WAS IST ANGELETIK?

 
Rafael Capurro
  

 
  
INHALT


1. Was ist Angeletik?
2. Eine neue Wissenschaft?  
3. Angeletik und Philosophie  
4. Angeletische Machtstrukturen  
5. Angeletik und Kommunikologie  
6. Von den Massenmedien zum Internet  
7. Angeletik und Hermeneutik  

Literaturhinweise

 

 
 
 

1. WAS IST ANGELETIK?

Es ist der Name eines Wissensgebietes. Warum dieser Name? Welchen Ursprung hat er? Das Wort 'Angeletik' stammt aus dem Griechischen angelía d.h. Botschaft. Dieser Ursprung liegt auch dem Wort 'Engel' zugrunde. Darüber gibt es eine lange theologische Denktradition, die Engellehre, und zwar sowohl in der christlichen Theologie als auch in anderen Religionen. Angeletik bedeutet, im Unterschied dazu, die Untersuchung des Botschaftsphänomens unabhängig vom göttlichen Ursprung oder, mit anderen Worten, in den Grenzen der condition humaine.

Das bedeutet aber nicht, dass dieses Gebiet die Analyse verwandter Phänomene sowohl im Bereich der Religionen als auch in dem der Naturwissenschaften gänzlich ausschließt, aber das hier anvisierte Phänomen ist das der menschlichen Botschaften und Boten. Wenn vom Menschen die Rede ist, ist immer auch von Technik die Rede. Es ist gerade im Augenblick der Entstehung des Internet, wenn das technische Botschaftsphänomen eine herausragende oder paradigmatische Rolle in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts spielt. 
 

2. EINE NEUE WISSENSCHAFT?

Inwiefern ist die Angeletik eine neue Wissenschaft? Ziel dieser Wissenschaft ist die Analyse eines menschlichen Phänomens, dass eine lange Entwicklung vorweist und deren Wurzeln in der Entstehung des Lebens liegen. Natürlich läßt sich das Lebensphänomen sowie die Wechselwirkung der Lebewesen untereinander und mit ihrer Umwelt als ein Botschafts- oder Informationsprozess analysieren. Das haben die Kybernetik und die Systemtheorie gezeigt. Es ist aber auch evident, dass das Botschaftsphänomen auf der menschlichen Ebene eine Spezifizität aufweist, die nicht allein auf der Basis der, sagen wir, Shannonschen Informationstheorie adäquat erfaßt werden kann. 

Die industrielle Revolution der letzten zwei Jahrhunderte brachte u.a. das Aufkommen des Marketing und der Marketingtheorie mit sich, d.h. die Untersuchung der Verbreitung von Botschaften mit wirtschaftlichen Zwecken. Wenn wir an die Kulturrevolution denken, die die Erfindung des Buchdrucks verursachte, können wir hier auch den Einfluß der Technik feststellen, um politische, religiöse und ökonomische Botschaften in der Neuzeit weltweit zu verbreiten. Die Geschichte der Technik und Organisation der Post sowie, last but not least, die Geschichte und die Theorie der zwischenstaatlichen Beziehungen auf der Basis von Botschaften und Botschaftern, gehören zum Kern einer künftigen Angeletik.

3. ANGELETIK UND PHILOSOPHIE

Die Verfügung über Inhalt und Verbreitung von Botschaften spielt eine entscheidende Rolle in der menschlichen Gesellschaft. An einer andere Stelle habe ich gezeigt (Capurro 1995, 1996), wie der vertikale Charakter der Übertragung von heiligen Botschaften in der feudalen Gesellschaft des antiken Griechenlands durch eine neue horizontale Form der Botschaftsverbreitung in Frage gestellt wurde, die mit zwei gegensätzlichen Namen getauft wurde, nämlich Sophistik und Philosophie.

Der Begriff der Botschaft (angelía), der eine entscheide Rolle bei der Bestimmung der Aufgabe des Dichters als Überbringer göttlicher Botschaften spielte, wurde durch die kritische oder dialektische Diskussion ersetzt. Sokrates ist der erste Vertreter des philosophischen Logos. Ein Beispiel der sokratischen Kritik an die Angeletik ist der platonische Dialog "Ion" (Capurro 2000). Aber der horizontale Charakter des philosophischen Dialogs hat keineswegs die vertikalen Machtstrukturen in der antiken abendländischen Gesellschaft beiseite geschafft, wie am Beispiel der Meister-Schüler-Beziehung in den verschiedene Denk- und Lebensschulen der antiken abendländischen Gesellschaft ersichtlich.

Mit dem Aufkommen des Christentums wird der philosophische lógos verwandelt und erneut in Form einer vertikalen heiligen Beziehung strukturiert. Die wahre Philosophie ist jetzt das eu-angelion, die Heilsbotschaft. Erst mit der Aufklärung wird man in Europa die horizontalen und kritischen Strukturen des vorchristlichen lógos wieder aufnehmen. Vergessen wir nicht, dass zur Zeit der Reformation und Gegenreformation die Eroberung Amerikas stattfindet, wo das Buch (die Bibel) eine entscheidende Rolle als Botschaft spielt.
 

4. ANGELETISCHE MACHTSTRUKTUREN

Die technische Revolution des Buchdrucks schafft eine neue nicht nur mediatische, sondern auch angeletische Situation. Für Immanuel Kant ist gerade die zensurfreie Mitteilung wissenschaftlicher Forschung mittels gedruckter Schriften das Medium wodurch die Ideale und Botschaften der Aufklärung sich verbreiten und dadurch die politischen Prozesse mittelbar (!) beeinflussen können.

Mit der Säkularisierung entstehen neue politische und (un-) wissenschaftliche Botschaften, die den alten Ort der vertikalen Struktur einzunehmen versuchen, mit katastrophalen Auswirkungen für Gesellschaft und Natur, indem sie sich, wie zur Zeit des Nationalsozialismus, des Rundfunks bedienen.

Das Aufkommen der Massenmedien mit ihrer one-to-many-Struktur stellt die Frage nach einem öffentlichen Raum, frei von Machtstrukturen, wo die Kraft der Argumente und die Rationalität der Akteure den Vorrang haben. Dies ist genau das von Philosophen wie Jürgen Habermas proklamierte Botschaft (!), der in den Massenmedien sowohl eine Chance als auch eine Gefahr für das ideal einer Gesellschaft der durchsichtigen Kommunikation ansieht (Capurro 1996a).

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo hat wiederum die Habermassche durchsichtige Gesellschaft mit ihrem utopischen und alle Differenzen nivellierenden Hang kritisiert, und statt dessen für eine "schwächere" Vernunft plädiert, die unterschiedliche Formen des kulturellen Mestizentums sowie von Heterotopien erlaubt, die sich heute deutlicher im dezentralen Charakter des Internet abzeichnen (Vattimo 1989).

 
5. ANGELETIK UND KOMMUNIKOLOGIE

Die Angeletik eröffnet einen Raum für die Reflexion, in der sowohl die Kommunikationstheorie und der Journalismus als auch die aufkommende Medientheorie eine wichtige Rolle spielen. Denken wir zum Beispiel an die Beiträge zur "Kommunikologie" von Vilém Flusser (Flusser 1996). Obwohl Flusser sehr genau über die Eigenschaften einer digitalen Kultur nachgedacht hat, konnte er ein Medium nicht vorsehen, das zugleich den dialogischen Charakter des Telefons mit dem diskursiven Charakter hierarchischer Botschaftsverteilung, zum Beispiel, dem Fernsehen, vereinigt. Dieses Medium ist das Internet mit seinen verschiedenen Möglichkeiten der Schaffung und Verbreitung von Botschaften und seiner dezentralen, multimedialen und interaktiven Struktur (one-to-many, many-to-one, one-to-one).

Die Fusionen von Giganten wie AOL und Time Warner zeigen deutlich die Anfänge einer Botschaftsgesellschaft, die sich von der der Massenmedien mit ihrer vertikalen und hierarchischen Struktur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Der Humanist und Historiker Michel Serres hebt in seinem Buch "Die Legende der Engel" den eminent angeletischen Charakter der heutigen Gesellschaft hervor, wenngleich er dazu tendiert, die Angeletik mit der Engellehre zu vermischen, so dass seine Untersuchung apologetisch wirkt (Serres 1993).
 

6. VON DEN MASSENMEDIEN ZUM INTERNET

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat darauf hingewiesen, dass wir in einer "Epoche der leeren Engeln" oder in einem "mediatischen Nihilismus" leben, in der wir, bei einer Vervielfältigung der Übertragungsmedien, die zu vermittelnden Botschaft vergessen haben: "Das ist das eigentliche Dysangelion der Gegenwart" (Sloterdijk 1997: 75).

Das Wort Dysangelion hebt, gegenüber 'euangelion', die Eigenschaft der Leere jener Botschaften hervor, die durch die Massenmedien verbreitet werden und die im Marshall McLuhans berühmten Spruch mündet: "The medium is the message". Hier entsteht gerade die Frage, inwiefern das Internet einen neuen angeletischen Raum schafft, der in der Lage ist, neue Botschaftssynergien, ohne den hierarchischen und absoluten oder schein-absoluten Charakter der heiligen Botschaften und ihrer politischen Substitute, zu ermöglichen.

Wenn es stimmt, dass die Massenmedien, wie Sloterdijk behauptet (Sloterdijk 1983), sich innerhalb einer zynischen Struktur bewegen, entsteht dann die Frage nach dem 'phantasmatischen' Charakter der neuen Medien (Zizek 1997, Capurro 1999a). Damit kommen wir zu dem, was wir heute Informationsethik nennen, deren Aufgabe darin besteht, die möglichen theoretischen und praktischen Horizonte explizit zu machen, innerhalb derer neue gemeinsame Lebensformen geschaffen und weiterentwickelt werden können, in einer Welt, in der nicht nur die klassischen Zeit- und Ortparameter für die Schaffung und Verbreitung von Botschaften in Frage gestellt werden, sondern auch die Lokalstrukturen der politischen Macht, die bisher dieses Phänomen kontrollierten und die sich jetzt in einer umgekehrten paradoxen Situation befinden. Die großen ökonomischen und sozialen (R-)Evolutionen gründen weniger in der Beherrschung der Produktionsmittel materieller Güter als in der Kommunikation von Botschaften. Das Letztere ist das Fundament der ersteren (Capurro 1995, 1999).

7. ANGELETIK UND HERMENEUTIK

Schließlich möchte ich auf den Zusammenhang zwischen Angeletik und Hermeneutik hinweisen (Capurro 2000). Die Hermeneutik war einer der großen philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Jenseits vom Schulstreit (Positivismus, Marxismus, Kritischer Rationalismus, Analytische Philosophie, Wissenschaftstheorie usw.) kann man feststellen, dass einer der großen Resultate der Reflexion im 20. Jahrhundert das Bewußtsein über den interpretatorischen Charakter menschlicher Erkenntnis und menschlichen Wissens gewesen ist. Das gilt sowohl, zum Beispiel, für Karl Popper mit der Charakterisierung wissenschaftlichen Wissens als eines eminent konjekturalen Wissens, abhängig von empirischen Falsifikationen, als auch für den von Hans-Georg Gadamer in Anschluß an die Heideggersche Analytik dargelegten "hermeneutischen Zirkel". Jede Interpretation setzt aber ein Prozeß von Botschaftsübertragung voraus. Hermes ist zunächst ein Bote und auf dieser Basis dann Interpret und Übersetzer.

Dieser angeletische Charakter des Wissens ist genau das, was die Angeletik explizit machen möchte. Das ist gewiss eine Aufgabe, die nicht weniger komplex und langfristig angelegt ist als die der Hermeneutik im vorigen Jahrhundert. Diese wenigen Zeilen sollten als eine Einleitung verstanden werden, gemeinsam mit anderen eine Theorie zu entwickeln, die eine Schlüsselwissenschaft des erst begonnenen Jahrhunderts werden könnte. Die Angeletik als Botschaftstheorie ist selbst somit auch eine Botschaft mit dem Anspruch, über sich selbst und über die Botschaften ein gemeinsames Wissen zu schaffen. Ihre Fragen betreffen Ursprung, Ziel und Inhalt der Botschaften, Machtstrukturen, Techniken und Medien ihrer Verbreitung, Lebensformen sowie Geschichte(n) von Botschaften und Boten, Kodifizierung und Auslegung, psychologische, politische, ökonomische, ästhetische, ethische und religiöse Aspekte. Ein wissenschaftlicher Kosmos sozusagen.  


 
 
   
  
LITERATURHINWEISE

Capurro, R. (1995): Leben im Informationszeitalter  
- (1996): On the Genealogy of Information  
- (1996a): Informationsethik nach Kant und Habermas.   
- (1999): Ich bin ein Weltbürger aus Sinope - Vernetzung als Lebenskunst.   
- (1999a): Beyond the Digital.  
- (2000): Hermeneutik im Vorblick. Einführung in die Angeletik  

Flusser, V. (1996): Kommunikologie. Mannheim 1996.  

Serres, M. (1993): La légende des Anges. Paris 1993.  

Sloterdijk, P. (1997): Kantilenen der Zeit. In: Lettre International, 36, S. 71-77.  
- (1983): Kritik der zynischen Vernunft. Frankfurt a.M. 1983  

Vattimo, G. (1989): La società trasparente. Milano 1989.  

Zizek, S. (1997): Die Pest der Phantasmen. Wien 1997. 


Letzte Änderung: 13. August  2014
 
 
 
 
  
Zur Rezeption dieses Ansatzes siehe hier

Rafael Capurro - John Holgate (eds.). Messages and Messengers. Angeletics as an Approach to the Phenomenology of Communication. Von Boten und Botschaften. Die Angeletik als Weg zur Phänomenologie der Kommunikation, ICIE Schrifenreihe Bd. 5, München: Fink 2011.

Botenbuch



 
    

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