LEBENSSPRÜCHE & ZITATE

MAXIMS & QUOTES

 
Rafael Capurro
   
  

    


LEBENSSPRÜCHE - MAXIMS


Der schwierigste Kampf? Der Kampf gegen die eigenen Gedanken



Veritas adaequatio intellectus ad vitam



Das Denken kann man nicht erzwingen

Denken braucht Zeit

Die Konsumgesellschaft ist nicht an Philosophie interessiert

Scientia ancilla vitae

Immer ist Übergangszeit. Manchmal ist sie sichtbar


Die Trümmer einer Welt sind nicht die Trümmer der Welt

Letztes Ziel: Nicht Mandarinat, sondern Forschung

Nur die Arbeitsmethode, nicht die Resultate sind des Lebens würdig



Wer etwas wissenschaftlich leisten will, muß Autodidakt sein

Was ist Philosophie? Starker, umfassender Wirklichkeitssinn

Das Schwerste? Sich selbst zu kennen.
Nicht wissenschaftlich, nicht psychologisch, nicht rationalistisch, sondern geschichtlich. Die Geschichte meiner Seele zu erfahren und zu prüfen, ist der Weg der Wahrheit

Die Therapie einer Gesellschaft ist wie die eines Körpers: Bewegung

Zur Bestimmung der Wissenschaft: 
Dazu gehört der Mönch, der Professor und der Bürokrat

Sapere aude! Habe den Mut, gemeinsam mit Anderen vor- und nachzudenken!

Wie man die Welt schaffen muß? Rezeptlos

Es fehlen Denker, die sich mit der Aufgabe des Denkens befassen



In kritischen Zeiten muß man nicht nur auf den Abgrund zeigen,
sondern auch Brücken schlagen


Was ist eine laudatio? Eine Liebeserklärung



Was ist Mystik? Kartoffeln schälen, Teller waschen





 
     
 
ZITATE - QUOTES


GRAF YORCK AN DILTHEY


Klein-Oels den 4. Juni [18]95

Lieber Freund.

Gestern kam Ihr aufklärender Brief. Hoffentlich schreitet die Genesung bei Max rasch vor und Sie sind aller Sorge bald ganz überhoben. Grüßen Sie den argen Jungen, dem wie seiner kleinen Schweter ich Luft, Freiheit und die unmittelbare Nähe der Frühlingsnatur recht gegönnt und gewünscht hätte. So ist denn unser schöner Plan zu Wasser geworden. zu dieser Zeit, in Mitten dieses Meeres von Licht und Grün wäre ein Zusammenleben besonders genußreich gewesen. Was sie über Shakspeare [sic] schreiben und andeuten ist sehr schön und innerlich. Ihre Aufsatzreihe: Dichter als Seher der Menschheit verspricht ein Gegenstück zu
Carlyles Helden zu werden. Halten Sie nur an Plan und Termin der Edition fest.

Nach der Verschiedenheit der historischen Bewußtseinseinstellung ist auch das Sehertum ein verschiedenes. Entsprechend seineer Zeit läßt Shakspeare [sic] sehen nicht so das Ungesehene als das Unsichtbare. Wie der Geist seiner Zeit geht er hinter alle Grenzen von Form und Gestalt zurück. Die Formen des Seins und des internen Seins: der Intellektualität wereden aufgelöst und flüssig. In einem in die Unendlichkeit projizirten Punkte treffen sich die Linien von Sinn und Wahnsinn, Weisheit und Narrheit, Kraft und Schwäche, natürlichem Vorgang und Zauber, Wirklichkeit und Gespensterreich.
— Von hier aus muß das Gespenst und der Zauber bei Shakspeare [sic] verstanden  werden. —

Über dem Ganzen als Stimmung des Dichters: tiefe der Stoa entwachsene Resignation. Concordantia oppositorum: das Leben,  nicht Seinsgestalten, das ist sein Problem. So handelt es sich bei ihm nicht um Charaktere sondern um Motive. Er ist der erste, der das Motiv zum Angelpunkte der Dichtung macht. Motiv ist aber niemals eine einfache, diskrete Größe. Ein Motiv ist aber an sich nie sichtbar, es will immer, auch wenn es aus dem Grunde heraufgehoben ist, verstanden, gedeutet sein. Daher das Halbdunkel über Shakspeares [sic] großen Dichtungen und Figuren. Damit zusammenhängend seine tiefsinnige Sprache. Man kann sagen, Shakspeare [sic] ist aus jeder Zeile die er geschrieben erkennbar. Was er zu sagen hat, läßt sich nicht aussprechen, nur andeuten. Daher der Bilderreichthum, daher die überraschenden Vergleiche und Vertauschungen. Ein Vikariiren der Sinne ist Charakter jeder Sprache. Wo es in ungeahntem Umfange, durch neue Bezüge, durch gesteigerte Freiheit der Vertauschung und Verbindung geschieht, da ist eine neu- und nachschaffende Kraft vorhanden. Darum wurde ein Sprachgenie wie Homer als sprachlicher Prototyp vor dem ganzen Griechentum behandelt. An der Steigerung der Sichtbarmachung lernten sie das Eigene kennen, wie alles Sehen einer Entfernung bedarf. —

Das uns gemeinsame Interesse Geschichtlichkeit zu verstehen leitete mich die letzten Tage auf einem sehr verschiedenen Gebiete. Wären Sie gekommen, Sie hätten mich in Mitten der Dogmengeschichte gefunden. Da ist mir denn Eines als sehr merkwürdig aufgefallen: Sie kennen den großen grammatisch-philologischen Gegensatz von Alexandria und Antiochia. Philosophie hatte sich in die Rhetorik und von da in die Grammatik veräußerlicht. Die Auffassung der Grammatik ist durchaus von den philosophischen Gedankenergebnissen bestimmt. So ergab sich eine Sprachwissenschaft welche abhängig war von dem stoischen Gedanken mechanischer Causalität — Antiochia —, eine andere, welche die Substanzialität zur Norm nahm  — Alexandria —.

G a n z  d e r s e l b e  U n t e r s c h i e d  zeigt sich, an sich an jene beiden Zentren anknüpfend, auch der national-politischen Differenz entsprechend, wie sie sich zur Zeit der Diadochen aussprach, bei der Dogmenbildung. Antiochia, seine große stets im Gegensatz zu Alexandria sich aussprechende Schule macht den Willen zum Organen des Verständnisses, dagegen Alexandria die Seinszuständlichkeit. Es liegt von welthistorischer Bedeutung geradezu ein landschaftlicher Gegensatz vor für ungefähr tausend Jahre. —

Ich hätte noch viel zu erzählen und hatte mich gefreut dies viva voce zu thun. Im Briefe ist dies nicht möglich. So nochmals die allerbesten Wünsche! Ende dieses Monats komme ich wohl für ein paar Tage nach Berlin. Da sehen wir uns und müssen dann auch die Ausstellung, insbesondere die Franzosen zusammen sehen.

Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck V. Wartenburg, 1877-1897. Halle (Saale): Verlag Max Niemeyer 1923 hrsg. von Sigrid v. d. Schulenburg, S. 184-185.


ANSELM KIEFER

Il nous faut considérer qu'une œuvre d'art peut en détruire une autre. Pour nous en convaincre, réfléchissons aux styles picturaux, à la manière dont la peinture académique a succédé à l'impressionisme, elle-même détrônée par l'abstraction, etc. Chaque courant artistique est né de l'impérieuse volonté de réagir contre l'esthétique prédominante en cours. En règle générale, et par une sorte d'immunité naturelle envers soi, constamment l'art se dresse contre lui-même. Il ne semble pouvoir exister que par sa propre négation. Soumis à son autodestruction, à ce "vouloir le mal", paradoxalement il procure le bien.
Mais est-il concevable que cette attaque de l'art contre lui-même soit à ce point violente qu'il ne s'en relève pas et disparaisse un jour à tout jamais?
Il est en permanence soumis à deux types d'agressions radicalement différents et qui, malgré leurs particularités, ses rejoignent d'une étrange manière.
L'agression que l'on pourrait dire "maison" est l'agression immanente à l'art, qui, de par sa réaction auto-immune, l'englobe lui-même dans une forme d'anti-attitude, le repoussant aux lisières de l'exitence. Elle s'avéra très virulente chez les futuristes, notamment chez Balla ou Severini qui voulaient tout éradiquer, allant jusqu'à préconiser la destruction des musées. Ce qui constitua une menace réelle pour l'avenir. Car l'acte iconoclaste, initialement avant-gardiste, voire révolutionnaire, s'était mu en une finalité en soi, en une stratégie de marketing, ni plus ni moins.
Une autre agression est perceptible depuis peu. Elle provient de l'univers de la mode et de celui du design, qui parasitent l'art en employant leurs propres stratégies et, de ce fait, l'appauvrissent, le vulgarisent.
[...]
Mais, comme nous l'avons vue précédemment, l'autodestruction a toujours été le but le plus intime, le plus sublime de l'art, dont la vanité devient alors perceptible. Car, quelle que soit la force d'attaque, et quand bien même il sera parvenu à ses limites, l'art survivra à ses ruines.

Anselm Kiefer: L'art survivra à ses ruines. Die Kunst geht knapp nicht unter.
Collège de France / Fayard 2011, 50-53.
Original (video)


HORATIUS

Vitae summa brevis spem nos
vetat incohare longam

Carmina I, IV, 15

Brevis esse laboro, obscurus fio

De arte poetica 25



BRASSAÏ

PICASSO: ... mais tous les documents de toutes les époques sont faux! Tous représentent la vie "vue par les artistes". Toutes les images que nous avons de la nature, c'est aux peintres que nous les devons. C'est par eux que nous les percevons. Rien que cela devrait les rendre suspects... Vous parlez de la "réalité objective". Mais qu'est-ce, la réalité objective? Elle n'est valable ni pour les coutumes ni pour les types humains, pour rien... Justement ce matin, en me rasant, il m'est venu cette phrase, je vous la donne: la réalité objective il faut la plier soigneusement comme on plie un drap et l'enfermer dans uns placard une fois pour toutes...

HENRI MATISSE: Les souvenirs de mon voyage à Tahiti ne me sont revenus que maintenant, quinze ans après, sous forme d'images obsédantes: madrépores, coraux, poissons, oiseaux, méduses, éponges... Il est curieux, n'est-ce pas, que tous ces enchantements du ciel et de la mer ne m'aient guère inciité tout de suite... Je suis revenu des îles les mains absolument vides... Je n'ai même pas rapporté des photos... J'ai acheté pourtant un appareil très coûteux. Mais, là-bas, j'ai hésité: "Si je prends des photos, me suis-je dit, de tout ce que je vois en Océanie, je ne verrai désormais que ces pauvres images. Et les photos empêcheront peut-être mes impressions d'agir en profondeur..." J'avais raison, il me semble. Il importe plus de s'imbiber des choses que de vouloir les saisir sur le vif. Tous ces élements, je les découpe et le fixe aux murs, provisoirement. Les petits traits représentent la ligne d'horizon... Je ne sais pas encore ce que ça donnera... Ça fera peut-être des panneaux, des tentures murales... Toutes ces images ont disparu du mur... Et je lui demande ce qu'elles sont devenues...

Conversations avec Picasso, Gallimard 1964, 197-198; 305



LUDWIG WITTGENSTEIN

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen

Tractatus, 7 (meine Hervorhebungen) (Siehe hier)

MAX PLANCK

Freilich wird durch nachträgliches Analysieren der Ursachen fehlerhafter Handlungen weder der entstandene Schaden ersetzt, noch die Unzufriedenheit behoben, ja es ist in gewisser Hinsicht sogar gefährlich, sich allzu lange und allzu tief zu versenken in Betrachtungen von bedauerlichen Ereignissen, die nun einmal geschehen und nicht mehr zu ändern sind. Aber andererseits kann es uns doch häufig eine merkliche Erleichterung gewähren und zu einer Milderung des Verdrusses beitragen, wenn wir uns nachträglich klarmachen können, daß unter den damaligen Umständen, bei unserer damaligen Gemütsverfassung und den vorliegenden äußeren Einflüssen für uns gar keine anderen Motive entscheidend sein konnten als gerade diejenigen, die unsere Handlung herbeigeführt haben. Wird dadurch auch an den tatsächlich eingetretenen bedauerlichen Folgen nichts geändert, so stehen wir doch dem Ablauf der Dinge ruhiger gegenüber und ersparen uns namentlich das Bittere und unaufhörlich Nagende der Selbstvorwürfe, mit welchen sich manche Menschen in solchen Fällen ihr ganzes Leben hindurch quälen.

Es kommt aber hier noch ein weiteres hinzu. Wenn wir beim Zurückblicken auf ein von uns als unliebsam empfundenes Ereignis uns ehrlich bemühen, über alle Folgen desselben im einzelnen ins klare zu kommen, so können wir wohl einmal zu der Entdeckung geführt werden, daß ein Ereignis, das wir früher als ein Unglück beklagten, durch seine Folgen in Wirklichkeit zu unserem Vorteil ausgeschlagen ist, etwa dadurch, daß es nur ein für einen höheren Gewinn gebrachtes Opfer darstellt, oder daß wir dadurch vor einem noch größeren Unglück bewahrt geblieben sind; dann wird vielleicht unser Bedauern in Befriedigung und Freude über das Ereignis verkehrt werden. In dieser Hinsicht hat der volkstümliche Spruch „Wer weiß, wozu es gut ist“ seine tiefe Bedeutung. Und wir können niemals wissen, ob nicht solche erfreulichen Folgen vielleicht erst zukünftig noch uns offenbar werden. Ja, grundsätzlich steht gar nichts im Wege anzunehmen, daß sie über kurz oder lang in jedem Fall eintreten, wenn wir auch nicht hellsichtig genug sind, um jedesmal Kenntnis von ihnen zu erhalten. Wem es gelingt, sich bis zu dieser Lebensanschauung zu erheben, die durch keine Wissenschaft und keine Logik zu widerlegen ist, und die uns, wie wir sahen, nur durch den Willen, nicht durch den Verstand vermittelt werden kann, der darf sich wahrhaft glücklich preisen. Denn wie er stets empfänglich bleibt für alles Gute und Schöne, das ihm jeder Tag und jede Stunde bringen kann, so bleibt er zugleich von vornherein gefeit gegen die inneren und äußeren Gefahren, welche das seelische Gleichgewicht unablässig bedrohen.

Vorträge und Erinnerungen. Darmstadt 1975, 301-317. Vom Wesen der Willensfreiheit. Vortrag gehalten in der Ortsgruppe der Deutschen Philosophischen Gesellschaft am 27. November 1936, 317-316

CARL FRIEDRICH VON WEIZSÄCKER

Philosophie ist aber unentbehrlich, wo wir, die mit in irgendeinem Gebiet Fachleute sind, uns über unsere Vorurteile klar werden wollen.

Die Tragweite der Wissenschaft, 1964, 1 (Siehe hier)

HEINRICH HELMHOLTZ

Wir suchen jetzt nicht mehr Maschinen zu bauen, welche tausend verschiedenen Dienstleistungen eines Menschen vollziehen, sondern verlangen im Gegenteil, daß eine Maschhine eine Dienstleitung, aber an Stelle von tausend Menschen, verrichte.

Über die Wechselwirkung der Naturkräfte. Ein populärwissenschaftlicher Vortrag gehalten am 7.2.1874 in Preußen. In: Populäre wissenschaftliche Vorträge, 2. Heft. Braunschweig 1871, 139

J. L. AUSTIN

I will mention two points of method which are, experience has convinced me, indispensable aids [...] On is that a word never — well, hardly ever — shakes off its etymology and its formation. In spite of all changes in  and extensions of and additions to its meanings, and indeed rather pervading and governing these, there will still persist the old idea.

A Plea for Excuses. In: S.A. Erickson: Language and Being. An Analytic Phenomenology, Yale Univ. Press 1970, 4 (Siehe hier)

MARIO BUNGE

To call what is known, i.e. knowledge, a world and assume that it is superimposed on the world of fact (Popper, 1968) is an unnecessary Platonic fantasy. There is only one world and cognitive subjects are part of it and intent on knowing (or ignoring) some chunks of it.

Treatise on Basic Philosophy, Vol. 2, Dordrecth 1974, 186 (Siehe hier)

OMAR KHAYAM


Von diesem Kreis, in dem wir uns drehn,
Kann ich nicht Anfangspunkt, nicht Endpunkt sehen.
Noch keiner sagt' mir, wo wir kamen her,
Und keiner weiß, wohin von hier wir gehen.

Islamische Geistesweltm Hrsg. R. Jockel, Wiesbaden 1981, 187

GEORGES-LOUIS LECLERC
Comte de Buffon

Le style c'est l'homme même

Discours sur le style, 1753

WILHELM VON HUMBOLDT


Der Empfangende muß die Sprache in die Form gießen, die er für sie bereithält,  und das ist es, was man Verstehen nennt.

WW, VI, 121. Zitat nach K.O. Apel: Das Verstehen, Archiv f. Begriffsgeschichte 1955,1, 170


FRIEDRICH NIETZSCHE

Mitunter grüsst er selbst über weite verdunkelnde und verwirrende Jahrhunderte hinweg die Seele seines Volkes als seine eigne Seele; ein Hindurchfühlen und Herausahnen, ein Wittern auf fast verlöschten Spuren, ein instinctives Richtig-Lesen der noch so überschriebenen Vergangenheit, ein rasches Verstehen der Palimpseste, ja Polypseste – das sind seine Gaben und Tugenden.

Unzeitgemäße Betrachtungen, II, 3

SENECA

simplici stilo scribe
omnis vita servitium est
humanius est deridere vitam quam deplorare

De tranquillitate animi 1.14; 10.3; 15.5


homo, sacra res homini

Epist.  95,33

Vivere et singulos dies singulas vitas puta

Epist. 101, 10

MARTIN HEIDEGGER

Die Größe des Menschen bemißt sich nach dem, was er sucht, und nach der Inständigkeit, kraft deren er der Suchende bleibt.

Grundfragen der Philosophie, Ausgewählte "Probleme" der "Logik", WS 1937/38, GA 45, 5

KURT TUCHOLSKY

"Man muß", hat ein kluger Inder gesagt, "den Tiger vor der Jagd in Gedanken töten — der Rest ist dann nur noch eine Formalität."

Schloß Gripsholm, Rowohlt 1964, 175

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

Das Leben ist ein Gänsespiel

Das Leben ist ein Gänsespiel: 
Je mehr man vorwärts gehet, 
Je früher kommt man an das Ziel, 
Wo niemand gerne stehet.

Man sagt, die Gänse wären dumm, 
O, glaubt mir nicht den Leuten: 
Denn eine sieht einmal sich 'rum, 
Mich rückwärts zu bedeuten.

Ganz anders ist's in dieser Welt, 
Wo alles vorwärts drücket: 
Wenn einer stolpert oder fällt, 
Keine Seele rückwärts blicket. 

THEODOR FONTANE

Archibald Douglas

Ich hab' es getragen sieben Jahr, 
und ich kann es nicht tragen mehr, 
wo immer die Welt am schönsten war, 
da war sie öd' und leer.

Ich will hintreten vor sein Gesicht 
in dieser Knechtsgestalt, 
er kann meine Bitte versagen nicht, 
ich bin ja worden alt,

Und trüg' er noch den alten Groll, 
frisch wie am ersten Tag, 
so komme, was da kommen soll, 
und komme, was da mag.


MARTIN HEIDEGGER

Noch ein Letztes: Gerade die Augenblicke des Daseins, in denen wir im Ganzen und wesentlich zu existieren vermögen, sind nicht nur selten, sondern sind gleichsam wie eine schmale Spitze, auf der wir uns flüchtig halten. Auch wenn sie durch die echte Erinnerung ihre Wirkungskraft für das Dasein behalten, so bekunden sie damit nur um so schärfer, daß die Existenz zumeist in dieser Weise nicht ist, obzwar sie gerade geschieht.

Einleitung in die Philosophie, Wintersemester 1928-1929, GA 27, 336.


IMMANUEL KANT

Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte, die zwar nicht, wie die platonischen, schöpferische, aber doch praktische Kraft (als regulative Prinzipien) haben, und die Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser Handlungen zum Grunde liegen. Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas Empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt. Gleichwohl können sie in Ansehung des Prinzips, wodurch die Vernunft der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken setzt (also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat), gar wohl zum Beispiele reiner Vernunftbegriffe dienen. Tugend, und mit ihr, menschliche Weisheit in ihrer ganzen Reinigkeit, sind Ideen. Aber der Weise (des Stoikers) ist ein Ideal, d.i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existiert, der aber mit der Idee der Weisheit völlig kongruieret. So wie die Idee der Regel gibt, so dient das Ideal in solchen Falle zum Urbilde der durchgängigen Bestimmung des Nachbildes, und wir haben kein anderes Richtmaß unserer Handlungen, als das Verhalten dieses göttlichen Menschen in uns, womit wir uns vergleichen, beurteilen, und dadurch uns bessern, obgleich es niemals erreichen können. Diese Ideale, ob man ihnen gleich nicht objektive Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind doch um deswillen nicht für Hirngespinste anzusehen, sondern geben ein unentbehrliches Richtmaß der Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was in seiner Art ganz vollständig ist, bedarf, um darnach dem Grad und die Mängel des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen.

Kritik der reinen Vernunft, A 569.


The more these refined arts advance, the more sociable men become. Nor is it possible that when enriched with science, and possessed of a fund of conversation, they should be contented to remain in solitude, or live with their fellow-citizens in that distant manner which is peculiar to ignorant and barbarous nations. They flock into cities; love to receive and communicate knowledge, to show their wit or their breeding, their taste in conversation or living, in clothes or furniture. Curiosity allures the wise, vanity the foolish, and pleasure both. Particular clubs and societies are everywhere formed. Both sexes meet in an easy and sociable manner; and the tempers of men as well as their behavior refine apace. So that beside the improvements which they receive from knowledge and the liberal arts, it is impossible but they must feel an increase of humanity from the very habit of conversing together, and contributing to each other’s pleasure and entertainment. Thus industry, knowledge, and humanity are linked together by an indissoluble chain; and are found, from experience as well as reason, to be peculiar to the more polished and what are commonly denominated the more luxurious ages.

Juvenal

4. Satire

Eine Fischgeschichte

[...] venit et Crispi iucunda senectus, 
cuius erant mores qualis facundia, mite
ingenium, maria ac terras populosque regenti 
quis comes utilior, si clade et peste sub illa 
85saevitiam damnare et honestum adferre liceret 
consilium? sed quid violentius aure tyranni, 
cum quo de pluviis aut aestibus aut nimboso 
vere locuturi fatum pendebat amici?
illa igitur numquam derexit bracchia contra 
90torrentemnec civis erat qui libera posset 
verba animi proferre et vitam inpendere vero
sic multas hiemes atque octogensima vidit 
solstitia, his armis illa quoque tutus in aula.

[...]
130‘Quidnam igitur censes? conciditur?’
[...]

Surgitur et misso proceres exire iubentur
145consilio, quos Albanam dux magnus in arcem
traxerat attonitos et festinare coactos
tamquam de Chattis aliquid torvisque Sygambris
dicturus, tamquam ex diversis partibus orbis
anxia praecipiti venisset epistula pinna.
150Atque utinam his potius nugis tota illa dedisset
tempora saevitiae, claras quibus abstulit urbi
inlustresque animas impune et vindice nullo,
sed periit postquam cerdonibus esse timendus
coeperat; hoc nocuit Lamiarum caede madenti.



Es kam auch Crispus, der heitere Alte, dessen Moral seiner Beredsamkeit gleichkam, ein sanfter Charakter. Welch besserer Berater für den Herrn über Meere, Länder und Völker, wäre es ihm unter dieser Pestgeißel verstattet gewesen, Grausamkeiten zu verdammen und ehrlichen Rat zu geben! Was aber ist rücksichtloser als das Ohr eines Tyrannen, bei dem selbst ein Freund, der nur über Regen, Hitze oder ein nasses Frühjahr sprach, in ständiger Lebensgefahr schwebt?
Jener versuchte daher niemals, gegen den Strom zu schwimmen, noch war er ein Bürger von der Art, der frei herausgesagt hätte, war er auf dem Herzen hatte, und für die Wahrheit sein Leben eingesetzt hätte.
So aber erlebte er viele Winter und achtzig Wintersonnenwenden, mit solcher Rüstung selbst an diesem Hofe sicher.

[...]
"Was schlägst du also vor? Zerschneiden? [sprach Domitian]

[...]
Man erhebt sich die großen des Reiches werden vom Staatsrat entlassen und ersucht, sich zurückzuziehen. Sie hatte der große Führer voller Furcht im Laufschritt auf seine Burg bei Alba kommen lassen, gerade als hätte er ihnen wichtige Mitteilungen über die Chatten oder die wilden Sycambrer zu machen oder als wäre aus abgelegenen Erdteilen in aller Eile eine Hiobspost gekommen.

Und doch: hätte er lieber seine ganze Zeit solchen Dummheiten gewidmet, statt grausam die Stadt edler und großer Geister zu berauben - ungestraft und ohne Rächer. Aber zugrunde ging er, als die Handwerker vor ihm Angst bekamen: das wurde dem Manne zum Verhängnis, dessen Hände noch von Lamias Blut naß waren.


Übers. Harry C. Schnurr: Juvenal, Satiren, Stuttgart 1969, S. 43-45; S. 237: "Vibius Crispus, unter Vespasian Prokonsul von Afrika. Sein heiteres Wesen wird auch von Sueton und Quintilian gerühmt".
Vgl. Christine Schmitz: Das Satirische in Juvenals Satiren. de Gruyter 2000 (S. 145ff)




Fernando Pessoa

AUTOPSICOGRAFIA

http://arquivopessoa.net/textos/4234

 

O poeta é um fingidor

Finge tão completamente

Que chega a fingir que é dor

A dor que deveras sente.


E os que lêem o que escreve,

Na dor lida sentem bem,

Não as duas que ele teve,

Mas só a que eles não têm.


E assim nas calhas de roda

Gira, a entreter a razão,

Esse comboio de corda

Que se chama coração.



Fernando Pessôa a Mário de Sá-Carneiro
 

67
[Carta]

Lisboa, 9 de Abril de 1916

Querido Sá-Carneiro:

[...]

No fundo, eu ignoro tudo. Você sabe que eu ignoro, e diz mesmo que acha belo (estou a citá-lo de cor) levar consigo algo que ninguém [sabe] exactamente. Uma confissâo de personagem, mais uma vez ― que um pouco me perturbou. Mas que importa isso agora? Escreva.
Você compreende o que eu digo? Que a sua obra o salve, Sá-Carneiro. Escreva.
[...]
Conversaremos entâo longamente, sentados na Brasileira, ou no Martinho, ou no Montanha. Contar-lhe-ei os escândalos de cá, pequenas coisas ― Sonia Delaunay suspeita de espionagem, presa para interrogatório em Vila do Conde, o simultanismo vítima das intrigas internacionais, nesta hora europeia de guerra. E falaremos de Orpheu, cuja fama faz de você un blagueur mesmo à hora da morte, na opiniâo informada dos incrédulos cônsules portugueses im Paris... Falaremos de tudo, e você estará vivo.
Escreva.
Milhares de abraços apertados do
sempre seu

Fernando Pessôa

En: Pedro Eiras (Ed.): Cartas reencontradas de Fernando Pessôa a Mário de Sá-Carneiro. Porto 2016, p. 152-153.




Leonardo da Vinci
1452 - 1519



leonardo
Disegno del cadavere di  Bernardo Bandini Baroncelli (1420-1479),
Leonardo da Vinci (1479),
il quale assistette all'impiccagione.
Giuliano de' Medici (1453-1478)


leonardo annunciazione
Leonardo da Vinci (1472-1475)  - Andrea del Verrocchio (1435-1488)
https://it.wikipedia.org/wiki/Annunciazione_(Leonardo)


lorenzo di credi
Perugino, Ritratto di Lorenzo di Credi (1459-1537)
Wikipedia: Lorenzo di Credi

Il berretino di tanè

Leonardo, che fai? - Leonardo sorrise e si voltò. Lorenzo di Credi, alle sue spalle, sbirciava nel taccuino dove l'amico stava disegnando un impicatto.
Intorno ai due pittori c'era una volla di curiosi col nasso in aria: da una finestra del palazzo di giustizzia spenzolava una corda, in fonde alla quale ciondolava il corpo di Bernardo Bandini de' Baroncelli, l'assassino di Giuliano de' Medici.

"Berrettino di tanè,
farsetto di raso nero,
cioppa nera foderata
giubba turchina fodera[ta] di gole di golpe
e 'l collare della giuibba soppannato di velluto appicchiettato nero e rosso,
Bernardo Bandin Barondigli. Calze nere."

Il disegno non bastava; Leonardo prendeva nota degli indumenti sottolineandone il colore.
Lorenzo di Credi si fece il segno della croce; ma non avvrebe potuto dire se quel segno chiedesse misericordia per il Bandini o per Leonardo.
L'amico che aveva dipinto con tanto amore la testa dell'angiolo nella pala del Verrocchio, ora, con freddo e disumano distacco, osservaba un cadavere e ne prendeva nota come se quell'impiccato non fosse un uomo e un cristiano come lui.
Leonardo si accorse del turbamento dell'amigo e gli batté una mano sulla spalla.
"Non è anche questo un atto degli uomini? Il pittore è un osservatore della natura; e c'è la natura esterna, che è il mondo con le sue pietre, le piante e gli animali, e c'è una natura più segreta, che è quella dell'uomo. Ho visto, pochi giorni fa, un'Annunciazione, dove l'angiolo, nel suo annunciare, pareve che volesse cacciar fuori dalla stanza la Madonna, con un gesto ingiurioso, da nemico. E sembrava che la Madonna, impaurita e disperata, volesse buttarsi giù dalla finestra. No, Lorenzo - continuò Leonardo - allo stesso modo che Dio ha fatto l'uomo a propria imagine, il pittore fa le sue figure che sempre portano l'impronta del loro operatore. Quell'impiccato è il Bandini, ma questo disegno non è solo il Bandini, è anche me, anche te, noi che stiamo qui a guardarlo; è anche quelli che l'hanno fatto tornare da Costantinopoli per finirlo e il boia che l'ha impicatto, tutti.
"Non so come fare a spiegartelo - seguitò Leonardo guardando negli occhi l'amico - è difficile. Il pittore che ritrae per pratica e giudizio d'occhio, senza ragione, è come lo specchio, che in sé imita tutte le cose a sè contrapposte, ma di nessuna ne ha cognizione. Noi, cerchiamo la conoscenza, perché solo da quella avremo certezza delle cose."
Intanto i due amici, sempre ragionando, si erano avviati verso la casa del Verrocchio.
Anche se non ci abitava più, Leonardo continuava a frequentare la bottega ed accettava anche qualche lavoretto su commissione."


The tan cap

"Leonardo what are you doing?" Leonardo turned with a smile. Lorenzo di Credi, standing behind him, was staring at the notebook where his friend was drawing a picture of a hanged man.
Around the two painters was a crowd of curious onlookers, staring upward with their noses in the air. From a window of the law court palace hung a rope, at the end of which swayed the body of Bernardo Bandini de' Baroncelli, the assassin of Giuliano de' Medici.

"Cap of tan color,
doublet of black satin,
black lined gown,
turquoise jacket lined with fox
and the collar of the jacket lined with
black and red velvet,
Bernardo Bandini Baroncigli. Black stockings".

The drawing was not enough. Leonardo was also taking note of the hanged man's clothing, underlying the colors in his notebook. Lorenzo di Credi signed himself with the cross; but whether taht sign was asking mercy for Bandini or for Leonardo he could not say. The friend who had painted the angel's head of Verrocchio's altarpiece with such loving care was now observing a cadaver with cold, inhuman detachment, and taking notes as if that hanged man were not a Christian like himself.
Realizing how disturbed his friend was, Leonardo placed a hand on his shoulder.
"Is this not also an act of men? The painter is an observer of nature. There is external nature, which is the world with its stones, plants and animals, and there is a more secret nature, that of man. A few days ago I saw an Annunciation where the angel, in his announcing seemd about to drive the Madonna out of the room, with an insulting gesture, that of an enemy. And it seemed that the Madonna, desperately frightened, wanted to throw herself out of the window. No, Lorenzo", continued Leonardo, "in the same way that God made man in his own image the painter makes his figures, which always bear the imprint of their maker. That hanged man is Bandini, but this drawing is not Bandini alone, it is myself as well, and you too, all of us who are there to look. And it is also the Magnificent who has brought him back from Constantinople to vindicate his brother, betrayed and killed, and the hangman who executed him, everyone".
"I don't know how to explain it", continued Leonardo gazing intently into his friend's eyes, "it's difficult. The painter who paints by practice and judgement of the eye, without reasoning, is like a mirror, which imitates all things placed before it but has knowledge of none. But we, instead, we search for knowledge because only from that can we have the certainty of things. The two friends, intent on their conversation, were walking toward Verrocchio's house. Although he no longer lived there Leonardo continued to visit the shop and even accepted commissions for some minor works."


Sources: Bruno Nardini: Vita di Leonardo, Firenze-Milano 2004, 39-40;
engl.: Portrait of a Master, Florence 1999, 30-31.


Martin Heidegger

Heraklit

"Bevor wir jetzt den Titel epistéme logiké und die damit genannte Sache genauer erläutern, achten wir darauf, daß der Titel mit zwei anderen zugleich  auftaucht: epistéme physiké und epistéme ethiké. Was entnehmen wir hieraus für das Verständnis dessen, was epistéme besagt? Der Name meint ein Sichverstehen, das auf das Seiende im Ganzen geht. Physis, recht gedacht, umfaßt nicht nur das was wir im Unterschied zur Geschichte 'die Natur' nennen; zur physis gehört auch die Geschichte, der Mensch und die Götter. Physis meint das Seiende  im Ganzen. Die epistéme physiké ist, anders freilich als die neuzeitliche Physik, das Wissen vom Seienden im Ganzen.

Dagegen scheint nun aber die epistéme ethiké doch wiederum nur einen gesonderten oder jedenfalls einen besonderen Bereich des Seienden vor sich zu bringen. Ethos heißt Wohnung, Aufenthalte. Wir sagen: das Wohnen des Menschen, sein Aufenthalt inmitten des Seienden im Ganzen. Die epistéme ethiké "die Ethik", das Wort hier wesentlich und weit gedacht, sucht zu verstehen, wie der Menschen in diesem Aufenthalt sich and das Seiende hält und so sich selbst behält und hält. Ethos ist die Haltung in allem Verhalten dieses Aufenthaltes inmitten des Seienden. Die "Ethik" betrifft den Menschen nicht als gesonderten Gegenstand unter Gegenständen, sondern sie betrachtet den Menschen hinsichtlich des Bezugs des Seienden im Ganzen zum Menschen und des Menschen zum Seienden im Ganzen. Der Mensch ist so in gewisser Weise in der Mitte des Seienden im Ganzen und ist dennoch nicht die Mitte selbst für das Seiende in dem Sinne, daß er sein tragender Grund sein könnte. In jedem Fall geht aber auch die Ethik, obzwar sie nur vom Menschen handelt, doch wie die epistéme physiké, nur eben in anderer Hinsicht und Weise, auf das Ganze des Seienden."


Quelle: Martin Heidegger: Heraklit. 1. Der Anfang des abendländischen Denkens. 2. Logik. Heraklits Lehre vom Logos. Freiburger Vorlesung Sommersemester 1943 und Sommersemester 1944 herausgegeben von Manfred S. Frings. Frankfurt am Main: Klostermann 1979, GA 55, S. 213-214.



    

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