KARL RAHNER - RAFAEL CAPURRO

Korrespondenz  1980-1983

Spuren

  
 
 
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Zum Hintergrund dieser Korrespondenz mit Karl Rahner (1904-1984) und der persönlichen Begegnung in München Anfang 1981 vgl. mein akademischer Werdegang als Mitglied des Jesuitenordens (1963-1970). Karl Rahner starb am 30. März 1984 in Innsbruck.


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Juan Carlos Scannone S.J. war mein Mentor während meines Studiums der Philosophie am Colegio Máximo (Buenos Aires, Argentinien) (1968-1970).

Zuvor (1965-1966) Juvenat in Colegio Loyola (Padre Hurtado, Chile)

Zur Geschichte des Fachinformationszentrums Karlsruhe vgl. hier. Meine Tätigkeit als persönlicher Referent des wissenschaftlich-technischen Geschäftsführers (Dr. Werner Rittberger) (1980-1985)

Promotion (1978) am Philosophischen Institut der Universität Düsseldorf bei Prof. Dr. Norbert Henrichs:
Dissertation (magna  cum laude): Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen Begründung des Informationsbegriffs. München 1978.

Habilitation am Philosophischen Institut der Universität Stuttgart:
Habilitationsschrift: Hermeneutik der Fachinformation
Lehrbefugnis für Praktische Philosophie (1989)

Beiträge zu Martin Heidegger.
Beiträge zu Philosophie & Theologie.

Adolfo Murguía (geb. in San Sebastián, Spanien, gest. 2016) war Philosoph und Dozent am Romanischen Seminar der Universität Tübingen.



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Die persönliche Begegnung mit Karl Rahner in München fand Anfang 1981 statt. Ich war in Begleitung meiner Frau Annette. Karl Rahner empfing uns in seinem Büro und wir sprachen zunächst über den Einfluß seines Denkens während meiner philosophischen Ausbildung bei den Jesuiten in Colegio Máximo (Buenos Aires) in den Jahren 1968-1970. Ich erwähnte seinen Beitrag "Über den Begriff des Geheimnisses in der katholischen Theologie", der im Band IV seiner "Schriften zur Theologie" (Einsiedeln 1964, 51-99) erschienen war und eine geschichtliche Öffnung des Verstehens dogmatischer Sätze möglich machte. Auch in der visio beatifica bleibt für das endliche Erkenntnis die Un-Verborgenheit des Göttlichen erhalten. So, meine Erinnerungen nach mehr als zehn Jahren. Ich habe in den Briefen vom 18. und 25. April 1982 ihn darüber gefragt.

Ich erzählte ihm über meine Tätigkeit im Fachinformationszentrum Karlsruhe (FIZ). Er war sehr daran interessiert zu erfahren, wie eine Recherche in bibliographischen Datenbanken stattfindet. Ich sprach von Datenbankenanbietern wie etwa DIALOG
bei denen, im Gegensatz zum auf Naturwissenschaft und Technik fokusierten FIZ Karlsruhe, auch in geisteswissenschaftlichen Datenbanken recherchieren konnte. Rahner merkte sich das Wort DIALOG, indem er es auf einem kleinen Stück Papier schrieb. Er fragte mich dann, ob eine Recherche zu Dissertationen über sein Werk möglich wäre. Ich bejahte die Frage und sagte ihm, dass ich mich darum kümmern würde.

Zurück in Karlsruhe, fragte ich Frau Prof. Dr. Johanna Grewen, die im Fachinformationszentrum arbeitete und viel Erfahrung mit Literaturrecherchen hatte, ob sie mir behilflich sein könnte, eine solche Recherche in einem anderen Datenbankanbieter, wie etwa DIALOG, durchzuführen. Ich schickte Karl Rahner die Ergebnisse zu.

Bald darauf bekam ich eine Anfrage von Albert Raffelt, Theologe und Bibliothekar in Freiburg, ob ich ihm diese Literaturrecherche für eine Rahner-Bibliographie zur Verfügung stellen könnte. Diese Bibliographie wurde 1984 veröffentlicht (Siehe unten). Vgl. auch: Albert Raffelt: Karl Rahners Sämtliche Werke. Ein Editionsbericht. Übersicht über die Bände der Sämtlichen Werke Karl Rahners. In: Johannes Herzgsell SJ (Hg.):  Karl Rahners Theologie der Freiheit. München - Freiburg i.Br. 2018, 23-41.

 

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Karl Rahner hat am 14.5.1982 den von der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen verliehenen Leopold Lucas-Preis erhalte. Ich konnte glücklicherweise bei der Verleihung dabei sein. Aus diesem Anlaß hielt er eine Rede mit dem Titel "Über die intellektuelle Geduld mit sich selbst" die in: E. Jüngel, K. Rahner: Über die Geduld, Herder: Freiburg i.Br. 1983 erschien.
Die Rede war angekündigt mit dem kryptischen und falschen Titel: 'Über die intellekturelle Geduld in sich selbst", worüber sich Rahner gleich zu Beginn lustig machte. In dieser Rede finden sich Spuren unseres Gesprächs in München.

"Wenn nun weiter von der intellektuellen Geduld, besser von der Geduld mit der Begrenztheit und Unverrechenbarkeit unserer Erkenntnisse gesprochen werden soll, dann muß zuvor von einer geistigen Situation die Rede sein, in der wir uns heute im Unterschied zu früheren Zeiten befinden.
Es hat noch nie eine Zeit gegeben, in der die Menschheit soviel wußte wie heute. Der Mensch von heute weiß nicht nur einigermaßen, wie er sein biologisches Leben fristen und behaupten kann, er pflegt nicht nur in Mythos, Sage und vielleicht ein wenig Geschichte die Erinnerung an die Vergangenheit, er treibt nicht nur mühsam und vielleicht mit viel Mißerfolgen ein wenig Metaphysik, er übt nicht bloß Religion und stammelt mit vielen Zungen vom Göttlichen. Er treibt heute Wissenschaften, er erforscht systematisch die Natur, er sieht sich in Psychologie und Psychoanalyse in die eigenen Karten, er hat in jüngerer Zeit ganz neue Wissensgebiete erobert, wie die Gesellschaftswissenschaften. Er entwickelt eine theorie dieser Wissenschaften und erforscht noch einmal die Geschichte aller dieser Wissenschaften. Er baut selbst seine alltäglichen Erfahrungen und Erlebnisse zu systematischem Wissen aus, entwickelt technische Methoden der Informatik und der Speicherung seines Wissens.
In diesem systematischen Wissenschaftsbetrieb sind heute alle Völker und ihr Leben einbezogen und stehen in einem ununterbrochenen Austausch. Die Zahl der Bücher, die gedruckt werden, nimmt in einem schwindelerregenden Tempo zu, die Bibliotheken werden immer größer, neue Weisen der Speicherung des Wissens werden erfunden, der Fortschritt der Erkenntnis wird nicht mehr Zufällen überlassen, unberechenbaren Einfällen und Erleuchtungen, sondern systematisch vorausberechnet, auch wenn dadurch gerade wiederum neue Unberechenbarkeiten entstehen und niemand die Einheit all dieser Wissenschaften und ihrer Marschrouten planen kann.
Aber auch wenn "man" heute unermeßlich mehr weiß als früher, so gerät man doch sofort in eine schreckliche Verlegenheit, wenn gefragt wird, wer denn dieses "man" sei, das so viel weiß und in einem solchen Tempo immer mehr Wissen erwirbt. Dieses "man" bin nicht ich; kein einzelner kann mehr dieses ungeheuer wissende "man" repräsentieren. Man hat aufhören müssen, ein Universalgelehrter sein zu wollen. Der Gescheiteste ist dazu verdammt, ein Fachidiot [wie man unhöflich sagt] zu sein und zu bleiben.
[...]
Gemessen an der einer bestimmten Zeit grundsätzlich zur Verfügung stehenden Menge des Wissens wird der einzelne heute immer dümmer. Früher wußte man verhältnismäßig wenig, aber davon konnte einer als einzelner fast alles wissen. Heute weiß man sehr viel und jeder einzelne davon nur einen winzigen Teil. Man kann dieses ungeheure Wissen, da heute grundsätzlich zur Verfügung steht, zwar in Bibliotheken und Computern speichern und gewiß auch Mittel erfinden, wie auch der einzelne möglichst schnell und bequem aus dieser Wissensmenge das abrufen kann, was es hier jetzt gerade nötig hat oder was seine Neugierde reizt. Vorausgesetzt allerdings, daß dieser einzelne noch merken kann, daß hier und jetzt für ihn etwas nützlich oder interessant sein könnte, war noch nicht weiß eine Voraussetzung, die schon gar nicht mehr selbstverständlich ist. Aber alles dieses in Büchern und Computern gespeicherte Wissen ist eigentlich für sich allein nur der materielle Niederschlag eines wirklichen Wissens und wird erst wirkliches Wissen, wenn es in das Bewußtsein wirklicher Menschen eingebracht wird. Eine menschliche Bibliothek auf dem Mars wäre in Wahrheit keine mehr. Aber dieses materialisierte Wissen kann im Unterschied zu früher nicht mehr als Ganzes in das Bewußtsein der einzelnen als solchen zurückübersetzt werden.
Es bleibt dabei: der einzelne als solcher, in dem wahres Wissen allein wirklich sein kann, wird immer dümmer. Das wäre an sich noch nicht schlimm, weil man ja sagt, Dummheit tue nicht weh. Das gilt aber für den einzelnen nur, wenn er das Fehlen seines Wissens nicht bemerkt. Heute weiß aber jeder, wie ungeheuerlich dieses sein Nichtwissen ist. Er kann zwar im Alltag (und sogar mit Recht) dieses Wissen um sein Nichtwissen verdrängen und sich naiv an der Menge dessen erfreuen, war er wirklich weiß; er kann sich als gebildet empfinden und sogar ein wichtigtuender Fachidiot sein, der mein, das für die Welt wirklich entscheidende Wissen sei in seinem kleinen Kopf gespeichert. Aber man kann doch in einer Weise, wie dies früher gar nicht möglich war, den Abstand zwischen dem erfahren, was man weiß, und dem, was man heute wissen kann. Ob man dieses zu sich selber kommende Nichtwissen eine docta ignorantia (gelehrte Unwissenheit) nennen mag, ist eine Frage. Jedenfalls bedeutet dieses Nichtwissen aber einen großen Schmerz und demütigt uns.
[...]
So ist die Situation unseres heutigen Bewußtseins. Es ist gewiß eine Aufgabe, die immer neu zu sehen und zu bewältigen ist, diese Situation zu überwinden, soweit das nur möglich ist. Aber man muß auch den Mut haben, zu sehen und einzugestehen, daß diese Situation der wachsenden "Dummheit", der wachsenden Unklarheit der Begriffe und der Inkonsistenz unseres Wissens letztlich unüberwindlich ist, daß sie der Preis ist, den wir für die immense Zunahme unseres Wissens immer wieder bezahlen müssen.
Was ist in dieser unerbittlich uns beherrschenden Situation zu tun? Dasjenige, was wir zu Beginn unserer Überlegungen hinsichtlich unserer ganzen Existenz schon gesagt haben. Geduld ist notwendig. Wir müssen sie auch bezüglich unserer Dummheit haben. Wir müssen uns darüber klar sein, daß diese Geduld gar nicht selbstverständlich, gar keine leichte Aufgabe ist. Diejenigen, die nur dumm sind, merken ihre Unwissenheit garr nicht, und sie bedürfen darum keine Geduld mit ihrer intellektuellen Situation. Aber die weisen Dummen, die wir hoffentlich sind, erfahren den bitteren Schmerz ihrer Dummheit und müssen sie darum in Geduld ertragen lernen. Wir müssen uns immer fragen, ob wir in dieser Situation die Gefahr vermeiden, uns ungeduldig in eine skeptische Resignation versinken zu lassen, ob wir uns nicht auf andere Weise
durch Verdrängung dieser Situation oder durch den naiven Genuß unsers uns noch gegebenen Wissens insgeheim dieser Aufgabe der Geduld zu entledigen suchen. Wir müssen uns sogar fragen, ob wir diese Geduld wirklich haben und üben, wenn sie uns gar nicht so selbstverständlich im Kreis unserer Tugenden gegeben zu sein scheint. Wenn wir nämlich hierbei gar zu leicht ein gutes Gewissen haben, dann fragt es sich, ob wir den Schmerz über unser Nichtwissen, das uns heute mehr als je auferlegt ist, wirklich vorgelassen haben, oder uns eine Zufriedenheit zu Unrecht erlauben über die Kümmerlichkeit unseres Wissens, eine Zufriedenheit, die uns nicht gestattet ist."

Aus: Karl Rahner, Über die intellektuelle Geduld mit sich selbst, In: Jüngel/Rahner: Über die Geduld, Freiburg i.Br. 1983, 43-54.
 

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SPUREN


Karl Rahner hat vielfältige Spuren in meinem Denken hinterlassen. Hier eine Auswahl.

Die aristotelischen Elemente kommen vor allen in der Auffassung der Seele ("anima") als "Entelechie" des Leibes zum Vorschein (Summa Theologica I, q. 75-89, 118-119). Es ist die eine Substanz, welche die psychischen Funktionen –"anima vegetativa", "sensitiva" und "rationalis" oder "intellectualis" – in sich vereinigt und die Formung der "materia" bewirkt. Dadurch verlieren die beiden ersten Funktionen ihre Selbständigkeit, so dass eben nur eine Formung ("informatio") stattfindet. Denn es ist, so Karl Rahner,

"streng genommen der Mensch in einer eindeutig thomistischen Auffassung nicht aus einer Seele und einem Leib zusammengesetzt, sondern aus einer Seele und der materia prima, die aufzufassen ist als das von sich her gänzlich potentielle Substrat des substantiellen Selbstvollzugs der "anima" (ihre "Information" in einem metaphysischen Sinne), die ihre Wirklichkeit der passiven Möglichkeit der materia prima (sich selbst erleidend) gibt, so daß, was in dieser Potentialität  an Akt (und Wirklichkeit) ist, eben die Seele ist." (15)

Dieser "informatio materiae" im Sinne als eines metaphysischen Wirkungsprozesses entspricht im Erkenntnisbereich die "informatio sensus" und "informatio intellectus possibilis", wobei unsere Erkenntnis in der Einheit eines abstrahierenden und sich auf die Anschauung rückbeziehenden Prozesses ("conversio ad phantasmata") vollzieht.

15.. Karl Rahner: Zur Theologie des Symbols. In: ibid.: Schriften zur Theologie. Zürich 1961, Bd. IV, S. 305. Vgl. ibid.: Geist in Welt. München 1965. Zu Thomas von Aquins Informationsbegriff vgl. v.Vf.: Information, a.a.O. S. 122-139.

Wir sahen, daß das Vorverständnis (V3) in bezug auf den Offenheitsbereich, wo wir uns gemeinsam aufhalten, die Voraussetzung für das Verstehen von bestimmten Bedeutungs- und Verweisungs- zusammenhängen ist. Öfter bleiben diese (technischen, beruflichen, familiären usw.) Weltbezüge unthematisch bzw. sie sind uns vorgegeben. "Der Mensch entwirft nie völlig ursprünglich und voraussetzungslos", wie K. Rahner schreibt, "sein Bild von der Welt." Die vorverstandenen Bedeutungsgehalte umfassen eine Reihe von metaphysischen Prinzipien (wie z.B. daß überhaupt Wirklichkeit ist, daß sie dem Widerspruchsprinzip gehorcht usw.) sowie von Weltbildern. Im Hinblick auf die ersten, können sie, wie Rahner weiter formuliert, 

"in der immer teilhaften Erfahrung zwar in etwa 'verifiziert', aber nicht eigentlich nachgewiesen werden. [...] Es gibt keinen Standort außerhalb ihrer, von dem aus sie gerichtet werden könnten." 

Bezüglich der überlieferten Weltbilder können wir sie, weder als Einzelner noch als geschichtliche Epoche, nach allen Richtungen und in jeder Hinsicht in Frage stellen. 

"Auch in der Naturwissenschaft", so Rahner weiter, "entdecken wir nur, was inder Richtung gefunden werden kann, in die die Untersuchung ging. Und das Entdeckte kann nie sagen, was übersehen und verfehlt wurde, und ob das Verfehlte nicht das Gewichtigere gewesen wäre. [...] Jede Eroberung ist darum auch ein Verzicht. Jeder Gewinn auch ein Verlust. Und es fragt sich nur, worauf man in seiner Eroberung verzichten kann, ohne daß der Verzicht ein tödlicherVerlust wird."[184]

K. Rahner: Schriften zur Theologie. Zürich: Einsiedeln 1975, Bd. XII, S. 217.


Zweitens, muß der Bezug des Fachmanns "ad intra", d.h. gegenüber seiner eigenen Sache präzisiert werden. Man lernt bekanntlich nie aus. Sokrates hat uns exemplarisch vorgeführt, wie Fachwissen immer an die Grenzen des Nicht-Wissens stößt. Worauf kommt es da an? W. Heisenberg drückt die Antwort folgendermaßen aus:

"Was ist ein Fachmann? Viele würden vielleicht antworten, ein Fachmann sei ein Mensch, der sehr viel über das betreffende Fach weiß. Diese Definition könne ich aber nicht zugeben, denn man könne eigentlich nie wirklich viel über ein Gebiet wissen. Ich möchte lieber so formulieren: Ein Fachmann ist ein Mann, der einige der gröbsten Fehler kennt, die man in dem betreffenden Fach machen kann und der sie deshalb zu vermeiden versteht." [211]

Als Beispiel nennt Heisenberg einen "Fachmann der Metaphysik", eines des Öfteren beschimpften Gebietes also, in dem Abgründe des Nicht-Wissens sich vielleicht am deutlichsten zeigen. Hier kommt es darauf an, den "Abgrund, in dem die Wahrheit wohnt", nicht einfach "wegzureden". [212]


[211] Vgl. W. Heisenberg: Der Teil und das Ganze, S. 247. Ferner die Ausführungen Platons im Hinblick auf den "Fachmann" ( Οι σοφοί), der aufgrund seines Vorwissens, eine "vor-sichtige" und somit auch "nützliche" Aussage in bezug auf die Zukunft machen kann (vgl. Theaitetus 145 d, 178 a ff)

[212] Eine der "Haupttugenden" eines Fachmanns, ist die der Geduld bzw. der "intellektuellen Geduld mit sich selbst", wie K. Rahner anläßlich der Verleihung des Leopold-Lucas-Preises 1982 (an der Universität Tübingen) es ausdrückte. Sie ist das Eingangstor zur "docta ignorantia" (Nikolaus von Kues) und Voraussetzung für weltanschauliche Toleranz. Vgl. K. Rahner, E. Jüngel: Über die Geduld, s. l37-63.

K. Rahner , E. Jüngel: Über die Geduld. Freiburg i.Br.: Herder 1983.


Hintergrund der mittelalterlichen Engellehre ist der Versuch die biblischen engelischen Gestalten den 'reinen Intelligenzen' oder 'intelligentiae separatae' anzugleichen, welche die griechische Philosophie im Sinne von Zweitursachen, die die Naturbewegungen in Gang hielten, annahm. Ich beschränke mich im Folgenden auf einige Aussagen in der "Summa theologica" des Thomas von Aquin (ST, I, 50-65, 106-114) (15). Allein vom Umfang her, stellen diese Quaestiones kein Nebenthema dar, sondern sie umrahmen und bestimmen die "quaestio de homine". Über die thomistische Engellehre bemerken J. Auer und J. Ratzinger:  

"bei Thomas und seinen Anhängern werden die Engel trotz ihrer Geschöpflichkeit, wegen ihrer reinen Geistigkeit, mehr in Analogie zum menschlichen Verständnis vom göttlichen Geist gesehen, bei Scotus und seinen Anhängern ist das Maßbild für das Verständnis der Engel mehr die menschliche Seele". (16)
K. Rahner hebt deutlich hervor, daß der Hinweis auf die "superiores substantiae intellectuales" in Kerntexten der thomistischen Erkenntnis- theorie "nicht von ungefähr" ist, sondern daß die menschliche Seele als Grenzidee gegenüber der intuitiven Intellektualität der Engel gegenübergestellt wird (17). Ich stelle den Vergleich zwischen 'getrennten Intelligenzen' und 'künstlicher Intelligenz' unter drei Perspektiven an, nämlich: Substantialität, Erkenntnis und Wille

15. Im Opusculum "De substantiis separatis" unterscheidet Thomas zwischen den "substantiae separatae" und den "animae orbium" und wendet sich gegen die Emanationstheorie des Avicebron. P. Duhem zieht das Fazit, daß in dieser Frage Thomas sich nie endgültig entscheiden konnte. P. Duhem: Le Système du Monde, Paris, o.D. Bd. 5, 558). Entscheidend bleibt aber dennoch für Thomas, daß alle "getrennten Substanzen" nicht durch ein Hervorgehen ("generatio", "mutatio"), sondern durch Schöpfung ("productio", "creatio") entstanden. Thomas betont, daß für Aristoteles die mythologische Auffassung der "intelligentiae separatae" als Götter den Sinn eines Durchgangs zum alleinigen höchsten Prinzip hat (In XII Metaph. 12, n. 2663).

16. J. Auer, J. Ratzinger: Kleine katholische Dogmatik (Regensburg: Pustet 1975) Bd. III, 417. Vgl. G. Tavard: Die Engel. In: M. Schmaux, A. Grillmeier, L. Scheffczyk, Hrsg.: Handbuch der Dogmengeschichte (Freiburg 1968) Bd. 2. In seiner "Michaelspredigt" entwickelt M. Luther eine streng an die Schrift orientierte Engellehre. Vgl. U. Mann: Das Wunderbare (Gütersloh: Mohn 1979). Durch den zweiten Schmalkal- dischen Artikel wurde die Engellehre innerhalb des Protestantismus unterbunden. R. Bultmann hielt im Rahmen seiner "Entmythologisierung" den "Geister- und Dämonenglaube" für erledigt und ersetzt durch die Kräfte der Natur. Zur gegenwärtigen evangelischen Engellehre vgl. C. Westermann: Gottes Engel brauchen keine Flügel (Stutt-gart: Kreiz 1980).

17. K. Rahner: Geist in Welt (München, 1957, 2.Aufl.) 256.

[...]

Eine Analogie zu dieser materielosen Bestimmung der 'getrennten Intelligenzen' mit Hinblick auf die auf Hardware basierenden Systeme der 'künstlichen Intelligenz' ist nicht unmittelbar möglich, wohl aber die Vorstellung von der Differenz zwischen dem materiellen Substrat und den funktionalen Eigenschaften bzw. der Software. Hier stellt sich die oben angesprochene Frage, ob Intelligenz sich in einer anderen Weise vollziehen kann, als wie wir sie kennen. Karl Rahner bejaht die Möglichkeit eines umfassenderen und freieren Weltbezuges im Hinblick auf die 'getrennten Intelligenzen' (20) Im Falle der 'künstlichen Intelligenz' wären die anthropozentrischen Voraussetzungen unseres Weltbildes abermals in Frage gestellt, ohne die Garantie der Vermeidung unserer (eigenen) Selbstzerstörung. Hat uns die kaum vorstellbare Überschreitung unserer gewöhnlichen Zeit- und Raumvorstellungen durch die elektronische Datenverarbeitung uns bereits näher, ich meine analogisch näher, der bisherigen spekulativ-metaphysischen Vorstellungen von GI gebracht oder bedeutet sie eher eine Verfestigung und Steigerung des technokratischen Anthropozentrismus? (21)

20. K. Rahner: Über Engel. In Schriften zur Theologie XIII (Köln 1978)

[...]

Der Mensch kann seine eigene Entstehungsgeschichte in das unermeßliche Werden eines vermutlich sich selbst transzendierenden Kosmos einordnen. Es ist nämlich nicht ausgemacht, warum der Kosmos gerade zur Enstehung menschlicher Subjektivität gedient haben soll. Bei Wahrung der Differenz wäre auch dann die Frage zu stellen, welche Funk-tion der Mensch von seinem künstlich-künstlerischen Wesen her in diesem Prozeß erfüllen kann, ohne sich selbst aufzugeben. Denn der Mensch, indem er sich selbst nicht nur geistig, sondern auch biologisch zu verändern vermag ("homo faber sui ipsius"), kann seine Natürlichkeit weder völlig verlassen noch kann er sich als reine Künstlichkeit verwirklichen (24). Dieses Weder-Noch (weder Tier noch Engel) markiert seine Grenze. In der Gestalt technologischer Lust ("delectatio") begehrt unsere Vernunft zugleich eine beglückende aber letztlich nicht künstlich herstellbare Dimension ("gaudium"). Der Mensch bleibt aber, um mit Günter Anders zu sprechen, ethisch "antiquiert", wenn er die technische Veränderung seiner Seele und seines Leibes, mit dem diese Veränderung bedingenden Streben zur Grenzüberschreitung identifiziert (25). 'Künstliche Intelligenz' ist ein (!) Ausdruck dieses Strebens. Dabei kann aber der technologische Traum vielleicht etwas von der Lächerlichkeit seines Anspruches lernen. Und damit wären wir beim heiteren Nachdenken.

24. Zur Frage der Selbstmanipulation  vgl. K. Rahner: Experiment Mensch. In: H. Rombach: Die Frage nach dem Menschen (Freiburg 1966) 45-69.

25. G. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen (München 1980)


In einer berühmten von Karl Rahner (1957) ausführlich kommentierten quaestioder "Summa Theologica" (ST I, 89, 1) fragt Thomas von Aquin, ob die Seele getrennt vom Leib erkennen kann und antwortet, dass sie es zwar kann, dass dies aber, solange sie mit dem Leib verbunden ist, nur in der Hinwendung zum sinnlich wahrnehmbaren Seienden geschehen kann ("nisi convertendo se ad phantasmata"). Allgemeiner ausgedrückt: "modus operandi uniuscujusque rei sequitur modum essendi" (a.a.O.). Die Art des Handelns ergibt sich aus dem, was die Dinge jeweils sind. Was wir sind, hängt aber nicht nur von unserer physis, sondern auch von unserem Seinsverstehen ab. Wir entwerfen auf der Grundlage unserer Faktizität, was und vor allem wer wir in der Welt sind. Mit anderen Worten, unser Handeln ist nicht nur und auch nicht primär auf Seiendes, sondern auf Sein hin orientiert. Dadurch entsteht paradoxerweise unsere Orientierungssuche nach einer Seinsbestimmung, die aufgrund unseres vorgängigen In-der-Welt-seins sowie der uns bedingenden physis selbst nicht beliebig sein kann.

Rahner, K. (1957): Geist in Welt. München: Kösel. 2. Aufl..


In einem berühmten zuerst im Jahre 1965 gehaltenen Vortrag mit dem Titel "Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen" beschrieb Karl Rahner beinah prophetisch die verschiedenen "Werkhallen" in denen die "aktive Hominisierung der Welt" betrieben wird, darunter die Werkhallen der Biologie, Biochemie, Genetik, Medizin, Psychologie und Politik, letztere als Sitz einer "Weltregierung, getragen von den herangezüchteten Superintelligenzen", wo die Arbeiten der anderen Werkhallen koordiniert werden (Rahner 1966, 48-49). Rahner bejaht, gegenüber dem kulturkritischen Lamento, das kommende Zeitalter der Selbstmanipulation, in dem wir uns nicht nur sittlich, sondern auch leibhaftig schaffen. Auf die Frage, nach welchem Ziel oder "Wesen" wir uns bei dieser kategorialen Selbstmanipulation richten sollen, stellt er gegenüber den Argumenten der Moralisten und der Skeptiker fest, dass wir nicht tun dürfen, was "nicht geht", weil es wesen- und sinnlos oder schlicht unmöglich ist (Rahner 1966, 59). Er lässt aber dabei offen, dass wir, wie die "unschuldige" Natur, auch Monströses produzieren können oder, was gravierender ist, dass die Selbstmanipulation irreversible und irreparable Folgen haben könnte, wenngleich dies nicht unbedingt sein muss. Rahner sieht unser kategoriales Handeln im Licht einer "absoluten Zukunft", die sich in Gestalt des Todes – des Gen-todes, des Holozids oder einer Weltkatastrophe – als des Unmanipulierbaren und als transzendentales Woraufhin des unumkehrbaren Freiheitsprozesses ankündigt, ein Handeln, das sich zudem in einem nicht mit uns selbst identischen Universum abspielt.

Gegenüber der Moral, die an der Verteidigung von bestimmten Gestalten interessiert ist, muss die Ethik, so Rahner, sich dem schmerzhaften Wagnis der Freiheit stellen. Unsere einzige gefährliche Illusion besteht dann darin, zu glauben, dass wir, weil wir uns selbst machen, auch nur uns selbst gehören. Das folgende Zitat sollte am Beginn einer jeden bioethischen Diskussion stehen: "Es wäre in einer überindividuellen Moral nüchtern und mutig zu bedenken, welche Opfer der Menschheit von heute für die Menschheit von morgen zugemutet werden dürfen, ohne dass man zu schnell von unsittlicher Grausamkeit, Vernutzung und Verletzung der Würde des Menschen von heute zugunsten dessen von morgen sprechen darf." (Rahner 1966, 68-69). Es ist paradox, dass ein katholischer Dogmatik-Professor offener ist als mancher säkularer Philosoph, der, wenngleich er zugibt unmusikalisch im Bereich des Religiösen zu sein, die bürgerliche Moralität unter dem Schutz religiöser Bilder sehen möchte (Habermas 2001).

Sieht man von Rahners christlich-metaphysischem Hintergrund zunächst ab, dann können wir als Leitfaden für eine künftige Netzethik die von ihm angesprochenen "höheren Stufen und Gestalten der Sozialität" (Rahner 1966, 64) sehen. Die Frage ist dann, wie das Experiment Internet nach dem Modell eines geschichtlichenExperimentes mit uns selbst zu interpretieren ist. Wir können uns ferner fragen, wie sich die Netzethik von einer Netzmoral als auch von einer Netzskepsisunterscheidet. Netzmoralisten legen sich kategorial fest, wodurch jene geschichtliche Dynamik ausgeblendet wird, die die Spur transzendentaler Freiheit im Kategorialen – Erich Przywara nannte diese Bewegung im Kategorialen zumTranszendentalen hin analogia entis im Sinne eines 'In-über'-Verhältnisses – ausmacht. Netzskeptiker wiederum sehen die Gefahren der Aberrationen – von George Orwell bis Steven Spielbergs "A.I." (USA 2001) –  und des Sinnlosen, dessen was "nicht geht", schließlich des Wollens des eigenen Todes, so dass, "conscience does make cowards of us all" (Shakespeare, Hamlet, Act iii, Scene 1). Die Aufgabe eines "wirklich lebendigen Moralisten" wäre zu zeigen, so Rahner, was wirklich "nicht geht"

Rahner, Karl (1966). Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen. In Heinrich Rombach, Hrsg.: Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift für Max Müller zum 60. Geburtstag. München. Alber, 45-69.


In einem berühmten Vortrag mit dem Titel "Experiment Mensch" hat Karl Rahner darauf hingewiesen, dass der Mensch der, so können wir sagen, sein Ende im Gegensatz zur einseitigen Moral der „konservativen Warner und Retardierer“ ethisch bedenkt, sich dem schmerzhaften Wagnis der Freiheit stellen muß (Rahner 1966, 68). Im Unterschied zum Moralisten ("Der Mensch darf und soll nicht alles tun, was er kann") und zum nüchternen Skeptiker ("Es ist nicht zu erwarten, dass der Mensch unterlassen wird, was er tun kann") behauptet Rahner: „dass zwar der Mensch ein Wesen hat, das er in seinem Handeln respektieren muß, aber gerade so, das Wesen ist, das in Kultur, d.h. hier in Selbstmanipulation, seine Natur aktiv bildet und gestaltet und sie nicht einfach als schlechthin kategorial fixe Größe vorauszusetzen hat.“ (Rahner 1966, 58) Die digitale Weltvernetzung kann als Teil dieses Freiheitswagnisses aufgefaßt werden. Wenn das ‚Wesen’ (verbal gedacht) des Menschen in der Möglichkeit der (Selbst-) Manipulation besteht – Rahner bezeichnet den Menschen als „faber sui ipsius“ (Rahner 1966, 55) – dann läßt sich die Frage nach dem Woraufhin nicht ausschließlich von einem konkreten Zustand her moralisch legitimieren und beantworten. Sich zum Wagnis der endlichen Freiheit zu bekennen, bedeutet aber nicht, Ambivalenzen der heutigen und künftigen digitalen Weltvernetzung zu verkennen. Letztere scheint immer mehr mit den Möglichkeiten einer flächendeckenden Vernetzung von Menschen, bis in ihrer Leiblichkeit hin, und Dingen (ubiquitous computing), deren Vorboten Laptops und mobile Telefone sind

Rahner, Karl (1966). Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen. In: Heinrich Rombach Hrsg.: Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift für Max Müller zum 60. Geburtstag. München, Alber 1966, 45-69.

Aus dieser Perspektive stellt sich das moralische Böse so dar, wenn unser Mitempfinden im Angesicht des Unerträglichen blockiert ist oder indem wir gegen offene Möglichkeiten zugunsten des Unmöglichen handeln. Karl Rahner hat diese Einsicht aus der metaphysischen Perspektive des Fernen Westens in einem berühmten Vortrag mit dem Titel „Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen“ so ausgedrückt:

„wenn man die radikale ontologische Verschiedenheit des Guten und des Bösen versteht, also begreift, daß das Böse letztlich doch gerade die Absurdität des Wollens des, weil Wesen- und Sinnlosen, Unmöglichen ist, dann gibt es in einem letzten Verstand eben doch nichts, was der Mensch wirklich kann und doch nicht darf, so daß umgekehrt gilt: was er wirklich kann, soll er auch ruhig tun. Die Aufgabe des wirklich lebendigen Moralisten wäre also, dem Menschen von heute zu zeigen, daß, wo er wirklich nicht darf, es auch im letzten – selbst heute – „nicht geht“ (auch kategorial, innerweltlich nicht!), wenn er gegen sein Sollen anstrebt und solches zu können vermeint.“ (Rahner 1966, 59)

Als Leitmotiv, kein Imperativ, unseres Handelns können wir vom daoistischen Meister lernen: Zirkulieren, nicht blockieren! Ich deute in diesem Sinne auch die berühmte daoistische Formel wuwei, die gewöhnlich als ‚nicht handeln’ übersetzt wird. Der Sinologe und Philosoph Günter Wolfahrt schreibt:

„Sich ohne eigenes Eingreifen (wuwei) mit heiterer – bis wolkiger – Gelassenheit dem Lauf der Dinge, wie dem Lauf des Wassers, zu folgen, sich aufeinander einzulassen, einander im Miteinander und Beieinander zu vergessen und ausgelassen zu sein wie die Fische im Wasser, diese Ein- und Ausgelassenheit ist die Lust des dao-Wanderers und Stromers. Da ist er ganz in seinem Element. Es kommt darauf an, von der gegenseitigen Entsprechung (xiang ran) der Dinge und Menschen auszugehen. Wuwei heißt, nicht eigenwillig in das natürlich ‚von-selbst-so-Verlaufende“ (ziran) einzugreifen bzw. ihm zuwiderzuhandeln, sondern von dem ‚Miteinander-so-Verlaufenden' auszugehen und ihm zu entsprechen. Wuwei heißt, sich der jeweiligen Situation gemäß zu ‚verhalten’, auf sie zu antworten und ihr gerecht zu werden. Dies ist verantwortliches Verhalten, ‚kommunikatives Tun und Lassen’ im daoistischen Sinn. Wuwei bedeutet also meistens nicht Gelassenheit im Sinne des Unterlassens, sondern vielmehr im Sinne des selbstvergessenen Sich-Einlassens auf das jeweils Gegebene.“ (Wohlfart 2002, 101)

Auf die Infosphäre angewandt, bedeutet dies, dass wir uns auf den Informationsfluss einlassen sollen, ohne ihn individuell oder gemeinschaftlich zu blockieren, durch zu wenig oder zu viel, weder durch eingreifende Zensur noch durch ein Handeln, das zur Verstopfung oder zum information overload führt. Um die Informationszirkulation im Sinne eines guten, d.h. unser Leben ‚ernährenden’ Informationsmanagements zu vollziehen, bedarf es nicht primär und allein des technischen Könnens, sondern des Sich-Übens in der Kunst des Umgangs mit Situationen, ihren Widerständen und Undurchsichtigkeiten, so wie es ein guter Schwimmer tut (Jullien 2005, 98). Informationsmanagement bedeutet demnach nicht die Auferlegung einer äußeren Strategie, sondern das Sich-Anpassen an unterschiedliche Informationsflüsse gemäß den situativen Anforderungen, indem man sich als Teil eines ‚In-formationsprozesses’ begreift.

Es kann aber auch bedeuten, sich von der Fixierung oder der einseitigen Abhängigkeit eines bestimmten Mediums zu befreien, indem man diese zeitweise kündigt, um jene Indifferenz zu erlangen, die dem Weisen eigen ist. Um gutes Informationsmanagement zu erlernen, müssen wir zuerst lernen, unser Leben zu managen, d.h. es cool oder gelassen zu ernähren. Der Daoismus ist eine Technik anti-stress, um zu jenem Zustand zu kommen, von dem wir schlicht sagen ‚es geht’, im permanenten Übergangsstadium, gepaart mit guter Laune und ohne die belastende Pflicht, dem Leben einen Sinn geben zu müssen (Jullien 2005, 151). 

Jullien bemerkt in kritischer Absicht, dass die Dimensionen des Anderen und der direkten Sprache, oder des Anderen und seiner/ihrer Sprache, sowie die Dimensionen der Temporalität und des Sinns, jene Perspektive ausmachen, die dem Fernen Westen eigen ist. Wir müssen lernen, zwischen den Kulturen zu zirkulieren, nicht zuletzt indem wir lernen, „die fest gefügten Vorstellungen der europäischen Vernunft“ durch einen „Ortswechsel des Denkens“ zu ergründen (Jullien 2005, 159ff; 2005a, 2002).

Rahner, Karl (1966). Experiment Mensch. Theologisches über die Selbstmanipulation des Menschen. In: Heinrich Rombach Hrsg.: Die Frage nach dem Menschen. Aufriss einer philosophischen Anthropologie. Festschrift für Max Müller zum 60. Geburtstag. München, Alber 1966, 45-69.


 
     

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