn 20. Jahrhunderts in Form von Informations- und Kommunikationstheorien und gewann an gesellschaftlicher Bedeutung vor allem mit der Verbreitung der Massenmedien und der individuellen Kommunikationsmedien sowie zuletzt durch die globale elektronische Vernetzung. Die electronic messages haben eine paradigmatische Bedeutung für eine sich im Entstehen befindende Weltkultur, die sich auch gerne mit dem Wort Cyber schmückt. In diesem Zusammenhang möchte ich auf eine andere am Anfang des öfteren mit Skepsis betrachtete Wissenschaft unseres Jahrunderts, nämlich auf die Kybernetik hinweisen. Hier stehen die messages oder die Information im Dienste eines Steuerungsprozesses (gr. ‘kybernein’) und es ist auch kein Zufall, daß in unserem Jahrhundert die Managementlehre eine ungeahnte Entfaltung erfuhr.

Kurz, ich will sagen, daß die folgenden Versuche um eine Botschaftstheorie sich vielfältig mit anderen Theorien dieses Jahrhunderts überschneiden, darunter: Informatik, Nachrichtentheorie, Kybernetik, Hermeneutik, oder, allgemein gesagt, mit den Informations- und Kommunikationstheorien. Ich meine aber, daß die kulturphilosophische Reflexion über das Phänomen des Mitteilens noch nicht am Ende ist, zumindest insofern als die überlieferten Botschafstheorien auf der Grundlage unserer auf Chips and Bites basierende Weltvernetzungskultur neu gelesen werden können.

  
Kantische Tat-Sachen

Was soll eine heutige Botschaftstheorie leisten? Sie kann sich zunächst, Heideggerianisch gesprochen, auf einer ontologischen oder strukturellen Ebene bewegen. Sie kann, ferner, versuchen, die Einheit und Vielfalt menschlicher Mitteilungsformen zu thematisieren. Sie tut dies  freilich nur als Theorie. Denn die Tat-Sache des Meldens, welche die Dimension des Anderen voraussetzt, steht als Tat nur nachträglich dem menschlichen ‘lógos’ offen. Diese Nachträglichkeit des ‘lógos’ ist nicht nur von der Hermeneutik, sondern zum Beispiel auch von der kritischen Philosophie Kants hervorgehoben. Letzteres meint, in meinem Verständtnis, daß das Sichgeben (oder das Datum) des Realen nur dann theoretisch (a priori) einholbar wäre, wenn wir, theologisch gesprochen, durch unseren ‘lógos’ die Realität (der Ideen) ins Dasein rufen könnten. Das ist aber, wie Kant bemerkte, das Privileg der göttlichen archetypischen im Gegensatz zu unserem abgeleiteten oder ektypischen Vernunft.

Anders gewendet und in Anschluß an Kant gedacht: Die Möglichkeit eine Welt zu konstruieren, sie wörtlich nach einem typos  (‘ek-typos’) zu in-formieren - sei es analog-mimetisch oder nach einem vorgegebenen Schema oder nach einem Algorithmus im Hinblick auf einen von uns gesetzten Zweck oder mit offenem Ausgang -, ist an die Möglichkeit eines Datums gebunden. Kants setzt sich mit der Frage der Legitimität dieses (Sich)Gebens auseinander. Gegenüber den engelischen Überschreitungen eines Emmanuel Swedenborg als auch gegenüber der scheinbar rationalen Kundschaft des Realen in der (Leibnizschen) Metaphysik vernimmt er die Botschaft der neuzeitlichen Wissenschaft, deren Geltung er freilich auch einschränkt. Der Kategorische Imperativ als der formale Ruf (!) des Gewissens, der uns zur Verallgemeinerung der Maximen unserer Handlungen auffordert, ist, in der Sprache dieser Arbeit gesprochen, Kants praktische Entsprechung gegenüber  eines unbedingt (!) sich meldenden Vorgegebenen, dem Faktum der Vernunft, wonach (‘ek-typos’) wir unsere Handlungen in-formieren sollten.

Säkularisierte Engellehre

Wie vernehmen wir aber wiederum die Kantische Botschaft heute, nach zweihundert Jahren von nachfolgenden und nach-folgenden Botschaften? Und wie steht es mit dem Anspruch einer Theorie welche diesen Prozeß des Meldens und Sichmeldens zum Gegenstand hat? Ist sie nicht selbst wiederum eine zu relativierende Botschaft? In der Tat. Eine, um mit Vattimo zu reden, starke oder metaphysische Angeletik wäre nichts anderes als eine göttlich oder wissenschaftlich oder technisch sanktionierte Engellehre. Ich meine aber, daß ganz im Sinne Vattimos (und Heideggers) eine umgekehrte Interpretation unserer vernetzten Botschaftskultur möglich ist, nämlich im Sinne einer Abschwächung oder Säkularisierung von metaphysischen Botschaftstheorien und -praktiken. Ich sprechen, in Anschluß an Heidegger, vom ‘Informations-Gestell’ und meine damit, daß die verschiedenen Formen des Stellens von Sprache nur prima facie in einem instrumentalischen Sinne verstanden werden können. Vielmehr lehren uns die technischen Meldungen (!) unseres Jahrhunderts, daß unsere Herrschaftsansprüche durch die Machtzumahme technischer ‘Mittel’ dramatisch gegenüber etwa dem Modell der Handwerktechnik abgenommen hat. Das bedeutet nicht, daß ‘die Dinge’ nicht (gut oder schlecht) funktionieren. Sie funktionieren wie sie funktionieren und wir sind Cyborgs oder Teile dieses uns bis in den Alltag hinein bestimmenden Meldesystems. Dabei sind wir weniger kybernetische Organismen als halb organische halb elektronische Boten, weder Engel noch Tier, um an Pascal zu erinnern.

Will man daraus schließen, daß eine Botschaftstheorie ‘nichts anderes sei’ als eine säkularisierte Engellehre, dann könnte man diesen Einwand insofern umkehren, als viele unserer abendländischen Theorien sich einer solchen Säkularisierung verdanken. Mit anderen Worten, der Einwand, falls er immer und für jede Botschaftstheorie in all ihren Aspekten zutreffen würde, was ich nicht glaube, wäre eher als ein Gütezeichen zu verstehen.

Wie steht es mit einer Angeletik, die, gerade wenn sie sich kritisch etwa gegenüber einer esoterischen oder theologischen Engellehre gibt, ihren eigenen eingeschränkten Geltungsanspruch anerkennen muß? Ich meine, daß man diese Frage genau im Sinne dieses letzten Einwands und im Sinne dieser Theorie auch beantworten kann, nämlich, daß man sich nicht von vornherein verschließen sollte, bevor man die Kunde einer (dieser) Theorie vernommen hat. Denn, was sind Theorien anders als Botschaften? Die Argumentation wirkt zirkulär ist sie aber nicht. Denn eine Botschaftstheorie versteht sich durchaus in der Tradition des philosophischen ‘lógos’ auch und gerade wenn sie ihn ‘angeletisch’ zu interpretieren versucht. Sie verlangt aber wiederum als Theorie zwar eventuell gehört aber nicht unbedingt gefolgt zu werden, etwa nach dem Motto: „Die Botschaft höre ich schon, allein mir fehlt der Glaube“ (Goethe). Sie gibt sich nicht, trotz des neuen und alten Namens als eine zu glaubende Offenbarung obwohl sie gerade dieses Moments des Offenbarens oder Kundtuns besonders hervorhebt. Wenn sie dabei an die Offenbarungstheologie erinnert, dann tut sie das viel mehr mit Bezug auf die allzu irdischen Boten (‘angeloi’), die nicht in missionarischer Absicht und mit den besten Werbeabsichten alle möglichen  ‘frohen Botschaften’ auf dem Weltmarkt verkünden, ja den offenen Weltmarkt selbst als die ‘frohe Botschaft’ preisen.


Die Abschwächung der Angelia

Um hier nicht mißverstanden zu werden: Eine Angeletik in kritischer Absicht oder, mit anderen Worten, eine säkularisierte Engellehre, welche von der paradigmatischen Bedeutung der Weltvernetzung im Sinne eines generalisierten alle Gesellschaftschichten und alle Dimensionen menschlichen Seins berührenden (meistens auch bestimmenden) Phänomens ausgeht, versteht dieses Phänomen paradoxerweise als eine Abschwächung der starken Strukturen, die von metaphysischen Botschaftstheorien herstammen. Ich sage ‘paradoxerweise’ weil die Kulturkritik dieses Jahrhunderts, einschließlich einer bestimmten Interpretation der Heideggerschen Technikdeutung, letztlich auf eine Dämonisierung und somit auf die angebliche Unbeherrschbarkeit und Irrationalität der modernen Technik hinzielt. Die gegenüberstehende Position versuchte wiederum den Menschen durch (noch) mehr Technik zur Herrschaft über die Technik zu verhelfen. Ich meine aber, daß die moderne Technik, die sich zuletzt als Informationstechnik mit der Metapher des Netzes immer mehr identifiziert und dabei die metaphysische Idee einer unverrückbaren zentralen Kontrollmacht aufgibt, weder als eine dämonische noch als eine instrumentelle angemessen gedeutet werden kann. Wir würden dabei ihr entweder metaphysische Herrschaftsstrukturen beilegen, die ihren Charakteren von Offenheit und Zentrumslosigkeit widersprechen, oder wir würden diese Strukturen erneut für uns reklamieren. Im letzteren Fall müßten wir aber unsere Augen vor der Tatsache sehr verschließen, daß in noch viel stärkerem Maße als bei der herkömmlichen mechanischen Technik, die Technik der Chips and Bits uns als Meldetechnik so nahe steht, daß wir uns selbst als informationsverarbeitende Maschinen verstehen.

So schief dieser Ausdruck im Hinblick auf die Reichhaltigkeit menschlichen Seins auch sein mag, er zeigt, daß wir dabei im Begriff sind, die Stärke metaphysischer Botschaftstheorien technisch abzuschwächen, ihnen zumindest Teil ihres Auras zu beschrauben, so daß das Botschaftsphänomen, aufgrund technischer Machbarkeit und offener Struktur zugleich, zu einem neuen Sinnbild menschlichen Seins im Weltmaßstab werden kann. Natürlich besteht hier erneut die Gefahr einer metaphysischen Verfestigung im Sinne eines angeblichen wahren Menschseins oder eines zu erreichenden Cyborgseins bis hin zu den evolutionären Vorstellungen eines vernetzten Weltgehirns... Man sieht, wir sind wieder bei einer nicht mehr theologischen, sondern technologischen Engellehre. Ich meine aber, daß eine sich davon unterscheidende kritische Angeletik, die mit der hier erst angedeuteten Begrifflichkeit arbeitet und die Tradition der Metaphysikkritik weiterführt, einen Beitrag zur Abschwächung missionarischer Ambitionen jeder Art (einschließlich ihrer eigenen) liefern kann. Sie will, mit anderen Worten, die angebliche Schwäche der entstehenden vernetzten Weltkultur vom Standpunkt einer Schwäche metaphysischer Ansprüche als ein Positivum deuten, aber nicht im Sinne eines angeblichen irdischen Engelparadieses, sondern als Wahrnehmung eines Botschaftsraums - nichts anderes wäre der Cyberspace - dessen technischer Natur aus Chips and Bites unsere kulturelle Chance darstellt.

 

Der Begriff einer Botschaftstheorie ist ein Oxymoron, da Botschaft etwas Zufälliges aussagt, Theorien aber auf das Wesentliche ausgerichtet sind.

Eine Theorie der Botschaft gen.obj. ist dann eine Theorie die vorgibt, etwa wesentliches über botschaften auszusagen.

Eine Theorie der Botschaft, gen. subj. sind die Sichtweisen der Botschaften über die Theorien.

Wenn aber die Botschaft über sich selbst nachdenkt, gibt sie mitteilungen über sich, Ansichten von Botschaften über Botschaften

Dies ist auch eine Transformation der philos. Theorie:

Wie schon auch im Roman: Roman über den Roman (Cervantes), Aphorismen  (Nietzsche), Sprüchen (Wittgenstein), Vorträge und Aufsätzen (Heidegger), nicht von großen Systemen, eine andere Form von Architektur, Netzkultur: Worte, eher als Sätze

Angeletik - Theorie
Botschaft - Begründung
Information - Wahrheit
Erzählen - Abstraktion


Boten sind Medien

Philos. Vorarbeit für empirische auch hist. Studien

McLuhan: medium ist message/massage

Die Angeletik ist eine Form über Medien nachzudenken. Die Medientheorie geht davon aus, daß the medium is the message, Medien sind also messages, Medientheorien sind boten/Botschaftstheorien.

Bedeutung der Werbung im 20.Jh., so wie auch des Managements: also Inf.theorie, Inf.technik, Vernetzung, Werbung, Journalismus (schon im 19. Jh.: Freiheit der Üresse), Nachrichtentechniken

Warum aber dieses Medium (Buch) als Medium?

Regeln der neuen philos. Angeletik (angeletische Logik)

Die angeletik ist nicht neu, siehe Engellehre

Der name ist zwar neu, im Gegensatz zur Hermeneutik
Aber eine techne angeletike gab es auch schon der Sache nach, nämlich im Mythos und in der Dichtung als Engellehre bzw. als Theorie der Dichtung (Ion, Pindar)


1. Botschaft

Angellein /
Botschaft
Bote / nuntius

 2. Botschaft 

Mitteilen als Existenzial
Sein als Angekündigtsein
Ser/estar
Zu-fall, Bei-fall, endochomenon

Ethik der Substantialität (cf. Rorty: asket. Priester)

ethik des Bei-fälligen_ Arist., nur umriß, positiv gegenüber Drama (Roman)
Aristoteles war kein asket. priester: cf. anekdoten aus Diogenes Laertius

Problem des körpers, engelisch.

Wir brauchen eine Boten/Botschaftskultur

cf. Briefkultur in der Antike, MA und Neuzeit durch Romane ersetzt.
aber keine Briefkultur vs. Romankultur, denn es gab Romane in Briefform:

Empfangsbereitschaft für das zufällige, abfällige,

Wir experimentieren mit uns selbst als existierende Wesen, wenn wir Botschaften senden/empfangen, als offen für das Zufällige

casualia et fortuita  (den Engeln nicht bekannt) (Thomas v. Aquin)

Botschaftsnetz: nicht essentialistisch, denn dann gilt:

ver-netzt
wir aber sind zu-fällig im netz
nicht: sind als netz
wir sind in form einer schwachen Vernetzung, offen (cf. MH: tiere: weltarm)
 

3. Botschaft
 

Säkularisierte Angeletik


Vattimo, säkularis.
Kants Engel als die reinen Boten

 

4. Botschaft

Rortys Botschaft

 

Rorty wendet sich gegen den Essentialismus. Das ist aber was mancher „asketische Priester“ wie Sartre und Heidegger mit Formeln wie „Das Wesen des Menschen ist seiner Existenz“ gesagt haben.

d.h. der Mensch existiert zu-fällig, von Fall zu Fall, als solcher und solcher. Auch wenn wir sagen, der Mensch sie wesentlich vernetzt, dann meinen wir zu-fällig, in unserem Fall, nicht wesenmäßig vernetzt.

Romane beschreiben Zufälligkeiten in Form von wesensarten. Rorty nimmt die Form des Romans dementsprechend für etwas wahreres als die philos. Aussagen, da der Roman zufälliges beschreibt. das sagt wiederum ein Ühilosoph namens Rorty, also ein asket. priester.

Warum wählt Rorty Kundera und Dickens? anstatt etwa Rilke oder Hölderlin oder ganz andere Erzähler aus nicht europ. und nicht-angelsäch. Traditionen? etwa Cortazar oder Ketzabure Oe oder ... Rorty ist einer eurozentr. angelsächs. Ürägung verfplichtet/verhaftet. Warum sollten die übrig gebliebenen Menschen (nicht-europ.) gerade solche Exemplare lesen bzw. warum gerade sie als Überreste auswählen? und warum rRomane? warum diese Art von Boten und Botschaften des europ. Bürgertums des 19. Jh.?

Rorty braucht Erbauungsliteratur und action. Er verkündet dies: anstatt asket. Priester liebt er ;ärchenerzähler!

 Wo kommt das Wort Roman her?

Dichtung: dictare

 
Romane faßen das Zu/bei fällige zusammen als das Wesen eines Menschen, Epoche etc.

Dem Roman die Form einer Botschaft geben.

Warum nicht Marquis de Sade oder Casanova oder Bocaccio oder... lesen anstatt Pickwick und Mill? wenn er schon über Glück etwas lesen will... wohl weil Rorty über seinen US Puritanismus nicht im klaren ist.

 
cf. Aristoteles: Ethik des Beifälligen vs. Platon, auch Achtung der darstell. Künste, Tragödien usw.

Mancher roman, bes. Dickens, lehrt Askese viel mehr als mancher Philos. (hedonisten, einschl. nietzsche) und glaubt auch eine wichtige Botschaft (prister) zu verkünden

mancher Philosoph glaubt er könnte sich der Verantwortung stehlen, indem er sagt, man solle auf die Romanschreiber hören, und zwar auf Dickens und Kundera: neue Heilige, die nur allzuverwandt sind mit denen, die er demolieren will.

mancher asket. Priester haben diese Jeiligenbilder demoliert, dekonstruiert
 
Email an Richarad Rorty:

What you say in your posting is as pompous as what you critizise.
Instead of Being you take _green_ as a keyword to think about and instead of N and MH, Donald Davidson
Is there any difference at all to think about the misterious green and how many angels are on the top of a needle?
Of course people need no stories, they need something to eat and to drink, so, coca cola and mc donald
If you want to make them happy, please do not give them Mill and Dickens, but nice love stories
But is this politically correct? just look what americans really read during this year? just Bill and Monica

 

5. Botschaft

Ethik des Boten / der Botschaft

 

Wer kontrolliert die messengers / messages?

1 politik

declaration of independence (boston tea party): die Kolonien lösen sich von der botschaft des mutterlandes

auch die Revolutionen, umkehrung der sender/empfänger beziehung

2  Dichtung und Kunst

3 Logik


4 Ökonomik: nicht nur die Verwandlung der Warenökonomie in Ökonomie der Nachrichten, sondern auch das Senden und Empfangen von Waren

5  Management: aufkommen im 20. jh.: nicht von ungefähr

maneggiare, die kunst des mitteilens

6  Pädagogik

7 Physik: das problem der Zeit bei gleichzeit. botschaften

aber keine Botschaften von sternen oder von unbelebter Materie

8 Angeletik bei lebewesen: erst wenn menschl. angeletik klar ist (sie MH), keine angst vor naturalisierung cf. inf.begr.

9 Technik: IT, internet etc.


Letztes update: 6. November 2017



     

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